wenn er zum äußersten getrieben wird – ich blickte um Hilfe auf zu ihm , der hilft , wenn menschliches Hoffen vergeblich scheint : die Worte » Gott helfe mir ! « kamen fast unbewußt von meinen Lippen . » Ich bin ein Thor ! « rief Mr. Rochester plötzlich aus . » Ich fahre fort , ihr zu sagen , daß ich nicht verheiratet bin und erkläre ihr nicht das Warum . Ich vergesse , daß sie nichts von dem Charakter jenes Weibes weiß , noch von den Umständen , welche meine unglückselige Verbindung mit ihr begleiteten . O , ich bin überzeugt , daß Jane mit mir in meiner Ansicht übereinstimmen wird , wenn sie alles weiß , was ich weiß ! Leg jetzt deine Hand in die meine , Jane , daß ich wenigstens deine Berührung fühle , daß ich weiß , du bist mir nahe – und dann werde ich dir in wenigen Worten den wahren Stand der Dinge erklären . Willst du mir zuhören ? « » Ja , Sir , stundenlang , wenn Sie wollen . « » Ich begehre nur Minuten . Jane , hast du jemals gehört oder weißt du , daß ich nicht der älteste Sohn meines Hauses war ? Daß ich einst einen Bruder hatte , der älter war als ich ? « » Ich erinnere mich , daß Mrs. Fairfax es mir einmal erzählt hat . « » Und hast du auch gehört , daß mein Vater ein geiziger , habsüchtiger Mann war ? « » Ich dachte mir etwas derartiges . « » Und , Jane , da dies der Fall , hatte er den Beschluß gefaßt , Besitztum und Vermögen zusammenzuhalten ; er konnte den Gedanken nicht ertragen , seine Güter teilen zu müssen und mir einen gerechten Anteil davon zu geben . Er hatte beschlossen , daß mein Bruder Roland alles bekommen solle . Aber ebensowenig wollte er dulden , daß einer seiner Söhne ein armer Mann sein solle . Für mich sollte durch eine reiche Heirat gesorgt werden . Er suchte mir beizeiten eine Gemahlin , Mr. Mason , ein reicher Kaufmann und Plantagenbesitzer in Westindien war sein alter Freund . Er hatte Erkundigungen eingezogen und in sichere Erfahrung gebracht , daß seine Besitzungen groß und reich seien . Dann hörte er auch , daß Mr. Mason einen Sohn und eine Tochter habe ; und von ihm selbst hatte er gehört , daß er letzterer eine Mitgift von dreißigtausend Pfund Sterling zu geben bereit sei – das genügte . Als ich die Universität verließ , wurde ich nach Jamaika geschickt , um eine Braut heimzuführen , um die bereits für mich geworben war . Mein Vater sagte nichts von ihrem Vermögen , aber er sagte mir , daß Miß Mason um ihrer Schönheit willen der Stolz von ganz Spanish town sei . Und dies war keine Lüge . Ich fand in ihr ein schönes Weib – im Stil von Blanche Ingram ; schlank , dunkel , majestätisch . Ihre Familie wünschte mich festzuhalten , weil ich einer guten Race entsprungen – und sie wünschte es ebenfalls . Sie wurde mir in prachtvoller Toilette auf Gesellschaften vorgeführt . Selten sah ich sie allein , und fast niemals konnte ich mich mit ihr unter vier Augen unterhalten . Sie schmeichelte mir und entfaltete all ihre Reize und Kenntnisse und Talente im reichlichsten Maße vor mir . Alle die Männer in ihrem Kreise schienen sie zu bewundern und mich zu beneiden . Ich war geblendet , gereizt , meine Sinne waren erregt , und unwissend , unerfahren , jung wie ich war , glaubte ich sie zu lieben . Es giebt keine Thorheit , die zu dumm wäre , daß die wahnsinnigen Nebenbuhlerschaften der Gesellschaft , die Begierde , die Blindheit , der Eifer der Jugend sie einen Mann nicht begehen ließe . Ihre Verwandten ermutigten mich ; Mitbewerber reizten mich ; sie forderte mich heraus , die Heirat war vollzogen , ehe ich recht wußte , wo ich war . O , ich verliere alle Selbstachtung , wenn ich an jene That denke ! – ein Todeskampf innerer Verachtung überwältigt mich . Ich habe sie niemals geliebt , ich habe sie niemals geachtet – ich habe sie nicht einmal gekannt . Ich wüßte von keiner einzigen Tugend ihres Charakters ; ich hatte weder Bescheidenheit , noch Seelengüte , noch Offenherzigkeit , noch Reinheit in ihrer Seele , noch in ihrem Benehmen wahrgenommen – und – ich heiratete sie – blinder , grober , täppischer Dummkopf der ich war ! Mit weniger Sünde hätte ich – aber laß mich nicht vergessen , mit wem ich spreche . Die Mutter meiner Braut hatte ich niemals gesehen , man hatte mir zu verstehen gegeben , daß sie tot sei . Als der Honigmonat vorüber war , erfuhr ich , daß ich im Irrtum gelebt ; sie war nur wahnsinnig und in einer Irrenheilanstalt untergebracht . Es war auch noch ein jüngerer Bruder da , ein stummer , vollkommener Idiot . Der ältere , den du hier gesehen hast ( und den ich nicht hassen kann , während ich alle übrigen Mitglieder seiner Sippe verabscheue , weil er doch noch immer ein Körnchen Liebe in seinem schwachen Geiste hegt , das er oft genug durch das unveränderte Interesse bewiesen , welches er noch immer für seine unglückliche Schwester hegt , und durch eine hündische Anhänglichkeit , die er einst mir gezeigt ) , auch dieser ältere wird eines Tages dasselbe Schicksal haben . Mein Vater und mein Bruder Roland wußten alles dies , aber sie dachten nur an die dreißigtausend Pfund und machten sich so zu Mitschuldigen der Verschwörung gegen mich . Dies waren widerliche Entdeckungen , aber meiner Frau machte ich nur aus der verräterischen Geheimhaltung dieser Umstände einen Vorwurf – sonst keinen ; selbst dann noch nicht , als ich einsehen lernte , daß ihre Natur der meinen vollständig fremd und entgegengesetzt war ; ihr Geschmack dem meinen widerstrebend ; ihre Seele gemein , eng , niedrig und vollständig unfähig , sich höheren Dingen zuzuwenden , sich zu vertiefen , – selbst dann noch nicht , als ich fühlte , daß ich nicht einen einzigen Abend , nein , nicht einmal eine einzige Stunde in Behagen und Ruhe mit ihr verbringen konnte ; daß ein freundliches Gespräch zwischen uns unmöglich war , weil sie jedem Gegenstand sofort ein rohes , gemeines Gepräge verlieh – selbst dann noch nicht , als ich merkte , daß ich niemals einen ruhigen , geordneten Haushalt haben würde , weil kein Dienstbote die fortwährenden Ausbrüche ihrer heftigen , unvernünftigen Laune oder die Quälereien ihrer abgeschmackten , widersprechenden , herrischen Befehle ertragen konnte ! Noch immer beherrschte ich mich ihr gegenüber ! Ich vermied alle Vorwürfe , ich machte nur leise Gegenvorstellungen ; ich versuchte im Geheimen , meinen Ekel zu überwinden und mit meiner Reue fertig zu werden . Ich unterdrückte den tiefen Widerwillen , welchen ich empfand . Jane , ich will dich nicht mit abscheulichen Einzelheiten quälen . Einige Kraftworte sollen ausdrücken , was ich zu sagen habe . Mit dem Weibe dort oben habe ich vier Jahre lang gelebt , und vor Ablauf dieser Zeit hatte sie meine Kräfte bereits auf die härtesten Proben gestellt . Ihr Charakter reifte und entwickelte sich mit der furchtbarsten Schnelligkeit ; ihre Laster wucherten ; sie waren so stark , daß nur Grausamkeit ihnen Einhalt zu thun vermochte – und Grausamkeit wollte ich nicht anwenden . Wie gering war ihr Verstand – und wie riesenhaft ihre bösen Neigungen . Wie furchtbar der Fluch , den diese Neigungen auf mich häuften ! Bertha Mason – die echte , würdige Tochter einer abscheulichen Mutter – schleppte mich durch all die entwürdigenden und fürchterlichen Kämpfe , welche ein Mann durchzumachen hat , der an ein Weib gebunden , welches zugleich unkeusch und – dem Trunke ergeben ist . Inzwischen war mein Bruder gestorben ; und nach Ablauf jener vier Jahre starb mein Vater ebenfalls . Jetzt war ich reich genug – und doch der gräßlichsten Armut verfallen ; eine Natur so roh , so unrein , so depraviert wie ich niemals eine zweite gesehen , war an mich gebunden , und sowohl die Gesellschaft wie das Gesetz nannten sie einen Teil von mir . Und ich konnte mich durch kein gesetzliches Vorgehen von ihr befreien , denn jetzt entdeckten die Ärzte , daß meine Frau wahnsinnig sei . Ihre Excesse hatten die Keime des Wahnsinns vor der Zeit in ihr gereift . Jane , meine Erzählung erfüllt dich mit Widerwillen ; du siehst krank aus – soll ich das Ende auf einen anderen Tag sparen ? « » Nein , Sir , kommen Sie jetzt damit zu Ende – ich bemitleide Sie – ja , ich bemitleide Sie aus tiefstem Herzen . « » Mitleid , Jane , ist von manchen Menschen ein trauriger und beleidigender Tribut , welchen man berechtigt ist , demjenigen ins Gesicht zurückzuschleudern , der ihn darbringt . Aber das ist jene Art von Mitleid , welches von harten , selbstsüchtigen Herzen gespendet wird : es ist nur ein egoistischer , bastardartiger Schmerz beim Anhören fremder Schmerzen , welcher eine Mischung von Verachtung enthält gegen jene , die sie ertragen haben . Aber solcher Art ist dein Mitleid nicht , Jane ; in diesem Augenblick durchzuckt der Jammer dein ganzes Gesicht – deine Augen fließen über – dein Herz erbebt – deine Hand zittert in der meinen . Dein Mitleid , mein Liebling , ist die schmerzensreiche Mutter der Liebe : seine Ängste sind die Geburtswehen jener göttlichen Leidenschaft . Ich nehme es an , Jane , dieses Mitleid ; mach seiner Tochter jetzt die Bahn frei – ich harre ihrer mit offenen Armen ! « » Fahren Sie jetzt fort , Sir ! Was thaten Sie , Sir , als Sie fanden , daß sie wahnsinnig sei ? « » Jane , ich stand am Rande der Verzweiflung . Zwischen jenem Abgrund und mir stand nur noch ein kleiner Rest von Selbstachtung . In den Augen der Welt stand ich wahrscheinlich entehrt da ; aber ich beschloß wenigstens in meinen eigenen Augen rein zu bleiben – und bis zum letzten Augenblick wehrte ich mich gegen die Besudelung mit ihren Verbrechen . Und doch verband die Gesellschaft ihren Namen mit dem meinigen , meine Person mit der ihren . Doch sah und hörte ich sie täglich , ihr Atem verpestete die Luft , welche ich einatmete , und außerdem erinnerte ich mich unaufhörlich daran , daß ich einst ihr Gatte gewesen – diese Erinnerung war damals und ist noch heute unbeschreiblich ekelerregend für mich . Und mehr noch – ich wußte , daß , solange sie lebte , ich niemals der Gatte eines anderen und besseren Weibes werden konnte ; und obgleich sie fünf Jahre älter war als ich ( ihre Familie und mein Vater hatten mich sogar in Bezug auf ihr Alter belogen ) war es doch wahrscheinlich , daß sie ebenso lange leben würde wie ich , da sie ebenso stark an Körper wie schwach an Geist war . – So stand ich mit sechsundzwanzig Jahren da – ohne Hoffnungen ! – Eines Nachts war ich durch ihr Gekreisch erweckt worden – seitdem die medizinischen Autoritäten sie für wahnsinnig erklärt hatten , war sie natürlich eingeschlossen – es war eine glühende westindische Nacht ; eine von jener Art , wie sie oft den Orkanen jener Gegenden vorausgehen . Da es mir unmöglich war , im Bette zu schlafen , war ich aufgestanden und hatte das Fenster geöffnet . Die Luft glich Schwefeldämpfen – nirgend war Erfrischung und Abkühlung zu finden . Mosquitos kamen hereingeflogen und schwirrten geräuschvoll im Zimmer umher . Das Meer , dessen Rauschen ich von dort hören konnte , rollte dumpf wie ein Erdbeben – schwarze Wollen stiegen empor ; der Mond ging in den Wolken unter , groß und rot wie eine glühende Kanonenkugel – er warf seinen letzten blutigroten Blick auf eine Welt , welche unter dem Gähren des Sturms erbebte . Dies Bild und die Atmosphäre beeinflußten mich physisch , und in meinen Ohren gellten die Wutschreie , welche die Wahnsinnige fortwährend ausstieß . Meinen Namen brüllte sie in Tönen so dämonischen Hasses , sie fügte ihm so furchtbare Worte hinzu ! Das gesunkenste Weib bediente sich nicht so erschütternder Ausdrücke , von denen sie stets einen großen Vorrat hatte . Obgleich sie durch zwei Zimmer von mir getrennt war , gestatteten die dünnen Wände des westindischen Hauses doch , daß ihr tierisches Brüllen bis zu mir drang . » Dies Leben , « sagte ich endlich , » ist eine Hölle ! Dies ist die Luft – jenes ist das Toben der grundlosen Tiefe ! Ich habe ein Recht , mich davon frei zu machen , wenn ich kann . Die Qualen dieses Lebens werden von mir weichen mit dem irdischen Fleisch , das jetzt auf meiner Seele lastet . Vor dem ewigen Fegefeuer des Fanatikers hege ich keine Furcht ; – kein zukünftiger Zustand kann furchtbarer sein als der gegenwärtige – ich will fort – ich will heim zu Gott ! « Während ich dies sagte , kniete ich nieder und schloß einen Koffer auf , welcher ein Paar geladene Pistolen enthielt . Ich wollte mich erschießen . Nur für einen Augenblick hegte ich diese Absicht ; denn da ich nicht wahnsinnig war , ging diese Krisis der äußersten , echten Verzweiflung , welche den Wunsch und die Absicht der Selbstzerstörung erzeugt hatte , in einer Sekunde vorüber . Ein frischer Wind von Europa her strich über den Ozean und strömte ins offene Fenster . Der Sturm brach aus , der Regen stürzte in Bächen herab ; es donnerte , blitzte – und die Luft wurde rein . Jetzt faßte ich einen festen Entschluß . Während ich unter den triefenden Orangenbäumen meines feuchten Gartens umherging , zwischen den Granatäpfeln und Ananas , während der strahlende Tag der Tropen um mich her anbrach – da dachte ich so , Jane – und jetzt höre mich an , denn es war die echteste Weisheit , die mich in jener Stunde tröstete und mir den rechten Weg zeigte , den ich wandeln sollte . Der süße Wind von Europa her flüsterte noch in dem erfrischten Laub und der atlantische Ozean brauste in erhabener Freiheit ; mein Herz , seit langer Zeit welk und verschrumpft , schwoll bei jenen Tönen , frisches , lebendes Blut durchfloß es wieder – mein ganzes Ich verlangte eine Wiedergeburt – meine Seele dürstete nach einem frischen Trunk . Ich sah die Hoffnung sich neu beleben , ich fühlte , daß eine Wiedergeburt möglich sei . Von einer blütenbedeckten Laube am Ende meines Garten blickte ich auf das Meer , das blauer war als der Himmel . Da drüben lag die alte Welt ! Klare Aussichten eröffneten sich mir . » Geh , « sagte die Hoffnung . » Lebe