war nur ein Deckel : das Buch selbst war herausgeschnitten . Corona sagte ungemein freundlich : » So sind sie alle . Du hast sie mir geschenkt , folglich durfte ich über sie verfügen , und sie sind längst dem Feuer übergeben . Den Einband ließ ich stehen , weil er Dir gefiel und unschädlich ist . « » Warum gabst Du mir nicht meine Bücher zurück , wenn Du sie durchaus nicht haben wolltest « - murrte Orest . » Weil ich keine schlechten Bücher verschenke und gern alle , die je geschrieben wurden , von der Erde vertilgen möchte . « » Das ist einmal ganz à la Regina gesprochen ! sie - im Fanatismus für den Glauben ; Du - im Fanatismus für die Tugend ! « rief er spöttisch . Allein er versuchte nicht wieder , sie mit dergleichen Büchern zu belästigen . Weil er aber immer in unzufriedener Laune war , so mäkelte er an ihr vom Morgen bis zum Abend . » Was machst Du für Toiletten , Corona ! bist Du denn ein altes Weiblein von dreißig Jahren ? was helfen schöne Stoffe , wenn man sie nicht zu tragen versteht ! « Corona kleidete sich sehr gut und standesmäßig elegant , wie sie das bei ihrem Vater gewohnt war . Sie war aber ein durchaus edles Wesen ; deshalb kam ihr ein Herausschmücken ihrer Person , ein Geltendmachen ihrer Schönheit nie in den Sinn , und sie kleidete sich , wie es sich schickt für die züchtige vornehme Frau . » Corona , Dein Gesang ist eben nicht Deine glänzendste Seite - umsoweniger , als Deine Aussprache des Italienischen auch Vieles zu wünschen läßt . « » Lehre mich die richtige , « sagte sie bittend . » Sprachmeister meiner Frau zu sein - horrender Gedanke ! kolossale Zumutung ! Nein , gutes Kind , willst Du durchaus singen , so singe deutsch . « Und sang sie deutsch , so klagte er über die unmelodische , ächt Odenwäldische Musik ! Jeder dieser kleinen Nadelstiche war für Corona ein Schmerz , den sie zu überwinden hatte . Ihre feine Natur fühlte die leiseste Verletzung und empfand sie tief ; das war ihre schwächste Seite , und weil sie es war , so sorgte Gott , der alle Menschen für das ewige Leben erziehen und sie stark machen will , dafür , daß gerade auf dem schwächsten Punkte die Angriffe nicht aufhörten . Auf Windeck war sie das verzogene Kind gewesen . Wie das oft in zahlreichen Familien geht : das jüngste Kind wird allgemeiner Liebling . Für ihn lassen die Eltern nach von früherer Strenge oder von allzu großen Ansprüchen . Für ihn haben die übrigen Geschwister , die sich zuweilen schroff genug gegenüber stehen , ein Herz . Ein solcher Liebling des ganzen Hauses war Corona und - so weit sie in der Welt erschienen war - auch dort . Ihrem Vater hatte sie gehorchen müssen ; allein dafür trug er sie auch auf den Händen . Jetzt mußte sie lernen , sich ihrem Mann zu fügen , ohne je die Genugtuung zu haben , daß er zufriedengestellt sei . Und wäre es nur bei den kleinen Nadelstichen geblieben ! Corona ' s heisester Wunsch stand nach Hausgottesdienst . Noch als Braut hatte Orest ihr die Zusage machen müssen , die Kapelle zu vollenden und einzurichten , welche Uriel begonnen hatte , eine Messe zu stiften und einen Hausgeistlichen anzustellen ; damals hatte Orest zu allen diesen Wünschen Ja gesagt . Als sie sich nun aber auf Stamberg niederließen und Corona ihren Mann an das Notwendigste : den Ausbau der Kapelle erinnerte , da hieß es , im nächsten Frühling solle er vorgenommen werden . Aber im nächsten Frühling hieß es : die Kasse sei eben leer . Corona , die von ihrem Vater ein reichliches Nadelgeld erhielt , bat Orest , zu gestatten , daß sie die Kosten des Ausbaues bestreiten dürfe . » Und die Einrichtung , soll die vom Himmel fallen ? « rief er unmutig . » Die kostet enorm viel und eines zieht das andere nach sich . Besser der Ausbau unterbleibt . Mir liegt nichts an der Kapelle , ich möchte lieber die Stallungen erweitern , und Du fährst ja so pünktlich jeden Sonntag zum Gottesdienst , daß Du dich an den Werktagen schon mit dem Gebet in Deinem Zimmer begnügen kannst . « » Ich kann es freilich ! aber es quält mich , daß ich es nicht möglich machen kann , sämtliche katholischen Dienstboten Sonntags dem Gottesdienst anwohnen zu lassen . Bei der Entfernung der Pfarrkirche geht der Vormittag darauf ; da können sie nicht alle fort . Hätten wir Kapelle und Hausgeistlichen - ach , welch ein Trost ! « » Hausgeistlichen ! das fehlte noch , um die Langeweile des Hauses komplett zu machen ! Nein ! den Gedanken laß total schwinden . Ich - mit einem Schwarzrock unter einem Dache ! « » Lieber Orest , vergiß nicht , daß Onkel Levin und Hyazinth geistlich sind und daß dies eine Gnade und Ehre für uns alle ist . « » Nun ja , die gehören einmal zur Familie - und was in der Familie geschieht , wird gut geheißen . Da ist ein esprit de corps , wie im Soldatenstande . Da läßt auch keiner irgend etwas auf sein Regiment kommen . Doch von den beiden ist hier nicht die Rede ! Übrigens möchte ich keinen von beiden hier auf Stamberg anders haben , als zum Besuch . Um wie viel weniger einen anderen von diesen schwarzen - Diamanten ! Denn wahrhaftig ! rar wie schwarze Diamanten sollen ja diese Herren sein , weil kein vernünftiger Mensch geistlich werden mag . Das kann Dich trösten : der Bischof würde uns keinen Hausgeistlichen geben . « » Hast Du ihn denn darum gebeten ? « » O nein ! ich bitte nicht um Dinge , von denen ich weiß , daß man sie mir abschlägt . « » Es kommt darauf an , wie man die Bitte stellt und mit welchen Gründen man sie unterstützt . Ich wollte sie gleich wagen - wenn ich nur Deine Genehmigung hätte . « » Zuerst müßte denn doch eine Kapelle vorhanden sein - und diese hier .... wird wohl eingehen müssen wegen notwendiger Erweiterung der Stallgebäude ! « sagte Orest und begab sich zu seinen Pferden . Corona ' s Herz wollte auswallen und heiße Tränen hingen an ihren Wimpern . Aber da kam ihr der Gedanke , sie sei der Gnade nicht wert , daß unter ihrem Dache die Feier der heiligsten Geheimnisse begangen werde . Und die Aufwallung des jungen raschen Herzens legte sich . Sie trat in die Schule der Demut ein und übte sich mehr und mehr in der Kunst der Heiligen , welche der Psalmensänger in dem Wort zusammenfaßt : » Drücke dein Herz nieder und leide . « Orest hatte in Interlaken gehört , Judith werde den Winter an der italienischen Oper in Paris singen . Im Karneval erklärte er plötzlich seiner Frau , er müsse sich jetzt vierzehn Tage in Paris amüsieren und sie könne während der Zeit nach Windeck gehen . Corona zuckte schmerzlich zusammen . So wenig froh ihr Leben an Orest ' s Seite war , so fühlte sie doch instinktmäßig , daß es besser für sie und für ihn sei , wenn er sich nicht daran gewöhne , sich fern von ihr in den Strudel der Welt zu stürzen . Überdas hatte sie sich noch nicht so recht auf Stamberg eingewohnt . Das junge Ehepaar hatte viele Besuche gemacht und empfangen ; vielen Festen beigewohnt , die ihm zu Ehren von den Nachbarn gegeben wurden . Es hatte sich am Hof des Landesfürsten vorgestellt und das Weihnachtsfest im Vaterhause zu Windeck zugebracht . Corona sehnte sich nach Ruhe . Sie war leidend . Alle Hoffnungen der Erde sind mit Leiden gemischt ; auch die auf Mutterglück . Sie wäre gern auf Stamberg geblieben und sie sagte ihrem Mann , sie hoffe die Einsamkeit von vierzehn Tagen aushalten zu können . Er aber , der in seinem Sinn schon an eine Abwesenheit von sechs bis acht Wochen dachte und sie doch nicht so lange ganz allein wissen wollte , drang darauf , daß sie nach Windeck gehe . Sie tat es - und ihr vierzehntägiger Besuch dehnte sich auf drei Monate aus - denn Orest blieb in Paris . Da setzte sich Graf Damian hin und schrieb ihm : » Lieber Sohn ! ich kenne Dich ; also wundere ich mich nicht , daß Du nicht urplötzlich mit beiden Füßen zugleich in den vernünftigen Ehestand hineinspringst , sondern noch ab und an ein Stückchen Junggesellenleben fortlebst . Lieber wär ' es mir freilich , wenn Du - um mit jenem Holländer zu sprechen - bereits ausgerast hättest . Da dies aber nicht der Fall ist , so sehe ich mich veranlaßt , Dir eine väterliche und freundschaftliche Bemerkung zu machen . Und das ist diese : man läßt seine Frau nicht allein in einer Katastrophe , die ihr das Leben kosten kann , um sich in Paris zu amüsieren . Das ist gegen Anstand , Gefühl und Gebrauch . Diese Katastrophe wird des nächsten für Corona eintreten . Deshalb begleite ich sie morgen mit Tante Isabelle nach Stamberg zurück , wo wir Dich sämtlich mit Ungeduld erwarten . « Dieser kurze trockene Brief tat seine Wirkung : Orest kam . Er kam mit sehr guter Laune , denn er hatte sich mit Judith ausgesöhnt . Ihre Pläne lauteten freilich ganz anders als seine Wünsche . Vorderhand aber war er froh , daß sie den Bann von Interlaken von ihm zurückgenommen hatte . Deshalb ließ er sich auch gar nicht durch Damians etwas kühlen Empfang aus der Fassung bringen und benahm sich wie jemand , der das Recht hat , seine höchst wichtigen Interessen selbständig zu verfolgen . Corona empfing ihn mit liebenswürdiger Freude und Freundlichkeit . Sie hoffte das Herz des Vaters - wenn auch nicht das des Gemahls zu gewinnen . Der Tag Maria Hilf war der Geburtstag der kleinen Felicitas . Corona war selig - selig über ihr Kind ! selig , daß es im Muttergottesmonat an einem Muttergottesfeste auf die Welt kam ! Sie weihte und schenkte es tausendmal der heiligen Jungfrau Maria und rechnete auf sie , wie auf eine Mutter , für die Erziehung des Kindes . Alle edlen und schönen Seelen haben in der Jugend einen Schwung zu den Höhen des Lebens , ein uneigennütziges Verlangen nach Hingebung und Opfer , eine Phantasie , welche den Himmel ohne Wolken , die Vortrefflichkeit ohne Mangel , den Horizont ohne Grenzen , die Rosen ohne Dornen sieht Darin besteht ihr Adel und ihre Schönheit , daß sie sich nicht aufhalten in den Niederungen des Daseins , und - wenn ihnen die Erfahrung später auch zeigt , daß sich an dem Strauch mehr Dornen als Rosen befinden - sie mit umso größerer Freude und tieferer Treue die Rosen pflegen . So machte es Corona . Ihr stiller Durst nach Glück , der in jedem Menschenherzen so wach ist , wie die Unruhe in der Uhr , fand nun seine Labung : sie hatte einen Gegenstand für ihre Liebe . Gott hat der Mutterliebe eine Ähnlichkeit mit der