ihres aufgestürmten Blumenflors und sagte ruhig mit jener Milde , die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist : » Nur ruhig , Schönste ! Ich bin es noch ; und was hälf ' Ihnen alles , Kind ? « Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst , fing die irre Natur zu singen an , aber lauter Anfänge . » Freude , schöner Götterfunken « - » Ich bin ein deutsches Mädchen « - sie lief herum und sang wieder : » Kennst du das Land « - » Du böser Geist ! « Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten Ringen mit zückender Zunge in die Höhe , um hinzuschießen und zu umflechten : » Mon coeur « ( sagte die Schlange , die immer in der Leidenschaft französisch sprach ) » vole sur cette bouche qui enchante tous les sens . « - » Mutter ! « ( rief sie ) - » Karoline ! - O Gott , lasse mich sehen ! O Gott , meine Augen ! « Da gab der Alliebende sie ihr wieder ; die Qual der Natur , die lauten Anstalten des Begräbnisses öffneten der Scheinleiche wieder las Auge . Wie behend entflog sie aus der Marterkammer ! Das getäuschte Raubtier rechnete auf Blindheit und Verirrung fort . Aber da Bouverot sah , daß sie leicht die Treppe zum welschen Dache hinaufstürze : so schickte er bloß das herbeilaufende Mädchen ihr nach , damit sie keinen Schaden nehme ; und hielt jetzt wieder die bisherige Blindheit für Verstellung . Er selber holte aus dem Zimmer den Miniatur-Riß ab und schleppte sich wie ein hungriges , verwundetes Ungeheuer verdrüßlich und langsam aus dem Hause hinaus . Zwanzigste Jobelperiode Gaspards Brief-Trennungen 86. Zykel » Sie sieht wieder « , rief Karl im Freudenrausche am Morgen darauf dem Grafen zu , ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern ; und war ganz der Alte . Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe , denn jene wohnte bei ihm auf dem Eise , das bald zerfloß , diese auf dem Flüssigen , worauf er immer schiffte . Errötend fragte Albano , wer der Augenarzt gewesen . » Gutgemeinter Schreck « ( sagt ' er ) - » der deutsche Herr tat , als wollt ' er sie malen , als meine Eltern auf Verabredung nicht da waren - oder malt ' er sie wirklich - ich weiß jetzt alles nur verwirrt - auf einmal hörte sie eine fremde Mannsstimme , und Schreck und Furcht wirkten natürlich wie elektrische Schläge . « Obgleich der Hauptmann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein flutendes Meer hinunterhörte : so hatt ' er doch diesmal richtig gehört ; denn Liane hatte von ihrer Mutter das Zuhüllen der Martergeschichte errungen , um ihrem Bruder den Anlaß zu entziehen , ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Widersacher zu beweisen . Albano behielt viele Fragen über die dunkle Geschichte in seiner Brust ; und brach das Gespräch durch seine Reisebeschreibung ab . Nach einigen Tagen hört ' er , daß Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse und ein über Blumenbühl liegendes Bergschloß einer alten einsamen Edelwitwe beziehe . Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen , und die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu übermalen . Der Minister , der sonst wie alte Menschen und alte Haare schwer zu kräuseln und zu formen war , wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schicksals ganz mutlos angetroffen , so daß er Lianen , die auch darin gefangen war , nicht auffraß , sondern sie ziehen ließ . Die ganze Geschichte wurde vor dem Publikum wie die Mauer eines Parks sehr verdeckt und umblümt . Nur der Lektor wußte sie ganz , aber er konnte schweigen . Er foderte im Namen der Mutter vom deutschen Herrn das Miniaturbild zurück ; dieser gab an dessen Statt kalte , leere Lügen ; doch konnte Augusti , von Mutter und Tochter gebeten , sich beherrschen und die Ausfoderung , womit er für alles Rache nehmen wollte , ihnen opfern . Unsern Freund traf jetzt , seitdem sein Gewissen über den Zufall des Erfolgs besänftigt war , der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvermischt ; die teuerste Seele ging ihn nichts mehr an ; seine Stunden wurden nicht