. Ich habe mit euch nichts zu schaffen . Aber handelt ihr gegen die Gesetze und berührt meine Person dabei , so bekommt ihr es mit mir zu thun . Ich rate euch also , mich und meine Freunde in Ruhe zu lassen ! « Bis jetzt hatte er an sich gehalten . Er beherrschte sich auch noch ; aber seine Augen blitzten ; sein Gesicht verzerrte sich vor Haß , und er ballte die Fäuste . » Also - - - Feind ! « knirschte er . » Ja , wenn du es so nennst - - - Feind ! « antwortete ich ruhig . » Weißt du , was das für dich bedeutet ? « » Ich weiß nur , wie gefährlich es für dich ist . Ich habe nichts zu fürchten . « » Bin ich etwa nichts ? Heut muß ich dir weichen . Heut muß ich verzichten . Du würdest mich sonst verraten . Aber es kommt eine andere Zeit . Und ich werde dafür sorgen , daß sie sehr bald kommt . Dann rechne ich mit dir ab . Bestehst du noch auf dem , was du vorhin sagtest ? « » Ja . « » Daß ich mich zu vergleichen habe ? « » Unbedingt ! « Da streckte er mir die Hand hin . Seine Stimme zitterte . » Hier nimm meine Hand . Es ist die Hand des ärgsten Feindes , den es für dich giebt . Du zwingst mich , auf die Blutrache gegen die Kalhuran und Dschamikun zu verzichten . Aber ich entsage nicht ; ich werfe sie auf dich . Nimmst du sie an ? « Er stand vor mir wie einer , der sich kaum mehr zu beherrschen vermag . Ich ergriff seine Hand und antwortete : » Ja . Ich nehme sie an . « » Du weißt also , daß ich der Bluträcher gegen dich bin ? « » Ja . « » So sei von dieser Stunde an gesegnet von allen Teufeln , die in des obersten Scheitan tiefster Hölle wohnen . Du entgehst mir nicht ! « » Und du sei geleitet und geführt von den Engeln der Selbsterkenntnis und der göttlichen Barmherzigkeit . Der , welcher über allen Menschen steht , der steht auch über dir . Wehre dich , so viel du willst , ihm entgehst du nicht ! « » Hund ! « » Mensch ! « » Ich speie aus vor dir . Lecke es auf ! Wenn nicht jetzt , so dann später . Ich werde dich dazu zwingen ! « Er spuckte vor mir nieder , warf mir die geballte Faust entgegen , drehte sich um und ging . Ich hatte Hafis Aram , den Scheik der Kalhuran , und sein Weib von der Blutrache erlöst . Dafür aber war ich ihr nun selbst verfallen . Diesen letzteren Umstand aber durften die Dschamikun nicht erfahren . Wer wahrhaft dankbar ist , wird nie vom Danke sprechen ! - - - Fünftes Kapitel Ahriman Mirza Eine musikalische Familie . Der Vater spielt die erste Violine , der Onkel das Cello , der eine Sohn die zweite Violine und der andere die Viola . Für heut sind alle Freunde eingeladen . Es soll ein Quartett gegeben werden . Kammermusik . Ob von Mozart , Haydn oder einem anderen , das weiß man nicht . Aber daß man nur Schönes , Gutes , von den vier Künstlern Durchdachtes und Verstandenes hören werde , davon ist man überzeugt . Man freut sich also auf den Genuß . Man kommt . Man weiß , daß man gern gesehen ist . Man nimmt Platz . Die Noten liegen auf den Pulten . Die Instrumente sind bereit , schon wohlgestimmt . Auch die Zuhörerschaft befindet sich in jener Stimmung , welche dem Erfolge gern und einsichtsvoll entgegenkommt . Da sind die Vier . Sie nehmen Platz . Sie greifen nach den Instrumenten . Durch den Raum geht das Geräusch leise gerückter Stühle ; hier ein erwartungsvolles , kurzes Räuspern , dort das Rauschen bequemgelegter Seide . Dann tiefe Stille . Jetzt ! Die Bogen berühren die Saiten . Die ersten Takte erklingen . Die Erwartung hat sich in offenruhende Empfänglichkeit verwandelt . Man lauscht . Da wird die Thür aufgerissen . Ein Feind der Familie kommt lärmend herein , rücksichtslos störend , ungeladen . Er erklärt , daß er die Absicht habe , einen Strafprozeß gegen die Familie zu führen , und macht in ganz ungesitteter Weise die Anwesenden mit dem Inhalte der Anklage bekannt . Man unterbricht ihn . Man entzieht ihm das Wort . Man sagt ihm , daß er unrecht habe und daß doch jetzt und hier nicht die rechte Zeit und der rechte Ort zu solchen Dingen sei . Man sei zu einem Kunstgenuß versammelt , nicht aber , um sich mit dem jus criminale zu befassen . Da entschließt er sich , mit zuzuhören , nimmt einen Stuhl und setzt sich nieder . Soll man die unangenehme Scene gewaltsam enden ? Ihn hinauswerfen ? Nein ! Man entschließt sich , ihn gewähren zu lassen und das Stück von neuem anzufangen . Aber in welcher Stimmung befindet man sich nun ? Werden die in Geist , Herz und Gemüt anzuschlagenden Accorde so befriedigend ausklingen , wie es vorher mit froher Bestimmtheit zu erwarten war ? Das ist ein Bild . Ich bringe es , um begreiflich zu machen , daß auch die vorhin vom Glockentone berührten Saiten unsers Innern durch den rauhen Gedanken der Blutrache vollständig zum Schweigen gebracht worden waren . Ob sie wieder so ungezwungen und rein erklingen würden wie vorher , das war wohl zu bezweifeln . - Tifl war , während ich mit dem Multasim sprach , nach dem Tempel gegangen . Als ich nun zu diesem zurückkehrte , hatte er von meinem Platze ein Kissen geholt und an eine der beiden Säulen des hintern Ausganges gelegt . Der Chodj-y-Dschuna stand dabei . Ich sah , daß er mir etwas zu sagen hatte . » Wir sollen dich nicht stören , Effendi , « entschuldigte er sich . » Ich bitte dich aber , für kurze Zeit zunächst hier zu bleiben . Hier ist der beste Platz , zu hören , wie es klingt , wenn alle Winde zum Gebete kommen . In deiner Ecke dort würde dich die Harfe stören . « Hierauf ging er nach der Mitte des Tempels , wo eine Harfe lag . An der einen Ecksäule stand Schakara , die ihrige vor sich haltend . Das veranlaßte mich , auch nach den drei andern Ecken zu sehen . Sie waren in ganz gleicher Weise von Dschamikinnen besetzt . Am Haupteingange hatten sich der Ustad und der Pedehr einander gegenüber niedergelassen . Zu ihren beiden Seiten saß die Dschemma . Rund um das Gebäude hatten sich die Bewohner und Bewohnerinnen des Duar aufgestellt . Es war so still , man sagt , » wie in einer Kirche « . Da gab der Ustad mit der Hand ein Zeichen . Der Chodj-y-Dschuna griff einige einleitende Accorde , um das Metrum anzugeben . Hierauf die vorige Stille wieder . Ich ahnte , was nun kommen solle , und schloß die Augen . Wo gab es die Lüfte , als es Anfang war ? Im göttlichen Gedanken ! Unendlich mild , als beginne ein warmer Sonnenstrahl mit leiser Zärtlichkeit dem andern zuzuflüstern , ward dieser Gedanke jetzt zum ersten Ton . Es war ein einig-ungeteilter , aber doch kein einzelner Ton . Er erklang nicht hoch , nicht tief , und doch war er erklungen . War er nach Schwingungen zu messen ? Nein ! Das irdische Maß ist ja doch nur ein Notbehelf . Es wird sich immer irren ! In diesem ersten , einen Tone lagen , wie die Strahlen im Lichte , alle die unzählbaren Klänge der Zeit und Ewigkeit unisono verborgen . So klang er leise , leise , sich selbst kaum ahnend , hin , noch unberührt vom schöpferischen Willen . Aber da , plötzlich , als ob der Schöpfer prüfen wolle , wie er dereinst das Licht geprüft , indem er , bevor die Sonnen waren , die Strahlen alle durch das Weltall blitzte und dann wieder zu sich rief , - so that auch dieser erste Ton sich plötzlich auf , um alle Harmonieen , die es gab und geben wird , aufleuchtend von sich auszusenden