ihr den Wolfl beiseite . Dann alles , was da in der Truhe ist , auf meine Troßtiere ! Und fort ! Nehmt die Straße nach Emmering . In den Stauden des Buchenwaldes sollen mich zwei von den Meinen mit vier guten Gäulen erwarten . Ihr mit den Troßtieren flink voraus , über Bruck nach Augsburg ! Dort verbergt ihr euch - « Prinz Ludwig sah mit funkelnden Augen in die Truhe , » bis ich diese schönen Dinge von euch fordere . Ein Drittel des gemünzten Goldes ist euer . Und bin ich Herzog , so seid ihr die Besten unter den Meinen . « Seine Stimme bekam einen klagenden Ton . » Ich fürchte , mit meinem törichten Vater geht ' s hinunter . Vielleicht schon heute . Kluge Menschen halten sich an jene , die emporkommen . Aber tut , was ihr wollt . Wenn ich die Krone trage , laß ich meine Feinde hängen . « Er klappte lautlos an der Truhe den Deckel zu . » Geht , ihr Treuen ! Gott wird euch segnen . « Die beiden blieben ratlos noch immer stehen . » Der Wolfl kommt . « Da sprangen sie flink in die Zeltkammer hinaus , und lächelnd wandte Prinz Ludwig das Gesicht . Wolfl Graumann kam mit sechs Einrössern in blankem Stahl und in scharlachroten Wappenröcken . Einer von ihnen sagte streng : » Gnädigster Prinz ! Wir müssen Euch holen . Die Arbeit will anheben , wenn die Sonn , die uns widrig ist , hinuntergeht hinter die Wälder . « » Die Sonne ? So ? Diese Sonne ! Immer geht sie hinunter , wenn das Helle sterben will . Ich komme . Habt nur ein bißchen Geduld , ihr Gradgewachsenen ! Einer wie ich bewegt sich langsam . « Prinz Ludwig machte einen wippenden Spinnenschritt und legte einen herzlichen Klang in seine dünne Knabenstimme . » Komm , guter Wolfl ! Mache mich bereit ! Heut will ich sterben für meinen geliebten Vater . Zieh mir die Schnallen fest ! Gib mir den Degen , den mein Vater ablegte ! Der ist so scharf wie leicht . Und hüll mir den grauen Mantel um das Höckerchen , das mein Panzer hat . « Er lächelte . » Sonst erkennen mich die Feinde zu schnell . Wenn sie fliehen , bevor ich fechte , bleib ich ohne Ruhm . « Schweigend tat der Kämmerer , was der Prinz ihm befohlen hatte . » Guter Wolfl ? Warum so mürrisch ? Weil der Vater ungerecht wider mich redet ? Ich will ihn lieben dafür , wie es der Heiland befiehlt . Sag ihm das , wenn ich in der Schlacht für ihn gestorben bin . Und ehrlich : Hab ich dich schon zur Untreu verleiten wollen ? Nein ? Also ! Und hab ich den Vater nicht immer vor diesem bösen Nachtigall gewarnt ? Erst gestern noch ! Dieser Nachtigall ist ein Meister in schönen Dingen . Alles Schöne ist falsch . « Seine Stimme wurde leis . » Und diese beiden , die der Vater noch mit ins Feld genommen - « - « Prinz Ludwig flüsterte dem Kämmerer zwei Namen ins Ohr , doch immer noch so laut , daß die sechs Einrösser diese zwei Namen deutlich hören konnten . » Mir glaubt der Vater nicht . Warne du ihn vor diesen beiden ! Das sind Diebe . Gestern auf dem Marsche hab ich sie reden hören von meines Vaters Truhe . Sei wachsam , guter Wolfl ! Hüte meines Vaters Gut und Leben ! Gott wird dich segnen dafür . Wenn ich heute sterben muß und hinaufkomme , will ich die Heiligen bitten , daß sie dir beistehen . Um meines geliebten Vaters willen . « In diesen Worten war ein Klang von rührender Kindlichkeit . Und als der Greis verwundert aufblickte , sah er unanzweifelbare Tränen über das breite , blasse Gesicht des Prinzen herunterkollern . Draußen unter dumpfem Sausen ein Trommelgerassel und rasche Trompetenstöße . Der Führer der Einrösser sagte : » Gnädigster