hunderttausend Thälerchen verhelfe ? oder auch - und das wäre nicht minder bequem , ja vielleicht ein gut Theil bequemer - wenn ich mich eines schönen Nachmittags bei der guten Anna-Maria introducirte und sagte : Entschuldigen Sie , meine Gnädigste , wenn ich störe ; aber ich habe - unter den Papieren meines Vaters , der , wie Sie wissen , mit Ihrem verstorbenen Vetter Harald in Geschäftsverbindung stand , gewisse Papiere aufgefunden , die mich in den Stand gesetzt haben , die rechtmäßigen Besitzer von Stantow und Bärwalde mit Gewißheit angeben zu können . Mein Rechtlichkeitsgefühl und die specielle Verehrung , die ich für Sie und Ihr Fräulein Tochter empfinde , liegen sich nun sehr bedeutend in den Haaren . Das erstere befiehlt mir , von meiner Entdeckung den pflichtschuldigen Gebrauch zu machen , die letztere heißt mich , die Sache zu vertuschen . Wie wär ' es , hochverehrte Frau , wenn Sie meiner vollkommen uneigennützigen Verehrung mit einigen tausend Thalern , die ich , auf Ehre , sehr nothwendig brauche , zu Hülfe kämen ? Dieser Gedanke schien für Herrn Timm etwas Begeisterndes zu haben . Er sprang vom Sopha auf , und ging mit raschen Schritten , lebhaft gesticulirend , in seinem Gemache auf und ab . Das könnte eine wahre Schatzgrube für mich werden , murmelte er ; ich wollte das stolze Weib ängstigen , daß ihre großen grauen Augen noch einmal so groß würden ; ich wollte ihr Daumschrauben ansetzen und jedesmal , wenn ich Geld brauchte , die Schraube etwas fester anziehen . Sie würde Alles und Jedes thun , ehe sie es auf einen Prozeß ankommen ließe . Dann wäre ich so ein Stück von Herr im Hause : dann könnte ich die Narrenmaske fallen lassen und mich einmal in meiner wahren Gestalt zeigen . Dann könnte ich bestimmen , wen Fräulein Helene heirathen soll , ja könnte sie selber heirathen , wenn ich wollte , und jedenfalls der Ankunft meines guten Freundes Felix , die mir die gute Anna-Maria in allem Vertrauen mittheilte , mit aller Ruhe entgegen sehen . Zwar bin ich auch so nicht besonders unruhig darüber , denn Freund Felix war der würdige Schüler seines Meisters und schlug die Bolte nicht schlechter als ich , und wenn ihn sein alter Adel nicht geschützt hätte , so wäre es ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen . So freilich kam der Fähndrich Baron Felix von Grenwitz mit einer Warnung davon und der Fähndrich Albert Timm mußte springen . Ich bin doch neugierig auf unser Wiedersehen . Vielleicht kennt er mich nicht mehr ; vielleicht wird er versuchen , den unbequemen Gast möglichst bald aus dem Hause und sich aus den Augen zu schaffen . Ha , wie sollte das Blatt sich wenden , wenn diese verdammten Briefe nicht so frauenzimmermäßig gerade über die wichtigsten Punkte flüchtig weghuschten ! Albert setzte sich wieder auf das Sopha und begann die Briefe , obgleich er sie jetzt schon so ziemlich auswendig wußte , noch einmal der Reihe nach - er hatte sie sorgfältig numerirt - zu lesen . Nr. 1. Mein Herr ! Ich kenne Sie nicht und wenn Sie derselbe sind , der sich vor einigen Wochen im Thiergarten so unaufgefordert in die Unterhaltung mischte , die ich mit meinem Begleiter führte und sich von dem letzteren eine so derbe Zurechtweisung zuzog ; derselbe , der mich jetzt allabendlich , wenn ich aus dem Geschäft nach Hause gehe , verfolgt - so werden Sie es begreiflich finden , daß ich sehr wenig Lust verspüre , Sie kennen zu lernen . Ich bitte , verschonen Sie mich