und nicht vor dem siebenten Tage zu antworten , mochte ich mich nicht binden . » Nein doch , Frau « - sprach ich heimlich - » laß lieber unseres Schöpfers Wort gelten , zur Eva gesprochen : Deinem Manne sei dein Wille untertan , es seien Mann und Männin ein Fleisch . « Und es brausete mein Blut wie vor vielen Jahren zu Magdeburg , da ich mit der Geliebten unter der Erde Hochzeit gehalten . Alle Reize des süßen Weibes erblühten von neuem und waren entzückender noch als damals in der Kirchengruft ; mich verzehrte das Schmachten , eine Wüstenei galt mir das Leben ohne Thekla . Unsinnige Pläne beschwur meines Blutes Gärung herauf . Umlauern wollt ich Kiesewalds Baude und bei guter Gelegenheit Thekla zur Rede stellen , sie überzeugen , daß sie mir zu folgen habe , und dann mit ihr auf Schleichwegen entfliehen . Würde Heinrich uns verfolgen , dann wehe ihm ! Schon im Kampfe mit dem Nebenbuhler sah ich mich , sein Blut floß wie das meine . Und nieder zwang ich ihn , frei war nun die Bahn für mein erobert Glück . Nach Dresden wollten wir uns wenden und ein friedlich Gütlein erwerben beim schönen Elbestrome . An Gelde sollt es nicht fehlen ; des Abendburgschatzes wollt ich von neuem habhaft werden . Es reuete mich , ins Felsenloch ihn gesenkt zu haben . Indessen ließ sich der Schaden noch gut machen . Ich plante , das Höhlenwasser zu stauen und das Felsenloch trocken zu legen . Hineinkriechen wollt ich und das Gold wieder herausholen . Falls das Loch zu enge wäre , ließ es sich auseinandersprengen . Das Sprengmittel besaß ich ; drei Faß Pulver waren in den kriegerischen Tagen der Abendburg drunten verborgen und noch unverbraucht . Die nächsten Tage schaffte ich in der Höhle , um den Schatz wieder in meine Hände zu bringen . Durch das eisige Wasser patschte ich und griff ins Felsenloch . Verschwunden aber blieben die Kostbarkeiten , hinabgespült in den Schacht harten Gesteins . Meine Mühe , das Wasser zu stauen , wollte nicht gelingen ; zerrissen war das Felsenbett , und wenn ich mit Steinen , Moos und Schotter eine Sperre gemacht hatte , kam das Wasser aus tiefen Spalten herfürgeschossen . Da mußt ich mich schon auf langwierige Arbeit einrichten . Abgemattet und verzagt griff ich mit zitternder Hand an meine Stirn : » Was tust du , Narr ? Erst verwirfst du das Gold , wie man eine Giftschlange wegschleudert ; und jetzo suchst du wieder danach , als ob es dein Heil sei . War nun der Verwerfende ein Narr , oder ist es der reuige Sucher ? Besinne dich , Mensch ! « Und es raunte mein besser Selbst : » Verworfen hast du den Mammon , weil er Unfrieden und Schuld , Habgier und Neid , Trug und Totschlag heraufbeschwur und solchergestalt als echter Höllenfürst sich zu erkennen gab . Um dich ein für allemal loszusagen von dem Seelenverderber , hast du ihn hinabgestürzt in den schwarzen Erdenschlund . Friede hat dich seitdem begnadet , schon tat der Himmel sich dir auf . Nun aber wendest du dein Angesicht wieder zur Tiefe . Was suchst du drunten ? Meinst du , aus dem schaurigen Höllenkessel könne dein Glück emporsteigen ? Das Gold holst du vielleicht heraus , dafür aber wirst du dein besser Selbst hinuntersenken . « So haderte ich , und es reuete mich allgemach , daß in dem Briefe , den ich dem hohlen Baum beim Kesselstein anvertraut hatte , eine Sinnesart zum Ausdruck gelangte , keineswegs dem Edelmetall des Herzens angehörig , wie es Waldhäuser empfohlen . Da ich mich schämte , im ersten Brief an Thekla