, da sie selten ins Freie kam , eine von der Zimmerluft fast gelbgewordene Haut . » Nutzt nix , « fuhr Frau Hadebusch fort , die uralt aussah und einer bösen , verkrüppelten Zwergin glich , » er kann das Madel fordern , und er muß es kriegen . Da käm ich am End noch mit dem hohen Gesetz in Umständlichkeit . « » No , was is , Agneslein , willst zurück zu dein ' Vatter ? « wandte sich Philippine an das Mädchen und sah die Habebuschin bedeutungsvoll an . Agnes Gesicht verfinsterte sich . Sie haßte ihren Vater . So weit hatte es Philippine durch ihre steten Einflüsterungen , ihre gehässigen Erzählungen gebracht . Agnes war überzeugt , daß sie ihrem Vater im Wege sei , und seine Heirat hatte diesen Glauben nur noch mehr befestigt . In ihrem dumpfen Innern trug sie das Bild ihrer früh verstorbenen Mutter als das einer Gemordeten , einer Geopferten . Gar schauerlich hatte ihr Philippine den Selbstmord der Mutter zu schildern gewußt ; es war der immer wieder erneute Gesprächsstoff vieler Winterabende , vieler Dämmerstunden gewesen . Dereinst , wenn sie groß sein , wenn sie würde reden können , wollte Agnes Rechenschaft vom Vater verlangen . Wenn sie würde reden können ! Dies war ihr heißester Wunsch . Denn sie war eine Stummgeborene , ihre Seele schmachtete in viel härterer Gefangenschaft als ehemals die ihrer Mutter , weil sie keines Aufblicks und Aufschwungs fähig war , weil nichts in ihr bloß schlief , sondern alles hoffnungslos verdorrt war . » Zu der Döderleinischen geh ich nicht , « grollte sie . Aber am Abend kam Daniel . Er zog Philippine beiseite und hatte mit ihr eine ernste Auseinandersetzung . Er erklärte ihr die Gründe seiner Heirat , so gut er es vermochte , ohne auf das Tiefere einzugehen . » Ich hab eine Hausfrau gebraucht , eine junge Gefährtin . Dir , Philippin ' , schuld ich Dank , doch es muß auch eine neben mir sein , die mich höher stimmt , denn von meinem schweren Beruf weißt du ja nichts . Also bock nicht , Philippin ' ; schnür dein Bündel und komm heim . Was sollen wir ohne dich anfangen ? « Zum erstenmal sprach er mit ihr wie mit einem Weib und wie mit einem Menschen . Philippine starrte ihn an . Sie schlug eine wilde Lache auf und höhnte : » Joi , Daniel , wie du einen flattieren kannst . Das hätt ich nit von dir gedacht , bist immer ein ekelhafter Griesgram gewesen . Gut ! Sag : liebe Philippine . Sag ganz langsam : liebe Philippine , dann komm ich . « Daniel schaute verwundert in das nie jung gewesene und schnell alt gewordene Gesicht Philippines . » Narrenspossen , « sagte er unwillig und kehrte sich ab . Philippine stampfte mit dem Fuß auf den Boden . Der idiotische Heinrich trat in den Flur und hielt ein Lämpchen hoch . » Wohnt der fromme Schreiber noch da ? « fragte Daniel und schaute voll Erinnerung an der windschiefen Treppe empor . » Gott sei Dank , nein , « schnarrte Philippine , » das tät noch fehlen . Mir wird übel , wenn ich ein Mannsbild seh . « Abermals schaute Daniel in ihr häßliches , boshaft verzerrtes Gesicht . Er war gewohnt , alle Dinge , alle Augen , alle Körper um ihr Dasein in Tönen , ihre Verwandlung in Töne zu befragen . Hier fühlte er plötzlich das Tonlose , so wie man beim Anblick eines Tiefseefisches fühlen würde : das Lichtlose . Er dachte an Eva , er sehnte sich in diesem Augenblick nach seiner Eva , und