mit Ihren Zudringlichkeiten , zu welchen ich vor allem auch Ihre Briefe rechne . Ich würde diesen , wie die andern , unbeantwortet gelassen haben , wenn ich nicht fürchtete , durch fortgesetztes Schweigen Ihre Kühnheit zu begünstigen . Sollte es wirklich Männer geben , welche der directen Bitte einer Frau , und noch dazu einer unbeschützten und schutzlosen Frau , wiederstehen können ? Marie Montbert . Nr. 2. Mein Herr ! Sie scheinen allerdings die Wege zu kennen , durch die man sich die Verzeihung einer Frau , die man beleidigt hat , gewinnt . - Welches auch die Motive waren , von denen Sie bei Ihrer Handlung geleitet wurden , - Sie haben viel Thränen getrocknet , Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet . Ich selbst konnte nichts mehr für meine armen Landsleute thun - als nur Gott bitten , ihnen einen Retter zu senden . Er hat Sie gesandt . Beweisen Sie sich dieser Gnade würdig ! Bedenken Sie , daß , wer Lohn begehrt , seinen Lohn dahin hat , und lassen Sie nicht Ihre Linke wissen , was Ihre Rechte that . Ihre ergebene Dienerin Marie Montbert . Nr. 3. Was wissen Sie von dem Schicksal meines Vaters ? um Gotteswillen , mein Herr , spielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes ! Sie wollen von einem Obrist der großen Armee , in dessen Regiment er den Feldzug nach Rußland mitmachte , ganz genaue Einzelnheiten über ihn während der Campagne und die näheren Umstände bei seinem Tode kurz vor dem Uebergang über die Beresina erfahren haben . Es klingt dies Alles so unwahrscheinlich - und doch , woher könnten Sie es wissen , wenn nicht aus sicherer Quelle ? - auch der Name des Obristen , wie ich aus Briefen meines Vaters an meine Mutter ersehe , stimmt . Ich weiß nicht , was ich glauben soll - aber weshalb mir diese Mittheilungen , die , ich gestehe es , von unendlichem Werth für mich sind , nicht in meiner Wohnung - ich will sagen : in der Wohnung der guten Frau , die bei mir seit langen Jahren Mutterstelle vertritt ? Weshalb dieses geheimnißvolle Rendezvous ? Weshalb ein Kind , das Nachricht von dem Tode seines Vaters erwartet , zwingen , einen Schritt zu thun , den dieser Vater , wenn er lebte , niemals billigen würde ? Ich werde nicht umsonst an Ihr Herz appeliren ; ich weiß , daß es der Großmuth fähig ist . Meine Wohnung ist Marienstraße 21. Wenn Sie die drei engen Treppen nicht scheuen , so werde ich morgen , Sonntag , zwischen 10 und 12 Uhr zu Ihrem Empfang bereit sein . Ihre ergebenste Dienerin Marie Montbert . Nr. 4. Sie bestehen auf dem Rendezvous , das , wie Sie sagen , durchaus kein geheimnißvolles sei , denn es fände auf offener Straße , an einem der lebhaftesten Punkte der Stadt und zu einer Zeit , wo die Straßen noch von Fußgängern schwärmten , statt . Sie wollen mir die Gründe , die Sie bestimmen , meinen Wunsch , » so schmerzlich es Ihnen auch sei , « nicht zu erfüllen , selbst sagen , und Sie schwören mir , ich werde diese Gründe , wenn ich sie erfahren , billigen . Sind Sie dessen so gewiß ! - Aber freilich , Sie sind der Geber - ich die Empfängerin - ich muß mich wohl Ihren Wünschen fügen ; daß Sie mich täuschen wollten , will ich , kann ich nicht denken . Sie sind einmal so großmüthig gegen Arme und Hülflose gewesen , Sie können das andere Mal gegen ein armes , hülfloses Mädchen nicht so ungroßmüthig sein . M.M. Nr. 5. Herr Baron ! Nochmals meinen innigsten , herzlichsten Dank ! Dank auch für die Zartheit , mit welcher Sie Alles