mit dem schweren Schmuckrahmen versehen , stand hier die größte Komposition , deren Veranlassung die Bibelworte gegeben Wohl dem , der nicht sitzet auf der Bank der Spötter ! Auf einer halbkreisförmigen Steinbank in einer römischen Villa , unter einem Rebendache , saßen vier bis fünf Männer in der Tracht des achtzehnten Jahrhunderts , einen Marmortisch vor sich , auf welchem Champagnerwein in hohen venezianischen Gläsern perlte . Vor dem Tische , mit dem Rücken gegen den Beschauer gewendet , saß einzeln ein üppig gewachsenes junges Mädchen , festlich geschmückt , welches eine Laute stimmt und , während sie mit beiden Händen damit beschäftigt ist , aus einem Glase trinkt , das ihr der nächste der Männer , ein kaum neunzehnjähriger Jüngling , an den Mund hält . Dieser sah beim lässigen Hinhalten des Glases nicht auf das Mädchen , sondern fixierte den Beschauer , indessen er sich zu gleicher Zeit an einen silberhaarigen Greis mit rötlichem Gesicht lehnte . Der Greis sah ebenfalls auf den Beschauer und schlug dazu spöttisch mutwillig ein Schnippchen mit der einen Hand , während die andere sich gegen den Tisch stemmte . Er blinzelte ganz verzwickt freundlich mit den Augen und zeigte allen Mutwillen eines Neunzehnjährigen , indessen der Junge , Mit trotzig schönen Lippen , mattglühenden schwarzen Augen und unbändigen Haaren , deren Ebenholzschwärze durch den verwischten Puder glänzte , die Erfahrungen eines Greises in sich zu tragen schien . Auf der Mitte der Bank , deren hohe , zierlich gemeißelte Lehne man durch die Lücken bemerkte , saß ein ausgemachter Taugenichts und Hanswurst , welcher mit offenbarem Hohne , die Nase verziehend , aus dem Bilde sah und seinen Hohn dadurch noch beleidigender machte , daß er sich durch eine vor den Mund gehaltene Rose das Ansehen gab , als wolle er denselben gutmütig verhehlen . Auf diesen folgte ein stattlicher Mann in Uniform ; dieser blickte ruhig , fast schwermütig , aber doch mit mitleidigem Spotte drein , und endlich schloß den Halbkreis , dem Jüngling gegenüber , ein Abbé in seidener Soutane , welcher , wie eben erst aufmerksam gemacht , einen forschenden stechenden Blick auf den Beschauer richtete , während er eine Prise zur Nase führte und in diesem Geschäft einen Augenblick anhielt , so sehr schien ihn die Lächerlichkeit , Hohlheit oder Unlauterkeit des Beschauers zu frappieren und zu bösen Witzen aufzufordern . So waren alle Blicke , mit Ausnahme derjenigen des Mädchens , auf den gerichtet , der vor das Bild trat , und sie schienen mit unabwehrbarem Durchdringen jede Selbsttäuschung , Halbheit , Schwärmerei , jede verborgene Schwäche , jede unbewußte oder bewußte Heuchelei aus ihm herauszufischen . Auf ihren eigenen Stirnen , um ihre Mundwinkel ruhte zwar unverkennbare Hoffnungslosigkeit ; aber trotz der Blässe , die ohne den rötlichen Greis alle überzog , steckten sie in einer unverwüstlichen Gesundheit , wie die Fische im Wasser , und der Betrachter , der seiner nicht ganz bewußt war , befand sich so übel unter diesen Blicken , daß man eher versucht war auszurufen Weh dem , der vor der Bank der Spötter steht ! Waren nun Absicht und Wirkung dieses Bildes verneinender Natur , so war dagegen die Ausführung mit dem wärmsten Leben getränkt . Jeder Kopf zeigte eine inhaltvolle wirkliche Persönlichkeit und war für sich eine ganze tragische Welt oder eine Komödie und nebst den feinen arbeitlosen Händen vortrefflich beleuchtet und gemalt . Die gestickten Kleider der wunderlichen Herren , die altrömische Tracht des Weibes , ihr blendender Nacken , die Korallenschnur darum , die schwarzen Zöpfe und Locken , die Bildhauerarbeit an dem alten Marmortische , selbst der glänzende Sand des Bodens , in welchen sich der Fuß des Mädchens drückte , diese Knöchel im blaßroten Seidenschuh alles dies war so breit und sicher und doch ohne Manier und Unbescheidenheit , sondern aus dem naivsten Wesen heraus gemalt , daß der Widerspruch zwischen dem freudigen Glanz und dem kritischen Gegenstand des Bildes die sonderbarste Wirkung hervorrief . Lys nannte dies Bild seine » hohe Kommission « , den Ausschuß der Sachverständigen , vor welchen er sich selbst zuweilen mit bangem Herzen stelle ; auch führte er etwa einen armen Sünder , dessen Wohlweisheit und Salbung nicht aus dem lautersten Himmel zu stammen schien , vor die Leinwand und beobachtete die verlegenen Gesichter , die er schnitt . Als wir wiederholt von einem Bilde zum andern gingen , ich dazwischen auch bei diesem oder jenem allein zurückblieb , wußte ich nicht ein Wort zu dem Gespräche beizutragen , sondern unterlag schweigend dem Eindrucke , den ein so entschiedenes Können auf den machte , der es nicht übersah . Erikson dagegen , welcher ein so beschränktes und bescheidenes Arbeitsfeld besorgte , hatte so vieles geübt und gesehen , daß er sich mit Leichtigkeit und Verständnis aussprechen konnte . Er pflegte auch zu sagen , er verstehe nun gerade genug von der Kunst , um ein anständiger Liebhaber und Sammler zu sein , wenn das Glück ihn reich machen wollte , und um diesen Preis würde er sofort seine Palette an den Nagel hängen . In der Tat wußte er Altes und Neues wohl zu beurteilen und zu würdigen , ungleich so manchen Künstlern , die alles hassen oder geringschätzen oder einfach nicht verstehen , was nicht in ihrer Richtung liegt . Diese leidenschaftliche Beschränktheit ist freilich für manche notwendig , wenn sie auf dem Punkte beharren sollen , dem sie allein gewachsen sind , weil Anspruch und Bescheidung sich selten glücklich mischen . Auf jene Äußerung erwiderte dann Lys zuweilen , es sollte allerdings ab und zu einer von der Ausübung freiwillig zurücktreten , um der Kennerschaft frisches Blut zuzuführen ; die Literaten seien wohl nützlich für das Logische und Chronologische , das Graphische und Biographische , für das Eintragen des Festgesetzten ; vor dem Gegenwärtigen , sofern es als neu oder überraschend erscheine , ständen sie in der Regel unproduktiv und ratlos , und die ersten Stichworte müßten immer von den Künstlerkreisen ausgehen und seien daher meistens parteiisch , welche Parteilichkeit von den Literaten , nachdem die erste Kopflosigkeit überwunden , weiter ausgesponnen werde , bis der Gegenstand der Vergangenheit angehöre und einer verständigen Registrierung fähig geworden . Es sei das ein verdrießlicher Handel ! Er habe Maler gekannt , die den verwichenen Raffael einen unangenehmen Kerl gescholten und dabei auf ihre grausam kritische Ader sich wunder was eingebildet haben ; hinwieder seien ihm Kollegien lesende Professoren vorgekommen , welche an älteren Bildern eine wirkliche metallische Vergoldung nicht von gemaltem Golde zu unterscheiden wußten und in technischer Hinsicht überhaupt auf dem Standpunkte von Kindern und Wilden standen , die in einem gemalten Gesichte den Nasenschatten für einen schwarzen Fleck anzusehen pflegen . Ich bemerkte wohl , daß Lys mit seinen Bildern in eigentümlicher Weise durch die Schule der großen Italiener hindurchgegangen sei , ohne sie im Unmöglichen gerade nachmachen zu wollen , erfuhr nun aber , er habe früher sich zum strengen deutschen Zeichner ausgebildet , der es im sichern Führen von Stift und Kohle fast seinem berühmten Meister gleichgetan und die Farbe für ein mehr oder weniger notwendiges Übel gehalten habe . Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Italien sei er gänzlich umgewandelt zurückgekommen , mit Geringschätzung auf die frühere Weise herabsehend . Als hievon die Rede war und Erikson bedauerte , daß Lys die edle Kunst der deutschen Zeichnung , die doch in ihrer Art ein unersetzliches Gut und Wahrzeichen der Nation sei , so ganz beiseite werfe , erwiderte dieser : » Ei was ! Wer einmal recht zu malen versteht , kann erst recht zeichnen , und zwar alles , was er will ! Übrigens übe ich das Ding manchmal noch , freilich nur zu meinem eigenen Spaß . « Er holte ein ziemlich großes Album vom besten Papier herbei , das in Leder gebunden und mit einem stählernen Schlosse versehen war . Mit dem Schlüsselchen , das an seinem Uhrgehänge befestigt war , geöffnet , zeigte sich Blatt um Blatt eine Welt von Schönheit und zugleich der Verspottung derselben , wie sie nicht leicht wieder in solcher Weise sich zusammenfinden mag . Es war die Geschichte einer Reihe von Liebschaften , welche er erlebt und in das Buch gezeichnet hatte mit feinstem Stifte und im solidesten deutschen Stil , als ob Dürer und Holbein , Overbeck oder Cornelius den Dekameron illustriert und die Zeichnungen für den Grabstichel unmittelbar fertig gebracht hätten . Eine solche Geschichte bestand je nach ihrer Dauer aus mehr oder weniger zahlreichen Blättern ; jede begann mit dem Bildniskopfe des betreffenden Frauenzimmers und einigen Variationen desselben in verschiedener Auffassung ; dann folgte die ganze Figur , wie man wohl einer schönen Person zum ersten Mal auf dem Markte , in der Kirche oder im öffentlichen Garten ansichtig wird ; dann entwickelte sich die Begegnung und das Verhältnis zum Helden , immer Lys selbst , bis zum Sieg und Triumph der Liebe , worauf der Niedergang sich einleitete mit Gezänkszenen , Abenteuern der einseitigen oder gegenseitigen Untreue bis zur unvermeidlichen Trennung , die entweder mit einer jähen Verstoßung des scheinbar zerknirschten Helden oder mit einer komischen Gleichgültigkeit beider Teile vor sich ging . In diesem Verlaufe glänzte besonders eine Anzahl Einzelfiguren von schmollenden oder weinenden Schönen als wahre kleine Monumente des anmutig strengen Stiles . Eine entfesselte Haarflechte , eine Verschiebung der Gewänder an Schulter oder Fuß erhöhte stets den Eindruck der Bewegtheit , wie das zerrissen flatternde Segel eines Fahrzeuges von überstandenem Unwetter Kunde gibt . Es war nicht zu entscheiden , ob diese tragischen Situationen eine andächtig mitfühlende Hand geschildert oder ob eine leise Ironie ihren Teil daran hatte ; unbestritten dagegen strahlten die weiblichen Ehren einiger Wesen , welche auf der Höhe ihres Triumphes in mythologischen Gestaltungen verklärt wurden . Lys schlug so unbefangen ein Blatt nach dem andern um , als ob er ein Schmetterlingsbuch vorwiese , und nannte nur zuweilen den Namen einer der Schönen das ist die Teresa , das die Marietta , das war in Frascati , das in Florenz , das in Venedig ! Wir schauten ebenso erstaunt als sprachlos dem Umwenden der Blätter zu , auf welchen soviel Schönheit und Talent vorüberschwirrte , und nur Erikson legte zuweilen die Hand auf ein Blatt , um dasselbe einen Augenblick festzuhalten . » Ich muß gestehen « , sagte er endlich , » es ist mir nicht ganz begreiflich , wie man soviel Genie unterdrücken oder höchstens zu geheimen Allotria verwenden kann ! Wieviel Vergnügen vermöchten Sie zu verbreiten , wenn Sie all dies Können einem ernsten Zwecke zu gut kommen ließen ! « Lys zuckte die Achseln : » Genie ? Wo ist es ? Das ist eben die Frage ! Auch das wildeste Wesen dieses Geschlechtes muß fromm sein und einfältig wie ein Kind , wenn es allein ist und arbeitet . Mir fehlt vielleicht die Frommheit oder Frommkeit ; ich bin nie allein , sondern alle Hunde sind bei mir , mit denen ich gehetzt bin ! « Wir verstanden diese Worte , die zudem im Widerspruche mit der früheren Äußerung standen , daß man alles