mit ertheilt . Darauf erklärte der Hüttenmeister , daß das geistliche Gericht Anklage erhoben habe wider Hieronymus und Ulrich von Straßburg - daß man aber keinen Grund habe an der Unschuld des ersteren zu zweifeln , daher derselbe nach wie vor daheim bleiben und ruhig zur Arbeit kommen solle . Ulrich von Straßburg aber , der sich selbst als schuldig angegeben , solle den draußen harrenden Dienern des Gerichts übergeben werden . » Wir und die Haupthütte zu Straßburg , « fuhr der Hüttenmeister fort , » sind über ihn und seine Herkunft getäuscht worden durch falsche Zeugnisse ; es bewährt sich nicht nur an ihm , daß Gott die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern , sondern auch , daß kein Frevel an der Wahrheit ohne Entdeckung und ohne Rache bleibt . Ulrich von Straßburg war von je ein Unehrlicher und Unreiner , der nicht in unsern reinen Bund gehört : sein Vater war ein Mönch und seine Mutter eine Nonne - « » Haltet ein ! « rief Ulrich , als er auf allen Gesichtern Spuren des Abscheus , der Verachtung oder des Spottes sah ; » haltet ein , meine Eltern solchen Frevels zu beschimpfen ; ein grausames Geschick hatte sie getrennt , und sie wählten das Kloster erst vor zwölf Jahren , um zu büßen und zu entsagen . « » Es mag so sein , « sagte der Hüttenmeister , » aber Dir geziemt zu schweigen ; Du bist ausgestoßen aus unserem Bund ! ein Unreiner , der niemals daran hätte Theil nehmen sollen . Lege dein Werkzeug hin und kniee nieder . « Ulrich gehorchte schweigend , sein Antlitz ward todtenblaß und er suchte es in seinen Händen zu verbergen . Der Hüttenmeister stieß ihn mit dem Fuße noch tiefer nieder , schritt über ihn hinweg , spie ihn an und sagte : » Du Unreiner ! wir haben keinen Theil an Dir ! Unsere Hütte ist beschimpft und entweiht unsere heilige Kunst , wenn wir Dich noch länger unter uns dulden . Mögen Dich die Profanen richten , wie Du es verdienst , uns bist Du nichts mehr , denn Du bist uns zum Schandfleck geworden , und Dein Steinmetzzeichen wird vertilgt werden , wo man es nur findet ! « Bei den letzten Worten war es Ulrich , als zertrete der schwere Absatzstiefel des Hüttenmeisters sein Haupt - einen solchen Schmerz fühlte er innerlich bei diesem Spruch in dem Sitz seiner Gedanken , die hochaufstrebend schon Unsterbliches geschaffen und noch mehr zu schaffen gehofft - aber schon schritten der Werkmeister und der Pallirer auch über seine zu Boden geworfene Gestalt und wiederholten denselben Spruch : » Wir haben keinen Theil an Dir ! « Und so folgten alle Gesellen mit demselben Spruch , schritten über Ulrich und spieen ihn an . Jetzt kam auch Hieronymus an die Reihe . Er zögerte ; da traf ihn ein prüfender Blick des Hüttenmeisters - Hieronymus mußte ; wenn er nicht that wie die Andern , so machte er sich zu dem Mitschuldigen und Genossen des Ausgestoßenen . Noch bleicher als dieser , der für den Freund erröthete , ward Hieronymus Antlitz , als er über ihn hinweg schritt und zitternd stammelte : » Ich habe keinen Theil an Dir ! « Diesmal war es Ulrich , als habe der Fußtritt sein Herz getroffen und zertreten . Mochten nun noch die Lehrlinge , die unmündigen Knaben , ihre Füße über ihn heben und ihn beschimpfen ; mochte nun noch mit ihm geschehen was da wollte - er hatte das Aergste erlebt : der Freund , für den er sein Leben hatte opfern wollen , der jetzt nur , weil Ulrich alle Schuld auf sich allein nahm , ganz frei ausging - der hatte auch sagen können : » Ich