. Zwischen den Gräbern der Mütter stand wie bei seinem ersten Scheiden aus der Heimat Lydia . Sie haben kein Wort gesprochen , aber Auge in Auge haben sie eine lange Weile die Hände ineinander gehalten . Die Treue im Wandel ! Als Dezimus sein Bataillon , das zu dem Korps in den Marken gezogen worden war , erreichte , hatte es eben den Befehl erhalten , in die Herzogtümer einzurücken . Die Mannesstufe Beim Sturm auf das Danewerk wurde Dezimus durch den Arm geschossen , was nicht leicht von einem Menschen für einen besonders glückhaften Aufschritt zur Mannesstufe erachtet werden wird und von ihm selber am wenigsten dafür erachtet worden ist , während , mit den Augen des Historikers , will sagen des Biographen angesehen , es immerhin eine Schicksalsgunst genannt werden muß , wenn einer , der als loyaler Waffenträger gute Miene zum bösen Spiel zu machen hat , das klägliche Ende eines braven Anfangs , zu welchem er selber , soviel an ihm war , mitgewirkt , hinter der Bühne erleben darf . Alles , was Politik heißt , gehört indessen nicht zu der Geschichte eines Glücklichen jener Zeit . Allseitig wird dahingegen es als ein Treffer anerkannt werden , daß zu den akademischen Kommilitonen , die mit ihm unter die Fahne gerufen worden waren , auch Peter Kurze als freiwilliger Assistenzarzt seines Bataillons gehörte und daß dieser treue Kumpan es war , welcher den Verwundeten nach einem rückwärts gelegenen Lazarett geleitete und ihn allda der Pflege eines nicht minder treuen und geschickten Kumpans überantwortete , der nämlich Bruder Friedens , des timiden Amerikaners . Der arme Pechvogel war das Fieber nicht rechtzeitig los geworden , um als » Bursche « zugleich mit dem lieben Junkerchen , an das er sein ganzes gutes Herz gehängt hatte , in das Feld zu rücken . Sobald » die Laune « aber einen Tag über den gewohnten Termin ausgesetzt hatte , rückte er seinem lieben Junkerchen nach . Schon während der Überfahrt stellte der Schütteldämon sich indessen wieder ein ; mühsam und langsam schleppte er sich voran , und da war es denn wieder einmal Bruder Dezems Johannisstern , der auch dem armen Pechfriede zugute kam . Denn schauernd und klappernd , weiß wie eine Wand , seines Endes gewärtig , hockte er am Chausseegraben , als das Bataillon der Universitätsstadt , den Flügelmann Frey an der Spitze , und mit ihm Hülfe in der Not , die Straße dahergezogen kam . Freund Peter Kurze erbarmte sich des armen Teufels mit einer gehörigen Dosis Chinin , steckte ihn auf einem Trainkarren unter und erzielte an dem ersten Patienten seiner militärischen Praxis einen seiner rühmenswertesten Erfolge auch auf dem bisher wenig kultivierten Gebiete der Psychologie . Natur- und vernunftgemäß würde der vierzigjährige blöde Friede mit seinem dreitägigen Schüttelfrost zum Sturmlaufen so wenig der rechte Mann gewesen sein , wie mit der obligaten Würgenot zum Heringsfang ; zum geduldigen Krankenwärter aber war er » wie gemacht « ; und da bei dem eiligen Aufbruch nach langjähriger Friedenspause die Sanitätskolonne just nicht ausgiebig bestellt war , erschien Doktor Peter Kurzen , dem die Organisation eines Feldlazaretts wesentlich oblag , der blöde Friede als ein erwünschter Lückenbüßer , dem armen Pechfriede aber Doktor Peter Kurze als endlicher Pfadfinder in Fortunas Zauberreich . Zur Zeit , als sein liebes Junkerchen , heil und munter wie jede Kreatur in ihrem Element , überschäumend von Heldenmut , allerseits wohlangesehen und wohlgelitten , mit der Zastrowschen Freischar im Vordrang nach Jütland begriffen war , saß demnach sein projektierter alter Bursche , ebenso heil und