, auf große gelbe Zettel gedruckten Straßenanschlag zu studieren . Er trat hinzu und las über die Köpfe der vor ihm Stehenden hinweg : » Seine Exzellenz der Herr Marschall , Commandant en chef des elften Armeecorps , ist benachrichtigt , daß zu Berlin viele Subalternoffiziere , auch Employés der Großen Armee angekommen sind , die ihre Corps , ohne dazu ermächtigt zu sein , verlassen haben . Seine Exzellenz befiehlt allen vorgenannten Personen , die Stadt zu verlassen , widrigenfalls alle diejenigen , die diesem Befehl nicht genügt haben , durch die Gendarmerie verhaftet , ihre Namen aber dem Herrn Kriegsminister notifiziert werden sollen . Alle Gastwirte sind angewiesen , keine der in nachstehender Ordre bezeichneten Offiziers bei sich aufzunehmen , und werden im Betretungsfalle in eine näher zu bestimmende Geldstrafe genommen werden . Gez . Augereau , Herzog von Castiglione . « Dieser Straßenanschlag , mehr noch als das neunundzwanzigste Bulletin , das in den Weihnachtstagen erschienen war , enthielt das Zugeständnis einer vollkommenen Auflösung der Großen Armee ; die Disziplin war hin und mit ihr das zusammenhaltende Band . Jeder , der die Bekanntmachung las , empfing diesen Eindruck und ließ es nach Berliner Art nicht an spitzen Bemerkungen fehlen . » Employés und Subalternoffiziere ! Von den Generälen ist keine Rede « , sagte der eine ; » und von den Marschällen erst recht nicht « , fügte ein anderer hinzu . » Gewiß nicht ; eine Krähe kratzt der andern die Augen nicht aus . « So ging es hin und her , und dazwischen die mehr als einmal wiederholte Versicherung , daß die Berliner Gastwirte keine französischen Polizeibeamten wären . Lewin löste sich bald aus dem Menschenknäuel heraus und traf in der Nähe der Stechbahn ein paar Kommilitonen , die sich leicht bereden ließen , ein Kolleg zu opfern und an einem Spaziergange nach Charlottenburg teilzunehmen . Es war ein Marwitz und ein Löschebrand , Landsleute und alte Bekannte schon von den Schulbänken des Grauen Klosters her . Sie schritten erst die Linden , dann die große Chaussee hinunter auf das » Türkische Zelt « zu , wo sie , da zwölf Uhr mittlerweile herangekommen war , ein Dejeuner bestellten . Unter lebhaftem Geplauder , das sich abwechselnd um Yorck und das Augereausche Plakat , um Spontinis » Vestalin « und die Konfirmation des Kronprinzen drehte , wurde Lewin der Verstimmungen Herr , die der Vormittag mit sich gebracht hatte , und sah sich nur flüchtig wieder daran erinnert , als er , beim Herausnehmen seiner Brieftasche , das seiner Form und Farbe nach einigermaßen auffällige Billet Kathinkas zur Erde fallen ließ . » Ei , Vitzewitz « , sagte Löschebrand , » ein Billet doux ! Immer neue Seiten , die wir an ihm kennenlernen ; nicht wahr , Marwitz ? « Dieser bestätigte , und im nächsten Augenblicke war der Zwischenfall vergessen . Es mochte vier Uhr sein oder nur wenig später , als Lewin wieder in den Flur seines Hauses trat und sich an dem alten , längst spiegelglatt gewordenen Treppengeländer die halbweggelaufenen Stufen hinauffühlte . Er fand oben einen Brief vor , in dessen Aufschrift er , trotz des schon herrschenden Halbdunkels , leicht die Hand seines Vaters erkennen konnte . Die Scheiben glühten noch im Abendrot . Er trat deshalb an das Fenster und las : » Hohen-Vietz , den 20. Januar Lieber Lewin ! Das Hohen-Vietzer Ereignis der vorigen Woche hat Dir Renate mitgeteilt , und Deiner umgehenden Antwort hab ich entnehmen können , daß Du das Unglück , denn ein solches