mich also wüst zu geben , so eilte ich zum Kesselstein , den Brief wieder zurück zu nehmen . Er war aber bereits abgeholt . Theklas Antwort ließ nicht lang auf sich warten . Eine Rauchsäule am Breiten Berge gab das Zeichen , daß ich zum Kesselstein kommen solle . Ich eilte hin und zitternd entnahm ich der Baumhöhlung das Papier . Und las Theklas Zeilen , die hastig hingeworfen und zuweilen durch Zähren verwaschen waren : » Wie zerrissen muß Dein arm lieb Herze sein , teuerster Mann ! Wilde Geister möchten Dein Heiligtum erobern und haben mit blendenden Kriegslisten für ein Weilchen Boden gewonnen . Gewißlich nur für ein Weilchen ! Bald wird mein Johannes aus seiner Verstörtheit erwachen und dann erst recht ein Gotteskind sein . Die unbeholfene Schreiberin hat im vorigen Brief verschwiegen , welch Entzücken ihr Deine Predigt im Felsendom erweckte . Sinne Dich , Geliebter , in eines anschmiegsamen Weibes Seele hinein , wenn sich der verlorene Gatte wiedergefunden hat , voller Adel wie ein Demant , der dem Besitzer abhanden kam , um köstlich geschliffen zurückzukehren . Nicht als ob ich in den Jahren unserer Jugend Mängel an Dir empfunden . So wie Du warst , hast Du meine wonnige Anbetung gehabt . Und nicht minder zärtlich umfinge Dich jetzo meine Liebe , wärest Du des Kriegsgottes Anhänger geblieben , obwohl ich alsdann zum Himmel flehen würde , daß er Dich über die rauhe Ritterschaft hinaushebe in jenen Stand , zu dem die Sterne Dich bestimmt haben . Herzog Wallenstein war ein astrologischer Prophete , als er sagte , Du werdest kein Kriegsmann sein , sondern Hoherpriester . Ja , einen Born in Dir hat sich die Weisheit bereitet . Denke doch , wie darob eine Frauenseele jubilieren muß , die in langjähriger Trennung vom Geliebten zum selbigen Gipfel der Verklärung aufschauen lernte , den Deine Hohepriesterschaft feiert . So sind wir beide ja im tiefsten Grunde eins , von einer Andacht zum gleichen Pilgerziel bewegt . O reiche mir Deine Hand , ich halte sie fest . Vertrauend will ich ihr gehorsamen , soweit ich vermag . Nachsicht aber , Erbarmen erflehe ich , falls ich vor Schauder zittere und meinen ungestümen Führer zurückzerre von der finstern Tiefe , in die ein Taumel uns stürzen möchte . - Ach es muß wohl sein , daß die süßen Pfirsche bittere Steine bergen , daß zur Liebe Leid gehört und Straucheln zum Emporklimmen . Hat denn nicht selbst der Heilige am Kreuz geseufzet : Mein Gott , warum hast Du mich verlassen ? Ist er nicht zur Hölle niedergesunken , bevor er zum Himmel emporfuhr ? Hatte nicht Satan Gewalt , ihn zu versuchen ? Und war es nicht von höchster Weisheit vorherbestimmt , daß nur durch Einkleidung ins niedere Staubgewand Gott zum Erlöser werden konnte ? Unumgänglich - so scheint es - begibt sich alle Kreatur in den Eigensinn des Sündenfalls und wiederholt Luzifers Absturz . Erst aus der Enttäuschung , aus der Friedlosigkeit quillt und drängt das Heimweh nach der himmlischen Unschuld . So will ich denn geduldig mit meinem armen Liebling gehen , will Sorgen und Leiden mit ihm teilen , dieweil ja meinetwegen , aus Lust an dieser Evanatur , mein Adam sich verirrte . Ohn ' Unterlaß aber will ich ihn anflehen : Laß mich nicht eine gar zu arge Versucherin sein ! Genung , daß ich zur Gedankensünde , zum bösen Plane Dich verführte , nun hüte Dich vor der Ausführung ! Halt ! Keinen Schritt weiter ! Unterlaß die Untat ! Es warne Dich das Grauen , so allbereits den Vorschauenden