auf Scheidungen und Standesunterschiede verzichtet , die nun , so scheint es , Zeugnis ablegen sollen , daß wir uns hier auf dem Grund und Boden eines adligen Fräuleinstiftes befinden . Im Leben » leben und leben lassen « aber im Tode – Rangordnung ! So begegnet man denn Steinen und Grabkreuzen an drei verschiedenen Punkten des Parkes , und während die Dienstleute samt den Beamten an einer , die Gäste des Klosters an einer andern Stelle ruhn , ist den Stiftsdamen eine dritte Stelle vorbehalten geblieben . In zwei Reihen , zu beiden Seiten einer alten Rüsterallee , liegen sie hier in hochaufgemauerten Gräbern , von denen übrigens keines über den Anfang des vorigen Jahrhunderts zurückreicht . In deutlichen Buchstaben sprach nur noch das Grab der letztverstorbenen Domina zu mir , stattlicher aber war ein älterer Stein , unter dem ( wenn ich das Wappen richtig erkannt ) eine von Pannewitz ihren letzten Schlummer schlief . Auf dieses Epitaphium , das einen guten Überblick versprach , stieg ich hinauf und übersah nun , ein paar Zweige zurückbiegend , die ganze Klosteranlage : nach links hin der von Lindengängen eingefaßte See , zwischen uns und ihm ein buntes Durcheinander von Blumen- und Gemüsegärten , und mitten hinein gestellt in diese , das villenartige Haus der Domina , dichtgrenzend mit einem in Trümmern liegenden Langbau , der sehr wahrscheinlich einst das Refektorium des alten Klosters ausmachte . Jetzt ist es Wirtschaftshof , Eis-und Vorratskeller der drei , vier Damen , die hier ihre Tage leben und beschließen , und jeder Zauber wäre dieser Verfallstätte längst abgestreift , wenn nicht die hohen , stehengebliebenen Giebelwände wären , mit ihren gotischen Nischen und Fenstern und ihrem Storchennest darauf . Eine Viertelstunde lang hielt ich Umschau von dem Pannewitz-Grabstein aus ; dann , auf einem Schlängelpfade den See gewinnend , schritt ich langsam einen Ufer- und Lindengang hinunter , bis ich mich unerwartet und plötzlich fast inmitten einer völlig veränderten Szenerie sah . Beete mit eingemusterten Blumen lagen wie Teppiche vor mir ausgebreitet , aus dem Mittelrondell stiegen Büsche von Ricinus und Canna indica auf , Wein und Pfirsich lachten am Spalier , und abwechselnd liefen Lauben von Geißblatt und Pfeifenkraut an der einen Seite des Gartens hin , während an der anderen ein Drahtzaun , leicht wie ein ausgespanntes Fischernetz , die Anlage schloß . War dies noch Klostergrund ? Nein . Aus mittelalterlichen Überbleibseln heraus war ich in eine modern-bürgerliche Welt eingetreten , und ein reicher , in Anlagen und Gartenkunst erprobter » Proprietaire « stickte hier mit eigener Hand diese Blumenmuster in den Rasenteppich und gefiel sich darin , in richtiger Benutzung des Erworbenen , auch dem » was wohltut und gefällig ist « zu dienen . Ein Reichtum , der zur Pflege des Schönen führt , er freut immer wieder mein Herz und tat es auch hier . Aber beinah wohltuender noch berührte mich die Wahrnehmung , daß das Fehlen einer Grenz- und Scheidelinie zwischen Klostergrund und Gartenanlage wenigstens an dieser Stelle kein bloßer Zufall war . Diese Scheidelinie fehlte , weil der Trennungsstrich auch in den Herzen nicht vorhanden ist und der Besitzer des Gartens Frieden und Freundschaft hält mit den Klosterfrauen von drüben . Gransee Die » Warte « bei Gransee die » Warte « bei Gransee Sie steht auf dem höchsten Punkte der Umgebung , dem » Warte-Berg « . Junge Fichten und dichtes Kusselwerk , drin der Sandhase sein Lager hat , bedeckten ihn an seinen Abhängen , und nur der abgeplattete Gipfel ist kahl . Hier erhebt sich die » Warte « , von fern her einem modernen Fabrikschornsteine nicht unähnlich , bis man im Näherkommen den