eingeleitet hatten ! Wie bitter Unrecht habe ich Ihnen gethan ? Aber konnte ich ahnen , daß Sie mich dem Herrn Obristen von St. Cyr selbst bekannt machen würden ? daß ich aus dem Munde dieses Veteranen in meiner geliebten Muttersprache den Heldentod meines Vaters sollte erzählen hören ? Sie wollten nicht , daß der Obrist die Tochter eines Helden , den letzten Sproß einer einst reich begüterten , angesehenen Familie in so dürftigen Verhältnissen fände ; Sie wollten mir die Verlegenheit ersparen , den Grafen von St. Cyr und den Baron von Grenwitz in einer Dachkammer zu empfangen . Sie zogen es vor , mich als Erzieherin in einer Ihnen nahe verwandten Familie vorzustellen - und es war am Ende recht und billig , daß ich in Ihrer Gesellschaft den kranken und von der Reise angegriffenen alten Herrn in seinem Hotel aufsuchte . Nochmals vielen , vielen Dank ! auch dafür , daß Sie auf dem langen Rückweg vom Hotel bis zu meiner Wohnung den frischen Schmerz durch ein Schweigen ehrten , das Ihnen bei Ihrem lebhaften Naturell gewiß nicht leicht geworden ist . Wodurch habe ich denn nur das Interesse , welches Sie an meinem Schicksal nehmen , verdient ? Ich bin doch wahrlich recht unartig und unfreundlich gegen Sie gewesen ! Sie fragten mich zuletzt , ob ich jetzt glaube , daß Sie es gut mit mir meinen ? Dieser Brief mag Ihnen darauf Antwort geben . Sie verlassen morgen die Stadt - reisen Sie glücklich , und lassen Sie sich durch die beifolgende kleine Arbeit - ich habe sie in dieser Nacht gefertigt - manchmal erinnern an Ihre dankbare Marie Montbert . Nun ist das Püppchen geknetet und zugerichtet , sagte Albert , der mit einem gar seltsamen und unheimlichen Eifer - wie ein Beschwörer , der die Recepte eines Nebenbuhlers in der schwarzen Kunst studirt - die schon mehrmals gelesenen Briefe wieder las . Dieser Harald , das muß man ihm lassen - war der richtige Rattenfänger . Ich möchte nur wissen , was für eine Sorte von Obrist das gewesen sein mag , der dem dummen Dinge das Märchen von der Beresina aufband . Vielleicht der Teufel Oberster , jedenfalls einer seiner Helfershelfer - die Sache muß dem braven Harald ein schmähliches Geld gekostet haben . Indessen , es wurde zweckmäßig verthan , denn in Nr. 6 hat er schon sehr bedeutende Progressen gemacht . Nr. 6. Kaum kann ich zu mir selbst kommen ! Sie wieder hier um meinetwillen ! hier , weil die Sehnsucht nach mir Ihnen keine Ruhe ließ ! Mein Gott , mein Gott ! wohin soll dies führen ! Sie sind ein reicher Edelmann - ich bin ein blutarmes Mädchen , das , mögen meine Ahnen gewesen sein , wer sie wollten - mit seiner Hände Arbeit sich das tägliche Brod verdient . Meine Vernunft sagt mir , daß aus dem Allen für mich nur Unglück über Unglück erfolgen kann , daß ich Sie fliehen muß - ich weiß nicht , was ich Ihnen gestern gesagt , was ich Ihnen versprochen habe - geben Sie mir mein Wort zurück ! Ich kann Sie heute - ich darf Sie nie , nie wieder sehen . Ich beschwöre Sie , reisen Sie wieder ab . Sie müssen es , wenn Sie mich wirklich lieben . Leben Sie wohl viel tausendmal ! Ihre Marie . Was so ein acht Tage Abwesenheit nicht Alles bewirken können , sagte Albert , sich die Cigarre , die ihm in dem Eifer des Lesens ausgegangen war , wieder anzündend , Ihre Marie ! ausgezeichnet ! wie sich der biedere Harald wohl in ' s Fäustchen gelacht haben mag , als er diese thränenreiche Epistel - denn hier sind noch die Spuren davon - las . Aber weiter ! Nr. 7. Nehmen