Prinz ! Es ist an der Zeit ! « Mit den nassen Augen nickte Prinz Ludwig den sechs Gepanzerten herzlich zu . Wippend trat er zu ihnen , reichte jedem die Hand , wickelte den mausgrauen Mantel um seine Rüstung und sagte : » Schützet den Sohn eures Fürsten ! « Als die sieben hinaustraten durch den Spalt des Zeltes , fiel wieder die Sonne herein . Wolfl Graumann strich mit dem Handrücken über seine Stirn , als müßte er einen Nebel vor seinem Blick verscheuchen . Da faßten ihn grobe Fäuste vom Rücken her und rissen ihn zu Boden . Bevor er schreien konnte , hatte er einen Leinenbausch im Munde . Die beiden , vor denen der Prinz ihn gewarnt hatte , fesselten ihm Hände und Füße , wickelten ihm einen Mantel seines Herrn um das Gesicht herum , und so ließen sie ihn liegen . In der Zeltkammer winselten und kläfften die zwei Hunde , während die schweren Säcke aus der Truhe gehoben und davongetragen wurden . Hinter dem Zelte machte sich ein Trupp von berittenen Leuten mit zwei schwerschleppenden Saumtieren und vier leeren Gäulen durch den schönen Abend davon , kreuzte die auf der Dachauer Straße im Laufschritt anrückende Nachhut des Heeres und mußte sich bei der Amperbrücke durch einen Knäuel von Troßwagen winden , mußte einem Schwarm der kreischenden Gelägerdirnen entrinnen . Der letzte Zug der Spießknechte , der den breitgezogenen Rücken des gegen die brennenden Dörfer Puechheim und Alling vorrückenden Schlachthaufens einzuholen versuchte , geriet auf der feuchten , von Menschen und Rossen zerstampften Wiese aus dem Zusammenhang , schließlich sprang ein jeder , wohin er wollte und wo er besseren Grund zu finden hoffte . Noch ehe diese Moosgaukler den vordrängenden Heerschwarm erreichen konnten , blieb er stehen . Nach allem Lärm war plötzlich eine wunderliche Stille in der Luft . Die Menschenmassen waren unbeweglich . Nur die Rosse , die der schlechte Boden unruhig machte , blieben nicht still ; sie trampelten und keuchten . Und im Rücken des Heeres , unter dem Schwarm der wirren Springer , hallten aufgeregte Stimmen in die beklommene Stille hinein : » Sie beten ! Nieder auf die Knie ! Sie beten schon ! « Ein paar Soldknechte sprangen noch bis zum Heerhaufen hin und gerieten hinter die Hilfstruppe des heiligen Peter von Berchtesgaden , der mit Salzburg und Chiemsee die linke Flanke neben Herzog Ludwig stützte . Unter den Rittern war ein schmuck Gerüsteter , dem der ergrauende , zierlich gestutzte Knebelbart über die Halsberge herausstach . Mit dem Eisen puffte er seinen Nachbar zur Rechten an , der in flämischer Rüstung auf einem Pongauer Rappen saß und sich im Gebet auf den Hals seines Gaules beugte : » Du ! Jetzt möcht ich das Gesicht Gottes sehen ! « Der in der flämischen Rüstung blieb versunken in sein Gebet . Doch des Neugierigen Nachbar zur Linken , der junge Hundswieben , tuschelte : » Gesicht Gottes ? Aschacher ? Denkst du ans Sterben ? « » Ich ? Sterben ? Noch lang nicht . Was geht mich das alles an ? Wenn man nur gesund ist . Ich hab das Gesicht gemeint , das der Herrgott jetzt machen muß , bis er weiß , mit wem er ' s halten soll , mit Ingolstadt oder mit München ? Seine lieben Kinder sind wir alle . Und da beten wir , und es beten die andern . Wem soll er helfen , wen soll er hauen ? Heut ist das ein hartes Geschäft : Herrgott sein ! « Hartneid Aschacher legte den Kopf zurück und sah durch die Klumsen des Schlachtvisiers in die blaue Luft hinauf . Ein reiner , leuchtender Himmel wölbte sich mit milder Schönheit über den zwei