bleibt es , mit derselben geteilten Empfindung ansiehst wie wir alle . Eine niedergebrannte Scheune des Wirtschaftshofes und nun ein in Asche gelegter Flügel des Herrenhauses gewähren freilich keinen erfreulichen Anblick , am wenigsten den der Ordnung : aber sind es denn Zeiten der Ordnung überhaupt , in denen wir leben ? Und so stimmen die Brandstätten zu allem übrigen . Nichts mehr davon . Es steht mehr auf dem Spiel als das . Unsere Organisation ist beendet . Ich sehe Drosselstein , der mehr Eifer entfaltet , als ich bei seiner reservierten Natur erwarten konnte , beinahe täglich , ebenso Bamme , mit dem ich mich auszusöhnen beginne . Er ist Feuer und Flamme , und seinen beleidigenden Zynismus , von dem er auch jetzt nicht läßt , paart er mit einer Selbstsuchtslosigkeit , ja , ich muß es sagen , mit einer gelegentlichen Höhe der Gesinnung , die mich in Erstaunen setzt . Nächst ihm ist Othegraven der tätigste . Er hat einen großen Einfluß unter den Bürgern , und die Schüler der beiden oberen Klassen hängen an jedem seiner Worte . Das Pedantische , das ihm sonst eigen ist , hat er entweder abgestreift , oder , weil es in einem starken Glauben an sich selber wurzelt , unterstützt es wohl gar die Wirkung seines Auftretens . Wenn ich sagte , unsere Organisation sei beendet , so hatte ich dabei nur unser Barnim und Lebus im Auge ; an anderen Orten fehlt noch manches , so namentlich in den durch ihre Lage so wichtigen Dörfern jenseits der Oder . Wir diesseits haben eine Landsturmbrigade gebildet , vier Bataillone , die sich nach ebenso vielen Städten unserer beiden Kreise benennen : Bernau , Freienwalde , Müncheberg und Lebus . Die Ordre de bataille des letzteren wird Dich am meisten interessieren , weshalb ich sie hier folgen lasse : Landsturmbataillon Lebus 1. Compagnie Hohen-Ziesar : Graf Drosselstein 2. Compagnie Alt-Medewitz-Protzhagen : Hauptmann von Rutze 3. Compagnie Hohen-Vietz : Major von Vitzewitz 4. Compagnie Neu-Lietzen-Dolgelin : ( Vacat ) . Nach dem Prinzip , das Du hierin erkennen wirst - Bamme hat das Kommando der Brigade übernommen - , verfahren wir überall . An Offizieren ist noch Mangel , weil die Zahl derer , die nur mit Wind von oben segeln können , auch bei uns überwiegt . In zehn oder zwölf Tagen muß trotz alledem alles schlagfertig sein , auch da , wo man am meisten zurück ist . Dies ist in gewissem Sinne zu spät , um so mehr , als es für das , was ich in den Weihnachtstagen vorhatte , auch heute schon zu spät sein würde . Die gesamte französische Generalität , wie mir Othegraven aus Frankfurt und Krach , der in Küstrin war , von dorther schreibt , ist glücklich über die Oder . In Zobelpelzen und mit immer erneutem Vorspann , an dem es unsere Dienstbeflissenen nicht haben fehlen lassen , sind sie dem Kaiser , der ihnen das Beispiel gab , gefolgt . Der Nachteil , der uns daraus erwächst , ist unberechenbar ; die Beseitigung der Generäle , so oder so ( von diesem Satze geh ich nicht ab ) , war eben wichtiger , als es die Beseitigung der Armeereste je werden kann . Vieles ist versäumt , unwiederbringlich verloren . Unsere Politik des Abwartens ist daran schuld . Aber eben dieses Abwarten , das uns so vieles versäumen ließ , hat uns vor ebenso vielem bewahrt , und wenn nun schließlich zwischen guten und schlimmen Folgen abgewogen werden soll , so ist es möglich oder - ich zögere nicht , dies Zugeständnis zu machen - selbst sehr wahrscheinlich , daß sich die Waage nach der guten Seite hin neigt . Vor drei Wochen