Sie den köstlichen Schmuck , den heute ein unbekannter Mann für mich abgegeben hat , wieder . Womit habe ich es verdient , daß Sie so niedrig von mir denken ? Daß ich Sie liebe , liebe , trotzdem meine Vernunft mir deshalb die entsetzlichsten Vorwürfe macht , Sie wissen es , ich habe es nicht länger vor Ihnen verbergen können , verbergen wollen ; aber weshalb mir nicht wenigstens den Trost lassen , daß diese meine Liebe rein von jedem unedlen Nebengedanken ist ! Diese kostbaren Rubinen , dieses rothe Gold - es brennt in meiner Hand wie glühende Kohlen - lassen Sie mich , wie Sie mich fanden ! Wenn das arme schmucklose Mädchen Ihre Liebe gewinnen konnte , so sehen Sie ja selbst , daß Armuth und Dürftigkeit sich recht gut mit Liebe verträgt . M.M. Sehr hübsch gesagt , äußerte Albert , diesen Brief zu den andern legend ; aber doch sehr dumm ! Armuth und Liebe vertragen sich gerade so gut , wie Wasser und Feuer . Ich möchte die feurige Liebe kennen , die nicht ausginge , wenn ihr ein Eimer Armuth über den Kopf geschüttet wird ! Pah , das muß ich besser wissen ! Ich glaube , ich wäre albern genug , die kleine Marguerite zu heirathen , wenn ich ein Mann in Amt und Würden mit vom Staat garantirter guter Beköstigung wäre , aber da ich nichts weiter bin , als ein armer Teufel , mit einem famosen Appetit und wahrem Patent-Magen , so wäre es doch reiner Selbstmord , wollte ich die schon knapp genug zugemessene tägliche Ration noch mit einem Andern theilen ! Liebe ! Unsinn ! Liebe ist höchstens ein ganz wünschenswerthes Dessert zum Diner des Lebens . Ein gutes Diner ohne Dessert - bon ! ein Diner mit Dessert - noch besser , aber ein Dessert ohne Diner ! - nun , für Frauenzimmer mag auch das genügen ; aber mit meiner Constitution verträgt es sich nicht . Ob die gute Marie , wenn sie noch lebt , wie ich sehr stark hoffe , jetzt nicht doch manchmal beklagt , daß sie die kostbaren Rubinen und das rothe Gold anderen jungen Damen , die es weniger verdienten , zugewandt hat ? Im nächsten Brief wird die tugendhafte kleine Person sogar ganz übermüthig . Nr. 8. Sieh , sieh , mein Lieber ; also auch eifersüchtig können Sie sein ! wer hätte dem Baron Harald von Grenwitz solche bürgerliche Schwäche zugetraut ! Ich soll eine andere Wohnung beziehen ; weshalb ? Damit ich im Winter nicht vor Frost und im Sommer vor Hitze umkomme ; nicht alle Tage ein paar Mal Gefahr laufe , mir auf den engen , steilen Treppen den Hals zu brechen ? bewahre ! nur weil die Madame Schwarz , bei der ich wohne , dem gnädigen Herrn nicht gefällt , und weil der gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat , daß ein junger Franzose , ein Monsieur d ' Estein , mit mir auf demselben Flur wohnt , daß ich mit besagtem Monsieur auf einem vertrauten Fuße stehe , ja mit demselben , selbst des Abends spät , Arm in Arm , auf der Straße gesehen worden bin ! Entsetzlich ! Aber im Ernst , theuerster Harald , Sie haben wahrlich keine Ursache , sich zu beklagen . Die Madame Schwarz ist eine sehr ehrbare , ausgezeichnete Frau , der ich unsäglich viel verdanke , und die , so lange ich denken kann , eine Mutter für mich gewesen ist ; und was Monsieur d ' Estein anbetrifft , so wird Ihre Eifersucht sich wohl wieder schlafen legen , wenn ich Ihnen sage , daß es derselbe kleine , ältliche Herr ist , an dessen Arm Sie mich zum ersten Mal im Thiergarten sahen . Monsieur d ' Estein könnte den Jahren nach mein Vater sein , wie er denn