könne , nicht sonderlich wohl , und ich selber wußte vollends nicht , was ich von der ganzen Sache halten sollte . Ich fühlte mich zu dem hübschen , ruhigen , ja ernsten Manne hingezogen , während der Inhalt des Buches auf eine gewisse Art von Ruchlosigkeit deutete , die mancher wohl sich selber verzeihen mag , aber nicht an einem ernsthaften Freunde liebt . Es war etwas von jenem schrecklichen Prinzipe , das die beiden Geschlechter als zwei sich feindlich entgegenstehende Naturgewalten betrachtet , wo es heißt , Hammer oder Amboß sein , vernichten oder vernichtet werden , oder einfacher gesagt , wer sich nicht wehrt , den fressen die Wölfe . Inzwischen waren wir beim letzten der gezeichneten Blätter angelangt , auf welches noch einige leere folgten , und Lys wollte das Album rasch zuschlagen . Erikson hielt ihn jedoch auf und verlangte das letzte Bild genauer zu sehen ; denn alle bisher aufgetretenen Personen waren italienischen Ursprungs , jene aber offenbar von deutscher Art. Der Kopf war nicht , wie bei den andern , zuerst als Studie besonders gezeichnet , sondern es erschien gleich , als ob das Haupt nicht wohl abzusondern wäre , die ganze stehende Figur des schlanksten jungen Mädchens , dessen in großen Zöpfen aufgewundenes Haar so reich , daß das Haupt beinah zu schwanken schien , wie eine Nelke auf ihrem Stengel , obgleich der feingerundete Hals und Nacken nur aus natürlicher Anmut sich leise neigte . Außer zwei unschuldigen großen Sternenaugen war fast kein Inhalt in dem Gesicht , dessen zarte Züge kaum mit dem Silberstifte leicht genug anzudeuten waren , den der Zeichner dazu gewählt hatte . Desto sicherer und fester , immer zwar mit zarter Hand , wuchs die herb jungfräuliche Erscheinung durch die strengen Gewänderfalten ins Licht , an denen kein Strich zuviel und keiner zuwenig war . » Ei der Tausend ! « rief Erikson , » wo steht diese Blume ? « » Die steht hier in der Stadt ! « versetzte Lys , » ihr könnt sie gelegentlich sehen , wenn ihr brav seid ! « Ich jedoch , gerührt von der elementarischen Unschuld des Gebildes , rief unbedacht und flehentlich : » Der tun Sie aber kein Leid an , nicht wahr ? « » Oho « , sagte Lys lachend , indem er mir auf die Schulter klopfte , » was sollt ich ihr denn zuleid tun ? « Auch Erikson lachte , und somit brachen wir auf , unsern Abendgang in Begleitung des Niederländers anzutreten . Im Vorübergehen sahen wir die drei schönen Bilder wieder aufleuchten , ich für meine Person zum letzten Male ; denn ich bekam sie später nur in einer grauen Morgendämmerung nochmals zu Gesicht , als ich kaum darauf achten konnte . Wo sie seither geblieben sind , weiß ich nicht ; sie sind niemals an die Öffentlichkeit gelangt , und Lys selber hat sich in der Folge durch ein Schwanken seines Wesens von der Kunst abgewendet . Wenn es Sterne gibt , wie gesagt wird , welche man einen Augenblick lang deutlich hat schwanken sehen , warum sollte ein schwacher Mensch nicht von seiner Bahn abweichen ? Wir gingen nun zu dritt vom nördlichen Teile der Stadt an den Westrand hinüber , um da allmählich am Ufer des südwärts herkommenden Flusses eine behagliche Ruhstatt aufzusuchen . Unterwegs kamen wir an dem Hause vorbei , darin ich wohnte . » Halt ! « sagte Erikson , als wir andere vorübergehen wollten , » wir wollen bei diesem auch noch schnell nachsehen , was er schafft ! Die untergehende Sonne , die ihm grad in sein unpraktisches Fenster schaut , wird ihm zu Hilfe kommen , daß wir wenigstens etwas Farbe vor Augen haben ! « Zögernd und doch nicht ungern ging ich voran , das Zimmer zu öffnen , und sah allerdings meine ungeheuerlichen Schildereien im Abendrote stehen gleich einer brennenden Stadt , so daß wir alle drei hoch auflachten . Da waren zwei große