anfällt ! Schau doch her , ich zeige Dir , was die Hölle mit uns vorhat . Der Rat , den ihr giftiger Odem raunet , heißt Wortbruch , Flucht , Lüge , Verräterei , Beleidigung , Anreiz zu Eifersucht und Rache , Fehde und Totschlag , Schuld und Selbstqual . Mein Johannes und mein Heinrich , beide meiner Liebe anvertraut , sollen heimgesucht werden von diesen höllischen Folterknechten . Johannes begehrt mich zu seinem Eigentum , wie der Besitzer eine Sache einzig haben will . Heinrich aber wird alsdann zürnen : Halt , Räuber , nimm erst mein Leben , oder laß das deine ! So verkehrt sich die Minne , die doch Wohltat sein sollte , zur Untat . Muß das sein ? Meinest Du etwan , Heinrich mache Dir mein Herz abspenstig ? Angenommen , er fürchte , von Dir in Schatten gestellt zu werden , alsdann wäre diese Sorge nicht so töricht , wie Deine ; und ein Recht auf unsere Nachsicht hätte der Arme , der sich betrübt , weil ich ihm nur Schwester bin . Darf ich nicht einmal das ? Zürnest Du , weil Heinrich Deiner Thekla gut ist ? Ja , gut ist er , Dir und mir hat er lauter Liebes getan . Unser kleiner Johannes war von Berthulden geraubt ; da hat Heinrich sich erbarmt des gefährdeten Kindleins und des geängsteten Mutterherzens , hat sein eigen Kind , sein krank Weib verlassen und die Verfolgung der Räuberin unternommen . Derweilen er Deiner Gattin in ihren gräßlichen Nöten treulich beigestanden , ist seine eigene Gattin dem Tode verfallen . Dies Opfer hat Heinrich für uns gebracht . Wie ich nun vielleicht dazu beigetragen habe , daß er Witmann ward , so hab ich sicher seines Mägdeleins Tod verschuldet ; denn wär ich wachsam gewesen , wie ich gesollt , so hätte klein Anneliesel die Wassergefahr gemieden . Schlimm genung hab ich dem guten Heinrich mitgespielt . Hab überdies sein Herze betört , daß es nicht mehr ließ von mir , hab es dann gequält , da ich nur mit Schwesterliebe sein glühend Verlangen beantworten konnte . Langmütig und bescheiden hat er alles Leid ertragen , so ich über ihn gebracht , und hat treulich gehalten , was er aus freien Stücken angelobt : mein Beschützer zu sein bis zum Grabe . - Und diesem Manne soll ich mit Verrat lohnen ? Aus seiner Hütte stehlen soll ich mich und den Stachel der Eifersucht in seinem Herzen lassen ? Über ihn und über Dich heraufbeschwören die Zorn- und Racheteufel ? Zwingen und foltern soll uns aufs neue jene Welt , der wir uns schon gänzlich entronnen glaubten ? Die Welt der blinden Gier , des wüsten Tobens und blutdürstigen Haders ? Die wahre Hölle ist das ! O mein Liebling ! Ich war einmal in solcher Hölle und habe davon genung für immer . Als Kind mußt ich zuschauen , wie Eiferer meinen teuern Vater umbrachten . Alsdann sperrten sie mich hinter Schloß und Riegel , und nach ihrem Sinn ist es wahrlich nicht gegangen , als Du dorten mein Sonnenschein , mein Befreier worden bist . Kurz nur hat uns damals das Glück gelächelt ; dann ist wieder bange Finsternis hereingebrochen . Das große Morden zu Magdeburg raffte Schwester und Schwager an meiner Seite hin . Du , Johannes , halfest mir abermals entrinnen . Denk aber an die Greuel , so uns hierauf begegnet , denk an die Beutemacher im Predigerhause , an den unterirdischen Gang , an den Versteck hinter dem Kirchengemälde , wo wir Zeugen waren jenes Heulens und Zähneklappens , das die Geister der Habgier heraufbeschwören , wo auch immer sie losgelassen sind . Erinnere Dich auch der Ängste , mit denen Zetteritz uns beide