bedeutenderen Durchmesser erkennt . Es ist ein etwa 50 Fuß hoher Rundturm , aus Feldstein und acht senkrechtstehenden Backsteinrippen derartig aufgeführt , daß bei der Aufmauerung immer erst die Rippen um einige Fuß erhöht wurden , ehe man wieder mit Feldstein zu füllen begann . Wie alt der Turm ist , stehe dahin . Ich möchte ihn frühstens in den Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts setzen . Der gleichen Ansicht scheint nun freilich W. Alexis nicht gewesen zu sein , als er eben diesen Warteturm in seinem berühmten Romane : » Der falsche Waldemar « zum Schauplatz eines Hergangs aus dem Jahre 1348 machte . Diesen Hergang selbst erzählt er annähernd wie folgt . Gransee hatte selbstverständlich seine Fehden mit dem benachbarten Adel , und zur Waldemar-Zeit waren es vorzugsweise die Winterfeldts und die Quaste , mit denen es sich bekriegte . Tile Quast wird eigens genannt , ebenso Tacke de Wons und Hans Lüddecke vom roten Haus . Im Jahre 1348 handelte sich es von seiten dieser Drei um nicht mehr und nicht weniger als einen Überfall der Stadt , solcher war aber nur möglich , wenn es vorher glückte , den auf der Warte stationierten Stadtwächter , Mathis mit Namen , einzuschläfern . Dies zu bewerkstelligen , kam man überein , daß ein als Kärrner verkleideter Knecht , der ein Stückfaß Wein auf seinem Karren habe , die vorüberführende Straße passieren und am Fuß der Warte halten solle , wie wenn es sich um Ausbesserung eines Schadens an Rad oder Achse handle . Und so geschah es auch . Der Karren hielt . Mathis , der sich langweilen mochte , wie noch heute die Schildwache tun , ging ohne Besinnen in die Falle , stieg die Wendeltreppe hinunter und bot sich an , bei dem anscheinend verunglückten Wagen mit zu helfen . Dabei fanden beide , daß der Wein für die Granseer viel zu stark sei . Sie spundeten also auf , tranken ein Erhebliches und füllten mit Wasser nach . Dies geschah aber erst ganz zuletzt und Mathis fiel gleich danach in tiefen Schlaf . Als er andren Tags bei schon hochstehender Sonne wach ward und Umschau hielt , sah er den ganzen zwischen seinem Turm und der Stadt liegenden Plan von Bewaffneten überdeckt ; in der Tat , der Überfall hatte bereits stattgefunden . Er war aber doch insoweit mißglückt , als die Eingedrungenen wieder hinausgedrängt und einige von ihnen sogar zu Gefangenen gemacht worden waren . Unter diesen Hans Lüddecke vom roten Haus . Die Ratmannen ließen nun keine Zeit vergehen , über diesen ( Hans Lüddecke ) zu Gericht zu sitzen , aber nicht bloß über ihn , sondern auch über ihren eignen Turmwart , dessen Unzuverlässigkeit alle Not und Gefahr verschuldet hatte . Man sprach Tod » von Rechtswegen « , einigte sich aber schließlich dahin , daß beide nach der » Warte « gebracht und ihnen zugestanden werden solle , hoch oben auf der Plattform miteinander zu kämpfen . Wer Sieger bleibe , der solle frei sein , wer aber hinabgeworfen würde , der habe seine Strafe nach » Gottes Willen « . Und hiernach wurde verfahren . Hans Lüddecke und Wächter Mathis kamen in den Turm und die halbe Bürgerschaft zog mit hinaus , um Zeuge eines Ringkampfes und eines Gottesurteiles zu sein . Aber wer beschreibt ihr Staunen , als sie bald danach die Verurteilten friedfertig auf der Platte des Turmes erscheinen und statt miteinander zu kämpfen , sich zu einem aus Mathis ' Vorratskammer herbeigeschafften Nachtmahle niedersetzen sahen . Diese gute Laune freute selbst die Granseer und um so mehr , als sie sich unschwer das Ende davon berechnen konnten . In der Tat , als der fünfte Tag heraufzog , sah es schlimm aus in den Vorräten und noch schlimmer in den Herzen der beiden Gefangenen . Aber auch hier wieder hieß es , » als