geschmückt mit glänzendem Schloß und zierlich geputzten Kürbissen und Pfauenfedersträußen , Truhe und Spinnrocken und Garnwinde nicht zu vergessen . Vorspringende Erker von kleinen Schartenfenstern erhellt , enthielten die Lagerstellen der Frauen des Hauses , und der längs der Vorderseite des obern Stockwerks hinlaufende Söller bot ihnen eine willkommne Stelle dar , um in freier Luft zu arbeiten , zu beten , zu plaudern , oder in stiller Unthätigkeit dem Treiben und Leben des Taubenvolks zuzuschauen , das oben an des Schlosses Zinne seinen Schlag besaß , und auf und nieder flatterte an den steil gezackten Giebelseiten des bunten Ziegeldachs . Rings um war oben die Aussicht frei , nur an der Seite nicht , wo der lange und runde Wartthurm in die Höhe strebte , welcher aus dem Gemäuer des innern Hofraums entsprang , - in seinem Erdgeschosse die enge und kleine Kapelle der Burg enthielt , und drei Stockwerke zählte , bis zu der Zinnen räumlicher Krone , drei Verließe enthaltend , von welchen das oberste des Lichts genoß , das mittlere einer milden Dämmerungshelle sich erfreute ; das unterste aber , zu welchem nur ein rundes Loch den Eingang bot , tief hinabging in schaurig dunkle Gruft , wohin blos die ferne Stimme des in der Kapelle die Messe singenden Priesters drang , da der schreckliche Schlauch des Verließes dicht hinter dem Altar sich abwärts senkte . Auch dieser schwache Trost war jedoch zu gegenwärtiger Zeit dem Unglücklichen versagt , der vielleicht diese Schreckensgrüfte bewohnen mußte . Der Herr dieser Behausung , welcher weiter nichts Merkwürdiges als das schon Berührte aufzuweisen hatte , war in den Kirchenbaum gethan worden ; der Pfaffe , der den Kapellendienst im Schlosse versehen hatte , war ausgeblieben , und dumpfiges Schweigen herrschte Tag und Nacht in dem verödeten Kirchlein , wie der Staub auf seiner Glocke . Wallrade wußte nicht , ob das unterste Verließ des Wartthurms , auf dem sie stand , einen Gefangenen barg ; aber daß im mittlern Stockwerke des Erkergebäudes Menschen in Haft lagen , war unbezweifelt , da von Zeit zu Zeit , trotz dem dicken Gemäuer und den schmalen Luftluchen klagende oder singende Stimmen herausdrangen , nur hörbar für den auf der Thurmspitze aufmerksam Lauschenden . Im Vergleich mit diesen armen , zwischen düstern Wänden eingesperrten Leuten mußte Wallrade freilich ihr Schicksal glücklich preisen , und sie that es auch , so lange ihr Auge Erholung suchte in den freien Himmelsräumen . Sah sie jedoch hinab in die enge Veste , welcher sie dennoch nicht entrinnen konnte , da wollte ihre Brust beinahe zerspringen . Montfort hätte keine bitterere Qual für sie ersinnen können , als den Verlust ihrer Freiheit ; und alles Gold der Welt hätte sie für die Erlaubniß gegeben , einen jener Renner zur Flucht besteigen zu können , die so eben im Zwinger zu einem Zuge fertig gemacht und gezäumt wurden . Die Knechte der Burg , vielleicht ein Dutzend an der Zahl , krochen gerüstet aus ihren Hütten , und jagten sich , plumpe Scherze treibend , auf dem Rasen umher , während der Schmied die Hufe der Rosse besichtigte , und in Eile zusammenpfuschte , was verdorben war , oder nicht mehr halten wollte . Mittlerweile traten die Herren des würdigen Trosses aus der Gatterpforte : Bechtram mit seinen Gefährten . Ihr Anzug verrieth deutlich , daß sie nicht zu einem Lustritt gingen . Bewaffnet bis an die Zähne stiegen sie zu Pferde , winkten der Hausfrau , die dem scheidenden Gatten noch die Hand durch ' s Gatter reichte , ein Lebewohl , und zogen durch das schmale Thor über die schwankende Brücke in ' s Freie . Der Leuenberger , der zur Bewachung des Hauses zurückgeblieben war , ertheilte dem Thorwächter die nöthigen Befehle zur Verschließung der Burg . Die Brücke ging knarrend in die Höhe ; die wenigen zurückgebliebenen Burgleute gingen an ihr Geschäft , oder an das zeitvertreibende Spiel , und die ausgezogenen Männer waren noch nicht an die Spitze des Tannenbruchs gelangt , als schon in der Veste wieder eine Ruhe herrschte , gleich der des Grabes . Es währte indessen nur kurze Zeit , so kamen rasche Tritte den Thurm herauf , und der gegenwärtige Schirmvogt der Veste stand plötzlich vor Wallraden . Das Gefühl und Bewußtseyn des wichtigen Amts , das er in diesem Augenblicke zu bekleiden erkoren war , sprach aus seiner Haltung und seinen Zügen . - » Beschäftigt , alle Räume des mir anvertrauten Schlosses zu besichtigen , « sprach er mit widerlichem Lächeln , - » muß ich doch auch sehen , wie und wo sich meine werthe Gefangene befindet . « » Sie lugt hier nach dem Zuge der freien Lerchen , « entgegnete Wallrade ebenfalls lächelnd : » und kann nicht begreifen , wie sich diese holden Sänger diesem finstern Thurme nähern mögen , in welchem die Knechtschaft weint . « - » Ei , was kümmern Euch die Knechte im Thurm ? « versetzte Veit mit einer plumpen Verbeugung : » Ihr seyd die Herrin von Neufalkenstein , mehr denn Frau Else selbst . « - » O spart Euer höhnisch Schmeichelwort , « erwiederte Wallrade leicht , » und vor Allem laßt ja dergleichen Frau Else nicht hören , Ihr wißt , sie versteht nicht lange Scherz , und ist eifersüchtig auf die Oberherrschaft . « - » Wie ich auf einen Blick von Euerm holden Augenpaar ; « fügte Veit wie oben bei . Wallrade zuckte die Achseln , und gab sich die Miene , seinen Worten keinen Glauben beimessen zu wollen , daher nahm der Leuenberger seine Zuflucht zu Betheuerungen . - » Pest und rother Hahn ! « rief er : » Schönes Fräulein , ich will den Hals brechen zur Stelle , wenn ich eine Lüge spreche . Ich würde lügen wie ein Schelm , wenn ich sagen wollte , daß ich Euch von Anbeginn gern gesehen , aber das Wohlwollen , und - laßt es mich heraussagen , - die Liebe nistet sich ein , ohne daß man ' s vorher sieht , oder geradezu merkt . Das wißt Ihr auch gar wohl , denn Ihr seyd ein verständig Frauenbild , und könnt unterscheiden , was blanke Zierhöfelei ist , was Ernst und baare Münze . « - » Guter Leuenberger , « erwiderte Wallrade : » die Männer sprechen alle auf diese Weise , wenn sie ein Frauenherz zu berücken suchen . « - » Pah , « lachte Veit : » Zeit meines Lebens habe ich mich noch nie damit abgegeben , Weiberherzen zu kirren , und habe das Falkenabrichten immer der Minne vorgezogen . Wie man einen Stoßvogel zähmt , weiß ich ; aber nicht , wie man ein Weib gewinnt . « - Wallrade gab ihm in ihren Gedanken völlig recht . Er fuhr jedoch fort : » Hier ist der Spieß umgekehrt . Ihr habt mich berückt , ob ich gleich bis auf den heutigen Tag