mehr harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen , sondern einförmig von der Turmuhr der Alltäglichkeit . Daher flüchtete er sich zu Männern und zur Freundschaft , gleichsam unter die neben dem Schutthaufen des Brandes noch grünenden Bäume ; Weiber floh er , weil sie ihn , wie fremde Kinder eine Mutter , die ihres verloren , zu schmerzlich erinnerten . Wie heiter geht dagegen ein Simultanliebhaber , der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert , ordentlich neugeboren umher , wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen glücklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der Ansicht eingelöster Güter überzählen kann ! Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn ermuntern , sich öfter , um es wieder zu schmecken , einem weiblichen Herzen als Gefangnen zu überliefern . Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Händen in wilde Männerfeste - die das Sphären-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen - ; es waren nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste . So gibt es ein Verzweifeln , das sich mit Schwelgen hilft ; wie z.B. in der Pest zu Athen - oder in der Erwartung des Jüngsten Tages - oder in der Erwartung des Robespierrischen Schlacht-Messers . Der Hauptmann ging tiefer in seine alte Verworrenheit und Wildnis zurück und zog , so weit er konnte , den unschuldigen Jüngling in seine Volksfeste mit sogenannten Musensöhnen , in seine immerwährende Weinlese und auf seine Freuden-Werbplätze nach , gleichsam als hab ' er seinetwegen nötig , den Freund ein wenig zu sich herabzubringen . Albano bildete sich ein , mit diesen Dithyramben sei seine weinende Seele ganz eingesungen , und er wiegte sie nur noch ein wenig fort . Indes wurden , wiewohl ers nicht eingestehen wollte , seine jungen Rosenwangen so bleich wie eine Stirn , und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite ein . Es war rührend und hart zugleich , wenn er lachend unter seinen Freunden und deren Freunden saß mit einem entfärbten Gesicht - mit höhern , schärfern Knochen der Augen und der Nase - mit einem wildern Auge , das aus einer dunklern Knochentiefe loderte . Vor Musik , zumal Roquairols seiner , worin das leidenschaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonkünstlerischen abgenützten Wechsel des Dämpfers und Donners zu lebendig arbeitete , entfloh sein Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene . Der abgebrochne Lanzensplitter der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum . O , wie in den Kinderjahren , wenn ihm die Rosen-Wolke am Himmel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so leicht zu ergreifen schien , das herrliche Gewölk weit in den Himmel zurückfuhr , sobald er den Berg erstiegen hatte : so stand jetzt die Aurora des Lebens und Geistes , die er nahe fassen wollen , so hoch und ferne droben über seiner Hand im Blau . Mühsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe , noch mühsamer und gefährlicher ist - wie von andern Alpen - das Herabsteigen von ihr . Eines Tages kam Chariton in die Stadt , bloß um ihm endlich einen Brief ihres Mannes - denn Dian machte wie alle Künstler leichter und lieber ein Kunstwerk als einen Brief - zu überbringen , worin er sich freuete , daß er Albano so bald sehen würde . » Er kommt also wieder ? « fragte der Graf . Sie rief betrübt aus : » Bei Leibe ! - Ja das ! - Nach seinem vorigen Schreiben bleibt er noch sein Jahr . « - » So versteh ' ich ihn nicht « , sagte Albano . Er wurde an demselben Abend auf herkulanische Bilderbücher - die mit Charitons Brief eine Post genommen hatten - von der Fürstin eingeladen . Sie trat ihm mit jener erheiterten Liebesmiene entgegen , welche man vor einem aufspannt , der vor uns sogleich , wie wir hoffen , seinen grenzenlosen Dank aus dem Herzen ziehen wird . Aber er hatte nichts daraus zu ziehen . Sie fragte endlich betroffen , ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten . Sie vergaß , daß die Post gegen kein Haus höflich und eilig