die Not am größten , war die Hilfe am nächsten « und ehe noch die Sonne in Mittag stand , blitzte es am Waldrande hin von Rittern und Reisigen und ein nach Hunderten zählender bewaffneter Zug wandte sich an der Warte vorüber der Stadt zu . Der aber , der erschien , war Waldemar . Vor ihn jetzt kam der Streit , und Hans Lüddecke , Urfehde schwörend , erhielt Leben und Freiheit zurück . Mathis dagegen verschwand in dem ihm zukommenden Dunkel . So die Geschichte von der » Warte « bei Gransee , eine bloße Fiktion , die sich jedoch zur Historie bereits zu verdichten anfängt und nach » abermals fünfhundert Jahren « andern Historien einigermaßen ebenbürtig sein wird . Und nicht zu unserem Nachteil . Denn auch die dichterische Tat belebt die Schauplätze der von ihr , der Dichtung , geborenen Ereignisse und reiht sie mehr oder minder in die wirklichen » historischen Stätten « ein . Die » Warte « bei Gransee ist in diesem Augenblicke schon eine andre , als sie vor fünfzig Jahren war , und selbst das trigonometrische Dreigestell , das sich neuerdings auf jener Plattform eingebürgert hat , » auf der Hans Lüddecke und Türmer Mathis miteinander kämpfen sollten « , hat ihr nichts Erhebliches von ihrem romantischen Schimmer zu nehmen gewußt . Wir aber kehren nunmehr auf unsre Lindower Straße zurück , um in raschem Trabe der Stadt zuzufahren , an deren Eingang uns freilich ein neuer Aufenthalt erwartet . Zwei Tore nebeneinander ! Warum zwei Tore ? Diese Frage hält uns fest . Das Waldemar-Tor Das Waldemar-Tor Warum zwei Tore ? F. Knuths Geschichte von » Gransee « berichtet darüber : » Alle Städte , die dem falschen Waldemar ihre Tore geöffnet und dadurch sich zu ihm bekannt hatten , wurden , als der bayersche Markgraf wieder herrschte , dahin bestraft , daß sie die Tore zumauern mußten , durch die der falsche Waldemar eingezogen war . Diese zugemauerten Tore hießen denn auch im Volksmunde › Waldemar-Tore ‹ . Hart neben ihnen waren inzwischen neue , reichgegliederte , mit Türmen und Zinnen geschmückte gotische Tore gebaut worden , die nun , jahrhundertelang , den Verkehr vermittelten , bis das neuerblühende Leben der Städte den verhältnismäßig schmalen Eingang der gotischen Portale störend zu empfinden anfing . Da entsann man sich der zugemauerten Tore , nahm den fünfhundertjährigen Bann von ihnen , brach die Steine aus dem alten Rundbogen wieder heraus und schuf so dem Leben und Verkehr eine doppelte Straße . « W. Schwartz in seinen » Sagen und alten Geschichten der Mark Brandenburg « erzählt es anders . Nach ihm würden die sogenannten Waldemar-Tore als » Wenden-Tore « anzusehen sein , durch die man deutscherseits die als unrein betrachtete wendische Bevölkerung vertrieben und die Tore dann vermauert habe . Hiermit stimmt auch überein , daß noch , bis ins vorige Jahrhundert hinein , in allen Dörfern , wo Wenden und Deutsche zusammenwohnten , nur die letzteren sich der eigentlichen Kirchentüren bedienen durften , während die Wenden gezwungen waren , durch eine kleine , für sie besonders angelegte Seitentür in die Kirche einzutreten . 84 In Gransee wurde 1818 schon das Waldemar-Tor – ein Name , den ich beibehalte – wieder geöffnet und begann seinem Nachfolger und Nachbar Konkurrenz zu machen , eine Tatsache , die der kleinen Gemeinde der » Falschen-Waldemar-Schwärmer « als vielleicht von symbolischer Bedeutung erscheinen wird . Wir unsrerseits aber , indem wir den Jakob Rehbock ( trotzdem er in der Fürstengruft zu Dessau ruht ) für das nehmen , was er war , meiden mit Geflissentlichkeit den Waldemarbogen und bewerkstelligen unsre Einfahrt durch das stattliche Portal des » Ruppiner Tores « , das , wenn auch zurückstehend neben dem berühmten