es sich noch zur höchsten Ehre rechnen müsse , der » weltberühmten , schönen , fetten , veilchenbekränzten Athenä « ihren uralten Glanz wiedergegeben zu haben , und dem sie nicht den geringsten Dank schuldig wären , wenn er ihre Mauern auch mit gediegenem Golde hätte überziehen lassen . Aus diesem Tone kann man sie wenigstens an allen öffentlichen Orten täglich blasen hören . Sie bauen nun wieder ein Nephelokokygia über das andere ins Blaue hinein , immer voraussetzend die Schätze des großen Königs würden ihnen ewig zu Gebote stehen , ob sie es schon der Mühe nicht werth halten , sich seines Wohlwollens durch eine dauerhafte Verbindung seines Interesse mit dem ihrigen zu versichern . Was die Folgen dieses demokratischen Stolzes und der falschen Maßregeln , wozu er sie verleiten wird , seyn müssen , läßt sich , ohne daß man ein Tiresias zu seyn braucht , leicht voraussehen . Aber die kurzsinnige Attische Aufgeblasenheit sieht nichts voraus , wird durch keine Erfahrung klüger , und begeht alle ihre großen und kleinen Thorheiten immer als ob es das erstemal wäre . - Doch , kein Wort weiter von Athenischen Staatsverhältnissen und demokratischen Albernheiten ! Weiß ich denn nicht , wie widerlich und langweilig dir , mit Recht , diese Dinge sind ? Auch soll es das letztemal seyn , daß ich dich damit behellige ! - Ein anderes wär ' es , wenn ich dir von Zeit zu Zeit eine Aristophanische Komödie im Geschmack der Acharner , der Ritter und der Vögel mitzutheilen hätte , die dir ohne einen kleinen Commentar nicht immer verständlich wären . Aber solche Früchte bringt der Attische Boden nicht mehr hervor . Die Wiederherstellung der Demokratie hat zwar das Gesetz gegen den Mißbrauch der ungezügelten Freiheit der alten Komödie83 ziemlich unkräftig gemacht : aber Zeit und Umstände scheinen unvermerkt auch auf diesen Zweig der öffentlichen Unterhaltung zu wirken , und ich betrachte die Komödie , wie ich sie seit meiner Zurückkunft finde , als den Uebergang zu einer künftigen neuen Gattung , deren regelmäßigere und elegantere Form eine natürliche Folge der , in umgekehrtem Verhältniß mit der Abnahme der demokratischen Ungezogenheit , immer steigenden Verfeinerung des Geschmacks und der Sitten seyn wird . Indessen läßt gleichwohl die leichtfertige Muse des Dichters der Wolken weder ihrer unnachahmlichen Genialität noch ihrem gewohnten Muthwillen so enge Schranken setzen , daß sie sich nicht noch immer bald einzelne Hiebe mit derselben Geißel , die vor dreißig Jahren einen Kleon bis auf die Knochen zerfleischte , bald Züge von eben demselben neckenden Spott , womit sie einst einen Lamachus , Euripides , Nicias , Alcibiades , ja den unsträflichen Sokrates selbst verfolgte , und bei jeder Gelegenheit die bittersten Sarkasmen über das Volk und die Regierung von Athen erlauben sollte . Sein neuestes Stück , der Weibersenat84 betitelt ( welches ich für dich abschreiben lasse ) , enthält ziemlich starke Beweise hiervon , ist aber dabei so ekelhaft schmutzig , daß ich , wiewohl es von feinerem Witz und trefflichen Einfällen strotzt , mir doch kaum getraue es dir vor die Augen zu bringen . Eine meiner ersten Angelegenheiten , nachdem ich von meiner neuen Wohnung Besitz genommen hatte , war , die alte Bekanntschaft ( Freundschaft kann ich sie ehrlicher Weise nicht wohl nennen ) mit den Attischen Sokratikern zu erneuern . Der gute Kriton war seinem geliebten Freunde schon vor einigen Jahren in das unbekannte Land nachgezogen , wovon Plato in seinem Phädon so viel Wunderbares zu berichten hat . Stilpon lebt zu Megara , Cebes