da eben kam Agnes aus der Tür , um nach Philippine zu sehen . Er legte die Hand auf Agnes ' Haar und sagte gutmütig zu Philippine hinüber : » Na also , - liebe Philippin ' , komm heim ! « Agnes duckte sich hastig und entzog sich seiner Hand , so daß er das Mädchen mit finsterer Überraschung musterte . Philippine jedoch faltete ihre Hände , senkte den Kopf und murmelte ganz demütig : » Is recht , Daniel , wir kommen morgen . « 2 Um zehn Uhr vormittags erschien Philippine vor dem Wohnungsgatter . In der einen Hand schleppte sie ihr Bündel , an der andern führte sie die ängstlich dreinblickende Agnes . Dorothea öffnete die Tür . Sie war sauber und adrett angezogen , trug ein blaugeblümtes Kattunkleid , darüber eine weiße Schürze mit Spitzenumsäumung , und um den Hals ein goldenes Kettchen , an welchem ein Medaillon hing . » Och , die Kinder ! « rief sie lustig , » die Philippine und die Agnes ! Grüß Gott , Kinder , seid ihr endlich da ? « Sie wollte Agnes umarmen , die aber wich ebenso scheu zurück , wie sie es gestern vor ihrem Vater getan . Philippine verzerrte hämisch die Lippen , als sie von der um zehn Jahre Jüngeren ein Kind genannt wurde und maß Dorothea von oben bis unten . Dorothea bemerkte es kaum . » Die Kochfrau , denken Sie bloß , Philippin ' , ist heut nicht gekommen , und da wollt ich ' s selber probieren , « erzählte sie mit zungenfertiger Wichtigkeit , » aber ich weiß nicht , das Suppenfleisch ist noch immer steinhart . Schauen Sie einmal nach . « Sie zog Philippine in die Küche . » Der Topf muß einen Deckel haben , « urteilte Philippine mit geringschätziger Miene , » und außerdem brennt das Feuer nicht or ' ntlich . « Aber Dorothea war bereits bei einer andern Sache . Sie hatte ein Glas mit eingemachten Früchten entdeckt , öffnete es , nahm einen langstieligen Holzlöffel , brachte ihn gefüllt an ihren Mund und naschte vorsichtig . » Das schmeckt gut , « sagte sie , » das schmeckt wie Zitronat . Versuchen Sie ' s doch , Philippin ' . « Sie hielt Philippine den Löffel an die Lippen , damit sie kosten solle . Philippine stieß den Löffel unwirsch beiseite . » Das gibt ' s nicht , Sie müssen versuchen , ich will ' s , ich will ' s , « beharrte Dorothea und hielt den Löffel eigensinnig dicht vor Philippines Nase . » Ich will ' s , ich will ' s , « wiederholte sie , halb bittend , halb befehlend , so daß Philippine , die diesem Wesen gegenüber den rechten Widerstand nicht gleich zu finden wußte , um Ruhe zu haben , sich den Löffel in den Mund schieben ließ . Da kam der alte Jordan auf den Flur und hinter ihm der Schlotfeger , der den Kamin putzen sollte . » Herr Inspektor ! Herr Inspektor ! « rief Dorothea lachend , und als der Alte ihrem Ruf folgte , reichte sie ihm ebenfalls einen vollen Löffel , und dann mußte auch der Schlotfeger einen nehmen , und zuletzt kam Agnes an die Reihe . Jetzt lachten alle , sogar über Agnes ' blasses Gesicht flog ein heller Schimmer , und Daniel , durch den Lärm aus seinem Zimmer gescheucht , stand in der Küchentür und lachte mit . » Siehst du , Daniel , siehst du ! « sprach Dorothea befriedigt . » Alle fressen mir aus der Hand . So hab ich ' s gern . Laßt ' s euch nur schmecken , Leutlein . « 3 Mit einem offenen Brief in der Hand schoß Dorothea eines Nachmittags in Daniels Stube , wo er arbeitete . » Du , Daniel , die Kommerzienrätin Feistmantel fleht mich an , morgen auf ihr Kränzchen zu kommen . Darf ich ? « » Du störst mich jetzt , Liebe . Siehst du nicht , daß du mich störst ? « fragte Daniel vorwurfsvoll . » Ja , ja , verzeih , « hauchte Dorothea und blickte hilflos auf den mit Notenpapier bedeckten Tisch . » Ich soll auch meine Violine mitbringen , « fuhr sie fort , » ich soll vorspielen . « Mit gesammeltem Ausdruck schaute Daniel , ohne ihre Worte aufzufassen , ins Leere . Dorothea wurde ungeduldig . Plötzlich trat sie zu der Stelle an der Wand , wo , seit Daniels Heimkehr , wieder die Maske der Zingarella hing . » Schon lang wollt ich dich fragen , Daniel , was das Ding da soll . Wozu hast du ' s , wozu brauchst du ' s ? Es ärgert mich mit seinem ewigen Grinsen . « Daniel wachte auf . » Das nennst du Grinsen ? « fragte er kopfschüttelnd . » Ist ' s möglich , dies Lächeln aus der Überwelt grinst dir ? « » Ja , « erwiderte Dorothea trotzig , » es grinst . Und ich mag ' s nicht , mag die Fratze nicht leiden , grad ' weil du sie so gern hast . Hast sie wohl lieber gar als mich ? « » Keine Kindereien , Dorothea ! « sagte Daniel ruhig ; » mußt deinen Sinn ein wenig höher richten , mußt mir auch meine Geister respektieren . « Dorothea schwieg . Sie verstand ihn nicht . Sie sah ihn mit leisem Mißtrauen an . Sie dachte , die Maske sei ein Bildnis einer von seinen früheren Geliebten . Und sie verzog spöttisch die Lippen . » Du hast eben etwas von Vorspielen erwähnt , Dorothea , « begann Daniel wieder ; » weißt du , daß ich dich noch nie spielen gehört habe ? Ich gesteh dir aufrichtig , daß ich bisher Furcht davor gehabt . Nur das vortreffliche ertrüg ich ; auch die Verheißung ; beides könnte ja sein , und doch , woher kommt mir die Angst ? Du hast lange nicht geübt , nicht ein einziges Mal , seit wir beisammen leben ; trotzdem willst du dich vor Fremden produzieren ? Das ist wunderlich , Dorothea . Sei doch so gut und hol deine Geige und spiel mir vor . « Dorothea ging ins Nebenzimmer , brachte den Geigenkasten , bestrich den Bogen mit Kolophonium , und während sie die A-Saite stimmte , fragte sie mit emporgezogenen Brauen : » Willst du ' s wirklich ? « Sie preßte die Lippen aufeinander und spielte eine Etüde von Fiorillo . Als sie fertig war und Daniel nichts verlauten ließ , setzte sie das Instrument wieder an und spielte ein ziemlich lamentables Stück von Wieniawski . Wieder schwieg Daniel lange . » Recht hübsch , Dorothea , « sagte er endlich ; » das ist unter Umständen ein ganz netter Zeitvertreib für dich . « » Wie meinst du das ? « erwiderte Dorothea hastig , und eine dunkle Röte stieg in ihre Wangen . » Soll es mehr sein , Dorothea ? « » Wie meinst du das ? « wiederholte sie verlegen und unwillig , » ich denke schon , daß es mehr ist . « Daniel stand auf , trat zu ihr hin , nahm ihr den Bogen sanft aus der Hand , ergriff ihn an beiden Enden und zerbrach ihn in zwei Teile . Dorothea stieß einen bestürzten Schrei aus und sah ihn fassungslos an . Tiefernst sagte Daniel : » Ist die Musik , die ich höre , nicht ein Niedagewesenes , so ist sie ein hunderttausendmal Dagewesenes . Für ein leidlich wohlklingendes Dilettieren muß sich mein Weib für zu gut halten . « Dorotheas Augen füllten sich mit Tränen . Abermals fehlte ihr das Verständnis , und nun so