auch der Freund meines Vaters war . Er stammt wie wir aus einer Familie französischer Refugiés und wäre wohl schon längst in das geliebte Land seiner Väter zurückgekehrt , da er hier gar keine Verwandte , ja nicht einmal Freunde hat , wenn er nicht fürchten müßte , dort , wo alle Welt die Sprache spricht , in der er hier Unterricht ertheilt , Hungers zu sterben . Er ist sehr wunderlich , aber das bravste Herz von der Welt . Er würde für mich durch ' s Feuer gehen und au désespoir sein , wenn er nur die leiseste Ahnung von unserem Verhältnisse hätte . - Dies Alles würde ich Ihnen schon gestern Abend gesagt haben ; aber ich wollte einmal sehen , ob Sie auch Widerspruch vertragen könnten . Sind Sie jetzt zufrieden ? A revoir , monsieur le Baron . Votre très-méchante Marie M. Dies ist die einzige Notiz über diesen Monsieur d ' Estein , sagte Albert , den Brief auf den Schooß sinken lassend und nachdenkliche Wolken aus seiner Cigarre blasend ; ohne Zweifel derselbe , welcher in der Erzählung der Alten als Schacherjude wieder auftritt , um das Terrain vorläufig zu recognosciren , und hernach die Entführung der bedrängten Unschuld bewerkstelligt . Ich fürchte , es sind hier einige Briefe verloren gegangen , denn , als der nächstfolgende geschrieben wurde , waren die Affairen schon sehr weit gediehen . Nr. 9. So eben erhalte ich den - was soll ich es verschweigen ! - längst erwarteten Brief Ihrer Frau Tante . Sie schreibt mir mit zitternder , aber doch leserlicher Hand , daß sie das Lebensglück ihres geliebten Großneffen höher stelle , als die Ruhe der wenigen Tage , die sie noch zu leben habe ; ja , daß sie sich freue , eine so dringende Veranlassung zu haben , nach dem Stammsitz ihrer Väter , dem Orte ihrer Geburt , wo sie denn nun auch zu sterben gedenke , eine Reise , die letzte vor der großen Reise , anzutreten . Sie werde am 13. von St. abreisen , und bereits vor mir in Grenwitz angekommen sein , » da Sie ein tête-à-tête mit meinem wilden Neffen so sehr fürchten , liebes Kind . « - Ich kann nicht sagen , wie unaussprechlich mich so viel Güte und Liebe rührt ! wie dankbar ich der alten herrlichen Dame bin , wie ich mich freue , ihr die welken , lieben Hände zu küssen ! Ja , Harald , wenn sie , die Greisin , die Aelteste Deines ritterlichen Geschlechts , mich Deiner würdig gefunden hat , wenn sie unsere Liebe segnet , dann will ich mit tausend Freuden die Deine sein . Nur eines schmerzt mich , daß ich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier , von der Frau , die ich wie eine Mutter liebe , von dem Manne , der mir Vater und Bruder gewesen ist , fortschleichen soll . Und doch - es geht nicht anders . Du hast recht : sie würden mir den Abschied nur noch schwerer machen ; sie würden das Ganze ein romantisches Abenteuer schelten . Sie kennen Dich ja nicht , Sie wissen ja nicht , wie treu und gut Du bist . Aber Lebewohl darf ich ihnen doch wenigstens schriftlich sagen ! ihnen in ein paar Worten für alle Güte und Liebe danken und sie über den Schmerz , den ich ihnen jetzt bereiten muß , auf eine fröhliche Zukunft vertrösten . Ach , wäre diese Zukunft doch erst Gegenwart ! Ihr neuer Kammerdiener , der mir übrigens viel weniger gefällt , als der alte mit dem treuen , ehrlichen Gesicht , meldete mir gestern Abend , daß alle Vorbereitungen auf übermorgen früh getroffen seien . Es ist mir lieb , daß ich in Ihrer Equipage und in Begleitung Ihrer Leute fahren soll ; der Gedanke