seinem Fortschreiten diesen üblen Anzeichen entsprechend . Der Winter war lang und sehr hart , das Frühjahr kalt und naß . Man konnte also die Arbeiten erst spät beginnen , und die spärlich und ungleich aufgehenden Saaten versprachen nicht den gewohnten und gehofften Ertrag . Der Freiherr , welcher sich niemals um die Bestellung des Landes gekümmert hatte und kein Landwirth war , fing jetzt , da er bald der Zuversicht und Sicherheit in das alte , ihm dienende Geschlecht der Steinerts entbehren sollte , plötzlich nach dem Seinigen zu sehen an , und mit der Unkenntniß des Neulings meinte er die übeln Ernte-Aussichten einer verminderten Sorgfalt des Amtmanns zur Last legen zu dürfen . Der Verdacht , daß er seine Schuldigkeit nicht thue , beleidigte Adam . Er vertheidigte sich lebhaft gegen denselben , aber in dieser gerechten Abwehr eines ungerechten Verdachtes glaubte der Freiherr nur den Hochmuth des Emporkömmlings sehen und beugen zu müssen , und er verlor überhaupt mehr und mehr seine heitere , selbstgewisse Ruhe , weil er seine bis dahin unumschränkte Herrschaft über seine Untergebenen und die unbedingte Geltung , deren er vor ihnen und in seinem ganzen Lebenskreise sich stets sicher gewußt hatte , nun , wohin er blickte , angezweifelt wähnte . Das machte die Zustände nicht besser , wohl aber ihm und seinen Leuten das Leben bitter und schwer , und vor allen Andern hatten die Geschwister im Amthofe zum Schlusse ihres Aufenthaltes in der alten Heimath böse Tage , denn die Geldverlegenheiten des Freiherrn hatten sich in unerwarteter Weise gesteigert . Mit dem Vertrauen des Ehrenmannes und des Edelmannes in die Ehrenhaftigkeit seines Standesgenossen und mit dem Bewußtsein , sich von dem Marquis für die ihm erwiesenen mannigfachen Gutthaten des Besten versehen zu dürfen , hatte der Freiherr demselben , um der Herzogin seinen fortdauernden guten Willen für ihren Bruder zu beweisen , sowohl bei Herrn Flies als bei einem Banquier in der Residenz ausgedehnte Credite eröffnet , und die Herzogin hatte diese Briefe für ihren Bruder mit der Versicherung angenommen , daß derselbe natürlich nur den beschränktesten Gebrauch davon zu machen denke . Sie hatte es entweder vergessen , wie oft und mit wie großen Opfern sie dem Marquis zu Hülfe kommen müssen , so lange sie selbst ihm zu helfen im Stande gewesen war , oder sie mochte erwarten , daß die Jahre und die Erfahrung ihn gebessert und von seinen alten , verschwenderischen Gewohnheiten zurückgebracht haben würden ; indeß diese Hoffnung traf nicht zu . Denn nur wenig Tage hatte der Marquis in der Stadt verweilt , als er sich von einem Kreise von Emigranten umringt und schnell versucht fand , sich vor ihnen , deren üble Lage ihn dazu aufforderte , als den Beschützer , als den Freigebigen , als den großen Herrn von ehemals zu zeigen . Die Anerkennung , der lebhafte Dank , die er geerntet , waren verführerisch für ihn geworden . Seit langer Zeit hatte er sich endlich wieder einmal frei und als er selbst , endlich sich wieder einmal in einer ihm angemessenen Lage gefühlt , und fröhlich und leichtherzig gemacht durch die sichtliche Zufriedenheit , die er um sich her zu verbreiten im Falle war , hatte er des Geldes nicht geschont , hatte er gegeben und geholfen und erfreut , wo sich ihm die Gelegenheit dazu geboten . Er hatte niemals gerechnet und gezählt ; die Herzogin hatte dies immer für ihn übernommen , und sorglos die flüchtigen Tage und das flüchtige Geld hingleiten lassend , war er plötzlich doch betroffen worden durch die Summen , die er in