betenden Heeren . Die niedergehende Sonne hing wie eine große , blitzende Goldkugel zwischen den Kronen des welkenden Buchenwaldes , der hinter dem Hoflacher Jägerhause lag . Alle Spitzen der Bäume waren wie zierliche , glitzernde Glutfäden , von so starkem Schimmer , daß das menschliche Feuerwerk der in Flammen stehenden Dörfer neben dem strahlenden Glanz des Waldes und Himmels eine schwächliche Sache wurde . Sogar der dicke , braune Rauch der Brandstätte - da ihn die Abendsonne in Purpur und Gold verwandelte - war heller und schöner als die matte Knisterflamme dieser hundert Hütten , in die der Mensch seine sengende Kunst getragen . Je höher die purpurnen Qualmwolken in die Sonne stiegen , um so leuchtender erschienen sie und waren zuletzt wie zarte , aus Rosenschimmer gewobene Schleier , hinter denen die langen Züge der von der Sonne angestrahlten Waldhügel gleich Ketten wundersam geschliffener Topase funkelten . Vor den brennenden Dörfern und im Wiesentale zwischen den Hügeln waren die knienden Münchener schon umwoben von blauem Schatten . Über das breite Treffen der Ingolstädter zuckten von der Höhe des Hoflacher Waldsaumes noch die schimmernden Lanzen der Sonne herunter , ließen die Waffen und Panzer funkeln , setzten blitzende Flämmchen auf die blanken Helme und machten aus den scharlachfarbenen Einrössern einen Tanz von grellroten Lichtern . Und hinter Herzog Ludwigs betendem Schlachthaufen fielen die Schatten von Menschen und Pferden lang und blauschwarz über die zerstampfte Wiese hinaus , die Schatten der Fußknechte wie die Schwarzbilder knorriger Baumstämme , die Schatten der Reiter wie die Nachtgestalten märchenhafter Ungeheuer . Dann floß die schöne Sonne , die diese schwarze Fabel erfunden hatte , wie geschmolzenes Gold über die Wiesen zur Amper und Maisach hinunter , weit , weit hinaus über das öde Sumpfgelände der endlos scheinenden Moorflächen , und in der Ferne verwandelte sie die Waldberge von Dachau in lange Frühlingshecken , an denen die Blutrosen blühten . Zahllose Wassertümpel des weiten Moorlandes , große und winzige , spiegelten den hellen Glanz des Himmels und waren wie blitzende Silberschilde und wie verschwenderisch ausgestreute Goldmünzen . Und die kleinen , unsichtbaren Zwerge , die diesen Hort von Gold und Silber bewachten , sangen eine geheimnisvolle Weise . Millionen von Fröschen und Kröten unkten im schönen Abend : » Gwo gwo gwo gwo gwo ... « Es war wie ein Urweltslied mit einem einzigen Worte , wie ein Schwingen und Beben der abendlichen Erde , wie eine Todesstimme der unerforschlichen Tiefe . Einer von den Rittern , die mit Herzog Ludwig beteten , drehte beim Klang dieses Liedes das Gesicht , das bedeckt war vom Visier des mit Fasanenschwingen geflügelten Helmes . Eine tiefe Erschütterung befiel ihn . Während er die mit Stahl geplattete Zügelfaust in die Mähne seines Rappens wühlte , war ein schmerzender Schrei in seiner Seele . » Moorle ! Auf dem Hängmoos ? Wie du dich geweigert hast , in den Dreck zu springen ? Bist du da nicht klüger gewesen , als Menschen sind ? « So stark und mächtig wurde das Getön der Sümpfe , daß es noch zu hören war unter dem frommen Schlachtgesang , den die beiden Heere zu singen begannen , als sie gegeneinander rückten . Herzog Ludwig hatte die Losung ausgegeben : » Vorwärts ! Mit einem wilden Stoß ! Dem festen Boden zu , auf dem wir siegen ! Alles niedergeritten ! Die Schlacht muß gewonnen sein , eh man hundert Vaterunser betet . In München steht unser Bett . « So