wieder dahin zurück . Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens ; sie bringen die äußern und innern Erfahrungen ins allgemeine , in einen Zusammenhang . Das Interesse an ihnen wird im Grunde nur in einer besondern Welt , in der wissenschaftlichen , erregt , denn daß man auch die übrige Welt dazu beruft und ihr davon Notiz gibt , wie es in der neuern Zeit geschieht , ist ein Mißbrauch und bringt mehr Schaden als Nutzen . Nur durch eine erhöhte Praxis sollten die Wissenschaften auf die äußere Welt wirken : denn eigentlich sind sie alle esoterisch und können nur durch Verbessern irgendeines Tuns exoterisch werden . Alle übrige Teilnahme führt zu nichts . Die Wissenschaften , auch in ihrem innern Kreise betrachtet , werden mit augenblicklichem , jedesmaligem Interesse behandelt . Ein starker Anstoß , besonders von etwas Neuem und Unerhörtem oder wenigstens mächtig Gefördertem , erregt eine allgemeine Teilnahme , die jahrelang dauern kann und die besonders in den letzten Zeiten sehr fruchtbar geworden ist . Ein bedeutendes Faktum , ein geniales Aperçu beschäftigt eine sehr große Anzahl Menschen , erst nur um es zu kennen , dann um es zu erkennen , dann es zu bearbeiten und weiterzuführen . Die Menge fragt bei einer jeden neuen bedeutenden Erscheinung , was sie nutze , und sie hat nicht unrecht ; denn sie kann bloß durch den Nutzen den Wert einer Sache gewahr werden . Die wahren Weisen fragen , wie sich die Sache verhalte in sich selbst und zu andern Dingen , unbekümmert um den Nutzen , d.h. um die Anwendung auf das Bekannte und zum Leben Notwendige , welche ganz andere Geister , scharfsinnige , lebenslustige , technisch geübte und gewandte , schon finden werden . Die Afterweisen suchen von jeder neuen Entdeckung nur so geschwind als möglich für sich einigen Vorteil zu ziehen , indem sie einen eitlen Ruhm , bald in Fortpflanzung , bald in Vermehrung , bald in Verbesserung , geschwinder Besitznahme , vielleicht gar durch Präokkupation , zu erwerben suchen und durch solche Unreifheiten die wahre Wissenschaft unsicher machen und verwirren , ja ihre schönste Folge , die praktische Blüte derselben , offenbar verkümmern . Das schädlichste Vorurteil ist , daß irgendeine Art Naturuntersuchung mit dem Bann belegt werden könne . Jeder Forscher muß sich durchaus ansehen als einer , der zu einer Jury berufen ist . Er hat nur darauf zu achten , inwiefern der Vortrag vollständig sei und durch klare Belege auseinandergesetzt . Er faßt hiernach seine Überzeugung zusammen und gibt seine Stimme , es sei nun , daß seine Meinung mit der des Referenten übereintreffe oder nicht . Dabei bleibt er ebenso beruhigt , wenn ihm die Majorität beistimmt , als wenn er sich in der Minorität befindet ; denn er hat das Seinige getan , er hat seine Überzeugung ausgesprochen , er ist nicht Herr über die Geister noch über die Gemüter . In der wissenschaftlichen Welt haben aber diese Gesinnungen niemals gelten wollen ; durchaus ist es auf Herrschen und Beherrschen angesehen ; und weil sehr wenige Menschen eigentlich selbstständig sind , so zieht die Menge den Einzelnen nach sich . Die Geschichte der Philosophie , der Wissenschaften , der Religion , alles zeigt , daß die Meinungen massenweis sich verbreiten , immer aber diejenige den Vorrang gewinnt , welche faßlicher , d.h. dem menschlichen Geiste in seinem gemeinen Zustande gemäß und bequem ist . Ja derjenige , der sich in höherem Sinne ausgebildet , kann immer voraussetzen , daß er die Majorität gegen sich habe . Wäre die Natur in ihren leblosen Anfängen nicht so gründlich stereometrisch , wie wollte sie zuletzt zum unberechenbaren und unermeßlichen