wieder in Europa ; dort weiß niemand , welchen besudelten Namen du trägst , noch welche schmutzige Last du mit dir schleppst . Du kannst die Wahnsinnige mit dir nach England nehmen ; schließe sie mit pflichtgetreuen Wächtern und mit der nötigen Vorsicht in Thornfield ein . Dann geh du selbst in welche Gegend du willst und schließe neue Bande , wenn du magst . Jenes Weib , das deine Geduld so lange gemißbraucht – deinen Namen beschmutzt – deine Ehre gekränkt – deine Jugend zerstört hat – jenes Weib ist nicht deine Gattin ; du bist nicht ihr Gatte . Sieh darauf , daß sie gepflegt und behütet wird wie ihr Zustand es erfordert , – und du hast alles gethan , was Gott und Menschenpflicht von dir verlangen . Laß ihre Identität , ihre Verbindung mit dir in Vergessenheit begraben sein . Nichts zwingt dich , letzteres irgend einem lebenden Wesen anzuvertrauen . Gieb ihr Bequemlichkeit und Sicherheit ; umgieb ihre Erniedrigung mit dem Schleier des Geheimnisses – und verlaß sie . « Nach dieser Eingebung handelte ich genau . Mein Vater und mein Bruder hatten ihren Bekannten von meiner Verheiratung keine Mitteilung gemacht ; denn schon in meinem ersten Briefe belehrte ich sie über meine Verbindung , da ich damals schon angefangen hatte , den furchtbarsten Widerwillen gegen ihre Konsequenzen zu empfinden ; und da ich nach dem Charakter und der Konstitution der Familie eine abscheuliche Zukunft sich mir eröffnen sah , fügte ich den strengsten Auftrag hinzu , meine Heirat geheim zu halten . Und sehr bald darauf wurde der Lebenswandel der Frau , welche mein Vater für mich gewählt hatte , ein solcher , daß er sich schämte , sie als Schwiegertochter anzuerkennen . Weit entfernt davon , die Verbindung zu veröffentlichen , suchte er sie ebenso ängstlich zu verheimlichen wie ich selbst . Nach England brachte ich sie folglich . Es war eine furchtbare Reise , die ich mit einem solchen Ungeheuer auf dem Schiffe hatte . Ich war froh , als ich sie endlich in Thornfield hatte und sie sicher in jenem Zimmer der dritten Etage etabliert war , aus dessen innerem geheimem Kabinett sie jetzt seit zehn Jahren die Höhle eines wilden Tiers gemacht hat – die Zelle eines Dämons . Es hat mich viele Mühe gekostet , eine Wärterin für sie zu finden , da es notwendig war , eine solche zu wählen , auf deren Treue man sich verlassen konnte ; denn in ihren Tobsuchtsanfällen verriet sie mein Geheimnis ; und außerdem hatte sie zuweilen tagelang – nein , ganze Wochen hindurch – lichte Momente , welche sie mit den schmachvollsten Schimpfreden über mich ausfüllte . Endlich mietete ich Grace Poole aus dem Asyl von Grimsby . Sie und der Wundarzt Carter , welcher an jenem Abend , als Mason gestochen und verwundet wurde , dessen Wunden verband , sind die einzigen beiden Menschen , welche ich jemals in mein Geheimnis gezogen habe . Mrs. Fairfax mag in der That etwas geargwohnt haben , aber eine genaue Kenntnis der Fakten kann sie nicht erlangt haben . Grace hat sich im ganzen als gute Wärterin erwiesen , obgleich ihre Wachsamkeit durch einen Fehler , von dem nichts sie zu heilen vermag und der hauptsächlich ihrem aufreibenden Berufe entspringen wird , mehr als einmal eingeschläfert und zu Schanden gemacht worden ist . Die Tobsüchtige ist sowohl schlau wie boshaft ; sie hat es niemals unterlassen von der zeitweiligen Nachlässigkeit ihrer Hüterin Gebrauch zu machen und auf ihre Weise Vorteil daraus zu ziehen . Einmal hat sie sich das