und aber augenblicklich wieder in sich zu vereinen . Nun aber begann es , sich in ihm zu regen . Alles was dieser eine Aufblitz in unendlicher Fülle zeigte , das hatte sich nun langsam , eines aus oder mit dem andern , harmonisch zu entwickeln . Es teilte sich der Ton und blieb doch ungeteilt . Er gab sich ganz in tausend andern Tönen hin und hörte doch nicht auf , zu sein und zu bleiben , was er war . Der Lufthauch kam und wiegte ihn , als ob er mit und von ihm träume , auf und nieder . Da gebar der Traum das erste Intervall , welchem , ewig stammverwandt , die anderen alle folgten . Sie umschlangen sich , vereint zur Tonika , und klangen in das Erdenparadies hernieder , um , wenn der Mensch seiner Seligkeit gedenkt , sich in ihm wieder aufzulösen , daß er den Stimmen dieser Erde die Klänge des Himmels geben möge . Wie aber klingt so himmlische Musik ? Die Winde sagen es . Sie lauschen überall . Und wo ein frommer , heiliger Ton sich hören läßt , da nehmen sie ihn auf , um ihn zur großen Harmonie zu tragen , die betend aufwärts steigt , um als Lob und Dank zu dem zurückzukehren , aus dessen Mund sie einst als erster Ton erklang . Die Harfen schwiegen . Ich schlug die Augen wieder auf . Die vier Spielerinnen legten ihre Instrumente fort . Der Chodj-y-Dschuna zögerte , dies auch zu thun . Er schaute mit zagenden Augen zu mir her . Da stand ich auf , ging zu ihm hin und gab ihm , dem Herzensdrange folgend , meine Rose . » Sie ist vom Ustad , « sagte ich . » Ich bin so arm gegen dich , du reicher Mann . Ich habe nichts Besseres . « » Du beschämst mich ! « antwortete er . » Ich lehre nichts , als das , was ich empfangen habe . Auch daß ich es wiedergeben kann , verdanke ich nicht mir . Nimm du nun meine Rose . Ich bitte dich ! « Er reichte sie mir . Das war so einfach , so menschlich lieb , daß es mich herzlich rührte . » Sende mir deine Schülerinnen heraus , damit ich auch jeder von ihnen eine breche , « bat ich ihn . Hierauf ging ich hinaus . Die Mädchen kamen . Die Rosen gehörten nicht mir , sondern ihnen , und doch sah ich ihnen an , daß ich für einen Dank die rechte Weise getroffen hatte . Tifl wartete mein , um mir zu sagen , daß ich nun wieder nach meinem Platze gehen könne , wenn ich wolle . Ich that es , voller Erwartung , was nun kommen werde . Nichts Gewöhnliches , davon war ich überzeugt ! Dieser Gesanglehrer besaß mehr als das , was man Talent zu nennen pflegt ! Es kam jetzt eine Anzahl Dschamikun mit Frauen und Mädchen herein . Sie stellten sich in der Mitte auf , um zu singen , ohne Leitung ; der Chodj-y-Dschuna war nicht bei ihnen . Was ich hörte , war ein dreistimmiges Lied . Der Text lautete : » Ich komm zu dir im Sonnenstrahl Und laß mir deine Rosen blühen . In tiefer Andacht liegt das Thal Vom Morgen- bis zum Abendglühen . Ich sehe aus der stillen Flut Die Berge Gottes aufwärts steigen , Und wo sein Haus auf Säulen ruht , Soll heut sich mir der Himmel zeigen . Ich komm zu dir im Sonnenstrahl , So spricht der Herr und steigt hernieder . Die Glocken klingen übers Thal , Und von den Bergen tönt es wieder . Brich auf , mein Herz , der Rose gleich , In der sich alle Düfte regen . Es naht sich dir das Himmelreich ; Brich auf , und dufte ihm entgegen ! « Ueber diesen Text ist nichts zu sagen , kein Wort . Er spricht ja selbst ! Wovon ? Von einer Begegnung im Beit-y-Chodeh . Nun verstand ich die Worte , welche der Ustad sagte , als er mir die Rose gab . Aber die Tonweise ! War das Gesang , oder war es Sprache ? Gesangssprache oder Sprachgesang ? Ich meine keineswegs Recitativ . Mit diesem hatte es nicht die