habe keinen Theil an Dir ! « Wen gab es denn nun noch , an dessen Theilnahme er glauben durfte ? - Die traurige Ceromonie , die an diesen Akt der Ausstoßung sich knüpfte , währte zwar lange , aber endlich war sie doch vorüber . Zwei Steinmetzgesellen hoben Ulrich auf und begleiteten ihn zur Thüre , ihm diese öffnend . Dann stießen sie ihn mit den Füßen hinaus auf den Platz , auf welchem die Gerichtsdiener seiner mit Ketten harrten , und sagten : » Nehm ' t ihn hin ! er ist kein freier Maurer mehr - wir haben keinen Theil an ihm ! « - Zehntes Capitel Todesurtheile Elisabeth war in ihrem eigenen Hause eine Gefangene - sie erklärte selbst es sein zu wollen , bis auch jede Spur des entsetzlichen Verdachtes von ihr genommen , den die Bosheit auf sie geworfen . Wie groß auch das Ansehen war , in welchem das Geschlecht der Behaim stand , gerade jetzt , da Martin diesen Namen auch im Ausland zu hohen Ehren gebracht hatte : so gewannen doch jetzt täglich Elisabeth ' s Feinde mehr und mehr Oberhand im Rath , und selbst die meisten Männer und Frauen , die ihr früher gehuldigt und geschmeichelt , verläugneten sie jetzt um so mehr , damit man im Fall , daß Elisabeth wirklich verurtheilt werde , es vergesse , daß sie einst mit ihnen freundschaftlich verbunden gewesen . Nur Ursula und Clara Pirkheimer waren unter den Nürnbergerinnen ihr treu geblieben und suchten ihr im Leide beizustehen , wenn nicht mit Rath und Trost - da sie selbst oft weniger hatten , als die geistesklare Elisabeth , doch mit den Beweisen ihrer Treue und einer Anhänglichkeit , die eben erst jetzt die erste Gelegenheit fand sich zu bewähren . An dem Tage , an welchem Elisabeth in das Verhör beschieden ward , war Ursula auch bei ihr und sagte : » König Max hat einen Tag nach Augsburg ausgeschrieben zum Vergleich zwischen Herzog Albrecht den Baiern und dem Kaiser Friedrich . Mein Eheherr brachte mir diese Kunde und er hofft , daß der König binnen Kurzem in Augsburg sein werde . Dorthin will er reiten und dem König sagen , wie die Nürnberger gegen Dich verfahren , und er wird keinen Augenblick zögern ihnen bessere Sitten zu lehren und Dich zu beschützen . Aber sollte Stephan vielleicht den König nicht treffen oder nicht selbst bei ihm Gehör finden , so gieb ihm die Nadel mit , die er Dir einst schenkte - jetzt ist es Deine Pflicht sie zu benutzen . « Elisabeth blickte stolz und zürnend auf : » Welch ' ein Vorschlag ! « rief sie . » Was kann mir an einem Schutz liegen , der nicht ein Schutz meiner Ehre ist ? Und wie möchte eine Bürgerin dieser freien Reichsstadt ein gekröntes Haupt anrufen , dem Nürnberger Rath Vorschriften zu machen , die dieser nicht bedarf ? Für Euch giebt es keinen Schutz als meine Unschuld , und keine Rettung als durch sie . « Ursula sagte : » Gewiß wird sie einst an den Tag kommen , aber wer weiß , ob sich die Sache bald aufklärt ! Wenn ein Fürwort des Kaisers es nur dahin bringt , daß man - « Elisabeth schnitt die Rede vom Munde der Freundin ab und ergänzte sie in ihrer Weise : » Daß man ein Recht habe zu sagen : Da ist es doch erwiesen , daß Elisabeth Scheurl des Königs Buhlerin gewesen - wie nähme er sonst die Giftmischerin in seinen Schutz ? Kein Wort mehr davon ! Es ist wahrlich nicht leicht fortzuleben unter der Wucht dieses entsetzlichen Verdachtes , jeden Augenblick bereit vor rohen und hämischen Richtern zu stehen , die nur darauf lauern , ein stolzes Weib zu demüthigen : aber leichter ist es noch , als