Freiheit so beschränkt wäre , daß man sein Lebtag im Joche einer einmal verfehlten Wahl hinsiechen müsse ... da könne der Segen Gottes nimmermehr weilen ! Er sprach dies auch jetzt wieder aus mit Rücksicht auf die Briefe , die er entfaltete ... Bonaventura unterbrach ihn aber schon ... Nein , Onkel , sagte er , es gibt keine Religion , die nicht bindet ! Schon im Namen liegt ' s ja ! Haben die Völker nicht in diesem ein höheres Gesetz , so haben sie es in jenem ! Was ist nicht alles den Juden , was nicht den Türken untersagt ! Ja , die katholische Kirche hat sich das Schwerste auferlegt ! Das ist wahr - aber darin liegt gerade ihr Muth , liegt - Ihre Verwegenheit ! warf der Dechant dazwischen und fuhr in der That aufgeregter als sonst fort : Gelten lass ' ich Reinigungen und Fasten ! Es ist gut , daß der Mensch sich oft und regelmäßig die Schranke vorführe , die ihn von der Thierwelt ebenso wie von einem übermäßigen Gebrauche seiner Freiheit trennt ! Aber die Ehe ! Eine Verklärung der Schöpfung mag sie sein , eine Stütze der Civilisation ; aber die Ehe an Gesetze zu binden , die wenn nicht die Natur - die man schon leider ganz aufgeben muß ! - doch die Liebe ausschließlich vorgeschrieben hat , das rächt sich an der Sitte und - Sittlichkeit ! Es wird sich an der Kirche rächen ! In solchen Augenblicken der Erregung des Greises widersprach Bonaventura nicht . Es lag auch dann ein so stolzer , hoher Ausdruck in des Dechanten Blicken , die schlanke , noch ungebeugte Gestalt wuchs vollends in die Höhe , die gewohnte Indolenz schwand so ganz , daß der Oheim dann etwas von einem Staatsmann oder einem weisen Gesetzgeber zu bekommen schien und den , der ihm widersprach , geradezu unreif erscheinen ließ . Habe nur meine Erfahrung ! sagte er . Man sieht nur nicht diese Nachtheile einer scheinbaren Wahrheit und einer so großen Lüge ! Sie liegen - dank der furchtbaren Organisation , die in unserer Welt die polizeiliche Ordnung hat ! - nicht so offen ! O sie liegen so verborgen , daß es mir oft , wenn ich mich in unserer katholischen Welt umsehe , vorkommt , als sähe man die alten Verließe der Burgen wieder , wo die Gebeine der Geopferten modern , sähe in die Kerker der alten Klöster , die die Folgen der Zuchtlosigkeit vergruben ... Doch - laß es jetzt genug sein ! Und gleichsam als wenn die Erinnerung einer ganzen schweren Vergangenheit über ihn käme , so zitterte er und brach nun ab . Wie um sich zu besänftigen , nahm er dann die Briefe und sagte : Gehst du zum Weinberg des Obersten von Hülleshoven hinüber , so weiß ich nicht , sollst du dem Obersten diese Briefe da mitnehmen oder nicht ? Er erzählte , daß sie ihm von Armgart von Hülleshoven zugekommen wären ... Bonaventura wollte schnell in seine Pfarre zurück . Er konnte nicht hoffen Benno ' s habhaft zu werden ; nur auf dem Amte galt es noch seine Anzeige über den Leichenraub zu machen . Dem Obersten stand er ferne . Der Oberst war ein Sonderling , der gegen die ganze Welt etwas Schroffes , ja Ablehnendes hatte ... Die Briefe beziehen sich , sagte der Dechant , auf Dinge , die ich nicht gern mit dem Obersten erörtere ... Bonaventura kannte die Personen und Verhältnisse ... er wußte , daß Armgart von Hülleshoven in dem Glauben erzogen war , eine Waise zu sein ... er wußte , daß sie seit noch nicht lange erst erfahren hatte , daß ihre beiden Aeltern lebten und getrennt lebten . Als Bonaventura die beiden zierlich zusammengelegten Briefe sah , auf welchen mit sauberer Hand geschrieben stand : » An