wollten es seine Ritter und Reiter . Doch die Gäule versagten . Wie Kinder vor der Nacht , so zitterten die Rosse vor diesem schwarzen , mürben Boden . Kein Reiten und Rennen war ' s , ein grauenvolles Auf und Nieder , ein Kämpfen um jeden Sprung , ein Klatschen und Keuchen . Von den Waldhügeln knatterten die Büchsen der Stadtschützen gegen die langsam vordringende Reitermasse . Wer aus dem Sattel stürzte , wurde von den scheuenden Rossen in den Morast gestampft . Auch auf den Flanken des Ingolstädter Haufens fing man zu feuern an . Dieses Gebummer machte die scheuen Gäule noch wilder . Schon drohte die ganze Reihe des Treffens in Verwirrung zu geraten . Da kam der bessere Boden . Endlich ! Endlich ! Unter Trommelschlag und Trompetenstößen hörte man Herzog Ludwigs mächtige Stimme über alle Köpfe hallen . Doch bevor die Übermacht seiner Ritter und Reiter den wilden Stoß und das sieghafte Niederreiten beginnen konnte , sauste der Kern des Münchener Treffens auf den zerrissenen Gegner los , voraus der junge Prinz mit seinem jauchzenden : » Drauf und dran ! « Nun sind die beiden Heere von Schatten umflossen . Und diesen wilden Zusammenstoß begleitet ein Gerassel , als kollerten schwere Eisenpfannen , Kupferkessel und zerspringende Glocken zu Tausenden über einen steilen Berg herunter . In dem grauenvollen Geschütter geht alles unter , was der Wehschrei eines Menschen ist , der Jauchzer eines Tapferen , der zu siegen hofft , das Röcheln eines Verlorenen , der sterben muß . Hoch über dem wirren Schattengebalge von Menschen und Gäulen , von Blei und Eisen , von Dampf und Feuer - droben im Glanz der Sonne - rudert ein riesiger Schwarm von Wildgänsen durch die leuchtende Luft . Sie kommen vom Haspelmoor und fliegen den Seen der Berge zu . Während sie über das Schlachtfeld ziehen , bleibt der lange Keil ihres Heeres ruhig und verwirrt sich nicht - sie fliegen so hoch , daß alles , was unter ihnen auf der Erde wimmelt , ein winziges , träges , kriechendes Ding wird , dessen sie nicht zu achten brauchen . Von der roten Sonne beschienen , sehen die vielen Vögel , die den Hügel von Hoflach überfliegen , wie eine Wolke wehender Rosenblätter aus . Unter den Gepanzerten , die vor dem Jägerhause bei Herzog Ernst zurückgeblieben sind , schreit ein Frommer und Abergläubischer : » Jesus , ihr Leut , schauet hinauf in die Luft ! Uns fliegen die Engel des Himmels zu . Wir müssen siegen . « Herzog Ernst , auf seinem schweren , unbeweglich stehenden Rosse , wirft einen raschen Blick in die Höhe und murrt : » Deine Engel haben Flügel . Aber sie schnattern . « Dann späht er mit vorgebeugtem Halse wieder hinunter auf das wirre Bild der Schlacht , deren ohrenbetäubendes Getöse zu ihm heraufquillt . Er wird unruhig . Eine bange Sorge beschleicht ihn . Der bescheidene Häuf seiner Reiterei ist zu hitzig vorgeprellt . » Ich sag ' s ja , der verrückte Jung ! Wenn ' s schiefgeht , reiß ich ihm die Ohren weg . « Er späht und streckt sich über den Rist des Gaules hin . Unter der Halsberge pocht ihm der Blutschlag wie ein Hammer . Immer mehr mißfällt ihm das gefährliche Spiel da drunten . Wohl hat sich Prinz Albrecht mit den sechshundert , die hinter ihm herjagten , in tollkühner Tapferkeit schon hineingekeilt zwischen die Massen des Gegners und sägt sich noch immer weiter gegen das Fürstenbanner des Ingolstädters hin . Doch hinter dem Prinzen und seinen Reitern ist ein böses Loch geblieben ; der Kernhaufe des Münchener Fußtreffens kann so schnell nicht folgen , obwohl