dagegen thun ! Sie wissen , der Graf haßt Sie eben so sehr wie den Fürsten . Wenn er seinem Hasse nicht nachgiebt und das Wort ausspricht , das Mutter und Sohn auf immer trennen würde , so ist es nicht Furcht vor der Schande - wann hätte sich der Graf jemals etwas aus der Schande gemacht ! - sondern nur Furcht vor der Armuth , die er noch mehr haßt , als Mutter und Sohn zusammengenommen . Lassen Sie ihn heute erfahren , daß ihm sein Schweigen nichts mehr einbringt , und er wird es morgen brechen . Die Gräfin ächzte wie eine Gefolterte , indem sie ihre mageren Hände zusammenpreßte . O , Nadeska , Nadeska , wimmerte sie ; warum mußte der Graf in jenem unglückseligen Augenblick kommen ! warum mußtest Du Deinen Posten verlassen in dieser einen Stunde , die Alles entschied ! Nur fünf Minuten vorher gewarnt , und der Graf hätte mich allein gefunden , und wie groß auch sein Verdacht sein mochte , er hätte auch diesmal keine Beweise gehabt . Nadeska stand seitwärts und etwas hinter der Gebieterin . Sie konnte also ungestraft eine höhnische Fratze ziehen , bevor sie in noch demüthigerem Tone antwortete : Verzeihen Sie , Fürstin ! dieses Mal war doch auch ohne das ein sehr sprechender Beweis da . Freilich , ein böser Zufall war es immer , daß die Geburt des Fürsten neun Monate nach der Nacht erfolgte , in welcher er von einem fremden Manne , den er im Zimmer seiner Gemahlin fand , zwanzig Fuß hoch durch das Fenster auf den Schnee geworfen wurde . Die Erinnerung an diesen Vorfall verscheuchte für diesen Augenblick die Melancholie der Fürstin . Die lächerlichen , abscheulichen Scenen jener tollen Nacht zogen mit Klarheit an ihrem inneren Auge vorüber , und das Bild des Helden derselben , des Mannes aus dem Volke , den die hochgeborene Dame mit ihrer Gunst beehrt hatte , erschien ihr wieder , wie es ihr damals erschienen war : ein Ideal übermüthiger Jugend und Manneskraft . Ob er wohl noch lebt ? fragte sie , ganz in diese Erinnerung verloren . Wer , meine Fürstin ? fragte Nadeska , die recht gut wußte , an wen die Gebieterin jetzt dachte . Die Fürstin antwortete nicht , und Nadeska begann geräuschlos die Lichter in dem Salon anzuzünden . Eine wollüstige Dämmerung verbreitete sich in dem Gemache , die heller und heller wurde , ohne den sanften Charakter zu verlieren , denn sämmtliche Lichter brannten in Kelchen von rosigem Glase . Es war dies das einzige Licht , welches die reizbaren Nerven der Fürstin ertragen konnten ; auch am Tage , der für sie erst spät am Nachmittage anfing , waren die Fenster stets mit rosenrothen Vorhängen geschlossen ; Spötter behaupteten , die Fürstin scheue das freche Licht des Tages nur , weil es für ihren durch eine ausschweifende Jugend und ein frühes Alter verwüsteten Teint allzu ungünstig sei . Nadeska hatte eben die letzte Kerze angezündet , als die diensthabende Kammerzofe in das Gemach schlüpfte und ihr etwas in ' s Ohr flüsterte . Was giebt ' s , Nadeska ? fragte die Fürstin . Der Graf läßt sich melden , erwiderte die Vertraute . Die Fürstin schrak zusammen . Was kann er wollen ? sagte sie ; er sollte jetzt auf dem Bahnhofe sein ! Er wird sich in der Zeit geirrt haben . Möglich . Laß ihn kommen , aber bleib ' im Zimmer . Auf einen Wink Nadeska ' s entfernte sich die Kammerzofe , die in demüthiger Haltung an der Thür gewartet hatte . Gleich darauf trat raschen Schrittes der Graf Malikowsky herein , kam auf die Fürstin zu , küßte ihr verbindlich die Hand und sagte , indem er sich in einen der Lehnstühle , die um den Kamin herum standen , sinken ließ : Sie wundern sich , Alexandrine , daß ich nicht mit den Andern zugleich erscheine - In der That . Glauben Sie nicht , daß es Mangel an Aufmerksamkeit für die Braut meines Sohnes ist - der Fürst sprach dies letztere Wort mit ganz besonderer Betonung und zeigte dabei seine falschen weißen Zähne - im Gegentheil ! gerade die zarte Sorge , die ich dem Wohl des jungen Paares widme , treibt mich , ich kann sagen , athemlos hierher . Eine Entdeckung , die ich heute - aber , darf ich bitten , Alexandrine , daß sich Ihre Kammerfrau entfernt ; meine Mittheilung erfordert unbedingtes Geheimniß - flüsterte der Graf , sich zu seiner Gemahlin hinüberbeugend . Laß und allein , Nadeska , aber bleib ' im Nebenzimmer , sagte die Fürstin . Alexandrine , sagte der Graf , als sich die Kammerfrau entfernt hatte , um in dem Nebenzimmer ihr Ohr an das Schlüsselloch zu legen ; Sie hatten gestern nicht die Güte , meiner , durch hartnäckige Verluste im Spiel erschöpften Casse mit der geringen Summe , um die ich Sie bat , auszuhelfen . Nun hätte ich das übel nehmen können in Anbetracht des eigenthümlichen Verhältnisses , in welchem wir zu einander stehen ; indessen : ich für meine Person weiß mich einzuschränken und möchte um Alles in der Welt nicht Ihnen , oder meinem Sohne beschwerlich fallen . Um so mehr thut es mir leid , daß ich schon wieder Ihre Casse in Anspruch nehmen muß , diesmal freilich nicht für mich , sondern für Jemand , der allerdings größere Ansprüche machen kann , als ich . Ich bin nicht so glücklich , den Sinn Ihrer Worte auch nur zu ahnen , erwiderte die Fürstin , sich mit halb geschlossenen Augen in die Kissen ihres Stuhles zurücklehnend . Vielleicht , sagte der Fürst , indem er in die Tasche seines Fracks faßte und einen Brief herausnahm , den er mit den in gelbe Glacéhandschuh gepreßten zitternden Händen auf seinem Knie entfaltete , wird dieser Brief , der mir vor einer halben Stunde durch einen jungen Menschen überbracht wurde , die gewünschte Aufklärung geben . Erlauben Sie , daß ich Sie mit der Lectüre desselben behellige . Der Graf wartete keine Antwort ab , sondern klemmte seine goldene Lorgnette auf die Nase und las , indem er dabei von Zeit zu Zeit über die Gläser weg auf die Fürstin hinüberblickte : Hochgeborner Herr Graf ! In dem Augenblicke , wo Se . Durchlaucht der Fürst Waldernberg seine junge Braut , Baroneß Helene von Grenwitz , in die Arme der Fürstin Mutter führt , ist es gewiß wünschenswerth , daß unter allen Mitgliedern der Familie die Harmonie walte , ohne welche auch weniger wichtige Feste leicht einen unerfreulichen Charakter annehmen . Sie selbst , hochgeborener Herr Graf , haben , indem Sie über gewisse Vorgänge , welche in der Nacht vom 21. bis 22. September 1824 im Hotel Letbus in St. Petersburg stattfanden , den Schleier christlicher Liebe und weiser Vergessenheit fallen ließen , ein Beispiel gegeben , dem ich gern folgen würde , wenn die Umstände es mir erlaubten . So aber bleibt mir nur die Alternative , meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht selbst zu befürworten , oder Denjenigen , welche Ursache haben , gewisse Dinge vor Sr. Durchlaucht zu verheimlichen , mit derselben beschwerlich zu fallen . Ich erlaube mir deshalb , mich an Se . Excellenz den Grafen Malikowsky , als die zur Vermittelung des Geschäfts geeignetste Person zu wenden , mit dem Ersuchen , mir unverzüglich 50,000 ( schreibe fünfzigtausend ) Silber-Rubel bei einem der hiesigen Banquiers anzuweisen , widrigenfalls ich mich eben genöthigt sehen würde , Sr. Durchlaucht