einer so weiten Reise hat so viel weniger Peinliches für mich . Auf baldiges , köstliches Wiedersehen , Du Vielgeliebter ! M.M. Nun ist das Vögelchen in ' s Garn gegangen , sagte Albert , diesen Brief , den letzten , zu den andern legend , und alle wieder sorgfältig mit dem rothseidenen Bande zusammenbindend ; das Uebrige könnte man sich zur Noth denken , wenn man es nicht aus der langen Geschichte der alten Hexe , der guten Freundin meines ausgezeichneten Freundes Stein , wüßte . Ich glaube , die Alte könnte noch mehr erzählen , wenn sie wollte . Ich muß mir ihre Gunst zu erwerben suchen und mir freien Zutritt in ihre Salons verschaffen . Sollte sie nicht noch Manches aus dem Nachlasse von Fräulein Unschuld in ihrem Besitz haben , das zu weiteren Entdeckungen führen könnte ? Die Kleine hat jedenfalls bei der eiligen nächtlichen Flucht ihre Kisten und Kasten nicht so sorgfältig ausgekramt , und die Alte eine gute Nachlese an Bändern , Strümpfen , Schuhen und warum nicht auch Briefen gehalten . Das Alles mag in sicherer Ruhe in der großen , hölzernen Lade , auf der ich mir an jenem Nachmittag die Rippen wund gelegen habe , seiner Auferstehung entgegensehen . Das ist ein Gedanke ! Albert war aufgestanden und hatte sich vor den Spiegel gestellt , um zu sehen , wie sich ein so geistreicher Kopf denn eigentlich ausnehme . Das ist ein Gedanke , und er warf seinem Spiegelbilde eine Kußhand zu , welche dieses in Anbetracht der Vortrefflichkeit des Originals freundlich erwiederte - ein ganz famoser Gedanke , den ich ausführen muß , es koste , was es wolle . Vielleicht war der Schacherjude ein wirklicher rechter Israeliter und Abgesandter des Monsieur d ' Estein ; vielleicht hat er der Kleinen nur einen Brief überbracht , in welchem der Plan der Flucht entworfen war , und dieser Brief fände sich , und mit dem Briefe in der Hand könnte man der Flüchtigen auf die Spur kommen . Herr Timm hielt plötzlich in seinem Monologe inne und sein Gesicht verdüsterte sich : Verdammt , murmelte er , nun fehlt es wieder am Besten , an dem nervus rerum , an der Wünschelruthe , mit der ich den Schatz heben könnte . Offenbar werde ich zur Erreichung meines Zweckes einige Reisen machen müssen , zum Mindesten in die Residenz , um Marienstraße No. 21 drei Treppen hoch im Hofe gewisse Erkundigungen anzustellen ; aber Reisen kosten Geld und mein actives Vermögen besteht jetzt aus 5 Silbergroschen , von denen einer , glaube ich , nicht einmal echt ist . Ich muß eine Zwangsanleihe bei der kleinen Marguerite machen . Es geht wahrlich nicht anders . Ich wollte es ja auch neulich schon , als plötzlich die interessante Familie wieder einrückte und unserem idyllischen Leben ein Ende machte . Freilich diese verdammten Karten müssen erst fertig ; sonst läßt mich Anna-Maria nicht aus ihren Klauen . Ich muß schon in den sauren Apfel beißen . Und Herr Timm zündete sich eine frische Cigarre an , entriegelte die Thür , beugte sich über sein Reißbrett , und zeichnete mit einem Eifer , als ob er in der Welt keine anderen Pläne kenne , als die , mit welcher sich ein tüchtiger Geometer von Berufswegen abgeben muß . Fünfundvierzigstes Capitel Baron Felix war angekommen - mitten in der Nacht . Er war bei guter Zeit von dem Fährdorfe in seinem eigenen Wagen aufgebrochen , als es dem Kammerdiener schwer auf ' s Herz fiel , der Toilettenkasten seines Herrn möchte sich nicht bei dem übrigen Gepäck befinden , da er denselben unter