meinen Vater ! « Auf dem andern : » An meine Mutter ! « sagte er : Sie spricht doch wol ihr Glück aus , jetzt plötzlich diese Schätze gefunden zu haben ? Im Gegentheil ! erwiderte der Dechant . Als ich die Briefe empfing , wußt ' ich nicht , ob ich über sie lachen oder mich ärgern sollte . In Wahrheit war ich von ihnen gerührt , um so mehr , da auch die Mutter mir aus Wien geschrieben hat , wo sie endlich das Kloster , in dem sie zeither meistentheils lebte , verließ . Beide Aeltern machen Ansprüche auf ihr Kind und jetzt um so lebhafter , seitdem sie um diesen Besitz wieder in den alten eifersüchtigen Streit gerathen sind . Die Mutter will sogar binnen kurzem in die Gegend kommen , was ich dich bitte , um Aufreizungen zu vermeiden , dem Obersten zu verschweigen ... Bonaventura hätte sich gern dem Auftrage entzogen . Doch las er , da der Dechant es wünschte , den einen der offenen Briefe Armgart ' s. » Mein Vater ! « schrieb Armgart von Hülleshoven . » Wie die heilige Margarita betete , so wiederhole ich : Mein Herr und Gott , bewahre unser Herz in Reinigkeit , unser Leben in Unschuld und jede Begierde , jede Meinung , jede Handlung unsers Lebens in reinster Wahrheit ! Daß ich dich einst nennen werde : Mein einziggeliebter Vater ! wird die Folge der Erkenntniß deiner hohen Tugenden sein . Die Heiligen mögen mir bezeugen , ich habe ein Herz , so voll der himmlischen Liebesflammen , daß ich dich mit Innigkeit umarmen könnte , wenn ich nicht wüßte , daß ich eine Mutter habe . Auch sie darf ich , wenn ich wahr sein will , nicht begrüßen , wie es Kindern ziemt , ihre Aeltern nach langer Trennung zu begrüßen . Würd ' ich aber , wenn ich zu dir mit ausgebreiteten Armen flöge , nicht die Mutter betrüben ? Würd ' ich nicht den Schein annehmen , als bevorzugte mein Herz eines von euch ? Würd ' ich nicht ein Urtheil zu sprechen scheinen , das ferne von mir liegt ? Ach , ich beschwöre euch ! Kommt , liebevereint , beide - und ruft mich an euer ausgesöhntes Herz ! Laßt mich zu euch beiden zu gleicher Stunde emporblicken ! Laßt mich reuevoll und in ewiger Liebe vor euch beiden niedersinken und mit einem einzigen glückseligen Worte mich nennen euer einziges und treues Kind , Armgart von Hülleshoven . « Und der Mutter ? Schreibt sie wörtlich dasselbe ! Bonaventura überflog den Brief , den der Dechant nach Wien schicken sollte . In dem einen Briefe waren nicht mehr Worte und Buchstaben als im andern . An den Pünktchen da , sagte der Dechant , seh ' ich , wie sie gezählt hat , ob auch keiner mehr Buchstaben bekommen hat als der andere ! Oder weniger ! sagte Bonaventura gerührt . Sieh , ein Kind will sich zum Preis der Aussöhnung seiner Aeltern setzen ! Sollten diese beide nun nicht wirklich , um vor ihrem Kinde nicht beschämt zu stehen , ihren Haß und Groll fahren lassen ? Bleibt der kleine Genius des Friedens nur fest in seiner Weigerung , so mein ' ich , müßte eine Eifersucht entbrennen zwischen Vater und Mutter , die zum Guten führt ! Nennen Sie das Sakrament der Ehe noch den großen wunden Schaden unserer Kirche , wenn es solche Opfer möglich macht ? Die kleine Armgart handelt - ich muß es so nennen - katholisch ! » Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dein Lob zugerichtet ! « sagte der Dechant ironisch und erhob sich , um Bonaventura das Geleit zu geben und nach Windhack zu klingeln . Nachdem sie beide die Reliquien aus dem Sarge zusammengelegt und in einer Tasche , die zu Bonaventura ' s Reiseeffecten gehörte , geborgen hatten ; nachdem