Kartons , eine altdeutsche Auerochsenjagd in einem von Formen angefüllten gewaltigen Bergtale und ein germanischer Eichenwald mit Steinmälern , Heldengräbern und Opferaltären . Ich hatte die beiden Sachen mit großer Schilffeder auf die mächtigen Papierflächen gezeichnet und markig schraffiert , auch breite Schattenmassen mit grauer Wasserfarbe angelegt , darauf die Kartons mit Leimwasser überzogen und auf diesem Grund sodann mit Ölfarben lustig herumgewirtschaftet in der Weise , daß in den helldunklen durchsichtigen Teilen überall die Schilffederzeichnung durchblickte . Nicht eine einzige Naturstudie hatte ich dazu benutzt , sondern in meinem ungezügelten Schaffensdrang den ersten und letzten Strich frei erfunden , und da diese Art von Arbeit ebenso leicht als fröhlich vor sich ging , so sahen die zwei farbigen Kartons nach etwas aus , ohne daß viel davon zu sagen war . Denn ob ich auch imstande gewesen wäre , solche Bilder wirklich auszuführen , konnte man zunächst nicht wissen . Die acht Zoll großen Figuren hatte ich mir durch einen jungen Landsmann hineinzeichnen lassen , der als Schüler auf die Akademie ging und schon keck zu skizzieren verstand . Sie waren aber noch ungefärbt und trieben sich einstweilen als weiße Gespenster in den Wäldern herum . Hinter diesen Fahnen , von welchen die eine kulissenartig halb hinter der andern verborgen stand , ragte an der Wand eine dritte über sie hinaus , in gleicher Weise angelegt , aber noch ohne Farben . Eine von gewaltigen breiten Linden umgebene kleine Stadt baute sich zwischen den Stämmen und aus den Wipfeln heraus an einer Berglehne hinan , dicht gedrängt mit zahlreichen Türmen , Giebelhäusern , Wimpergen , Zinnen und Erkern . Man sah in die engen , krummen und mit Treppen verbundenen Gassen hinein , auf kleine Plätze , wo Brunnen standen , und durch die Glockenstuben des Münsters hindurch , hinter welchen die hellen Sommerwolken zogen , wie auch hinter den offenen Trinklauben , die sich in die Luft hinaus profilierten und Gesellschaften kleiner Männlein meiner eigenen Arbeit beherbergten . Ich hatte die merkwürdige Stadt mit Hilfe eines architektonischen Sammelwerkes zusammengebaut und die Formen der romanischen und gotischen Baustile in bunter Gruppierung und Übertreibung so gehäuft , wie kaum jemals vorkam , und dabei die Entstehungsweise chronologisch angedeutet , indem die Burg und die untern Teile der Kirche das höchste Alter in der Bauart zeigten . Der hochgerückte Horizont zog sich noch über die Linden weg und schloß ein weites Gelände ab , das Meierhöfe , Mühlen , Gehölze und in einem düstern Schattenwinkel das Hochgericht umzirkte . Vorn sollte aus dem offenen Tore eine mittelalterliche Hochzeit über die Fallbrücke kommen und sich mit einem einziehenden Fähnlein bewaffneter Stadtknechte kreuzen . Dies Figurengewimmel fügte ich mit erklärenden Worten hinzu , da einstweilen bloß der Platz dazu offen war . » Vortrefflich ! « sagte Lys , » eine gedachte Staffage , das ist das Leichteste und Duftigste , was es gibt ! Übrigens glüht Ihre Stadt in der verfluchten Himbeerbrühe dieses Abendrotes wie das brennende Troja ! Doch fällt mir ein Sie müssen alles aufgetürmte Mauerwerk aus rotem Sandstein bestehen lassen , das wird den kolossalen Bäumen gegenüber und in Verbindung mit den weißglänzenden Wolken einen eigentümlichen Effekt machen ! Doch was haben wir hier wieder ? « Er meinte einen gegen die Wand lehnenden kleinern Karton , der sich grau in grau als eine Darstellung meiner Heimatsgegend zur Zeit der Völkerwanderung auswies . Über die bekannten Landformen zogen sich Urwälder neben- und übereinander hin , zwischen deren Furchen ein ferner Heerbann sich bewegte ; auf einer Berghöhe rauchte ein römischer Wachtturm . Doch