die schweren Männer wie junge Buben rennen ; und die Flanken , bedrückt durch den regellos hetzenden Schwärm der Bauern , ziehen sich zu weit auseinander und werden gegen die Hügel geschoben . Wenn die berittene Übermacht der Feinde sich völlig herausstampft aus dem schlechteren Boden , ist alles verloren , und alles wird niedergerasselt . Aus des Herzogs Kehle fährt ein rauher Schrei . Sein Sohn ist verschwunden , ist gesunken , vom Gaul gerissen . Ein wildes Gebrüll da drunten , halb wie Jubel und halb wie Schreck . Für einen Augenblick schließt der Herzog die Lider . Dann reißt er den schweren Streithammer vom Gürtel , wirft durch einen Zuck des Kopfes das Helmvisier herunter und schreit : » Ihr Männer ! Los ! Und drauf und dran ! Oder mein lieber Sohn ist hin . Und alles ! « Die zwanzig gepanzerten Rosse jagen über den Hügel hinunter , durch eine Lücke des Treffens gegen den Feind . Schon kreischt man über die stockenden Reihen hin : » Der Prinz ist tot ! « Und Hunderte stehen erschrocken , Hunderte wollen sich wenden . Da hallt die Stimme des Herzogs : » Fürwärts , ihr guten Leut ! Erschrecket nit ! Mein Sohn ist wie ein anderer . Rettet euer Volk und Land ! Drauf und dran ! Hie gutes München ! Seht , wie der Feind entflieht ! « Dieses letzte Wort ist eine Lüge ; doch eine hilfreiche . Gleich einer Mauer , die zu laufen verstand und jetzt das Springen lernte , drängt die neugeschlossene Reihe des Städter-und Bauernheeres dem Herzog nach und fällt mit Sensen , mit Bidenhändern und Morgensternen gegen Ludwigs ankeuchende Reitermenge . Und Herzog Ernst bahnt eine Gasse , faßt den Streitkolben mit beiden Fäusten und haut nach links und rechts hinunter , mit plumpen , klobigen Streichen , mit gewaltigen Hammerschlägen , unter denen die Helme und Schädel , die Platten und Knochen splittern . Hinter dem Herzog schiebt sich der Hauf der schweren Zünfte nach und ein Trupp von Bauern , die mit grimmigen Hieben dreinschlagen . Allen voran ist der Michel Ungeraten mit seinem rostigen Eisen . Er hält dem Herzog den Rücken frei und hat für jeden , den er mit wütendem Streiche niederdrischt , die drei gleichen Worte : » Schmeck , wie ' s tut ! « Ein wüstes Geraufe und Stoßen , Schreien und Fluchen ist um den niedergestochenen Apfelschimmel des Prinzen her . Vom schweren Körper des Gaules halb in den Morast gepreßt , wehrt sich der Liegende mit ermattenden Kräften . Einer schlägt ihm das Eisen aus der Faust , ein roter Einrösser reißt ihm den Helm herunter , faßt ihn am Hals und drückt den vom Blondhaar umringelten Kopf des Prinzen in den Kot : » Ergebt Euch , Herd « Da saust in dem wirren Gewühl der Streitkolben des Herzogs auf den Nacken des Einrössers . Der bricht zusammen . Über ihm ein lachender Schrei : » Ui ? Wolltest du meinen Jungen fangen ? Den brauch ich selber . « Die Münchener wollen jubeln , doch sie müssen sich ihres Lebens wehren . Zwei Reiterhaufen des Ingolstädters überflügeln das Gebalge , das um den Prinzen ist . Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger rennt gegen den Herzog an . Ein Streich des Michel Ungeraten wirft ihn vom Gaul . Und der Michel will noch schreien : » Schmeck , wie ' s - « Doch das dritte seiner Worte findet er nimmer . Stummgeworden rollt er unter die Hufe der Rosse . In dicken Schwärmen prellen die Ingolstädter vor . Und ohne zu lügen , jauchzen schon viele von ihnen : » Sieg ! Sieg ! « Da schrillt zwischen den roten Einrössern eine dünne Knabenstimme : » Rettet euch ! Alles verloren ! Rettet euch ! Wendet die Gäule ! Unser Herzog in Gefahr ! « Der vordringende Schwarm der Ingolstädter stockt . Eine dumpfe Verwirrung . Und einer in mausgrauem Mantel reißt mit zerrenden Fäusten sein Roß zur Flucht . Wieder und wieder zetert er die zwei gleichen Worte : » Rettet euch ! Rettet euch ! « Zwanzig , dreißig , hundert beginnen zu fliehen . In langen Reihen wanken und weichen sie . Herzog Ludwig mit den fremden Hilftruppen , die im Treffen die Nachhut hatten und noch zu keinem Streiche gekommen waren , wirft sich dem Gewirr der Fliehenden entgegen , will das rennende Unglück zum Stehen bringen , befiehlt und droht und bittet , reitet gegen das eigene Volk und schlägt mit seinem deutschen Schwert die eigenen Leute nieder . Wie eine eiserne Mauer preßt sich das Heer der Münchener gegen die weichenden Reihen des Gegners und drängt die letzten , die noch stehen möchten , auf den moorigen Boden zurück . Hier wird jedes Roß zu einem Feinde seines Reiters . Die fuchtelnden Hufe schlagen auf Menschenleiber . Ein Stöhnen , Keuchen und Schreien . Und während die Frösche millionenstimmig das ewige Lied der Tiefe singen , wälzt ein verzweifelter Knäuel von Menschen und Tieren sich immer weiter gegen die weglosen Sümpfe hin . Rosse versinken bis über den Bauch , gestürzte Reiter tappen und waten , werden vom Gewicht der Rüstung immer tiefer gezogen und bleiben hängen wie Fliegen im bösen Honig . Keine Rettung mehr ! Herzog Ludwig muß das Elend der Stunde erkennen . Doch alles Zähe seiner Kräfte bäumt sich in ihm , und seine Fäuste greifen nach einem neuen Schimmer von Hoffnung . Noch ist nicht alles verloren . Nur sein Sohn ist ein Verräter geworden oder noch ein Ekelhafteres : ein Feigling . Sonst nur ein Tag verspielt ! Wohl liegen tausend von Ludwigs Treuen auf der Wiese oder hängen im Moor oder rennen , wer weiß wohin . Zweittausend hat er noch ! Und mehr ! Die muß er retten , zusammenhalten und führen , muß ihnen die Straße sichern , muß sie bei Dachau auf festen , verläßlichen Boden bringen . Dort will er sie sammeln , will sie ruhen lassen bis zum Morgen . Und wenn sie erkannten , daß nur der Haß des Bodens und die Widrigkeit einer Stunde sie besiegte , will er sie zu einem neuen , glückreicheren Stoße gegen München führen , morgen , in dieser jungen Sonne , die seine Sonne ist , die Sonne von Sankt Matthäi ! Mit den Truppen , die noch frisch geblieben - mit den Salzburgern und Gadnischen , mit dem Zug der Chiemseer und des Törring - besetzt er im Blutglanz des sinkenden Abends die Amperbrücke bei Olching und formiert einen langen , weit auseinanderstrebenden Trichter , der die verwirrten Schwärme der Fliehenden auffangen und sie zu ruhigem Rückmarsch in dünner Reihe zwingen soll . Das gelingt ihm . Es gelingt , weil Herzog Ernst bei dämmerndem Abend die Seinen sammelt , um sie von einer hetzenden Verfolgung auf gefährlichem Boden abzuhalten . Und weil er ein genügsamer Sieger ist . » Gott hat uns aus der Not gehoben . Jetzt wollen wir barmherzige Menschen sein . « Im sinkenden Zwielicht werden die Verwundeten zusammengetragen , Freunde und Feinde . An die dreihundert hocken und liegen im Wiesgarten vor dem Hoflacher Jägerhause . Nur wenige sind schwer verletzt . Gefallen ist vom Heer der Münchener nur ein einziger . Er liegt wie ein steifes Holz im Gras , ist in den Mantel des Herzogs eingewickelt und hat einen neuen Namen bekommen . Man wird ihn zu München in der Schloßkirche bestatten , und der Büchsenmeister Völschel , der