liebenswürdigen Gefälligkeiten , in Hülfsleistungen aufgewendet hatte , die seinem Herzen Ehre gemacht haben würden , hätte er sie aus eigenen Mitteln zu leisten vermocht . Er wünschte einzuhalten , ja , mehr als das , er wünschte zu vergüten , zu ersetzen , und an das Spiel von Jugend auf gewohnt , hatten ihm die verführerischen Gunstbezeigungen desselben den sichersten und leichtesten Ausweg aus seinen Verlegenheiten zu versprechen geschienen . Aber das Spiel war ihm niemals besonders günstig gewesen und versagte sich ihm auch jetzt . Von einem Tage zum andern hoffend , immer leidenschaftlicher wagend , je weniger diese Wagnisse ihm einschlugen und je tiefer sie ihn in die Verlegenheit verwickelten , der er sich zu entziehen wünschte , hatte er allmählich Summen erhoben , welche die Auszahler stutzig werden ließen und welche endlich Herrn Flies bewogen , jene Anfrage und jene Berichte zu machen , die der Freiherr eben am Neujahrstage erhalten und die ihn genöthigt hatten , auf eine augenblickliche Deckung dieser bedeutenden Posten zu denken . Adam sollte Rath schaffen und Herr Flies sollte Geld schaffen ; aber guter Rath war theuer , und Geld war es noch mehr . Die republikanische Bewegung und der ihr folgende Krieg , die von Frankreich aus immer weiter um sich griffen , machten alle Capitalisten in der Anlage ihres Geldes vorsichtig und schwierig . In den Gegenden , in welchen sich revolutionäre Gesinnungen kund gaben , suchten ängstliche Besitzer sich ihrer liegenden Gründe zu entäußern , und wie der Werth des Grundbesitzes sank , stieg der Werth des baaren Geldes . Dem Amtmanne kam das sehr zu Statten . Er hatte seinen Handel wegen des schönen Gutes Marienau bereits lange abgeschlossen , ehe der Freiherr das neue Darlehn auf Rothenfeld und die Capitalien gefunden hatte , deren er bedurfte , um die Wechsel des Marquis zu decken und um endlich den Bau der Kirche vollenden zu lassen , der im letzten Jahre nur wenig vorgeschritten war . Dem Freiherrn selber war freilich dieser Kirchenbau niemals eine persönliche Herzensangelegenheit gewesen ; jetzt war er ihm aus mehr als einem Grunde lästig , und er würde ihn in diesem Augenblicke mit Freuden unterbrochen , die Kirche vorläufig unvollendet stehen gelassen haben , hätte er nicht fürchten müssen , eben dadurch den nachtheiligen Gerüchten Nahrung zu geben , die es ihm ohnehin so wesentlich erschwerten , Geld zu finden , selbst wenn er es mit hohem Zins bezahlte . Mit Wirthschaftsbeamten zu verhandeln , welche die Stelle des Amtmannes ersetzen sollten , sich selbst um die Aufbringung von Geldern zu bemühen und das Geld , welches ihm bisher nur ein Mittel zur Erreichung seiner Zwecke und zur Befriedigung seiner Wünsche gewesen war , als Selbstzweck zu betrachten , fiel dem Freiherrn schwer . Er dachte daran , Einschränkungen zu machen , aber er wußte nicht , wie er das anfangen oder wem er sie auferlegen sollte , denn in der sorglosen Freiheit des Verbrauches erwachsen , war der Ueberfluß ihm zur Gewohnheit geworden , und er glaubte nur das Nothwendige zu haben , wenn er alles Dasjenige besaß , was ihm irgend wünschenswerth erschien . Sich etwas zu versagen , das verstand er nicht , die Herzogin zu beschränken , hätte ihm ungastlich und grade nach dem unangenehmen Vorfalle mit dem Marquis ungroßmüthig gedünkt . Die Bedürfnisse der Baronin waren immer mäßig gewesen , und ihr auch nur ein kleines Ersparniß vorzuschlagen , würde er in dem Verhältnisse , in welchem er jetzt zu ihr stand , als unehrenhaft und unanständig betrachtet haben . Unglücklicher Weise hatte der Mann , welcher dazu ausersehen war , vom Spätherbste ab die Stelle des Amtmannes zu verwalten , den Freiherrn dadurch für sich einzunehmen gewußt , daß er ihm bemerklich gemacht hatte , es ließen sich große Summen ersparen , wenn man den Insassen der Güter nicht so viel Freiheit ließe , wie die Steinerts es gethan , und namentlich bei dem Kirchenbaue könne man auch jetzt noch sehr beträchtliche Ausgaben vermeiden , wenn man nur die Insassen und Käthner , wie es sich gehörte , zur Arbeit heranzöge und verwendete . Das sollte nun Adam auf des Freiherrn Befehl noch zur Ausführung bringen . Vergebens bewies dieser , daß man die Leute in dem letzten Winter , wo man einen Wald verkauft und völlig ausgeschlagen , sehr stark in Anspruch genommen habe , daß man ihnen bei der drängenden Arbeit in dem späten Frühjahre kaum die Zeit habe gönnen können , ihr Stück Garten und Feld zu bestellen , und daß man sie im Winter zu ernähren haben würde , wenn man sie jetzt nicht so viel als nöthig für sich selber sorgen ließe . Der Freiherr wollte davon nichts hören . Er war in eine Lage und in eine Stimmung versetzt , in welcher er immer nur der nächsten Belästigung enthoben sein wollte , und vor Allem schien es ihm darauf anzukommen , Herbert ' s ein für alle Mal ledig zu werden , der , trotz seines Verlangens , mit Eva zusammen zu sein , nur erst einmal wieder nach Richten gekommen war und sich bei der Beaufsichtigung des Baues durch einen jüngeren Gehülfen vertreten ließ . Es blieb also Adam gar nichts übrig , als sich zu fügen und unter einer Bevölkerung , unter welcher seine Familie seit mehr als hundert Jahren in Liebe und Frieden gelebt hatte , schließlich wider seinen Willen den Frohnvogt zu machen . Er mußte die volle Arbeitszeit der Leute in Beschlag nehmen , sie rundweg abweisen , wenn sie auf die Nachsicht Anspruch machten , welche man ihnen sonst ohne große Opfer hatte bewilligen können . Das gab böses Blut . Wo die Leute beisammen waren , konnte man es sagen hören , daß es eine Sünde und Schande sei , Christenmenschen in das Joch zu spannen , um eine Kirche aufzubauen , mit der sie nichts zu schaffen hätten , und um im Schlosse fremdes Volk zu füttern . Alle Arbeit wurde widerwillig gethan , Vorwände , mit welchen die Leute sich derselben zu entziehen suchten , gaben Anlaß zu Untersuchungen und Strafen ; und diese Strafen machten das Uebel ärger . Heute hatte man Händel und Schlägereien zu schlichten , wenn einer von den Leuten sich bei den Arbeitsforderungen zu stark herangezogen oder einen Anderen bei den Arbeitserlassen einmal begünstigt glaubte , und morgen gab es lose Reden und freche Ausfälle gegen die Herrschaft vor Gericht zu ziehen . Es war , als sei der gute Geist entwichen , der hier bisher gewaltet hatte . Des Zankens , Anschuldigens , Strafens war gar kein Ende mehr . Hätte der Amtmann , wie der Freiherr es verlangte , alle diejenigen zur Rechenschaft fordern wollen , die sich widerspänstig zeigten , und diejenigen eingesperrt , welche grundlos Händel anzettelten , so hätte er noch beträchtlich an Arbeitskräften eingebüßt . Er mußte also ein Auge zudrücken , Mancherlei nicht hören , Vielerlei stillschweigend mit ansehen , um nur durchzukommen , und noch war der Sommer nicht da , als auf den Gütern , auf welchen bis dahin eine für jene Zeiten musterhafte Verwaltung geherrscht hatte , jener Zustand eingetreten war , der nirgends ausbleibt , wo die Befehlenden , weil sie Ungerechtes und Uebermäßiges heischen , Ungesetzliches und Maßloses geschehen