Ünglinger-Tor in Stendal , nichtsdestoweniger der Teilnahme wert war , die Friedrich Wilhelm IV. ihm angedeihen ließ , als er in den vierziger Jahren an Superintendent Kirchner schrieb : » An diesem Thore wird kein Stein gerührt , ohne daß ich zuvor Kenntnis davon erhalte « . Das Tor liegt hinter uns und unser Wagen lärmt jetzt die Hauptstraße hinauf , an deren linker Seite die beiden Plätze der Stadt und auf ihnen die beiden vorzüglichsten Sehenswürdigkeiten derselben : die Marienkirche und das Luisendenkmal gelegen sind . Ehe wir diese jedoch aufsuchen , benutzen wir zuvor eine kurze Rast in Klagemanns Hotel , um mit Hilfe des Wirtes einen guten Trunk und mit Hilfe seiner Gäste die Geschichte von Gransee » frisch vom Fasse « zu schöpfen . Die Geschichte geht weit zurück in der Zeiten Lauf , aber erst um 1262 finden wir einen Brief , in dem Markgraf Johann den Granseern das » Recht seiner alten Stadt Brandenburg « verleiht . Es fehlt nicht absolut an Diplomen und Pergamenten aus dieser und der folgenden Zeit , das meiste jedoch ist verlorengegangen , und die Geschichte der Stadt – in ihren Hauptzügen der aller übrigen Grafschaftsstädte nah verwandt – erzählt sich rasch . Es ist das alte Lied : erst großes allgemeines Dunkel , nur hier und da durch ein Streiflicht erhellt ; dann Kirchen- und Klösterbau ; dann Säkularisierung ; dann Schweden und die Pest ; dann ein Dutzend Feuersbrünste mit Hinrichtung dieses oder jenes Brandstifters ; dann Beglückung der Stadt durch ein paar Garnison- oder Invalidenkompanien und in der Regel damit zusammenfallend : Benutzung alter Klostermauern zu Schul- , Kasernen- und Gefängniszwecken . In dieser Aufzählung ist nicht nur die Geschichte der Stadt , sondern zugleich auch die Charakteristik der einzelnen Jahrhunderte gegeben , wobei sich ' s trifft , daß das siebzehnte immer als das traurigste , das achtzehnte immer als das prosaischste auftritt . Die große Zeit Gransees war wohl ( wie für so viele Städte unsrer Mark ) das sechzehnte Jahrhundert , die Joachimische Zeit . Damals gedieh alles und das Kleinbürgertum wuchs fast über sich hinaus . Eine 18 Fuß hohe Mauer , mit fünfunddreißig Wachttürmen besetzt , umzirkte die Stadt , aus deren Mitte die schon genannte Marienkirche aufstieg und über Mauer und Wachttürme hinweg weit ins Ruppinsche und Uckermärkische hineinsah . Es war eine feste Stadt , vielleicht die festeste der Grafschaft . Gräben und Wälle blieben bis in den Anfang des vorigen Jahrhunderts , wo sie applaniert und zu Anlagen umgeschaffen wurden , so daß damals , wohl der Zahl der Häuser entsprechend , dreihunderteinundzwanzig Gärten die stehengebliebene Stadtmauer umgaben . Ob diese Zahl dieselbe geblieben ist , vermag ich nicht anzugeben , aber auch jetzt noch erschließt einem ein Rundgang um Gransee , besonders um seine Nordhälfte , die ganze landschaftliche Lieblichkeit einer kleinen märkischen Stadt . Nach der einen Seite hin , in breiter Fläche , Wasser , Wald und Wiese , nach der andern aber , im Schatten alten Mauerwerks , eine stattliche Reihe von Blumenbeeten und eingeschoben in diese , jener von weißen und schwarzen Kreuzen überragte Garten , der beflissen ist , uns mit Fliederduft und Vogelsang über die Bitterkeit des Scheidens hinwegzutäuschen . Aber dieser » Gang um die Stadt « war bestimmt , erst gegen Abend und bei niedergehender Sonne zu mir zu sprechen . Noch war heißer Mittag , und wo hätte ich zu dieser Stunde besser Schutz gefunden , als in der dämmerkühlen Kirche der Stadt . Die Marienkirche Die Marienkirche deren Pfeiler bis in den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts zurückdatieren , ist ein ursprünglich romanischer Bau , mit Gewölben aus