Leben gelangen ? Der Mensch an sich selbst , insofern er sich seiner gesunden Sinne bedient , ist der größte und genaueste physikalische Apparat , den es geben kann ; und das ist eben das größte Unheil der neuern Physik , daß man die Experimente gleichsam vom Menschen abgesondert hat und bloß in dem , was künstliche Instrumente zeigen , die Natur erkennen , ja , was sie leisten kann , dadurch beschränken und beweisen will . Ebenso ist es mit dem Berechnen . - Es ist vieles wahr , was sich nicht berechnen läßt , sowie sehr vieles , was sich nicht bis zum entschiedenen Experiment bringen läßt . Dafür steht ja aber der Mensch so hoch , daß sich das sonst Undarstellbare in ihm darstellt . Was ist denn eine Saite und alle mechanische Teilung derselben gegen das Ohr des Musikers ? Ja man kann sagen : was sind die elementaren Erscheinungen der Natur selbst gegen den Menschen , der sie alle erst bändigen und modifizieren muß , um sie sich einigermaßen assimilieren zu können . Es ist von einem Experiment zu viel gefordert , wenn es alles leisten soll . Konnte man doch die Elektrizität erst nur durch Reiben darstellen , deren höchste Erscheinung jetzt durch bloße Berührung hervorgebracht wird . Wie man der französischen Sprache niemals den Vorzug streitig machen wird , als ausgebildete Hof- und Weltsprache sich immer mehr aus- und fortbildend zu wirken , so wird es niemand einfallen , das Verdienst der Mathematiker gering zu schätzen , welches sie , in ihrer Sprache , die wichtigsten Angelegenheiten verhandelnd , sich um die Welt erwerben , indem sie alles , was der Zahl und dem Maß im höchsten Sinne unterworfen ist , zu regeln , zu bestimmen und zu entscheiden wissen . Jeder Denkende , der seinen Kalender ansieht , nach seiner Uhr blickt , wird sich erinnern , wem er diese Wohltaten schuldig ist . Wenn man sie aber auch auf ehrfurchtsvolle Weise in Zeit und Raum gewähren läßt , so werden sie erkennen , daß wir etwas gewahr werden , was weit darüber hinausgeht , welches allen angehört und ohne welches sie selbst weder tun noch wirken könnten : Idee und Liebe . Wer weiß etwas von Elektrizität , sagte ein heiterer Naturforscher , als wenn er im Finstern eine Katze streichelt oder Blitz und Donner neben ihm niederleuchten und rasseln ? Wie viel und wie wenig weiß er alsdann davon ? Lichtenbergs Schriften können wir uns als der wunderbarsten Wünschelrute bedienen ; wo er einen Spaß macht , liegt ein Problem verborgen . In den großen leeren Weltraum zwischen Mars und Jupiter legte er auch einen heitern Einfall . Als Kant sorgfältig bewiesen hatte , daß die beiden genannten Planeten alles aufgezehrt und sich zugeeignet hätten , was nur in diesen Räumen zu finden gewesen von Materie , sagte jener scherzhaft , nach seiner Art : Warum sollte es nicht auch unsichtbare Welten geben ? - Und hat er nicht vollkommen wahr gesprochen ? Sind die neu entdeckten Planeten nicht der ganzen Welt unsichtbar , außer den wenigen Astronomen , denen wir auf Wort und Rechnung glauben müssen ? Einer neuen Wahrheit ist nichts schädlicher als ein alter Irrtum . Die Menschen sind durch die unendlichen Bedingungen des Erscheinens dergestalt obruiert , daß sie das Eine Urbedingende nicht gewahren können . » Wenn Reisende ein sehr großes Ergetzen auf ihren Bergklettereien empfinden , so ist für mich etwas Barbarisches , ja Gottloses in dieser Leidenschaft ; Berge geben uns wohl den Begriff von Naturgewalt , nicht aber von Wohltätigkeit der Vorsehung . Zu welchem Gebrauch sind sie wohl dem Menschen ? Unternimmt er , dort zu wohnen , so wird im Winter eine Schneelawine , im Sommer ein Bergrutsch sein Haus