entfernteste Aehnlichkeit . Unser Gesang ist Kunst ; dieser war Natur . Aus unserer Harmonisierung ist jeder einzelne Akkord zu lösen ; hier war das eine Unmöglichkeit . Bei uns pflegt man im Liedgesange die Melodie einer einzelnen Stimme , den andern die Begleitung zu geben ; hier war alles Melodie , jede Stimme , und doch wurde jede eine von den andern harmonisch unterstützt . Das war schwer , sehr schwer und klang aber doch so außerordentlich natürlich , so ungewollt , so ganz von selbst . Es gab keine Absicht , irgend einen bestimmten Akkord zu bilden , eine Septe in die Sexte herabzuleiten . Alles , was ich über Komposition wußte , war hier gleich Null ! Und aber doch diese Wirkung ! Von mir und den Dschamikun selbst will ich in dieser Beziehung nicht sprechen ; aber das Lied hatte sämtliche Perser vom Waldesrande herabgelockt . Sie hatten ihre Pferde oben gelassen und sich hinten bei den Säulen hingesetzt . Es war ihnen und ihrem Verhalten anzusehen , welchen Eindruck das Lied auf sie gemacht hatte . Indem sie miteinander sprachen , drückten ihre Mienen und Blicke sehr deutlich den Wunsch aus , daß man doch weitersingen möge . Er wurde erfüllt . Die vorigen Sänger hatten sich entfernt . Jetzt kamen vier Männer und vier Frauen , also acht Personen . Man nennt das bei uns ein Doppelquartett . Was sie sangen , klang außerordentlich ernst . Die Worte lauteten : » Wir knieen hier vor deinem Angesichte Im Geist vom Geiste , nicht im Staub vom Staube , Wir flehen um das Licht von deinem Lichte ; Im Dunkel bleibt der falsche Erdenglaube . Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns im Lichte deine Kinder sein ! Du schufst die Welt als größtes Wort der Liebe , Doch will die Menschheit dieses Wort nicht fassen . Und wenn sie tausend heilge Bücher schriebe , Sie würde doch nicht lieben , sondern hassen . Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns in Liebe deine Kinder sein ! In ewgem Frieden kreisen deine Sterne . Ihr Licht umfließt die ganze , ganze Erde , O daß sie doch von diesem Lichte lerne Und endlich , endlich menschenfreundlich werde ! Du bist der Vater . Alle sind wir dein . Laß uns im Frieden deine Kinder sein ! « Das war ein Gebet ! Und wie wurde es gesungen ! Nicht etwa nach einer alten , wohlbekannten Melodie , der man auch jeden andern Text unterlegen kann . Hier beteten die Töne noch deutlicher als die Worte . Die Perser waren doch wohl Leute , welche durch Worte nicht so leicht überwältigt werden konnten ; aber als der letzte Ton jetzt über das Thal hinüber nach den lauschenden Bergen klang , wo die Hirten still bei ihren Herden standen , da sah ich alle zwölf Köpfe tief herabgesenkt , und es dauerte längere Zeit , ehe sich die Gesichter wieder sehen ließen . Worte klingen sehr leicht nur an das Ohr . Waren bei ihnen die Töne tiefer eingedrungen , um ihnen das erbetene Licht zu der Erkenntnis zu bringen , daß niemand sich der wahren Liebe rühmen darf , wenn er nicht den Frieden seines Nächsten achtet . Dann hätte der zum Menschenherzen trachtende Himmelsklang hier , am Beit-y-Chodeh der Dschamikun , ein Wunder bewirkt , welches den wohlerwogenen Worten und wohlgesetzten Reimen und Liedern anderer nicht gelingen will ! Nun kam Tifl zu mir her und sagte , indem er mich von der Seite her pfiffig anlächelte : » Effendi , jetzt ist die Zeit gekommen , in der man essen muß - - wenn man nämlich etwas hat . « » Ich habe aber nichts ! « klagte ich . » O , mehr als ich ! Sogar Pflaumen ! « » Wo ? « » Da , wo es im Wald am schönsten ist . Der Ort ist nur für einen einzigen , und ich soll dich