mein Herz bewahrte , und ob Ihr gleich meine Stiefnichte seyd . « - » Ihr schreibt mir einen großen Sieg zu ; « versetzte Wallrade scherzend , aber einen der gefährlichsten Blicke hinzufügend , deren sie nur Meister war . Dieser Blick ermuthigte den unbeholfnen Ritter , in seiner Herzensergießung fortzufahren . - » Mich soll der Schwarze reiten , hier vor Euren Augen , « sprach er , » wenn , was ich sage , nicht mein voller Ernst ist ; wenn ich Euch nicht verehre , wie eine Nonne ihr Muttergottesbild . Ich habe in meinem Leben noch vor keinem Strauß gezittert , und bin auch jetzo zu jeder Probe bereit , die Ihr mir auferlegen wolltet , um meine Treue zu erwahren . Vergebt mir : ich rede sonst nicht viel mit Weibern , aber heute , und Euch gegenüber bin ich in den Zug gekommen . Ihr wißt jetzt mein Geheimniß , von welchem ich nicht einmal der Base ein Sterbenswörtlein verrathen habe . Erwiedert mein Vertrauen mit dem Eurigen . Laßt mich wissen , ob ich vielleicht hoffen dürfte . « - » Eure Rede wird sehr dringend und ernstlich ; « meinte Wallrade , eine Aufmerksamkeit verrathend , die des liebetrunknen Junkers Glut anfachte . - » Wenn Ihr nur endlich das Ernstliche einseht ; « rief er : » Kreuz und Stein ! Wie soll ich ' s anfangen , deutlicher zu reden ? Ich denke , mit einem Wort , so gut als Euer Vater und meine Schwester ein Paar werden konnten , - so gut könnten wir ' s auch werden , und sollte die Verwandtschaft ein Hinderniß machen wollen , so martre ich einen Pfaffen so lange , bis er einen Dispens herausgibt , gültig wie einer von Rom . « - » Ei , Ihr sprecht ja ruchlos , wie ein böhmischer Ketzer ! « rief Wallrade scherzhaft : » Nimmer werdet Ihr mich von der Wahrheit einer Liebe überzeugen können , die sich so gotteslästerlich ausdrückt . « - » Pest und rother Hahn ! « eiferte der Leuenberger , heftig mit seinen braunen Händen die Luft sägend : » Fordert eine Probe meiner Liebe , - mehr kann ich ja doch nicht thun , als Euch die Wahl lassen . Soll ich den tauben Hund von Wächter , der dort wie ein Klotz auf der Matte kauert , und in die Ferne stiert . Kopf über Kopf unter vom Thurm werfen ? Oder soll ich mich mit Dreien raufen auf Leben und Tod ? Oder soll ich in Frankfurt einreiten , trotz dem Stadtbann , in dem ich liege , und mich wieder herausschlagen , und das Dintenfaß des Stadtpfaffen vom Römer mit heimbringen ? Gebietet ; was Ihr wollt , soll geschehen , und wenn sich der Satan dreimal dazwischen legte . « - » Ihr stellt Euch Aufgaben , allzuschwer , als daß ich Euch beim Worte nehmen könnte ; « entgegnete Wallrade ; - » und gerade durch solches Überbieten in Gefahren , die Ihr bestehen wollt , macht Ihr mich mißtrauisch . Kann ich an die Liebe des Mannes glauben , der , um mir zu gefallen , Andre mordet ; mich selbst jedoch , ohne vor Schaam und Unwillen zu erröthen , in dem Schlamm der Demüthigung sehen kann ? Wie mögt Ihr , ein freier adelicher Mann , Euch ein gefangen Liebchen wählen , das Ihr doch nicht erlösen wollt ? Ihr fordert , daß ich Euer Herz prüfe . Wohlan ; geht hin , öffnet mir die Pforte dieses Kerkers , löst meine Fesseln , und dann bewerbt Euch um meine Gunst . Oder , - thut das Leichtere : meldet nur meinem Vater den Ort meiner Gefangenschaft , und dann - nachdem ich in seine Arme zurückgekehrt , - dann fordert meine Hand . « - Der Leuenberger schwieg eine Weile betroffen , während Wallrade den scharfen Blick auf ihn heftete . Verlegen spielte er mit den Knöpfen seines Ärmels , strich sich den Bart und kaute an den Lippen . » Edles Fräulein , « - sprach er endlich bedächtig : » Was Ihr verlangt , geht über meine Kräfte . Wir Edelleute halten fest an unserm Wort , und Bechtram hat das Meine ; und von Euerm Vater vollends erwarte ich nichts als Undank . Er würde mir zehnmal eher vor dem Gallusthor zu Frankfurt Nase und Ohren abschneiden lassen , als mich in seiner Sippschaft aufzunehmen . « - » Ich weiß nicht , in wiefern Herr Diether Euch gehässig ist ; « erwiederte Wallrade seufzend ; » allein ich dächte , auch meiner Dankbarkeit solltet Ihr in etwas vertrauen . « - Der Blick , den sie bei dieser Rede auf Veit ' s Antlitz warf , sollte heftiger zünden , als die vorigen , aber seine Kraft prallte ab , an der Scheu des Leuenberger ' s vor Bechtram ' s Rache und Diether ' s gegründetem Haß . - » Ei was ! « brummte er : » Eure Haft kann ja doch wahrlich nicht ewig währen . Hat Bechtram vom Montfort erst erhalten , was er will , liegt ihm ferner nichts daran , Euch zu füttern . Dann wäre es an der Zeit , meinen Wünschen zu genügen , und eine fröhliche Ritterehe zu schließen , zu welcher man nichts braucht , als einen Bettelmönch , der den Segen gurgelt , und ein stilles , sichres Kämmerlein . Was sagt Ihr dazu , mein süßes Lieb ? « - » Daß Ihr ein Abscheulicher seyd , der meine Verachtung verdient , aber nicht die Minne einer ehrsamen Jungfrau ; « erwiederte ohne Hehl Wallrade , der das Blut in die Wangen geschossen war , bei dem unziemlichen Antrag des Stegreifritters . Veit , welcher seine Furcht vor den von dem Fräulein vorgeschlagenen Prüfungen hatte hinter der Larve eines rauhen Muthwillens verbergen wollen , schwieg wie ein ertappter und geschlagener Schüler , und lehnte sich verlegen auf die Brustwehr des Thurms . » Einfältiger , tölpischer Klotz ! « murmelte Wallrade vor sich hin , und stützte verdrüßlich den Kopf in die Hand . Der Leuenberger gewahrte aber so eben seine Base am Erkerfenster der Burg , und winkte ihr und Frau Elsen , heraufzukommen auf die luftige Höhe . - » Muhme Petronella soll uns ein Mährlein erzählen , « sprach er mit läppischem Lächeln zu Wallraden : » sie wird Euch dadurch auf andre Gedanken bringen , und mich vergessen machen , was ich von Euch vernehmen mußte . « - Wallrade machte eine unwillige Bewegung gegen ihn , und stand auf , um zu gehen . Der Versuch war aber umsonst , denn schon knarrte die Thüre des Thurms , und die schwerfälligen Tritte der Frauen kamen bald näher und näher heran . Frau Else schritt wackrer und rüstiger zu , als die hinkende Base , und hielt die auf der Höhe der Steige unschlüssig verweilende Wallrade auf . » Ei , wo hinaus ? « fragte sie mit ihrer männlichen Stimme , die im Hause Befehle ertheilte , donnernd wie der Schlachtruf eines Feldhauptsmanns : » Da geblieben ! Nicht davon gelaufen . Wir sind jetzt die alleinigen Herrn im Hause , und wollen uns gütlich thun auf der kühlen Warte . « - Somit drehte sie Wallraden mit einer Schwenkung des Ellbogens um , und reichte der mühsam