die Bank des Bootes zwischen seine Füße gestellt , und wahrscheinlich stehen gelassen hatte . Schüchterne Hindeutung Jean ' s auf die Möglichkeit dieses Falles - großer Zorn von Seiten des Barons Felix und Androhung von Ohrfeigen , Stockprügeln und Entlassung - auf offener Landstraße angestellte Nachforschung - schließlich , da sich das corpus delicti wirklich nicht fand , Umkehr . Leider war unterdessen das Fährboot mit dem hochwichtigen Kasten unter der Bank bereits abgesegelt . Bis es wieder an der Landungsbrücke anlegte , vergingen mehrere Stunden , denn es war unterdessen Windstille eingetreten und die Leute hatten sich mit den schweren Rudern - zur Verzweiflung des Baron Felix , der sie vom Strande aus durch ein Taschentelescop beobachtete - Zoll um Zoll hinüber arbeiten müssen . So war der Abend bereits tief hereingesunken , als der Baron zum zweiten Male - diesmal mit dem Kasten - von dem Fährdorfe aufbrach . Er war in einer fürchterlichen Laune . Er hatte versprochen , heute noch auf Grenwitz einzutreffen , da er » den Augenblick , seine schöne Cousine zu sehen , nicht erwarten könne . « Eine Verzögerung seiner Ankunft konnte ihm leicht übel ausgelegt werden . Besser also , in tiefer Nacht , als gar nicht kommen . Auf der andern Seite aber war eine nächtliche Fahrt durch Wald und feuchtes Moor - noch dazu in einem offenen Wagen keineswegs nach dem Geschmacke des jungen Ex-Lieutenants , der - jedenfalls in Folge der ungeheuren Strapazen auf dem Exerzierplatze und bei den Paraden - sehr an Rheumatismus litt und eine Erkältung wie die Pest fürchtete . Er wählte also von den zwei Uebeln , sich dem Verdacht der Gleichgültigkeit , oder der Gefahr einer Erkältung auszusetzen , das kleinere und drohte nur , daß er von der Größe seines Schnupfens morgen früh die Größe der Strafe für Jean ' s Nachlässigkeit werde abhängen lassen . Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhigung für Jean , als sein Herr am nächsten Morgen ( man hatte die nächtliche Ruhe des Schlosses so wenig wie möglich gestört und sich von einem der herausgepochten Bedienten die schon längst bereit stehenden Zimmer anweisen lassen ) mit sehr guter Laune erwachte , seinen Cacao wie gewöhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er sich halb hatte ankleiden lassen - die zweite , wichtigere Hälfte besorgte er eigenhändig - ihn fortschickte , um Herrn Timm , dessen Anwesenheit auf dem Schlosse er erfahren hatte , bitten zu lassen , ihn auf ein paar Minuten auf seinem Zimmer zu besuchen . Ah voilà , lieber Timm , wie geht es Ihnen ? sagte Baron Felix , das letzte Wort auffallend markirend , als der Angeredete bald darauf eintrat . Sie entschuldigen , daß ich Ihnen so früh lästig falle : aber ich - zum Teufel , nun hat der Esel von Jean wieder heißes statt warmes Wasser gebracht - entschuldigen Sie ! - Jean , warmes Wasser , Nilpferd ! - nun sagen Sie , wie geht es Ihnen , lieber Timm ? freue mich , Sie hier so zufällig zu treffen . Wie geht es Ihnen ? und der Baron streckte dem Angeredeten einen der Finger seiner linken Hand , die er eben abgetrocknet hatte , entgegen . Danke , Baron , passabel ! sagte Albert , den dargebotenen Finger sehr flüchtig mit etwa zwei Fingern seiner Hand berührend ; ich glaubte schon , Sie würden mich gänzlich vergessen haben . Bewahre , sagte Felix , freute mich , wie gesagt , heute Morgen sehr , als Jean mir die Gesellschaft hier herzählte , und ich Ihren