glaubte ich , daß es ohne den König geschehen müsse , jetzt weiß ich , und gesegnet sei dieser Wandel der Dinge , daß es mit ihm geschehen wird . Wir werden einen Krieg haben nach alten preußischen Traditionen . Ich wäre vor einem Volkskriege nicht erschrocken , denn erst das Land und dann der Thron , aber wie unser märkisches Sprichwort sagt : Besser ist besser . Ja , Lewin , ein Wandel der Dinge , an den ich nicht mehr zu glauben wagte , er ist da , und die nächsten Tage schon werden ihn der Welt verkünden . Leicht möglich , daß , wenn Du diese Zeilen erhältst , der erste der beabsichtigten Schritte bereits geschehen ist . Und nun höre . Der Hof verläßt Potsdam und geht nach Breslau . Dieser Schritt ist wichtiger , als Du ermessen kannst . Was ihn veranlaßt hat , darüber gehen nur Gerüchte . Es heißt , daß Napoleon beabsichtigt habe , sich des Königs zu bemächtigen und ihn als Geisel , als Gewähr für die friedliche Haltung des Landes , auf eine französische Festung abführen zu lassen . Ich untersuche nicht , wieviel Wahres oder Falsches an diesem Gerüchte ist , es genügt , daß ihm der König Glauben geschenkt hat . Unmittelbar nach der Konfirmation des Kronprinzen , die heute stattfindet , wird der Aufbruch erfolgen . Es geht in fünf Etappen ; das Regiment Garde wird diese Übersiedelung begleiten oder decken . Breslau , Schlesien sind gut gewählt ; die Provinz ist die einzige , die keine französische Besatzung hat , und Österreich , auf das wir rechnen , ist nahe . Und nun höre weiter ! Auf den 26. ist das Eintreffen des Königs in Breslau festgesetzt ; eine Woche später wird er sein Volk zu den Waffen rufen . Der Entwurf zu diesem Aufruf ist in meinen Händen gewesen ; er spricht die Sprache , die jetzt gesprochen werden muß , und es ist nur eins , was ihm fehlt : der Feind wird nicht genannt . Aber , Gott sei Dank , es bedarf dessen nicht mehr . Yorcks zum Schein verworfene , aber , wie ich jetzt mit Bestimmtheit weiß , in allen Stücken gebilligte Kapitulation , dazu der wahrscheinlich morgen schon stattfindende Aufbruch des Hofes , um sich den Launen eines unberechenbaren Bundesgenossen zu entziehen , alles das läßt keinen Zweifel darüber , wem es gilt . Und in die leere Luft verhallen wird dieser Aufruf nicht . Ich kenne unser Volk . Es ist wert , daß es besteht , und es wird sich für sein Bestehen einsetzen . Das ist alles , was es kann . Keiner hat mehr als sich selbst . Wir haben viele Fehler , aber auch viele Vorzüge ; es trifft sich , daß wir den Gegensatz von schwarz und weiß nicht bloß in unseren Farben haben . Der Sinn fürs Ganze ist seit des großen Königs Tagen in uns lebendig geworden , und sehen wir das Ganze hinschwinden , so schwindet uns auch die Lust an der eigenen Existenz . Denk an den alten Major , der am Tage nach Kunersdorf in unserer Hohen-Vietzer Kirche verblutete . Sein Blutfleck erzählt von ihm bis diesen Tag . Er dachte , daß Preußens letzte Stunde gekommen sei ; ich will sterben , Kinder , rief er , als sie ihn niederlegten , und riß sich den Verband von seiner Wunde . Und solcher leben noch viele bei uns ! Im übrigen , wir werden einen ordentlichen Krieg haben , Lewin , und ordentliche Fahnen . Hörst Du : ordentliche , preußische , königliche Fahnen . Du sollst mit mir zufrieden sein . Bin ich doch mehr in Dein Lager übergegangen als Du in das meine . Schreibe bald ; noch besser , komm ! Alles grüßt : die Schorlemmer , Renate , Marie . Selbst Hektor , der mich groß ansieht und zärtlich winselt , scheint