nicht mit diesen Augen sprechen Sie mein Urteil aus , sonst wird mir das Sterben doppelt schwer . Wenn Sie mir nicht sagen wollen , daß Sie mich lieben — so sehen Sie weg — denn Ihr Blick weckt Tote wieder auf ! “ „ Mein Gott , Gräfin wie soll ich das rechte Wort , den rechten Ton finden für das , was ich Ihnen sagen muß , wenn Sie mir Fassung und Klarheit so schwer machen ? Ich bitte Sie , liebe teure Freundin , hören Sie mich ruhig an und erwägen Sie selbst , welch furchtbare Aufgabe Sie mir gestellt , indem Sie mich zwingen , entweder zum Heuchler zu werden — oder Ihnen das Ärgste zu tun , was einer Frau begegnen kann . “ Die Gräfin sprang auf und maß ihn mit einem Blick , in dem Zorn und Schmerz um die Herrschaft zu streiten begannen . Er faßte ihre Hände und drückte sie sanft auf das Sofa nieder , sie gab fast willenlos seiner Berührung nach . „ Liebe Gräfin , — lassen Sie mich für uns Beide die nüchterne Gesinnung bewahren , die nicht Sache so gewaltiger himmelstürmender Naturen ist wie die Ihre , um so mehr aber Sache des Mannes , in dessen Hände Sie vertrauend die Verantwortung für Ihr Schicksal legen . Es wird wenig nützen , wenn ich Ihnen vorstelle , daß Sie sich jetzt mehr zutrauen , als Sie später leisten können . Sie werden mir nicht glauben , denn ein Weib , das liebt , hält kein Opfer für zu schwer . Aber auch in der treusten Liebe finden naturgemäße Wandlungen statt . Man mag sich wohl eine Zeit lang in einer gewissen Bescheidung gefallen , man mag sie sogar nicht einmal empfinden , denn ein ungewohntes Glück entschädigt für ungewohnte Entbehrungen — aber teuerste Gräfin , auch an das Glück der Liebe gewöhnt man sich — es hört , selbst wo sie nicht erkaltet , doch allmählich auf , ein Ausnahmszustand zu sein und wird uns ein natürlicher Zustand , auf Grund dessen alle Bedingungen unseres Seins , alle Eigentümlichkeiten der Geburt und Erziehung wieder zum Vorschein kommen . Sind dann die Verhältnisse nicht vorhanden , die ihnen entsprechen , so fühlen wir trotz der treusten Liebe einen Mangel , der uns endlich sogar das Bewußtsein rauben kann , daß wir glücklich sind ! Dieses Schicksal , gnädigste Gräfin , ist unausbleiblich bei Ehen , wo ein Teil dem andern unverhältnismäßige Opfer bringen muß . Eine Frau wie Sie würde sich nie und nimmer in den kleinbürgerlichen Verhältnissen des deutschen Gelehrten gefallen , Sie würden sich sehr bald als eine Gefangene betrachten und unbeschadet der Liebe zu mir , an deren Ernst ich glaube , sich in Ihr früheres Leben zurücksehnen . Wer sein ganzes Dasein hindurch den Zwang der Pflicht nicht kannte , der lernt ihn nimmer ertragen , wenn er auch noch so ehrlich will ! Sobald Sie Ihre Pflichten gegen mich als einen Zwang empfänden — und das würden Sie früher oder später — wären Sie elend ! “ „ Es ist genug , Professor Möllner , “ rief die Gräfin , „ geben Sie sich keine Mühe , mich an mir selbst irre zu machen . Wenn Sie mich liebten , Sie vermöchten , nicht so weise zu überlegen , ob es auch wohl zu meinem Heile sei oder nicht . Wenn Sie nach mir verlangten , wie ich nach Ihnen , Sie fragten nicht erst , wie lange wir glücklich sein könnten — Sie genößen den Augenblick und gäben für den Augenblick eine Ewigkeit hin . O , Sie großer , stolzer Mann , Sie tragen das Sklavenzeichen