Lautlos kamen die jüngeren Hähne der Reihe nach zugeflogen , die einen , um unter dem eifersüchtigen Zorn des gestrengen Platzherrn einen Teil ihrer Federn zu lassen , die anderen , um sich verstohlen zu den Hennen zu gesellen , die sich aus der Nähe des alten Hahnes verloren . Lächelnd sah Franzl diesem lustigen Minnetreiben des Waldes zu . » Alles liebt in der Welt , jeds Manndl hat sei ' Freud am Weiberl ! Kruzitürken ! Wenn ich ' s nur auch so gut haben könnt ! « Er seufzte . » Was wird jetzt d ' Mali machen im Unterland ? « Er schlang die Arme um das Knie und träumte in den erwachenden Tag hinein . Die Bilder , die vor seinem sehnsüchtigen Herzen gaukelten , waren freilich himmelweit verschieden von der Wirklichkeit . In ihres Bruders Haus lag Mali auf den Knien vor dem Bettchen des kranken Dirnleins , das in Schmerzen um sein erlöschendes Leben kämpfte - und Franzls Träume sahen das Mädel weit draußen » im Unterland « , wie es in der Morgensonne unter der Haustür stand und gegen Süden blickte , wo die Berge der Heimat blauten . Er schloß die Augen und lehnte den Kopf an den Stamm der Fichte . Mit linder Wärme umschmeichelte ihm die Frühlingssonne das Gesicht , und ohne daß er es merkte , holte sich der in der Nacht versäumte Schlummer sein gesundes Recht . Eine Stunde hatte er geschlafen , als ihn der Hall eines Schusses weckte . Das Echo kam von der Hangenden Wand . » Jetzt hat er an Adler ! Gott sei Dank ! « Mit lärmendem Geflatter hob sich das Auerwild aus dem Heidekraut , als Franzl die Blöße überschritt . Rastlos stieg er bis zum Abend im Wald umher und hörte , als schon die Dämmerung einbrach , wieder einen Schuß von der Hangenden Wand . » Mein heiliger Schutzengel , jetzt kriegst a Kerzl , jetzt hat er alle zwei , jetzt kommen gute Zeiten ! « Er lachte , schrie einen Jauchzer in den glühenden Abend hinaus und fing zu rennen an . Bei sinkender Nacht erreichte er die Dippelhütte , in deren Herrenstube die Lampe brannte . An dem hölzernen Nagel neben der Hüttentür hing ein Adler . Nur einer ? Franzl guckte und guckte , ohne den zweiten zu finden . Graf Egge lag auf dem Bett , als Franzl in die Stube trat . » Ich gratulier , gnädiger Herr ! Hab ' s Manndl schon hängen sehen draußen . Wo is denn der ander ? « Mühsam , als wären ihm alle Gelenke erstarrt , richtete Graf Egge sich auf und brummte : » Das Weibchen hab ' ich am Abend gefehlt . Geflucht hab ' ich wie ein Türk ' . Aber das ist gegangen wie der Blitz : hinein in den Horst und wieder davon . Schon nachmittags um zwei Uhr hab ' ich gemeint , ich halt das Stillsitzen nimmer aus , immer mit der Büchs im Anschlag . Mit Gewalt hab ' ich ' s erzwungen - und richtig , wie der Adler absegelt vom Horst , sind mir alle Knochen so steif gewesen , daß ich mit dem Schuß zu kurz gekommen bin . Und jetzt bin ich wie zerschlagen am ganzen Leib ! Komm her und zieh mir die Hos herunter . Dann mach ' die Lampe aus ! Gegessen hab ' ich schon . « Er ließ die Füße schwer vom Bett fallen und drückte stöhnend die Hand an den Hinterkopf . » Soll ich net an kalten Umschlag bringen ? « » Laß mich in Ruh ' ! « Mit krumm gezogenem Rücken schob Graf Egge sich unter die wollene Decke . » Na , ich hoff ' , die Geschichte morgen wird mir das verstockte