quälte , da er liebende Herzen voneinander riß . Lies endlich noch einmal meine Schilderung der Folter , so Berthuldens Eifersucht über mich verhängte . Die wilde Gier mit dem heißen Odem hat den mörderischen Stahl in meine Brust gestoßen , hat unser Kind geraubt und in die Glut der Teufelsmette gerissen , hat dem Abgrund der Verzweiflung ein Mutterherz überantwortet . Der Retter , so mich erhub aus der schaurigen Tiefe , ist der gütige Himmel , Heinrich aber und Sibylle waren seine dienenden Werkzeuge . Keine Zaubermacht über den Wolken vermeine ich , sondern den Gott im Menschengemüte - sein Name ist Erbarmen , Friedfertigkeit , Besonnenheit , Seelenruhe . Diesem Himmel sei anheimgegeben unsere Führung . Er allein beschert das Heil . Er findet den Ausweg aus jeglichem Irrsal ; lösbar sind ihm die verworrensten Fäden des Schicksals . Das ist mein Glaube , mein Trost - laß mich selig in ihm werden , mein Johannes ! Willst Du es tun , so gib Antwort , je eher , je besser ; ich vergehe vor Bangen . Sobald Du entschlossen bist , meine Sehnsucht zu erfüllen und ganz einig mit mir zu sein , entzünde das Feuer am Hohen Stein . Ich weiß dann Bescheid und bin getröstet . Freilich erst am Sonntag kann Sibylle zum Kesselstein gehen . Da Du also Zeit hast , so laß Dein Schreiben reichlich sein ; tu mir die Liebe , Dein Leben zu schildern , soweit es mir noch unbekannt . Vertraue Deiner Gattin an , was in den Jahren unserer Getrenntheit Dein Herz bewegt hat . Vergiß auch nicht , Gedichte beizufügen , die Du ersonnen . Deine Weisen sollen mich in Schlummer wiegen , dabei will ich lächeln , Du wirst an meinem Lager sitzen und die treue Hand über meine geschlossenen Augen halten . Oh , trenne Dich nie von mir , Du Meiner ! Ewig bin ich Dein . « Unter dem Buchenbaum am Kesselstein , wo ich diese Worte Theklas gelesen , warf ich mich ins Beerenkraut , wie ein Kämpfer , der vor seinem Gegner reuig und gehorsam die Waffen streckt . Die Hände gefaltet , ergab ich mich der heiligen Seele , die ich anbetete . Ich küßte den Brief und flüsterte flehentlich : » Du reine Quelle , verzeih , daß ich dich trüben wollte ! Und Dank dir , daß du mit Wohltat mein garstig Ungestüm vergelten , das Unlautere von mir tun willst ! « Zähren brachen aus meinem Auge , es schwand die Welt , nur das zuckende Herz war zu spüren , zugleich aber Linderung wie von einer sanften Hand , süßes Schaudern , stilles Aufjubeln , als sei ein Engel nah . Und ich begab mich zu einer Senkung des Geländes , wo Rüstern einen dunklen Hain wölbten , und zwischen moosigen Blöcken ein dünn Wässerlein wimmerte . Draußen aber auf die Wipfel schien die Herbstsonne warm hernieder und kosete die grünen Kindlein , so auf den Zweigen saßen in dichtem Gewimmel . Und diese Sonne , ihre Güte ergießend über tausend mal tausend schmachtende Kreaturen , deuchte mich Thekla . Waren denn nicht die Waisen , Kranken und Einsamen zu Petersdorf , waren nicht Heinrich und ich selber wie die grünen Sonnenkinder , denen die mütterliche Göttin mit einem Lächeln myriadenfach wohltut ? Und da sollte ich neidisch sein auf ein Geschwister ? sollte grollen , weil nicht bloß mir das lichte Heil zugute kommt ? sollte meinem Bruder Heinrich sein Teilchen Sonnenschein mißgönnen , obwohl ich selber doch nicht im Schatten stund ? Nicht doch ! gelobte ich inbrünstig ; laß schwinden die Habsucht , meine Seele , der Liebesflut gib dich hin , so aus dem Sonnenherzen quillt ! - Und