der Dechant auf die von ihm ausgesprochene Erwartung , der Neffe würde doch wenigstens zum Mittagessen noch dasein , eine ablehnende Antwort erhalten hatte - den Pfarrer zog es mächtig in seine Gemeinde zurück und - Lucinde verscheuchte ihn - ; standen beide schon an der Thür , Bonaventura , um auf den Weinberg des Obersten zu gehen , der Dechant , um in der Stadt die diese Nacht mutterlos gewordenen Waisen mit Geldmitteln zu versehen . Eben sagte er : Tröste Witwen und Waisen , wie du heute Nacht gethan hast , theile , wenn du ihnen nichts Besseres geben kannst , Heiligenbilder an sie aus : nur um Eines bitt ' ich dich , Bona , um Eines ... Zwei Thüren gingen in diesem Augenblicke zu gleicher Zeit auf . Windhack trat ein und wollte eine Meldung an Bonaventura bringen . Herr Pfarrer ! sagte er eilends ... Aber auch Frau von Gülpen war von nebenan erschienen und machte einen Eindruck , der jedem , der sie nur ansah , die Sprache rauben konnte ... Zwar war ihre Toilette schon in schönster Ordnung , Windhack ' s gewellter Scheitel saß schon kunstvoll unter der buntbebänderten Spitzenhaube und doch kam sie wie eine halb Bewußtlose . Ihr eines Auge war Entrüstung , ihr anderes Schrecken , die Nase Zorn , die Oberlippe Staunen , die Unterlippe Abscheu . Sie glich einem eben von einem Traum Erwachten , der geträumt hatte , eine Maus wär ' ihm quer über das Gesicht gesprungen , und dem es in dem Augenblick , wo er erwachte , auch wirklich so vorgekommen , als hätte ihm etwas Kaltes auf der Nase gesessen . Gott , was ist Ihnen , Liebe ? fragte der Dechant . Sie wollte sprechen , aber sie konnte nicht ... Sie winkte nur Windhack , zu sagen , was der wolle ... Ein Wägelchen ist halt eben vorgefahren - ! sagte Windhack , stockte aber , weil dem so sichtbaren Schmerz der Frau von Gülpen offenbar die Vorhand gebührte ... Ein Wägelchen - ist - eben - vorgefahren ! wiederholte Frau von Gülpen mit hauchender Stimme . Sie that dies , um ihm gleichsam seine Mittheilung zu erleichtern . Es war ein Ton der leidendsten Geduld , ja der eines förmlichen Abgeschlossenhabens mit dieser ganzen höchst unvollkommenen Welt ... Schon ahnte der Dechant die Ursache dieses Anblicks - die neue Nichte - Was ist denn , Windhack ? fragte er , um nur bald wenigstens über dessen Störung hinwegzukommen - Der Wagen unten ... Nun ja , nun ja - Herr Maria ! Wer ? Herr Maria ! Frau von Gülpen war so großmüthig , so tief edelgesinnt , so gewohntermaßen aufopferungsfreudig , auch noch jetzt die Verständigung zu unterstützen . Herr Schnuphase ! sagte sie . Herr Schnuphase ? ... Eine dringende Meldung an den Herrn Pfarrer ... fuhr Windhack fort . An mich ? fragte Bonaventura ... Herr Maria hat Sie halt schon in St.-Wolfgang aufgesucht ... ein sehr wichtiger Auftrag ... Und schon hörte man auf dem Corridor draußen das Husten und Räuspern eines Mannes , der nicht gewohnt schien , lange ohne das freudigste Bewillkommtwerden zu verharren ... Ist denn schon die Zeit der Wachsernte , fragte der Dechant lächelnd und verdrießlich zugleich ... Aber Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase , Lebküchler , Wachslichterfabrikant und Meßgewandsticker aus der Residenz des Kirchenfürsten , schien absichtlich zwei oder drei Prisen genommen zu haben , um nur dicht am Schlüsselloch draußen niesen zu können ... Und mit jener Selbstaufopferung , die für sich selbst im Leben ja auch nichts , auch gar nichts beansprucht , sondern die nur allein andere glücklich zu machen wünscht , winkte