göttlichen Liebe gegeben : sie liebt durch das , was sie gibt , nicht durch das , was sie empfängt . Mutterliebe ist von allen Lieben hienieden die einzige , die genügsam ist , und die , ohne an Dank oder Erwiderung zu denken , fort und fort liebt . Dadurch zeigt sie sich eben als etwas Himmlisches , und je mehr das Übernatürliche in ihr vorherrscht , desto mehr sieht sie im Kinde das Kind Gottes , der es ihr für eine Spanne Zeit anvertraut , damit sie es ihm für die Ewigkeit zurückbringe . So begrüßte , so empfing , so umfing Corona ihr Kindlein : sich selbst heiligen , um Felicitas heiligen zu können - das wurde ihre Idee von Mutterpflicht , Mutterfreude , Mutterglück . Orest blieb sich gleich . Sein erstes Wort an Graf Damian war : » Leider kein Sohn , Papa ! « Eigentlich war dem Grafen das kleine Mädchen auch nicht willkommen ; indessen fand er doch Orest ' s Äußerung so rücksichtslos , daß er ihm ironisch erwiderte : » Tröste Dich ! man erlebt häufig mehr Freude an den Töchtern , als an den Söhnen . « - So lange Graf Damian auf Stamberg war , nahm sich Orest mehr zusammen und war freundlicher gegen Corona , als er aber wieder allein mit ihr war , begannen die alten Quälereien aufs neue . Er sann nur darauf , Judith nachzureisen , und da er fühlte , daß dies im Grunde unmöglich sei , so wurde ihm seine Lage unerträglich und die arme Corona verhaßt . Warum war sie ohne Zauber für ihn ? Das war doch offenbar ihre Schuld ! Niemand hat anziehender , pikanter , reizender zu sein , als gerade die Ehefrau , damit sie eine siegreiche Nebenbuhlerin aller übrigen Frauen sei ; vermag sie das nicht , so hat sie die Folgen ihrer Unvollkommenheit sich selbst zuzuschreiben . Warum hatte sich Corona überhaupt in seinen Weg gedrängt und ihn einer Laufbahn entführt , auf welcher er sich froh und zufrieden bewegte und welche ihm mehr zusagte , als das stupide Landjunkertum ! Jetzt stand sie zwischen ihm und seinem Glück , während sie sich mit ihrem Kinde unsäglich beglückt fühlte ! Welche Härte des Schicksals ! ja , welche Ungerechtigkeit , welche Grausamkeit des Schicksals gegen ihn - den beklagenswerten Orest . Dann trat Judith in seine Gedanken hinein , mit dem zwiefachen Reiz stolzer Kälte und feiner Koketterie ; Judith , die Bewunderte , die Gefeierte einer Welt , deren Huldigung sie spröde hinnahm ; Judith , mit dem abstoßenden Benehmen und dem anziehenden Blick ; und diesen Gedanken gab er sich so gern , so häufig , so widerstandslos hin , daß sie die Meister seines Lebens wurden und ihn , wie Schlingpflanzen den Baum , umrankten und überwucherten und das Mark seiner Kraft zum Guten aufsogen . Tausendmal war er willens , sich aufs Roß zu schwingen , bei Nacht und Nebel davon zu reiten und Weib und Kind , Haus und Hof zu verlassen ; und er staunte seine hohe Tugend an , daß er noch immer nicht diesen Entschluß ins Werk setze . Einmal wird es aber doch geschehen ! sagte er dann tröstend zu sich selbst ; alle Tugend hat ihre Grenze da , wo die Leidenschaft übermächtig wird ; und auf diesem Punkte angelangt , ist der Mensch nicht mehr Herr seines Schicksals , sondern das Schicksal ist Herr über ihn ! - Von dieser Romantheorie durchdrungen , war es denn ganz in der Ordnung , daß sich Orest aus allen Kräften nach jenem Punkt hinarbeitete , wo das Schicksal Herr über ihn werden müsse . Corona kannte nicht den Schlüssel zu seiner für sie so rätselhaften