völlig , daß sie sich einbildete , Daniel sei mit Absicht grausam gegen sie . Ihr war das Geigenspiel ein Mittel gewesen , um zu gefallen , sich selbst zu gefallen , der Welt zu gefallen , ein Mittel , sich zu steigern , andere zur Bewunderung zu zwingen und zu blenden . Nur deshalb hatte sie sich der strengen Zucht ihres Vaters von früh an gefügt . Sie besaß auch Ehrgeiz , doch verdingte sie sich jedem Lob , ohne des Lobers zu achten , und was eine Übereinkunft von unbekannter Entstehung an Gefühl forderte , wähnte sie zu geben , indem sie beim Spielen an ihre persönlichen Wünsche , Freuden und Vergnügungen dachte . Daniel umarmte sie und küßte sie . Sie riß sich los und stellte sich trotzig ans Fenster . » Hättest es ja nur sagen müssen , daß ich dir zu schlecht spiele , « stieß sie hervor und schluchzte zornig auf , » hättest nicht gleich so roh den Bogen zerbrechen müssen . Ich spiel ja nimmer . Wär mir gar nicht in den Sinn gekommen , dich zu belästigen . « Und sie weinte wie ein verzogenes Kind . Daniel ließ sich ' s viele Worte kosten , sie zu beschwichtigen . Schließlich sah er ein , daß keine Worte fruchteten , und seufzend schwieg er still . Nach einer Weile nahm er ihr das Taschentüchlein aus der Hand , trocknete lächelnd ihre Tränen und sagte : » Ich hätte ja lieber gewollt , daß du nicht zur Kommerzienrätin aufs Kränzchen gehst . Denn siehst du , ich halte nicht viel von einem solchen Verkehr . Er bereichert nicht und zieht allerlei Gelüstchen groß . Aber weil ich dir so weh getan hab , magst du ruhig hingehen , vielleicht vergißt du dann den Schmerz , du Närrchen . « » Dank dir schön , ich verzichte , « antwortete Dorothea schnippisch und ging aus dem Zimmer . 4 Desungeachtet erklärte Dorothea am andern Tag beim Mittagessen , daß sie der Einladung der Kommerzienrätin doch folgen werde . Es sei viel einfacher , hinzugehen , äußerte sie mit einer Miene , als ob ihr der Entschluß schwer geworden wäre , als sich den Vorwürfen und dem beständigen Gefrage auszusetzen . » Tu es nur , « ermunterte sie Daniel , » ich hab dir ja selbst dazu geraten . « Sie hatte sich ein dunkelblaues Sammetkleid machen lassen ; es war sehr schön , und sie wollte es bei dieser Gelegenheit zum erstenmal tragen . Als nun Daniel gegen fünf Uhr ins Schlafzimmer trat , sah er Dorothea mit dem neuen Kleid vor dem Spiegel stehen . Es war ein hoher , schmaler Spiegel auf einer Konsole . Dorothea hatte ihn von ihrem Vater als Hochzeitsgeschenk erhalten . Was ist mit ihr ? fuhr es Daniel durch den Kopf , da er die seltsame Regungslosigkeit des jungen Weibes gewahrte . Sie war wie verloren in den Anblick ihres Spiegelbildes ; ihr Auge hatte etwas Starres , Saugendes und krankhaft Entzücktes . Sie bemerkte nicht , daß Daniel in der Stube stand ; als sie den Arm rührte und den Kopf drehte , geschah es , um diese Gesten im Spiegel zu genießen . » Dorothea ! « rief Daniel leise . Sie zuckte zusammen , schaute ihn sinnend an und lächelte benommen . Da ward es Daniel angst und bang . 