sich melden zu wollen . Wie immer Dein alter Papa B. v. V. « Vierzehntes Kapitel Kleiner Zirkel Die Einladung zu Ladalinskis hatte auf sechs Uhr gelautet ; der alte Geheimrat , wenn er es vermeiden konnte , liebte nicht die späten Zusammenkünfte . So war es denn hohe Zeit für Lewin , sich zu rüsten . Und er tat es ; aber nicht in bester Laune . Immer wieder bestürmte ihn die seit Stunden vergebens zurückgedrängte Frage , was Kathinka mit ihrer zweiten , so rätselvoll zugespitzten Einladung eigentlich bezweckt habe , und immer wieder lautete die Antwort : » Kokettes Spiel ! Sie bedarf meiner ; ich bin ihr wertlos und wertvoll zugleich ; sie hält mich wie den Vogel am Faden und gefällt sich darin , den Faden nicht aus der Hand zu lassen . « Das war der Grundton in seiner Betrachtung , in der nur leise Hoffnungsstimmen mitklangen . Es schlug eben sieben vom Marien- und gleich darauf auch vom Nikolaiturm , als unser Freund in das Ladalinskische Haus eintrat . Die Gesellschaft war schon versammelt , und zwar in dem uns bekannten kleinen Damenzimmer , das heute , wo statt der rotdämmerigen Ampel eine große und helle Astrallampe brannte , um vieles heiterer wirkte als an jenem Ballabend , der nur zwei große Momente gehabt hatte : die Mazurka und die Nachricht von der Kapitulation . Kathinka , trotzdem sie beim Eintreten Lewins in einer intimen Flüsterunterhaltung mit der schönen Matuschka war , begrüßte den wie gewöhnlich um eine Stunde zu spät Kommenden mit ebensoviel Unbefangenheit wie Freundlichkeit , und während dieser einen Stuhl nahm , um in den aus Tubal , Bninski , Jürgaß und dem alten Ladalinski gebildeten Halbkreis einzurücken , unterließ sie nicht , über das » Zuspätkommen « der Poeten zu spötteln , das übrigens nicht wundernehmen könne , da die Unpünktlichkeit die Schwester der » Vergeßlichkeit « sei . Dem letzteren Wort gab sie nicht nur einen verstärkten Ton , sondern auch einen besondern Vertraulichkeitsausdruck , als ob sie sich dadurch noch einmal zu dem ganzen Inhalt ihres Vormittagsbillets , das mit einem leisen Vorwurf über seine » Vergeßlichkeiten « geschlossen hatte , habe bekennen wollen . Er seinerseits unterließ jede Antwort darauf , entweder weil ihn das Spiel verdroß oder weil er in eben diesem Augenblicke , vom Sofa her , die beiden großen Kristallgläser der alten , auch heute wieder neben dem Fräulein von Bischofswerder sitzenden Oberhofmeisterin-Exzellenz scharf auf sich gerichtet fühlte , doppelt scharf und böse , weil er sie durch sein verspätetes Eintreffen in einem begonnenen Vortrag unterbrochen hatte . Voll Verlangen , sie , wenn irgend möglich , wieder zu versöhnen , erhob er sich von seinem Stuhl , auf dem er kaum erst Platz genommen hatte , um in etwas wirren Worten eine Entschuldigung zu versuchen ; die alte Exzellenz schlug aber mit unverkennbar absichtlichem Geräusch ihre Lorgnette zusammen und lächelte hochmütig , wie um auszudrücken , daß Schweigen und Dulden um vieles schicklicher gewesen sein würde , und fuhr dann , an der Bischofswerder rücksichtslos vorbeisprechend , in ihren Mitteilungen mit schnarrender Stimme fort : » Ich wiederhole Ihnen , lieber Ladalinski , daß Seine Majestät morgen mit dem frühesten Potsdam verlassen werden . Das nächste Nachtquartier wird in Beeskow genommen , einer kleinen Stadt , die besser ist als ihr Ruf ; sie hat ein ehemalig bischöfliches Schloß . Die Garden begleiten den König . Tippelskirch hat an Kessels Stelle das Kommando übernommen . Kessel bleibt