Ihrer kleinen Verhältnisse an der Stirn und wissen es selbst nicht . Wahrlich , Möllner , Ihre kühle Zurechtweisung beschämt mich nicht — denn ich fühle , daß ich in dieser Stunde doch größer war als Sie ! “ „ Sie haben vollkommen Recht , meine Freundin . Ein Weib so schön , so hohen Standes , so begehrenswert wie Sie , braucht nicht zu erröten , wenn es einem Manne vergeblich dargeboten , was Tausende begierig ergriffen hätten . Glauben Sie mir , wenn Einer von uns der Beschämte ist , so bin ich es , dem eine Gunst zu Teil geworden so ohne Vorbehalt , ungemessen und unverhofft , wie sie nur Götter aus ihrer reichen Gnadenfülle spenden — eine Gunst , die ich nicht verdienen , nicht vergelten kann ! “ Er nahm mit tiefer Ergriffenheit ihre Hand in die seine , ihr Auge hing leuchtend an seinen Zügen . „ O , Möllner , Ihr Herz erweicht sich , ich sehe es . Sie wissen es nicht , was Liebe ist , wer hätte es Sie denn hier lehren sollen ? Die verkümmerte , armselige Empfindung , die Ihr so nennt , reicht eben hin für Euren Hausbedarf — der allgemeine Verbrauch ist gering , wenig wird gegeben , wenig eingetauscht , was solltet Ihr auch mit mehr anfangen ? Eine echte Leidenschaft würde die entsetzlichsten Zerstörungen in Eurem behaglichen Kleinwesen anrichten . Nur große Gefühle können große Gefühle entfachen und wer sie nicht kannte , der hat nicht gelebt ! Ein Mann wie Sie darf nicht feige sein Ohr verschließen , wenn der Ruf der Leidenschaft an ihn ergeht . O , entziehen Sie mir Ihre Hand nicht . — Der Augenblick ist da , wo es sich entscheiden muß , ob ich hierbleibe oder nach Rußland zurückkehre . Meine Güter kommen in Verfall , ich werde betrogen , ich muß sie entweder verlaufen oder selbst an Ort und Stelle sein . Wenn Sie mir nur die leiseste Hoffnung geben , wenn Sie mir nur den Versuch gestatten wollen , Ihre Liebe zu gewinnen , dann will ich mich all ’ meiner russischen Besitzungen entäußern und hier leben unter Ihren teuren Augen , leben in klösterlicher Stille und Entsagung Jahr um Jahr , bis Sie mich an Ihr Herz nehmen und sagen werden : „ Du hast Dich bewährt — ich glaube Dir ! “ Dann aber , dann will ich einen Himmel um Sie breiten , wie ihn keines jener kalten , nüchternen Wesen Ihrer Kreise nur zu ahnen vermag . Ein Wort , Möllner , kein Versprechen , nur eine Hoffnung , und ich bin Ihr Geschöpf ! “ Johannes betrachtete die fiebernde Frau in ihrer dämonischen Pracht und Schönheit mit einem seltsamen Gemisch von Bewunderung und Grauen , von Teilnahme und Abscheu . Endlich faßte er einen Entschluß , denn er fühlte , daß er ein Ende machen müsse : , ,Gräfin , “ sagte er nicht ohne Überwindung , denn es fiel seiner großmütigen Natur schwer , ein Weib zu beleidigen . „ Gräfin , ich sehe , daß ich Ihnen Wahrheit schuldig bin . Nun denn , hoffen Sie nichts . Ich glaube , es würde Sie empfindlicher verletzen , wenn ich Ihnen sagte , ich könne Sie nicht lieben , denn das stellte Ihre hohen persönlichen Reize in Zweifel . Welcher Mann von Fleisch und Blut dürfte sich verschwören , er könne Sie nicht lieben — ein Weib , vollendet vom Scheitel bis zur Zehe ? Ich würde mich dessen nicht vermessen , denn ich habe Sinne wie jeder Mensch . Aber Gräfin , ich will Sie nicht lieben — und was ich will oder nicht will , darauf kann ich