selbst in Person meine Aufwartung zu machen . In der Zwischenzeit ( die ich auf acht Tage de dato bestimmen möchte ) verharre ich u.s.w. Director Caspar Schmenckel aus Wien . P.S. Sollten Sie vorziehen , persönlich mit mir zu verhandeln , so bin ich jeden Abend von 7 Uhr an im » Dustern Keller « , Gertrudenstraße Nr. 15. zu finden . D.O. Nun , was sagen Sie , Alexandrine ? fragte der Graf , indem er seine Lorgnette fallen ließ und den Brief wieder in die Tasche steckte . Daß das Ganze ein schlecht erfundenes Märchen von Ihnen ist . Comment ? rief der Graf in einem Erstaunen , das diesmal nicht affectirt war . Glauben Sie wirklich , mein Herr , sagte die Fürstin , zitternd vor Wuth und einer heimlichen Furcht , es könne doch etwas Wahres an der Sache sein , daß ich in eine so plumpe Falle gehen werde ? daß ich nicht sehe , wo das Alles hinaus soll ? daß Sie auf diese schamlose Erfindung nur deshalb gefallen sind , weil ich Ihrer tollen Verschwendung nicht auch noch den Rest meines Vermögens opfern will ? Wahrhaftig , Alexandrine , wer Sie so hörte , sollte glauben , daß Ihr Gewissen so rein wäre , wie meine Handschuhe . Der Zorn macht Sie ja blind , Theuerste ! Bemerken Sie doch gütigst , daß in dem Briefe Dinge vorkommen , von denen ich gar keine Ahnung habe , noch haben kann , zum Beispiel : der so überaus aristokratische Name des betreffenden Ehrenmannes . Bekanntlich hatte ich bis jetzt noch nicht die Ehre , zu wissen , wessen Blut in den Adern meines Sohnes fließt . Und übrigens haben Sie ja ein unfehlbares Mittel , die Echtheit dieses Briefes zu ermitteln . Lassen Sie sich den Verfasser - ich meine den des Briefes - kommen ! er wird sich doch in den fünfundzwanzig Jahren so sehr nicht verändert haben , daß Sie ihn nicht wieder erkennen sollten . Sie denken , ich werde das nicht thun ? Sie irren sich . Ich bestehe darauf , daß Sie mir diesen Popanz , mit dem Sie mich einzuschüchtern versuchen , vorführen . Geben Sie mir den Brief ! Warum nicht ? erwiderte der Fürst ; hier ! Aber , Alexandrine , ich hoffe , daß diese Zusammenkunft in meinem Beisein geschieht , sonst würde ich mich vor Eifersucht nicht zu lassen wissen . Teufel ! O , mein Engel , nennen Sie so den Mann , dem Sie so viel Dank schuldig sind ? Dank schuldig ? Ihnen ? Ich , der ich Sie aus dem Elend aufgelesen habe ! Wofür ich Ihnen einen ehrlichen Namen gab . Einen ehrlichen Namen , der durch jedes schnödeste Laster und jede schändlichste Sünde geschleift - Und doch immer noch gut genug war für die Freundin - Hüten Sie sich ! Weshalb ? der Himmel ist hoch und der Czar ist weit . Uebrigens haben Sie recht , zu verlangen , daß auf dieses eine Verhältniß kein übermäßiger Werth gelegt werde . Weiß doch Jedermann , daß Ihnen in einer gewissen Beziehung jeder Rang und Stand gleich war . Das geht zu weit , ich - Beruhigen Sie sich , ma chère ! Ich höre so eben einen Wagen vorfahren . Jedenfalls sind es die lieben Unsrigen . Wir müssen Ihnen ein Beispiel ehelicher Liebe und Freundschaft geben . Es war ungefähr zwei Stunden später . Helene von Grenwitz wanderte , nachdem sie die Kammerfrau verlassen hatte , unruhig in ihrem Zimmer auf und ab . Die Baronin , welche von der Reise sehr angegriffen war , hatte sich bereits in ihr Schlafgemach begeben . Helene konnte nicht schlafen . Ihre Seele war von einer unbestimmten und deshalb um so fürchterlicheren Angst bedrückt . Sie kam sich inmitten der Herrlichkeit , die sie umgab , vor , wie ein Kind in einem verzauberten Schlosse , wo aus jedem Winkel , in welchen der Schein