Verstimmung . Sie ahnte wohl , daß eine so gründliche Unzufriedenheit mit einer so glücklichen Lebenslage nur aus Orest ' s Unzufriedenheit mit sich selbst und aus einem geheimen Zwiespalt zwischen Pflicht und Neigung entspringen könne . Aber seine Leidenschaft für Judith ahnte sie nicht . So etwas lag unter dem Horizont ihrer Gedanken und Gefühle . Sie hatte damals in London Orest im Rausch des Entzückens über Judith gesehen ; dann in Interlaken abermals in diesem Rausch ; allein sie schrieb dies auf Rechnung der Huldigung , welche die Männerwelt den gefeierten Heldinnen der Bühne darbringt . Hatte ihr Vater bei einer solchen Veranlassung doch einmal ganz gleichmütig gesagt : » Ja , das ist heutzutage nicht anders ! zwischen den jungen Männern unseres Standes gibt es nicht viele , die nicht in der Region der Theaterprinzessinnen ihren ersten Kursus der Liebe gemacht hätten . « Daher kam es denn , daß Corona zu jenen » Hochgeborenen « - wie Judith sich ausdrückte - gehörte , welche die ganze Bühnenwelt mit ihren sämtlichen Berühmtheiten als etwas betrachteten , das in ihre Sphäre nicht gehöre und nur der unerfahrenen männlichen Jugend gefährlich sei . Nach ihrer Ansicht konnte eine Primadonna für Orest eine Unterhaltung sein - doch keine Fessel . Was sie aber auch versuchen oder vorschlagen mochte , um ihm sein Haus lieb und traulich zu machen - es scheiterte an seinem schroffen Widerstand gegen jeden guten Einfluß , der sich durch einen peinigenden Geist des Widerspruches gegen all ' ihr Tun und Treiben äußerte . Zuweilen war er so bitter in seinen Bemerkungen , so hart in seinen Äußerungen , so abstoßend in Worten und Benehmen , daß er selbst darüber erschrak , besonders wenn er sah , wie Corona es aufnahm . Sie wurde nie heftig oder ungeduldig . Es ging ihr wie den Kindern , wenn ihnen irgend etwas sehr leid tut : sie erröten und ihre Augen füllen sich mit Tränen . Das rührte ihn zuweilen einen Augenblick und er sagte dann freundlicher : » Ich quäle Dich , Krönchen , vergib es mir ! Du glaubst nicht , wie verstimmt ich bin ! ich reibe mich auf in der Untätigkeit und im Ärger über mein verfehltes Leben . « Wollte sie ihm aber begreiflich machen , daß er einen schönen Kreis für tätige Wirksamkeit haben und in seinem Alter und seinen Verhältnissen nicht von einem verfehlten Leben reden dürfe : so verfiel er gleich wieder in unbändige Aufregung und erwiderte : » Du verstehst nicht , was mir not tut und weißt nicht , was ich bedarf . « Auch den zweiten Winter brachte er in Paris zu ; aber er nahm Corona mit . Einerseits war es ihm lästig , da er sie doch nicht der vollkommenen Verlassenheit übergeben durfte . Andererseits war ihre Anwesenheit ihm , der Welt gegenüber , eine Art von Rechtfertigung . Warum sollte sich ein junges Ehepaar nicht einen Winter in Paris aufhalten ? Corona fügte sich seinen Anordnungen und hoffte , daß Orest sich besser unterhalten und vielleicht dadurch besser gestimmt werde . Für sich selbst hoffte sie nichts . Da wie dort mußte Gott ihr Trost , Felicitas ihre Freude sein . So war es auch . Orest führte sie in einige Häuser der guten Gesellschaft ein und begleitete sie knapp so viel , als es der Anstand erheischte . Da sie fühlte , wie schwer die Stellung in der Welt für eine junge Frau ist , um welche ihr Mann sich gar nicht bekümmert , und welche Gefahren dies Alleinsein mit sich bringt , da die Männer nicht