der gotischen Epoche . Was diese Kirche , die von keiner in der Grafschaft übertroffen wird , auch schon äußerlich auszeichnet , ist die reiche Verwendung des vierblättrigen Kleeblatts . Allerdings begegnet man diesem Ornament innerhalb der Backsteingotik unserer Mark an den verschiedensten Stellen , aber nirgends in gleicher Überschwänglichkeit wie hier . Nicht nur band- und bortenartig tritt es uns an Fries und Strebepfeilern entgegen , sondern die betreffenden Bänder und Borten verbreiten sich auch zu ganzen Flächen , so daß tapetenartige Wirkungen erzielt werden , ähnlich denen an modernen Berliner Bauten , wo man mit Stein , als ob es sich um eine Tapisseriearbeit handle , Muster und Figuren herzustellen beginnt . Die Marienkirche hat zwei Türme , die des Vorzugs genießen , beide fertig zu sein und sich nur dadurch unterscheiden , daß die Spitze des einen völlig massiv , die des andern als eine bloße Holzkonstruktion in die Höhe steigt . Als Grund für diese Verschiedenheit wird diplomatische Rücksicht angegeben , und zwar Rücksicht auf die rivalisierenden Mächte der Maurer-und Zimmermeister . Was dem einen recht war , war dem andern billig . In dem nach rechts hin gelegenen steinernen Turme befinden sich die » vier Glocken mit dem harmonischen Geläut « . Bei dem Brande von 1711 stürzten die damals vorhandenen in das Schiff der Kirche nieder und der Glockengießer Johann Jacobi zu Berlin goß aus dem zusammengeschmolzenen Gut die jetzigen vier . Zwei davon sind interesselos , aber die erste und dritte zeichnen sich durch ihre Inschrift aus . Die erste , bei 16 Fuß Umfang , hat folgende Umschrift : Quum dirissimum ac satis fatale incendium , incuria perditi fabri , die XIX. Junii anni MDCCXI , exortum urbem totam cum trecentis aedibus privatis ac sacris , simul omnibus et publicis deperderet , haec ego campana die XXX . Octobris MDCCXI reliquiis facta a. J. Jacobi . Also etwa : Nachdem eine höchst schreckliche verhängnisvolle Feuersbrunst , welche durch die Nachlässigkeit eines verruchten Schmidts den 19. Juni 1711 ausbrach , die ganze Stadt mit 300 Bürgerhäusern samt Kirchen und öffentlichen Gebäuden zu Grunde gerichtet hatte , bin ich , diese Glocke , am 30. Oktober 1711 aus den Überbleibseln hergestellt durch Johann Jacobi . Die dritte Glocke , bei 9 Fuß Umfang , bringe Reimzeilen . Sie lauten : Gleiche Glut zerstörte mich , Gleiche Glut erneute mich Wie die andern zweehne ; Drum soll mein Getöhne , Gott , nächst ihnen , Dir auch singen Und Dankopfer bringen . J. Jacobi goß mich in Berlin 1711 . Das Innere der Kirche bietet weniger , als man erwarten sollte , weil das mehrerwähnte Feuer von 1711 den ganzen Inhalt ausbrannte . Manches wurde aber doch gerettet . Etwas davon zeigt der Altar . Dieser selbst ist ein Rokokobau ( 1739 ) von den üblichen Formen ; als Bild aber ist in die von korinthischen Säulen eingefaßte Wand eine bunte mittelalterliche Holzskulptur eingelassen , so daß der Schrein jetzt eine wunderliche Stilvermählung aus dem fünfzehnten und achtzehnten Jahrhundert zeigt . Ein anderes Überbleibsel aus mittelalterlicher Zeit ist eine Reliquienbüchse , die , durch ein glückliches Ungefähr , erst gerettet und dann aufgefunden wurde . Sie befand sich in einem aus Steinen aufgeführten Altar einer Seitenkapelle , der , weil massiv , dem Feuer widerstand . Auf diesem Altar nahm Anfang der fünfziger Jahre Superintendent Kirchner eine eingelegte Steinplatte wahr , die hohl klang , wenn man darauf klopfte . Dies bestimmte den Superintendenten , die Platte herausnehmen zu lassen . Was er vermutet hatte , bestätigte sich . Unter dem Sandstein war eine Öffnung , von der aus , röhrenartig , ein Kanal auslief , darin weitere