Namen hörte . Aber wie gottvoll Sie sich in Civil ausnehmen ! wirklich gottvoll , auf Ehre ! und Felix blieb , eine Bürste in der einen und einen kleinen Toilettenspiegel in der andern Hand , vor Albert stehen , ihn von Kopf bis zu den Füßen wie ein fremdes merkwürdiges Thier ansehend . Meinen Sie ? sagte Albert trocken ; freut mich , kann Ihnen leider das Compliment nicht zurückgeben , da ich erst die folgenden Stadien Ihrer Toilette abwarten muß . Aber das Eine kann ich Ihnen sagen - jünger sind Sie unterdessen nicht geworden . Haben Sie nicht noch eine Cigarre ? Dort auf dem Tisch ! sagte Felix ; in dem Ebenholzkästchen - Sie müssen die Feder nach unten drücken - nicht jünger geworden ? aber hoffentlich doch auch nicht älter , ich meine auffallend - zum wenigsten erfreue ich mich , wie Sie sehen , noch meiner sämmtlichen Zähne und zum mindesten fünf Sechstel meiner Haare - und Felix bürstete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebsten kurzen braunen Locken , die noch ziemlich üppig seinen wohlgeformten Kopf bedeckten . Nun , mit den Haaren mag ' s noch gehen , sagte Albert , der jetzt auf einem Sopha Platz genommen hatte und den vor dem Spiegel eifrig beschäftigten Felix mit heimlicher Schadenfreude musterte ; aber wo haben Sie nur alle die Falten in Ihrem Gesicht her bekommen ? die scharfe Morgenbeleuchtung ist wirklich nichts mehr für Sie . Ich machte Ihnen früher das Compliment , Sie hätten eine frappante Aehnlichkeit mit Byron ; aber jetzt sehen Sie wenigstens wie Byron ' s Vater aus . Und dann - Sie waren niemals durch Fülle ausgezeichnet , jetzt sind Sie auf ein Minimum reducirt . Je schlanker , desto eleganter , meinte Felix ; und übrigens kommt das wieder ; ich wurde in der letzten Zeit etwas knapp gehalten . Das alte Leiden ? Nun , wenigstens eine neue Auflage . Vermehrt und verbessert ? Es ging noch ; aber damit ist es jetzt vorbei . Wir sind solid geworden ; wir werden uns zur Ruhe setzen - wie finden Sie diese Beinkleider ? ist es nicht eine geistreiche Combination des militairischen und des Civilschnitts ? ganz meine Erfindung ! - wir werden heirathen - Das sollten Sie bleiben lassen , Baron ! Weshalb ? Wenigstens sollten Sie eine ältere , verständige Dame heirathen . Weshalb ? Weil Sie , fürchte ich , über kurz oder lang doch einer mütterlichen Freundin bedürftiger sein werden , als einer anspruchsvollen jungen Gemahlin . Pah , mon cher , ich habe die Ehre , aus einer Familie zu stammen , in der man ungestraft lüderlich sein darf . Ein bischen Rheumatismus - das ist das Aeußerste . Was sagen Sie zu diesem Rock ? Gar nichts ; Sie wissen , ich war nie ein Kenner in diesen Dingen . Freilich , Sie waren stets das unsaubere Gefäß , in welches sich die Schale des Zorns unseres guten Obristen leerte . Wissen Sie , daß sich der arme Teufel erschossen hat ? Nein , weshalb ? Weil er die Schande nicht hat überleben wollen , daß bei der letzten großen Parade die zweite Compagnie mit Tuchhosen statt mit weißen Hosen angerückt kam , und er deshalb vom Commandirenden ob dieser » Schweinerei « einen fürchterlichen Rüffel besah . Gott hab ' ihn selig ! Amen . Apropos ! wie lange sind Sie denn schon hier auf Grenwitz ? ich höre seit Wochen ; da müssen Sie die Gesellschaft ja aus- und inwendig kennen . Ja , was ich eigentlich wissen wollte : Wie befindet sich denn mein würdiger Onkel und meine vortreffliche Frau Tante ? und wie hat sich denn meine Cousine - haben