und Simmias sind nach Theben zurückgekehrt , und streuen dort guten Sokratischen Samen aus . Unter den Anwesenden wurde ich von dem wackern Gerber Simon , von Kritobulus ( der unserm Meister durch sein Leben als Hausvater und Bürger Ehre macht ) und von Aeschines , des Lysanias Sohn , am freundlichsten empfangen ; von Plato kalt und vornehm , von Antisthenes ( der mit den Jahren nicht milder geworden ist ) ein wenig - cynisch . Es war als ob er mich erst von allen Seiten beschnuppern müßte , bevor er mich erkannte und einige Freude über unser Widersehen äußerte ; welches letztere übrigens all bejahrten Leute zu thun pflegen , wenn ihnen ein jüngerer Bekannter nach langer Zeit wieder zu Gesichte kommt . Im Grund ist es nicht so wohl das Vergnügen über unser Daseyn , als die Freude darüber daß sie selbst noch da sind , was sie uns dadurch zu erkennen geben . Ich fange an sehr lebhaft zu fühlen , daß uns beim Eintritt in die männlichen Jahre , eine bestimmtere Art von Beschäftigung immer unentbehrlicher wird . Ohne gerad ' eine förmliche Schule zu eröffnen und ein Aristophanisches Phrontisterion aus meinem Hause zu machen , bin ich entschlossen , nach dem Beispiel des Sokrates und in seiner Manier ( sofern ich sie ohne Anmaßung und Nachäfferei zur meinigen machen kann ) einen Theil meiner Zeit einigen fähigen Jünglingen , die sich zu mir halten wollen , zu widmen . Zu diesem Ende ist ein gegen den Garten offener Säulengang meines Hauses täglich etliche Stunden einem jeden geöffnet , der sich darin ergehen und an der kleinen Gesellschaft , die sich da zusammen zu finden pflegt , als Mitsprecher oder als bloßer Zuhörer Antheil nehmen will . Diese Galerie ist mit auserlesenen Gemälden geziert , und unter einigen Stücken von Polygnotus , Zeuxis , Pausias , Parrhasius und Timanthes , glänzen die trefflichen Copeien von deinem Tod des Sokrates und dem Ende des unglücklichen Kleombrotus so sehr hervor , daß sie gewöhnlich die Augen der hierher Kommenden zuerst auf sich ziehen und am längsten festhalten . Mitunter fallen auch ziemlich komische Dialogen vor , wie z.B. der folgende , den ich dir , weil er mir noch ganz frisch im Gedächtniß liegt , zur Kurzweil mittheilen will . Ein edler junger Athener trat mit einem zierlich gekleideten fremden Jüngling Arm in Arm in die Galerie . Sie eilten mit flüchtigen Blicken von einem Bilde zum andern , und blieben endlich vor dem Tode des Sokrates stehen . Kein unfeines Stück , sagte der Athener mit einer kalten Kennermiene . Der Fremde . Was es wohl vorstellt ? Ich . Vermuthlich sich selbst . Der Fremde . Wie meinst du das ? Ich . Um mich deutlicher zu erklären , es ist eine Art von Räthsel oder Hieroglyph . Athener . Das nenn ' ich sich deutlich erklären ! Es gehört also ein Schlüssel dazu ? Ich . Er steckt im Gemälde . Der Fremde . Wie kriegt man ihn aber heraus ? Ich . Jeder muß ihn selbst finden ; darin liegt ja der Spaß bei allen Räthseln . Der Athener . Wenn ' s der Mühe des Suchens werth ist . Der Fremde . Ich wollte wetten , dieses hier stellt den Tod des Sokrates vor . Ich . Ich auch ; aber wenn du darauf wetten wolltest , warum fragtest du ? Der Fremde . Um meiner Sache gewiß zu seyn . Nun sehe ich wohl , je länger ich ' s betrachte , daß es nichts anders ist . Ich kenne die meisten dieser Männer von Person ; sie sind zum Sprechen getroffen . Den alten Philosophen hab ' ich freilich nicht mehr besuchen können , weil er schon lange todt war ; aber man erkennt ihn auf den ersten Blick an seiner Silenengestalt , an der aufgestülpten Nase und an dem Giftbecher , den er so eben aus der Hand des Nachrichters empfangen hat . Ich . Gut für mich , daß der Maler dieses Bildes uns nicht zuhört . Der Fremde . Wie so , wenn man fragen darf ? Ich . Weil er seine Arbeit in den nächsten Ziegelofen werfen würde , wenn er dich so reden hörte . Der Fremde . Ich dächte doch nicht daß ich etwas so Unrechtes gesagt hätte . Es verdrießt dich doch nicht , daß ich den Schlüssel zu deinem Räthsel so leicht gefunden habe ? Ich . Als ob man dir so was nicht auf den ersten Blick zutraute ? Der Fremde . Gar zu schmeichelhaft ! Ich gebe mich für keinen Oedipus ; aber das darf ich sagen , mir ist noch kein Räthsel vorgekommen , das ich nicht errathen hätte . Ich . Mit Erlaubniß , was bist du für ein Landsmann ? Der Fremde . Ein Abderit , zu dienen . Ich . So denk ' ich wir lassen das Gemälde wo es ist . Der Fremde . Zum Verbrennen wär ' es wirklich zu gut . Der Athener . Das sollt ' ich auch meinen . Wenn es dir über lang oder kurz feil werden sollte , lieber Aristipp , so bitt ' ich mir den Vorkauf aus . Es hat ein warmes Colorit , und sollte sich nicht übel in der Galerie ausnehmen , die ich nächstens von meinem alten Oheim , dem General , zu erben hoffe . Und hiermit schlenderten die jungen Gecken wieder fort . Das Lustigste ist , daß der Fremde ( der sich Onokradias85 nennt und ein Sohn des Archon von Abdera seyn soll ) von dieser Stunde an eine sonderbare Anmuthung zu meiner Person äußert , und mich allenthalben wo es nur immer angehen will , wie mein Schatten begleitet . Du wirst lachen , Kleonidas , aber ich habe wirklich große Lust einen Versuch zu machen , ob ich aus diesem Stück Feigenholz , wo nicht einen Mercur , wenigstens - einen leidlichen Abderiten schnitzeln könne . Der junge Mensch zeichnet sich durch eine ganz eigene Mischung von treuherziger Albernheit und plattem instinctartigen Hausverstand , mit einer Portion gutlauniger Schalkheit und angeborner Arglosigkeit versetzt , so sonderbar zu seinem Vortheil aus , daß ich mich leicht an seine Gesellschaft gewöhnen könnte . Vermuthlich um sich in desto größere Achtung bei mir zu setzen , machte er mich ungefragt mit seiner ganzen Familie bekannt . Sein Vater , zur Zeit erster lebenslänglicher Vorsteher der Republik Abdera , nenne sich ( sagte er ) Onolaus der Zweite . Mein Großvater , fuhr er fort , der als Nomophylax starb , führte meinen Namen , oder vielmehr ich den seinigen ; denn ihm zu Ehren nannten sie mich Onokradias . Mein Aeltervater Onages folgte seinem Vater Onolaus dem Ersten in der Würde eines Stadthauptmanns , und so ging ' s immer in aufsteigender Linie fort , so daß ich mich im Nothfall rühmen könnte , von einem der ältesten und verdientesten Häuser unsrer Republik abzustammen . - Aber , fragte ich ihn , was kann wohl , wenn diese Frage nicht unbescheiden ist , die Ursache seyn , warum deine Voreltern eine so sonderbare Vorliebe zu dem Wort onos gefaßt haben , daß von dem Aeltervater des Aeltervaters her alle eure Namen mit onos zusammengesetzt sind ? Nicht , als ob es euch in meinen Augen nicht zur Ehre gereichen sollte , daß ihr das Vorurtheil verachtet , welches gewissen Namen einen gewissen Einfluß - Ich verstehe , fiel er mir lachend in die Rede : wir könnten wohl mit gutem Fug stolz darauf seyn , daß wir vielleicht die Einzigen sind , die einem ungerechter Weise zurückgesetzten wackern Hausthiere die ihm gebührende Ehre nicht versagen . Wenigstens sehe ich nicht , warum Löwe und Wolf , oder Pferd und Ochs , die sich in so vielen Griechischen Namen hören lassen , hierin ein Vorrecht vor dem