ermangeln , einer schönen Verlassenen ihre Huldigungen darzubringen : so zog sich Corona leise so viel wie möglich zurück und schob auf ihre schwache Gesundheit , die allerdings nicht sehr fest war , ihre ungesellige Neigung . Orest ließ sie gern gewähren . Blieb sie zu Hause , so war er um desto freier , seine Tage bei Judith und seine Abende in der italienischen Oper zuzubringen . Corona sah ihn kaum ; wenn sie ihn aber sah , war er munter , gesprächig und augenscheinlich fühlte er sich hier zufriedener , als auf Stamberg . Judith hatte ihn in die Reihen ihrer Verehrer aufgenommen und gesagt : » Es bleibt aber , wohlverstanden , bei der Verehrung , der Bewunderung , Graf Orestes , und von Liebe ist keine Rede zwischen Ihnen und mir . « Orest hatte erwidert : gerade das sei sein Thema . Judith antwortete kalt : » So werden Sie sich darüber mit Ihrer Frau Gemahlin unterhalten . « Wenn Judith in dieser Weise sprach , war er immer auf dem Punkt , auch sie zu hassen , und dennoch hatten solche Worte die Wirkung von Wassertropfen , die man ins Feuer spritzt : die Flamme brennt um desto heller auf . Wer mit Zorn und Groll Orest wieder zu Gnaden bei Judith aufgenommen sah - das war Florentin . Das Wort seines Freundes Lelio : An Leute wie Dich und mich denkt Judith nicht ! hatte um so tiefer seine Eitelkeit verletzt , als er bald gewahr wurde , wie richtig es sei . Während sein Herz von Ehrgeiz zerfressen war , machte er ihr heimlich einen Vorwurf daraus , daß es mit ihr nicht anders stehe . Ehrgeiziges , eitles Weib ! murrte er zuweilen , wenn sie ihn eben ganz wie ihren Sekretär behandelt und fortgeschickt hatte , um ihre Geschäftsbriefe zu schreiben , während sich die eleganteste Männerwelt um sie versammelte ; Triumphe will sie - nichts als Triumphe ! und in welchen niederen Regionen bewegen sich diese Triumphe ! Den Ehrgeiz der Künstlerin lasse ich gelten ; denn durch ihr Genie hängt sie mit dem ganzen Volk zusammen , das sie bezaubert , und indem sie den Beifall des ganzen Volkes begehrt und erstrebt , wird sie von ihm abhängig , so daß ihre Triumphe ohne ein Buhlen um des Volkes Gunst unmöglich sind . Das lasse ich gelten , denn da huldigt sie meiner Gottheit ! Aber sie ist außerdem von niederem Ehrgeiz besessen . Irgend einen hochtönenden Namen will sie erobern , der nicht im goldenen - sondern im schwarzen Buch der Menschheit , auf vergelbten Pergamenten verzeichnet steht . Sie ist kalt und klug - sie wird es durchsetzen . Daß aber Orest derjenige sein könnte , auf den ihre Wahl fiele , daß Orest von dem gefeierten Wesen bevorzugt werde , von dem er , Florentin , gar nicht beachtet wurde : das war ihm ganz unerträglich . Überdas verdroß es ihn bitter , daß Orest ihn bei Judith wieder in einer ganz untergeordneten Stellung fand , nachdem er ihn in London schon in einer armseligen getroffen hatte . Müssen mir denn überall diese Windecker in den Weg kommen ! murrte er . Als er hörte , daß Corona in Paris sei , frohlockte er : Sie soll alles erfahren . Sie weiß nichts , davon bin ich überzeugt , denn sie würde nicht gekommen sein , wenn sie wüßte , welcher Magnet Orest nach Paris zieht . Sie muß es wissen ! Warum denn aber ? fragte ihn heimlich sein Gewissen ; warum der armen Frau diesen Kummer bereiten ? Um irgend ein Übel zu verhüten , das in solchen Verhältnissen nie ausbleibt ; murmelte er seinem Gewissen zu . Er ging zu Corona , um