in Potsdam . Seine Majestät gedenken am 26. in Breslau einzutreffen . « » Ich empfing eben eine gleichlautende Nachricht von meinem Vater aus Hohen-Vietz « , bemerkte der in seiner Verlegenheit abermals fehlgreifende Lewin und mußte sich - da Blicke wirkungslos bleiben zu sollen schienen - nunmehr eine direkte Reprimande von seiten der alten Gräfin-Exzellenz gefallen lassen . » Es ist nicht Art der preußischen Oberhofmeisterinnen « , erwiderte dieselbe spitz , » Nachrichten über Seine Majestät den König in Umlauf zu setzen , die noch der Bestätigung bedürfen . Es freut mich indessen , Ihren Herrn Vater so gut unterrichtet zu sehen . Ich bitte , mich ihm bei nächster Gelegenheit in Erinnerung bringen zu wollen . Seine Schwiegermutter , die Generalin von Dumoulin , war eine Jugendfreundin von mir . « Lewin , der nicht wußte , was er aus diesen Worten machen sollte , in denen sich neben aller Überhebung doch auch wieder ein leiser Anflug von Teilnahme aussprach , hielt es für das geratenste , alles Unliebsame darin zu überhören , und verbeugte sich artig gegen die alte Gräfin , während diese mit Wichtigkeit fortfuhr : » Augereau hat strikten Befehl , sich in bestimmt vorgezeichneten Fällen , namentlich im Fall eines Aufstandes , der Person des Königs zu bemächtigen , und Seine Majestät , die seit länger als drei Wochen von diesem strikten Befehle weiß , würde sich der drohenden Gefahr schon früher entzogen haben , wenn nicht der Wunsch vorgeherrscht hätte , die bevorstehende Konfirmation des Kronprinzen , die nun gestern , wie wir alle wissen , wirklich stattgefunden hat , abzuwarten . Übrigens haben Seine Königliche Hoheit , was Ihnen , lieber Geheimrat , trotz Ihrer Anwesenheit bei der Feier entgangen sein dürfte , zur Erinnerung an diesen hochwichtigen Tag , aus den Händen Seiner Majestät einen kostbaren Ring erhalten . « » Sans doute « , bemerkte Bninski . » Sans doute ? « wiederholte fragend und gedehnt die alte Oberhofmeisterin , der der spöttische Ton in der hingeworfenen Bemerkung des Grafen nicht entgangen war . » Warum sans doute , Graf Bninski ? « » Weil der Ring « , erwiderte dieser , » das Zeichen ewiger und unverbrüchlicher Treue ist und eine Feier in diesem Lande , am wenigsten eine kirchliche , ohne dieses Zeichen nicht wohl gedacht werden kann . « Der Geheimrat rückte verlegen hin und her . Es war ihm im höchsten Maße peinlich , in seinem Hause , noch dazu in Gegenwart zweier Damen vom Hofe , Worte fallen zu hören , deren ironische Bedeutung trotz des Ernstes , mit dem sie vorgetragen wurden , niemandem entgehen konnte . Er sah deshalb zu dem Grafen hinüber , ersichtlich bemüht , diesen , wenn nicht zu einem Wechsel des Gesprächs , so doch wenigstens zu einem Wechsel des Tones zu veranlassen . Bninski aber ignorierte diese Bemühungen und fuhr in demselben Tone fort : » Es zählt dies zu den Eigentümlichkeiten deutscher Nation . Immer ein feierliches In-Eid-und-Pflicht-Nehmen , dazu dann ein entsprechendes Symbol , und ich darf sagen , ich würde überrascht sein , wenn dem kostbaren Ringe , den Seine Königliche Hoheit aus den Händen des Königs , seines Vaters , empfangen hat , nicht noch eine direkte Aufforderung zum Treuehalten , entweder in Form einer eingravierten Devise oder eines Bibelspruchs , beigegeben sein sollte . Etwa : Sei getreu bis in den Tod , oder dem ähnliches . « Die alte Gräfin preßte die Lippen zusammen . Es war ersichtlich , daß sie schwankte , in welcher Art sie replizieren solle ; aber sich rasch