bitten , heut auch einmal dort sein Gast zu sein . « » Wer ist ' s ? « » Du wirst ihn sehen . « » Aber , bin ich nicht zu schwach , da hinaufzusteigen ? « » Es ist nicht weit von hier . Auch kannst du unterwegs ruhen , so oft du willst . « » So laß uns gehen ! « Er führte mich an den Persern vorüber , bergan dem Walde zu . Der Stock erleichterte mir den Weg . Dennoch mußte ich schon am Waldesrande anhalten , um auszuruhen . Man konnte von hier aus den ganzen Park übersehen , durch dessen vielgewundene Gänge schmale , lebendige Menschenströme wie durch Rosenadern pulsierten . Der Ustad und der Pedehr waren noch im Tempel . Wer Schatten suchte , kam herauf zum Walde . Ueberall glänzten freundliche Gesichter . Heiteres Lachen erscholl . Hier und da erklang schon die abgerissene Zeile eines kleinen Liedchens . Allerlei sangeslustige , flügellose Lerchen stimmten vorschnell ihre Kehlen . » Man soll jetzt noch nicht singen , « erklärte mir » das Kind « . » O , Sihdi , wir haben viele schöne Lieder ! Für Kinder , für Jünglinge und Jungfrauen und auch für die Alten . « » Singst auch du ? « Da warf er sich in die Brust , richtete sich hoch auf und antwortete : » Höre , was ich dir sage : Ich singe sie alle , alle stumm ! Willst du es hören ? « » Ja . « » So bitte ich dich aber , zu warten . Jetzt darf ich noch nicht . « » Warum nicht ? « » So bald nach den ernsten Gesängen hört der Ustad Liebeslieder nicht gern . « » Liebeslieder ? Tifl , Tifl ! Was höre ich ! « Der Gute verstand mich gar nicht . Fast schämte ich mich , diesen scherzenden Vorwurf ausgesprochen zu haben . Man sieht : Die Sittenrichterei kann selbst im Scherz den Ankläger an Stelle des vermeintlichen Delinquenten schlagen . Wie gefährlich mag sie da wohl erst im Ernste sein ! Wir gingen weiter , waldaufwärts . Es führte uns ein Weg zwischen hohen Bäumen hin . Es war ein sichtbar wenig benutzter Seitenweg . » Hier geht nur er , « sagte Tifl . » Wer ? « » Er ! Du mußt es raten ! « Selbstverständlich riet ich nun den Ustad . Nach einiger Zeit kamen wir an einen vor langen Jahren freigemachten Platz , in dessen Mitte ein großer , weitästiger Birnbaum stand . Er hing voll schöner , reifer Früchte . Die hohen Waldbäume gewährten ihm Schutz . Sonst hätte er in dieser Höhe nicht gedeihen können . Unter ihm stand - ich staunte ! - ein wohlgedeckter Tisch . Eine Holzplatte auf in die Erde geschlagenen Beinen , nicht niedrig , wie die orientalischen sind . Vor ihm zwei hohe Bänke , auf denen man ganz nach europäischer Art sitzen konnte . Er war mit einem weißen Tuch belegt , auf welchem weißporzellanene Schalen und Teller , auch eine Weinflasche mit Glas , meiner warteten . Es gab kalte Küche , fein säuberlich verteilt . Und wer stand da bei diesen Herrlichkeiten ? In ihrer ganzen blitzblanken Sauberkeit ? Strahlend vor Stolz und Freude ? Mit liebevollen Aeuglein und rotblühenden Rosenwänglein ? Natürlich Pekala , die Köstliche , heut meine Festjungfrau in wahrster Wirklichkeit ! » Sei willkommen , Effendi ! « rief sie mir entgegen . » Ich habe für dich angerichtet . Auch Pflaumen sind da . Tifl hat sie für dich gepflückt . Der Ustad gebot es ihm . « Ich reichte ihr die Hand . » Pekala , was bist du doch gut ! « sagte ich . » Gut muß man immer sein ; das ist ja Pflicht . Und man ist es auch so gern ! Man will ja gar nicht anders sein ! Aber euch , euch , Effendi , möchten wir doch recht , recht glücklich machen ! Euch möchten wir die größte Liebe zeigen , die wir haben ! « » Warum grad uns , du Liebe ? Es sind so viele Menschen da , und es giebt doch wohl nur eine einzige