schon hatte Lys einen zweiten Entwurf umgedreht , eine sozusagen geologische Landschaft . Durch neuere Gebirgsarten , die sich schulgerecht unterscheiden lassen , ist ein kronenartiges Urgebirge gebrochen , welches mit jenen zusammen doch eine malerische Linie zu bilden sucht . Kein Baum oder Strauch belebt die harte öde Wildnis ; nur das Tageslicht bringt einiges Leben , das mit dem dunklen Schatten einer über dem höchsten Gipfel ruhenden Wetternacht ringt . Im Gestein aber beschäftigt sich Moses auf den Befehl Gottes mit der Herrichtung der Tafeln für die zehn Gebote , die zum zweiten Male aufgeschrieben werden sollen , nachdem die ersten Tafeln zerbrochen worden . Hinter dem riesigen Manne , der in tiefem Ernste über den Tafeln kniet , steht auf einem Granitstück , ohne daß er es ahnt , das prästabilierte Jesuskind , unbekleidet , und schaut , die Händchen auf dem Rücken , dem gewaltigen Steinmetzen ebenso ernsthaft zu . Ich hatte , weil es sich nur um einen ersten Entwurf handelte , die Figuren selbst erschaffen , so gut ich es vermocht , was sie der Epoche der Erdrevolutionen noch näherrückte . Da der Moses mit den Strahlenhörnern und das Kind mit der Glorie versehen waren , so erkannte Lys zu meiner Genugtuung sofort den Gegenstand , rief aber gleich darauf : » Da ist der Schlüssel ! Wir haben also einen Spiritualisten vor uns , einen , der die Welt aus dem Nichts hervorbringt ! Sie glauben wahrscheinlich heftig an Gott ? « » Allerdings « , sagte ich , neugierig zu wissen , wo er hinauswolle ; Erikson aber unterbrach uns , indem er zu Lys gewendet sagte : » Lieber Freund ! Plagen Sie sich doch nicht immer mit der Ausreutung des lieben Gottes ! Sie machen es sich wahrhaftig saurer als der ärgste Fanatiker mit der Einpflanzung desselben ! « » Ruhig , Indifferentist ! « versetzte Lys und fuhr fort : » Da haben wir ' s also ! Sie wollen sich nicht auf die Natur , sondern allein auf den Geist verlassen , weil der Geist Wunder tut und nicht arbeitet ! Der Spiritualismus ist diejenige Arbeitsscheu , welche aus Mangel an Einsicht und Gleichgewicht der Erfahrung hervorgeht und den Fleiß des wirklichen Lebens durch Wundertätigkeit ersetzen , aus Steinen Brot machen will , anstatt zu ackern , zu säen , das Wachstum der ihren abzuwarten , zu schneiden , zu dreschen , mahlen und backen . Das Herausspinnen einer fingierten , künstlichen , allegorischen Welt aus der Erfindungskraft , mit Umgehung der guten Natur , ist eben nichts anderes als jene Arbeitsscheu ; und wenn Romantiker und Allegoristen aller Art den ganzen Tag schreiben , dichten , malen und operieren , so ist dies alles nur Trägheit gegenüber derjenigen Tätigkeit , welche nichts anderes ist als das notwendige und gesetzliche Wachstum der Dinge . Alles Schaffen aus dem Notwendigen heraus ist Leben und Mühe , die sich selbst verzehren , wie im Blühen das Vergehen schon herannaht ; dies Erblühen ist die wahre Arbeit und der wahre Fleiß ; sogar eine simple Rose muß vom Morgen bis zum Abend tapfer dabeisein mit ihrem ganzen Korpus und hat zum Lohne das Welken . Dafür ist sie aber eine wahrhaftige Rose gewesen ! « Da ich ihn nur halb verstand , indem ich doch glaubte , gearbeitet zu haben , so sagte ich ihm dies . » Das geht so zu « , antwortete er : » Die geognostische Landschaft , die Sie darstellen wollen , haben Sie nie gesehen und werden sie , ich will wetten , auch niemals sehen . Dahinein setzen Sie zwei Figuren , mit denen Sie teils die Schöpfungsgeschichte und den Schöpfer feiern , teils aber ironisieren ; das ist ein gutes Epigramm , aber keine Malerei ; und endlich könnten Sie , wie man wohl sieht , die Figuren , wenigstens jetzt , gar nicht selbst ausführen , ihnen folglich nicht diejenige Bedeutung geben , die