Esel haben sollten . Aber das ist denn doch die wahre Ursache dieser sonderbaren Familiensitte unsers Hauses nicht : dieser liegt eine eben so sonderbare Begebenheit zum Grunde . Einer meiner Ahnherren lag an einem Brustgeschwür so krank darnieder , daß die Aerzte versicherten , der Augenblick , da es aufbräche , würde der letzte seines Lebens seyn . In banger Erwartung standen alle seine Kinder und Hausgenossen um ihn her , als der Kranke durch die offne Thür seines Gemachs einen Esel erblickte , der von ungefähr über einen großen Korb voll Feigen gerathen war , und während er mit der gierigsten Freßlust in dieses ihm so ungewohnte Ambrosia hineinarbeitete , sein eselhaftes Wohlbehagen durch die seltsamsten Maulverzerrungen zu erkennen gab . Dieser Anblick kam dem Kranken so possierlich vor , daß er in ein heftiges Gelächter ausbrach , wovon das besagte Geschwür so glücklich zerplatzte , daß seine Brust in wenig Augenblicken wieder frei ward , und es dem Arzte nun ein Leichtes war , den Kranken in kurzer Zeit gänzlich wieder herzustellen . Sofort beschloß mein Anherr im ersten Feuer seiner Dankbarkeit , das Andenken einer so wunderbaren Rettung auch auf eine außerordentliche Art in seiner Familie zu verewigen . Er nahm nicht nur selbst auf der Stelle den Namen Onogelastes an , sondern legte zugleich seinem Sohn und seinem Enkel die Namen Onobulus und Onomemnon bei , und verordnete als ein unverbrüchliches Familiengesetz , daß von nun an zu ewigen Zeiten alle seine Abkömmlinge männlichen Geschlechts keine andern als mit onos zusammengesetzte Namen führen sollten . Ueberdieß machte er auch eine Stiftung , aus welcher , bereits über dreihundert Jahre lang , jährlich an dem Tage des besagten Wunders allen Eseln in ganz Abdera zehn trockne Feigen auf den Kopf gereicht werden ; daß also das Gedächtniß dieser Begebenheit sogar die gänzliche Erlöschung unsrer Familie ( welche die Götter verhüten wollen ! ) überleben , und wenigstens so lange dauern wird , als die Stadt Abdera auf ihren Fundamenten stehen bleibt . Ich weiß nicht , Kleonidas , ob ich dich um Vergebung bitten muß , daß ich dich mit solchen Albernheiten unterhalte ; mir ist ein Mensch wie dieser Onokradias in seiner Art eben so merkwürdig , als irgend ein anderer ausgezeichneter Mann in der seinigen . Der Fehler ist nur , daß ich dir den Ton und die Miene des ehrlichen Abderiten nicht unmittelbar darstellen kann . Gewiß , du würdest finden , daß ich nicht so Unrecht habe , diesen würdigen Abkömmling des edeln Onogelastes in mein Herz zu schließen . Eurybates erinnert sich euer oft und mit vielem Wohlwollen . Die schöne Droso besitzt nicht nur die Gabe glänzende Eroberungen zu machen ; sie weiß sich auch in ruhigem Besitz derselben zu erhalten , und unser Freund scheint die leichten goldnen Kettchen , womit sie ihn an sich gefesselt hat , mit sehr guter Art zu tragen . Sie hat ihn mit einem Sohne beschenkt , der ihm an Gestalt und Sinnesart so ähnlich ist , daß er sich ( was nicht bei allen Athenern der Fall seyn soll ) ohne sich selbst oder andern lächerlich deßwegen vorzukommen , ganz laut zu ihm bekennen darf . Ich brauche dir nicht zu sagen , wie groß mein Verlangen nach guten Nachrichten von meinen Geliebten in Cyrene ist , und wie sehr ich dir ' s danken werde , wenn du einen Weg ausfindig machst , wie wir uns oft und sicher schreiben können . Melde mir auch mit zwei Worten , wie das neue Räderwerk eurer Republik geht , und sage meinem guten Bruder viel Freundliches in meinem Namen . 