Liebe für sie alle ! « » So sagt auch der Ustad , ganz genau so . Aber ihr macht es uns so leicht , und andere machen es uns so schwer . Doch , was sagst du zu diesem Tische , Effendi ? « Sie stemmte die Arme in die Seiten und schaute mich an , als ob ich etwas ganz Unbegreifliches anzustaunen habe . » Wunderbar ! « antwortete ich . » Ja , es ist auch wirklich wunderbar ! Siehst du das herrliche Fakhfuri takymy 143 ? « » Ja . Weiß , wie frischer Schnee ! « » Das grüne Scharab kardehi144 ? « » Grad wie Smaragd ! « » Das Sofra bezi145 mit geblümten Mustern ? « » Sehr schön ! Das hast wohl du geplättet ? « » Ja . Aber wir haben kein Ütü146 hier . Ich habe ein Hackebeil heiß gemacht und ein Papier dazwischen gelegt . Da ging es auch . Weißt du , wer eine Türkin ist , der weiß sich stets zu helfen ! « » Wie schade da , daß ich keine bin ! « » Effendi , klage nicht ! Du bist ja ohnedies auch recht klug . Es kann nicht jedermann eine Türkin sein . Es muß auch andere Völker geben ! Aber siehst du auch das Jemek takymy147 mit den blankgeputzten Griffen ? Habe ich es richtig hergelegt ? « » Ja , denn ich nehme es da weg , wo es liegt . Ganz fein aber ist es , wenn das Messer rechts und die Gabel links liegt . « Ich wollte sie doch nicht eines Fehlers zeihen ; darum drückte ich mich in dieser Weise aus . Sie wechselte aber das Besteck schnell um , indem sie sagte : » Du bist für mich der feinste Mann , und ich denke , daß du mich auch für eine feine Dienerin hältst . Machen wir es also nicht wie für gewöhnliche Leute , sondern fein . Bemerkst du auch den Tapa tschekedscheji148 ? Du siehst , wir haben alles . Du sollst die Flasche doch nicht in der Weise öffnen , wie Tifl damals that , indem er die Hälse herunterschlug . Dann ist es kein Wunder , wenn man betrunken wird ! « Diese Betrachtung lenkte ihre Aufmerksamkeit auf » das Kind « . Sie drehte sich nach ihm um und sagte : » Ich bediene den Effendi selbst . Du kannst gehen ! « Er that zwei Schritte , blieb dann aber stehen . » Nun , warum nicht ? « fragte sie . » Weil ich es doch auch einmal sehen möchte . « » Was ? « » Das Tuch und das Porzellan und alle die seltenen Sachen da auf dem Tisch . « » Schau dir es nachher an ! « » Und auch wie der Effendi fränkisch sitzt und ißt . « » Das würde ihn stören ! « » Und wie schön und fein du ihn bedienst , nachdem du alles so trefflich vorbereitet hast . « Dieses Lob stimmte sie augenblicklich für ihn um . » So bleib , « sagte sie . » Steig auf den Baum und hole die besten Früchte herab ! « Er war im Nu hinauf . » Es sind Armudlar149 , Effendi , « belehrte sie mich . » Das meine ich auch , « stimmte ich ihr bei . » Sie heißen Gulab-i-Schahi150 « , verbesserte Tifl vom Baume herunter , indem er die Sorte nannte . » Würdest du sie auch als Armud kompostusu151 essen , Effendi ? « fragte sie weiter . » Wenn man frisches Obst hat , soll man es frisch essen . Aber ich liebe es auch gekocht . « » So sollst du beides bekommen : die frischen Birnen und auch den süßen Kompostusu152 . Nun setze dich aber nieder , und iß ! Aber alles ! Du mußt wieder rund werden - so , wie ich ! Du mußt rote , dicke Backen bekommen - so wie meine hier ! « » Ich danke dir , liebe Pekala ! « » Danke mir nicht schon jetzt , sondern dann , wenn du sie hast ! Ich habe dich nur so gesehen , wie du durch die Krankheit geworden bist : unendlich hager und mit eingefallenen Wangen . Nun aber sollst du wieder so werden , wie es sich für einen Effendi aus Dschermanistan schickt und gehört . Erlaube mir , dir meine Gestalt und Fülle als Muster anzubieten , welchem du nachzustreben