munter wie eine Kreatur in ihrem Element , ebenso heldenmütig in seinem Dienst , ebenso wohlangesehen und wohlgelitten in Doktor Peter Kurzens Lazarett , verband neben manchen anderen Wunden seines » lieben « Bruders zerschossenen Arm , legte kühlende Umschläge auf seine Stirn , wachte nachts an seinem Bett und leistete , nachdem er seiner Pflege entrückt war , einem weit bedeutenderen Blessierten noch weit bedeutendere Dienste . Nach dem Waffenstillstand hat er dann seinen » lieben « Herrn - dazumal Obersten - , in dessen persönlichen Dienst er getreten war , nach seiner Garnison , der der Werbenschen Heimat zunächst gelegenen Festungsstadt , begleitet , hat alldort unwissentlich in seines » lieben « Bruders Dezimus erstem männlichen Stufenjahr eine ziemlich problematische Rolle gespielt und schließlich durch seines » lieben « Herrn , nunmehro Generals , Verwendung den Posten eines Lazarettinspektors in einer schönen Stadt am Rhein erlangt , allwo er heute noch lebt ; nach langem Mißgeschick einer der Glücklichsten , deren in dieser Chronik von glücklichen Leuten Erwähnung geschah ; und , was Doktor Peter Kurzens wissenschaftliche Errungenschaft bei dem Falle anbelangt , der handgreifliche Beleg , daß einem Individuum , dem der Sauerstoff der Meerluft Würgen und der der Strandluft Schütteln erweckt , der Stickstoff eines Krankenhauses die Atmosphäre ist , in der es gedeiht . Nachdem er des Wundfiebers Herr geworden , hatte Peter Kurze des Freundes Mißgeschick an Vater Blümel gemeldet und in jenes Namen angefragt , ob während der voraussichtlich lange währenden Frist bis zu erneuter Kriegstüchtigkeit des Sohnes Assistenz im friedlichen heimischen Pfarrhause gewünscht werde . Umgehend und so diktatorisch , wie er noch keine aus Vatermunde vernommen , erhielt Dezimus die Weisung , daß solche Assistenz nicht gewünscht werde . Der Vater wirke so rüstig wie jemals in seinem Amt . Sobald er sich eines Beistandes bedürftig fühle , verspreche er , den Sohn zu rufen . Derselbe solle sich gründlich ausheilen , am ratsamsten in der kräftigenden Seeluft der Insel . Wenn er nach seiner Herstellung sich arbeitsfähig fühle , ohne bereits wieder waffenfähig zu sein , hoffe der Vater , daß er , um keinenfalls mit etwas Halbem abzuschließen , die aufgeschobene Ordination nachholen , dann aber unverweilt seine frühere Lehrerstelle wieder einnehmen und , aller bindenden Verpflichtungen ledig , sich noch einmal auf sein Lieblingsstudium hin einer Selbstprüfung unterziehen werde . Dezimus hatte seit Jahren nicht mehr an einen Wechsel des Berufes gedacht ; hätte das Geschick , an das er sich gebunden fühlte , ihm aber auch diese Freiheit gestattet , nicht mit einem Sprunge würde er die Wendung vollzogen haben . Ob er sich auf der Kandidaten- oder Pfarrersstufe noch einmal zu den Füßen eines Katheders niederließ , in der Absicht , es eines Tages zu besteigen : was hätte es im Grunde verschlagen ? Nur wertvolle Zeit hätte es ihm erspart . Aber Glücklichen mit seinem Pulsschlag eignet es nun einmal , allerwege reinen Tisch zu machen . Wenn der Vater nun plötzlich die aufgegebene Perspektive wieder eröffnete , wenn er mit solcher Dringlichkeit beflissen war , den Sohn von der Heimat fernzuhalten , so hat dieser die bewegende Ursache wohl geahnet und die liebreiche Schonung tiefgerührt empfunden . Max war in die Heimat zurückgekehrt ; die öffentlichen Blätter hatten es gemeldet , Privatnachrichten Freund Kurzens es bestätigt ; daß aber weder des Vaters noch Lydias Briefe es erwähnten , daß Sidonie ihm gar nicht schrieb und Rose , die früher so plauderlustige , nur