schwören ! “ Er erhob sich , die Gräfin mit ihm , sie stand ihm , ein Bild der Verzweiflung , gegenüber . „ Und soll ich mich mit diesem einen Wort abfertigen lassen ? Bin ich keiner Erklärung wert warum ? “ , ,Lassen Sie es sich genügen , wenn ich Ihnen sage , daß ich mich als gebunden betrachte . “ „ O , an die Hartwich ! “ Johannes streckte abwehrend die Hand aus : „ Nennen Sie den Namen nicht , Gräfin . Ich will ihn nicht hören aus Ihrem Munde . “ „ Also doch ! Jene eisige , stolze Hexe , jenes Phantom , in dessen Adern kein Tropfen warmen Blutes rinnt , hat Sie mir geraubt ? Fluch ihr ! “ „ Fluchen Sie ihr nicht , Gräfin — es bringt Sie um meine kaum gewonnene Teilnahme , “ rief Johannes empört . „ Jenes Mädchen ist es nicht , das zwischen Ihnen und mir steht , nie , nie hätte ich Ihnen mein Herz und meine Hand geboten , auch nicht , wenn ich frei gewesen wäre . Zwingen Sie mich nicht , Ihnen zu sagen , was kein Mann einer Dame gegenüber aussprechen darf . “ „ Und was wäre das ? Lassen Sie mich diesen letzten Tropfen des Bechers noch leeren , ich gehe nicht eher von hinnen , als bis ich Alles weiß ! “ „ Nun , wenn Sie es nicht anders wollen , so hören Sie es denn , vielleicht heilt Sie diese Erkenntnis in doppeltem Sinne : Sie können Alles gewähren , Gräfin , was auf Erden kostbar und beglückend ist — Eines nur haben Sie nicht mehr zu geben , das ist Ihre weibliche Ehre ! Und wenn eine Göttin vom Himmel zu mir niederstiege und brächte dies Kleinod nicht mit , ich schickte sie zurück in ihre Herrlichkeit und bliebe hier unten als ein armer , einsamer Mann ! “ — Ein Schrei erfolgte auf diese Worte , dann war es wieder eine kurze Zeit still . Die Worronska stand zur Bildsäule erstarrt und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben mit niedergeschlagenen Augen vor ihm . Johannes trat bewegt zu ihr hin und sagte milde : „ Sie können mir nicht verzeihen , was ich Ihnen jetzt getan , deshalb bitte ich Sie nicht erst darum . Es ist gut so , liebe Gräfin . Sie werden mich nun eine Zeit lang hassen und dann vergessen . Ich aber werde Ihnen mein ganzes Leben hindurch ein wehmütiges Gedächtnis bewahren — denn Sie wollten mir Gutes erweisen und ich mußte Ihnen dafür wehe tun . Hassen Sie mich nur — ich verdiene es nicht besser ! “ „ Möllner , “ sprach die schöne Frau mühsam nach Atem ringend . „ Alle Sünden meines Lebens habe ich in dieser Minute gebüßt . Leben Sie wohl , und wenn Sie hören , daß ich in mein altes Treiben zurückverfallen bin , dann machen Sie in den Armen Ihrer keuschen Braut das Kreuz über mich und sagen Sie ihr : „ Diese Seele hätte ich retten können , aber ich wollte nicht ! “ Johannes sah sie traurig an : „ Gräfin , wenn der Schmerz dieses Augenblicks Ihnen den Gedanken , in Ihr früheres Leben zurückzufallen , nicht abscheulich macht — dann hätte auch meine Liebe Sie nicht gerettet . Ich weise sie von mir , die furchtbare Verantwortung , die Sie auf mein Haupt wälzen wollen . Ich tat , was ich konnte : Ich gab Ihnen die Erkenntnis und ich kann nicht denken , daß dieselbe fruchtlos in Ihnen bliebe ! “ „ Ich danke Ihnen , “ sagte die verzweifelnde Frau mit bitterem Hohn . Einen einzigen , verzehrender Blick heftete sie noch auf Johannes . Er stand ruhig vor ihr , ohne ihn zu erwidern , dann wandte sie sich