Sie sich geistreich denken ; folglich stehn Sie mit dem ganzen Handel in der Luft ; es ist ein Spiel und keine Arbeit ! Nun aber genug hievon , und lassen Sie sich sagen , daß ich meine Predigt nicht gegen Sie , sondern gegen die ganze Gattung richte ; denn an sich betrachtet , machen mir Ihre Sachen schon deswegen Vergnügen , weil sie einen Kontrast zu den meinigen bilden . Wir sind allzumal dualistische Tröpfe , wir mögen es anfangen , wie wir wollen . Was haben Sie hier für einen Schädel ? Der war nie präpariert , kommt also aus der Erde ? « Er deutete auf den Schädel des Albertus Zwiehan , der in einer Ecke am Boden lag . » Der gehörte auch einem Dualisten an in gewissem Sinne « , erwiderte ich und erzählte , indem wir fortgingen , mit einigen Worten die Geschichte von den zwei Weibern , zwischen denen jener hin- und hergezogen worden . » Ich sag es ja ! « lachte Lys , » nehmen wir uns in acht , daß wir nicht zwischen zwei Stühle fallen ! « Wir blieben bis tief in die Nacht alle drei beieinander und verabredeten , uns öfter zu treffen , was dann auch geschah , so daß wir bald gute Freunde und überall zusammen gesehen wurden . Zwölftes Kapitel Fremde Liebeshandel Die räumliche Entfernung unserer Heimatlande untereinander , indem sie im äußersten Norden , Westen und Süden des ehemaligen Reichsrandes liegen , verband uns mehr , als daß sie uns trennte . Alle drei von einem gleichen innern Zuge der gemeinsamen Abstammung beseelt und an den großen Binnenherd der Völkerfamilie gekommen , befanden wir uns in der Lage weitläufiger Vettern , die im Gedränge eines gastfreien Hauses unbeachtet die Köpfe zusammenstecken und sich Lob oder Tadel dessen , was ihnen gefiel oder mißfiel , gegenseitig anvertrauen . Wir hauen freilich schon ein und anderes Vorurteil mitgebracht , ohne unsere Schuld . Es war jene Zeit , da Deutschland von seinen dreißig oder vierzig Inhabern so eng sinnig und ungeschickt verwaltet wurde , daß Scharen von Vertriebenen jenseits der Grenzen umherzogen und die Fremden im Schmähen und Schelten gegen ihr Vaterland förmlich unterrichteten . Sie setzten Spottworte in Umlauf , welche den Nach baren bisher unbekannt gewesen waren und nur aus dem Innern des gescholtenen Landes kommen konnten , und da die Gaben der Selbstironie , deren Übertreibung das Phänomen am Ende war , außerhalb Deutschlands nur spärlich verstanden und geschätzt werden , so nahm der Fremde das Unwesen zuletzt für bare Münze und lernte es selbständig gebrauchen oder mißbrauchen , zumal man sich mit solchem Tun förmlich einschmeicheln konnte bei den Unglücklichen , die in ihrer Weltunkenntnis hievon Hilfe und Beistand erwarteten . Jeder von uns hatte dergleichen gehört und in sich aufgenommen . Mit der Zeit aber führte uns das vertraute Gespräch zu der Verständigung , daß die Ausgewanderten und die Daheimgebliebenen jederzeit verschiedene Leute seien und daß , um den Charakter eines Volkes recht zu kennen , man dasselbe bei sich und an seinem Herde aufsuchen müsse . Es sei geduldiger und darum auch besser als die Ausgeschiedenen und stehe daher nicht unter , sondern über ihnen , trotz des gegenteiligen Anscheines , den es schließlich immer zu vernichten wisse . Waren wir nun hierüber beruhigt , so plagte uns wieder ein anderes Übel , nämlich der Gegensatz zwischen den Südlichen und Nördlichen . Bei Völkerfamilien und Sprachgenossenschaften , welche zusammen ein Ganzes bilden sollen , ist es ein wahres Glück , wenn sie einander etwas aufzurücken und zu sticheln haben ; denn wie durch alle Welt und Natur bindet auch da die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit , und das Ungleiche und doch Verwandte hält besser zusammen . Das aber , was wir die Nord- und Südländer sich vorwerfen