flüchtige Zettel über des Vaters Ergehen , das bezeichnete deutlich genug die peinvolle Stellung , welche dem Liebenden oder auch nur dem Bruder erspart werden sollte . Ob Max von Hartenstein tatsächlich an einem der revolutionären Ausbrüche jener Zeit teilgenommen hat , ist für Dezimus wenigstens niemals an den Tag gekommen . Zu denen , welche man die intellektuellen Urheber derselben nannte , hat er unbestritten gehört , und unbestritten würde die Geschichte der Stufenjahre dieses Glücklichen sehr viel spannender als die seines bescheidenen Nebenbuhlers zu lesen sein , welch ein zwiespältig interessanter , modern romantischer Zauber diesen Helden umwittern ! In die Jugendgeschichte des Hirtensohnes von Werben gehört indessen lediglich , daß der gleichzeitige Erbe eines alten ritterlichen Namens und des steinreichen Bauers Johann Mehlborn , nachdem er die äußerste Schattierung republikanischer Freiheit und sozialistischer Gleichheit öffentlich vertreten hatte - wie in dem demokratischen Klub der Hauptstadt , so im Frankfurter Vorparlament , dem er sich zugesellt - , sich nicht abhalten ließ , als Kandidat für das allgemeine Parlament aufzutreten , wennschon er in seinen extremen Bestrebungen von der gemäßigten Mehrheit jener Vorversammlung überstimmt worden war . Er tat es in seiner Heimat , wo der Kavalier mit altem Namensklang und splendider Hand leichteren Erfolg zu haben glaubte als der Volkstribun in der Hauptstadt , nahm zu diesem Zweck seinen Herrensitz von neuem in dem stattlichen Bielitz , und wohl ist es denkbar , daß der Frühling , den er dort verbrachte , dem für erregende Kontraste so Empfänglichen der genußvollste seines Lebens gewesen ist . Wie aber hätte er in irgendwelcher Stimmung und in dieser spannendsten zumal , des Reizes galanter Huldigung und weiblicher Hingabe entbehren können ? Zwei schöne Frauen , beide begehrenswert , standen ihm gegenüber . Die eine liebte ihn nicht mehr , die andere - vielleicht ! - noch nicht . Reiz und Reizung hier und dort . Und wenn die andere ihn vor kurzem wirklich noch nicht geliebt haben sollte , war das ein Grund , daß sie jetzt ihn nicht dennoch lieben sollte ? Jede Lücke der Heimatsbriefe , welche ein ahnender Sinn auszufüllen hatte , deutete auf das Glück zweier Liebenden . Der Aufenthalt in der reinen Luft und der heuer selbst während der gewöhnlichen Badesaison ländlichen Stille der Insel hatte Dezimus körperlich gestärkt , der Verkehr mit dem trefflichen Pfarrherrn ihn geistig gefördert ; und wie es in dem Schwebezustand einer körperlichen und geistigen Herstellung häufig eine mechanische Tätigkeit ist , welche das Gleichgewicht der Kräfte am sichersten wiederherstellt , so war es die Geduldsprobe des Schreibenlernens mit der linken Hand , welche gegenwärtig den Genesenden von dem schweren Zwiespalt der Zeit und dem kaum minder schweren seines persönlichen Lebens heilsam ablenkte . Ehe er im Spätsommer die Insel verließ , um sich zum Zweck der Ordination nach der Hauptstadt seiner Provinz zu begeben , brachte ein Brief Freund Kurzens ihm sehr verspätet die Kunde , daß » der rote Hartenstein « nicht nur in der Kandidatur für das deutsche Parlament , sondern auch späterhin bei einer Nachwahl für die preußische Nationalversammlung » gründlich durchgeplumpst « sei . Zwei Kapazitäten der Gelehrtenrepublik waren aus der Urne hervorgegangen . » Rote und Schwarzweiße , « so schloß der Getreue , » schreien unisono Zeter über den unverbesserlichen deutschen Gusto für den zünftigen Zopf . Die ersteren wollen an dem heimlichen Spukedinge , das sie zur Volksseele aufgeschraubt haben , schier verzweifeln . Als ob man nicht Respekt haben müßte vor dem gesunden Augenlicht einer Nation , die bisher nicht einmal der Wahl ihrer Nachtwächter gewürdigt worden ist und nun im Handumdrehen über das Regiment eines - Notabene erst nolens volens zusammenzukleisternden - - gewaltigen Reiches entscheiden soll , wenn sie sich an die einzigen hält , die sie in aller Jämmerlichkeit niemals im Stiche gelassen haben : an die Männer der Wissenschaft , an uns ! Auch an dich , alter Dezem , wird einmal die Reihe kommen . An Doktor Peter Kurzen ist sie bereits gewesen . Hätte der Bruchteil jener edlen Volksseele , welcher im Werbenschen Fleisch geworden ist , den Helden des einfarbigen , zwei- oder dreifarbigen deutschen Zukunftsstaates zu stellen gehabt - beim ewigen Äskulap ! Transfusion ist die Losung auch für Dame Germania ! - kein anderer als jener Meister der Bluts- , staatsmännisch ausgedrückt : Stammverschmelzung , würde auf das Schild gehoben worden sein . Auf zwanzig Stimmzetteln hat sein stolzer Name geprangt ; der des roten Junkers nur auf zehn , auf denen obendrein die Handschrift der kleinen Sidi unverkennbar gewesen sein soll . Im übrigen ist er , der rote Junker nämlich , wieder einmal über alle Berge . « Diesem Briefe folgte während des Freundes Inselaufenthalt nur noch einer von Lydia , in welchem sie ihm mitteilte , daß sie am Erntedankfeste zum ersten Male und mit freudiger Überzeugung das Abendmahl aus der Hand seines Vaters zu empfangen gedenke . Wäre der Termin für seine Ordination nicht bereits festgesetzt gewesen , würde der Sohn diesen Freudentag des Greises mitgefeiert haben als einen eigenen Freudentag . Länger als eine Woche blieb er von nun ab ohne Kunde aus der Heimat . Jener Termin war unerwartet einige Tage früher , als er ihn dorthin gemeldet hatte , anberaumt worden ; spätere Briefe mochten ihn daher noch auf der Insel gesucht und nicht mehr vorgefunden haben . Er hatte seit Monaten nur Lokalblätter zu Gesicht bekommen ; nun erst , im Zentrum der Provinz , erfuhr er , wie kindisch aufgeregt es auch in diesem gemütlichsten aller Landesteile , ja im unmittelbaren Umkreis von Werben zugegangen war . Hatte man es , gottlob ! bis zum Blutvergießen auch nirgendwo kommen lassen , wie viele betörte Exzedenten büßten den Frevel , einen Adler abgerissen , ein Steueramt geplündert , die einberufene Landwehr aufgewiegelt zu haben , mit langjähriger Festungshaft oder im glücklichsten Fall mit der Flucht über das Meer ! Und bei der Mehrzahl dieser Ausschreitungen wurde der rote Hartenstein als heimlicher Anstifter genannt . Dezimus sah in seinem einstigen Idol jetzt einen Feind ; dennoch sträubte seine ganze Seele sich dagegen , ihn verantwortlich zu machen für den Jammer und das Elend , das in unzählige Familien getragen worden war . Von der Mutter eines seinen Eltern bekannten und werten Arztes , eines bis dahin unbescholtenen , gebildeten , wohlsituierten Mannes , der einen seinem letzten Zwecke nach durchaus unverständlichen Bauernaufstand angefacht hatte , wurde erzählt , daß sie sich vor Kummer die alten Augen blind geweint habe . Und alles das , was wenigstens den Vater bis auf den Herzgrund erschüttert haben mußte , hatte man dem Sohne verschwiegen . Aus Schonung - oder warum sonst ? Die bänglichste Ahnung übermannte ihn . Abgesehen von seiner Verwundung würde er schon durch den geschlossenen Waffenstillstand seiner militärischen Verpflichtung enthoben worden sein . Des Vaters Widerspruch durfte ihn nicht länger bannen . In der Nacht , die seiner Ordination folgte , brach er nach der Heimat auf . Ach , mit welch