mit königlicher Haltung der Tür zu . Er bot ihr seinen Arm , um sie zum Wagen zu führen , doch sie wies ihn zurück , ihr schönes Antlitz war leichenhaft starr und bleich , kein Wort kam mehr über ihre schmerzlich verzogenen Lippen . Er sah ihr nach , wie sie in den Wagen stieg und das Gesicht in die Hände vergrub . Er bemerkte , wie ein Zittern ihren ganzen Körper schüttelte . Der Wagen flog davon , der Staub wirbelte auf . Johannes trat in sein einsames Zimmer zurück . „ O , Ernestine ! “ rief er laut hinaus , als könnte sie ihn hören : „ Ernestine ! “ Siebentes Kapitel . Käthchen mit dem silbernen Arm . Das war eine merkwürdige Geschichte in dem Dorfe Hochstetten ! Die ältesten Leute im Orte konnten sich solcher Ereignisse nicht entsinnen . Das große Unglück , das Kellers getroffen , hatte sich in das größte Glück verwandelt . Kellers , die armen verachteten Tagelöhner , waren reiche Leute geworden und sollten nächstens noch viel reicher werden . Dafür konnte sich das Käthchen schon den Arm abfahren lassen . Und da es ihm ja weiter nichts geschadet hatte , so war die Sache am Ende nicht einmal das viele Geld wert . Manch Einer war noch weit schlimmer zugerichtet worden , und es hatte sich keine Katze drum gekümmert , ja er war noch obendrein gepfändet worden , wenn bei der langen Arbeitsunfähigkeit Haus und Hof in Verfall kamen . Und diesem Glückskind flog für so ein einziges kleines Ärmchen ein ganzes Vermögen zu ! Wo war denn da die Gerechtigkeit ? Man hätte sich gerne damit getröstet , das Geld sei vom Satan und könne den Kellers keinen Segen bringen und man möchte selbst lieber hungern , als solchen Höllenlohn annehmen . Die Kellers hatten es auch zuerst zurückweisen wollen , aber der Herr Vikar hatte dem Teufel das Neujahr abgewonnen . Der hatte den Leuten geraten , von dem Gelde ein schönes Kruzifix zu errichten und dreihundert Gulden zu Seelenmessen für ihre Wohltäterin an die Kirche zu stiften . Dadurch war das Geschenk geweiht und sie durften es nun ruhig nehmen . Kaum vier Wochen waren seitdem verflossen und schon stand auch das Kreuz an der Landstraße gerade da , wo Käthchen überfahren worden . So schön war keines in der ganzen Gegend , und die Keller ’ schen Eheleute hoben so stolz die Köpfe , wenn sie vorbei gingen , als hätten sie unsern Herrn Jesus Christus leibhaftig in die Welt gesetzt . Das Kreuz war zehn Schuh hoch und stand noch auf einem fünf Fuß hohen Untergestell , das die Inschrift trug : „ Dieses Kreuz stifteten zur Ehre Gottes Pankratius und Kolumbane Keller . Anno Domini 18 ... Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht , denn ihrer ist das Himmelreich ! “ Weiter unten aber hing eine schön gemalte Tafel , worauf zu lesen war : „ Wanderer , steh still und siehe , wie wunderbarlich solche Verheißung sich bewährt hat an unserem Kinde . “ Das Gemälde , welches diese Worte erläutern sollte , stellte Käthchen mit einem Arme dar , der andere lag am Boden , und aus der leeren Schulter schoß ein breiter Strom von Blut . Ein Wagen fuhr in größter Eile davon . Über Käthchen öffnete sich jedoch der Himmel und aus den Wolken reichte ihr das von der Madonna getragene Jesuskind einen silbernen Arm herab . Diese herrliche , sinnreiche Allegorie auf den aus Käthchens Unglück entsprungenen silbernen Segen , die dem Poeten des Dorfes , dem hochbegabten Kirchendiener , so viel Kopfzerbrechens gekostet , hatte die Folge , daß die Kleine seitdem nicht mehr anders als Käthchen mit dem silbernen Arm hieß , obgleich sie sich beharrlich weigerte , den Spitznamen zur Wahrheit zu machen und sich eines künstlichen Gliedes zu bedienen . Hohn und Spott und Neid hatten die Keller ’ schen Eheleute genug auf sich gezogen , aber es machte ihnen nichts , sie konnten die Leute wiederum auslachen , sie hatten ja Geld — und was mehr war , sie hatten sich vermöge dessen dem lieben Gotte wohlgefälliger gemacht als alle Andern . Der Hirschenwirt und der Bürgermeister waren die reichsten Leute im Dorfe , aber Keiner konnte sich rühmen , gleich dreihundert Gulden der Kirche geweiht zu haben , und der Bürgermeister hatte drüben an der Matte um einen „ geschundenen “ Herrgott aufrichten lassen , d.h. ein Kreuz , an welches der Ersparnis halber nichts als Kopf , Hände und Füße Christi gemalt waren , daß man sich das Übrige hinzudenken mußte . So konnten sie ohne Sorge ihres Reichtums genießen . Sie wußten ja , wie sie mit ihrem Herrgott standen , und Frau Keller hatte noch obendrein das Päckchen mit dem Gelde , wie sie es von Möllner erhalten , mit Weihwasser besprengt . Das hatte sie ganz auf ihre eigene Hand getan , man konnte in der Hinsicht nicht vorsichtig genug sein . Nun war aber auch Alles geschehen , was den Bösen austreiben mußte , und nun konnte der Segen ja nicht ausbleiben ! Anders dachte und fühlte Käthchen . Ihm tat es gar weh , daß die Kinder es von ferne umstanden und anstaunten wie ein Wundertier , wenn es vor dem Haus in der Sonne sitzen durfte , daß die großen Buben es um den silbernen Arm beschrieen und an dem leeren Ärmelchen zupften , das ihm von der Schulter hing . Am wehsten aber tat es ihm , als einmal ein Krüppel vorbeischlich — deren es viele im Orte gab und überall gibt , wo die Menschen mit den rohen Naturkräften um die Herrschaft kämpfen müssen — stehen blieb und brummte : „ Du hast ’ s gut , Du wirst verpflegt wie eine Prinzessin . Unsereins hat ’ s noch schlechter als ein Hund , einen solchen schießt man doch tot , wenn er ’ s Bein bricht , aber unsereins läßt man sich herumquälen und verhungern um der Gottes-Barmherzigkeit willen ! Aber freilich , so fromme Leute , wie Ihr seid , sind beim lieben Gott immer besser angeschrieben , drum hast Du von einer Herrschaftskutsche überfahren werden dürfen . Mir hat nur ein Block im Steinbruch die Hüfte zerschmettert , der hat sich weiter nicht viel entschuldigt , und die Leute in dem Hause , zu dem ich die Steine sprengte , fragen auch nicht , wie viel Menschenblut eingemauert ist ! Na , Jedem das Seine ! “ Damit humpelte der Bettler auf seinen Krücken fort und Käthchen bedeckte mit dem einzigen Händchen , das es besaß , die Augen und schluchzte bitterlich . — „ Ist das mein herziges Käthchen , das ich weinen höre ? “ fragte plötzlich eine wohlbekannte Stimme , und als Käthchen aufschaute , sah es Herrn Leonhardt , geführt von seinem Sohn , daherkommen . Der junge Herr Leonhardt war hoch und schlank gewachsen , klar und mild im Ausdruck und schön von Angesicht , ein Jüngling im echtesten Sinne des Wortes , wie man sich den verratenen Lieblingssohn Jakobs denkt . Es lag eine biblische