ist als gegen das Fürstenhaus . Da aber sein Brief schon gewiß in seinem Zimmer lag : so erlaubte sie sich , die Rolle der Zeit zu nehmen , welche alles an den Tag bringt , und sagte , was im Briefe stehe , » daß sie nämlich im Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom unternehme , auf der sie sein Vater begleiten werde und er diesen , wenn er wolle ; das sei das ganze Geheimnis « . - Es war das halbe ; denn sie setzte bald darauf hinzu , daß sie der besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende , sobald diese nur genese - Lianen . Wie plötzlich das ganze Herz freudig erleuchtet wird , wenn nach einem langen finstern Regentage endlich abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein goldnes , offnes Abendtor wölbt , darin rein-glänzend wie in einer Rosenlaube vor der widerscheinenden Erde steht , ihr einen schönern Tag ansagt und dann mit warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaube : so war es unserem Albano . Der schöne Tag war noch nicht da , aber der schöne Abend . Er ließ die herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte , so schnell als es die Dankbarkeit vergönnte , zum Blatte des Vaters zurück , der so selten eines gab . Es war dieses da : » Liebster Albano ! Meine Geschäfte und meine Gesundheit sind endlich in solcher Ordnung , daß ich meinen Plan bequem ausführen kann , den ich mit der Fürstin vorhabe , eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen , zu der ich dich einlade und im Oktober selber abhole . Die übrige Reisegesellschaft wird dir nicht mißfallen , da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht , Herrn v. Bouverot , Herrn Kunstrat Fraischdörfer , Herrn Bibliothekar Schoppe ( wenn er will ) . Leider muß Herr v. Augusti als Lektor zurückbleiben . Dein Lehrer in Rom ( Dian ) erwartet dich mit vieler Sehnsucht . Man hat mir geschrieben , daß du die neue Hofdame der guten Fürstin , Fräulein v. Fr . , deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne , besonders begünstigest . Es wird dich daher interessieren , daß die Fürstin sie auch mitnimmt , zumal da ihr , wie ich höre , eine Gesundheitsreise so nötig ist wie mir . - Im Frühling , der ohnehin nicht die schönste Jahreszeit in Italien ist , kehrest du wieder zu deinen Studien nach Deutschland zurück . - Noch etwas im Vertrauen , mein Bester ! Man hat meiner Mündel , der Gräfin von Romeiro , deine Geister-Visionen aus Pestitz unverhohlen mitgeteilt . Da sie nun den Herbst und den Winter während meiner Abwesenheit bei ihrer Freundin , der Prinzessin Julienne , zubringt und noch dazu eher ankommt als ich : so lasse dich es nicht frappieren , daß sie deiner Bekanntschaft ausweicht , weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht aufgefodert findet . In der Tat konnte man - wenn die Spielerei anders einen ernsthaftern Zweck hat - wohl kein schlechteres Mittel dazu erwählen . - Du wirst tun , was die Ehre gebietet , und ob sie gleich meine Mündel ist , sie nicht zudringlich aufsuchen . Alles bleibt unter uns . Addio ! G. v. C. « Diese Aussichten - die erhebende , neben dem Vater so lange zu sein - die heilende , aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres , leichteres Land - die schmeichelnde , daß das kranke , geplagte Herz im Bergschlosse vielleicht in Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde , auch wohl wieder gebe - diese Aussichten waren , was die Freuden der Menschen sind , sehr schöne Spaziergänge im Hofe des Gefängnisses . Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda - aber nicht seinet- , sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen . Wie feindselig muß dieses fremde Irrlicht , dacht ' er , in den nächtlichen Kampf aller gegeneinander rennenden Verhältnisse hüpfen ! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabette mit ihren einsamen Wünschen allein zu lassen ; sie schickte wöchentlich ihre durch einen Einschluß an Albano - sonst wars umgekehrt - , briefliche Seufzer und Tränen , die er alle kalt einsteckte , ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen . Albano - im stillen Lianen und Rabetten abwägend - beklagte selber das ungleiche Los seines übereilten Freundes , über dessen Sonnenpferde nur eine Amazone und Titanide , aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel werfen konnte und dessen Psyches- und Donnerwagen ihm zu gut schien zu einem bloßen ehelichen Post- oder Kinderwagen . Erwürgend wird sich alles durcheinanderschlingen , dacht ' er , wenn er , am Traualtar mit Rabetten kniend , zufällig aufsieht und unter den Zuschauerinnen die unvergeßliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstammeln muß ! Er war daher zweifelhaft , ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe , aber doch nicht lange ; » soll ich dem Freund « ( sagt ' er ) » verhehlen und vorgaukeln ? Darf ich ihn als schwach voraussetzen und die Beschleunigung der Verhältnisse scheuen , die doch mit Ihr kommen ? « Sobald Karl zu ihm kam , sagt ' er ihm zuerst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreise ; bewegt von der ersten Trennung seines Jugendfreundes . Der Hauptmann - dessen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte - war auf der Stelle nicht vermögend , beträchtliche Empfindungen über den Abschied zu haben und zu malen . Da gab ihm Albano - über die Lippe konnt ' ers nicht bringen - den ganzen Brief . Unter dem Lesen wurde Roquairols ganzes Gesicht häßlich , sogar in des Freundes Auge . - Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano , daß dieser es erwiderte unwillkürlich und unwissend . » O , wahrlich , ich versteh ' alles « ( sagte Karl ) - » So mußt ' es sich lösen . Warte nur bis morgen ! « Alle Muskeln an ihm waren rege , alle Züge irre , alles bewegt , so wie im heftigen Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln . Albano wollte ihn fragen und halten . » Morgen , morgen ! « rief er und stürmte davon . 87. Zykel Am Morgen erhielt Albano einen sonderbaren Brief von Roquairol , zu dessen Verständnis einige Nachrichten von seinem Verhältnis mit Rabetten vorausstehen müssen . Nichts ist schwerer , wenn man seinen Freund recht liebt , als dessen Schwester kaum anzusehen . Nichts ist leichter - nur das Umgekehrte ausgenommen - als nach der Entzauberung durch , Stadtherzen die Bezauberung durch Landherzen . Nichts ist einem Simultanliebhaber , der alle liebt , natürlicher als die Liebe gegen eine darunter . Es braucht nicht erwiesen zu werden , daß der Hauptmann in allen drei Fällen auf einmal gewesen , da er zum ersten Male zu Rabetten sagte , sie habe sein sogenanntes Herz . Sie hätte freilich die Hamadryade in einem solchen Giftbaum , durch dessen Saft so viele Amors-Pfeile vergiftet wurden , nicht so nahe anbeten sollen ; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den männlichen Vorzügen gegen den männlichen Mißbrauch davon verblendet . Anfangs ging manches gut ; die reine Unschuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widernatürlichen Bund . Das Vorzüglichste war , daß er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabetten bedurfte als die - Ohren ; Lieben war bei ihm Sprechen , und Handlungen sah er bloß für die Zeichnung unserer Seele , Worte aber für die Farben an . Es gibt eine doppelte Liebe , die der Empfindung und die des Gegenstandes . - Jene ist mehr die männliche , sie will den Genuß ihres eignen Daseins , der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopische Objekt- oder vielmehr Subjekt-Träger , worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt ; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen , wenn nur die Flamme , in die sie als Brennstoff geworfen werden , hoch fortlodert ; und durch Taten , die immer lang , langweilig und beschwerlich sind , genießet sie sich weniger als durch Worte , die sie zugleich malen und mehren . Hingegen die Liebe des Gegenstandes genießet und begehret nichts als das Glück desselben ( so ist meistens die weibliche und elterliche ) , und nur Handlungen und Opfer tun ihr Genüge und wohl ; sie liebt , um zu beglücken , wenn jene nur beglückt , um zu lieben . Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet . Daher mußt ' er so viel Worte machen . Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar ; am Rheinfall wär ' er nicht von der besten , nämlich gerührtesten Laune gewesen , bloß weil er zum Lobe desselben - da der Fluß alles überdonnert - nichts hätte vorbringen können vor erhabenem Lärm . Sein Roman mit Rabetten nach der Liebes-Erklärung war in verschiedene Kapitel abgeteilt . Das erste Kapitel bei ihr versüßte er sich dadurch , daß sie ihm neu war und zuhörte und bewundernd gehorchte . Er schilderte ihr darin große Stücke von der schönen Natur ab , mischte einige nähere Rührungen dazu und küßte sie darauf ; so daß sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoß , in der redenden und in der handelnden ; von ihr wollt ' er , wie gesagt , nur ein Paar offne Ohren . In diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer - Heirat an ; die Männer vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Wert und der Dauer derselben . Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin selig in den Tränen , aus denen er es zu schreiben suchte . In der Tat gewährte ihm diese Augenlust mehr wahre Freude als fast die besten Kapitel . Wenn er so neben ihr saß und trank - denn wie ein totes Fürsten-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche - und nun anfing zu malen sein Leben , besonders seinen Tod , und seine Leiden und Irrtümer vorher und seinen Selbst- und Knabenmord auf der Redoute und seine weggestoßene Liebe für Linda : wer war da mehr zu Tränen bewegt als er selber ? - Niemand als Rabette , deren Augen - durch ihren Vater und Bruder so wenig mit Männertränen bekannt geworden als mit Elefanten- , Hirsch- und Krokodilstränen - desto reicher in seine Trauer und Liebe , aber nicht so süß als bitter überströmten . Das goß wieder neues in seine Flamme und Lampe , bis er am Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Goethe die Besen , welche Wasser zutrugen , nicht mehr regieren konnte . Poetische Naturen haben eine mitleidige ; gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt , der die gebrochnen Glieder sogleich wieder ordnet , ja sogar vorher die Stellen der Quetschungen reguliert . Der Mann sollte nie seinetwegen , ausgenommen vor Entzückung , weinen . Aber Dichter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer , welche - gerade als Widerspiele der verbrannten Zauberinnen - leichter weinen , obwohl mehr vor Bildern als vor dem rohen , wunden Unglück selber , um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen . Trauet nicht ! Auf dem Machinellen-Giftbaum werden die Regentropfen giftig , die von seinen Blättern rollen . Indes muß es nie verschwiegen werden , daß der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluß bestärkte , die gute und so weiche Rabette wirklich zu - ehelichen ; » du weißt , « ( sagt ' er zu sich ) » was im ganzen an den Weibern ist , ein paar Mängel auf oder ab tun wenig ; deine männliche Narrheit , sie wie die Zins- und Deputattiere ohne Fehl zu fodern , ist doch wohl vorüber , Freund . « - Jetzt setzt ' er sich hin , um zu seinem dritten Kapitel einzutunken , worin er spaßte . Seine Lippen-Allmacht über das zuhorchende Herz erquickt ' ihn dermaßen , daß er häufige Versuche machte , ob sie sich nicht halb tot lachen könnte . Weiber nehmen in der Liebe aus Schwäche und Feuer das Lachkraut am leichtesten ; sie halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden - und beweisen damit die Unschuld ihres Auslachens . Aber Roquairol liebte die Lachende weniger . In seinem vierten Kapitel - oder Sektor , oder Hundsposttag , oder Zettelkasten , oder wie ich sonst ( lächerlich genug ) statt der Zykel abteile - in seiner vierten Jobelperiode , sag ' ich , hielt es sozusagen härter mit ihm . Rabette wurd ' es endlich gewohnt und satt , daß er immer abstieg und den zwischen den Rädern hängenden Teertopf der Tränendrüse aufmachte , um den Trauerwagen zu teeren . Tiefes Rühren und Bewegen wurd ' ihm täglich sauerer gemacht und vergället , er mußte immer längere und grellere Trauerspiele geben . Da fing er an zu merken , daß die Zunge des Landmädchens nicht eben die größte Landschaftsmalerin , Seelenmalerin und Silhouettrice sei und daß sie zu ihm wenig mehr zu sagen wisse als : du mein Herz ! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltnere Besuche ; das half wieder viel , aber kurz . Glücklicherweise gehörte die halbe Meile von Pestitz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und Strahlen ; in der Stadt , in einer Straße oder gar unter einem Dache wär ' er zu kalt geblieben vor Nähe . Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte oder das Wechselkapitel , das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von Vorwürfen und Versöhnungen aufbläset , so daß beide sich , wie elektrische Körper kleine , wechselnd anziehen und abstoßen . Zuweilen trank er nichts und fuhr sie bloß an , zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr : » Ich bin der Teufel , du der Engel . « Den größten Stoß gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall , den er ihr wider Verhoffen schenkte . Dem Hauptmann war gänzlich so , als begeh ' er die Silberhochzeit , wenn er einmal die goldne feiere . Im Dienste der Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau ; er war schon gegen die Silberbraut moralisch-kahl . Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flammensonntag in Lilar144 alle Vernachlässigungen und Sünden so weit , daß er am Sonntag imstande war , sie zu verfluchen ; nur nach Zürnen und Sündigen konnt ' er leichter lieben und beten , wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt , auf den Rücken gekehrt . Es ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen , wenigstens entgangen , daß Roquairol morgens mit Rabetten im Flötentale gesessen - daß Rabette da beklommen und einsam gesungen - und daß er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten Freunde aufgestoßen . Die Tal-Sache ist natürlich : nach so langem Kühl- ( nicht Kalt- ) Sinn - an diesem luftigen , freien Otaheiti-Tage - bei so vielem , was er in den Händen hatte ( eine fremde - und eine Flasche ) - neben ihrem Herzen , so warm und doch so ruhig wie die Sonne droben - neben der einsamen Waisen-Flöte , die er rufen ließ - und bei seinem herzlichsten Wunsche , von einem solchen Tage und Himmel etwas zu profitieren - - da sah er sich ordentlich genötigt , wahre Rührung vorzuholen , über seine Vergangenheit sich auszulassen ( er glich den alten Sprachen , die nach Herder viele Präterita und kein Präsens haben ) - ja über seinen Tod ( auch ein Bruchstück der Vergangenheit ) - und dann wie auf einem Himmelswege weiterzugehen . Freilich ging er nicht weit ; er ließ wieder sein heil . Januars-Blut flüssig werden , nämlich seine Augen , und also vorher sein eignes und foderte dann der entzückten , im schönsten Himmel umhergeschleuderten Seele nichts Geringeres ab als - da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergeworfnen - ein schwaches Singen . Rabette konnte nicht singen , sie sagte es , sie weigerte sich , sie sang endlich ; aber sie dachte unter dem leeren Singen an nichts weiter als an ihn und sein wildes , nasses Gesicht . Das schlimmste Kapitel unter allen , die er in seinen Roman brachte , ist wohl das sechste , das er in der Illuminationsnacht in Lilar niederschrieb . Anfangs hatt ' er die stumme , glanzlose Zuschauerin einsam stehen lassen , indem er hinter dem Venuswagen voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang . Allmählich kroch eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiß , dem ein krankes Toben folgte . Da Mäßigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist : so nahm er zu dieser kräftigen Arzenei , um sie nicht in immer stärkern Dosen brauchen zu müssen , ungemein selten die Zuflucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie . Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan145 die Gestalten durch Füllen ; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaubte mit ihr , gegen sie weich oder gut zu sein , da ers bloß gegen alle war . Er wollte sie aus dem feindlichen Augen-Heer entführen , um bei ihr den Kuß zu suchen , dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab ; aber sie weigerte sich , weil da , wo das Auge aufhört , der Verdacht anfängt , als er zum Unglück die Blinde aus Blumenbühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wache Rabettens rufen konnte , um diese aus der Versuchung unter Menschen in die Versuchung in die Wüste zu führen . Sie ungestüm-liebend an sich drückend wie nie - daß die arme , diesen Abend so verlassene Seele über die Wiederkehr aller ihrer Freuden weinte - und zu ihr redend wie ein Engel , der wie keiner handelt , gelangt ' er mit ihr im stillen Tartarus , wo alles blind und stumm war , unwillkürlich an . Rabette hatte die Blinde nicht entlassen ; aber als sie in den Katakombengang eingingen , der nur zwei Personen fasset , wenn nicht die dritte im Wasser schleichen will , wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt , um so mehr da er sich nicht gern von einer überflüssigen Zuhörerin wollte hemmen lassen . Und was war denn mitten im Guckkasten des Grabes auch zu scheuen ? Drinnen sprach er über die überall ausgestreckten Zeigefinger des Todes , » und daß sie hinwiesen , das Leben , so dumm es auch sei , nicht noch dümmer zu machen , sondern lustig « . Er setzte sich mit ihr liebkosend - wie der Würgengel unsichtbar neben dem blühenden Kinde sitzt , das im alten Gemäuer spielt und dem er den schwarzen Skorpion in die zarten Händchen drückt - ; es war die Stelle , wo er mit Albano , gegenüber dem Gerippe mit der Äolsharfe , in der ersten Bundesnacht gesessen , als ihm der Freund die Entsagung Lindas beschwor . Seine Zunge strömte wie sein Auge - Er war weich , wie nach dem Volksglauben Leichen weich sind , denen Traurende nachsterben - Er warf Feuer-Kränze in Rabettens Herz , aber sie hatte nicht wie er Wortströme zum Löschen - sie konnte nur seufzen , nur umarmen ; und die Männer versündigen sich am leichtesten aus Langerweile an guten , aber langweiligen Herzen - Schneller sprangen Lachen und Weinen , Tod und Scherz , Liebe und Frechheit ineinander über ; das moralische Gift macht die Zunge so leicht als physisches sie schwer - Die Arme ! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose , aus der , sobald ein Blatt gezogen ist , leicht alle gepaarte nachfallen ; seine wilden Küsse brachen die ersten Blätter aus - Dann sanken andere - Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Katakombe herauf - Umsonst ! - Der schwärzeste Engel , der gern foltert , aber lieber Unschuldige als Schuldige , hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen , um ihn als Mordbrand in die Höhle zu tragen . Der Wehrlosen enges , armes Lebens-Gärtchen , worin nur wenig wächst , steht auf dem langen Minengang , der unter Roquairols ausgedehnten Lustlagern wegläuft ; und der schwärzeste Engel hat die Minen-Lunte schon angesteckt - Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter . Noch steht ihr Gärtchen voll Sonnenschein , und seine Blumen wiegen sich - der Funke nagt ein wenig am schwarzen Pulver , plötzlich reißet er einen ungeheuern Flammen-Rachen auf und das grüne Gärtchen taumelt , zersprengt , zerstäubt , in schwarzen Schollen aus der Luft herab an ganz fernen Stellen - Und das Leben der Armen ist Dampf und Gruft . - Aber Roquairols ausgebreiteten , weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks widerstanden dem Erdstoße viel kräftiger . Beide traten dann betrübt - denn dem Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert - aus dem Miniergange heraus , trafen aber die Blinde nicht mehr an , die suchend sich verlaufen hatte , sondern stießen nur dem umherirrenden Albano auf , der sehr trauerte und tobte , ob er gleich diesen Abend nichts verloren hatte als - Freuden . Lasset uns die Betrogne