wie sich ihnen nur durch fremde Fürsprache zu entziehen , welche der Bosheit neue Waffen in die Hand drückt und uns vor uns selbst erniedrigt . « Elisabeth blieb fest bei dieser Antwort , was auch Ursula noch dagegen reden wollte . » Wenn man nun doch keine Schonung für Dich kennt ! « rief sie angstvoll , » wenn man es wagen sollte Deinen zarten Leib der Folter auszusetzen - neben all ' ihren Qualen den tausendmal entsetzlicheren durch die Blicke und Berührungen der gräßlichen Folterknechte ! - Wenn wir nun gar nichts weiter vom König erflehen wollten als seine Fürsprache , Dir das zu ersparen ? « Wohl schauderte Elisabeth , aber sie antwortete : » Gegen solche Entehrung wird mich dieser Dolch beschützen ! « - und sie zeigte einen solchen , den sie verborgen in ihrem Trauerkleide trug ; » aber ich hoffe noch , daß mich dagegen auch die Fürsprache meiner Brüder , Deines Gatten und Vaters und ein paar anderer , mir noch ergebener Rathsherren bei den Schöppen schützt ! Nicht mit einer andern Entehrung will ich vor der einen mich retten ! - Ursula , ich beschwöre Dich ! wenn die Gefühle der Dankbarkeit , die Dich für mich beseelen , wie Du mir immer sagst , Dich antreiben etwas für mich zu thun , so laß es das sein , daß Du Deinen Gemahl abhältst , zum König zu eilen und ihm von meinem Unglück zu sagen . Es ist noch ein Trost für mich , wenn er wenigstens es nicht kennt , nicht ahnt , was der Frau geschehen , die er vielleicht gerade darum vor Andern auszeichnete , weil sie ihn zwang an weibliche Tugend zu glauben ! « So mußte Ursula traurig auf ihren Vorschlag verzichten , in dem sie einen Rettungsschimmer für die Freundin gesehen , der sie das ganze Glück ihres Lebens dankte . Von ihrem Bruder Georg begleitet war Elisabeth auf das Rathhaus in ' s Verhör gegangen . Wer die schöne Frau so gehen sah im kohlschwarzen dunklen Trauerkleid , Hals und Arme von Krepp umschlossen , und vom Haupt herab fast die ganze Gestalt mit einem wallenden Kreppschleier umhüllt - der mußte immer gestehen , daß in dieser majestätischen Haltung und dem festen Gange , den sie angenommen , kein Schuldbewußtsein lag . Trotz aller Mühen ihrer Feinde war nichts aufgefunden worden , sie bestimmt des Mordes ihres Gatten zu zeihen , aber eben so wenig sie von dem Verdacht desselben zu entbinden . Sie beantwortete alle an sie gerichtete Fragen mit einfacher Kürze und Würde , und da sie sich in nichts widersprach , so konnte auch der gegen sie erhobene Verdacht keine Steigerung finden . Die Aussage Katharina ' s : die Geldbörse Scheurl ' s von seiner Gattin erhalten zu haben , wies sie als freche Lüge zurück . Sie war bereit , ihre Aussagen wie ihre Unschuld zu beschwören , erklärte aber selbst , daß sie , bis die schauderhafte That an das Licht gekommen , und ihr und dem Namen ihres Gatten vollkommen Gerechtigkeit geworden , ihr Haus nicht verlassen werde . Der Eindruck , den ihre Erscheinung in ihrer ruhigen Sicherheit und weiblichen Majestät machte , war doch ein solcher , dem keiner der Schöppen und Rathsherren , die mit im Verhörzimmer waren , sich entziehen konnte ; es wagte keiner , ihr mit der Folter zu drohen , oder auch nur mit Ketten und Gefängniß ; sie lasen auf ihrer reinen Stirn die Reinheit ihres Gewissens , sie behandelten sie mit Achtung , trotz allen Vorsätzen , welche Einige vorher daheim gefaßt , ihre Verachtung der stolzen Frau empfinden zu lassen und sie recht tief in den Staub zu treten . Sie ging