Frau von Gülpen , daß Herr Schnuphase eintreten möchte ! Der Dechant war im äußersten Grade gerührt , zu sehen , wie sich jetzt die gute Frau erschöpft auf ein Eckkanapee im Dunkeln niederließ , ganz nur Resignation , ganz nur ein Bild der Ergebung , sich selbst eklipsirend , wie Windhack hätte sagen können ... Gern hätte er tröstend ihr zugeflüstert : Nun , » die Person « ist doch schon fort ? Lassen Sie sie in Gottes Namen reisen ! Und gleich ! Den Augenblick ! ... Aber der Eintretende nahm die Aufmerksamkeit aller Anwesenden allein in Anspruch . Herr Jean Baptiste Maria Schnuphase ist ein kleiner Mann von unendlichster Devotion . Sein Frack ist grün , die Knöpfe daran sind weiß und von Metall , die Weste ist von Kameelgarn und gelb und die Beinkleider sind von Nanking . Er trägt weißgewaschene Lederhandschuhe , wie zu einer Kindtaufe . Aber statt eines Hutes hat er doch nur eine Reisemütze in der Hand und das genirt ihn und das bringt ihn außerordentlich in Verlegenheit und er muß lächeln und um Entschuldigung bitten und muß alles aufbieten , um das Négligé dieser Reisekappe zu verbergen und muß sein : Hochwürdigste Hochwürden - gnädigste Frau - hochehrwürdiger Herr Pfarrer - sehr geehrter Herr Windhack ... mit so vielen Verbeugungen unterbrechen , daß wir - Doch nein ! Um Jean Baptiste Maria Schnuphase ganz zu charakterisiren und nichts zu unterlassen , was zu seinem » ganz ergebensten « und » hochachtungsvoll ergebensten « Eindruck gehört , müssen wir ihn eigentlich in seiner eigenen Sprache reden lassen ... Es ist das jene Sprache von der Abdachung des Harzes her in die kleine römische Enclave , das einzig rechtgläubig dortherum gebliebene Hildesheim . Es ist die Sprache der braunschweigischen Umlaute » uö « statt a oder au oder o , die Sprache des lispelnden S vor St und Sp ... Alle diese feinen Nuancen gehören zu dem Duft des » Vörnöhmen « und » Erhöbenen « , das den Lebküchler , Wachslichterfabrikanten und Meßgewands-ticker schon seit dreißig » Jöhren « umgibt . Schnuphase , oder nach seiner eigenen Aussprache » Schnuphöse « , besitzt eine nie » ermöngelnde « Ergebenheit . Er ist das Factotum aller menschlichen Bedürfnisse des höhern und niedern » christköthölischen « Klerus . Er ist der Beichtvater der Beichtväter . Herr Maria , von Hildesheim durch eine glückliche Gesellenschaft und darauffolgende Verheirathung gen Westen verpflanzt , ist wohlangesehener Bürger und Hausbesitzer in der stolzen Königin des großen » S-trömes « , die wir kennen lernen werden . Er ist der » Figaro hier « , der » Figaro dort « des Domstifts und aller derer , die sein Vertrauen suchen und nicht suchen ! Dienen , dienen um jeden Preis , dienen und wär ' s auch nur um die regelmäßige Abnahme seiner weltberühmten Wachskerzen für Haus und Altar , seiner Lebkuchen für den Weihnachtsbaum , seiner Stickereien , deren Anfertigung seine beiden Töchter Eva und Apollonia zu den Garderobièren aller Gottesmütter des Landes und aller sonstigen heiligen Toiletten gemacht hat ... dienen war » Herrn Maria ' s « Lebensaufgabe ! Wo ereignete sich das Weihen einer Kirche auf zwanzig Meilen in der Runde , stromauf , stromab , ins Frankenland hinein und hinüber auf die rothe Erde , daß Herr Maria fehlte ? Oder eine Priesterweihe oder ein Zweckessen oder ein großes Leichenbegängniß oder eine Glockenweihe oder eine Wallfahrt oder eine Schaustellung wunderthätiger Bilder oder Reliquien ... Herr Maria sollte fehlen ? Herr Maria , der kleine , immer vom Feuer der Ueberzeugung