alle Verse für seine Haupt- und Kammerbüchsen selber macht , hat schon eine Grabschrift für ihn gefunden : » Ein Bauer hieß Michel Ungeraten , Da seine Äuglein noch blitzen taten , Hat gelacht für sieben , gefochten für zehn , Heißet im Himmel : Herr Seelenschön ! « Das Verslein gefiel den Fürsten , Bürgern und Bauern . Nur ein alter Schwabinger schüttelte den Kopf und sagte : » Seiner einschichtigen Mutter wird ' s nit zusagen . Der wär ein lebendiger Ungeraten lieber . « In der matten Helle , die der versinkende Brand der beiden Dörfer am späten Abend noch machte , musterte Herzog Ernst die Schar der Gefangenen . Fast ein halbes Tausend . Nicht viele waren in der Schlacht gewonnen ; unter ihnen ein paar von des Ingolstädters besten Leuten , der verwundete Hauptmann Christoph Laiminger , Herr Jörg von Frauenberg und Seiz Marschall von Oberndorf . Die meisten der Gefangenen - darunter mehr als zweihundert adlige Herren - hatte man nach der Schlacht aus dem grauen Pfuhl gezogen . Wie man Fische im Moorwasser fängt , mit der hohlen Hand . Bevor man diese erbeuteten Grafen und Barone unter Siegesjubel und Glockengeläut nach München einbringen konnte , mußte man sie ein bißchen säubern . Mit plätschernden Wassergüssen spülte man ihnen den Morast von den kostbaren Rüstungen . Lachend sagte Herzog Ernst : » Ihr Herren , verzeihet der groben Wäsch ! Meinem Sohn ist ' s auch nicht feiner ergangen . Der putzt noch allweil an seinem langen Haar und riecht wie ein fauler Karpf . « Von irgendwo - aus einem Dorfe , das noch nicht verbrannt war - klang im Grau des Abends der Hall einer Glocke . Der Herzog und die Seinen beugten das Knie zur Andacht . Sie dankten dem Himmel für den flinken Sieg , den sie im Gold dieses sinkenden Tages erfochten hatten , bevor eine langsame Christenseele hundert Vaterunser hätte beten können . Nach dem Amen tat Herzog Ernst das Gelübde : » Wo Gott uns geholfen hat , will ich zu ewigem Gedächtnis eine Kapell erbauen . « Unter einem Himmel , der noch hell war , begann das Heer der Münchener den fröhlichen Rückmarsch . Die Bürger schwatzten , die Bauern sangen . Von den glostenden Feuerstätten der niedergebrannten Dörfer huschten Männer und Weiber am schwarzen Waldsaum gegen das stillgewordene Schlachtfeld hinunter und holten sich von den kaltgewordenen Ingolstädtern , die Herzog Ludwig wider Willen zurückgelassen hatte , eine kleine Vergütung für ihren Brandschaden . Bei der Plünderung des vergessenen Fürstenzeltes fanden sie einen Gefesselten , dem sie die Freiheit gaben , weil sie glaubten , das wäre einer von Herzog Ludwigs Feinden . Gelächter , harte Flüche und leise Stimmen . Und manchmal ein lautes Klatschen in den weißlichen Wassertümpeln , die noch immer einen Schimmer von Helle zu spiegeln hatten . Über den großen Pfützen zuweilen ein Flügelrauschen , ein aufgeregtes Entengeschnatter . Und noch immer sangen die Frösche . In der Dämmerung huschten zwei große Hunde wie rasend zwischen dem Schlachtfeld und dem Lauf der Amper umher . Winselnd und kläffend verschwanden sie im Dunkel . 