so stolz und frei fort , wie sie gekommen - und doch auch so niedergedrückt und bange athmend : denn sie war ebenso wenig frei gesprochen worden als schuldig erklärt . In diesem Zustand verging ein Tag nach dem andern . Denn nur in gewissen Fällen übte der Rath von Nürnberg schnelle Justiz : wenn es nämlich seinen Ruf und sein Recht nach Außen zu wahren galt , namentlich dem Adel , Fürsten und Herren und unruhigen Grenznachbarn gegenüber . Dann eilten die gestrengen Herren von Nürnberg zu zeigen , daß Niemand sie ungestraft kränken und beleidigen dürfe , und daß sie sehr wohl die Leute wären , auf Ordnung zu halten im Reich , sich selbst Recht zu sprechen und zu schützen gegen die Uebergriffe Solcher , die sich dünkten mehr zu sein als die ehrsamen Reichsbürger , und von diesen doch nur Placker und Straßenräuber , Landfriedenbrecher und Ritter von Habenichts genannt wurden , wenn sie auch noch so stolze Embleme in ihrem Wappen führten . Diese schnelle Justiz erfuhr der Ritter Axel von Weyspriach an sich . Es war erwiesen und er selbst hatte gar kein Hehl daraus gemacht , daß er lange Zeit in seiner Veste nur von Straßenraub gelebt , und daß er den friedlichen Handelsleuten , die aus oder nach Nürnberg ihre Wagen und Waaren an dem ihm zugehörigen Wald vorüberführten , aufgelauert und einen Theil ihrer Waaren oft als Lösegeld genommen hatte , daß er die Leute selbst ungefährdet ziehen ließ oder ihnen nicht Alles nahm . Oft jedoch waren seine Ausfälle minder gemüthlicher Art , und es kam dabei auf einige Todte nicht an , wenn durch solchen Raubmord nur ein einträgliches Geschäft gemacht ward . Ja , die meisten Ritter rechneten sich solche Thaten nicht etwa als verbrecherisch und ehrlos an : im Gegentheil , dergleichen war ihnen mehr ein Scherz , ein Recht des Stärkeren , ein Sieg ihres ritterlichen , kühnen Unternehmungsgeistes , dem stillen Krämergeist der Städter gegenüber ; den Spießbürgern geschah ganz recht , wenn sie um ihr Eigenthum kamen - warum wollten sie jetzt so hoch hinaus und es in Allem dem Adel gleich oder zuvor thun ! Ja , diese Raubanfälle steigerten sich um so mehr zum Heldenthum , als sie jetzt durch den von Kaiser Friedrich gegebenen und vor Kurzem auf neue acht Jahre verlängerten Landfrieden , auch eine Auflehnung waren gegen Kaiser und Reich . Die trotzigen Ritter , die sich durch die neue , zu Gunsten des Bürgerthums sich wendende Ordnung der Dinge in ihren Rechten sehr beeinträchtigt sahen , setzten eine Ehre darein , zu beweisen , daß sie sich an kein neues Gesetz zu binden brauchten und daß sie noch zeigen wollten , wer mehr Macht habe im Lande : die Bürger oder der Adel - und die Gefahr reizte nur zu um so frecheren Handlungen . Als Weyspriach und Streitberg mit dem Führer jenes Waarentransportes von Augsburg zusammengetroffen waren , der so wundersame Geschenke für die Behaim und Scheurl enthielt , so geschah es im doppelten Interesse , ihn aufzulauern : einmal um dieser Gegenstände Willen , und dann um sich dadurch an Elisabeth zu rächen . Das ahnten sie freilich nicht , daß nun die Herren von Nürnberg einmal Ernst machen würden , die Ritter als Thäter entdecken , verklagen , belagern , in die Reichsacht erklären - und schließlich wirklich in ihre Gewalt bekommen . Als der Raub geschehen war und die Ritter nicht alle Kisten mit sich hatten fortschleppen können , waren einige derselben im Walde vergraben worden , um sie einmal bei gelegener Zeit mitzunehmen . Ezechiel und Rachel waren gerade auf einer ihrer Wanderungen über Land vorüber gekommen , und man hatte den Juden , um sich seiner zu versichern , zum Theilhaber an dem Verbrechen gemacht . Damit er schweige , hatte man ihm einen Sack mit werthvollen Kleinigkeiten geschenkt , und unbedacht auch den indianischen Raben , den Rachel aufgefangen . Nicht lange darauf mochten ihn Leute , die bei Ezechiel Geschäfte hatten , dort bemerkt haben ; aber die Christen , welche dies thaten , schämten sich einzugestehen oder selbst zu verrathen , daß sie mit dem Juden in irgend welcher Berührung waren , und so verbreitete sich nur ganz im Allgemeinen und ohne bestimmte Angabe das Gerücht : die Juden hätten die indischen Schätze . Ezechiel selbst war gerade über Land auf ein paar Tage , als das Murren des Volkes wider die Juden drohend ward . Rachel ' s Bruder Benjamin wollte den Vogel , der zum Verräther werden konnte , erwürgen und vergraben ; Rachel war aber mit ihm verschwunden , und wagte doch erst lange nicht zu gestehen , wie und durch wen sie ihr Volk gerettet . - Da Weyspriach gefangen in Nürnberg war und ihm in der Eile der Prozeß gemacht ward , suchte er sich wenigstens noch dadurch zu rächen , daß er Alles an das Licht brachte , was vielleicht die Nürnberger Herren in einige Verlegenheit setzen konnte . Er erklärte den Juden Ezechiel als seinen Verräther , nachdem er den Helfershelfer gemacht , da Niemand als er in Nürnberg wissen konnte , wohin man die Kisten gebracht - er habe es wohl der Frau Haller gesagt , deren ergebener Diener und Freund er ja sei . Ebenso werde es wohl die alte Jacobea gewußt haben , in deren Hause die Frau von Scheurl schon manches verliebte Abenteuer mit dem Steinmetzgesellen gehabt , und von deren Hand sie wahrscheinlich auch das Gift empfangen habe , mit dem sie ihren Gemahl beseitigt - denn darauf verstehe sich die alte Hexe wie Niemand sonst . Die Folge dieser und anderer Aussagen von ihm war , daß man wenigstens den Juden Ezechiel und die alte Jacobea einziehen mußte . Indeß konnte doch ihre Schuld oder Mitschuld keinen Einfluß auf Weyspriach ' s Geschick haben ; er hatte sein Leben verwirkt , man wollte einmal ein Exempel statuiren : er ward verurtheilt lebendig gerädert zu werden , welches Urtheil dann durch besondere Gnade in den Tod durch das Schwert verwandelt ward . Wohl waren damals Hinrichtungen an der Tagesordnung und das Volk war an blutige Auftritte gewöhnt - aber lange war es nicht vorgekommen , daß ein Ritter , ein Herr vom Adel war gerichtet worden . Der Bürger und Bauer hatte sein besonderes Ergötzen daran , daß auch einmal Einer , der ein stolzes Wappen trug , dem Henker verfiel . Der Tod durch dessen Schwert war überdies die ehrenvollste Todesstrafe , und sie war darum mit um so größerem Gepränge vollzogen und lockte die meisten Schaulustigen herbei . Viel gebräuchlicher war es , gemeine Verbrecher am Galgen aufzuknüpfen , zu rädern oder zu säcken , auch lebendig zu vergraben und zu pfählen , wobei ein förmlicher Wetteifer der Grausamkeit bei Verordnung und Vollziehung dieser und anderer gräßlichen Strafen stattfand . Ganz Nürnberg war auf den Beinen , müssig und geputzt wie an einem Festtag , um den gefährlichen Straßenräuber sterben zu sehen , den Viele kannten , weil er sich bei König Maxens Anwesenheit mit unter dessen Gefolge gemischt und mit den ehrsamen Nürnbergerinnen getanzt hatte . Gerade dadurch , daß sie nun seiner Enthauptung