Er schlich hinaus , so leise es sein wankender Schritt gestattete . Als Sender in der Nacht erwachte , sah er beim Schein des Nachtlichts in der Ecke der Stube sich etwas regen . » Moskal ! « rief er . Da schlug der Hund aus einer anderen Ecke an . Das Geschöpf drüben war Können . Auf den Zehen kam er geschlichen . » Sie wachen bei mir ? « murmelte Sender gerührt . » Nach einer solchen Reise ! « » Reden Sie nicht ! « bat der Kleine . » Schlafen Sie . Mir tut ' s ja nichts . Ich bin ja von Eisen ... Leider ! « fügte er fast unhörbar hinzu . Sender vernahm es nicht . Und darauf schlief er wieder ein . Auch diesmal , wie nach der entsetzlichen Wanderung vom Mittwoch , schien sich die Natur selbst helfen zu wollen . Er schlief bis zur Mittagsstunde , und als er sich erhob , war das Fieber gewichen . Freilich mußte er häufiger als sonst husten , aber nun kam fast kein Blut mehr . In der Wirtsstube unten begrüßten ihn seine Kollegen - nun waren sie es doch geworden - als wäre er vom Tode erstanden . » Wir geben den Kaufmann erst Mittwoch « , berichtete ihm Stickler ... » Die Schönau will ' s - morgen pausieren wir . Besetzung eines Künstlers wie du würdig ... Antonio , Marocco , Arragon - Hoheneichen , Bassanio und Alter Gobbo - Birk , Porzia und Lanzelot - die Schönau Tubal und Lorenzo - Können Jessica und Graziano - die Linden , Doge und Salarino - ich , Nerissa und Solanio die Mayer ... Alle anderen Rollen gestrichen . « In Senders Zügen prägte sich das helle Entsetzen aus . » Eine Mustervorstellung wird ' s « , rief Stickler . » Guter Souffleur hier gewonnen . Schon auf der Probe , Mittwoch zehn Uhr , wirst du Augen machen . Bis dahin bist du Freiherr , kannst spazieren gehen . « Das tat Sender nicht . Er hielt sich den Rest des Tages auf seiner Stube und sah sich auch nur einen Akt vom » Kabale und Liebe « an . Der Saal war noch schmutziger und kleiner , als der in Zaleszczyki , aber er war nahezu gefüllt , und die Leute applaudierten aus Leibeskräften . Das beruhigte ihn und er schlief , trotz des leisen Bangens vor seinem ersten Debüt , bald ein und es war auch am Dienstag nahezu Mittagszeit , als er in der Wirtsstube erschien . Dort malte Können eben die morgigen Zettel fertig . » Damit Sie sich bei Ihrem ersten Auftreten nicht ärgern « , sagte das Männchen , » habe ich diesmal die christlich-jüdischen Sachen nicht gemacht , obwohl das Stück noch besser dazu taugt als Deborah . « In der Tat war der Zettel von solchem Doppelspiel frei , sogar die Titel hüben und drüben dieselben , und es waren nicht weniger als fünf : » Der Kaufmann von Venedig « oder » Christen und Juden in Handel und Wandel « oder » Was in einem Kästchen stecken kann « oder » Wie schneidet man einem lebendigen Menschen ein Pfund Fleisch heraus , ohne einen Tropfen Blut zu vergießen « oder » Liebe , Rachgier und Verzweiflung « . Sender war angekündigt als : » Herr Alexander Kurländer , genannt der zweite Dawison , eines der größten Talente der Vergangenheit und Gegenwart , Mitglied mehrerer Weltbühnen , auf der Durchreise von Berlin nach Wien unwiderruflich nur dies eine Mal als Gast . « Er erschrak . » Was werden sich die Leute versprechen ! « rief er . » Weniger als sie finden werden « , sagte Können . » Ich habe Ihnen - bisher nichts über die Probe gesagt « , fuhr er stammelnd fort . » Sie glauben - aus Neid - und da haben Sie nicht ganz unrecht - es ist auch Neid dabei gewesen . Aber die Hauptsache war der Gedanke : Du bist ja nicht wert , ihn zu loben . « Er faßte Senders Hand und drückte sie . » Hier , zur Erinnerung habe ich einen eigenen Zettel