23. An Lais . Ich bin dir , Dank sey den Göttern , wieder so nahe , meine schöne Freundin , als es die stolze Minervenstadt » dem reichen mit schönen Kindern prangenden Vorhof des Isthmischen Poseidons « ist.86 Im Grunde thut freilich , wenn man einander nicht mit den Armen oder wenigstens mit den Augen erreichen kann , eine halbe Parasange für den Augenblick so viel Wirkung als ein halbtausend : aber die Vorstellung , daß ich jetzt nur zwei Tage brauche , um in deinen Armen zu seyn , ist doch etwas ganz anderes , als der trübselige Gedanke , daß eine ganze Odyssee voll Länder , Gebirge , Ströme und Meere zwischen uns liegt ; was noch vor wenig Monaten der Fall deines landstreichenden Freundes war . Doch dieß ist nun hinter mir , und mit jedem Mondeswechsel rückt der Augenblick näher , der mich , wenn du anders noch ebendieselbe für mich bist , für die Entbehrungen von fünf langen Jahren entschädigen wird . Ich lass ' es nicht fehlen , täglich die andächtigsten Gelübde an den mächtigen Erderschütterer87 abzuschicken ; und mit welchem Zauber auch die neuaufgefrischten Reize der schönen Athenä , deiner einzigen Nebenbuhlerin , auf mich wirken mögen , dießmal soll mich gewiß nichts verhindern , auf der Veilchenbank deines stillen Myrtenwäldchens den Nachtigallen an deinem Busen zuzuhören . Uebrigens gesteh ' ich gern , daß der Aufenthalt zu Athen nach einer so langen Abwesenheit wieder große Annehmlichkeiten für mich hat . Ich lebe auf einem ganz hübschen Fuß , und mache doch einen so mäßigen Aufwand , daß ich mit dreihundert Drachmen des Monats reichlich auszulangen gedenke . Wenn du dich des Rebhuhns für funfzig Drachmen noch erinnerst , so wirst du hoffentlich meiner Frugalität das gebührende Lob nicht versagen , wiewohl sie in Vergleichung mit der Genügsamkeit eines Plato und dem täglichen Triobolon des Antisthenes noch immer den Vorwurf der Ueppigkeit verdient , der mir von den geschwornen Anhängern der Nothphilosophie gemacht wird . Ich würde mich leicht darüber trösten , wenn mir diese Herren nur von Zeit zu Zeit die Ehre erweisen wollten , sich zur Abwechslung mit einem kleinen Symposion in Cyrenischem Geschmack von mir beköstigen zu lassen : aber da sie ( den einzigen Aeschines ausgenommen ) zu einer so großen Herablassung zu stolz sind , so muß ich mich , wenn ich Gesellschaft haben will , schon mit tragischen Dichtern , Komödienmachern , Malern , Bildnern , Musikern , Kaufleuten , Seefahrern , reisenden Fremden und dergleichen , behelfen , und befinde mich , wie du mir gerne glauben wirst , nicht desto schlimmer dabei . Indessen lass ' ich mich weder die kalte Höflichkeit deines Günstlings Plato , noch die wolkenversammelnden Augenbrauen und die gerümpfte Nase des schmutzigen Antisthenes abschrecken , die Spaziergänge der Akademie und das Cynosarges öfters zu besuchen , und ich habe dieser Herablassung zwei gleich sonderbare und interessante , wiewohl sehr von einander abstechende Bekanntschaften zu danken ; die eine mit einem ausgemachten , übrigens sehr verständigen und witzigen - Narren ; die andere mit einem jungen Hermaphroditen , der entweder eine Art von Platonischem Androgyn88 , oder ( was ich eher glauben möchte ) weder mehr noch weniger als - ein verkleidetes Mädchen ist . Es wird dir vielleicht nicht unangenehm seyn , Laiska , wenn ich auch dich ein wenig näher mit diesen Merkwürdigkeiten des Cynosarges und der Akademie bekannt mache . Beim zweiten oder dritten Besuch , den ich dem alten Antisthenes abstattete , fand ich einen jungen Mann von Sinope bei ihm , der seine schmale Lebensweise anfangs vermuthlich aus bloßer Noth