sowol wie vom edelsten Ahrbleichert Geröthete ? Er war einer der Cherubs , flammend von der Nase bis zum Schwert , die an der Kathedrale in der Residenz des Kirchenfürsten die Eingangsportale hüteten ! Dabei durft er auch wandeln auf Erden wie ein Cherub auf Urlaub , ein Cherub der Legende , zu Wagen , zu Roß , per Dampf auf der kühlen Welle oder der hie und da schon sich streckenden Schiene ! .. Herr Maria wohnte in einem der alterthümlichsten , massivsten Häuser , die man sich durch hochwürdigste Protection nur erwerben kann . Er war in seiner Art ein Napoleon . Wenigstens war die Biene sein Symbol . Er hätte eigentlich in einem Bienenmantel bei jeder Procession voranschreiten müssen , wie er oft voranschritt , dann freilich im schwärzesten der schwarzen unter seinen vielen Fräcken , mit entblößtem Haupte und eine seiner eigenen Kerzen tragend ... Die Bienen hatten ihn gelehrt , Honig früh von Wachs zu unterscheiden , aus jenem die lieblichsten nürnberger Leb- und thorner Pfefferkuchen und baseler Leckerlis zu gestalten , aus diesem aber Kerzen , reine , weißgelbe edle Wachskerzen zur heiligsten Weihe . Und diese Bienen hatten ihn auch die Emsigkeit gelehrt , den rastlosen Fleiß , das Sammeln auf allen Fluren und Wegen und Stegen für seinen eigenen Schatz und den des Reiches Gottes . So erlebte er freilich die Berufung zu den höchsten Steuersätzen durch diesen kalten protestantischen , keine Exemtionen duldenden » S-töt « , aber auch die Mittel , sie quartaliter pünktlichst zu berichtigen . Herr Maria galt für wohlhabend , aber er war reich . Das wußten Domherren und Capitulare und Officiale und Curaten bis zu Psalteristen und Calcanten hinunter . Dominicus Nück , der mächtige Procurator , Benno ' s Principal , wußte es gleichfalls . Der hatte ihn auf der Liste aller derer , die in großen Erbschaftsfragen , wie z.B. jetzt in der der Dorste-Camphausen , Mündel- und Pupillengelder auf die rechten Plätze anzulegen wissen . Und was gab es nicht allein schon auf dem geistlichen Gebiete zu rechnen und zu zählen ! Was hatten die Herren von Sancta-Columba und Den Aposteln und Den sieben Schmerzen und allen Kirchen diesseit und jenseit des Stromes nicht für einen Neffen dort , für eine Nichte da liebevollst zu sorgen , aufzunehmen und abzutragen ! Was gab es nicht Kapitalien unterzubringen ! » Schicket euch in die Zeit , denn es ist böse Zeit ! « Herr Maria kannte das ganze Land , kannte alles , was neben Bienen auch Korn und Gerste zieht und Hypotheken braucht . Freilich war er nicht in dieser Gegend geboren , aber er war geboren in dem Lande der Höflichkeit , der feinsten deutschen Aussprache , der gewähltesten Umgangsformen . Er wurde überall gut aufgenommen und nie übermüthig . Er hatte von den Bienen die schöne Harmonie gelernt , die Unterordnung unter einen gekrönten Weisel , unter die selbstbeschauliche Trägheit vornehmer Drohnen ; selbst jener poetische Schwung fehlte Herrn Maria nicht , den die Alten mit den Bienen bezeichnen wollten , wenn sie im Munde eines göttlichen Redners die Biene abbildeten oder einen Sophokles an ihr sterben ließen ... nein , Sophokles starb an einer verschluckten Weinbeere ! Aber schon die attischen Bienen ruhten vielleicht am liebsten auf solchen Weinbeeren , die von Chios und Tenedos an den Ilissus verpflanzt wurden ! Schnuphase bestätigte den Naturforschern , daß die Bienen am liebsten sich den Honig vom Safte der Weinbeeren saugen . Oder verurtheilt ihr ihn deshalb ? Lebte der schwungvolle Mann nicht