für Sie gemalt . Geben Sie acht , er kommt einmal in ein Museum , so wahr ich ein elender Stümper bin . Aber wie fühlen Sie sich ? Besser , hoff ' ich . Denn die Nacht war gut - nur zweimal haben Sie gehustet , sind aber nicht erwacht . « » Sie haben wieder bei mir gewacht ? « rief Sender gerührt . » Ja , nach der Vorstellung habe ich mich hineingeschlichen und in aller Frühe wieder hinaus . Der Moskal ist ein kluges Tier , er hat gewußt , ich tu ' seinem Herrn nichts ... Danken Sie mir nicht « , wehrte er hastig ab , als Sender es tun wollte . Den Abend verbrachte Sender mit Birk auf dessen Stube . Der unglückliche Mann war frischer , als er ihn je zuvor gesehen , und erzählte viel aus den Glanzzeiten seines Lebens , namentlich vom Burgtheater , dann vom Elend der Schmieren . Sender verstand die Absicht . Um neun Uhr schickte ihn Birk fort . » Ins Bett . Morgen müssen Sie gesund sein . « » Ich werde es sein « , erwiderte Sender mit leuchtenden Augen . Es war ja alles gnädig vorbeigegangen . Und welche Zukunft harrte sein ! Diesmal verriegelte er die Tür . Ihm war der Gedanke peinlich , daß der arme Mensch , der den Tag über sich so schwer mühte , nun auch vielleicht diese Nacht auf der Diele verbringen sollte , als wäre auch er sein Hund . Dann träumte er lange seligen Herzens mit offenen Augen , aber noch schönere Träume brachte ihm der Schlaf . Da war alles , was er von der Zukunft erwartete , Wirklichkeit - er stand auf einer Bühne und blickte in ein großes , vollerleuchtetes , dichtbesetztes Haus hinein , es war noch viel , viel größer , als der Theatersaal in Czernowitz , alle Sitze mit rotem Samt ausgeschlagen und auf ihnen schöne Frauen und Herren mit Orden und Offiziere , und da - da war der junge Kaiser ... Er hatte eben die Szene mit Tubal beendet , und alle applaudierten , sogar der Kaiser , und riefen : » Kurländer ! « Einige klopften auch auf den Boden und dies Klopfen ward immer stärker und eine Stimme rief : » Sender ! « die Stimme seiner Mutter . Aber wie kam sie ins Burgtheater ? Nun jedoch schwiegen alle anderen Stimmen und nur sie rief : » Sender ! « Er fuhr empor und rieb sich die Augen . Barmherziger Gott , das war ja kein Traum mehr . Es war heller Tag , und das die Kammer im Gasthof zu Borszczow , und draußen klang das Klopfen und Rufen seiner Mutter : » Sender ! Mach ' auf ! Es nützt dir nichts ! « Fast ohnmächtig sank er in die Kissen zurück ; in tollem Wirbel kreisten seine Gedanken . Aber nur wenige Sekunden , er sprang aus dem Bette ans Fenster . Die Kammer lag ebenerdig ; eh ' sie etwa die Tür sprengen ließ , war er längst angekleidet und im Freien . Aber das zuckte ihm nur so durch den Sinn . Fliehen ? Warum ? Und als es draußen wieder klang : » Es nützt dir nichts « , warf er trotzig den Kopf zurück . » 0 doch « , dachte er , » mein gutes Recht über mich selbst wird mir nützen . « » Ich öffne « , sagte er . » Warte , bis ich mich angekleidet habe . « Als er fertig war , legte er die Hand auf das Büchlein , das auf dem Nachttisch lag . » Gott , laß mich nicht vergessen , daß es meine Mutter ist . « Um Stärke brauchte er nicht zu flehen . Er öffnete . Die Mutter trat ein , hinter ihr schob sich der Marschallik in die Stube . Moskal fuhr die Eintretenden bellend an . Sender ließ ihn kuschen . Das war das einzige Wort , das er hervorbringen konnte , so tief erschütterte ihn der Anblick der Mutter ; eine alte , aber rüstige Frau hatte er daheim gelassen , eine gebrochene Greisin stand vor ihm . Auch sie sah ihn starr aus entsetzten Augen an ; vielleicht ebenso seiner Tracht wie seines leidenden