im lauschigen Hain , wo durch dunkles Laubdach güldene Lichter äugelten , wo winzige Flügeltierlein ihren Luftreigen summten und das Wasserseelchen weinte , hub mein Herz zu singen an : Wie traurig diese Wälder düstern ! Kein Sonnengold tiefinnen lacht . Das tun die felsengrauen Rüstern , Von Laubgeflechten überdacht . Auch ich so trüb ! Der Liebe Gnade Darf strahlen nicht zu meinem Grund . Die Sorg umdüstert meine Pfade ; Bin gar ein öder Dickichtschlund . Doch duld ich lächelnd , fromme Sonne , Daß sich dein Brautkuß mir verschließt - Wenn draußen nur die güldne Wonne Um all die Sonnenkindlein fließt . Laß lieben dich mit jener Liebe , So nicht Genuß , nur Andacht will . Und ob ich ewig dunkel bliebe , Von deinem Leuchten träum ich still . Wiewohl so unter Theklas Führung mein besser Selbst wiedergefunden und gesichert war , vermochte ich meinen Trost nicht festzuhalten . Zweifel und Gram überfielen mich aufs neue , und ich fragte : Muß denn Tugend so streng und herbe sein ? Du göttliche Macht der Liebe , warum lässest du zwei deiner Getreusten solche Entbehrung leiden ? Ist das dein Heil , wenn Gatte und Gattin , die endlich einander wiederfanden , nachdem sie in Trennung ihre jungen Jahre vertrauerten , jetzunder vor der Umarmung zurückweichen , als wären sie Mönch und Nonne ? und nur verstohlene Zwiesprache wagen , ähnlich dem griechischen Liebespaar Pyramus und Thisbe , so nichts anderes für sein Schmachten hatte als zärtlich Gewisper durch den Spalt der grausamen Wand ? Mit Stöhnen sah ich meines wallenden Bartes ergrauend Haar und bedachte , daß verlorene Jugend nicht zurückkehre . Versäumt , armer Johannes , hast du dein Liebesglück . Es lächelt dir zwar wieder - doch spät , und dann nur von ferne ! Solche Gedanken trug ich bei Tage mit mir herum , nachts machten sie das Herz schwer und den Kopf heiß , kein Schlummer brachte Trost . Da übermannte mich die Erschöpfung eines Mittags , als die Herbstsonne noch einmal wärmte , und ein duftiger Heuhaufen auf Preislers Wiese lockte . Und es kam mir ein süßbanger Traum : Sonntag war ' s und Erntefest , ich aber hatte der köstlichen Zeit nicht wahrgenommen , hatte im Heu die Stunden verschlafen . Traurig zumute war meinem Schätzchen , der Hirtin Thekla , die gekommen war , mit ihrem Johannes zu tanzen , und nirgends ihn fand , bis er endlich vom Abendläuten wach wurde . Da war ' s nun zu spät , Versäumtes nachzuholen , Mißlungenes wieder gut zu machen . Ein anderer Mann hatte ihr den Arm geboten , die Einsame hatte ihn angenommen , der andere führte sie heim . Noch einmal schaute sie nach dem säumigen Liebsten zurück , unsagbare Trauer im Auge . O Träumer , Versäumer ! Den verlorenen Tag kann die Allmacht nicht zurückbringen . Die Welt geht ihren starren Gang . Nun fühle , Närrchen , was es heißt : zu spät ! Aufschluchzend erwachte ich , einen Augenblick war ' s , als wandle unweit Thekla an Heinrichs Arm , dann verschwand das Gesicht . Unter Zähren starrte ich unablässig in meines Traumes seltsame Welt und kam nicht los vom unerbittlichen Zuspät . Schließlich löste sich mein Gram in Versen . Ratloses Irren durch ein Labyrinth ahmten sie nach , durch düstere Gänge , die verschlungen immer wiederkehren , obwohl der Verlaufene sie schon einmal durchgemacht hat . Verzweifeln muß er , statt des Gebetes kommt ihm ein bitter Lachen , hin legt er den wirren Kopf , um endlich zu vergessen ... Und wie ich mich erhub vom Heu , Und wie mein