begraben oder fortschieben ; seine Herden schwemmt der Gießbach weg , seine Kornscheuern die Windstürme . Macht er sich auf den Weg , so ist jeder Aufstieg die Qual des Sisyphus , jeder Niederstieg der Sturz Vulkans ; sein Pfad ist täglich von Steinen verschüttet , der Gießbach unwegsam für Schiffahrt ; finden auch seine Zwergherden notdürftige Nahrung oder sammelt er sie ihnen kärglich , entweder die Elemente entreißen sie ihm oder wilde Bestien . Er führt ein einsam kümmerlich Pflanzenleben , wie das Moos auf einem Grabstein , ohne Bequemlichkeit und ohne Gesellschaft . Und diese Zickzackkämme , diese widerwärtigen Felsenwände , diese ungestalteten Granitpyramiden , welche die schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken , wie sollte sich ein wohlwollender Mann daran gefallen und ein Menschenfreund sie preisen ! « Auf diese heitere Paradoxie eines würdigen Mannes wäre zu sagen , daß , wenn es Gott und der Natur gefallen hätte , den Urgebirgsknoten von Nubien durchaus nach Westen bis an das große Meer zu entwickeln und fortzusetzen , ferner die Gebirgsreihe einigemal von Norden nach Süden zu durchschneiden , sodann Täler entstanden sein würden , worin gar mancher Urvater Abraham ein Kanaan , mancher Albert Julius eine Felsenburg würde gefunden haben , wo denn seine Nachkommen leicht mit den Sternen rivalisierend sich hätten vermehren können . Steine sind stumme Lehrer , sie machen den Beobachter stumm , und das Beste , was man von ihnen lernt , ist , nicht mitzuteilen . Was ich recht weiß , weiß ich nur mir selbst ; ein ausgesprochenes Wort fördert selten , es erregt meistens Widerspruch , Stocken und Stillstehen . Die Kristallographie als Wissenschaft betrachtet gibt zu ganz eigenen Ansichten Anlaß . Sie ist nicht produktiv , sie ist nur sie selbst und hat keine Folgen , besonders nunmehr , da man so manche isomorphische Körper angetroffen hat , die sich ihrem Gehalte nach ganz verschieden erweisen . Da sie eigentlich nirgends anwendbar ist , so hat sie sich in dem hohen Grade in sich selbst ausgebildet . Sie gibt dem Geist eine gewisse beschränkte Befriedigung und ist in ihren Einzelnheiten so mannigfaltig , daß man sie unerschöpflich nennen kann , deswegen sie auch vorzügliche Menschen so entschieden und lange an sich festhält . Etwas Mönchisch-Hagestolzenartiges hat die Kristallographie und ist daher sich selbst genug . Von praktischer Lebenseinwirkung ist sie nicht ; denn die köstlichsten Erzeugnisse ihres Gebiets , die kristallinischen Edelsteine , müssen erst zugeschliffen werden , ehe wir unsere Frauen damit schmücken können . Ganz das Entgegengesetzte ist von der Chemie zu sagen , welche von der ausgebreitetsten Anwendung und von dem grenzenlosesten Einfluß aufs Leben sich erweist . Der Begriff vom Entstehen ist uns ganz und gar versagt ; daher wir , wenn wir etwas werden sehen , denken , daß es schon dagewesen sei . Deshalb das System der Einschachtelung kommt uns begreiflich vor . Wie manches Bedeutende sieht man aus Teilen zusammensetzen ; man betrachte die Werke der Baukunst , man sieht manches sich regel- und unregelmäßig anhäufen ; daher ist uns der atomistische Begriff nah und bequem zur Hand , deshalb wir uns nicht scheuen , ihn auch in organischen Fällen anzuwenden . Wer den Unterschied des Phantastischen und Ideellen , des Gesetzlichen und Hypothetischen nicht zu fassen weiß , der ist als Naturforscher in einer üblen Lage . Es gibt Hypothesen , wo Verstand und Einbildungskraft sich an die Stelle der Idee setzen . Man tut nicht wohl , sich allzulange im Abstrakten aufzuhalten . Das Esoterische schadet nur , indem es exoterisch zu werden trachtet . Leben wird am besten durchs Lebendige belehrt . Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten , welche ihren Kindern den Vater , wenn er abgeht , zu ersetzen imstande wäre . Der unschätzbare Vorteil , welchen die Ausländer gewinnen , indem sie unsere Literatur erst jetzt gründlich studieren , ist der , daß sie über die Entwickelungskrankheiten , durch die wir nun schon beinahe während dem Laufe des Jahrhunderts durchgehen mußten , auf einmal weggehoben werden und , wenn das Glück gut ist , ganz eigentlich daran sich auf das wünschenswerteste ausbilden . Wo die Franzosen des achtzehnten Jahrhunderts zerstörend sind , ist Wieland neckend . Das poetische Talent ist dem Bauer so gut gegeben wie dem Ritter , es kommt nur darauf an , daß jeder seinen Zustand ergreife und ihn nach Würden behandle . » Was sind Tragödien anders als versifizierte Passionen solcher Leute , die sich aus den äußern Dingen ich weiß nicht was machen . « Das Wort Schule , wie man es in der Geschichte der bildenden Kunst nimmt , wo man von einer florentinischen , römischen und venezianischen Schule spricht , wird sich künftighin nicht mehr auf das deutsche Theater anwenden lassen . Es ist ein Ausdruck , dessen man sich vor dreißig , vierzig Jahren vielleicht noch bedienen konnte , wo unter beschränkteren Umständen sich eine natur- und kunstgemäße Ausbildung noch denken ließ ; denn genau gesehen gilt auch in der bildenden Kunst das Wort Schule nur von den Anfängen ; denn sobald sie treffliche Männer hervorgebracht hat , wirkt sie alsobald in die Weite . Florenz beweist seinen Einfluß über Frankreich und Spanien ; Niederländer und Deutsche lernen von den Italienern und erwerben sich mehr Freiheit in Geist und Sinn , anstatt daß die Südländer von ihnen eine glücklichere Technik und die genauste Ausführung von Norden her gewinnen . Das deutsche Theater befindet sich in der Schlußepoche , wo eine allgemeine Bildung dergestalt verbreitet ist , daß sie keinem einzelnen Orte mehr angehören , von keinem besondern Punkte mehr ausgehen kann . Der Grund aller theatralischen Kunst , wie einer jeder andern , ist das Wahre , das Naturgemäße . Je bedeutender dieses ist , auf je höherem Punkte Dichter und Schauspieler es zu fassen verstehen , eines desto höhern Ranges wird sich die Bühne zu rühmen haben . Hiebei gereicht es Deutschland zu einem großen Gewinn , daß der Vortrag trefflicher Dichtung allgemeiner geworden ist und auch außerhalb des Theaters sich verbreitet hat . Auf der Rezitation ruht alle Deklamation und Mimik . Da nun beim Vorlesen jene ganz allein zu beachten und zu üben ist , so bleibt offenbar , daß Vorlesungen die Schule des Wahren und Natürlichen bleiben müssen , wenn Männer , die ein solches Geschäft übernehmen , von dem Wert , von der Würde ihres Berufs durchdrungen sind . Shakespeare und Calderon haben solchen Vorlesungen einen glänzenden Eingang gewährt ; jedoch bedenke man immer dabei , ob nicht hier gerade das imposante Fremde , das bis zum Unwahren gesteigerte Talent der deutschen Ausbildung schädlich werden müsse ! Eigentümlichkeit des Ausdruckes ist Anfang und Ende aller Kunst . Nun hat aber eine jede Nation eine von dem allgemeinen Eigentümlichen der Menschheit abweichende besondere Eigenheit , die uns zwar anfänglich widerstreben mag , aber zuletzt , wenn wir ' s uns gefallen ließen , wenn wir uns derselben hingäben , unsere eigene charakteristische Natur zu überwältigen und zu erdrücken vermöchte . Wieviel Falsches Shakespeare und besonders Calderon über uns gebracht , wie diese zwei großen Lichter des poetischen Himmels für uns zu Irrlichtern geworden , mögen die