anderen Empfindungen war er nach seiner vorjährigen Prüfung in das liebe Haus zurückgekehrt ! Wie öde war es darin für ihn geworden ! Nichts ihm geblieben als noch für etliche Wochen oder Monde die Vatertreue eines Greises und nichts für alles Verlorene ihm gegeben als - freilich das Höchste ! - der Blick in Lydias hohe , reine Freundesseele . Früh am Morgen erreichte er die Werbensche Flur . Die Ernte war eingebracht , das Leben auf den Feldern hatte aufgehört . Sobald er jedoch die Friedhofspforte erreichte , umfing ihn dichtes Drängen und Treiben . Er brauchte nicht zu fragen , was es bedeute . Neben dem Hügel der Mutter , die er geliebt hatte , war eine Grube ausgehöhlt . Er erreichte das Haus nur noch zu rechter Zeit , um die treueste Segenshand zum letzten Male zu küssen , den Deckel auf den Sarg seines Vaters zu heben und dann den Friedensspruch über sein Grab zu sprechen . Erst durch die Kanzelrede des Pfarrers von Bielitz erfuhr er den wunderherrlichen Ausgang dieses teueren Lebens . Niemand hatte ihn , seitdem der Greis die winterliche Abspannung so glücklich überwunden , in dieser Kürze vorausgesehen . Rüstig wartete er seines Amtes , hielt mit der unerschöpflichen Fülle seiner Liebe den schwersten Gemütsprüfungen stand . Am Sonnabend morgen befiel ihn plötzlich eine Ohnmacht ; er erholte sich von dieser ; doch mag er das nahende Ende vorgefühlt haben , denn er begann einen Brief mit den Worten : » Komm , mein Sohn , den Vater zu vertreten - - . « Nach diesem Satze entglitt die Feder seiner Hand ; man drang in ihn , sich zu schonen , allein er bestand darauf , wie alljährlich am Erntedankfeste , das Versöhnungsmahl zuerst sich selbst aus des geistlichen Freundes Hand reichen zu lassen , dann es seiner Gemeinde auszuteilen . Und ohne Zeichen von Schwäche schritt er am Morgen zum Gotteshause , nahm erst selbst die weihende Speisung und darauf in seine Hand den Kelch , um ihn der väterlich geliebten Freundin zu reichen , welche , an der Seite seiner Tochter , sich zum ersten Male in seiner Gemeinde dem Tische des Herrn nahte . Noch sprach er die Spendeformel mit sicherer Stimme , dann sank er zu Füßen des Altars nieder - entseelt . So in Herrlichkeit mögest auch du einmal heimgehen , du Glücklicher , wenn deine Stunde gekommen ist ! Dezimus hatte bis jetzt Rosen nur flüchtig aus der Ferne gesehen , während der Grablegung unter der Gartenpforte ; dann während des kirchlichen Aktes im vergitterten Pfarrstuhl ; beide Male an Lydias Seite . Nun erst , nachdem alles vollbracht , fiel es ihm auf , keines der anderen Geschwister gegenwärtig zu finden , mit Ausnahme von Erikas Gatten , der aber auch unmittelbar von der Kirche zum Bahnhof eilte , da seine Frau im Kindbett lag und er nicht über Nacht vom Hause fern sein mochte . Rose hatte in der Überwältigung des Schlages die Anzeige zu machen vergessen , und als Lydia sie nachträglich erließ , war es für die entfernter Lebenden zu spät geworden , der Trauerfeier beizuwohnen . » Die Kleine ist in einem unzurechnungsfähigen Zustande , « meinte Schwager Bauinspektor ; » wohl begreiflich bei der Last , die sie sich auf das Herz geladen . Du tust mir leid , armer Bruder ! Brauchst du Beistand , rechne auf uns . « Damit ging er . Dezimus entfloh den lästigen Beileidsbezeigungen , die ihn umschwirrten . Er suchte Rosen . Im geistlichen Gemach , wo vor wenig Stunden der Sarg gestanden hatte , kniete sie vor des Vaters Stuhl , das Gesicht in ihre Hände begraben . Auf dem Schreibtisch unter dem Kruzifix lag lorbeerumkränzt das Eiserne Kreuz , das Martin von Hartenstein dem Sarge des Veteranen