Gesichts wegen . » Mutter « , begann er endlich . » Du bist umsonst gekommen ... Es tut mir leid , daß du meinen Brief nicht verstehen wolltest ... « » O , wohl habe ich ihn verstanden « , rief sie . » Und was ich noch nicht gewußt habe , das habe ich von der Wirtin in Zaleszczyki und dem Wirt hier lernen können . Ein Abtrünniger , der mit anderen Verworfenen durch Possen sein Leben fristet . Das ist das Große , was dir dein Herz gebietet und wozu dich Gott bestimmt hat ! « » Da mußt du auch andere fragen « , erwiderte er . Er suchte ihr klar zu machen , welches Ziel er sich gesteckt , verwies auf Nadlers Briefe , sein Engagement in Czernowitz . Sie hörte ihn ungeduldig an . » Wahnsinn « , murmelte sie immer wieder dazwischen . » Wahnsinn und Sünde ! « Der Marschallik aber fragte : » Sender , du warst im vorigen Jahr so krank - und jetzt hast du wieder Blut gehustet , bis du für ein solches Leben gesund genug ? « » Mit Gottes Hilfe - ja ! « » Ruf ' dabei Gott nicht an ! « rief sie wild . » Du bist krank , mußt bei diesem Leben bald zu Grunde gehen . Aber auch wenn du gesund vor mir ständest , ich würde dich beschwören : Kehr ' um , so lange es Zeit ist ! Komm ' heim ! « Und als er den Kopf schüttelte , knirschte sie : » Dann zwing ' ich dich . Die Gerichte wissen , daß ein Minderjähriger unter dem Willen seiner Mutter steht . « » Probier ' s ! « erwiderte er finster . Sie wollte noch heftiger werden , da trat der Marschallik dazwischen . » Nicht so ! « bat er . » Ob du gezwungen werden kannst , weiß ich nicht , die Leut ' reden verschieden . Aber du sollst nicht gezwungen werden . Nein , bei Gott ! Denk ' an deine Gesundheit und an deine alte Mutter . Du bringst sie vorzeitig ins Grab . So sieh doch nur ! « Sender vermochte nichts zu erwidern , er stöhnte nur auf und wandte sich ab . Und so blieb er auch , als sie auf ihn zutrat . » Sender ! « rief sie mit gefalteten Händen . » Du hast geschrieben , daß ich mehr für dich getan habe , als sonst eine Mutter - ist dies dein Dank ? Mit Geld willst du es bezahlen ? Hier ist dein Geld ! « Sie riß eine Brieftasche hervor und warf sie auf den Tisch . » Zähl ' nach , es fehlt nichts ! « Ihr Zorn gab ihm die Fassung wieder . » Ich nehm ' s nicht ! « stieß er hervor . » Es gehört dir ! Und alles , was ich verdienen werde . Aber mit meinem Leben kann ich nicht zahlen ! « » Und so soll ich es tun ! « schrie sie auf . Im nächsten Augenblick sank sie zu seinen Füßen nieder . » Sender « , schluchzte sie , » deine Mutter liegt vor dir auf den Knien und bettelt um ihr Leben ! Aber nein - nicht darum - nur um eine ruhige Sterbestunde . « Er hob sie auf und umfaßte sie . » Zerreiß ' mir nicht das Herz ! « murmelte er mit bleichen Lippen ... » Eine ruhige Sterbestunde ! - Glaubst du , daß Gott so richtet wie Rabbi Manasse ? Du kannst in Freuden leben , in Freuden sterben , auch wenn dein Sohn Schauspieler wird ! « » Nein ! « schrie sie auf . » Der Rabbi ? Das braucht mir kein Rabbi zu sagen ! « Wieder mischte sich der Marschallik ein . » Komm ' mit uns , Sender , sprich mit unserem Stadtarzt ! Vielleicht beruhigt er die Mutter . Auf einige Wochen kann es dir ja nicht mehr ankommen . « » Nein ! « rief sie . » Auch wenn es der Arzt erlauben würde . Ich darf ' s nicht zulassen . Entscheide dich ! « » Ich habe mich entschieden « , erwiderte er . » Sehr viel darf eine Mutter von ihrem Kinde verlangen - so viel nicht ! « Wieder wollte sie sich zu seinen Füßen stürzen . Der Marschallik hielt sie zurück . » Frau Rosel « , sagte er . » Er ist krank . Ihr werdet es werden . Schont ihn und Euch und