der Lichter weniger hell fällt , hinter jeder seidenen Gardine , die der Luftzug leise bewegt , ein unsägliches Grauen hervortreten kann . War das die Erfüllung ihrer stolzen Hoffnungen ! Sie vermochte den Eindruck , den der Empfang im Salon der Fürstin auf sie gemacht hatte , nicht wieder los zu werden . Noch immer fühlte sie die eisig kalten Lippen der Fürstin auf ihrer Stirn ; noch immer sah sie das widrig freche Lächeln des Grafen und die finstere Miene des Fürsten . Es war ein unheimlicher Geist , der durch dieses Haus ging . Und diesem Geist hatte sie sich ergeben , hatte sie ihre Freiheit , ihre Mädchenträume , ihre Zukunft geopfert ! Um was dafür zu gewinnen ? hohe Stellung , Reichthum ! - Wie wenig begehrenswerth ihr das Alles in diesem Augenblicke vorkam ! wie gern sie das Alles hingegeben hätte , ein Ahnung des seligen Glücks zurückzurufen , das in dem Sommer des vergangenen Jahres ihr Herz erfüllt hatte , wenn sie aus ihrem kühlen Gemach in den goldigen Morgensonnenschein des Parkes hinaustrat und , langsam zwischen den Blumenbeeten auf - und abwandelnd , bei jeder Wendung um ein dichteres Bosquet Oswald zu begegnen hoffte . Wie weit , wie unerreichbar weit lag jetzt dies Alles hinter ihr ! weit , wie das Paradies der Kinderjahre , das kein Sehnen und kein Frühling zurückbringt ! Wieder und immer wieder schweiften ihre Gedanken nach Grenwitz ; tausend kleine Scenen , die sie vergessen zu haben glaubte , erwachten in ihrer Erinnerung , - ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder , als die Abendsonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldstrahlenden Aether hing und über dem reifenden Korn glänzende Lichter wogten , während hoch über ihnen , verloren im tiefen Blau des Himmels , die Lerchen jubelten ; ein anderes Mal , als sie am heißen Nachmittage , ermüdet von dem monotonen Summen und Schwirren der Insekten , auf einer Bank in einem kühlen Baumgang des Gartens eingeschlummert war und sie in dem Augenblick erwachte , als ihr Jemand - es war Bruno - einen Kranz von dunkelrothen Rosen auf ' s Haupt setzte , während wenige Schritte davon entfernt ein Anderer - Oswald war ' s - hinter einem Baum versteckt lauschte . Und immer waren es Bruno und Oswald , welche die friedlichen Bilder belebten - elysische Gestalten in elysischen Gefilden ! Waren doch Beide todt ; - Helene hatte , als Oswalds Flucht mit Emilie das unerschöpfliche Thema des Gesprächs in Grünwald war , unbeschreiblich gelitten , denn erst jetzt , als sich eine Welt zwischen ihn und sie gelegt , fühlte sie , wie theuer ihr dieser Mann gewesen war . Zwar bemühte sie sich ernstlich , diese Leidenschaft zu bemeistern und sich mit dem Schicksal , das sie sich doch schließlich selbst bereitet , auszusöhnen ; aber nur zu oft ertappte sie sich darauf , daß sie die Persönlichkeit ihres Verlobten mit der Oswalds verglich , um immer wieder zu dem Resultat zu kommen , daß Jenem Alles fehlte , was diesen in ihren Augen so liebenswürdig gemacht hatte : die anmuthig elegante Gestalt und Haltung , die geistvollen und doch so zärtlichen Augen , die tiefe und doch so weiche Stimme , der immer wechselnde und immer interessante Ausdruck des edlen Gesichts . - - Nie hatte sie lebhafter als an diesem Abend gefühlt , wie stumm ihr Herz ihrem Verlobten gegenüber war . Sie dachte mit Entsetzen daran , daß , als der Generalmarsch auf der Straße geschlagen wurde , von fern her das Brausen und Toben der Volksmenge ertönte und der Fürst aufsprang , um an seinen Posten zu eilen , sie weiter nichts empfunden