für eine versöhnliche Haltung entscheidend , sagte sie mit erzwungener guter Laune : » Ich sehe , Graf , daß Sie von dem Ringe wissen . Wenn durch Inspiration , so beglückwünsche ich Sie und uns . Der innere Rand trägt allerdings die Umschrift : Offenbarung Johannis 2. V. 10. In diesem Punkte haben Sie recht behalten ; aber nicht darin , daß dieser Konfirmationsring eine Hof- oder Landessitte sei . Im Gegenteil ; es ist der erste Fall der Art. « » So wird es Sitte werden . Gute Beispiele pflegen einen fruchtbaren Boden in dem loyalen Sinn des Volkes zu finden . « Sehr wahrscheinlich , daß die fortgesetzten Sarkasmen Bninskis doch schließlich alle friedlichen Entschlüsse der Oberhofmeisterin , die fast ebenso heftig wie hochfahrend war , in ihr Gegenteil verkehrt hätten , wenn nicht in diesem Augenblicke Kathinka ihr bis dahin mit der schönen Matuschka geführtes Gespräch abgebrochen und zwei Tabourets , für sich und ihren Plauder-Partner , in den Halbkreis , zwischen Lewin und Bninski , hineingeschoben hätte . » Welche Blasphemien , Graf ! « wandte sich Kathinka an diesen . » Sollte man doch meinen , wenn man den Ton Ihrer Worte vor Gericht stellen könnte , daß Sie geneigt seien , den Ring für ein überflüssiges Ding in der Weltgeschichte zu halten . Aber darin irren Sie . Nichts ohne Ring . Nicht wahr , Herr von Jürgaß ? « » Sans doute « , sagte dieser , der , ohne Furcht , dadurch anzustoßen , das fast zum Zankapfel gewordene Wort wiederholen durfte . » Ich stimme Fräulein Kathinka bei : nichts ohne Ring ! Um ihn dreht sich alles in Leben , Sage , Geschichte ; der liebste war mir immer der des Polykrates , denn ich schätze Leute , die Glück haben . Nun haben wir auch noch die Ballade dazu . Mit Hilfe eines Ringes vermählte sich der Bischof seiner Kirche , der Doge dem Meere und selbst Heinrich VIII. seinen sechs Frauen , dieser geniale Hazardeur mit dem six-le-va . Beiläufig , eine Kollektivausstellung seiner sechs Trauringe müßte zu sonderbaren Betrachtungen führen . « » O nichts von diesem König Oger , der es vergessen zu haben schien , daß unschuldige Frauen auch eines natürlichen Todes sterben können . « » Aber Anne Bulen , meine Gnädigste , war überführt . « » Ach , ich bitte Sie , Jürgaß , haben Sie je von einer überführten Frau gehört ? Ich glaube gar , Sie wollen ernsthaft seinen Verteidiger machen ; da hätt ich Sie doch für galanter gehalten . Erzählen Sie mir lieber von besseren Ringen als von den sechs Trauringen König Heinrichs . « » Dann kann ich nur noch von den drei Ringen der Puttkamers erzählen . « » Sie scherzen . Von den Tudors auf die Puttkamers ! Das ist denn doch ein Sprung . Im übrigen bin ich neugierig genug . Was ist es damit ? Aber es muß etwas Heiteres sein . « » Ich weiß nicht . Es beginnt gleich damit , daß diese drei Ringe nur noch zwei sind . Und diese zwei sind wieder unsichtbar . « » Oh , das ist ein guter Anfang ; etwas gespenstisch . Aber wir haben ja noch früh . Also nur weiter . « » Nun gut . Es waren also drei Ringe , die die Wichtelmännchen oder die kleinen Leute oder die Unterirdischen den Puttkamers zum Geschenke machten , vor langen , langen Jahren , als Pommern eben fertig geworden war . « » Wann war das ? « » Sagen wir hundert Jahre nach Fertigwerdung der Mark ; diese Differenz müssen Sie meinem Lokalpatriotismus zugute halten . Also die Puttkamers hatten ihre drei Ringe , die sie , so hatten die Wichtelmännchen gesprochen , wahren und in Ehren halten sollten , das würde dem Hause Glück