sich als ihr Pflegebruder und Kindheitsgefährte vorzustellen , zu dessen Wahrhaftigkeit sie Vertrauen fassen dürfe . Aber vor dem Hause kehrte er wieder um . War Orest nicht auch sein Pflegebruder und Jugendgefährte ? Sie ist vielleicht nicht allein ! besser ich schreibe ihr ! so beschwichtigte er abermals die Regung seines Gewissens . Und wirklich schrieb er an Corona und setzte sie unter dem Schleier innigster Teilnahme von Orest ' s Leidenschaft für Judith in Kenntnis , die schon vor seiner Verehelichung in Mailand begonnen habe . Aber er setzte seinen Namen nicht unter den Brief . Sie könnte an der Wahrheit zweifeln , da ich ja in ihren Augen ein Verlorener bin , sprach er ironisch zu sich selbst . Der eigentliche Grund war : er schämte sich dieses Schreibens . Anonym kam es in Coronas Hände . Sie las es und warf es in ' s Feuer . Welche Bosheit , mir diese Sache zu schreiben - möge sie Wahrheit und Verleumdung sein ! rief sie empört . Aber ach ! wenn es Wahrheit wäre ! Sie sank zusammen wie gebrochen von der Wucht solcher Sünde , solcher Schmach . Herr , erbarme dich unser und unseres Kindes ! betete sie , zitternd vom Scheitel bis zur Sohle . Neben der kleinen Wiege kniete sie nieder . Da schlief Felicitas , da wachten die Engel , da fand Corona eine übernatürliche Ruhe . Was hat der zu fürchten , der sein ganzes Herz voll Liebe , voll Wünsche , voll Sehnsucht in unbedingter Hingebung dem Willen Gottes aufopfert ? Offenbar - nichts ! denn was auch geschehen möge - es wird immer aufgenommen als Gottes anbetungsvoller Wille , Fügung oder Zulassung . Nur da , wo es eigenen Willen gibt , gibt es auch Furcht : Furcht vor dem Opfer . Ist es gebracht , tritt Ruhe ein . Der Schmerz hört nicht auf ; der gehört zum Menschenleben . Aber Ruhe im Schmerz sproßt zu Füßen des Kreuzes . Wenn es Wahrheit wäre ? sagte Corona zu sich selbst ; wenn er in der Todsünde lebte , mein Mann , der Vater meines Kindes - an den wir gewiesen sind fürs Leben , als an unsere irdische Stütze , unseren Freund , Ratgeber und Beschützer - wie dürfte ich es dulden als christliche Ehefrau und Mutter ! und ach ! wie könnte ich es hindern ? Ist es nicht Mangel an Liebe für Orest , wenn ich den Inhalt dieses Briefes für Wahrheit halte ? und halte ich ihn für Verleumdung - ist das nicht eine heimliche moralische Feigheit ? So sprach sie mit sich selbst und mit Gott , und betete und flehte um Kraft , Einsicht und Gnade , damit sie das Rechte treffen möge und litt den bittersten Schmerz , der auf Erden gelitten werden kann : den Schmerz um eine schwere Gottesbeleidigung , verübt von einem geliebten Menschen . Denn sie liebte ihn , - aber nicht wie der Mensch den Menschen zu lieben pflegt , aus Neigung des Herzens , aus blinder Leidenschaft , aus selbstsüchtigem Wohlgefallen ; sondern als eine nach dem Ebenbilde Gottes geschaffene Seele . Orest bemerkte nicht ihr stilles Leid , das sie freilich immer hinter einem noch sanfteren Lächeln und noch sanfteren Wort zu verbergen suchte . Hätte er es aber auch bemerkt - er würde es doch nicht beachtet haben : so wenig zählte sie in seinem Leben . Der Fasching war längst vorüber , der größte Teil der Fastenzeit auch . Da sagte Corona eines Tages , als Orest mit ihr zu Mittag gegessen hatte - was nicht oft geschah : » Lieber Orest , die österliche Zeit hat begonnen . Willst Du Deine Andacht hier oder zu Hause halten ? Im vorigen