Messer angeeignet , mit dem sie ihren Bruder verwundete , und zweimal bemächtigte sie sich des Schlüssels ihrer Zelle , um bei Nacht aus derselben zu entweichen . Bei der ersteren Gelegenheit machte sie den Versuch , mich in meinem Bette zu verbrennen ; bei der zweiten machte sie dir den geisterhaften Besuch . Ich danke der Vorsehung , die über dir gewacht hat , daß sie ihre Wut an deinem bräutlichen Schmuck ausließ ; vielleicht weckte sein Anblick Erinnerungen an ihre eigenen bräutlichen Tage in ihr . Aber ich wage nicht auszudenken , was möglicherweise hätte geschehen können . Wenn ich an das Geschöpf denke , das mich heute Morgen an der Gurgel packte ; wenn ich mir vorstelle , daß es sein schwarzblaues , blutrünstiges Gesicht über das Nest meines unschuldigen Lieblings , meiner Taube beugte – so beginnt das Blut in mir zu kochen . « » Und was thaten Sie , Sir , « fragte ich , als er innehielt , » nachdem Sie sie hier untergebracht hatten ? Wohin begaben Sie sich dann ? « » Was ich that , Jane ? Ich verwandelte mich in einen Irrwisch . Wohin ich mich begab ? Ich machte die wildesten Kreuz- und Querzüge . Ich durchsuchte den Kontinent und durchschweifte all seine Länder . Mein einziger Wunsch , meine fixe Idee war es , ein gutes , kluges Weib zu suchen und zu finden , das ich lieben könnte , den Gegensatz zu der Furie , welche ich in Thornfield zurückgelassen – « » Aber Sie durften doch nicht heiraten , Sir ! « » Ich hatte beschlossen und war fest überzeugt , daß ich es durfte und mußte . Ursprünglich war es nicht meine Absicht zu täuschen , wie ich dich getäuscht habe . Ich gedachte meine Geschichte einfach zu erzählen und meinen Antrag offen zu machen ; und mir erschien es so durchaus selbstverständlich , daß man mich für berechtigt ansehen werde zu lieben und geliebt zu werden , daß ich gar nicht daran zweifelte , ein Weib finden zu können , welches imstande sein werde , meine Lage recht zu verstehen und mich zu nehmen trotz des Fluches , der auf mir lastete . « » Und nun , Sir ? « » Wenn du neugierig wirst , Jane , muß ich stets lächeln . Du öffnest die Augen wie ein aufgescheuchter Vogel und machst dann und wann eine ruhelose Bewegung . Es ist als kämen die Antworten und Aufklärungen dir nicht schnell genug und als wolltest du dem Sprecher bis ins innerste Herz sehen . Aber ehe ich fortfahre , mußt du mir sagen , was du mit deinem » Und nun , Sir ? « meinst . Es ist eine kurze Redensart , die dir eigen ist , und die mich gar manchesmal zu endlosem Reden hingerissen hat ; und ich weiß eigentlich nicht weshalb . « » Ich meine : und was geschah dann ? Was thaten Sie weiter ? Welche Folgen hatte diese That ? « » Ganz recht . Und was möchtest du jetzt wissen ? « » Ob Sie eine fanden , die Sie liebten . Ob Sie sie zur Frau begehrten und was sie sagte . « » Ich kann dir sagen , ob ich eine gefunden , die ich liebte und ob ich von ihr erbat , mich zu heiraten – doch was sie antwortete – das ruht noch in der Zeiten Schoße ! Zehn lange Jahre irrte ich umher , bald lebte ich in einer Hauptstadt , bald in der anderen ; zuweilen auch in St. Petersburg , doch häufiger in Paris ; gelegentlich in Rom , Neapel und Florenz . Da ich einen Überfluß von Geld und obendrein noch einen alten Namen als passe-partout hatte , konnte ich mir meine Gesellschaft wählen . Kein Circle blieb mir verschlossen . Ich suchte mein Ideal einer Frau unter englischen Ladies , französischen Gräfinnen , italienischen