hatte , als daß dies eine vortreffliche Gelegenheit sei , sich in ihre Gemächer zurückzuziehen . Und immer schwerer wurde dem jungen Mädchen das Herz , und immer trüber wurde es vor ihren Augen . Sie kam sich grenzenlos unglücklich vor ; sie hatte Mitleid mit sich selbst , daß sie so allein sei , daß Niemand ihren Kummer theile . Aber hatte sie sich denn diese isolirte Stellung nicht selbst bereitet ? hatte sie die guten Menschen , die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren , nicht mit kühler Höflichkeit zurückgewiesen ? Wie sehnte sie sich jetzt nach dem braven alten Fräulein Bär , nach der klugen , herzigen Sophie Robran ! Aber war nicht Sophie in der Residenz ? konnte sie die Freundin , die sie in der letzten Zeit in Grünwald so vernachlässigt hatte , hier nicht wieder aufsuchen ? Helene klammerte sich an diesen Gedanken wie an einen Rettungsanker , und fragte sich seufzend , während sie ihr schönes Haupt in den seidenen Kissen verbarg , ob sie denn wirklich die stolze Helene sei , die gemeint hatte , einsam ihre Bahn , wie ein Stern über den Himmel , ziehen zu können , unbekümmert um das Treiben der Menschlein da unten in den niederen Menschenhütten ! Vierundvierzigstes Capitel Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu . Vergebens , daß man Truppen über Truppen ansammelte und Tag und Nacht in den Casernen zum Gefecht bereit hielt ; daß man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinander trieb und die Schreier auf alle Weise einzuschüchtern suchte . Jeder Tag brachte neue und immer verhängnißvollere Unruhen ; die Ansammlungen des Volks , besonders auf den weiten Plätzen in der Nähe des Schlosses , wurden immer bedrohlicher : immer öfter ertönte die aus gellendem Pfeifen und Hurrahrufen eigenthümlich componirte Volksfanfare , und immer seltener konnte das durch wochenlangen überstrengen Dienst gegen das Volk erbitterte Militär diesem prickelnden Reizmittel widerstehen . Immer häufiger wurde auf jener Seite von den Pflastersteinen , die man schon hier und da aufzureißen begann , auf dieser von der blanken Waffe Gebrauch gemacht . Bereits war die Zahl der mehr oder weniger schwer Verwundeten , welche in die öffentlichen Hospitäler abgeliefert waren , sehr bedeutend . Besonders verhängnißvoll war der letzte Abend gewesen . Eine Abtheilung Gardekürassiere hatte , mit verhängten Zügeln und gezogener Waffe dahersprengend , einen Volkshaufen in eine der dem Schlosse benachbarten Straßen hineingetrieben , deren Ausgang von der andern Seite durch ein Piket Dragoner besetzt war , welche Niemand durchließen . Eine Scene grauenhafter Verwirrung entstand in dieser von beiden Seiten zusammengequetschten Menge , in welche die Reiter , links und rechts Säbelhiebe austheilend , erbarmungslos ihre Pferde hineinzwangen . In das Angstgeheul der Weiber und Kinder , in das Rachegeschrei der Männer mischten sich die Flüche der Soldaten , aber auch Drohungen und Verwünschungen , die ihnen aus den Fenstern der Häuser von friedlichen Menschen zugerufen wurden , welche erst der Lärm in der Straße von ihrer Arbeit aufgeschreckt hatte . - So verbreitete sich die Bewegung in immer weiteren Kreisen , und selbst in den entferntesten Stadttheilen bildeten sich Gruppen auf den Straßen , als man erfuhr , daß auch die wegen ihres Leichtsinns verrufene Kaiserstadt an der Donau eine vollständige Revolution gemacht , daß auch dort das alte System gestürzt und der Vater der völkerberückenden Cabinetspolitik , der Altmeister , durch dessen erbärmliche Künste ein ganzes