zusahen , meinten sie von sich selbst jeden Schimpf abzuwaschen und den seinen zu erhöhen . Auch Beatrix Immhof und die Hallerin fehlten nicht unter ihnen an den dicht besetzten Fenstern des Marktes ; die Hallerin hatte zumeist Ursache ihre Verachtung zu zeigen , denn Weyspriach ' s Aussagen über ihre feindlichen Pläne gegen die Scheurl und die Gunst , die sie ihm selbst erwiesen , waren zu den Ohren des Rathsherrn Haller gekommen und machten ihm nun ihre Bemühungen , Elisabeth als schuldig erscheinen zu lassen , doppelt verdächtig , so daß ihm nöthig schien , zur äußersten Vorsicht und Rücksicht zu rathen . - Das Läuten des Armensünderglöckchens , momentane Stille , dann Trommelwirbel und ein Aufschreien aus tausend und abermals tausend Menschenkehlen verkündete , daß der Henker sein Werk vollendet hatte . Ja , sie jubelten , die guten , gesitteten Nürnberger : es war der Triumph des Bürgerthums über das Raufboldthum der Ritterschaft , die sich selbst um ihr einstiges Ansehen gebracht - aber noch mehr war es das Aufheulen einer blutgierigen Bestie , die nach Blut dürstet und sich freut wenn sie welches gesehen . So war das Volk in diesem Augenblick , so jedes menschlichen Gefühls und höheren Gedankens baar - ein Ungeheuer , das sich in seiner natürlichen Wildheit zeigte . - Auch Elisabeth vernahm diese Trommelwirbel und dieses viehische Gebrüll , so abgelegen auch ihr Haus von dem Platz des Blutgerüstes war und das Zimmer , in dem sie weilte . Clara Pirkheimer war bei ihr und hatte ihr in derselben Stunde erzählt , was ihre Schwester Charitas im Kloster der heiligen Clara erlebt , wie sie in der Nonne Ulrike , Ulrich ' s von Straßburg Mutter entdeckt , und diese dann nicht eher habe sterben können , bis sie den Sohn auf ihrem Sterbebette gesegnet . » Und jetzt höre ich , « fuhr Clara fort , » daß Ulrich aus der Bauhütte ausgestoßen ist und gefangen fortgeführt worden - ich weiß nicht , welches Verbrechens man ihn zeiht ! « Elisabeth hatte mit steigender Theilnahme zugehört ; sie erbleichte und erröthete während dieser Erzählung - und jetzt , da der Trommelwirbel tönte , der das Ende eines Opfers der strafenden Gerechtigkeit verkündete , zuckte sie zusammen - in demselben Augenblick erfaßte sie die Vorstellung mit der furchtbarsten Angst : wenn Ulrich auch ein solches Opfer wäre ? - Aber nein ! das war unmöglich ! Wenn Ulrich ein Schuldiger war , der ihr so rein und heilig erschienen , wie der heilige Johannes selbst , dem er diente , dann gab es nur noch lauter Verbrecher in der Welt ! Wer konnte es wagen ihn anzuklagen ? Wie konnten die freien Maurer , deren Zierde und erster Künstler er gewesen war , ihn ausstoßen aus ihrer Genossenschaft , wenn sie nicht irgend eine Schuld an ihm gefunden ? Aber wieder : sie selbst war ja auch eine Unschuldige - und doch hatte man den Verdacht eines Verbrechens auf sie geworfen , vor dem ihre reine Seele schauderte ! Zwei Mal hatte er sein Leben für sie gewagt - jetzt war es an ihr , jetzt mußte sie Alles versuchen ihn zu retten ! Auf einmal blitzte ein Gedanke in ihr auf . » Wißt Ihr , ob König Max schon in Augsburg ist ? « fragte sie . Clara antwortete : » Ich glaube es « - aber sie begriff nicht , wie Elisabeth in demselben Augenblick eine müssige Frage nach dem König thun konnte , wo sie gemeint hatte , sie sei ganz ergriffen von Ulrich ' s Geschick - und darum fügte sie nichts weiter hinzu . Aber Elisabeth sagte : » Ich muß ihn retten , es