5 » Ich bin eine Verwandte von Daniel , und wir müssen uns duzen , « sagte Philippine zu Dorothea . Dorothea war damit einverstanden . Jeden Morgen , wenn Dorothea in die Küche kam , erkundigte sich Philippine : » Was hast denn geträumt ? « » Ich war auf dem Bahnhof , es war Krieg , und Zigeuner haben mich fortgeschleppt , « antwortete Dorothea einmal . » Bahnhof bedeutet unerwarteten Besuch , Krieg bedeutet Zwietracht mit verschiedenen Persönlichkeiten , und Zigeuner bedeuten , daß du ' s mit leichtsinnigen Menschen zu tun bekommst , « ratschte Philippine im Hochdeutsch ihres Geheimbuchs . Philippine wußte auch in der Punktierkunst Bescheid ; oft saß Dorothea bei ihr und stellte Fragen , z.B. ob der oder der in sie verliebt sei , oder ob die und die den und den liebe ; Philippine malte Punkte auf ein Blatt Papier , schrieb die Zahlen daneben , schlug das Verzeichnis auf und teilte die Antwort des Orakels mit . Binnen kurzem waren die beiden ein Herz und eine Seele . Bei ihren Ausgelassenheiten durfte Dorothea stets auf das Beifallsgelächter Philippines zählen , und wenn Agnes apathisch zuschaute , stieß Philippine sie in den Rücken und fuhr sie an : » Dummes Luder , kannst gar nit ' s Maul aufmachen ? « Da schlich Agnes traurig zu ihren Schulheften und saß stundenlang über einer einfachen Rechenaufgabe . Dorothea brachte ihr bisweilen ein Stück Gugelhupf ; den wickelte sie ein , steckte ihn in die Tasche und gab ihn am andern Morgen einer Kameradin , aus deren Heft sie die Aufgabe abschreiben durfte . Der Provisor Seelenfromm hielt Philippine auf der Gasse an und fragte : » Na , wie stehts denn bei euch ? Wie macht sich die junge Frau ? « » Joi , wir leben wie Gott in Frankreich , « versetzte Philippine , und ihr Mund dehnte sich bis an die Ohren , » jeden Tag Braten , jeden Tag Kuchen , der Wein steht immer auf ' m Tisch , und ein Besuch gibt dem andern die Tür in die Hand . « » Da muß der Nothafft aber hundsmäßig reich geworden sein , « meinte der Provisor verblüfft . » Muß wohl so sein , ums Geld sorgt sich keiner mehr bei uns , unsere Frau wenigstens hat alleweil das Portemonnaie voll . « Der Himmel war blau , die Sonne schien , der Frühling war gekommen . 6 Jeden Sonntag mittag aß Andreas Döderlein bei seinen Kindern . Er liebte eine saftige Schweinskeule , einen Salat in Eierbrühe und eine Torte mit Zuckeraufguß . Der alte Jordan , der an den sonntäglichen Mahlzeiten teilnehmen durfte , ließ die einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen . In seinem ganzen Leben waren ihm so leckere Dinge nicht vorgesetzt worden , und bisweilen warf er einen verwunderten Blick auf Daniel . Ins Gespräch mischte er sich selten . Wenn die Teller abgetragen wurden , erhob er sich und ging in seine Kammer hinauf . » Höchst sonderbarer Greis , « sagte eines Sonntags Andreas Döderlein , indem er sich die Zähne stocherte . » Mit dem hat man auch seine liebe Not , « schalt Dorothea ; » ist ein unverbesserlicher Topfgucker ; zehnmal am Tag kommt er in die Küche , steckt die Nase in die Luft , fragt , was es zu essen gibt , und steht im Flur herum , daß die Gäste über ihn stolpern . « Andreas Döderlein gab ein bedauerndes Brummen von sich . » Wie sieht es denn eigentlich mit deinen Finanzen aus , mein Sohn ? « wandte er sich leutselig an Daniel . » Möchtest du nicht zur Verbesserung deiner wirtschaftlichen Lage neben dem Organistenamt eine Stelle an unserer Anstalt übernehmen ? Herold geht in Pension , er ist über fünfundsiebzig und ist den Anforderungen nicht mehr gewachsen . Mein Fürwort genügt , dir seine Stelle zu sichern . Dreitausend Mark jährlich , Versorgung der Witwe nach zehnjähriger Dienstzeit , Stundengelder , ich denke , das ist verlockend . Oder nicht ? « Dorothea lief jubelnd zu ihrem Vater , umschlang seinen ungeheuren Rumpf und küßte ihn auf die schlotternde Backe . » Keinen Dank , mein Kind , « wehrte der Olympier , » euch zur Seite zu stehen ist meine selbstverständliche Pflicht . « Was sitzt da für ein aufgequollener fremder Mensch ? fuhr es Daniel durch den Kopf ; was will der Mensch von mir ? warum dringt er in meine Stube und sitzt an meinem Tisch ? warum duzt er mich und haucht mich mit seinem Atem an ? Er schwieg . » Ich begreife ja , lieber Sohn , daß du deine Muße nicht gern aufgibst , « fuhr Döderlein mit verstecktem Sarkasmus fort , » aber wer von uns kann völlig seiner Neigung leben ? Der Alltag ist das Mächtige ; Ikarus muß zur Erde stürzen . Jetzt , wo dein Weib einem freudigen Ereignis entgegensieht , gibt es doch vernünftigerweise kein Schwanken . « Dorothea warf Daniel einen bösen Blick zu . » Ich will mir ' s überlegen , « sagte Daniel , erhob sich und ging aus dem Zimmer . » Es ist ihm unbequem , « grollte Dorothea ; » seine Bequemlichkeit geht ihm über alles . Aber ich werd ihn schon dazu bringen , Vater ; tu nur , was du tun kannst , er wird sich nicht sperren . « Somit lag es am Tage , daß Daniel der Geheimnisvolle und Unergründliche längst nicht mehr für sie war . Sie hatte ihn geöffnet , sie hatte ihn erraten , nach ihrer Weise freilich . Es war viel einfacher gewesen , als sie gedacht , und sie zürnte ihm , daß er ihrer Neugier ein so nahes Ziel gesteckt hatte . Was sie für interessant , für aufregend , für berauschend gehalten , hatte sich als etwas ganz Simples und Gewöhnliches entpuppt ; es waren gar keine Reize mehr da , und das einzig Spannende lag noch darin , durch ihre Jugend , durch ihre Sinne eine ausschließliche Herrschaft über ihn zu erlangen . Daniel spürte es , daß sie enttäuscht war ; er hatte Angst davor gehabt . Die Angst wuchs , denn alles , was er tat und sagte , vermehrte ihre Enttäuschung sichtlich . Aus Angst wurde er nachgiebig , wo er früher unerbittlich gewesen wäre . Der Unterschied der Jahre machte ihn geduldig und jeder Einrede fügsam ; er fürchtete , ihr nicht so viel Liebe geben zu können , wie sie in ihrer Frische und natürlichen Derbheit begehrte , deshalb verzichtete er auf manches , was er vordem nicht hätte entbehren , ertrug er manches , was er vordem nicht hätte ertragen können . Es bedurfte nur einer Stunde in der Nacht , und Dorothea hatte ihm die Zusage abgeschmeichelt , daß er die Stelle des alten Herold übernehmen werde . Er , so karg an Worten wie in der Äußerung von Gefühlen , erlag dem kätzchenhaften Anschmiegen , dem übermütigen Spott , der prickelnden Hurtigkeit eines jungen Leibes . Da walten dunkle Mächte , die zwischen Mann und Weib Abhängigkeiten stiften ; da ist nichts berechenbar , nichts mehr dem angeborenen Wesen gemäß , da kann , in einer Stunde der Nacht , die heiligste Wahrheit eines Lebens zur Lüge umgebogen werden . 