hast , um es zu erreichen und wo möglich noch zu übertreffen ! Einer der größten Vorzüge , den wir Türken haben , ist der , daß wir unserer Seele einen möglichst umfangreichen Körper bieten . Da hat sie Platz ! Da kann sie sich rühren und bewegen ! Da fühlt sie sich nicht eingeengt und kann , wenn sie will , sogar spazieren gehen . Wird sie aber in der Weise , wie jetzt bei dir , zwischen Haut und Knochen eingedrückt , so entstehen jene unglückseligen , ezmisch gewordenen Dschanlar153 , denen man es nicht übelnehmen kann , daß sie über das Erdenleben stets nur zu schimpfen und zu räsonnieren haben . Ein wohlgestalteter , runder Mann hingegen wird immer guter Laune sein und stets ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen haben . Ich weiß das ganz genau . Ich sehe es an mir ! « » Du bist sehr scharffinnig , liebe Pekala ! « » Nicht wahr ? Beinahe eine Kizfeilesuf154 ! Du mußt mir aber auch ansehen , daß ich gewohnt bin , sehr viel nachzudenken . Ich kann das auch , weil meine Seele vollständig Platz zum ausgiebigsten Nachdenken hat . Da ist nichts zum Verwundern . Nun aber iß ! Und erlaube mir noch eine Frage , die ich mir trotz alles Nachdenkens nicht beantworten kann ! Gehört etwa noch ein kleiner Tisch hierher ? « » Nein . « » Nicht ? Aber wozu da das andere , kleinere Tuch ? « » Wo ? « » Hier . « Sie griff in die Innentasche ihres Gewandes und zog eine weiße Serviette hervor . Ich nahm sie ihr aus der Hand und schlug sie aus den Falten . Sie war nicht gezeichnet , doch mit winzigen , liebevollen Stichen eingesäumt . Mein Gesicht fiel , indem ich dieses Leinenstück betrachtete , der Köchin auf . » Du staunst , Effendi ? « sagte sie . » Du bist verwundert ? Sogar sehr ? « » Ja , « antwortete ich . » Das hätte ich hier nie gesucht ! « » Nicht ? Das freut mich , denn es muß also etwas sehr Feines sein ! « » Es ist ein Peschkir . Man sagt auch Petschata155 . « » Das kenne ich nicht . Wozu ist es ? « » Um beim Essen das Gewand zu schonen . Wenn man etwas verschüttet oder sonstwie Flecke macht , so werden sie von der Petschata aufgefangen . Wer vorsichtig ißt , der braucht sie nur so herzulegen . Wer aber unschön ißt , der steckt die Ecke da oben herein . Man sieht also an der Petschata , was für einen Esser man vor sich hat . Schau her ! « Ich machte es ihr vor . Da schlug sie die Hände zusammen , daß es schallte , und rief entzückt : » Wie mir das doch gefällt ! Das ist fein , wirklich fein ! Weißt du , Effendi , ich werde , wenn er sich zu meiner Zufriedenheit beträgt , für unsern Tifl eine machen ! « » Zwei ! « rief der Genannte vom Baume herunter . » Warum ? « fragte sie hinauf . » Für dich auch eine , falls ich mich nicht über dich zu beklagen habe ! « » Ich möchte wissen , worüber du dich bei mir beklagen könntest ! Ich trage dich auf allen meinen Händen und sehe dir einen jeden Wunsch von den Augen ab . Du bist der glücklichste Mensch , den es nur geben kann . Drum pflücke ruhig weiter , und laß die Petschata Petschata sein ! « Ich hatte während dieses kleinen , gutgemeinten Wortgefechtes die Serviette wieder zusammengeschlagen und dann weggelegt . Als Pekala dies nun bemerkte , fragte sie : » Du nimmst sie nicht ? Warum ? Ich bitte dich ! « Sie nahm sie vom Tisch und hielt sie mir wieder hin . Ich wehrte ihre Hand aber ab . » Nein , meine gute Pekala ! Ich will von diesem Tuche , von diesem Porzellane und mit diesem Messer und dieser Gabel essen , weil ich dich sonst betrüben würde - vielleicht auch noch einen Andern . Aber was nicht unbedingt nötig ist , das werde ich nicht berühren . « » So sag