lassen müssen , um sich von einem Tage zu dem anderen durchzuschlagen und sich damit zu vertrösten , daß auch übermorgen und nach übermorgen gehen werde , was gestern und vorgestern eben noch gegangen sei . Dem Amtmanne war dieses Treiben ein Gräuel . Wie jeder , der das Land bebaut , hatte er frühzeitig begriffen , daß in der eigenen Lebensführung wie in der Leitung eines Gemeinwesens , mag dies nun groß oder klein sein , Voraussicht und mit ihr Zusammenhang im Handeln die Hauptsache sind ; und wenn er selber auch die Folgen des jetzigen Verfahrens nicht mehr zu tragen haben sollte , so peinigten ihn doch der gegenwärtige Zustand und die Gewißheit , daß die übeln Früchte desselben nicht ausbleiben könnten . Die Schullehrer klagten bereits , daß die Kinder , weil sie zu Hause die Arbeit der zum Dienste befohlenen Erwachsenen verrichten mußten , die Schule versäumten , der Pfarrer beschwerte sich , daß die Leute , weil ihnen gar keine Zeit für ihre eigene Arbeit mehr gelassen würde , Sonntags die Kirche nicht mehr besuchten , daß er das Wort Gottes vor leeren Bänken predigen müsse , während die große katholische Kirche , in der Niemand außer der Herrschaft und den Fremden seine Andacht halten und seinen Gottesdienst begehen könne , sich der Vollendung nähere . Früher hätte der Freiherr von allen diesen Dingen in seiner sorglosen und heitern Unnahbarkeit nicht viel erfahren . Jetzt fragte er danach , fragte , weil er dies nicht gewohnt war , nicht immer an der rechten Quelle , und glaubte , da er häufig falsch berichtet ward , es mit einem Geiste des Aufruhrs zu thun zu haben , den er unterdrücken , und zwar mit Gewalt unterdrücken müsse , während er und sein Thun und Gebieten ganz allein die Unzufriedenheit und Aufsässigkeit erzeugten , die er dem bösen , von Frankreich kommenden Zeitgeiste entsprungen wähnte . So viel stellte sich indeß an Einsicht für ihn bald heraus , daß er , um dem neuen Amtmanne gewisse Pflichten auflegen zu können , auch die drückendsten Geldverlegenheiten beseitigt haben müsse , und da bisher die schriftlich oder durch Dritte geführten Verhandlungen mit Herrn Flies zu keinem befriedigenden Abschlusse gelangen wollten , beschloß der Freiherr , persönlich einen Versuch zu einem Uebereinkommen mit ihm zu machen . Er war ohnehin lange nicht in der Stadt gewesen ; die Herzogin , welche von seinem Vorsatze sprechen hörte , nannte einen solchen kleinen zeitweiligen Ortswechsel angenehm , und da Renatus ein großes Verlangen zeigte , mitgenommen zu werden , war der Freiherr schnell bereit , aus einer Geschäftsreise , die er antreten wollen , um sich aus Geldverlegenheiten zu befreien , eine Vergnügungsreise mit seiner ganzen Familie zu machen , welche bei der damaligen Art zu reisen nicht ohne einen ansehnlichen Aufwand zu bestreiten war . Die Baronin , deren Gesundheit immer schwankender und deren Brustbeklemmungen immer häufiger geworden waren , hatte Anfangs eine Scheu vor dieser Reise getragen , da sie die zunehmende Wärme der Jahreszeit und die Unbequemlichkeit der Nachtquartiere fürchtete ; aber der Freiherr hatte auf ihr Mitgehen gerechnet , Renatus bat ebenfalls , die Mutter möge doch nicht zu Hause bleiben , und die Baronin gab endlich gegen ihr richtiges Gefühl dem Verlangen der Ihrigen nach , weil sie für sich keine lebhaften Wünsche und kaum noch lebhafte Besorgniß hegte . So fuhren denn an einem frühen Morgen die großen , vierspännigen Reisewagen vor das Portal . In dem einen wollte der Freiherr mit den beiden Frauen , in dem anderen sollte Renatus mit