7 Es erwies sich auch als notwendig , daß Daniel für eine Vermehrung des Einkommens Sorge trug . Dorothea hatte viele neue Anschaffungen gemacht . Sie hatte einen Toilettetisch , ein paar Schränke und eine Badewanne gekauft . Lampen , Gläser , Vorhänge , Decken waren ihr zu unmodern gewesen , und sie hatte sie durch schönere ersetzt . Ihr Hauptvergnügen war , in die Geschäfte zu gehen und einzukaufen . Dann kamen die Rechnungen , und Daniel schüttelte den Kopf . Er bat sie eindringlich , sich zu beherrschen , aber sie hing sich ihm an den Hals und bettelte so lange , bis er sich in jeden ihrer Wünsche seufzend ergab . Mit leeren Händen kam sie selten heim . Und wenn es nur ein paar billige Nippsachen waren , ein Männchen aus Porzellan mit Zylinder und Regenschirm , oder eine Pagode mit einem Wackelkopf , sogar eine Mausefalle konnte es sein , aber Geld mußte sie ausgeben . Dann wurde Philippine herbeigerufen ; Philippine sollte bewundern . Und Philippine sagte scheinbar entzückt : » So was Liebes aber auch ! Gott , wie lieb ! « Oder : » Grad eine Mausfall brauchen wir ; gestern nacht war eine Maus auf ' m Spülrahm , Ehr und Seligkeit , Daniel . « Und die Hüte , die Kleider , die Strümpfe und Schuhe , die Spitzen und Blusen , darin hatte Dorothea kein Maß und keine Bescheidenheit . Sie wollte mit den reichen Bürgersfrauen wetteifern , deren Kaffeekränzchen sie besuchte , neben denen sie im Theater und in der Konditorei saß . Für die Theater und Konzerte bekam sie Freikarten . Aber einmal , als sie zu Daniel sagte , der Direktor habe ihr eine Freikarte geschickt , erfuhr er von Philippine , daß sie sich die Karte gekauft habe . Er stellte sie nicht zur Rede , aber es ging ihm nicht mehr aus dem Sinn , daß sie geglaubt hatte , ihn belügen zu müssen . Er begleitete sie nicht zu ihren Vergnügungen ; er wollte bei der Arbeit bleiben und selbst die kleinste Ausgabe nicht durch sein Mittun verdoppeln . Dorothea hatte sich darein gefunden . Seine Abneigung gegen das Theater und die geselligen Zerstreuungen nahm sie für Schrulligkeit und Grillenfängerei . Sie erwog nicht , was an Erfahrung hinter ihm lag , sie hatte vergessen , was er ihr in einer entscheidenden Stunde gebeichtet . Wenn sie spät abends mit glühenden Wangen und blitzenden Augen nach Hause kam , fand Daniel den Mut nicht zu der ernsten Mahnung , mit der er ihr entgegentreten gewollt . Weshalb sie aus ihrem Himmel reißen ? dachte er , die wilde Lust wird sich schon legen . Er hatte Angst vor ihrer schmollenden Miene , vor ihren Tränen , vor ihrem ratlosen Blick , vor ihrem trotzigen Hinausgehen . Aber es fehlte ihm auch das Wort . Er kannte die Vergeblichkeit von Vorhaltungen und Vorwürfen ; leeres Räsonieren war ihm unleidlich , und seine menschliche Rede blieb ohne Widerhall . Sie faßte den Ton nicht , sie mißdeutete alles , mißverstand alles . Sie lachte , zuckte die Achseln , grollte , schalt ihn einen Brummbären , gurrte wie eine Taube ; sie schaute ihn nicht mit wirklichen Augen an , keine flutende Seele war zu spüren . In seinem Gemüt wurde es finster . Der Verbrauch im Haushalt stieg von Woche zu Woche . Daniel wäre sich als ein Krämer erschienen , wenn er seine Ersparnisse vor seinem Weib verborgen , ihr nur in verrechneten Beträgen davon gegeben hätte . Und so war alles Geld bald dahin . Um die Wirtschaft kümmerte sich Dorothea kaum ; sie erteilte ihre Befehle und geriet in Zorn , wenn sie von Philippine nicht pünktlich ausgeführt wurden . » ' s is ihr halt zu fad ; mein Gott , so eine junge Person , « sagte Philippine mit hinterhältigem Bedauern zu Daniel ; » die will sich erlustiern , die will ihr Leben genießen , mein Gott , das kann ihr der Feind nicht verdenken . « Philippine war die Herrin im Hause . Sie ging auf den Markt , bezahlte die Rechnungen , beaufsichtigte die Kochfrau und Waschfrau und frohlockte heimlich , als sie merkte , wie alles bergab ging , unaufhaltsam bergab . 