heranklimmenden Base die Hand . - » Herauf ! Herauf ! alte Nixe ! « rief sie der Keuchenden entgegen : » Hier oben ist ' s wohl seyn . Hast Du dem Wilpert gesagt , daß er uns eine Kanne kühlen Weins heraufschleppe , und einen Korb mit Brod und Fleischkuchen ? « - Petronella bejahte ; Else klopfte beifällig und munter in die mächtigen Hände , und zog Rocken und Spindel aus dem breiten Ledergürtel , der ihren stämmigen Leib umschloß . Der Thurmwächter mußte dem zögernden Wilpert entgegeneilen , und die Frauen machten sich ' s bequem auf den Mauerbänken zwischen den Zinnen . - » Wie ist es doch so schön hier oben ! « sprach Petronella , nachdem ihr Husten , von dem Treppensteigen und der Einathmung reinerer Luft erregt , nachgelassen hatte : » Himmlischer Vater ! wenn das Alles , was wir hier vor Augen sehen , unser wäre ! Was meint Ihr , liebe Frau Else ? « - Bechtram ' s Ehewirthin zuckte verächtlich mit den Lippen . » Man hört ' s Euern Reden wohl an , Fräulein , « sprach sie derb , » daß Ihr kein Haus als Eigenthum besitzt , sonst würdet Ihr nicht so tolle Wünsche von Euch geben . Mir kommt ein ähnlicher Gedanke nicht , denn ich bin zufrieden in meinem Hauswesen , und wenn dieses mir nach Wunsch geht , so frage ich nicht nach Allem , was um uns her liegt an Wald und Feld , an Häufern und Höfen . « - Hier beschrieb sie mit dem hoch und drohend geschwungnen Rocken einen großen Kreis rings um sich her , und schlug damit auf die Schulter des Leuenberger ' s , der in Gedanken verloren , den Weibern den Rücken gekehrt hatte . - » Frau Else ! Frau Else ! « rief der Erschrockene , sich die Schulter reibend : » Ihr führt einen harten Zepterstab , und der Ritterschlag von Eurer Hand ist nicht sanfter , als der von einer Männerfaust . « - » Meint Ihr ? « entgegnete die Frau von Vilbel : » Ich möchte auch wissen , wie ich wohl zurecht kommen würde unter dem Gelichter , das in unserm Hause aus- und einfährt , wie die Hexen aus und in den Schlot . - Vergebt aber , Leuenbergerin , daß ich gerade von bösen Hexen sprach . Ich sollte wissen , daß Ihr ' s nicht liebt , wenn man von Truden redet . « - » Hm ! « meinte Petronella : » so man nur davon redet , mag es hingehen . Nur über die Schwelle dürfen sie nicht kommen , und dafür habt Ihr gesorgt , Frau Else , denn das Hufeisen , das unter Eurer Pforte angenagelt ist , bleibt ein wahres Gottesmittel dagegen , und so Ihr vollends nicht versäumt , jeden Morgen zwei Strohhalme kreuzweis drüber zu legen , so kömmt Euch nimmer eine Hexe zu nahe . « - » Ihr seyd eine kluge Jungfrau , « erwiederte Frau Else , » und ich werde mir noch manches von Euern Erfahrungen merken , ehe Ihr von dannen scheidet . « - » Ho , die Base ist gelehrter , als ein Meister der freien Künste , « fiel der Leuenberger ein ; » besonders im Erkennen zauberischer , übernatürlicher und verborgner Dinge . « - » So ? « fragten Else und Waltrade . » Das hätte man versuchen können ; « fuhr die Erstere fort : » Ihr hättet meinem Manne des heutigen Zuges Ausgang und Erfolg weissagen müssen . « - » Hm ! « meinte Petronella , den Kopf bedenklich wiegend : » dem Gastfreund geziemt ' s eigentlich nicht , des Wirths Thun und Lassen zu deuteln , aber , wenn man Achtung hat , auf das was um uns vorgeht , so kann