Blut wieder aufmischen ! « Der Jäger drehte die Lampe ab und verließ die Stube . Früh am Morgen brachte Schipper die Meldung : » Alles in Ordnung ! Bis in zwei Stund kommen d ' Leut und bringen , was der Herr Graf bstellt haben ! « In erregter Hast wurde das Frühstück genommen und - nach Erzeugung eines neuen Dippels auf Graf Egges Stirn - der Weg zur Hangenden Wand angetreten . Schipper ging neben seinem Herrn und sah ein paarmal spöttisch auf Franzl zurück , der hinten nachtraben durfte . Als sie das weite Almfeld überschritten hatten und den Fuß der Felswand erreichten , hörten sie schon das Geschrei der Leute , die durch den Wald heraufkamen . Sechzehn Holzknechte trugen die vier mächtigen Leitern , vier andere schleppten sich mit dicken Seilrollen . » Was schreit ihr denn wie die Jochgeier ? Hier wird das Maul gehalten ! « rief ihnen Graf Egge entgegen . Die Leute bekamen rote Köpfe , aber sie sprachen kein Wort mehr . Mit erschrockenen Augen betrachtete Franzl die Leitern , sah prüfend an der hohen Wand hinauf und schüttelte den Kopf . Graf Egge hatte den Hut in den Nacken zurückgeschoben , denn die Beule des Morgens brannte unter dem Schweißband . Er stellte die Büchse an einen Baum , zog die Joppe aus und übernahm das Kommando . In gerader Linie unter dem Horst , senkrecht zur Felswand , wurden die vier Leitern auf dem Latschenfeld der Länge nach aneinandergelegt . Die Enden der Stangen wurden zusammengefalzt und mit den eisernen , die Fugen stützenden Schienen fest verschraubt , so daß die vier Stücke zu einer einzigen riesigen Leiter verbunden waren . Während Franzl , dem die Sache nicht geheuer erschien , an der Leiter entlang ging und die Stangen , jede Sprosse und alle Verschraubungen einer peinlichen Prüfung unterzog , stiegen zwölf Holzknechte mit Seilen auf einem Umweg zur Zinne der Felswand empor . Eine Stunde verging , bis sie auf dem überhängenden Grat als winzige Figürchen erschienen . Von zwei Stellen , zur Rechten und zur Linken des Horstes , wurden die Seile niedergelassen . Wie endlose , sich unruhig bewegende Schlangen kamen sie durch die Luft herabgekrochen . Aus dem Horste rieselte weißlicher Staub über die Felsen , und die jungen Adler begannen zu schreien . » Aha , mir scheint , die merken schon , daß die Gschicht um ihren Kragen geht ! « sagte Schipper mit Gelächter . Die Seile erreichten den Boden , und mit einem Dutzend fester Knoten wickelte Franzl sie um das obere Ende der Leiter . Mit Pflöcken und Seilen wurde der Fuß der Leiter festgelegt , so daß er nicht mehr von der Stelle rücken konnte . Dann rief Graf Egge durch die hohlen Hände das Kommando zur Höhe : » Auf ! « Die Seile spannten sich , und langsam begann der Kopf der Leiter sich zu heben . Von der Höhe der Felswand klangen die eintönigen Rufe herab , mit denen die Holzknechte jeden Zug und Ruck begleiteten . Immer höher schwankte die Leiter , deren schwere Stangen sich ächzend bogen wie dünne Gerten . » Herr Graf , « stammelte Franzl , » die langen Hölzer haben an unsinniges Gwicht . Passen S ' auf , Herr , d ' Leitern halten den Druck net aus ! « » Wart ' es ab ! « murrte Graf Egge . » Und wenn die da brechen , laß ich andere machen . Ich muß hinauf ! « Mit gespanntem Blick verfolgte er