ist meine Pflicht und ich hoffe , es ist in meiner Macht . Da mich der König mit der Nadel beschenkte , knüpfte er das Versprechen daran , daß ich , wenn ich einmal etwas von ihm zu bitten habe , ihm nur die Nadel zu zeigen brauche , um gewiß zu sein , daß er meinen Wunsch erfüllt . Ist es nun nicht schon zu spät , so kann ich Ulrich retten ; denn in wessen Händen er auch ist : des Königs Fürwort muß ihn befreien - muß ihm auch bei den Baubrüdern die verlorene Ehre wiedergeben ; Max ist ja selbst ein Baubruder und wird sich Ulrich ' s von Straßburg noch gar wohl erinnern . « » Ihr wolltet diesen Schritt für Ulrich thun ? « rief Clara staunend ; » Ihr könntet das wollen ? « Elisabeth fuhr zusammen - sie war ja selbst eine Gefangene ! In diesem Augenblick hatte sie das vergessen , sie hatte ja überhaupt sich selbst vergessen , ihr eigenes trauriges Geschick über das eines andern theuern Wesens - nach edler Frauenart . Was sie erst selbst zu Ursula gesagt , da diese um ihretwillen zu König Max hatte senden wollen , das mußte sie jetzt sich erst von Clara sagen lassen - und mehr als das ! sie fügte noch hinzu : » So wißt Ihr nicht , wie die Rede Eurer verruchter Feinde in Nürnberg geht ? daß diejenigen , die den schrecklichsten Verdacht auf Euch werfen , auch noch hinzufügen : Ihr hättet die gräßliche That vielleicht um dieses Baubruders Willen gethan ? « » Herr des Himmels ! « rief Elisabeth und verhüllte ihr Gesicht . » Verzeiht mir ! « sagte Clara ; » ich würde Euch die Kränkung dieser Rede erspart haben , wenn es nicht hätte geschehen müssen , Euch Schlimmeres zu ersparen . Ihr dürft diesen Schritt nicht thun ! « Elisabeth richtete sich groß und feierlich nach einer langen Pause auf . Mit Hoheit sagte sie : » Ich werde diesen Schritt thun und wenn man mir nicht selbst gestattet mit sicherem Geleit gen Augsburg zu reisen , so werde ich Stephan Tucher ' s Vermittlung annehmen . Wenn ich ein Mittel habe , einen Unschuldigen zu retten , und nütze es nicht , dann bin ich vor Gott und mir selbst die verworfene Mörderin , zu der dieser hochweise Rath vor der Welt mich machen möchte . Der Schein hat mir stets weniger gegolten als das Sein , und wo ich ihn bewahren wollte , da ist er mir und andern nur zum Fluch geworden ! - Der Propst Kreß , « fragte sie später , » sagtet Ihr , sei sein Oheim ? Ich muß ihn noch heute sprechen , er wird mich näher über Ulrich unterrichten können - vielleicht mich zum Könige begleiten . « Noch war Clara bei Elisabeth , als Martin und Georg Behaim kamen , begleitet von Stephan Tucher , seinem Vater und auch dem andern Loosunger Herrn Holzschuher . Was wollten die beiden Loosunger bei ihr mit der freundlichen Amtsmiene ? Sie richtete sich stolz empor und trat ihnen mit imponirender Würde entgegen . Die beiden alten Herren verneigten sich , küßten Elisabeth ' s Hand und Georg sagte : » Heute ist ein Tag , an dem die Behaim endlich gerächt und gerechtfertigt worden . Der Ritter , der uns so frech bestohlen , hat durch das Schwert geendet , und durch ihn hat es sich sichtbar gezeigt , wie die Heiligen noch Macht haben , das Werk der Teufel zu zerstören und an ' s Licht zu bringen und gut zu machen , was die Gottlosen beschlossen hatten böse zu machen . « » Ihr werdet gerechtfertigt sein und Euer seliger Eheherr gerächt ! « sagte der alte Herr von Tucher . » Wir kommen selbst zu Euch , um die Ersten zu sein , Euch dazu unsern Glückwunsch zu bringen und Euch unserer