vorangetragen hatte ; daneben das Blatt mit den letzten Zügen einer zitternden Hand : » Komm , mein Sohn , den Vater zu vertreten . « Lange stand Dezimus unbemerkt an Rosens Seite , und als sie darauf seine Nähe spürte , starrten ihre Augen in unheimlicher Irre , als ob sie ihn nicht erkennten . Er zog sie in die Höhe ; schauernd und zitternd lag sie an seinem Herzen , bis endlich ein Tränenstrom den Krampf der Seele löste . » Er hat mir nicht mehr den Kelch der Versöhnung gereicht , aber lieb hat er mich gehabt bis zum letzten , « schluchzte sie , » wird er mich auch liebhaben dort , dort , wo er nun - alles weiß ? « » Ewig ! « sagte Dezimus , und dann führte er sie hinauf in das einstige Familienzimmer , unter die verdorrten Blumenstöcke und die lange abgewelkten Kränze ihrer Freudenzeit , und Hand in Hand feierten sie das Trauerfest ihrer Verwaisung . Sie sprachen nur von ihm oder schwiegen in der Erinnerung an ihn . Keine Frage über ihr gegenwärtiges Verhältnis oder das zu einem anderen wurde laut . In Dezimus ' Herzen aber hallte das letzte Vaterwort wider , und dieses Wort bedeutete : » Bleib und hilf meinem liebsten Kind ! « Und daß er bleiben werde , wurde als selbstverständlich auch in beiden Gemeinden angenommen . Am Morgen hatten sie ihren alten Pastor hinausgetragen , am Nachmittag kamen sie , ihren neuen Pastor willkommen zu heißen : die Kantoren , die Schulzen , der Pächter , die großen Hofbesitzer , alle voll Preis des Abgeschiedenen , aber auch voll guten Zutrauens in den , welcher ihn ersetzen sollte ; alle jedoch nebenbei mit einem Etwas auf dem Herzen , das sich befremdlich in Mienen , Achselzucken und halben Redensarten kundtat und immer noch eher zu der Kondolation als zu der Gratulation zu stimmen schien . Seltsam ! während der Trauerfeier war es Dezimus kaum aufgefallen , und jetzt fiel es ihm plötzlich ein : das Augenverdrehen und Kopfnicken und Schütteln und die Blicke , die nach dem vergitterten Pfarrstuhl geworfen wurden beim Erwähnen der schweren innerlichen Anfechtungen in des Greises letzten Lebenstagen . Waren die Zeitzustände gemeint , des Sohnes Verwundung - oder - was sonst ? Etwas deutlicher drückte sich der alte Thränhard aus , der bereits zu Vater Klausens Zeiten die Schulzenwürde bekleidet hatte . » Sie dauern mich , Herr Pastor ; grausam dauern Sie mich , « sagte er seufzend , nachdem er eben erst schmunzelnd des Herrn Pastors grausames Glück hervorgehoben hatte , in so jungen Jahren und obendrein in seinem eignen Orte , in eine so schöne Stelle gerückt zu sein . » Und daß der ehrwürdige Herr Pflegevater in seinen alten Tagen das noch erleben mußte ! « » Was erleben ? « hätte Dezimus fragen mögen , aber die Kehle war ihm zugeschnürt . Der Emeritus Beyfuß , als Respektsperson aus Bakelzeiten und als wandelnde Glocke der Gemeinde , glaubte noch weniger ein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen . » Danken Sie Ihrem Schöpfer , Herr Pastor , daß Sie noch so mit einem blauen Auge davongekommen sind , « meinte er . » Die Menschheit wird alle Tage schlechter ! aber , hören Sie , sehen Sie , ich habe dem Pudelkopf sein Lebtage nicht getraut . Schon da sie im kurzen Kittelchen und gestickten Höschen , Tag für Tag ein frisches Bukett im Schürzenbunde wie eine Bachstelze in meine Schulstube gewippt kam , da habe ich zu meiner Frau gesagt : Julchen , habe ich gesagt , die wird ihrem Manne einmal was zu raten aufgeben ! Na , bis zum Manne ist es - Gott sei Dank ! - nicht gekommen . Aber , hören Sie , sehen Sie , Herr Pastor , wenn zweie miteinandergehen , und es geht nachhero wieder auseinander , na , das kann einer alle Tage passieren sehen . Liebesstand ist nicht Ehestand . Wenn der Liebste aber für seine Liebste sein Blut vergossen hat und es um ein Haar bis zum Aufgebote gelangt ist , und nur die Gesundheit kommt dazwischen und nachhero die Fasten und nachhero der Krieg : mir nichts , dir nichts , bloß , weil er sich Herr Baron tituliert , sich mit einem so nichtswürdigen Rebellen einzulassen , dem der heilige Ehestand ein Kinderspott ist , dem alten ehrwürdigen Papachen ein Schnippchen zu schlagen , mit dem buckligen Fräulein , das seinen leiblichen Großvater , um ihn nach Herzenslust bemopsen zu können , in alten Tagen zum Saufaus macht , unter einer Decke zu spielen , alle Abende , - na , ich will nichts weiter verraten , aber hören Sie , sehen Sie , Herr Pastor , nehmen Sie mirs nicht übel , aber da steht einem der Verstand stille . « Die Pein der Gegenrede wurde dem armen Dezimus durch den eintretenden Martin und den Rückzug des Emeritus erspart . Seit dem Frühling in die unferne Festungsstadt versetzt , von welcher aus er mit blanker Klinge , aber gottlob ! ohne Blutvergießen , die kleinen Unruhen der Umgegend hatte zerstreuen helfen , war der brave Leutnant eilend herbeigekommen , dem Veteranen die letzte Ehre zu erweisen , und hatte schon am Grabe geweint wie ein rechter Held , der sich seiner Tränen nicht zu schämen braucht . Weinend stürzte er sich auch jetzt dem Freunde in die Arme . » Das war ein guter Mann , « schluchzte er . » Auf Ehre ! der Tod meines Vaters ist mir nicht so nahe gegangen wie der seine ; schon um des lieben Mädchens , deiner Rose willen . Aber sie soll gerächt werden , als ob sie meine leibliche Schwester wäre . Du darfst es nicht , weil du ein Geistlicher bist , und dir nimmt es am Ende auch kein Mensch übel , wenn du ihn nicht forderst . Du bist ja kein Offizier , nicht einmal bei der Landwehr . Aber ich , ich ! Verlaß dich auf mich ! Wie lange dürstet mich schon nach dieses Halunken Blut ! Du denkst gewiß wegen Lydias . Aber nein , Dezimus , nein . Lydias wegen tut er mir eher leid . Es ist gewiß nicht leicht , mit ihr auszukommen ; sie will zu hoch mit allen Menschen hinaus , und am Ende ist sie es doch gewesen , die ihm den Laufpaß gegeben hat . Ich habe in der Geschichte niemals ganz klar gesehen . Aber unseren alten Namen so schmählich in den Kot zu treten ! Der rote Hartenstein wird er in den nobelen Zeitungen geschimpft , und die Lumpenblättchen heben den roten Hartenstein in den Himmel . « » Wo ist Max ? « unterbrach ihn Dezimus , dem wahrlich die Geduld , zuzuhören in dieser Stunde , herzlich schwer ankam . » Ja , wenn ichs wüßte , Freund ! Seitdem der Cavaignac mit dem Pariser Plebs reinen Tisch gemacht hat , scheint es ihm in Bielitz nicht mehr recht geheuer vorgekommen zu sein . Wo es aber einberufene Landwehren aufzuhetzen , ein Zeughaus zu plündern gibt und dergleichen , da wird der rote Hartenstein gewiß nicht weit um die Ecke stehen . Es heißt , sie fahnden auf ihn . Und wenn sie ihn faßten ! Es wäre schauderhaft ! Ein Hartenstein im Zuchthaus Wolle haspelnd wegen Hochverrats ! Eher schieße ich ihn nieder . Einmal dachte ich schon ganz gewiß , ich hätte ihn am Kragen . Es war bei dem sogenannten Doktorputsch ; du wirst wohl von ihm gehört haben . So ein Pflasterkasten ! Was meinst du , Dezimus , wenn am Ende Peter Kurze auch noch anfinge , die Republik auszurufen ! Aber dieses Hartensteinsche Genie muß Doktor Faustens Zaubermantel in Pacht genommen haben ; der Blondkopf , den ich statt seiner erwischte , war ein armer Hungerleider von Schneider . « » Deine Voraussetzung