Signoras und deutschen Baroninnen . Aber ich fand es nicht . Zuweilen , während eines flüchtigen Augenblicks glaubte ich einen Blick gesehen , einen Ton gehört , eine Gestalt erblickt zu haben , welche mir die Verwirklichung meines Traumes verhieß – aber schnell ward ich stets wieder enttäuscht . Du darfst jedoch nicht glauben , daß ich Vollkommenheit suchte , weder an Leib noch an Seele . Ich sehnte mich nur nach dem , was mir sympathisch war – nach dem entschiedenen Gegensatz der Creolin . Und zwischen all diesen fand ich nicht eine einzige , die ich – selbst wenn ich vollständig frei gewesen wäre – zum Weibe begehrt haben würde . Hatte ich doch die Gefahren , die Schrecken , den Fluch einer unpassenden Verbindung kennen gelernt ! Enttäuschung machte mich wild und ruhelos . Ich versuchte es mit Zerstreuungen – jedoch niemals mit dem liederlichen Leben – das haßte ich stets und hasse es noch heute . Dies war das Attribut meiner westindischen Messaline gewesen ; eingewurzelter Widerwille gegen sie und gegen jegliche Ausschweifung legte mir stets Fesseln an . Jedes Vergnügen , das an Schwelgerei grenzte , schien mich ihr und ihren Lastern näher zu bringen . Deshalb vermied ich es ängstlich . Und doch konnte ich nicht allein leben . So versuchte ich es denn mit der Gesellschaft von Maitressen . Die erste , welche ich nahm , war Cecile Varens – auch ein solcher Schritt , der einen Mann mit Selbstverachtung erfüllt , wenn er an ihn zurückdenkt . Du weißt ja bereits , was sie war , und wie meine Liaison mit ihr geendet hat . Sie hatte zwei Nachfolgerinnen , eine Italienerin , Giacinta , und eine Deutsche , Clara ; beide waren außerordentliche Schönheiten . Aber was war ihre Schönheit noch für mich nach Verlauf von wenigen Wochen ? Giacinta war leichtsinnig und heftig – nach drei Monaten war ich ihrer müde geworden . Clara war ehrlich und ruhig ; aber schwerfällig , seelenlos und kalt . Durchaus nicht nach meinem Geschmack . Ich war nur zu froh , ihr eine hinlängliche Summe geben zu können , mit welcher sie sich ein einträgliches Geschäft gründete , und sie so auf anständige Weise los zu werden . Aber Jane , ich sehe es deinem Gesicht an , daß du dir im letzten Augenblick keine sehr günstige Meinung von mir bildest . Du hältst mich für einen gefühllosen , leichtsinnigen Schurken – nicht wahr ? « » In der That , Sir , ich denke nicht mehr so groß von Ihnen , wie ich es einmal gethan . Dünkte es Sie denn durchaus nicht Unrecht , ein solches Leben zu führen – erst mit einer Maitresse und dann mit einer zweiten ? Sie sprechen davon , als wenn es die allernatürlichste Sache der Welt wäre . « » Das war es auch für mich . Aber ich verabscheute dies Leben . Es war eine niedrige Art des Daseins , es wäre mir nimmermehr möglich dazu zurückzukehren . Eine Maitresse nehmen ist ungefähr dasselbe wie einen Sklaven kaufen ; beide sind von Natur aus untergeordnete Wesen , und auf familiärem Fuße mit untergeordneten Geschöpfen leben ist erniedrigend . Ich hasse jetzt sogar die Erinnerung an die Zeit , die ich mit Celine , Giacinta und Clara verlebte . « Ich empfand die Wahrheit dieser Worte ; und ich zog aus ihnen die unumstößliche Gewißheit , daß wenn ich mich selbst und alle Lehren , die jemals in meine Seele und meinen Verstand gelegt , so weit vergäße , die Nachfolgerin dieser armen Geschöpfe zu werden – unter welchem Vorwande , welcher Rechtfertigung es auch sein möchte – er mich eines