Literatoren der Folgezeit historisch bemerken . Eine völlige Gleichstellung mit dem spanischen Theater kann ich nirgends billigen . Der herrliche Calderon hat so viel Konventionelles , daß einem redlichen Beobachter schwer wird , das große Talent des Dichters durch die Theateretikette durchzuerkennen . Und bringt man so etwas irgendeinem Publikum , so setzt man bei demselben immer guten Willen voraus , daß es geneigt sei , auch das Weltfremde zuzugeben , sich an ausländischem Sinn , Ton und Rhythmus zu ergetzen und aus dem , was ihm eigentlich gemäß ist , eine Zeitlang herauszugehen . Yorik-Sterne war der schönste Geist , der je gewirkt hat ; wer ihn liest , fühlt sich sogleich frei und schön ; sein Humor ist unnachahmlich , und nicht jeder Humor befreit die Seele . » Mäßigkeit und klarer Himmel sind Apollo und die Musen . « Das Gesicht ist der edelste Sinn , die andern vier belehren uns nur durch die Organe des Takts , wir hören , wir fühlen , riechen und betasten alles durch Berührung ; das Gesicht aber steht unendlich höher , verfeint sich über die Materie und nähert sich den Fähigkeiten des Geistes . Setzten wir uns an die Stelle anderer Personen , so würden Eifersucht und Haß wegfallen , die wir so oft gegen sie empfinden ; und setzten wir andere an unsere Stelle , so würde Stolz und Einbildung gar sehr abnehmen . Nachdenken und Handeln verglich einer mit Rahel und Lea ; die eine war anmutiger , die andere fruchtbarer . Nichts im Leben außer Gesundheit und Tugend ist schätzenswerter als Kenntnis und Wissen ; auch ist nichts so leicht zu erreichen und so wohlfeil zu erhandeln ; die ganze Arbeit ist Ruhigsein und die Ausgabe Zeit , die wir nicht retten , ohne sie auszugeben . Könnte man Zeit wie bares Geld beiseitelegen , ohne sie zu benutzen , so wäre dies eine Art von Entschuldigung für den Müßiggang der halben Welt ; aber keine völlige , denn es wäre ein Haushalt , wo man von dem Hauptstamm lebte , ohne sich um die Interessen zu bemühen . Neuere Poeten tun viel Wasser in die Tinte . Unter mancherlei wunderlichen Albernheiten der Schulen kommt mir keine so vollkommen lächerlich vor als der Streit über die Echtheit alter Schriften , alter Werke . Ist es denn der Autor oder die Schrift , die wir bewundern oder tadeln ? es ist immer nur der Autor , den wir vor uns haben ; was kümmern uns die Namen , wenn wir ein Geisteswerk auslegen ? Wer will behaupten , daß wir Virgil oder Homer vor uns haben , indem wir die Worte lesen , die ihm zugeschrieben werden ? Aber die Schreiber haben wir vor uns , und was haben wir weiter nötig ? Und ich denke fürwahr , die Gelehrten , die in dieser unwesentlichen Sache so genau zu Werke gehen , scheinen mir nicht weiser als ein sehr schönes Frauenzimmer , das mich einmal mit möglichst süßem Lächeln befragte : wer denn der Autor von Shakespeares Schauspielen gewesen sei ? Es ist besser , das geringste Ding von der Welt zu tun , als , eine halbe Stunde für gering halten . Mut und Bescheidenheit sind die unzweideutigsten Tugenden ; denn sie sind von der Art , daß Heuchelei sie nicht nachahmen kann ; auch haben sie die Eigenschaft gemein , sich beide durch dieselbe Farbe auszudrücken . Unter allem Diebsgesindel sind die Narren die Schlimmsten : sie rauben euch beides , Zeit und Stimmung . Uns selbst zu achten , leitet unsre Sittlichkeit ; andere zu schätzen , regiert unser Betragen . Kunst und Wissenschaft sind Worte , die man so oft braucht und deren genauer Unterschied selten verstanden wird ; man gebraucht oft eins für das andere . Auch gefallen mir die Definitionen nicht , die man davon gibt . Verglichen fand ich irgendwo Wissenschaft mit