man manches in seinen Handlungen ändern , was ersprießlich und von Nutzen wäre . « - » Ihr sprecht als ob ' s Lateinisch wäre , « lächelte Else : » ich verstehe Euch nicht . « - » Der Hund hat die ganze Nacht im Zwinger jämmerlich geheult , « sprach die Alte weiter : » die Eule hat geschrien und die Todtenuhr hat gehämmert , als wollte sie nimmer aufhören . Das bedeutet nicht viel Gutes . Zudem ist heute kein glücklicher Tag , und ich hätte an Eurer Statt den Ritter nun nimmermehr reiten lassen . « - » Ihr macht mir bange ! « versetzte Else , ohne jedoch weiter eine Bewegung zu äußern : » Mein Mann lacht über solche Dinge , und fürchtet sich nicht , weil er ein geweihtes Amulet bei sich trägt , das er einem Pilger abgenommen , der es gerade von des Erlösers Grab geholt hatte . Wenn ihm nur das Heiligthum noch hilft , da er jetzo im Banne liegt ? « - » Ei , wie sollte es denn nicht ? « fragte Petronella entgegen : » die hochwürdigen Barfüßer Ordensherren weihen ja gewöhnlich diese Schutzmittel , und man weiß ja , daß sie sich nicht viel um Bann und Interdikt kümmern . « - » Ihr beruhigt mich wieder völlig ; « antwortete Else , dem alten Fräulein gutmüthig und derb auf den hohen Rücken klopfend : » ich hatte schon den Gedanken gefaßt , trotz Bann und Strahl eine Messe in der Kapelle lesen zu lassen auf die glückliche Heimkehr meines Alten . « - » Eine Messe ? « lachte Petronella : » wie das ? « - » Wer versteht das Handwerk hier ? « spottete Wallrade : » etwa der edle Herr , der vor uns steht , oder der taube Wächter , der endlich mit dem ersehnten Vorrath anlangt ? « - » Hoho ! « fiel Else ein : nur nicht so höhnisch , gefangnes Fräulein Naseweis . Wir haben wohl noch andre Leute hier im Schlosse , die Kutte und Platte tragen . » Da unter uns sitzt ein armer Pater im Kühlen , dem Eure Gesellschaft , Leuenbergerin , Unglück gebracht hat , und der wohl jetzo , obschon Mittag vorüber , nüchtern genug wäre , um das Meßopfer zu bringen . « - » Wie ? « schrie Petronella , erstaunt die Hände faltend : » Wie ? Der arme Mann , der mit uns hier angelangt ? « - » Derselbe ; « versetzte Frau Else kaltblütig : » er sammt dem Bäuerlein , das Euch den Wagen lieh , bewohnt unsern Thurm , weil mein Alter meinte , die Leute seyen mit der Gegend zu bekannt , als daß nicht der Gewahrsam der schönen Wallrade verrathen hätte werden müssen . Sie werden sich ' s nun gefallen lassen , so lange hier zu verharren , bis des Fräuleins Haft vorüber . « - » Ha , Euer Herr macht wackre Streiche ! « rief Wallrade keck ; » an schwachen Frauen und wehrlosen Mönchen erprobt sich des Helden Muth . « - » O laßt den Heldenmuth aus dem Spiele , gutes Fräulein : « entgegnete Else : » einen schönen Falken läßt der tapferste und großmüthigste Mann nicht aus den Händen . Wahrlich , Wallrade , hätte ich einen Sohn , ich ließe Euch gar nicht mehr von meiner Seite ; Ihr müßtet meine Schwieger werden , und noch heute müßte der Pfaffe da unten Euch trauen . « - » Das ist ein Wort , vortrefflichste Nichte ; « sprach Petronella beißend : » Frau Else denkt nicht an ihr alt Geschlecht . « - » Ihr habt Recht , Base Stolperwitz ; « ließ sich Wallrade vernehmen : » unser halbadelig Wappen würde nicht zu dem des Ritters Bechtram passen , wenn er