scheidet in Frieden ! Wie Gott will - was zu sagen war , ist gesagt . « » Nein , ich geh ' nicht ! « schrie sie gellend . » Nein ! Nein ! Nein ! « Sie war unheimlich anzusehen . Die Augen glühten wie im Wahnsinn , sie hatte alle Herrschaft über sich verloren . » Mein Leben auf Erden hab ' ich dem fremden Kind geopfert , mein Leben im Jenseits nicht ! Ich will ruhig sterben , ich will seinen Eltern sagen können- « » Mutter « , stammelte Sender entsetzt . » Barmherziger Gott « , dachte er , » sie ist wahnsinnig geworden ... « Auch der Marschallik war bis in die Lippen erbleicht . » Frau Rosel « , murmelte er , » um Gotteswillen , was redet Ihr da ? « » Nun ist mir alles gleich ! « rief sie wild . » Hier war ich in Jammer und Elend um seinetwillen - meine Seligkeit geb ' ich nicht für ihn . Ehe sein armer Vater , Mendele Kowner , im Straßengraben gestorben ist , war sein letztes Wort : Alles soll mein Sohn werden , nur kein Schnorrer ! Und deiner Mutter , mit der Friede sei , hab ' ich ' s gelobt , du wirst es nicht ... « Sie preßte die Linke wie in Todesangst aufs Herz , die Rechte reckte sie empor . » Was soll ich ihnen nun sagen ? Was ? Was ? ! « Sender stand regungslos , nur die bleichen Lippen zitterten . Starr blickte er sie an , dann den Marschallik . Als er die Augen des Alten voll tiefsten Mitleids auf sich gerichtet sah , schloß er die seinen und sank wie vernichtet auf den Stuhl , neben dem er stand . Darauf war es sehr lange still , man vernahm nur die erregten Atemzüge der drei Menschen . Dann erhob sich Sender wankend , tastete nach dem Büchlein und führte es an die Lippen . Hierauf barg er sein Gesicht und brach in heftiges Schluchzen aus . Auch Frau Rosel begann heftig zu weinen . Sie wollte auf ihn zutreten , aber der Marschallik hielt sie zurück . » Kommt « , flüsterte er , und als sie ihm nicht folgte , wiederholte er befehlend : » Kommt . Nun ist er nicht Euer Sohn mehr , laßt ihn mit seinen Eltern allein ! « Und zu Sender gewendet : » Du triffst uns unten . « Zwei Stunden mochten vergangen sein , Sender ließ sich noch nicht blicken . Da schlichen die beiden an seine Tür und wagten endlich einzutreten . Sie trafen ihn in derselben Haltung , wie sie ihn verlassen , die eine Hand hielt das Büchlein fest , die andere deckte die Augen . Als sie vor ihn traten , richtete er sich auf . So schmerzvoll hatte der alte Mann in seinem langen Leben noch keines Menschen Antlitz gesehen , jedoch Senders Stimme klang zwar tonlos , aber fest : » Ich komme mit ! « » Sender ! « jubelte sie auf und wollte auf ihn zustürzen . Der Marschallik hielt sie zurück . » Ihr müßt es ihm versprechen « , sagte er , » daß Ihr nichts dagegen habt , wenn es unser Arzt erlaubt ... Er überlebt sonst den Schmerz nicht « , flüsterte er ihr zu . Dann wieder laut : » Es ist nicht für immer . Die Toten dürfen nicht verlangen , daß sich die Lebenden für sie opfern . « » Wie Gott will ! « erwiderte Sender . » Meine Eltern - das würde ich auf mein Gewissen nehmen . Aber hat mir eine Fremde ihr Leben geopfert , so darf sie mein Leben dafür verlangen . « Sechsunddreißigstes Kapitel Es währte eine volle Woche , bis die drei wieder das Mauthaus zu Barnow erreicht . Sie mußten im Schritt fahren und täglich nur wenige Stunden , in Zaleszczyki und Tluste je zwei Tage rasten . Denn wohl brachte Frau Rosel ihren Pflegesohn zurück , aber als einen Schwerkranken . Immer schlimmer wurde das Fieber , immer quälender der Husten . Es hätte nicht erst der Mahnung der Ärzte bedurft , daß er nicht sprechen solle , mit geschlossenen Augen , stumpfe Trauer in den Zügen