Tages mit denselben Empfindungen ansehen würde , welche jetzt das Andenken an sie in seinem Geiste entheiligte . Dieser Überzeugung verlieh ich jedoch nicht Ausdruck – es war genug , sie zu hegen . Ich prägte sie meinem Herzen ein , daß sie dort Wurzel fassen und mir in der Zeit der Versuchung als Stütze dienen möge . » Nun , Jane , weshalb sagst du nicht wieder » Und nun , Sir ? « Ich bin noch nicht zu Ende . Du siehst so ernst aus . Ich sehe , du mißbilligst meine Handlungsweise noch immer . Aber laß mich zum wichtigsten Punkt kommen . Im letzten Januar , frei gemacht von allen Maitressen – in einer harten , verbitterten Stimmung , ( das Resultat eines nutzlosen , umherschweifenden , einsamen Lebens ) – aufgerieben durch Täuschungen , gereizt gegen alle Menschen , und besonders gegen das ganze weibliche Geschlecht ( denn jetzt begann ich zu glauben , daß das Bild eines klugen , treuen , liebenden Weibes nur eine Traumgestalt sei ) riefen Geschäfte mich nach England zurück . An einem frostigen Winternachmtttag tauchte Thornfield-Hall wieder vor meinen Blicken auf . Verhaßter Ort ! Ich erwartete dort keinen Frieden – keine Freude . Auf einem Heckenweg in dem Heugäßchen sah ich eine kleine , einsame Gestalt sitzen . Ich ritt so nachlässig an ihr vorüber wie an dem gekappten Weidenbaum an der andern Seite des Weges . Keine Ahnung warnte mich vor dem , was sie mir dereinst sein würde ; kein Vorgefühl sagte mir , daß die Schiedsrichterin über Leben und Tod – mein guter oder böser Geist – dort in einfacher Gewandung auf mich warte . Ich wußte es selbst dann noch nicht , als sie bei dem Unfall mit Merrour an mich herantrat und mir demütig und bescheiden ihre Hilfe anbot ! Kindliches , zartes Geschöpf ! Es war als sei mir ein Hänfling vor die Füße gehüpft und hätte sich erboten , mich auf seinen gebrechlichen Flügeln zu tragen . Ich war unwirsch , aber das kleine Ding wollte nicht gehen . Es stand neben mir mit seltsamer Ausdauer und in Sprache und Blick lag etwas wie Überlegenheit ! Ich mußte mir helfen lassen , und zwar durch jene Hand . Und sie half mir ! Als ich mich auf die zarte , gebrechliche Schulter gestützt hatte , kam etwas neues über mich – ein ungekanntes Gefühl bemächtigte sich meiner – ein anderes Blut durchfloß meine Adern . Es war gut , daß ich erfuhr , jene Elfe müsse zu mir zurückkehren – daß sie zu meinem Hause dort unten gehöre – oder ich hätte sie nicht wieder sich meiner Hand entwinden lassen , ich hätte es nicht ertragen , daß sie still und behende wieder hinter jener dicken Hecke verschwand . Ich hörte dich an jenem Abend nach Hause kommen , Jane ; obgleich du wahrscheinlich nicht wußtest , daß ich an dich dachte oder auf dich wartete . Am folgenden Tage beobachtete ich dich – selbst ungesehen – wie du während einer halben Stunde mit Adele in der Galerie spieltest . Ich erinnere mich dessen noch , es war ein schneeiger Tag , und ihr konntet nicht ins Freie gehen . Ich war in meinem Zimmer , die Thür war halb geöffnet , ich konnte sowohl hören wie sehen . Adele nahm deine äußere Aufmerksamkeit während einer Weile in Anspruch , und doch bildete ich mir ein , daß deine Gedanken anderswo seien . Aber du warst sehr geduldig mit ihr , meine kleine Jane ; du amüsiertest sie und unterhieltst dich lange genug mit ihr . Als sie dich endlich verließ , versankst du sofort in tiefe Träumereien ; du begannst langsam in der Galerie auf- und abzuschreiten . Hier und da ,