Blick ging staunend um , Da schlug aufs Herze mir die Reu : O weh , du hast verschlafen Den ganzen Sonntag schier - wie dumm ! Und wie mein Blick ging staunend um , Stund dort mein Schatz und sah zurück - An eines Fremden Arm - wie dumm ! Mein Seelenschatz vom Himmel ! Sein dürstend Auge leer von Glück ! Verdürstend sah mein Schatz zurück : » Was schliefest , Närrchen , auch so lang ! Verträumt ist unser Minneglück , Im Sinken schon die Sonne ... Ade ! Mir ist wie dir so bang ! « Was schliefest , Närrchen , auch so lang ! Und was nun weiter ? Bleib im Traum ! Beliebt vielleicht ein Schlendergang , Recht einsam , ohne Hoffen ? Vielleicht zu Totenackers Saum ? Ja , was nun weiter ? Bleib im Traum ! Die Welt geht ihren starren Gang , Und Zährenfluten lindern kaum , Wo mädchenschwach ein Schätzchen Mit seinem harten Schicksal rang . Die Welt geht ihren starren Gang . Wohin ? Mein armer Kopf ist irr . Mag sein , mir wäre minder bang , So ich noch könnte beten . Ich hab ' s verlernt , vom Heuduft wirr . Wohin ? Mein armer Kopf ist irr . Denk wohl , ich bette mich aufs neu Und schlaf ' im duftgen Halmgewirr Und von verblichnen Blumen Träum ich zu Tode mich im Heu . All dies wechselvolle Seelenwetter beichtete offenherzig mein neuer Brief . Zugleich erstattete ich ausführlichen Bericht über mein Geschick , wie es seit meiner Trennung von Thekla verlaufen war . Indem ich schilderte , wie die Begebenheiten meine innere Welt gewandelt hatten , gewann ich Klarheit über mein Wesen , und ein gut Teil Beruhigung . Hatte Thekla diesen Erfolg herbeiführen wollen ? Zuzutrauen war das ihrem klugen Zartsinn . Jedenfalls hatte sie es verstanden , auf Beschaulichkeit , forschende Wahrhaftigkeit mich hinzulenken , was mir eine Wohltat war , insofern ich abgezogen wurde von selbstsüchtigen Ansprüchen und Anklagen . Hatte das Eremitenleben der letzten Jahre keinen anderen Dämpfer für meine Launen gehabt , als die einförmig harte Öde , die mich umgab , und meinen Hang zum Meditieren , so ward ich anitzo von der geliebtesten Menschenseele vor Aufgaben gestellt , die meine besseren Kräfte planvoll zur Entfaltung brachten . Gleich der nächste Brief Theklas trug zur Ordnung meines wirren Gemütes bei . » Armer Johannes « - schrieb sie - » Dein Gram teilt sich mir mit , bittere Tränen vergoß ich , so oft ich Dein Gedicht las vom Schlaf im Heu und dem versäumten Glück . Menschlich ist es ja , einem unfruchtbaren Grame zu unterliegen , und wer solche Menschlichkeit in wahren Worten ausdrückt , ist ein Tröster ihm selber und auch seinen Mitmenschen . In dieser Hinsicht erkenne ich an , daß die Wunde , die das Schicksal vor etwelcher Zeit meinem Herzen geschlagen , von Deinem Gedicht zwar aufs neue zum Bluten gebracht , zugleich aber mit linderndem Heilbalsam versehen worden . Eine Beigabe dieses Balsams jedoch macht mir brennenden Schmerz . Es ist die Art , wie Du Heinrich beurteilst , wie Du die Rolle deutest , die er in meinem Leben spielt . Laß Dir doch nicht vorgaukeln , daß er mich Dir entführt , und daß mein Auge leer von Glücke sei , als ob dieser Mann mich in öder Gefangenschaft halte . Wie gut er ist , und wieviel echtes Glück ich ihm verdanke , wirst Du dereinst noch erkennen , wenn ihr beide so weit sein werdet , harmlos miteinander umzugehen . Einstweilen bedenke , teurer Johannes , was Du selber in Deiner Predigt gesagt hast , daß nämlich zu unterscheiden sei zwischen der wahren und der falschen Minne . Die