im Lande der köstlichsten Reben ? Er , der nur » brauns-weiger « Mumme oder goslarer » Göse « als die höchsten Errungenschaften der dürstenden Menschheit bei seiner Geburt kennen gelernt hatte , er bekam sein rothes Näschen , seine rothen Wänglein , die dem weißen Lockenköpfchen allerliebst standen , nur auf den schönen Rebenhügeln seines neuen Vaterlandes , unter den epheuumwundenen Burgruinen , da , wo man ringsumher dicht neben dem Anblick des Großen und Schönen auch überall einen Guten schenkt . So zu stehen auf » erhöbenstem « Standpunkte , so mit dem grünen » Römerglöse « allen » Köpöllen « und Kirchen und » Dömen « und » S-tiften « und » Köthödrölen « , die er erleuchtete , allen Tannenbäumen ringsumher , die er zur Weihnachtszeit mit Lichtern und Lebkuchen schmückte , allen Kaplanen und Pfarrern , die er mit wundervollen Meßgewändern bekleidete , ein Hoch nach dem andern auszubringen - wer konnte ihm das verdenken ! Blieb er nicht immer fein , nicht immer nobel , immer Herr seiner weißen Wäsche , Hüter seiner Manschetten , Meister im Knoten seiner weißen Binde , zierlich und manierlich ? Einem Weihbischof die Hand zu küssen , hätte ihn von allen Schäden der Pathologie geheilt ! Glücklicherweise war er gesund und fühlte sich im Ahrbleichert und seinem Berufe wie der Fisch im Wasser ! Oder er war selbst wie eine seiner Kerzen ! Erst Product einer von tausend Enden und Ecken her gesammelten Betriebsamkeit - und dann so sanft sich selbst verzehrend im Lichte , in aufwärtsstrebender reiner , heiliger Flamme und fanatischster Hingegebenheit an alles , was sich nur für sein römisches Ideal unternehmen , betreiben , wühlen ließ ! Betriebsamkeit ließ ihn , wie Löb Seligmann , der Bruder der Hasen-Jette , vom Felde die Früchte » auf den Halm « kaufte , den Reps » auf die Blüte « , den Taback , die Runkelrübe » auf Stengel und Knollen « , so den Honig und Wachs kaufen » auf die Blume « , auf die Blume , wenn über dem duftenden Kelche noch die grünen Weberinnen wetteifernd mit den Schmetterlingen summten und schwelgten ! Und fast alle Stöcke der Bauern und Schullehrer waren so dem tendenziösesten aller Tendenz-Tendenzer verpfändet , noch ehe die Zellen sich füllten . » Die Blume « - darauf war er Kenner ! Und er drückte niemanden . Er handelte wie ein Mann , der die heilige Ehre genoß , mit Stolen , Alben , Manipeln , Fahnen , Standarten , Demonstrationen , selbst Intriguen die Glorie des katholischen Lebens zu mehren , die Hochämter bis nach Lüttich und Antwerpen hin und die großen Dome - o wär ' es bis an die Peterskuppel von Rom gewesen ! - mit Licht- , Gold- und Silberglanz zu füllen ! Herr Schnuphase überbrachte vom Herrn Kaplan Michahelles , dem Secretär des Kirchenfürsten , einen Brief , der für St.-Wolfgang bestimmt war . Ein Auftrag Sr. Eminenz ? fragte der Dechant erstaunt , als Bonaventura den Brief erbrach . Frau von Gülpen zitterte bei diesem Worte jetzt auch noch zu alledem vor - Devotion ... Zu dienen , Höchwürden ! sprach Herr Maria . Ohne weitern Aufenthalt ? sagte Bonaventura betroffen im Lesen halb für sich . Ohne allen weitern Aufenthölt , Höchwürden ! In die Residenz sollst du kommen ? fragte der Dechant hocherstaunt . Zu dienen , Höchwürden ! bestätigte Schnuphase . Des Dechanten Herz klopfte fast hörbar von einer Ahnung , die mit der vorhin unterbrochenen Warnung im innigsten Zusammenhange stand . Gerade das hatte er sagen wollen , gerade vor der Gefahr warnen , die jetzt für Bonaventura heraufzog ! Zu all den