die Bewegung der riesigen Leiter , die sich fast schon zu einem Halbkreis gebogen hatte . Doch die Stangen hielten aus , langsam begannen sie sich wieder zu strecken , und bald war das Ende der Leiter schon so hoch gestiegen , daß der oberste Teil so winzig und zierlich anzusehen war wie ein Kinderspielzeug . Nun standen die Stangen senkrecht und neigten sich , als die Seile nachgelassen wurden , schwankend gegen die Felswand . Dicht unter dem Horste legte sich die letzte Sprosse an das Gestein . » Gott sei Dank ! Diesmal hab ich ' s aber gnau troffen ! « jubelte Graf Egge , dem vor ungeduldiger Erwartung die Hände zitterten . Die » Geschichte « schien ihm wirklich das » verstockte Blut aufzumischen « . Es war an ihm keine Spur mehr von der Erschöpfung der letzten Tage zu bemerken . Die Erregung schien seinen Körper verjüngt zu haben , und als er jetzt die Hemdärmel bis zu den Schultern aufstülpte , schwollen ihm die Adern und Sehnen wie dicke Striemen aus dem hageren Fleisch der Arme . In der Mitte der Leiter hatte man , bevor sie aufgezogen wurde , zwei lange Seile befestigt ; man spannte sie nach rechts und links , so daß die Leiter , in ihrer Lage festgehalten , nicht mehr seitwärts ausweichen und nicht stürzen konnte . » Fertig ! « sagte Graf Egge , band sich die Leine um den Leib , mit der er die jungen Adler fesseln und vom Horste herunterlassen wollte , und trat zur Leiter . Da faßte ihn Franzl am Arm . » Ich bitt , Herr Graf ! Die Sach gfallt mir net . Und wenn S ' schon glauben , es muß sein , lassen S ' lieber mich naufsteigen ! « Lachend musterte Graf Egge den Jäger . » Du bist wohl verrückt ? Soll ich heiraten , damit du die Kinder kriegst ? Seit einem halben Jahr wart ich auf diesen Tag , und jetzt soll ich die Freude dir lassen ? « » Freud ? Aber Herr Graf ! Lassen S ' Ihnen doch im guten zureden ! Wenn S ' die Adler schon lebendig haben müssen , ich hol s ' Ihnen runter . Wenn ' s schief geht , was liegt an mir ? Ich bin der Jager und a lediger Mensch . Sie sind der Herr Graf und haben Leut , die Ihnen brauchen . « » Aber , Franzl , hör amal auf mit dem Weibsbildergred ! « fiel Schipper ein . » Wenn du Angst hast - der Herr Graf hat keine ! « Franzl wandte sich wortlos ab ; doch als er seinen Herrn den Fuß auf die erste Sprosse stellen sah , streckte er wieder die Hände nach ihm . » Sind S ' gscheit , Herr Graf ! Lassen S ' Ihnen wenigstens anseilen ! Die Leiter muß ja schauderhaft schwanken unter Ihrem Gwicht . Sie wirft Ihnen naus in d ' Luft wie nix . Lassen S ' Ihnen doch anseilen ! « » Meinetwegen ! Damit ich endlich Ruh ' habe ! « brummte Graf Egge und rief in die Höhe : » Seil herunter ! « Mit einer sicher geknoteten Doppelschlinge legte Franzl das Tau , das über die Felsen herunterkam , um die Brust seines Herrn . Dabei erwachte in ihm eine neue Sorge . » Wenn nur der ander Adler net kommt ! Die Jungen schreien , daß er ' s hören muß , wenn er in der Näh is ! « » Soll nur kommen ! « Lachend fühlte Graf Egge an die Messertasche . » Dann mach ' ich es ihm wie dem vor sieben Jahren und stoß ihm den Gnicker in den Hals , wenn er auf mich haßt ! - Also ! Fertig ! « Er spuckte in die Hände und griff nach der Leiter . » Halt ! Jetzt hätt ' ich fast vergessen - « Langsam