Witz , Kunst mit Humor . Hierin find ' ich mehr Einbildungskraft als Philosophie : es gibt uns wohl einen Begriff von dem Unterschied beider , aber keinen von dem Eigentümlichen einer jeden . Ich denke , Wissenschaft könnte man die Kenntnis des Allgemeinen nennen , das abgezogene Wissen ; Kunst dagegen wäre Wissenschaft zur Tat verwendet ; Wissenschaft wäre Vernunft , und Kunst ihr Mechanismus , deshalb man sie auch praktische Wissenschaft nennen könnte . Und so wäre denn endlich Wissenschaft das Theorem , Kunst das Problem . Vielleicht wird man mir einwenden : Man hält die Poesie für Kunst , und doch ist sie nicht mechanisch ; aber ich leugne , daß sie eine Kunst sei ; auch ist sie keine Wissenschaft . Künste und Wissenschaften erreicht man durch Denken , Poesie nicht , denn diese ist Eingebung ; sie war in der Seele empfangen , als sie sich zuerst regte . Man sollte sie weder Kunst noch Wissenschaft nennen , sondern Genius . Auch jetzt im Augenblick sollte jeder Gebildete Sternes Werke wieder zur Hand nehmen , damit auch das neunzehnte Jahrhundert erführe , was wir ihm schuldig sind , und einsähe , was wir ihm schuldig werden können . In dem Erfolg der Literaturen wird das frühere Wirksame verdunkelt und das daraus entsprungene Gewirkte nimmt überhand , deswegen man wohltut , von Zeit zu Zeit wieder zurückzublicken . Was an uns Original ist , wird am besten erhalten und belobt , wenn wir unsre Altvordern nicht aus den Augen verlieren . Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur immerfort die Basis der höhern Bildung bleiben . Chinesische , indische , ägyptische Altertümer sind immer nur Kuriositäten ; es ist sehr wohlgetan , sich und die Welt damit bekannt zu machen ; zu sittlicher und ästhetischer Bildung aber werden sie uns wenig fruchten . Der Deutsche läuft keine größere Gefahr , als sich mit und an seinen Nachbarn zu steigern ; es ist vielleicht keine Nation geeigneter , sich aus sich selbst zu entwickeln , deswegen es ihr zum größten Vorteil gereichte , daß die Außenwelt von ihr so spät Notiz nahm . Sehen wir unsre Literatur über ein halbes Jahrhundert zurück , so finden wir , daß nichts um der Fremden willen geschehen ist . Daß Friedrich der Große aber gar nichts von ihnen wissen wollte , das verdroß die Deutschen doch , und sie taten das möglichste , als Etwas vor ihm zu erscheinen . Jetzt , da sich eine Weltliteratur einleitet , hat , genau besehen , der Deutsche am meisten zu verlieren ; er wird wohltun , dieser Warnung nachzudenken . Auch einsichtige Menschen bemerken nicht , daß sie dasjenige erklären wollen , was Grunderfahrungen sind , bei denen man sich beruhigen müßte . Doch mag dies auch vorteilhaft sein , sonst unterließe man das Forschen allzu früh . Wer sich von nun an nicht auf eine Kunst oder Handwerk legt , der wird übel dran sein . Das Wissen fördert nicht mehr bei dem schnellen Umtriebe der Welt ; bis man von allem Notiz genommen hat , verliert man sich selbst . Eine allgemeine Ausbildung dringt uns jetzt die Welt ohnehin auf ; wir brauchen uns deshalb darum nicht weiter zu bemühen , das Besondere müssen wir uns zueignen . Die größten Schwierigkeiten liegen da , wo wir sie nicht suchen . Lorenz Sterne war geboren 1713 , starb 1768 . Um ihn zu begreifen , darf man die sittliche und kirchliche Bildung seiner Zeit nicht unbeachtet lassen ; dabei hat man wohl zu bedenken , daß er Lebensgenosse Warburtons gewesen . Eine freie Seele wie die seine kommt in Gefahr , frech zu werden , wenn nicht ein edles Wohlwollen das sittliche Gleichgewicht herstellt . Bei leichter Berührbarkeit entwickelte sich alles von innen bei ihm heraus ; durch