Foltern , die Frau von Gülpen zu überstehen hatte , kam nun noch die , sehen zu müssen , wie der Dechant förmlich erblaßte und sich an seinem Tische halten mußte ... Alle ihre Gedanken gingen nun wieder blos auf die Hausapotheke , auf ihre niederschlagenden Pulver - und dabei sah der geliebte Mann offenbar doch nur mit der Absicht so scharf jetzt auf sie hinüber , um sie zu entfernen , sich allein zu wissen mit Bona und über den empfangenen Brief mit ihm eine Scene zu haben ... eine Scene ! Herr Maria , nichts ahnend als nur Gutes , äußerte : Hochwürden werden gewögentlichst in meinem Hause abs-teigen ! Ich bitte ! Ich bitte ! Es ist der Befehl - wöllt ' ich sögen der Wunsch Sr. Eminenz , daß Ew . Hochehrwürden bei mir wöhnen ! Im sogenannten s-teinernen Hause , dicht an der Köthödröle ! Der Dechant beherrschte sich nicht länger . Windhack bekam Befehl , Herrn Schnuphase , der es einräumte , sich noch » im ungefrühstückten Zustande « zu befinden , ein Déjeûner à la fourchette vorzusetzen ... Frau von Gülpen durfte dem entscheidenden Blick , dem Wunsche , der sie in diesem Moment aus den Augen des Dechanten machtgebietend traf , sich nicht widersetzen ... Sie ging ... sie ging auf Bonaventura mit einem Blick , der ihn um aller Heiligen willen , die im und nicht im Kalender stehen , bat , den Dechanten zu schonen ! ... Sie ? Sie selbst ? Ach sie war ja gewohnt alles zu tragen ! ... Als sie noch Herrn Schnuphase ' s Diener und » gehorsamsten Befehle « und » unterthänigsten Bereitwilligkeiten « , auch » die Absicht , den nähern Bescheid abwörten zu wollen « , unterbrechen mußte und die Thür öffnete , die zum Corridor führte , und nun wieder mit Herrn Schnupphase zu complimentiren hatte , wer zuerst ginge , da warf sie noch einen Blick gen Himmel ... Er war gemischt aus Kummer und schon wieder doch - aus der seligsten Freude : Diese Bürden - wie sind sie so schwer und dennoch - wie wär ' ich unglücklich , wollte sich jemand unterstehen , sie mir abzunehmen ! Bonaventura und der Dechant waren allein . Mein Sohn ! rief der Greis jetzt ausbrechend und mit der ganzen zurückgehaltenen Kraft seiner Furcht und Aufregung , mein Sohn ! Was ist das ? Er warf sich dem jungen Priester mit einer Leidenschaft , die dieser an ihm nie gekannt , an die Brust . Was kann , was soll dir beschieden sein ! fuhr er fort . Auch dich wollen sie haben ! Auch dich wollen sie in ihre Strudel ziehen ! Wir gehen den trostlosesten Verwirrungen entgegen - o mein Sohn ! Mein Sohn ! Folge diesem Briefe nicht ! Ich beschwöre dich ! Widerstehe ! Wie kann ich ? erwiderte Bonaventura und erinnerte den Greis an die allbekannte Stellung des Kaplans Michahelles . Dieser hatte einfach und kurz geschrieben : » Hochwürdigster Herr ! Im Auftrage Sr. Eminenz soll ich Sie ersuchen , ihm binnen acht Tagen persönlich Ihre Aufwartung zu machen . Ihr hochachtend ergebenster Eduard Michahelles . Alles zur größern Ehre Gottes . « Das Losungswort der Jesuiten ! sagte der Dechant mit tiefster Erbitterung . Bona ! Bona ! - es würde den Rest meiner Tage kürzen ... Theurer Onkel ! unterbrach der Pfarrer und umarmte den Dechanten . Warum diese Sorgen ! Man beruft mich zu irgendeinem harmlosen Auftrage ! Der Kirchenfürst ist aus unserer Heimat gebürtig ! Er kannte den Vater ... Sein Arm ist gewaltig , sein Wille stark - Bona ! Es ist mir , als säh ' ich dich von mir geschieden ! Geistig geschieden ! Ich werde prüfen und nur das Gute behalten ! Sie werden deine Liebe zur Religion mit einem neuen , dir