nachgeahmt haben mochte , sich aber bei der Unabhänglichkeit , die sie ihm verschaffte , so wohl befand , daß er den Sokratism in diesem Stücke noch weiter treibt , als Antisthenes selbst , und sich nicht wenig damit weiß , daß er alle seine Bedürfnisse in einem kleinen Quersack immer mit sich trage . - » Und was meinst du , fragte er mich lachend , was in meinem Quersack ist ? - Ein hölzerner Becher , eine halbe Metze Wolfsbohnen und ein alter schwarzgebrannter etwas gebrechlicher Napf aus der Verlassenschaft der königlichen Bettler des Euripides . Ich gestehe , vor wenig Tagen war ich noch um einen Haarkamm reicher , der aber einen Zacken weniger hatte , als eine meiner Hände ! Die besten Gedanken kommen uns wie durch Eingebung . Bin ich nicht ein Thor , dacht ' ich , indem ich von ungefähr meine Finger überzählte , daß ich , im Besitz eines Paars zehnmal bequemerer und zierlicherer Kämme , womit mir die Natur selbst ausgeholfen hat , mich noch mit einem so armseligen Kunstwerkzeug schleppen mag ? Fort damit , in den Ilissus ! « Diese seltsame aber genialische Laune , die mit zu viel Frohsinn gepaart ist , um geheuchelt zu seyn , und von der menschenfeindlichen Rohheit eines Timons und dem grämlichen Ernst des runzligen Antisthenes gleich stark absticht , würde mich anreizen , die Freundschaft dieses jungen Mannes zu suchen , wenn ihm sein Stolz nicht in den Kopf gesetzt hätte , daß die Freundschaft eines Menschen meiner Art für seinesgleichen nur ein euphemisches Synonym89 von Schmarotzerei und Unterwürfigkeit sey . Ich versuchte es einsmals , ihn zu einem sehr frugalen , ächt Sokratischen Abendessen einzuladen . » Wenn ich keine Wolfsbohnen mehr in meinem Quersack finde , lade ich mich von freien Stücken bei dir ein , war seine Antwort . « - Wir sehen uns also nur zufälliger Weise . Vor einigen Tagen traf ich ihn bei einem Brunnen an , da er eben Wasser aus seiner hohlen Hand schlürfte . » Wer sollte gedacht haben , sagte er zu mir , daß ein Lehrling des weisen Antisthenes durch einen Betteljungen noch weiser werden könnte ? Es sind noch nicht zwei Stunden , daß ein geborner Philosoph aus dieser Zunft mich von der Entbehrlichkeit meiner hölzernen Trinkschale überzeugt hat . Ich habe sie , fuhr er lachend fort , dem vierzähnigen Kamm in den Ilissus nachgeschickt . « - Was fehlt wohl diesem Narren , um reicher und glücklicher zu seyn als ein König ? Nun auch etwas von meinem neuentdeckten Hermaphroditen . Als ich die Akademie , wo Plato sich nicht selten öffentlich hören läßt , zum erstenmale besuchte , zog ein schöner Jüngling meine Augen auf sich , der kaum siebzehn Jahre zu haben schien , und sich immer , so nah er konnte , zu Speusippus hielt . Man sagte mir , er nenne sich Kleophron , sey der Sohn eines Bildhauers von Sicyon , und , von einer heftigen Liebe zur Philosophie entbrannt , nach Athen gekommen , wo er jetzt einer von Platons eifrigsten Schülern sey . Der junge Mensch , wie er merkte daß ich ihn aufmerksamer als andere betrachtete , schlug seine großen rabenschwarzen Augen so mädchenhaft erröthend nieder , daß mich sogleich ein Zweifel anwandelte , ob der vergebliche Kleophron nicht etwa die schöne Lasthenia seyn könnte , mit welcher Speusipp ( wie du mir vor geraumer Zeit schriebst ) in deinem Hause Bekanntschaft gemacht hatte . Was mich in dieser Vermuthung bestätiget , ist der Umstand , daß von allen Freunden und Anhängern Platons gerade sein Neffe der einzige ist , der sich ( wiewohl mit einiger Behutsamkeit ) um meine Freundschaft zu bewerben scheint . Seit kurzem hat auch