Nachforschungen die vorerwähnte Reliquienbüchse entdeckten . Sie hat die Form einer gedrückten Kugel , ist faustgroß , von Lindenholz und zeigt eine mittelgroße Öffnung , die mittelst eines einfachen Deckels geschlossen wird . In dieser Büchse befanden sich , außer einem Stückchen Mumie , drei Splitter vom Kreuze Christi in ein Stückchen Seidenzeug gewickelt , zugleich auch eine Urkunde mit dem Sekretsiegel des Bischofs von Havelberg . ( Büchse und Inhalt sind zur Zeit in Händen des Superintendenten Kirchner in Walchow . ) Von kaum geringerem Interesse sind zwei Grabsteine , die den außergewöhnlichen Grad ihrer Wohlerhaltenheit einem ähnlichen Glücksumstande verdanken . Sie lagen 1711 , als das große Feuer ausbrach , wahrscheinlich in Nähe des Altars . Die Flammen und selbst das niederstürzende Geröll hatte ihnen wenig anzuhaben vermocht , und als zwanzig Jahre später zur Wiederherstellung des Kircheninnern geschritten wurde , kam den Werkleuten der glückliche Gedanke , die bei dem Aufräumen mit aufgerissenen Grabsteine bei Pflasterung und Fliesenlegung der Kirche nach Möglichkeit zu benutzen . Als bloße Fliese war aber die glatte Rückseite des Grabsteins besser zu verwenden als seine Bildseite , weshalb Bild und Inschrift nach unten kamen . Und so wurden sie gerettet . Neuerdings aus dem Mittelgange , wo sie lagen , wiederaufgenommen , hat man sie nördlich in die Kirchenwand eingemauert . Es sind zwei Bellins , Vater und Sohn . Der Grabstein des Vaters zeigt ein gutes Ritterbild mit vier Wappen in den Ecken , und folgende Inschrift : » Anno 1582 den Tack Mariä Lichtmeß ist der edle , gestrenge , ehrenfeste Hermann Bellin , Erbsaß XV. Marckow in Gott seeliglich entschlafen , welcher Seele Gott gnädig sei . « – Der Grabstein des Sohnes , auch Hermann Bellin , ist klein und von geringem Interesse . Neben diesen Epitaphien der Bellins , Vater und Sohn , erhebt sich noch ein dritter , um einhundertundfünfzig Jahre jüngerer Grabstein , und zwar der des Inspektors oder Superintendenten Ernst Germershausen , eines Mannes von einer gewissen städtischen und ( weil typisch ) auch kulturhistorischen Bedeutung , weshalb wir hier eingehender bei ihm verweilen . Ernst Germershausen Ernst Germershausen folgte 1704 seinem Vorgänger Andreas Seehausen im Amt und verwaltete es achtundzwanzig Jahre . In die Zeit seiner geistlichen Oberherrschaft fällt das große Feuer von 1711 , das dreihundert Häuser und in ihrem Innern auch die Kirche zerstörte . Mit dem Magistrate lag er in beständiger Fehde , was auf den Wiederaufbau der Kirche nachteilig wirkte . Die Stadtbehörde verweigerte beispielsweise die Lieferung von Holz , infolgedessen die Kirche drei Jahre lang ohne Dach blieb . Beiläufig eine Strafe , die diejenigen , die sie verfügten , mittraf , wenn sie nicht vielleicht » aus Rache « auch die Predigt versäumten . In der Magistratsregistratur ist noch ein starkes Aktenbündel vorhanden , das Kunde gibt von der gegenseitigen Erbittertheit . Aus Predigten , die Germershausen hinterlassen , erkennt man ihn als einen sehr eigenartigen Herrn . So findet sich in einem Leichensermon aus dem Jahre 1728 folgende sonderbare Bemerkung über Ebbe und Flut : » Die Lästerer der Religion geben vor , Moses habe die Juden bloß aus Hochmuth und Ehrgeiz durchs rothe Meer in die Wüste geführt , um über sie zu herrschen und habe des Meeres Ab- und Zufluß verstanden . Allein solche Spötter haben keinen Begriff von der Seefahrt , da den geringsten Schiffsleuten bekannt ist , daß Ebbe und Fluth in der Welt nirgend existirt als in der Nord-See , am heftigsten in Schottland , weshalb man meint , daß dort der Schlund sei , wo das Meer , als wenn es Othem holete , das