fremdartigen , verfälschten Stoffe schüren ! Sie werden dich in ihre Bahnen reißen , die Bahnen der Zerstörung , des Kampfes , der Auflehnung gegen Gesetz und Obrigkeit , des Kampfes gegen das theuere Vaterland ! ... Priesterberuf ! Die Kirche ! Rom ! Das werden die Formeln werden , die deine Ueberzeugungen binden , deinen Willen gefangen nehmen - Bona ! Der junge Priester zuckte die Achseln und deutete auf den Brief ... Du - mußt - folgen ! sagte der Dechant endlich wie tonlos . Sicut cadaver estote ! Ihr sollt sein wie die Leichname ! ... Lebe wohl Beide gingen ... sie gingen erst noch zusammen . Der Dechant nahm schon jetzt Abschied von dem jungen Priester , den , wenn er wahr sein wollte , der Ruf des Kirchenfürsten in die außerordentlichste Aufregung versetzte , ja bis zur Begeisterung erhob . Um den Greis zu trösten , sagte er : Fiat lux in perpetuis ! Wie ? blickte der Dechant auf und sah ihn auf dies Wort betroffen an . Es war die Losung der aus Italien gekommenen Aufforderung ... Doch ruhig und harmlos hielt Bonaventura des Greises Frage aus . Der Dechant sah , daß diese Worte nur durch einen Zufall gesprochen wurden . Am Hause unten trennten sie sich ... Herrn Maria fesselten Windhack und das Frühstück ... Den Dechanten hielt eine Weile noch der nun angekommene froh scherzende und grüßende Napoleone Biancchi auf . Catone trug ein Bret voll Gipsabgüsse , frisch gefüllt , und unter den Heiligen stand ein Apollino , stand der Knabe mit dem Schwan , stand Dannecker ' s Ariadne ... Alle Jahre brachte Napoleone dem Dechanten irgendetwas , was seinen Geldbeutel in Contribution setzte und Frau von Gülpen für die Unterbringung in den schon überfüllten Räumlichkeiten neue Sorgen machte ... Der Dechant beschied den alten Bekannten , gezwungen freundlich , auf den Nachmittag und wandte sich zum Dome von St.-Zeno , während Bonaventura auf dem Wege zu dem Weinberg des Obersten bereits hinter den Bäumen verschwunden war . 11. Inzwischen war Lucinde nicht müßig gewesen . Eine Weile hatte es gedauert , daß das Billet der Frau von Gülpen sie so niederschmetterte , wie vor Jahren einst der Tod Serlo ' s an jenem Abend , als sie in ihm den einzigen Menschen zu finden hoffte , der für sie noch auf der Welt tröstend leben konnte . Eine Weile hatte sie sich gesagt : Du gehörst denn also wirklich zu den Unglücklichen , die keine Ruhe im Leben finden werden ! Zu den Gezeichneten , vor denen alles flieht ! Zu denen , die gehaßt werden , wo sie lieben , falsch erscheinen , wo sie voll Vertrauen sich hingeben ! Zu den Unglücklichen , vor denen die Mütter ihre Kinder wegziehen , weil sie glauben , schon ihre freundliche Anrede thäte ihnen Leids , ihr Auge schon hätte den bösen Blick , der Verderben bringt ! Zu den Unglücklichen , die , was sie auch im Leben beginnen , nie und keinem etwas recht machen können , immer eine andere Absicht haben sollen , als sie aussprechen oder zeigen , ... ach und denen die Natur selbst schon , grausam genug , wirklich auch die Hand des Ungeschicks gegeben hat , die alles fallen läßt , was sie angreifen , alles nur noch mehr verwirrt , was sie lösen möchten ! Sie kämpfte zwischen zwei Rathgebern und Beiständen jetzt ... Bonaventura oder Beda Hunnius ... Jener war gestern , auch vorgestern , so freundlich und so gut gewesen ... Ihr einziges Lebensziel , in dieses Priesters Nähe und Vertrauen , im Abglanz seines Lichts zu leben , und wär ' es als Magd ... es war ihr wieder in so unmittelbare Nähe gerückt ... Und doch auch er