Menschenalter sich hatte gängeln lassen , aus seiner Herrscherstellung vertrieben sei . Man jauchzte diesen ungeheuren Thaten , die noch einen Monat vorher die Sanguinischsten für unmöglich erklärt haben würden , tausendstimmigen Beifall zu , und Einer fragte den Andern : ob man die schändlichen Mißhandlungen einer Kaste dulden solle , wenn es nur eines muthigen Entschlusses bedürfe , um Freiheit und Gleichheit im Staate wieder herzustellen ? Während so nach und nach selbst die Gleichgiltigsten in den Strudel der Revolution hineingezogen wurden , saß Einer auf seinem Zimmer , unbekümmert um Alles , was rings um ihn her vorging , in apathischer Regungslosigkeit . Als Oswald gestern Abend von seinem ziellosen Umherirren in den menschenüberfüllten Straßen nach Hause kam , das Zimmer leer und den Brief von Emiliens Bruder auf dem Tische fand , hatte er so laut aufgelacht , daß eine alte Dame , welche die Zimmer nebenan bewohnte , aus ihrem ersten Schlaf aufgeweckt wurde . Dann hatte er sich auf das Sopha geworfen ; er war zu abgespannt und müde , um zu Bett gehen zu können . Aber nach einiger Zeit fuhr er mit einem Schrei in die Höhe . Er war mit Emilien Arm in Arm am Rande eines Abgrunds , liebkosend und Liebe flüsternd , einherspaziert ; plötzlich war sie von seiner Seite in die Tiefe gestürzt , von Fels zu Fels , in schauderhafte Schlünde , aus denen ihr Jammern und Hülferufen bis zu ihm empordrang . Oswald suchte lange vergeblich das entsetzliche Bild loszuwerden , es hatte sich allzutief in sein überreiztes Gehirn geprägt . Er hätte gern im Schlaf Ruhe und Vergessenheit gesucht , aber obgleich er sich noch matter wie vorher fühlte , war doch die Müdigkeit ganz von ihm gewichen . Tausend Gedanken und Bilder jagten sich in regelloser Folge durch seinen Kopf , ohne daß er im Stande gewesen wäre , diesen tollen Spuk zu bannen . Er konnte nichts , als unthätig dem Treiben der Fiebergeister zusehen . Die Scenen der letzten Tage vermischten sich unaufhörlich mit Bildern aus der frühesten Jugend ; und der große Herr , mit dem sie auf der letzten Station in einem Coupé gefahren , verwandelte sich urplötzlich in den alten Ausrufer seiner Vaterstadt , dessen Klingel für die Buben so anziehend gewesen war , wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln . Gewaltsam raffte er sich aus diesem Zustand auf . Er zog die Glocke und bat , das Feuer , das ausgegangen war , wieder anzumachen . Dann setzte er sich an das Feuer und dachte an die ersten Abende in Paris , wo er in seiner bescheidenen Wohnung in dem fünften Stock eines Hauses im Quartier Latin mit Emilie am Kamin saß und sie sich gegenseitig gratulirten , endlich einmal » bei sich zu Hause « zu sein . Sie hatten sich über das Bedenkliche ihrer Lage mit Scherzen und Küssen hinwegzuhelfen gesucht und herrliche Pläne für die Zukunft geschmiedet . Aber aus der goldigen hoffnungsreichen Zukunft war eine graue trostlose Gegenwart geworden ; die Scherze waren verstummt , und die Küsse waren kälter und kälter geworden . Und dann kamen Abende , wo Oswald , verstimmt und mißmuthig über vergebliche Wege zu Verlegern , die von seinen Manuscripten » keinen Gebrauch machen konnten « , nach Hause kam und Emilie in Thränen fand - in Thränen , von denen er sich sagen mußte , daß er und nur er allein sie verschuldet hatte . Dann kamen unseligste Scenen , wo die Reue über die eigene Thorheit sich hinter Anklagen des Wankelmuthes und der Lieblosigkeit des Anderen verbarg und in dem Hinüber und Herüber unfreundlicher Worte der Liebe zartes