seiner französischen Bonne und der Kammerjungfer seiner Mutter fahren , die während der kurzen Reise den Dienst bei den beiden Damen zu versehen hatte ; aber schon am ersten Reisetage zeigte es sich , daß die Baronin es nicht ertragen konnte , Tag über in der Gesellschaft der lebhaften Herzogin zuzubringen , und man mußte für den nächsten Morgen die Einrichtung treffen , sie den einen Wagen allein mit ihrer Kammerjungfer einnehmen zu lassen , um ihr die nöthige Ruhe zu gönnen . Es war am Mittage des dritten Tages , nachdem man Richten verlassen hatte , als man dem Freiherrn , der das ganze erste Stockwerk des Gasthauses für sich in Beschlag genommen hatte , die Nachricht brachte , Herr Flies , den er zu sich bitten lassen , sei gekommen . Der Freiherr befahl , ihn herein zu führen , und setzte sich auf das Sopha , den Besuch zu erwarten , damit er nicht nöthig hatte , ihm etwa entgegen zu gehen , denn nun er an der Schwelle der mündlichen Verhandlung stand , dünkte ihm diese noch lästiger als die schriftliche zu sein . Als Herr Flies eintrat , hieß der Freiherr ihn mit den Worten : Sie sind pünktlich , lieber Flies ! willkommen . Ich bin ein Geschäftsmann ! entgegnete dieser höflich . Aber der Freiherr konnte sich eines gewissen Erstaunens bei dem Anblicke des Juweliers nicht erwehren . Er kam ihm größer , ansehnlicher vor , denn er trug sich aufgerichteter als früher ; seine Kleidung war einfach , indeß nach der Mode und von den besten Stoffen . Er hatte eine gewisse demüthige Weise , gewisse tiefe Verbeugungen und gewisse Manieren , die er sonst als Stammesgewohnheiten unwillkürlich zur Schau getragen , völlig abgelegt und dafür eine ruhige Haltung gewonnen , welche ihn dem Freiherrn wie einen Fremden erscheinen machte . Er hatte vorgehabt , ohne Weiteres mit Herrn Flies die Angelegenheit zu durchsprechen , wegen derer er ihn rufen lassen ; nun er den Kaufmann vor sich hatte , dessen Augen klug und forschend auf ihm ruhten , wußte er nicht gleich , von welchem Punkte er die Sache in Angriff nehmen sollte , und wie alle vom Glücke Verwöhnten vor jeder Unbequemlichkeit zaghaft und zaudernd , sagte er : Wie geht es Ihnen , lieber Flies ? Ich habe Sie lange nicht gesehen , ich war lange nicht hier ; aber ich wollte meinem Sohne doch einmal eine Stadt zeigen und muß auch einen der hiesigen Aerzte wegen der Baronin zu Rathe ziehen . So sind die Frau Baronin leidend ? fragte Flies . Recht sehr , recht sehr , antwortete der Freiherr mit sichtlicher Zerstreutheit ; ich denke , der Doctor muß bald kommen ! Er hatte noch immer nicht den Muth , dasjenige zu verlangen , was er mit Leichtigkeit gefordert haben würde , als er sich noch im Vollbesitze seines Vermögens und seines Ansehens gewußt hatte , und Herr Flies , welcher den Zustand des Freiherrn wohl erkannte , fand es daher angemessen , ihm mit der Bemerkung entgegen zu kommen , daß es ihm , da er den Arzt erwarte , wahrscheinlich erwünscht sein werde , die Geschäfte schnell zu beenden , und daß er ihm einen , wie er glaube , sehr annehmbaren Vorschlag für dieselben zu machen habe . Der Freiherr , sehr zufrieden , daß er nicht derjenige zu sein brauchte , der die Verhandlungen in Gang brachte , und doch zugleich verdrießlich darüber , daß Flies sich so heiter und frei zu fühlen schien , während er selbst sich von dessen gutem Willen mehr als ihm lieb war abhängig wußte , verlangte den Vorschlag zu hören . Herr Flies zog die Briefe , welche er von dem Freiherrn erhalten hatte , aus seiner Brusttasche hervor und sagte : Verstehe ich die