kniete er auf den Boden hin und sprach mit lauter Stimme ein Vaterunser . » Und jetzt hinauf ! « Während Graf Egge mit vorsichtiger Ruhe , um die Leiter nicht schwanken zu machen , langsam emporzusteigen begann , rannte Franzl eine Strecke von der Felswand zurück und rief in die Höhe : » Leut da droben ! Aufpassen jetzt ! Aufpassen ! ' s Seil darf kein ' Augenblick net locker hängen ! Sooft ich den Hut schwenk , muß langsam angezogen werden ! Habt ' s verstanden ? « » Jaaa ! « klang von oben die Antwort herunter . Dann Stille . Schipper stand mit zwei Holzknechten beim Fuß der Leiter . Franzl ließ keinen Blick von seinem Herrn und regulierte durch die Zeichen , die er mit dem Hut machte , die Spannung des Notseils . Je drei Holzknechte zogen zur Rechten und Linken die in der Mitte der Leiter festgemachten Taue an , um das Schwanken der Stangen zu verhindern . Aber das wollte ihnen nicht gelingen . Je höher Graf Egge stieg , desto heftiger schaukelte die Leiter , so daß ihr Ende lose an der Felswand hin und her zu klatschen begann . Bei diesem Anblick verlor Franzl die Ruhe wieder und rief in Sorge : » Es geht net , Herr Graf ! Kehren S ' um , sag ich ! Kehren S ' um ! « Graf Egge machte ein abwehrendes Zeichen mit der Hand und hing dann regungslos an die Sprossen geklammert , bis die Stangen wieder in Ruhe kamen . Nun stieg er weiter . Je mehr er sich der Mitte der Leiter näherte , desto mehr verstärkte sich die pendelnde Bewegung ; die Leiter ging auf und nieder wie eine sausende Schaukel , und die Enden der Stangen schlugen so weit von der Felswand zurück , daß die Leiter im Aufschwung beinahe senkrecht zu stehen kam . Mit aller Kraft mußte Graf Egge sich an die Sprossen klammern , um nicht in die Luft geworfen zu werden . Bleich wie eine Mauer , stammelte Franzl : » Um Gotts willen ! Dös is ja nimmer Kuraschi , dös is Übermut . « Mit gellender Stimme schrie er : » Herr Graf ! Kehren S ' um ! Hören S ' mich net ? Kreuzteufel , jetz fang ich an , wild z ' werden ! Runter , Herr Graf ! Auf der Stell gehen S ' runter ! Und wenn S ' schon nimmer an Ihnen selber denken , so denken S ' an Ihnere Kinder ! Kehren S ' um , Herr Graf ! Kehren S ' um ! « Graf Egge hörte nicht . » Recht hat er , der Franzl ! « brummte einer von den Holzknechten am Fuß der Leiter . » Dös heißt Gott versuchen ! « Graf Egge hing regungslos an die schwingende Leiter geklammert und drückte , um nicht vom Schwindel befallen zu werden , das Gesicht in die Arme . Dann stieg er wieder , hielt abermals inne , kletterte von neuem - und endlich konnte Schipper spöttisch über die Schulter zu Franzl zurückrufen : » No also , Herr von Angstmeier , jetzt is er ja droben ! Hätt er dir gfolgt , so könnt er sich jetzt auslachen lassen vom ganzen Ort . « Franzl erwiderte keine Silbe . Da schollen laute Rufe von der Zinne der Felswand , ein Schatten huschte über die Latschen , und wie ein aus den Lüften fallender Keil stieß das Adlerweibchen auf Graf Egge nieder . Schipper und die Holzknechte schrien wirr durcheinander ; sie sahen , wie Graf Egge zur Abwehr den Arm erhob , und sahen das Aufblitzen des Messers . Der Stich ging fehl . Mit einem weißen Leinwandfetzen in den Klauen machte der Adler eine Schwenkung und wollte den Stoß