hörten , war gröblich beleidigend und lieblos , indem diese jenen Herz und Gemüt , jene diesen Geist und Verstand absprachen , und so unbegründet die Tradition war , gab es nur wenige tüchtige Personen beider Hälften , welche nicht daran glaubten . Oder jedenfalls zeigten nur wenige den Mut , die schlendrianischen Reden solcher Art zu unterbrechen , wenn sie unter den Ihrigen waren . Um für unser Bedürfnis den vermißten idealen Zustand herzustellen , gaben wir uns das Wort , jedesmal wenn der Fall eintrat , als Unparteiische aufzutreten , ob wir einzeln oder in Kompanie zugegen seien , und für den , wie wir glaubten , mißhandelten Teil einzustehen . Zuweilen gelang es uns , einige Verblüffung zu erregen oder gar eine wohlwollende Wendung hervorzurufen ; andere Male dagegen wurden wir selbst da- oder dorthin klassifiziert und je nach unserer Herkunft als einfältige Biederleute und Gemütsduseler oder als überkritische , geistreiche Hungerschlucker bezeichnet . Weil das aber uns keineswegs unglücklich machte , vielmehr unsere Heiterkeit wachrief , so wurde wenigstens der schneidende Ton der Unterhaltung gemildert und ein leidlicher Ausgleich zustande gebracht . Unser Mittleramt wurde aber eines Tages überflüssig und zugleich schönstens belohnt , als die ganze reichgeartete Künstlerschaft die kommende Faschingszeit zu feiern sich zusammentat , um in einem großen Schau- und Festzuge ein Bild untergegangener Herrlichkeit zu schaden , nicht mit Leinwand , Pinsel und Meißel , sondern mit Einsetzung der lebendigen Person . Es sollte das alte Nürnberg wiederauferweckt werden , wie es in beweglichen Menschengestalten sich darstellen konnte und wie es zu der Zeit war , als der letzte Ritter , Kaiser Maximilian , in ihm Festtage feierte und seinen besten Sohn , Albrecht Dürer , mit Ehren und Wappen bekleidete . In einem einzelnen Kopfe entstanden , wurde die Idee sogleich von achthundert Männern und Jünglingen , Kunstbeflissenen aller Grade , aufgenommen und als tüchtiger Handwerksstoff ausgearbeitet und ausgefeilt , als ob es gälte , ein Werk für die Nachwelt zu schaffen , und es erwuchs in der sachgerechten und allseitigen Vorbereitung eine Lust und Geselligkeit , welche wohl an Macht von der Freude des Festtages überboten wurde , in der Erinnerung jedoch ein lieblich heller Teil des Ganzen blieb . Der Festzug zerfiel in drei Hauptzüge , von denen der erste die nürnbergische Bürger- , Kunst- und Gewerbswelt , der zweite den Kaiser mit den Fürsten , Reichsrittern und Kriegsmännern und der dritte einen alten Mummenschanz umfaßte , wie er von der bedeutenden Reichsstadt dem gekrönten Gast vorgeführt wurde . In diesem letzten Teile , welcher recht eigentlich ein Traum im Traume genannt werden konnte , hatten wir dreie unsern Standort gewählt , um als verdoppelte Phantasiegebilde im Schattenbilde der Vergangenheit mitzuziehen . Der Ernst und die feierliche Pracht , womit die Unternehmung von vornherein angelegt war , hatten die Teilnahme des weiblichen Geschlechtes nicht ausgeschlossen ; Frauen , Töchter , Bräute der Künstler und deren Freundinnen aus den andern Ständen bereiteten demnach ihre festliche Umkleidung vor , und es gehörte nicht zu den geringsten Vorfreuden der Männer , an der Hand der alten Trachtenbücher das wichtige Geschäft zu leiten und darüber zu wachen , daß die Sammet- und Goldstoffe , die schweren Brokate und die duftigen Flore für die schlanken Gestalten richtig zugeschnitten und zusammengesetzt , die Haare in gehöriger Weise geflochten oder ausgebreitet wurden , die Federhüte , die Barette , Hauben und Häubchen aller Art Form und Stil bekamen und gut saßen . Zu diesen Beglückten zählten sich auch meine Freunde Erikson und Lys , von denen jeder in seiner Weise auf