ist eben eine irrige gewesen , Freund , « entgegnete Dezimus . » Ein so gescheiter Mensch wie dein Vetter läßt sich nicht auf derlei kindische Versuche ein . « » Nicht , etwa nicht ? « eiferte der Leutnant . » Denke doch nur an den Napoleon in Straßburg und dann noch einmal mit dem Adler in Boulogne ! War der etwa auf den Kopf gefallen ? Sie sagen ja , er setzt es am Ende doch noch durch ! Und bedenke doch nur Maxens Wut ! Von der Offiziersliste gestrichen zu werden ! Ein Hartenstein ! Und warum ? Um ein paar lumpiger Verse willen , die kein Mensch gelesen hätte , wenn man nicht solches Wesen darum gemacht . Da kann einer freilich zum Mordbrenner werden . Ich selber , wenn ich an die Schande denke , die dadurch auf die Familie geworfen worden ist , da wendet sich mir das Eingeweide um . Ich habe seitdem auch von keinem Menschen wieder ein Gedicht gelesen , und ich danke meinem Schöpfer , daß ich kein Dichter bin . Weil Max aber einmal einer ist , hat er mir aus dem Grunde am Ende immer leid getan . Und zweitens , Dezimus , daß er sich in Röschen verliebt hat , das kann ich ihm , auf Ehre ! auch nicht so übelnehmen . Sie ist dir gar zu reizend ! Freilich war sie deine Braut . Aber , siehst du , dein Freund , wie ich , war Max am Ende nicht , und solche Geschichten sind schon unter leiblichen Brüdern passiert . Und wenn er ihr , sei nicht böse , lieber Junge , wenn er ihr , ich meine nur so , ein bißchen besser gefallen hat als du , das solltest du dem armen Dingelchen auch nicht so sehr zur Last legen , Freund . Ich finde dich schöner , schon weil du einen halben Kopf größer bist als Max , aber - de gustibus non est disputandum , so sagen ja wohl wir Lateiner . « Dezimus machte einen schwachen Versuch zu lächeln ; der unwiderlegliche Wortführer schöpfte Atem und geriet darauf allmählich in die blutdürstige Stimmung , von der er ausgegangen war , zurück . » Aber siehst du , Dezimus , « fuhr er fort , » ein schlechter Kerl ist der Max doch . Warum heiratet er Röschen nicht ? Und wenn er zehnmal den Namen Hartenstein trägt , seine Mutter war eine Mehlborn , und wer mit blutroten Demokraten auf Duzbrüderschaft steht , der kann sichs doch wahrhaftig nur zur Ehre anrechnen , wenn eine Pastorstochter ihn nimmt . Und denke ich daran , da werde ich fuchswild . Aber ich finde ihn schon noch , und wo ich ihn finde , - na , verlaß dich auf mich ! Es ist wahrhaftig auch an der Zeit , daß einer von uns etwas für dich tut . Was sind wir dir nicht alles schuldig geworden ! Erst beim Magister , wie ich noch ein recht dummer Junge war und du mir so geduldig nachgeholfen hast , und dann wegen Philipps , den du so klug und nobel aus der Patsche gezogen hast . Denke doch nur , im Militärwochenblatte hat er mit Ruhm erwähnt gestanden ! Der Erste ist er oben auf der Schanze gewesen , zum Leutnant haben sie ihn schon gemacht ! Und unsereiner muß während der Zeit in dem verdammten Festungsneste auf Wache ziehen und allerhöchstens einen verrückten Pflasterkasten mit seinem Raubgesindel , ohne einen Schuß Pulver zu tun , zu Paaren treiben . Zum Haarausraufen , sag ich dir , ist es , zum Kopfeinrennen ! Könnte man am Ende aber nicht an aller Naturphilosophie zum Narren werden , wenn man erlebt , daß das größte Genie in einer Familie ihren guten Namen dermaßen an den Pranger stellt , und der verlorene Sohn der Familie bringt ihn wieder zu Ehren wie ein Held ! « Nach dieser Bemerkung drückte er dem Freunde zum Abschied die Hand , da das verdammte Festungsnest nicht über Nacht einem republikanischen Handstreich ausgesetzt werden durfte , ohne daß ein Hartenstein zur