wiederholen . Da krachte inmitten des kreischenden Stimmenlärms ein Schuß - und während unter dem Rollen des Echos der Adler als lebloser Klumpen zu Boden stürzte , ließ Franzl , dessen Gesicht so weiß war wie Kalk , die rauchende Büchse sinken . Die Holzknechte jauchzten , und während Schipper wortlos mit den Augen zwinkerte , klang vom Horst herunter die Stimme Graf Egge : » Bravo , Hornegger ! Das hat geklappt ! « Franzl atmete auf ; er hörte aus diesen Worten nichts anderes , als daß sein Herr ohne Schaden davongekommen war . Die Leute wollten nicht wieder schweigen ; alle schwatzten und schrien durcheinander , während sie gespannt jede Bewegung Graf Egges verfolgten . Niemand dachte mehr an eine Gefahr ; das Ausnehmen der Jungen war nun ein Kinderspiel - und hatte die Leiter beim Aufstieg ausgehalten , so hielt sie wohl auch beim Abstieg fest . Franzl stand schweigend abseits und gab den Leuten auf der Zinne mit seinem Hut die Zeichen . Da sah er , daß Graf Egge , der auf den letzten Sprossen der ruhig gewordenen Leiter stand , mit dem Arm umhertastete , als käme er nicht mehr weiter . » Was is denn , Herr Graf ? « » Der Horst hängt über ! « klang die Antwort herunter . » Ich finde keinen Weg in das Steinloch . « Dann gleich wieder folgten die Worte : » Ja , es geht ! Jetzt hab ' ich einen Schlupf . « Unten sahen sie , wie Graf Egge mit beiden Händen in jenen kleinen grauen Strich hineingriff - in das wirr verschlungene Astwerk des Horstes . Da rieselte weißlicher Staub in dicker Menge über die Felsen nieder , und während im Horst die jungen Adler schrien , als wären sie lebendig an den Spieß gesteckt , zog Graf Egge hastig den Kopf zurück und griff nach seinem Gesicht . » Um Gotts willen , Herr Graf , « schrie Franzl , » was haben S ' denn ? « Keine Antwort kam ; unten sahen sie nur , daß Graf Egge sich mit den Händen an seinen Augen zu schaffen machte . » Herr Graf ! Herr Graf ! Ums Himmels willen , so geben S ' doch an ! « Wieder keine Antwort ; doch mit tastenden Füßen , den einen Arm über die Augen gedrückt , begann Graf Egge langsam über die Sprossen herunterzusteigen . Die Leute am Fuß der Leiter waren stumm geworden und starrten betroffen in die Höhe . Franzl , dem eine dunkle Angst die Kehle zuschnürte , rief mit heiserer Stimme den Leuten in der Höhe die Weisung zu , daß sie das Notseil vorsichtig nachlassen sollten , immer in Fühlung mit dem Körper , an dem es befestigt war . Schneller und schneller glitt Graf Egge über die Sprossen nieder , ohne darauf zu achten , daß die Leiter immer heftiger zu schaukeln begann . Er hatte die Hälfte der Sprossen noch nicht zurückgelegt , da krachten plötzlich die Stangen und splitterten entzwei wie spröde Glasstäbe . Ein Schrei von allen Lippen , und während die Stücke der gebrochenen Leiter gegen die Felswand schlugen , baumelte Graf Egge am Seil . Noch immer hielt er mit der einen Hand die Augen bedeckt ; mit der anderen tastete er über seinem Kopfe nach dem Tau , das sich im langsamen Niedersenken mit dem schwebenden Körper immer rascher zu drehen begann . Unter wirrem Geschrei streckten sich zwanzig Hände nach Graf Egge ; bevor er noch mit den Füßen die Erde berührte , fing ihn Franzl mit beiden Armen auf und führte den Taumelnden , den Schipper mit einem Messerschnitt vom Seil gelöst hatte , zu einem Steinblock . Der Griff des Adlers hatte dem Grafen das Hemd vom Nacken bis zum Gürtel entzweigerissen , über den halb entblößten Rücken zogen sich zwei bläuliche Striemen , die das Tau in die Haut gedrückt hatte , und Haar , Gesicht und Schultern waren von weißlichem Unrat bedeckt . » Wasser ! Lauf einer nach Wasser ! « keuchte Graf Egge , während er mit zuckenden Händen an den Augen rieb . » Wie ich am Horst in die Prügel gegriffen habe , ist mir ein ganzer Karren voll Adlermist ins Gesicht gefallen ! Das Zeug brennt wie Feuer ! « Er stöhnte vor Schmerz . » Wasser ! Wasser ! « Schipper und ein paar Holzknechte waren schon zu dem in der Talsohle rinnenden Wildbach gerannt , um mit ihren Hüten Wasser zu schöpfen . Franzl zog seinem Herrn die Hände vom Gesicht und stammelte : » Tun S ' doch um Gotts willen net allweil reiben , Herr Graf . Dös is schlechter als alles ! Und ' s Wasser kommt ja gleich ! « Graf Egge versuchte aufzublicken . Er konnte die Augen nicht öffnen . » Bist du ' s , Franzl ? Ich dank dir für das Seil und für den prächtigen Schuß ! « » Nix zu danken , Herr Graf ! Aber meiner Seel , a zweitsmal möcht ich den Schuß nimmer machen ! Die Kugel muß keine drei Schuh neben Ihnen vorbeigeflogen sein ! Wie ich dös fertigbracht hab , weiß der liebe Herrgott - ich net ! Grad froh müssen wir sein , daß die Sach so glimpflich abgangen is . Gegen den Wehdam in Ihre Augen wird ja ' s kalte Wasser hoffentlich helfen . Da kommen d ' Leut schon mit die ganzen Hüt voll ! « » Schnell ! Nur schnell ! « stöhnte Graf Egge . » Ich halt es nimmer aus vor Schmerz ! « Hastig zerrte Franzl das Taschentuch aus Graf Egges Joppe , tauchte es in den ersten triefenden Hut , der ihm geboten wurde , und wusch seinem Herrn den weißen Unrat vom Gesicht . Aber der brennende Schmerz in Graf Egges Augen wollte sich nicht kühlen und stillen lassen . Die Augenränder entzündeten sich , und die Lider schwollen zu dicken , roten Wülsten an , die sich nicht mehr bewegen ließen . » Führt mich in die Hütte ! « stieß Graf Egge zwischen den übereinandergebissenen Zähnen hervor . » Und einer soll nach dem Doktor laufen ! « » Nix , Herr Graf , jetzt is ' s aus mit der Hütten ! Jetzt müssen S ' heim ! « erklärte Franzl mit bebender Stimme . » Bis man den alten Herrn Doktor da auffibringt , dös tät bis morgen in der Fruh dauern ! Ihnen muß heut noch gholfen werden « Er wandte sich an die Holzknechte . » Du , Kasper , spring voraus und schau , daß gleich a Schiffl und der Dokter bei der Hand is ! Du , Sepp , nimm dem Herrn Grafen sei ' Büchs und die meinig ! Und die andern sollen Ordnung machen bei der Wand ! « Er schlang Graf Egges Arm unter den seinen . » Kommen S ' , Herr Graf , lassen S ' Ihnen führen ! Ich bring Ihnen schon nunter . Da fehlt nix . « » Ja , der Franzl hat recht ! « fiel Schipper ein . » Geben S ' her , Herr Graf , ich pack den andern Arm ! « » Du ! Rühr mich nicht an ! « keuchte Graf Egge und sprang auf . » Den Horst hast du gefunden ! Wie damals den abnormen Bock . Fort von mir ! « Stöhnen griff er nach seinen Augen . » Führ ' mich , Franzl ! « » Ja , Herr Graf , kommen S ' ! Und passen S ' auf , da liegt a Trumm Stein im