gleich Räuberei treibt . Beruhigt Euch indessen . Meine verehrte Wirthin hat ja keinen Sohn , der ihre Drohung verwirklichen könnte . « - » Freilich nicht ; « setzte Else seufzend hinzu : » das ist ' s , was mir oft blutige Thränen kostet . Was nützt meinem Alten seine schwere Mühe und saure Arbeit ? Was nützt ihm langes Leben und Gedeihen ? Wir haben ja doch niemand , dem wir hinterlassen könnten , was er mit Schweiß und Blut erobert . Der Tag , an dem unser Philipp starb , der wilde Bube , war ein harter Tag , und auch damals schrie die Eule wie ein wahrer Unglücksvogel . Der Junge mußte gerade seinen Kopf aufsetzen , und ein Pferd in die Schwemme reiten wollen . Mein Alter erlaubte es dem Fürwitz , und gestürzt , vom Roß geschleift und zertreten , brachten uns die Leute den Buben sterbend in ' s Haus zurück . « - Else wischte sich eine Thräne ab , die in ihr finstres Auge gedrungen war . - » Den leibeigenen Knecht , der das Unglück , ohne zu helfen , geschehen ließ , ließen wir todt peitschen , « setzte sie mit fürchterlich gepreßter Stimme hinzu , » allein unsern Philipp machte es nicht lebendig . « - Eine tiefe Stille folgte auf diese kurze und gräßliche Erinnerung . Frau Else richtete sich indessen schnell in die Höhe , stampfte einigemal mit dem Fuße auf das Pflaster , fuhr sich verstohlen mit dem Ärmel über die Augen , und langte die Kanne mit Wein an Wallraden . » Trinkt ! thut Bescheid ! « sprach sie mit ganz verändertem Tone : » dem Gaste gebührt die Ehre . Dann die kluge Leuenbergerin , dann ihr Vetter , und zuletzt ich . Petronella ist hernach so gut , und gibt uns eine Sage oder Legende zum Besten . Man vertreibt damit die Zeit am Besten , und der Faden am Rocken wird noch einmal so glatt und eben , und die Kuchen schmecken noch einmal so gut . « - » In Gottesnamen denn , « fügte Wallrade hinzu , und drehte dem Leuenberger den Rücken , da er ihr einige verbindliche Worte in ' s Ohr flüstern wollte : » in Gottesnamen , Muhme . Hebt an , und erzählt . « Veit stemmte maulend den Kopf in beide Hände , und pfiff in die Luft hinaus : die Alte setzte sich indessen zurecht , roch ein Paarmal mit besinnender und bedächtiger Miene an dem Bisamapfel , den sie auf der Brust trug , und graute sich am Kinn . » Lieben Freunde , « begann sie , indem sie den Finger an die Nase legte : » eine Sage , die Ihr nicht schon wüßtet , fällt mir gerade nicht ein ; eine Geschichte von den lieben Heiligen ziemt sich nicht zu berichten , an einem Orte , wo kein Gottesdienst gehalten werden darf ; demzufolge will ich Euch lieber , da wir von Kindern gesprochen haben , auch ein Kindermährchen erzählen ; nicht das beste , nicht das schwerste , das jemals von einer Amme oder einer treuen Mutter erfunden worden ist . « - » Meinethalben ; « entgegnete Frau Else : » nur sey es nicht zu lustig und schnurrig , mein kluges Fräulein . Das Ernsthafte und Schauerliche ist mir lieber , und stimmt besser zu meinem heutigen Gemüth . « - » Wie Ihr befehlt , meine gute Wirthin ; « antwortete hierauf des Leuenbergers Base , und hob an , mit lebhaften Geberden und wackelndem Kinn , wie folgt : » Es sind wohl länger denn zweitausend Jahre her , und viel darüber , als es einen reichen Mann gab , der eine gar schöne , fromme und