Meinung Ihres letzten Briefes recht , Herr Baron , so wünschen Sie außer der Summe , welche auf Rothenfeld jetzt aufgenommen war , eine zweite Hypothek in gleichem Betrage auf Rothenfeld , und eine eben so große auf Neudorf eintragen zu lassen . Der Freiherr bejahte das ; Flies machte ein nachdenkliches Gesicht . Es war dem Freiherrn , als säße er angeklagt vor seinem Richter . Die Posten sind stark , hob nach kurzem Schweigen der Kaufmann an , und Geld ist theuer ! Es wird Ihnen große Zinsen kosten , Herr Baron , Zinsen , die kaum aufzubringen sein werden , wenn wir einmal ein Mißjahr haben , wie eben jetzt , und vollends wenn der Krieg .... Der Freiherr wurde ungeduldig . Das sind Vorstellungen und keine Vorschläge , mein lieber Flies ! rief er , ihn unterbrechend . Die ersteren habe ich mir selber längst gemacht , wollen Sie mich die anderen hören lassen ? Ich weiß nicht , ob sie dem Herrn Baron passen werden , hob jener an . Ich denke mein Geschäft mit Nächstem einmal aufzugeben . Natürlich , Sie sind ein reicher Mann ! rief der Freiherr , dem die Gemächlichkeit des Kaufmannes unerträglich dünkte . Nun , ich habe allenfalls zu leben , entgegnete dieser mit Gelassenheit , und ich fühle , daß es mir nicht mehr bekommt , die ganzen Tage im Laden und im Comptoir zu stehen . Fünfunddreißig Jahre solcher Arbeit lasten auf dem Menschen , und meine Frau hat auch ihre Ruhe verdient . Meine Tochter .... Liebster Flies , unterbrach ihn der Freiherr , Sie dürfen glauben , daß Ihr Wohlergehen mich freut , aber die Vorschläge , welche Sie mir zu machen hatten .... Hangen damit eben zusammen , Herr Baron ! versicherte der Kaufmann . Wer sich zur Ruhe setzen will , muß vorsichtiger werden , als der Geschäftsmann , darf nicht Alles auf eine Karte , auf einen Wurf setzen und muß sich für den Fall , daß die Ruhe ihm doch nicht zusagt , immer ein Capital zur Hand halten , mit dem sich allenfalls einmal wieder etwas anfangen läßt . Ich wäre nicht abgeneigt , Geld auf Rothenfeld herzugeben , es ist ein schönes Gut ; auch Neudorf ist ein schönes Gut , und es würde sich auch wohl auf Neudorf ein Capital beschaffen lassen ; aber die zweite Hypothek auf Rothenfeld würde mir nicht conveniren , Herr Baron , und deßhalb wollte ich Ihnen den Vorschlag machen , ob Sie nicht etwas von Ihrem liegenden Besitze verkaufen wollten ? Der Freiherr fuhr auf : Verkaufen ? - Sie werden doch nicht glauben , daß ich eines meiner Güter zu verkaufen denke ? Sie denken doch nicht daran , daß ich Neudorf oder gar Rothenfeld , wo ich eben jetzt die Kirche baue , verkaufen soll ? Herr Flies lächelte kaum merkbar , und mit einem Blicke seiner klugen Augen , den ein Achtsamer nicht mißverstehen konnte , sagte er : Wie sollte ich adelige Güter kaufen wollen , Herr Baron , und vollends die neue Kirche , was sollte mir die ? - Nein , Herr Baron , ich dachte an Ihre Güter nicht ; aber wie wäre es mit dem Hause , das der Herr Baron von der Fräulein Tante in Berlin ererbten ? Es steht leer , wie ich gesehen habe . Der Freiherr schwieg , denn obschon der Vorschlag , der ihm am leichtesten aus den Verlegenheiten helfen konnte , ihm sofort einleuchtete , widerstrebte ihm doch der Gedanke , sich irgend eines Besitzthumes zu entschlagen , auf das äußerste . Während er sonst seines Hauses in der Residenz mit großer Gleichgültigkeit gedachte , stand es ihm jetzt in seiner ganzen Würdigkeit vor Augen , und er fühlte sich mit mannigfachen Banden und Erinnerungen an dasselbe gefesselt . Was wollen Sie denn mit einem solchen Hause thun ? fragte er