Weg . « Trotz dieser Warnung stolperte Graf Egge , und Franzl hatte Mühe , ihn aufrecht zu erhalten . Schipper sah den beiden mit kleinen Augen nach ; dann zuckte er die Achseln , suchte den Adler aus den Latschen hervor , riß ihm die beiden schönsten Flaumfedern aus und steckte sie auf seinen Hut . Ein Holzknecht bot ihm zwanzig Mark dafür . Um dreißig wollte Schipper sie geben . Das war dem Knecht zuviel . Während die Leute unter endlosem Geschwatz bei der Wand die Arbeit begannen , eilte Sepp mit den beiden Gewehren davon . Am Waldsaum holte er Franzl und den Grafen ein ; sie standen am Bach ; Franzl tauchte das Tuch ins Wasser und band es seinem Herrn über die Augen ; dann nahm er ihn wieder am Arm und führte ihn . Der Heimweg gestaltete sich schlimmer , als Franzl gedacht hatte . Bei jedem Wasser , zu dem sie kamen , wurde der nasse Bund gewechselt , aber der Brand , den Graf Egge in seinen verschwollenen Augen fühlte , steigerte sich von Minute zu Minute ; bei aller Selbstbeherrschung konnte er den Schmerz nicht mehr verbeißen ; immer wieder krampfte er die Fäuste ein und schrie durch die verbissenen Zähne . Sechs Stunden brauchten sie , bis sie die Klause beim Wetterbach erreichten , wo der Doktor schon mit dem Holzknecht wartete . Graf Egge mußte sich vor der Eremitage auf die Bank setzen . Dabei ruhten seine zitternden Füße auf den Trümmern der Marmorplatte . Die Untersuchung des Arztes währte lang . Schließlich seufzte er und schüttelte den Kopf . » Hier kann ich nichts machen , Erlaucht ! Es dämmert schon . Wir müssen sehen , daß wir Sie so rasch als möglich nach Hause bringen . Aber ich will Ihnen wenigstens die Schmerzen lindern . « Er nahm ein kleines Fläschchen mit Kokainlösung aus seiner Ledertasche und ließ einige Tropfen zwischen die geschwollenen Lider fließen . Erleichtert atmete Graf Egge auf und ließ sich den kalten Bund wieder um die Augen legen . » Franzl , wo bist du ? « fragte er und streckte die Hand . Als er die Finger des Jägers fühlte , sagte er : » Ich danke dir ! Diesen Weg vergeß ich dir nimmer . Jetzt tu mir den einen Gefallen und steig wieder hinauf und hüte mir meine Auerhähne ! Wenn der andere da droben merkt , daß die Balzplätze ohne Aufsicht sind , ist er imstand und schießt mir den schönsten Hahn weg , um den Stoß zu verkitschen . Und schick ' mir meinen Adler herunter ! Der von heute gehört dir . Übermorgen komm ich wieder hinauf . « Als Graf Egge das sagte , zuckte es seltsam über das Gesicht des Doktors . » Dann schieß ich die paar Hähne , die noch balzen . « » Pfüe Gott , Herr Graf ! Schauen S ' nur , daß Ihnen bald wieder besser wird ! Droben halt ich derweil schon alles in Ordnung ! Aber - jetzt muß ich was bitten , Herr Graf ! « » Sprich nur ! Was willst du haben ? « » Die jungen Adler droben im Horst müssen verhungern , seit die Alten weg sind . Raubvögel sind s ' freilich . Deswegen muß man die armen Viecher net die schauderhafteste Marter leiden lassen . Wenn ' s Ihnen recht is , Herr Graf , laß ich mich morgen mit der Büchs von der Wand abseilen und gib ihnen den Gnadenschuß . Ich tät schön bitten , daß mir ' s der Herr Graf verlaubt . « Graf Egge antwortete nicht ; nur mit einer unmutigen Handbewegung stimmte er zu . Dann erhob er sich mühsam und ließ sich vom Doktor zum Boot führen . 