falsche Minne stelle ich mir als jenen Drachen für , den alte Märlein beschreiben , wie er einen Goldschatz hütet oder auch eine Maid , die er sich geraubt hat . Wehe dem Ritter , der den Hort erlösen möchte ; mit sengendem Odem und giftigem Geifer , mit geringeltem Schweif und krallender Klaue , mit hauendem Flügel und schnappendem Rachen greift das Ungeheuer den Vermessenen an , Blut besudelt den Goldschatz , Grauen entstellt die Jungfrau , die Blumen welken , die Lüfte wimmern , es verhüllt die Sonne ihr Angesicht . Will meines Evangelisten geweihtes Herz solch einem Drachen Unterschlupf gewähren ? Und soll ich die Maid sein , die der Drache hütet ? Wenn dem nicht so ist , so mag der Drache wenigstens willig sein , sich entzaubern zu lassen . Es raunen ja doch die Mären , er sei ein verwunschener König , und seine Maid könne ihn erlösen durch einen Zauberspruch . Den nenne ich Dir ; der Heiland ruft ihn allen Erlösungsbedürftigen zu : Wisset ihr nicht , daß ihr Götter seid ? Wohlan , du mein Born , der mich erquicken kann , bleibe doch stets Gottes voll und König im Reiche der Himmel ! Ja Du bist König , wiewohl Du es zuweilen vergissest . Deine Enttäuschungen fühle ich schmerzlich nach . Doch zu segnen sind sie , da sie dir Läuterung bescherten . Ich bejuble die heilige Macht , die der Abendburgklausner in sich gefunden hat , absagend jenem Götzen , der zu Taumel , Fehde , Mord verlockte . Ich Glückliche , die ich einen Führer habe , der nicht bloß predigt von Gotteskindern , sondern auch selber eins wird . Was wahre Minne ist , hat so herrlich deine Brüderschaft mit Zetteritz dargetan . Jedem war vom anderen bewußt , daß er mich liebt , und früher waret ihr beide darob arge Nebenbuhler . Gleichwohl habet ihr ineinander den Menschensohn gefunden und vom Hasse euch zur Friedfertigkeit und Freundschaft bekehrt . Nicht mehr verübelt hast Du Deinem Bruder Zetteritz , daß er seiner Minne dasselbe Ziel gab , wie Du . Im Gegenteil , inniger hat dies Ziel eure Seelen geeint . Für tot freilich habet ihr mich gehalten . Ei ja doch , muß ich denn wirklich erst sterben , um Nebenbuhler in Freunde zu verwandeln ? Kannst Du nicht schon zu meinen Lebzeiten Heinrichs Bruder sein , damit auch ich etwas davon habe ? Sei es , Johannes ! Voran schreite zum Ziele , das Deine Predigt gewiesen hat . Heinrich wird folgen , sicherlich , wiewohl wir ihm Zeit lassen müssen , sein besser Selbst zu sammeln . Ich werde still ihn locken und lenken . « Immer mehr nun verklärte sich Thekla vor meinem Auge . Zugleich ward ich williger zu der Aufgabe , in keuscher Andacht ihr fern zu bleiben und allen Trost in der Vermählung unserer Seelen zu finden . Wenn ich nachts einen besonders reinen Funkelstern ob dem düstern Gebirgskamm schweben sah , deuchte er mich Thekla zu sein , während ich mich dem Teiche bei der Schneekoppe verglich , der in seiner öden Felsenhaft von der Sternenbraut träumt , ohne mehr zu besitzen als ihr Spiegelbild . Es träumt aus düsterm Felsenschacht Ein totenstiller See Zur grenzenlosen Sternenpracht : » O Seligkeit und Weh ! Laßt taumeln mich , ihr Himmelshöhn , Versinken ganz in Schau ! Mein Funkelstern , so bräutlich schön Wie eine Perle Tau ! Und bleibst du , Engel , weltenfern , Streu deinen Silberschein , Dein Seelengleichnis , keuscher Stern , In meine Tiefen ein ! In meine Tiefen lockt ein Grund - O find ihn , Sternenbraut ! - Wo Erd und Himmel Mund an Mund Zur ewgen Ruh sich traut . « Theklas Antwort waren die wenigen Worte : » Dankbar lodert mein Herz , doch es beschämt mich die übergroße Verehrung , die du mir entgegenbringst . O mache mich zu dem , was dein Zutrauen in mir sieht ! Versinken möcht ich wohl im geliebten Bergsee ! « Diesem Schreiben war , gehüllt in zart Papier , eine Locke beigegeben . Welch Entzücken , süße Gattin , dein braun weich duftend Haar bei mir zu haben , es küssen , auf dem Herzen tragen zu dürfen ! Aber ach , dies Stück vom Körper der Geliebten , an dem ihr Hauch , ihr Wesen haftete , berauschte meine Sinne , und des Geblütes Gärung trieb heißes Träumen von Zärtlichkeit herfür . Ich lag mit Thekla unter einem Schleier , der unsere Körper gänzlich verhüllte . Im gleichen Gemache mit uns befanden sich Heinrich und Sibylle . » Wo ist Agnete ? « fragte Heinrich , und Sibylle antwortete : » Mag sein , bei Herrn Johannes . « Unter unserm Schleier blieben wir mäusleinstill und fühlten , wie uns die gnädige Heimlichkeit einander antraute . So heimlich süß war unsre Hochzeitsfeier : Wir lagen dicht Beisammen , überwallt von einem Schleier , Man sah uns nicht . Wir hörten , wie die Leute nach uns fragten Im gleichen Raum . Wir unterm Flore blieben reglos , wagten Zu atmen kaum . Nur unsre Hände durften sacht sich drücken , Wie küssend fand Sich Hauch zu Hauch , mein Knie war mit Entzücken An deins gebannt . Mein glühend Auge , das im Dunkeln schaute , Versank in deins ; Ich war in dir , du warst in mir , uns traute Die heilige Eins . Wohlan , was Edens Glut zusammenglühte , Trennt keine Welt . Hinweg denn , Angst , da uns die Hand der Güte Geborgen hält . Wir ruhn verhüllt ; zum Baldachin , zum Himmel Ward unser Flor . Uns singt von Flügelköpfchen ein Gewimmel Den Wonnechor . Als ich Thekla den Traum aufschrieb , fügte ich hinzu : » Hat meine Gattin schon bedacht , daß der kleine Johannes uns wiederkehren kann ? « - Eine Woche später kam die Antwort : » Du kennst die Mär von der schlafenden Maid , deren Schloß desgleichen schläft , eingesponnen von Rosendorn . Da dringt durch die abwehrende Hecke der Königssohn und erlöst mit seinem Kusse die Maid ; sie erwacht , das Hausgesinde , das ganze Schloß erwacht , Rosen erblühen aus dem Dorn , und Hochzeit wird gefeiert . In Deiner Thekla ist etwas ähnlich dieser Maid . Die arge Spindel der Spinnerin des Schicksals hat mich gestochen , und da ist der lange Schlaf über meine Sinne gekommen . Ach wohl , Johannes , Dein Schätzlein ist nicht mehr die frische kecke Jungfer von einst . Schwach und zahm ward mein Blut , kaum ein leis Seufzen ist in mir des Weibes Trieb nach Mutterschaft . Die Männer , so mich umwarben , seit ich Dich verlor , haben nicht vermocht meine Sinne aus dem Dornrösleinschlaf zu wecken , und selbst im trüben Licht des Felsendomes wirst Du wohl bemerkt haben , was für ein hinfällig Weibel die Agnete Kiesewaldin , die halt nimmer den Dolchstich der Kindesräuberin verwunden hat . - Und nun auf einmal bricht der Königssohn durch meine Dornenhecke . Was tust Du , Süßer ! Ich schaue Dein Auge , spüre Deinen Hauch , Deinen Kuß , Deine Umarmung - erweckt aufs neue , aufgestört ist ein glühend Sehnen in mir . Und gar vom kleinen Johannes raunest Du , der könne uns wiederkehren ... O Liebling , wie verführerisch kannst Du locken ! Ein Wirbelsturm tobt in meinem Herzen , ich wünsche heiß , doch zage zugleich vor der Erfüllung . Wiederkehren soll der kleine Johannes aus des Ewigen Schoße , wo er