Jahre waren wir getrennt : Du hier , ich auf Stamberg . Ich bitte Dich , laß uns in diesem Jahre vereint sie halten . « Orest hatte im vergangenen Jahre nicht im entferntesten an seine Christenpflicht in der österlichen Zeit gedacht ; und auch jetzt sah er in dieser heiligen Zeit nichts anderes , als den entsetzlichen Moment , der ihn von Judith trennte , indem sie sich Ende April zur italienischen Oper nach London begab und ihm erklärt hatte , sie schicke ihn dann zurück in seine odenwäldische Wildnis , da sie in ihrem Salon auch für andere Leute Platz machen müsse und da es viel angenehmer sei , wenn er sich nach einer längeren Abwesenheit wieder bei ihr einfinde . Orest hatte ihr eine empfindliche Antwort gegeben ; darauf sagte sie denn in ihrer Weise , die nichts bestimmtes verhieß und doch viel zu verheißen schien : » Wie kann Sie das verletzen , Graf Orestes ? Was wäre der Frühling , wenn er beständig dauerte ? gibt es ein traurigeres , stumpferes Grün , als das Immergrün ? « So verfiel er stets aufs neue unter ihre Bezauberung . Jetzt sprach Corona von der österlichen Zeit und wie alle leichtsinnigen Menschen , die stets das Unangenehme aus ihrer Gegenwart in die Zukunft zu schieben suchen , sagte er : » Zu Hause ! natürlich ! « Ein heller Freudenstrahl blitzte in Corona ' s Augen auf . Sie hatte keine Ahnung von einem so verdunkelten Gewissenszustand , daß er , wenn ' s notwendig war , seiner Frau mindestens diese kleine Freude zu machen , auch allenfalls mit ihr seine Andacht halten wollte . Nur wußte er gar nicht , um was er sich anzuklagen habe ! sein Verhältnis zu Judith war ja eine ganz unglaublich platonische Liebe ! Vielleicht ließ sich auf Stamberg auch noch ein Mittel finden , dieser kirchlichen Zeremonie zu entkommen . Er glich , der Seele nach , jenen Totkranken , die gar nicht glauben wollen , daß sie in Lebensgefahr sind . Es ist eine der fürchterlichsten Wirkungen des Weltgeistes das Gewissen einzuschläfern , ihm in dieser Schlaftrunkenheit die Pflichten , die Verhältnisse , die inneren Zustände in ein trügerisches Licht zu stellen und dann diese geistige Verblendung und moralische Erschlaffung zu benutzen , um es zuerst verwirrt über Wahrheit und Recht - und dann gleichgültig gegen beides zu machen . Freudig kam Corona nach Stamberg zurück ; Orest - in halber Verzweiflung . » Ich sterbe an der Monotonie des häuslichen Lebens ! « rief er und umbaute seinen Divan mit einem Wall von französischen Romanen . Corona mahnte ihn mild an seine Zusage ; die österliche Zeit sei fast verflossen . Sie bat ihn flehentlich , auf ein paar Tage wenigstens mit etwas anderem , als mit dieser Literatur sich zu beschäftigen , die , ebensowenig als die Welt , der sie entstamme , ihm Frieden und Freuden geben könne . Er blieb auf seinem Divan , rauchte und las - und versicherte , er habe noch Zeit genug . Endlich sagte Corona , der nächste Sonntag sei der letzte in der österlichen Zeit , und fügte hinzu : » An Deine arme Seele willst Du nicht denken , lieber Orest ; ach ! so denke mindestens daran , daß Du Deinen katholischen Dienstboten und Untergebenen kein Ärgernis geben darfst durch Verletzung dieses heiligen Kirchengebotes . « » An meine arme Seele soll ich denken ? nun , wenn sie auch nicht so schwanenweiß ist , wie Du die Deine wähnst , so ist sie doch auch gewiß nicht so rabenschwarz , als Du es Dir einbildest : das denke ich von