Poesie in der Hingebung , mit der er die unsicheren Schritte seines blinden Vaters leitete , seine Augen waren zur Erde gesenkt , um auf jede Unebenheit zu achten , woran des Vaters Fuß straucheln könnte , und dennoch war es , als strahle ein heller Glanz durch die gesenkten Lider . Den leichten Strohhut schwang er in der Hand hin und her , und das blonde Haar umwallte die edle Stirn in reichen Locken . Käthchen verging alles Weinen , da sie ihn sah . Er war ja die einzige Lichtgestalt unter den plumpen Bauern , und wie sehr sie auch seinen Vater geehrt und geliebt , der Sohn stand ihrem kindlichen Sinne näher , denn er war jung , kaum zwölf Jahre älter als sie , und die Jugend findet sich stets zusammen . Es stand auf und schwankte den Beiden ein paar Schrittchen entgegen . „ Nu , Käthi , Du tapferes Mädchen , das nicht geweint hat , als ihm der Arm abgenommen worden , was ist Dir denn geschehen ? “ sagte der junge Walter und ließ seinen Vater sich auf die Bank neben ihr niedersetzen . „ Sie schelten mich , “ klagte Käthchen , „ weil ich es so gut habe und von einer Herrschaftskutsche überfahren worden bin . Sie neiden mir mein Glück und Keiner kann mich mehr leiden . Das soll aber nicht so sein , ich will nichts vor den andern armen Krüppeln voraus haben , ich will ihnen auch etwas abgeben von meinem Reichtum . Der Sepp hätt ’ s viel nötiger gehabt und viel besser verdient als ich und hat nichts für den Stein bekommen , der auf ihn fiel , und er ist doch ein großer , erwachsener Mann . Ich aber bin ja nur so ein kleines , dummes Kind , das noch nicht einmal eine Arbeit versäumt , wenn ’ s stille sitzt , und mir haben sie so viel Geld dafür gegeben ! Ich will ’ s aber nicht allein behalten , und die Eltern sollen ’ s auch nicht allein behalten , sie sind ja gesund . Ich will ’ s mit denen Allen teilen , die einen Schaden haben wie ich ! “ „ Aber , mein liebes Käthchen , “ sagte Herr Leonhardt gerührt , „ Du bist gar zu großmütig gegen die Leute , die Dir doch so wehe getan . Wenn Du mit allen Krüppeln und Bresthaften96 im Dorfe teilen wolltest , so würde für Dich wenig übrig bleiben . Wenn aber der Himmel bestimmt hat , daß Du reich werdest und Jene arm bleiben , so mußt Du Dich ohne Gewissensbisse und dankbar seinem unerforschlichen Ratschluß fügen . Du kannst den Bedürftigen wohl tun , indem Du ihnen auf Deinen künftigen Grundstücken angemessene Arbeit gibst , wenn Ihr erst das große Kapital habt , das Dir noch in Aussicht gestellt ist . Bis dahin setz ihnen eine kleine wöchentliche Unterstützung aus , das ist besser , als ihnen eine große Summe zu schenken , die solche rohe Menschen nur zum Müßiggang , Trunk oder Spiel verleiten würde . “ „ Ja , das wäre recht schön — aber die Mutter läßt mir nichts . Ich kann ja Keinem einen Kreuzer schenken , sie leidet ’ s nicht . “ „ Billigt denn das Dein Vater ? “ fragte Walter , der das Kind mit stillem Entzücken betrachtete . „ Ach ! Er arbeitet den ganzen Tag auf unserm neuen Felde und kümmert sich um nichts . Die Mutter hat ’ s Geld aufgehoben , und wenn sie sagt : < < So soll ’ s sein > > — dann ist er stille . “ „ Aber wie reimt sich das mit der unerhörten Freigebigkeit Deiner Eltern an die Kirche ? “ „ Ja , ich habe der Mutter auch gesagt , sie hätte lieber den armen Leuten etwas