Ehrerbietung zu versichern . « Sie meinten Elisabeth in einen Freudensturm ausbrechen zu sehen oder ein Wort des Dankes von ihr zu erhalten - aber sie sagte ruhig , als habe sie diese Ueberraschung längst erwartet : » Ich war auch nahe daran zu verzweifeln an diesem hochedlen Rath von Nürnberg , der ohne Ursache und Recht es wagen konnte , die Wittwe eines ihrer Mitglieder unglimpflich zu behandeln . « Herr Holzschuher biß sich in die Lippen ; er meinte , daß sie doch außerordentlich glimpflich mit einer Verdächtigen verfahren seien - sie hatten ihr Gefängniß und Tortur erspart ! Und nun erzählte Herr Tucher in langer förmlicher Rede , wie Katharina auf der Folter endlich Alles eingestanden , was sich wirklich ereignet hatte - wie sie geglaubt , das Gift , das ihr die alte Jacobea gegeben , sei nur ein Schlaftrunk . Man habe sich dieser bemächtigen wollen , aber sie sei nicht aufzufinden gewesen . Der Ritter von Weyspriach hatte dieselbe Jacobea als Hehlerin , Kupplerin und Giftmischerin angegeben , wie auch , daß sie in einer Waldhöhle , die er genau beschrieb , einen Schlupfwinkel habe für sich und geraubtes Gut . Dort hatte man sie aufgegriffen . Zwar hatte es lange gedauert , ehe sie gleich Katharinen bekannte , aber endlich hatte sie doch die Folter nicht länger ertragen , die ganze Wahrheit war an den Tag gekommen und dadurch Elisabeth ' s Unschuld . Beide Frauen wurden zu einem schimpflichen Tode verurtheilt : sie sollten gesackt werden und von der Brücke in die Pegnitz geworfen - um auch durch diese Todesart die venetianische Gesetzgebung nachzuahmen . Durch Elisabeth ' s Fürsprache für Katharina ward es erlangt , daß sie ihren Sohn Konrad vor ihrem Tode noch sollte sehen dürfen . Elftes Capitel Des Narren Gnadenspende Das Schrecklichste war Ulrich geschehen : er war ausgestoßen aus dem heiligen Bruderbund der freien Steinmetzen , dem er seine ganze Seele und sein ganzes Leben geweiht hatte - was nun noch geschehen mochte , kümmerte ihn nicht mehr . Ob er lebendig begraben werden und verhungern sollte , vielleicht in demselben grauenvollen Gewölbe , dem er seinen Vater entrissen ; ob er bestimmt war , auf einem Holzstoß zu enden , ein Opfer unseliger Vorurtheile - welche Marter und Qual man sonst für ihn ausgesonnen , das ließ ihn gleichgültig . Die gräßlichste Marter hatte er erlebt - das war da gewesen , als man in der Bauhütte ihn verurtheilte und sich von ihm lossagte , als jeder Baubruder einzeln und auch sein Freund Hieronymus zu ihm sagen konnte : » Ich habe keinen Theil an Dir ! « Für ihn schien es kein Wesen mehr zu geben , das Theil an ihm hatte ! Auch der Propst Kreß , sein Ohm , mußte sich von ihm gewendet haben . Während seiner Verurtheilung war er wieder krank und nicht mit in der Hütte gewesen ; aber wie Ulrich erfuhr , hatte der Propst über Ulrich ' s Herkommen , das dieser allerdings selbst verrathen , die ausführlichste Aufklärung gegeben , in der Bestürzung , in die er gerathen , als er fand , daß die längst geführte Untersuchung nun nicht mehr zu unterdrücken war . Sich selbst stützte er außer auf seine geistliche Würde auf das Recht des Stärkeren , das Amadeus und Ulrich gegen ihn geübt , und dem er unterlegen sei . So war ihm der Propst ein freundlicher Gönner im Glück , ein Beistand und Berather auch in der Noth gewesen , so lange er sie glaubte von Ulrich und sich abwenden zu können ; aber da trotz seiner Warnungen und Versuche , dem Unheil zu begegnen , es