Wasser gleichsam verschlucke und wieder von sich stoße , da , je weiter von Schottland , diese Ebbe und Fluth desto weniger zu spüren . « Er konnte aber auch besser sprechen . So beispielsweis in einer andern Leichenrede , die er im selben Jahre hielt . Sie begann : » Am 6. Mai 1728 starb in seinem 84. Jahre der Vorachtbare und Wohlvornehme Herr Daniel Grieben Senior . Er trat dreimal in den Stand der heiligen Ehe und hinterläßt 16 Kinder , 56 Enkel und 8 Urenkel . Sein Leben und Wandel betreffend , so hat er sich als einen Christlichen und Gottseeligen Bürger wohl aufgeführet , Gottesdienste , selbst in der Wochen , nie versäumet und mit gebührender Andacht das heilige Abendmahl fleißig gebrauchet ; seine Kinder und Gesinde zur Gottesfurcht gehalten und wohlerzogen , daß auch , Gott sei Dank , unter solcher starken Zahl kein Ungerathenes vorhanden . Er gab einen guten Haushalter ab ; gegen den Nächsten war er mitleidig , so daß er in der Noth mit Geld und Getreide jedermann ohne jeden Eigennutz gern gedienet . Und da ihn Gott im Zeitlichen reichlich gesegnet , hat er sich durch solches weder zu Stolz und Hoffahrt , noch zu Verschwendung bewegen lassen , sondern ist nach wie vor in Gottesfurcht , Demuth und Fleiß verblieben . Viel Menschen hat er mit Vormundschaft und Zurechtweisung ihres Vermögens gedienet und seine Leibes- und Gemüthskräfte Gott zu Ehren und dem Nächsten zu Nutz wohl angewendet . « Das sind Kernworte , die auch den ehren , der sie sprach . Seine beständigen Streitigkeiten mit der Stadtbehörde beweisen nicht allzuviel gegen ihn . Sie scheinen ( wenn sie überhaupt dazu angetan sind , einen Schatten auf seinen Charakter zu werfen ) lediglich in einem hochgespannten Selbstbewußtsein ihren Grund gehabt zu haben . Und zu diesem Selbstbewußtsein war er in dem damaligen Gransee vielleicht berechtigt . Er war gelehrt und charaktervoll , in Welt und Büchern gleich erfahren , und ragte mutmaßlich um Haupteslänge über den » Magistrat « hinaus . Um einen Kopf größer sein , ist aber an und für sich schon ein Verbrechen , und es zeigen , ein doppeltes . Seine von ihm selbst verfaßte Grabschrift gibt uns , ungewollt , zugleich ein Lebens- und Charakterbild : Memoria Ernesti Germershausen , Gransoviensium praesulis , Cui Magdeburgum vitam , Hamburgum fortunam , Maria Germanicum , Atlanticum , Gaditanum , Liguricum , Thyrrhenum experientiam , Urbes Olysippum , Gades , Malaga , Alicante , Genua , Livorno , Pisa , Florentia et ipsa Roma prudentiam , Lichterfelda et Gransoviense Territorium Honores conciliaverunt . Quibus cum ( 33 ) Annos et quod excurrit praefuisset . Placide obiit die ( 6 Decembris Anni MDCCXXXII . ) Cujus anima requiescat in pace . Zum Gedächtnis von Ernst Germershausen , Inspektor zu Gransee , Dem Magdeburg das Dasein , Hamburg Vermögen , Das Deutsche , Atlantische , Spanische Meer , Das Thyrrhenische und auch das Ligurische , Erfahrung , Die Städte Lissabon , Cadix , Malaga , Alicante , Genua , Livorno , Pisa , Florenz und selbst Rom Weisheit , Die Bezirke von Lichterfelde und Gransee aber Amt und Würde gaben , Starb , nachdem er sie 33 Jahre und darüber verwaltet , sanft Den 6. Dezember 1732 . In Frieden ruhe seine Seele . Von der Marienkirche fort wenden wir uns jetzt der andern Sehenswürdigkeit der Stadt zu . Es ist : Das Luisendenkmal Das Luisendenkmal O welche Reise ! Wie traurig leise Durchzogen wir der schwarzen Fichten Nacht . Es fielen unsre Tränen in den Sand ; Sie gab einst Schönheit diesem Land . Achim von Arnim Eh ich das Denkmal selbst beschreibe , geb ' ich die Situation . Am 19. Juli 1810 neun Uhr früh war die Königin zu Hohen-Zieritz gestorben . Die Leiche verblieb daselbst noch sechs