lag er im Wagen . Er litt es , daß sich die Mutter um ihn mühte , und wenn sie ihm zärtlich Mut zusprach und auf den Sommer verwies , der ihm , wie im vorigen Jahre , die volle Genesung zurückbringen werde , so gewann er es sogar zuweilen über sich , zu lächeln . Aber unruhig wurde er , wenn ihn der Marschallik zu trösten suchte , vielleicht werde der Stadtarzt im Sommer doch gestatten , daß er gehe , wohin ihn sein Herz ziehe , und die Mutter werde sich dann wohl auch darein finden . Daran wollte er nicht erinnert sein , damit war ' s aus und vorbei für immer , und wie furchtbar sein Schmerz darüber war , er zuckte zusammen , wenn die fremde Hand mitleidig an die Wunde rührte , die nur der Tod heilen konnte . So stumpf , so todtraurig blieb er auch in den ersten Wochen nach seiner Heimkunft . Still lag er , die Hand auf dem Kopf seines treuen Hundes , den Blick ins Leere gerichtet , auf dem Sofa der Wohnstube oder im Lehnstuhl am Ofen , den am Fenster vermied er ängstlich . Niemand hatte ihm erzählt , welches Aufsehen seine Flucht im Städtchen erregt , welche Flüche und Verwünschungen sich über seinem Haupte entladen , weil er in deutscher Tracht heimgekehrt ; wahrscheinlich ahnte er es , aber nicht deshalb mied er den Sitz am Fenster . Nur niemand sehen und von niemand gesehen werden , in Ruhe sterben - das war alles , was er noch wollte . Selbst die Besuche des Marschallik und seiner Tochter rissen ihn nicht aus diesem dumpfen Hinbrüten , so lieb ihm die beiden Menschen waren , so sehr ihn ihr Mitgefühl rührte . Kamen sie , so gingen sie auch bald wieder , denn er selbst tat nie eine Frage ; was sie ihm erzählten , hörte er kaum an , wohl aber schien ihn ihre bloße Anwesenheit zu beunruhigen . Nur einmal , als er erfuhr , daß der neue Advokat und seine Gattin in den nächsten Wochen erwartet würden , belebte sich sein Gesicht . » Da kann ich wohl noch Abschied von ihr nehmen « , dachte er , aber gleich darauf wurden seine Züge wieder stumpf , » wozu - ich war ihr ja immer gleichgültig ! « Auch seine deutschen Bücher rührte er nicht mehr an , während er das Gebetbuch kaum noch aus den Händen ließ ; aber auch nach seinen Eltern tat er keine Frage , er fühlte sich ja schon auf dem Heimweg zu ihnen ! Die drei Menschen , die an ihm hingen , waren tiefbekümmert , aber nur dem Marschallik und Jütte war es klar , daß ihn nicht der Husten allein gebrochen . Frau Rosel gab wohl zu , daß er traurigen Herzens sei , » aber « , meinte sie , » das gibt sich mit der Krankheit . « Daß sie recht gehandelt , stand ihr unerschütterlich fest , aber sie vermochte auch nicht einzusehen , daß sie ein Opfer gefordert und empfangen . Im Gegenteil , schenkte ihm der Himmel die Gesundheit wieder , so hatte sie ihr Teil Verdienst daran , bei jenem elenden Leben unter Dirnen und Vagabunden wäre er verloren gewesen . Sie war sehr bestürzt , als ihr der Arzt eines Tages das Gegenteil sagte . Es war dies nach seinem zweiten Besuche zu Anfang April . Als ihn Frau Rosel , das erste Mal holte , wußte er von Sender nur , was alle Welt in Barnow erzählte : daß der unstete Mensch unter wandernde Gaukler geraten und von der Mutter zwangsweise zurückgebracht worden - das vermochte ihm kein tieferes Interesse einzuflößen . Er untersuchte den Kranken und meinte : es liege Grund zur Sorge vor , aber nicht zur Verzweiflung , bei guter Ernährung , Gemütsruhe und einer Molkenkur im Sommer könne er noch recht glimpflich davonkommen . Aber seither hatte ihm - er war ja auch der Arzt des Klosters - Pater Marian von Sender erzählt und das weckte seine Teilnahme . Obwohl