der schöne Kleophron angefangen sich mir zu nähern ; er ist sogar mit Speusipp in meine Galerie gekommen , um die Gemälde zu besehen , von welchen ( wie er sagte ) in Athen so viel gesprochen werde . Er machte einige Bemerkungen , welche stark nach der Quelle schmeckten , woraus er sie geschöpft hatte ; besonders schien er bei dem Bilde des unglücklichen Kleombrot mit Nachdenken und Rührung zu verweilen . Wenn dieser Sicyonische Knabe , wie ich nicht länger zweifele , deine Lasthenia ist , so muß ich ihr das Zeugniß geben , daß sie der von dir empfangenen Bildung durch ihre Sittsamkeit nicht weniger Ehre macht , als durch die Lebhaftigkeit ihres Geistes . Auch benimmt sie sich in allem mit so vieler Besonnenheit und Gewandtheit , daß ihr Geschlecht von niemand , der nicht , wie ich , schon vorher auf der Spur ist , so leicht entdeckt werden dürfte , insofern sie nur eine gute Ausrede bei der Hand hat , sich den Uebungen auf der Palästra zu entziehen . Plato wenigstens scheint nicht den mindesten Argwohn zu hegen , und die Liebe seines Neffen zu dem schönen Knaben um so weniger zu mißbilligen , da beide , der Liebhaber und der Geliebte , erklärte Verehrer des Systems der begeisterten Diotima sind , von welcher sein Sokrates die subtile Theorie der übersinnlichen Knabenliebe ( die er der Tischgesellschaft des gekrönten Dichters Agathon so redselig vorträgt ) in seiner Jugend gelernt zu haben vorgibt . Daß dieser Speusipp ein kleiner Heuchler ist , brauche ich dir nicht zu sagen ; im übrigen rechtfertigt er alles , was du mir von seiner Liebenswürdigkeit angerühmt hast , vollkommen , und ich gefalle mir sehr in seinem Umgang ; zumal da ich dadurch Gelegenheit erhalte , mit dem Geiste der Philosophie seines Oheims und mit seiner geheimen Lehre noch bekannter zu werden . Uebrigens bestätiget mich jeder Besuch , den ich in der Akademie und dem Cynosarges abstatte , in der schmeichelhaften Meinung , daß , wofern ich mich je entschließen sollte , mein bißchen Weisheit der Welt ebenfalls auf öffentlichen Straßen , Marktplätzen und Hallen , oder in Gärten , Gymnasien und Hainen aufzudringen , es sich am Ende leicht finden dürfte , daß der üppige , von seinen ehmaligen Cameraden ausgeschlossene und bei jeder Gelegenheit hämisch angestochene Aristipp von Cyrene , alles gehörig zurechte gelegt , noch immer der ächteste unter allen Sokratikern ist . Diese Zeit ist vielleicht nicht mehr weit entfernt . Ich fühle daß mir zu einer völlig behaglichen Existenz nichts abgeht , als eine bestimmte Beschäftigung , und die angenehme Selbsttäuschung , daß ich der Welt zu etwas nütze sey . Ich habe seit zehn Jahren viel gesammelt , in der That mehr als ich für meinen eigenen Bedarf nöthig habe . Ich muß mich des Ueberflüssigen entladen , und andern mittheilen , was ich entweder für mich selbst nicht brauche , oder was man mittheilen kann , ohne selbst ärmer zu werden . Indem ich andre lehre , bringe ich meinen eigenen Vorrath alles dessen , was ich durch Erfahrung , fremden Unterricht , Reisen , Forschen und Nachdenken erworben habe , in bessere Ordnung , sehe was davon für mich selbst und andere brauchbar ist , und werde im Grunde nur desto reicher , je mehr ich wegzugeben scheine . Ich melde dir dieß vorher , damit du dich nicht gar zu sehr entsetzest , wenn dir zu Ohren kommen sollte , Aristipp mache zu Athen den Sophisten , und habe einen Haufen offner Geelschnäbel , die sich von ihm ätzen lassen , um sich her so gut als ein anderer . Auf alle Fälle wirst du , hoffe ich , das Beste von mir denken , und mir zutrauen , daß ich niemanden Kohlen für Gold verkaufen werde . Wie nahe mir auch zuweilen meine Einbildungskraft unser Widersehen vor die Augen rückt , so kann ich mir doch nicht verbergen , daß bis dahin noch fünf ganze Monate mit schweren bleiernen Füßen vorüber kriechen werden . Wie betrügen wir einen so langen zwischen uns liegenden Zeitraum ? Deine Briefe allein , beste Laiska , könnten ihn verkürzen , indem sie ihn in eben so viele kleinere theilten , durch welche ich , in stetem Wechsel von Erwartung und Genuß , wie von einer kleinen Insel zur andern , über diesen langweiligen Sund hinüber schwimmen würde . 24. Lais an Aristipp . Sollte wohl mein alter Freund Aristipp im Ernst zweifeln können , ob ich noch eben dieselbe für ihn sey ? Ich will es nicht glauben ; denn was würde mir ein solcher Zweifel anders sagen , als er selbst sey nicht mehr eben derselbe für mich ? Da die Natur mir , ich weiß nicht wie viel oder wie wenig , dadurch versagte , daß sie mich der tragikomischen Leidenschaft , die man Liebe nennt , unempfänglich gemacht hat , so ist sie dagegen so gerecht , oder so gütig gewesen , mich desto reichlicher mit allen Eigenschaften und Tugenden auszustatten , die zu einer warmen , wenig eigennützigen , aber desto beharrlichern Freundschaft erfordert werden . Ueberdieß hat die meinige , ohne den geringsten Zusatz von den Unarten und Quälereien der Liebe , so viel von ihren Annehmlichkeiten , daß ich glaube , man sollte sich damit behelfen können , ohne daß man sich darum eben viel auf seine Genügsamkeit einzubilden hätte . Deine dermalige Einrichtung und Lebensweise zu Athen hat meinen ganzen Beifall , und besonders wünsche ich dir zu deiner guten Wirthschaft Glück . Noch fehlt viel , da ich mich hierin mit dir messen dürfte ; denn die Summe , womit du einen ganzen Monat auszukommen gedenkst , reicht in einer Haushaltung wie die meinige öfters kaum zwei Tage . Du wirst über meine leichtsinnige Gleichgültigkeit gegen die Folgen eines solchen Aufwandes erschrecken : ich muß dir also zum Troste sagen , daß ich vorsichtiger bin , als du mir zugetraut hättest , und durch Vermittlung meines Freundes Euphranor ( dessen älterer Bruder in einem großen Handelsverkehr mit Cypern , Aegypten und den Küsten des Arabischen Meerbusens steht ) Mittel und Wege gefunden habe , ein sehr beträchtliches Capital so vortheilhaft geltend zu machen , daß eine doppelt so große Ausgabe als meine gewöhnliche ist meine Freunde nicht beunruhigen darf . Laß dich also , wenn du sehen wirst , daß es noch ziemlich auf Persischen Fuß bei mir zugeht , durch keine sorglichen Gedanken im frohen Genuß des Gegenwärtigen stören ; und wofern du über kurz oder lang in den Fall kommen solltest , deiner rühmlichen Frugalität noch engere Gränzen zu setzen , so bediene dich ungescheut der Rechte der Freundschaft , und schöpfe aus der Casse deiner Laiska wie aus deiner eigenen . Wir müßten es beide sehr arg treiben , wenn wir so leicht auf den Boden kommen sollten . Die Nothphilosophie des Cynosarges wäre ja wohl in einem solchen Fall eine Art von Zuflucht . Aber ( nichts von mir selbst zu sagen ) wie groß auch meine Meinung von der Gewandtheit ist , womit du dich in alle Launen des Glücks zu schicken weißt , so zweifle ich doch sehr , daß du es jemals so weit in der Kunst zu darben bringen würdest , deine ganze Habe mit so vieler Genialität und Grazie in einem leichten Quersack auf der Schulter zu tragen , wie der junge Cyniker , dessen negativen Reichthum du bei dreihundert Drachmen monatlich so beneidenswürdig findest . Du bist , wie ich