Tage . Am 24. wurde sie in Silberstoff gekleidet und in einem schwarz drapierten Zimmer in Parade ausgestellt . Am 25. , in glühender Sonnenhitze , begann die Überführung ; Gransee sollte an diesem Tage noch erreicht werden . So war der Zug : Oberstallmeister von Jagow und Schloßhauptmann von Buch ; herzoglich mecklenburgisches Forstpersonal ; Detachement mecklenburgischer Kavallerie ; mecklenburgischer Hofstaat samt den Strelitzischen Ministern ; der Herzog Karl von Mecklenburg ( jüngster Bruder der Königin ) und der Oberhofmeister Baron von Schilden ; der auf Federn ruhende , an den inneren Seiten mit Polstern versehene Leichenwagen ; die Oberhofmeisterin Gräfin von Voß ; zwei preußische Kammerherren ; die Kammerfrauen der Königin ; Detachement mecklenburgischer Kavallerie . An der preußischen Grenze , bei Fischerwall , dort , wo jetzt am Rande des Waldes ein einfacher Denkstein steht , wurde der Trauerzug von der Leibeskadron des Regiments Garde du Corps , von dem Landrat des Ruppiner Kreises , späterem Grafen von Zieten und einer Deputation der Ritterschaft erwartet . In allen Ortschaften , welche von dem Zuge berührt wurden , wie auch in allen denen , welche bis auf eine Meile von der Landstraße entfernt lagen , wurde mit allen Glocken geläutet . So schritt man auf Gransee zu . Hier war bereits vorher , von Berlin aus , ein gotisch verziertes , mit schwarzem Tuch bekleidetes Langzelt eingetroffen , das man mit Hilfe von Vorhängen in drei Abteilungen geteilt hatte . In der vordersten standen die Wachtposten der Garde du Corps , in der zweiten der Leichenwagen ; in der dritten befanden sich die Personen des Hofes . An der Stadtgrenze von Gransee , bei der sogenannten Baumbrücke , wurde der Zug von den städtischen Behörden empfangen und auf jenen oblongen Platz geleitet , der jetzt den Namen » Luisenplatz « führt . Die Stelle , wo der Leichenwagen inmitten des Zeltes stand , ist bis heute durch ein paar eiserne Fackelhalter ( hart links neben der Straße ) markiert . Am 26. Juli früh setzte sich der Kondukt , auf Oranienburg zu , wieder in Bewegung ; am 27. traf er in Berlin ein . Zur Erinnerung an die Nacht vom 25 auf den 26. wurde , seitens der Stadt Gransee wie des Ruppiner Kreises , das » Luisendenkmal « errichtet . Es ist von Eisen ; einzelnes vergoldet . Schinkel entwarf die Zeichnung ; die Berliner Königliche Eisengießerei führte sie aus . Dies Denkmal nun , dessen Beschreibung wir uns in nachstehendem zuwenden , besteht aus einem Fundament und einem sockelartigen Aufbau von Stein , auf dem ein Sarg ruht . Über diesem Sarg , in Form eines Tabernakels , erhebt sich ein säulengetragener Baldachin . Die Verhältnisse des ganzen sind : 23 Fuß Höhe bei 13 Fuß Länge und 6 Fuß Breite . Der Sarg , in Form einer Langkiste mit zugeschrägtem Deckel , hat seine natürliche Größe ; zu Häupten ruht eine vergoldete Krone ; an den vier Ecken wachsen vier Lotosblumen empor . Die Inschriften am Kopf- und Fußende lauten wie folgt : » Dem Andenken der Königin Luise Auguste Wilhelmine Amalie von Preußen . « – » Geb . den 10. März 1776 , gest . den 19. Julius 1810 . Nachts den 25. Julius stand ihre Leiche hier . « Die Inschriften zu beiden Seiten des Sockels sind folgende . Links : » An dieser Stelle sahen wir jauchzend ihr entgegen , wenn sie , die herrliche , in milder Hoheit Glanz mit Engelfreudigkeit vorüberzog . « Rechts : » An dieser Stelle hier , ach , flossen unsre Thränen , als wir dem stummen Zuge betäubt entgegen sahen ; o Jammer , sie ist hin . « Die weiteren Inschriften , die der Gesamtbau trägt , befinden sich teils am Fundament , teils an der Innenseite jener großen Eisenplatten , die das Schrägdach des Baldachins bilden . Am