und Segen bringen Und es kam auch Segen ins Haus , namentlich an Kindern , bis plötzlich , niemand weiß wie , der eine Ring verlorenging und der Segen sich minderte . « » Ah ! « sagte Tubal . » Sie sagen Ah und atmen auf « , fuhr Jürgaß fort . » Die Puttkamers aber mochten auf den Segen nicht verzichten . Und weil sie sichergehen wollten , so baute der reichste von ihnen ein schönes Schloß , und in den Schloßturm hinein , da wo die Wände am dicksten sind , vermauerte er die beiden verbliebenen Ringe . Und da sind sie noch und bergen , wie sich selbst , so auch das Glück des Hauses . « Das Fräulein von Bischofswerder , das bis dahin steif und unbeweglich auf dem Sofaplatz gesessen hatte , hatte , während Jürgaß sprach , immer lebhafter und zustimmender ihr Kinn an den Hals gedrückt . Jetzt nahm sie das Wort . » Auch wir hatten einen solchen Ring « , sagte sie , » der der Sage nach das Glück der Familie begründen sollte . « » Und es wohl auch begründet hat « , unterbrach die alte Exzellenz . » Es war , denk ich , der Geisterring Ihres Herrn Vaters , der die Lebendigen einschläferte und die Toten zitierte . « » Gewiß « , erwiderte die Bischofswerder , die bei diesem Hohn ihre sonstige Devotion hinschwinden fühlte , » gewiß , Exzellenz . Und unter diesen Toten befanden sich ganze Familien , die ohne den Ring meines Vaters immer tot geblieben wären . Ist nicht die Dankbarkeit auch eine deutsche Tugend , Graf Bninski ? « Dieser , einigermaßen überrascht , von so unerwarteter Seite her seine Ketzereien unterstützt zu sehen , verbeugte sich gegen die Bischofswerder , während der Geheimrat , von dem Gedanken geängstigt , die kaum erst überstandene Gefahr in neuer Gestalt heraufziehen zu sehen , sich mit der Frage an Lewin wandte : » Was war es doch , Lewin , mit dem Bredowschen Erbringe , von dem du mir vor Weihnachten erzähltest ? Nur der Eindruck ist mir geblieben . Ich hört es gerne noch einmal . Exzellenz Reale wird es gestatten , und Kathinka , die so lebhaft für Ringe plädiert , muß dir dankbar sein , etwas zur Verherrlichung ihres Themas zu hören . « » Gewiß « , bemerkte diese , » ich würde schon dankbar sein , unseren schweigsamen Freund sich überhaupt an unserem Gespräche beteiligen zu sehen , doppelt , wenn es in Verteidigung des Ringes und seiner welthistorischen Mission geschieht . Denn jedes Ding braucht seinen Mann , und ich wüßte nicht , was besser zusammenpaßte als ein Ring und Vetter Lewin . Vor allem , wenn es ein Trauring ist . Es ist ein stiller , natürlicher Bund zwischen beiden , und es ließe sich ein Märchen darüber schreiben ; ja ich glaube , ich könnte es , unpoetisch wie ich bin . Ich würde den Trauring als einen kleinen runden , in seiner Mitte ausgehöhlten König auffassen , der alle guten Leute beherrscht , die Ehrbaren und die Tugendsamen . Und an den Stufen seines Thrones stände sein erster Minister , als ehrbarster und tugendsamster , und er hieße Lewin . « Lewin wurde blaß und rot , faßte sich aber rasch und sagte ruhig : » Nach einer Charakterschilderung wie dieser werd ich mich freilich der an mich ergangenen Aufforderung nicht entziehen können , um so weniger , als es von König Pharaos Tagen her zu den Aufgaben und Vorrechten eines Tugendministers gehört , Träume zu deuten und Geschichten zu erzählen . Und so beginn ich denn : Es war also wirklich ein Erbring , breit und mit allerhand Zeichen , und eine junge Frau von Bredow , deren Eheherr , Josua von Bredow , Rittmeister und Amtshauptmann von Lehnin