endlich . Herr Flies lächelte abermals , und so , daß der Baron es sehen mußte . Was ich damit machen will ? - Ich war im vorigen Jahre mit Frau und Tochter in der Residenz und es hat den beiden dort gefallen . Meine Tochter liebt Musik , liebt das Theater , und ich habe nur das eine Kind . Ich denke deßhalb nach der Residenz zu ziehen , und das Haus der Fräulein Tante ist mit seinem großen Garten recht wie meine Tochter es sich wünscht . Der Freiherr biß sich unwillkürlich auf die Lippe . Er hatte den Mann zu schonen , den er brauchte , aber es fiel ihm schwer , ihm nicht zu sagen , daß und wie sehr dieser Vorschlag ihm ungeeignet scheine , ja wie sehr er ihn beleidige . In seinem Hause , in dem Hause , an welchem , seit sein Großvater es erbaut , das stolze Arten ' sche Familienwappen prangte , sollten Handel und Gewerbe künftig ihr Wesen treiben ? Wo Fräulein Esther den Besuch des großen Friedrich empfangen , sollten Judenfrauen ihren Kaffee trinken ? Nimmermehr ! Er stieß den Gedanken weit zurück ; der Kaufmann fügte sich augenblicklich , aber er wollte nun auch von dem anderen Darlehn nichts wissen , weil er , so lange er nicht nach der Residenz übersiedele , seine hiesigen Geschäfte , für die er seine ganzen Capitalien brauche , fortzuführen denke ; und da der Freiherr , beleidigt durch den Zwang , den Flies ihm anthun zu wollen schien , sich weder zum Nachgeben noch zu einem eingehenden Verhandeln geneigt bewies , so empfahl sich jener , die ganze Angelegenheit ruhig dem Ermessen des Freiherrn überlassend . Drittes Capitel Einige Tage waren seit diesem Gespräche vergangen , und der Freiherr hatte sie nicht angenehm verlebt . Die Baronin fuhr zwar täglich aus , um ihrem Sohne die Stadt und deren Merkwürdigkeiten zu zeigen und sich an der Freude des Knaben zu ergötzen , aber die ungewohnte Lebensweise regte sie auf , die Luft in den enggebauten Straßen schien ihr sehr drückend , und der Ausspruch des zu Rathe gezogenen Arztes hatte auch nicht tröstlich gelautet , obschon er keine bestimmte Erklärung von sich gegeben . Es war für den Winter von einem Aufenthalte in einem milden Klima die Rede gewesen , Italien , an das man dabei dachte , konnte jedoch unter den obwaltenden politischen Verhältnissen nicht wohl zum Aufenthalte einer Leidenden gewählt werden . Dazu erinnerte der Freiherr sich mit Unbehagen und Bedenken des Geldaufwandes , welchen einst die italienische Reise seiner Mutter und seiner verstorbenen Schwester erfordert hatte ; und sollte er auch die Gattin , wie die Schwester , über die Alpen gehen und nicht lebend wiederkehren sehen ? Er liebte Angelika nicht mehr , aber die Vorstellung , die junge , schöne Frau vor sich sterben zu sehen , ging ihm doch nahe , und dabei wollten seine Geldangelegenheiten sich durchaus nicht , wie er es wünschte , ordnen lassen . Die Kaufleute , denen es bekannt war , daß die Herren von Arten bisher alle ihre Geschäfte mit dem Hause Flies gemacht hatten , und die es wußten , wie dieses wohl im Stande wäre , das anscheinend so sichere Darlehn zu leisten , wurden mißtrauisch , eben weil man ihnen das Geschäft anbot . Denn der bisherige Banquier der Herren von Arten konnte es sicherlich nur aus einem wichtigen Grunde zurückgewiesen haben . Sie zögerten , machten Schwierigkeiten , verlangten , wie Herr Flies es dem Baron vorausgesagt hatte , Zinsen , die ihn zu neuen Anleihen nöthigen mußten , und da der Freiherr auf solche Weise nun an sich selber die alte Erfahrung bestätigt fand , daß Geld und Credit für denjenigen , der sie braucht , stets schwer zu haben sind , so sah er sich immer wieder auf den Hausverkauf hingewiesen . Die Nothwendigkeit hat eine überzeugende und verführerische Beredsamkeit . Je länger er ihr gegenüberstand , um so mehr räumte es sich der Freiherr ein , daß er eigentlich niemals Freude an dem Hause in der Residenz gehabt und daß Keiner der Seinigen dort gern oder glücklich gelebt habe . Seit es erbaut worden , hatte es mit Ausnahme kurzer Besuche , welche die Familie in der Stadt gemacht , fast immer leer gestanden , bis Fräulein Esther es bezogen ; und weder die Erinnerungen an sie , noch jene , welche sich an die sechs Monate knüpften , die der Freiherr mit Angelika nach seiner Verheirathung in der Residenz zugebracht hatte , waren von der Art , ihn an das Haus zu fesseln . Auffallen konnte es Niemandem , daß er es verkaufte , da er es nicht benutzte . Die Schwierigkeiten , mit denen die grillenhafte Besitzerin die Abtretung des Grundstückes an einen Anderen belastet hatte , waren nicht unüberwindlich ; und daß Herr Flies , den er als einen bequemen Geschäftsmann kannte , sich nicht kleinlich zeigen würde , wo er für sich und seine Familie etwas Angenehmes zu erreichen wünschte , darauf meinte der Freiherr rechnen zu dürfen . Die Angelegenheit ließ ihm keine Ruhe , sie beschäftigte ihn am Tage , sie quälte ihn in der Nacht . In seinen Träumen ging er mit seinem Sohne in dem alten Hause umher , und von den Wänden stiegen die Bilder der Tante herab und verfolgten ihn und den Knaben mit leidenschaftlicher Hast , daß er sich und das Kind nicht vor ihnen zu retten wußte . Wenn er angstvoll die Thüre und das Portal des Hofes erreicht hatte , so stand die Tante auch da wieder vor ihm und wehrte ihm den Ausgang ; und jenseit des Gitters thürmten sich dichte Wolken auf , aus denen der Juwelier mit seinem zufriedenen Lächeln auf ihn herniedersah und ihn fragte : Was wollen Sie mit dem alten Hause , Herr Baron ? Es ist darin für Sie nicht mehr geheuer ! Am Morgen nach einer solchen Nacht beschloß er , ein Ende damit zu machen , nur um der lästigen Gedanken los zu werden ; aber der Mittag kam heran , ehe er sich dazu bringen konnte , den darauf bezüglichen Brief zu schreiben . Herr Flies saß in behaglicher Sonntagsruhe mit Frau und Tochter in dem Garten hinter seinem Hause , als ihm das Schreiben des Freiherrn zu Händen kam , und da die Kriegsräthin mit ihrem Manne zu einer Picknickpartie auf das Land gefahren war , verstand es sich von selbst , daß Paul den freien Tag bei seinen Freunden und Beschützern zubrachte . Von dem Herrn Baron von Arten ! sagte der Diener , als er Herrn Flies den Brief übergab . Die Mutter warf dem Vater einen Blick des Einverständnisses zu , den er nicht beachtete . Er las das kurze Schreiben , sagte , daß er nicht ermangeln werde , sich morgen in der Frühe einzustellen , und entließ den Diener . Die Mutter fragte nichts , Herr Flies sprach auch nicht von der Sache ; da sie aber Alle wußten , um was es sich handelte , konnten sie sich denken , was der Brief bedeute , und nur Paul sah fortwährend nach Herrn Flies hinüber , als wünsche er in den Mienen desselben die Antwort auf eine Frage zu lesen , die er nicht zu thun wagte . Er vermochte nicht bei dem Buche zu bleiben , mit dem er beschäftigt gewesen war ; er stand auf , ging fort , kam wieder - man war nicht gewohnt , ihn so unstät zu sehen . Endlich , als Seba sich erhob , um einen Auftrag für die Mutter auszurichten , folgte er ihr nach , und seinen Arm in den ihrigen legend - denn der vierzehnjährige Knabe war fast so