Blümlein mitleidslos zertreten ward . Und doch war es hier immer Emilie gewesen , die die Hand zur Versöhnung geboten hatte . Ich mache Dir keine Vorwürfe , hatte sie dann oft gesagt , ich wäre ganz glücklich , wenn ich nur sähe , daß Du es bist . Aber daß Du es nicht bist , durch meine Schuld nicht bist , das preßt mir Thränen aus . Oswald hatte damals gezweifelt , daß sie die Wahrheit gesprochen ; - heute sagte ihm eine Stimme , daß es doch so war und daß sie ihn nie verlassen haben würde , wenn er nicht selbst sie von sich getrieben hätte . Er nahm den Brief , den er auf dem Tische gefunden , und starrte auf das : » Lieber , lieber Oswald « - das von Emiliens zitternder Hand geschrieben und hernach von der andern Hand durchgestrichen war und auf die beiden Flecken auf dem Papier - die Spur der Thränen , die ihr die Trennung von ihm ausgepreßt hatte . Er ließ den Brief in die Flamme fallen und seufzte tief , als er sah , wie sie gierig das Blatt erfaßte und verzehrte und der Zugwind die schwarze Asche davonführte . So war auch das vorbei , vorbei ! Und wie er , den Kopf in die Hand gestützt , in die verglimmenden Kohlen starrte , fingen die Fiebergeister wieder an , ihre tollen Tänze zu tanzen . Bildschöne Gesichter sahen ihn an mit großen , liebevollen Augen und schnitten dann plötzlich eine häßliche Mohrenfratze ; Director Clemens und Professor Snellius kamen gravitätisch einhergeschritten im wichtigen Gespräch , das sie auf einmal abbrachen , um eine übermüthige Polka zu tanzen ; Melitta , Helene und Emilie schwebten rosenbekränzt in einer goldenen Wolke hernieder , die zu einem Regen wurde , in welchem die drei Hexen aus dem Macbeth ihre Schlangenhaare schüttelten . - So verging die lange , bange Nacht . Als die Dämmerung in die Fenster hereingraute , wurden die Fiebergeister blasser und immer blasser . Er öffnete das Fenster und ließ den kalten Morgenwind seine heißen Schläfe kühlen . Das erquickte ihn etwas ; aber als es auf der Straße anfing , lebhafter zu werden , schloß er das Fenster wieder und ließ die Vorhänge herunter ; er mochte von dem Leben , das er so haßte , nichts sehen und nichts hören . In dem Hotel war Emiliens Flucht nicht eben aufgefallen . Der Einzige , welcher etwas Genaueres von der Sache wußte , der Portier , fühlte , im heimlichen Bewußtsein seiner Mitschuld , keine Neigung , sich weiter darüber auszusprechen . Man glaubte also , wenn man überhaupt in diesen vielbewegten Tagen Zeit hatte , sich um solche Nebensachen zu bekümmern , daß die Dame nicht , wie man anfänglich gemeint , die Gemahlin , sondern die Schwester des Herrn , und der zweite Herr , der sie abgeholt , der Gemahl der Dame gewesen sei . So nahm auch die Wirthin des Hotels , Frau Hauptmann Schwarz an , als sie am Mittag des folgenden Tages sich bei Oswald , melden ließ . Frau Hauptmann hatte die Gewohnheit , sich , wenn ihre Gäste drei Nächte unter ihrem Dache geschlafen , am vierten Tage persönlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wünschen zu erkundigen , und auf diese Weise eine Art von persönlichem Verhältniß anzubahnen , wie es ihrem Herzen Bedürfniß war . Nun war Oswald freilich erst gestern Abend gekommen , aber der junge Mann hatte in dem Blick seiner Augen und dem Ton seiner Sprache ein Etwas gehabt , das sie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein Wesen mahnte , das sie sehr geliebt und dessen Verlust sie noch immer nicht verschmerzt hatte . Sodann kam er aus Frankreich , dem Lande , aus welchem jene schöne , junge unglückliche Freundin