von dem vielen Gelde gönnen sollen , das sie dem Herrn Vikar und dem Steinmetz für die Messen und das Kreuz zahlte , aber da hat sie , mich angefahren , ich sei ein dummes Ding . Das Geld sei ja dem lieben Gott geschenkt und dem etwas zu geben , sei klüger und profitlicher , als den Menschen , denn unser Herrgott sei mächtiger als diese und könne einem besser lohnen , was man für ihn tue . “ Herr Leonhardt wandte sich mit seinem milden Lächeln an seinen Sohn : „ Bezeichnet nicht das eine Wort die ganze Verderbnis dieser falschen Frömmigkeit ? Der liebe Profit allein veranlaßt sie , sich an den Höchsten zu wenden . Sie halten den Herrn für eine käufliche Kreatur , deren Protektion durch Bestechung zu gewinnen ist , und fühlen sich mit diesem einen Opfer aller andern Menschen- und Christen-Pflichten entbunden . O heilige — nein , nicht heilige — unheilige Einfalt ! “ „ Lieber Vater , “ sagte Walter , „ es ist und bleibt eben die alte Geschichte vom Ablaß , nur in anderer Form . < < Den Tetzel habt ihr ausgetrieben — die Tetzel aber sind geblieben > > könnte man da sagen , und Tetzel muß und wird es so lange geben , als es Menschen gibt , denen Geld das höchste Gut auf Erden ist und die es daher keineswegs unter der Würde des Herrn finden , sich gelegentlich auf Geldgeschäfte mit ihnen einzulassen ! 97 Der edle Gedanke des antiken Opfers liegt dem allem * zu Grunde : Polykrates warf den Ring ins Meer , um die Götter zu versöhnen , der Christ setzt ihnen für schwer ’ Geld ein Kreuz.98 Aber der Grieche erblaßte , als die Götter sein Opfer zurückwiesen und der Fisch den Ring wiederbrachte — der Eigennutz unserer Zeit betrachtet sein Opfer als eine Kapitalanlage und hofft auf reichliche Zinsen . “ Der junge Mann fuhr sich lachend mit der Hand durch das lichte , üppige Haar . Sein Vater neigte sorgenvoll den kahlen Scheitel zur Erde und dachte darüber nach , wie recht sein Sohn habe und wie weit die Menschen noch von der wahren Erkenntnis entfernt seien . Käthchen sah Beide verwundert an , als hätten sie in einer fremden Sprache gesprochen . Es war stille rings umher , denn die Eltern der Kleinen waren auf dem Felde . Ein paar Tauben pickten Käthchens Vesperbrot auf und im Bache am Haus plätscherten fette Enten , tauchten unter und schüttelten die Schwänze . Da näherten sich rasche , feste Schritte . „ Das ist unser Freund Möllner , “ sagte der alte Herr horchend . „ Den Tritt kenne ich unter allen heraus . “ „ Ja , Vater Leonhardt , er ist es , “ rief der Ankommende . „ Gott grüß Euch beisammen ! “ Er ging auf die kleine , friedliche Gesellschaft zu . Vor ihm her liefen einige Gänse , sehr erschrocken , sehr geängstigt , aber doch bis zuletzt ihre Würde wahrend , denn es fiel ihnen nicht ein , auf die Seite zu gehen , sie blieben inmitten der Straße , bis Johannes seitab bog und zu den Freunden trat . „ Sehen Sie , Herr Professor , “ bemerkte lustig der junge Mann , „ was sich die dummen Tiere darauf einbilden , den Platz behauptet zu haben . Sehen Sie , wie hochmütig sie zu Ihnen herüber schauen . Die meinen nun sicher , Sie hätten ihnen aus dem Wege gehen müssen ! So ist es überall — der Kluge räumt das Feld , das er mit der Dummheit teilen soll , und diese glaubt sich im Sieg und macht sich um so breiter . “ Johannes lächelte : „ Lieber Walter , wie geraten Sie denn auf diese hausbackene Moral — sind Sie vielleicht im Begriff , eine neue Kinderfibel für Ihre Schule zu verfassen ? “ „ Ja , man könnte wirklich dahin kommen , unter diesem Volke ! “ meinte Walter und schüttelte die dargebotene Hand des Professors . Möllner setzte sich mit auf die Bank und nahm Käthchen auf den Schoß . „ Nicht wahr , Käthchen , das wäre Dir recht , wenn Herr Walter Dir eine neue Fibel dichtete ? “ „ Unter Umständen , lieber Walter , wäre das ein ganz verdienstliches Werk ! “ bemerkte Herr Leonhardt ernst . „ Man muß das Kleine nicht verachten , wenn einem nicht vergönnt ist , das Große zu leisten . “ „ Ja , Vater , “ lachte der frische junge Mann , „ aber in einer Fibel , die hier Eingang finden soll , müßte unter H mindestens stehen : Die Hartwich auf dem Schlosse ist ’ Ne Hexe , das weiß jeder Christ ! Herr Leonhardt gab dem unvorsichtigen Sprecher heimlich ein Zeichen und dieser sah erschrocken nach Möllner , der in trübem Schweigen vor sich hin blickte . „ Ihr müßt das Fräulein vom Schlosse nicht verspotten , “ sagte Käthchen und legte das eingefallene Gesichtchen an Johannes ’ lauter pochendes Herz . „ Die Mutter hat heute gejammert , ich sehe jetzt so garstig und blaß aus wie das Fräulein und den lieben Gott gebeten , er solle den bösen Zauber von mir nehmen , den das Fräulein mir angetan . Da hat es mich so gedauert , denn es wird doch nichts dafür können , daß ich blaß bin . Es ist ja so gut — wie möchte es mich verhexen ? “ Johannes drückte das Kind schweigend an sich . „ Gewiß ist sie gut und tut Niemandem etwas zu Leide , “ sprach Herr Leonhardt . Sein Sohn aber fiel ihm mit der Überschwänglichkeit der Jugend ins Wort : „ Eine Heilige ist sie — zu heilig , daß dieser Pöbel nur die Fußtapfen küsse , wo sie vorüber schritt . “ Johannes drückte seine bärtigen Lippen auf des Kindes Kopf und schwieg . „ Herr Professor , wo sind Sie ? “ fragte Leonhardt weich und besorgt und legte seine Hand Johannes auf die Schulter . „ Bei dem Gegenstand , von dem die Rede ist , mein teurer Freund ! Es läßt mir keine Ruhe mehr , vier Wochen sind vorüber , seit ich sie zum letzten Male sah . Ich wollte sie nicht eher wieder aufsuchen , bevor ich das nötige Material gesammelt , womit ich ihren Oheim niederschmettern könnte , denn ich muß auf jeden Widerstand gegen meine Besuche von seiner Seite gefaßt sein . Heute ist es mir endlich gelungen , durch unseren braven Altvater Heim Gleißerts Betrügereien auf die Spur zu kommen , und wenn ich die heutigen Nachrichten mit der Tatsache zusammenreime , daß seine Briefe , wie Ihr sagt , meist nach Unkenheim gerichtet sind , so glaube ich , eine furchtbare Handhabe zu besitzen , und dennoch , dennoch weiß ich nicht , was ich tun darf , ob ich Ernestinen schriftlich warnen oder ob ich selbst hingehen soll . Wird — muß mein Anblick ihr nicht peinlich sein ? “ „ So viel ich mich erinnere , sagten Sie mir , das Fräulein habe Sie aufgefordert , sie nicht zu verlassen ? “ sagte Herr Leonhardt . „ Das tat sie , ja mein Freund , in der ersten Erregung . Aber weiß ich , wie sie jetzt denkt und fühlt , da sie sich so ängstlich zuvor erkundigen läßt , ob ich nicht da sei und nie ohne Gleißert kommt , wenn sie Euch besuchen will ? “ „ Dahinter steckt nur der