16 Unter blauem Himmel , bei strahlendem Frühlingswetter fuhren die Kleesberg und Komtesse Kitty in einer mit drei Pferden bespannten Kalesche vom Albergo de ' Cappuccini ab und durch Amalfi . Zwischen Lärm und Leben rollte der Wagen über die Piazza , an der Kathedrale vorüber und am Hafen entlang . Bei einer Wendung der Straße tauchten wie ein schimmerndes Märchenbild die weißen Häuser von Atrani auf . Gundi Kleesberg , deren seidener Staubmantel im Meerwind flatterte , hielt mit beiden Händen Kittys Hand umschlossen und stammelte immer wieder : » Wie schön ! Wie schön ! « Kitty schien nicht zu hören . Die schlanke , etwas voller gewordene Gestalt , von den schmiegsamen Falten eines schwarzen Kreppkleides umflossen , lag stumm in den Wagen zurückgelehnt . Der Schleier war über das Hütchen geschoben , und die schimmernden Löckchen umzitterten mit unruhigem Spiel das schmale , von einem Zug des Leidens durchgeistigte Gesicht . Manchmal bewegte Kitty leis die Schultern , als möchte sie , liebkost von der Wärme des blühenden Frühlingsmorgens , die Erinnerung an den kalten , trostlosen Winter auf Schloß Eggeberg von sich abwerfen . Vor ihren Gedanken stieg das Bild jener Einsamkeit auf , wie sie es hundertmal gesehen , wenn sie am Fenster stand : die kahlen Bäume des Schloßhügels , die plumpen Dächer der Wirtschaftsgebäude mit ihren knarrenden Windfahnen , die öden Weinberge mit den zu Stößen geschichteten Rebstöcken , der vereiste Fluß im Tal und über dem winterlichen Wald der graue Himmel mit seinen Schneewolken . Dazu in ihrer Seele die Erinnerung an die Kummertage von Hubertus und der Gedanke an den Vater , der über Elchhirschen und Bären seines Kindes vergaß , an die Mutter , deren Leidensgang und Schicksal sie nun kannte , an Tassilo und Anna , von deren Glück und Liebe sie geschieden war . Und zwischen diesen beglückenden Bildern klang in ihrem verschlossenen Herzen ruhelos ein schwermütiges und dennoch sehnsuchtsvolles Lied - die Erinnerung an einen , an den sie nicht denken sollte , nicht denken durfte . Den stillen gleichförmigen Schneckengang dieser grauen Wintertage unterbrachen zwei Ereignisse . In der Weihnachtswoche traf Werners » Spätherbst « in Eggeberg ein , um die Kleesberg in einen andauernden Zustand unzurechnungsfähiger Ekstase zu versetzen . Und im März , an einem Sonntag , der ein bißchen Sonne hatte , kam Tante Gundi gleich einer glückselig Beschwipsten in Kittys Stübchen gezappelt , mit einem Zeitungsblatt , das sie wie eine Fahne schwenkte . » Kind ! Das mußt du lesen ! Du mußt ! Komm her , Kind ! Komm ! Und lies , was da gedruckt steht ! Schwarz auf weiß ! « Es war die Nachricht , daß Hans Forbeck für sein großes , » Der letzte Sonnenstrahl « betiteltes Gemälde , das der Liebling aller Besucher der Berliner Jahresausstellung war , die Goldene Medaille erhalten hatte . Heiß flog es über Kittys schmächtige Wangen . Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und brach in Schluchzen aus . Von diesem Tag an entfaltete Gundi Kleesberg eine geheimnisvolle Tätigkeit . Briefe gingen , und Briefe kamen . Und immer häufiger begann die Kleesberg unter Seufzern und Kopfschütteln von dem » bedenklichen Aussehen des