gestammt und wohin sie sich wahrscheinlich später gewandt hatte . Freilich , sie hatte nie wieder Nachricht von sich gegeben , das arme Mädchen , und so war es nicht eben wahrscheinlich , daß sie noch am Leben war ; aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht , sich jedesmal über die Ankunft eines Franzosen in ihrem Hause ganz besonders zu freuen , weil ihr damit wenigstens die Möglichkeit gegeben schien , etwas über die Verlorene in Erfahrung zu bringen . Wie erstaunt und betrübt war deshalb die gute Frau , als sie Oswald heute Morgen so bleich und verfallen fand - ein Schatten nur noch des stattlichen jungen Mannes von gestern Abend . Er hatte eine schlechte Nacht gehabt ? Freilich , das mußte eine recht böse , schlechte Nacht gewesen sein , die einen jungen Mann so herunterbringen konnte . Ob sie nach dem Doctor schicken solle ? Nein ? aber eine Tasse Bouillon mit einem Ei abgerührt ? Die gute alte Dame trippelte davon , um den Bouillon selber zu besorgen , den Niemand so gut , wie sie , zu bereiten verstand . Und während sie in der Küche damit beschäftigt war , schüttelte sie einmal über das andere ihr graues Haupt , weil der Monsieur Oswald - so hatte sich der Fremde genannt - so sehr gut deutsch sprach und so recht krank und unglücklich schien und trotzdem der Verlorenen nur um so ähnlicher sah . Ihr kamen dabei die Thränen in die Augen , und sie nahm sich vor , selbst auf die Gefahr hin , indiscret zu werden , nach der Ursache seines Kummers zu fragen . Mit diesem Vorsatze betrat sie abermals Oswalds Zimmer und fand den jungen Mann in derselben Stellung , wie sie ihn verlassen hatte , auf dem Sopha sitzend , die Arme über die Brust gekreuzt , die matten , schmerzlich starren Augen auf den alten französischen Kupferstich an der Wand gegenüber geheftet , der die an den Felsen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darstellt , zu deren Rettung Perseus mit dem Gorgohaupt durch die Lüfte herbeieilt . Er hatte das Bild heute Morgen in der Dämmerung zuerst bemerkt , und bei dem mangelhaften Lichte lange geräthselt , was es wol darstellen möchte , bis er es endlich , als es heller wurde , herausgebracht hatte . Das Bild war manierirt , wie alle Producte der Zeit , in welcher es entstand . Die Andromeda war ein wenig zu klein gerathen , ein Kind fast in dem Verhältniß zu dem sehr langen und sehr schlanken Heros , der , eben den Fuß auf den Felsen setzend , zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt , das ihn mit weit geöffnetem Rachen anschnaubt und mit giftigen Basiliskenaugen anstiert . Dennoch war es nicht ohne Geist in der Conception und nicht ohne Feinheit in der Ausführung . Besonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich schönen Zügen des Mädchens und der heroische Zorn in dem Antlitz des Jünglings vortrefflich wiedergegeben ; und die Scenerie - ein einsamer Fels in dem grenzenlosen Meere - über dessen Horizont die Morgensonne aufsteigt , deren Strahlen über die Wellen fort bis an den Felsen zittern - hatte etwas von Claude Lorraine ' s heiterer Kraft und Großheit . Oswald hatte mit einem Gefühl schmerzlicher Wehmuth das Bild wieder und wieder betrachtet . Der schöne Sinn der alten Mythe , daß kühner Muth den , der ihn besitzt , mit Götterflügeln über Länder und Meere trägt , daß der Held mit dem Blick seiner Augen schon die Gefahr bändigt und schließlich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schönheit auf rauhem Felsen in dem öden , unwirthlichen Meer des Lebens blüht - hatte ihn , den Muthlosen , den