sittige Wirthin in sein Haus geführt hatte , und mit ihr des Lebens Glück genoß im höchsten Maaße , ausgenommen das Glück , ein Kind zu haben . Da geschah es einmal , daß die Ehewirthin an einem frischen Wintertage unter dem Mandelbaume saß , der im Hofe stand , und einen Apfel schälte . Das Messer glitt jedoch ab , und fuhr ihr in den Finger , daß ihr Blut in den Schnee rann . Ach ! sagte sie hierauf und seufzte aus innrer Brust : Ach , wohl ist weiß der Schnee und roth das Blut , und hätte ich hoch ein Kindlein roth und weiß wie sie beide . Kaum hatte die Frau diese Worte gesprochen , als ihr recht fröhlich und heimlich um ' s Herz wurde , denn sie hatte nicht umsonst geredet und geseufzt . Ein Mond ging hin und der Schnee ging weg ; der zweite Mont fand alles grün , im dritten kamen die Blümelein aus der Erde , im vierten alle Bäume in ' s Holz , worin die Vögelein sangen , und die Blüten fielen . Und wie der fünfte Mond vorbei war , da stand die Frau unter dem Mandelbaum , der gar zu lieblich roch , und ihr Herz war froh und konnte sich nicht fassen vor stiller Freude . Und der sechste Mond vorüber war , da begannen die Früchte aufzugehen und stark zu werden ; sie aber wurde ganz still . Im siebenten Mond griff sie nach den Mandelbeeren , aß davon und ward borsthaft und traurig . Da aber der achte Mond hingegangen war , da rief sie ihren Mann , und weinte , und sagte zu ihm : Wenn ich sterbe , so begrabe mich unter den Mandelbaum . - Nun wurde ihr wieder ganz wohl und getrost zu Sinne , und kaum war der neunte Mond vorbei , so gebar sie ein Kind , weiß wie der Schnee und roth wie Blut , und freute sich daß , und starb . Ihr Mann begrub sie unter den Baum , wie er es versprochen , und fing an zu weinen gar sehr , eine Weile lang ; nach und nach und allgemach legte sich aber das Herzeleid , und dann hörte er auf zu greinen , und dann währte es nur eine kurze Zeit , so nahm er sich wieder ein Weib . « - » Männertreue ! « sprach Wallrade bitter : » Ihr erzählt kein Mährlein , Muhme . Daß ich Euch also nennen muß , beweist , daß wirklich im Leben geschieht , was in der Ammenstube erdichtet wird . « - Petronella zog ein verdrießliches Gesicht , und ihr Vetter schlug eine spöttische Lache auf . Frau Else aber schlug allen beginnenden Hader durch den Wunsch nieder , das Mährlein weiter zu hören , und das Fräulein von Leuenberg fuhr fort : » Die Stiefmutter gebar eine Tochter in ' s Haus , und diese war ihre Liebe , und der Sohn der Verstorbenen wurde ihr Haß , und sie dachte ihn zu verderben . Und der Gott sey bei uns fügte es , daß einstens der Junge aus der Schule kam , und von der Mutter ' nen Apfel begehrte . Sie machte ein finster Gesicht und glühende Augen , und begehrte von dem Buben , daß er heraufkomme zur Dachkammer , wo eine Kiste stand mit scharfem Schloß von Eisen , und da sie den Deckel aufmacht , und dem armen Jungen befiehlt , sich einen Apfel aus der Truhe zu holen , und der unschuldige Knabe sich hineinbiegt ... Puff ! Schägt sie den Deckel zu , daß des Buben Kopf unter die rothen Äpfel fiel . Darauf hat sie mit einem weißen Tuch das Haupt wieder an den Körper gebunden , den Knaben vor die Thüre gesetzt , und ihm einen Apfel in die Hand gegeben . Und da sie in der Küche stand ,