ihn Frau Rosel nicht wieder holen ließ - Sender hatte so dringend gebeten , dies zu unterlassen , daß sie ihm den Willen getan - trat er eines Tages wieder in die Wohnstube . Er untersuchte den Kranken und schüttelte den Kopf . Dann ersuchte er die Frau , ihn mit Sender allein zu lassen , und sagte : » Ich glaube nun Ihre Geschichte zu kennen , eine echte , rechte Märtyrergeschichte . Aber zum Teil mindestens liegt es in Ihrer Hand , welchen Ausgang sie nimmt . So , wie Sie vor mir liegen , sind Sie das Musterbild eines Kranken , wie er nicht sein soll : apathisch , ja verzweifelt . So können Sie nie gesund werden . « Sender erhob abwehrend die Hand : » Das werd ' ich ohnehin nie mehr . « » Da wissen Sie mehr als ich « , erwiderte der Arzt . » Wie es um Sie steht , habe ich Ihnen schon vor Wochen gesagt . Sie werden sich auch bestenfalls Ihr Leben lang etwas mehr schonen müssen als andere , im schlimmeren viel mehr , an das schlimmste glaube ich nicht . Sie haben etwas von der Natur Ihres Vaters geerbt , dessen Kraft und Ausdauer in meiner Jugendzeit fast sprichwörtlich waren . Wer nach einem Blutsturz , wie Sie ihn vor einem Jahr hatten , und nach den furchtbaren Strapazen und Aufregungen Ihrer letzten Wanderung nur eben mit einem schweren Husten davongekommen ist , braucht nicht zu verzweifeln . « Sender lag schweratmend da , er erwiderte nichts . Auch der Arzt sprach nicht weiter , es war ja jedes Wort nutzlos . Wohl aber sagte er draußen Frau Rosel seine Meinung : » Nichts hätte für seine Krankheit schlimmer sein können , als diese Rückkehr . Dort wollte er leben , und hier will er sterben . « Das traf sie hart , aber sie glaubte es doch nicht recht . Umso besser verstand Pater Marian den Bericht des Arztes . » Wenn ich ihn nur besuchen könnte ! « rief er und schickte Fedko mit einem Schreiben an Sender , worin er ihm seinen Besuch oder doch Bücher anbot . Der Pförtner kam betrübt zurück . » Mit unserem armen Verrückten geht ' s zu Ende « , meldete er . » Er dankt für beides . « Auch den Besuch Malkes und ihres Gatten , die sich gleich nach ihrer Ankunft durch Jütte bei ihm anmelden ließen , lehnte er ab . Als sie vom Arzt erfuhren , wie es um ihn stehe , baten sie ihn in einem herzlichen Brief , kommen zu dürfen . Er blieb bei seinem Entschluß . Aber Jütte gab nicht nach . » Ihr müßt hingehen ! « rief sie ihrer Freundin zu , die sie nun als Wirtschafterin ins Haus genommen . » Ihr müßt . « Sie rang die Hände . » Sonst stirbt er « , rief sie verstört und brach in ein heftiges Schluchzen aus . Malke blickte sie befremdet an ; Tränen war sie an dem tapferen Mädchen nicht gewohnt . » Jutta « , sagte sie sehr ernst . » Du hast einmal die Liebe eine christliche Mode genannt ... « » Ich liebe ihn nicht ! « rief Jütte heftig . » Aber mein Leben gäb ' ich drum , wenn ich das seine erhalten könnte . « Ihren Willen setzte sie durch . Eines Tages traten Doktor Salmenfeld und seine Gattin bei dem Kranken ein . Sender war sehr erregt , und als sie ihm herzlich zusprachen , feuchteten sich seine Augen . Aber er erwiderte doch nur : » Wünschen Sie mir keine Genesung . Wozu ? Um bei Dovidl Nummern zu schreiben ? « » Um ein großer Künstler zu werden « , rief Malke . » Damit ist ' s vorbei . Ein todkranker Mann ! Und wenn auch das nicht - meine Pflegemutter verlangt das Opfer , muß es verlangen , und ich muß es bringen . « » Lieber Herr Glatteis « , sagte der Advokat , » nur das erste ist richtig . Nach ihren Anschauungen muß sich Ihre Pflegemutter durch die letzten Worte Ihrer Eltern gebunden halten . Aber Sie ? ! Ihr armer Vater