beständigen Konflikt unterschied er das Wahre vom Falschen , hielt am ersten fest und verhielt sich gegen das andere rücksichtlos . Er fühlte einen entschiedenen Haß gegen Ernst , weil er didaktisch und dogmatisch ist und gar leicht pedantisch wird , wogegen er den entschiedensten Abscheu hegte . Daher seine Abneigung gegen Terminologie . Bei den vielfachsten Studien und Lektüre entdeckte er überall das Unzulängliche und Lächerliche . Shandeism nennt er die Unmöglichkeit , über einen ernsten Gegenstand zwei Minuten zu denken . Dieser schnelle Wechsel von Ernst und Scherz , von Anteil und Gleichgültigkeit , von Leid und Freude soll in dem irländischen Charakter liegen . Sagazität und Penetration sind bei ihm grenzenlos . Seine Heiterkeit , Genügsamkeit , Duldsamkeit auf der Reise , wo diese Eigenschaften am meisten geprüft werden , finden nicht leicht ihresgleichen . So sehr uns der Anblick einer freien Seele dieser Art ergetzt , ebensosehr werden wir gerade in diesem Fall erinnert , daß wir von allem dem , wenigstens von dem meisten , was uns entzückt , nichts in uns aufnehmen dürfen . Das Element der Lüsternheit , in dem er sich so zierlich und sinnig benimmt , würde vielen andern zum Verderben gereichen . Das Verhältnis zu seiner Frau wie zur Welt ist betrachtenswert . » Ich habe mein Elend nicht wie ein weiser Mann benutzt « , sagt er irgendwo . Er scherzt gar anmutig über die Widersprüche , die seinen Zustand zweideutig machen . » Ich kann das Predigen nicht vertragen , ich glaube , ich habe in meiner Jugend mich daran übergessen . « Er ist in nichts ein Muster und in allem ein Andeuter und Erwecker . » Unser Anteil an öffentlichen Angelegenheiten ist meist nur Philisterei . « » Nichts ist höher zu schätzen als der Wert des Tages . « » Pereant , qui , ante nos , nostra dixerunt ! « So wunderlich könnte nur derjenige sprechen , der sich einbildete , ein Autochthon zu sein . Wer sich ' s zur Ehre hält , von vernünftigen Vorfahren abzustammen , wird ihnen doch wenigstens ebensoviel Menschensinn zugestehn als sich selbst . Die originalsten Autoren der neusten Zeit sind es nicht deswegen , weil sie etwas Neues hervorbringen , sondern allein weil sie fähig sind , dergleichen Dinge zu sagen , als wenn sie vorher niemals wären gesagt gewesen . Daher ist das schönste Zeichen der Originalität , wenn man einen empfangenen Gedanken dergestalt fruchtbar zu entwickeln weiß , daß niemand leicht , wie viel in ihm verborgen liege , gefunden hätte . Viele Gedanken heben sich erst aus der allgemeinen Kultur hervor wie die Blüten aus den grünen Zweigen . Zur Rosenzeit sieht man Rosen überall blühen . Eigentlich kommt alles auf die Gesinnungen an ; wo diese sind , treten auch die Gedanken hervor , und nachdem sie sind , sind auch die Gedanken . » Nichts wird leicht ganz unparteiisch wieder dargestellt . Man könnte sagen : hievon mache der Spiegel eine Ausnahme , und doch sehen wir unser Angesicht niemals ganz richtig darin ; ja der Spiegel kehrt unsre Gestalt um und macht unsre linke Hand zur rechten . Dies mag ein Bild sein für alle Betrachtungen über uns selbst . « Im Frühling und Herbst denkt man nicht leicht ans Kaminfeuer , und doch geschieht es , daß , wenn wir zufällig an einem vorbeigehen , wir das Gefühl , das es mitteilt , so angenehm finden , daß wir ihm wohl nachhängen mögen . Dies möchte mit jeder Versuchung analog sein . » Sei nicht ungeduldig , wenn man deine Argumente nicht gelten läßt . « Wer lange in bedeutenden Verhältnissen lebt , dem begegnet freilich nicht alles , was dem Menschen begegnen kann ; aber doch das Analoge und vielleicht einiges , was ohne Beispiel war .