war , trug ihn am Ringfinger der linken Hand . Den Winter über lebte das junge Paar in der kleinen Perleberger Garnison , wenn aber der Mai kam , gingen sie , wie sich ' s gebührte , nach Lehnin , um in dem geräumigen Abthause , dem einzigen , das aus alten Klostertagen her noch geblieben war , ihre amtshauptmannschaftliche Wohnung und zugleich auch eine Sommerfrische zu nehmen . Das waren dann glückliche Wochen , und sie fuhren nach Plessow , Göttin , Rekahne , um die verschiedenen Rochows , und ebenso nach Groß-Kreuz , um den alten Herrn von Arnstedt zu besuchen , ihr liebstes aber blieb doch immer , an dem schönen Klostersee spazierenzugehn , besonders , wo zwischen Brombeer- und Haselsträuchern hin der Weg über die dicht in Blumen stehende Wiese läuft . « » Wie hübsch « , sagte Kathinka . » Ich hätte mit von der Partie sein mögen . « » Und eines Abends « , fuhr Lewin fort , » machten sie wieder ihren Spaziergang , und weil gerade die Hagerosen blühten , wandelte die junge Frau die Lust an , eine derselben zu pflücken . Sie drückte deshalb , um die Rose leichter abreißen zu können , einen dicht umherstehenden Haselstrauch beiseite , aber im selben Augenblicke , wo sie die Linke nach der Rose hin ausstreckte , schlug die stärkste der Haselruten wieder zurück und streifte ihr den Ring vom Finger . Sie sah den goldenen Bogen , den er in der Luft beschrieb , und wie er dann auf den Wiesenstreifen dicht hinter der Hecke niederfiel . Ein leiser Schrei kam über ihre Lippen ; dann teilten beide sorglich die Hecke , bückten sich und begannen zu suchen . Sie suchten noch , als schon die Mondsichel am stillen Abendhimmel stand ; sie suchten in der Frühe des Morgens und als es Mittag war . Aber umsonst , der Ring war fort . Du wolltest mit von der Partie sein , Kathinka ; vielleicht daß deine glückliche Hand ihn gefunden hätte . « » Keine Diversionen « , lachte diese . » Die Geschichte , die Geschichte . « » Und mit dem Ringe war das Glück des jungen Paares dahin ; nicht langsam und allmählich , sondern unmittelbar . Du hättest vorsichtiger sein sollen , sagte der Eheherr im Tone des Vorwurfs , und mit diesem Worte war es geschehen . Aus dem ersten Vorwurf wurde der erste Streit , und alles , was den Frieden eines Hauses stören kann , brach in Jahresfrist herein : Krankheit und Kränkung , Mißernten und Eifersucht . « » Auch Eifersucht ? Nicht doch . Du darfst deine Helden nicht mutwillig um die Gunst deiner Hörer bringen . « » Nur um sie neu zu gewinnen . Allerdings erst für spätere Zeiten . « » Dann überschlage , was zwischenliegt . « » So wollt ich auch . Die silberne Hochzeit war endlich nahe , und Josua von Bredow , der längst den Dienst quittiert und sich auf seine Amtshauptmannschaft in die Lehniner Einsamkeit zurückgezogen hatte , dachte trotz manchen Unfriedens , der nach wie vor in seinem Hause herrschte , den Tag zu feiern . Es waren doch immer fünfundzwanzig Jahre ! Er hatte deshalb einen großen Bogen Papier vor sich und schrieb eben die Namen derer auf , die zu dem Tage geladen werden sollten , als ihm Frau von Bredow , die trotz ihrer fünfundvierzig immer noch eine hübsche und stattliche Frau war , über die Schulter sah und auf das bestimmteste forderte , daß der alte Arnstedt , der sich auf dem letzten Potsdamer Ball ungebührlich benommen habe , gestrichen werden sollte . Eine Szene schien unvermeidlich . Da trat in großer Aufregung die Wirtschafterin ins Zimmer und sagte : Gnädiger Herr , da is er ; die alte Holtzendorffen