8 Als die Schwangerschaft vorschritt , verließ Dorothea nur noch selten das Haus . Sie blieb bis um elf Uhr vormittags im Bette , dann frisierte sie sich umständlich , hielt Musterung unter ihren Kleidern und schrieb Briefe . Sie hatte eine seltsam ausgebreitete Korrespondenz , und die Empfänger der Briefe rühmten ihren amüsanten Stil . Nach Tisch legte sie sich wieder ins Bett , und spät am Nachmittag kamen Besuche , nicht nur Frauen , sondern auch allerlei junge Männer . Meist wußte Daniel gar nicht , wie die Leute hießen . Er zog sich dann in die Kammer zurück , wo Lenore einst gehaust hatte , und hörte Gelächter und lautes Reden über die Stiege heraufschallen . Des Abends war Dorothea müde ; ein wenig verdrossen saß sie im Schaukelstuhl und las die Zeitung oder die » Wiener Mode « . Daniel hoffte zuversichtlich , daß all dies nach der Geburt des Kindes besser werden , daß Muttergefühl , Mutterpflicht belehrend und bekehrend wirken würde . Im Spätherbst brachte Dorothea einen Knaben zur Welt , der auf den Namen Gottfried getauft wurde . Sie konnte sich nicht genug tun an Überzärtlichkeit ; ihr Entzücken äußerte sich in kindischen Ausdrücken . Sechs Tage lang reichte sie dem Säugling die Brust ; als es kein Spiel mehr sein konnte und die Freundinnen sie warnten , wurde sie des Stillens überdrüssig . » Es verdirbt einem die Figur , « sagte sie zu Philippine , » Kuhmilch ist so gut wie Menschenmilch , wenn nicht besser . « Philippine sperrte Mund und Augen auf , als Dorothea mit nacktem Oberkörper vor den Spiegel trat und ihr Ebenbild mit einem Ernst anschaute , der sonst nie an ihr zu bemerken war . Dorothea wurde kalt gegen ihr Kind , und es schien , als habe sie vergessen , daß sie Mutter war . Der Säugling lag bei Philippine und Agnes in der Stube , und beide pflegten ihn an Stelle der Mutter . Wie wenn sie Versäumtes nachholen und sich entschädigen müßte für die Leiden und Beschwerden der vergangenen Zeit , stürzte sich Dorothea mit gesteigerter Gier in Vergnügungen . Bald aber fand sie sich durch Geldmangel auf allen Seiten gehemmt . Gütig und fest stellte ihr Daniel vor , daß die Gehälter , die er als Organist und als Lehrer bezog , gerade für das Hauswesen reichten und er seine eignen Bedürfnisse ohnehin so viel wie möglich beschränke , um es in der bisherigen Wohlhäbigkeit weiterzuführen . » Wir sind keine Bürger , « sagte er , » und daß wir nicht ganz von Zufalls Gnaden leben , ist eher mein Makel als mein Vorzug . « » Och , du Knauser , « schmollte Dorothea . Häßliche Falten zeigten sich auf ihrer Stirn . » Hättest du mir nicht meine Kunst verekelt , so könnt ich auch was verdienen , « fügte sie hinzu . Er sah stumm zu Boden . Sie aber sann auf Mittel und Wege , um zu Geld zu kommen . Onkel Carovius , der könnte mir helfen , dachte sie . Sie ging nun oft zu ihrem Vater ins Haus und wartete eine Weile vor der Stiege , ob sich Herr Carovius nicht zeigen würde . Eines Tages trat er endlich aus seiner Tür ; sie wollte grüßen , wollte