war ja ein in seiner Art berühmter Mann ; wir alle haben genug über ihn erfahren , um zu wissen : wenn er lebte , er würde Sie deshalb nicht verdammen , ihm wäre der Unterschied zwischen einem Schnorrer und einem Künstler klar . Und Frau Rosel spricht ja nur gleichsam in seinem Namen ... « Sender schüttelte den Kopf . » Das mag ja alles richtig sein , aber ihr wäre es doch das Furchtbarste . Und darauf allein kommt es an . Sie hat mir ihr ganzes Leben auf Erden geopfert - soll ich ihr dafür die künftige Seligkeit rauben ? « Aber ein Interesse weckten diese Unterredungen doch in ihm : er begann dem Leben und Wesen seines Vaters nachzuforschen . Der Marschallik konnte ihm viel von Mendele berichten , die Bedeutung der Inschriften im Gebetbuch ward ihm nun verständlich . Frau Rosel aber erzählte ihm von der armen Miriam , wie sanft und fromm sie gewesen , wie gut und dankbar . Auch lebte noch einer der Männer , die einst an Mendele Kowner die letzte Pflicht erfüllt und seinen Leichnam von der einsamen Todesstätte nach dem » guten Ort « zu Barnow gebracht . Es war Meyerl Kaiseradler , der Gemeindediener . Aber seine Erzählung brachte Sender eine tiefe Erschütterung des Gemüts , denn auf die Frage , wo jene Stätte gewesen , erwiderte Meyerl : » Dicht an der kleinen Kapelle , wo der Fußweg nach Biala von der Straße abzweigt . « Es war dieselbe Stelle , wo der Orkan Sender in den Straßengraben geschleudert , die Kapelle , wo er zu seiner Rettung das Büchlein liegen gelassen . Ihm war es kein seltsamer Zufall ; nun wußte er , wessen Geist ihn in jener Stunde umschwebt und gerettet . Aber freilich ? - wozu ? - zu solchem Ende ? ! Gegen Ende April kam ein Brief Nadlers aus Czernowitz , er habe durch einen Zufall erst jetzt erfahren , warum Sender nicht gekommen . In herzlichster Teilnahme bat ihn der Direktor , nicht mutlos zu werden , das Siechtum zu überwinden ; sein Schutz sei ihm immer sicher . Daß der Zufall in einem Brief Salmenfelds bestanden , wußte Sender nicht , wohl aber , was er zu erwidern habe . Er dankte dem Direktor in rührenden Worten und nahm von ihm Abschied . Da sollte ein furchtbares Ereignis wieder in sein Leben eingreifen , zugleich zum Segen und zum Verderben . Es war an einem der ersten Maitage , Sender besprach eben mit Frau Rosel , daß sich nächstens sein Geburtstag jähre , wo er zugleich zum ersten Male den Todestag seiner Mutter begehen könne , als der Marschallik eintrat . Sender sah ihm sofort an , daß er schlimme Botschaft bringe , doch erfuhr er nicht , um was es sich handle ; der Alte teilte es Frau Rosel auf dem Flur mit . Es mußte etwas sehr Schlimmes sein , denn als sie wiederkam , war ihr Gesicht bleich und angstvoll , doch erwiderte sie auf Senders Frage » Nichts , nichts von Bedeutung . « Es mußte aber von Wichtigkeit sein , denn nach einer Stunde hörte Sender auf dem Flur neben der Stimme Türkischgelbs auch jene Dovidls . Aber auch von seinen hastigen Reden konnte er nur einige Worte verstehen : » Und alles das hat der Schurk ' , der Stümper , der Luiser auf dem Gewissen . « Und dann das letzte : » Beruhigt Euch , ich kenne ja die Gesetze . Nach den Gesetzen darf er Euch nichts antun . « Beruhigend schien diese Versicherung nicht auf sie gewirkt zu haben ; als sie in die Stube zurückkehrte , war sie noch erregter . Vergeblich bat Sender nochmals , ihm den Grund zu sagen . Sie stand fast immer am Fenster und spähte auf die Straße hinaus . Da - es dämmerte schon - schrie sie plötzlich entsetzt auf : » Da ist er ! « und stürzte auf den Flur . Gleich darauf hörte er eine rauhe , ihm fremde Stimme