8 Wie ein schwingender Orgelton , verschwebend und wieder wachsend , scholl das Lied der weiten Sümpfe in die kommende Nacht . Von den Rändern der flachgedehnten Moore klang es noch über das feste Land hinaus bis zu den schwarzgewordenen Waldhügeln , die zwischen Günding und Dachau einen großen , dunklen Wiesenkessel umzogen . In den schwarzen Wäldern nirgends ein Feuerschein . Doch immer wieder das Geräusch von brechenden Zweigen , ein Stampfen ungeduldiger Pferde , ein leises Klirren von Eisen . Aus einer finsteren Wand des von unsichtbarem Leben durchlispelten Waldes lösten sich zwei graue Reiter und hielten auf einem Wiesenhügel : Malimmes und Jul . Ihre Gäule standen Seite an Seite , während die beiden schweigend hinausspähten über das singende Moor . Gegen Westen streifte den Horizont noch ein matter Blutschein des versunkenen Tages . Und in der südlichen Ferne , wo der Himmel zwischen dem Stahlblau der vorrückenden Nacht und dem glimmenden Rot des Westens eine gelbgrüne Tönung hatte , hing etwas Traumhaftes in den Lüften . Es war von rätselhafter Form , hatte ein zartes Leuchten und drohte hinter den dampfenden Herbstnebeln zu versinken . Fast glich es den schimmernden Zacken einer großen Krone , die ein unsichtbarer König trug , die Kette der Berge , auf deren höchsten Zinnen noch ein roter Nachglanz der untergegangenen Sonne lag . In dem leiser werdenden Lied der Frösche ließ sich von Westen ein Geräusch vernehmen , ähnlich dem fernen Lärm jener Elendsnacht , in der die Ramsauer den andächtigen Bittgang zum heiligen Zeno unternommen hatten . Wie ein Gerüttel von Erbsen in einer eisernen Schüssel . Ruhig sagte Malimmes : » Da kommen sie . Herr Heinrich hat gut gerechnet . Wenn er die wilde Fiebernacht übersteht , wird Gott wieder wollen müssen , was der Herzog will . Wär ich der Herrgott , so hätt ich einen anderen Willen . « Stumm und unbeweglich kauerte Jul im Sattel , war auf den Hals des Pferdes gebeugt und spähte über das klingende Moor hinaus . » Was wir da schaffen müssen , ist ein übles Ding . « Malimmes redete durch die Zähne . » Einen Feind totschlagen ? Gut ! Einen Erschlagenen drosseln ? Ich versteh ' s nit . « Er lachte . » Muß wohl sein , daß ein niedriger Lumpenkerl nit weiß , wie ein fürnehmer Herzog rechnet : Zweimal zwei ist drei für die andern , zweimal zwei ist sieben für den Herzog . Sein Turm wird fett dabei . Unsereins bleibt mager . « In der nebligen Ferne , wo die ruhelosen Erbsen rasselten , glommen die Fackeln auf , die der fliehende Heerhauf entzünden mußte , um zwischen Sumpf und Sumpf die feste Straße nicht zu verlieren . Und im Süden wuchs ein rötlicher Schein : das Freudenfeuer , das man zu München entzündete . Um die heimkehrenden Sieger zu begrüßen , läutete man in der Stadt mit allen Glocken . Das vielstimmige , durch Ferne und Nebel sanft gedämpfte Geläut schwamm über den singenden Sumpf herüber und mischte sich mit dem Lied der Frösche , das wie eine zärtlich flüsternde Stimme im Dunkel schwebte : » Komm , komm , komm , komm , komm , komm - « Schaudernd unter den stählernen Schienen , fiel Jul im Sattel vornüber und preßte das Gesicht in die Mähne des Gaules . Malimmes ließ den Zügel fallen , griff mit beiden Armen hinüber und richtete den zitternden Gesellen auf : » Sei gescheit ! Tu dich aufrecht halten ! Was ist denn das ? « » Malimmes ! Ich sterb , ich sterb ! « Da lachte der Bauernsöldner mit einem wunderlich wehen Klang . » Sterben ? Das glauben die Maidlen all weil , wenn ihr Leben erst richtig anheben will . « Jul hob den Kopf und sagte mit der Stimme einer verzweifelten Seele : » Mensch , ich versteh dich nit ! Du redest wieder , ich weiß nit , was . « » Ganz gut verstehst du mich . Guck übers Moor hinaus ! « Malimmes deutete nach den Fackeln , die weit da draußen gaukelten . » Da kommt einer . Der lebt ! Er muß leben . Da glaub ich dran , du Kind meines gütigen Herren ! Eh zwei Tag versinken , ist das