Familie , die schwärmen wollte . Er sagte mir dieses , als ich hinzutrat , ihn zu begrüßen . Der Empfang war beinahe bewegt , wie zwischen einem Vater und einem Sohne , so sehr war meine Liebe zu ihm schon gewachsen , und eben so mochte auch er schon eine Zuneigung zu mir gewonnen haben . Da er doch wohl von seinem Vorhaben nicht weggehen konnte , sagte ich , ich wolle die andern auch begrüßen , und er billigte es . Er hatte mir erzählt , daß Mathilde und Natalie in dem Asperhofe seien . Ich ging gegen das Haus . Gustav hatte es schon erfahren , daß ich da sei , er flog die Treppe herunter und auf mich zu . Gruß , Gegengruß , Fragen , Antworten , Vorwürfe , daß ich so spät gekommen sei , und daß ich in dem Frühlinge doch nicht einige Tage benützt habe , um in den Asperhof zu gehen . Er sagte , daß er mir sehr viel zu er zählen habe , daß er mir alles erzählen wolle und daß Ich recht lange , lange da bleiben müsse . Er führte mich nun zu seiner Mutter . Diese saß an einem Tische im Gebüsche und las . Sie stand auf , da sie mich nahen sah , und ging mir entgegen . Sie reichte mir die Hand , die ich , wie es in unserer Stadt Sitte war , küssen wollte . Sie ließ es nicht zu . Ich hatte wohl schon früher bemerkt , daß sie nicht zugab , daß ihr die Hand geküßt werde ; aber ich hatte in dem Augenblicke nicht daran gedacht . Sie sagte , daß ich ihr sehr willkommen sei , daß sie mich schon früher erwartet habe , und daß ich nun eine nicht zu kurze Zeit meinen hiesigen Freunden schenken müsse . Wir gingen unter diesen Worten wieder zu dem Tische zurück , auf den sie ihr Buch gelegt hatte , und sie hieß mich an ihm Platz nehmen . Ich setzte mich auf einen der dastehenden Stühle . Gustav blieb neben uns stehen . Ihr Angesicht war so heiter und freundlich , daß ich meinte , es nie so gesehen zu haben . Oder es war wohl immer so , nur in meiner Erinnerung war es ein wenig zurück getreten . Wirklich , so oft ich Mathilden nach längerer Trennung sah , erschien sie mir , obwohl sie eine alternde Frau war , immer lieblicher und immer anmutiger . Zwischen den Fältchen des Alters und auf den Zügen , welche auf eine Reihe von Jahren wiesen , wohnte eine Schönheit , welche rührte und Zutrauen erweckte . Und mehr als diese Schönheit war es , wie ich wohl jetzt erkannte , da ich so viele Angesichter so genau betrachtet hatte , um sie nachzubilden , die Seele , welche gütig und abgeschlossen sich darstellte und auf die Menschen , die ihr naheten , wirkte . Um die reine Stirne zog sich das Weiß der Haubenkrause , und ähnliche weiße Streifen waren um die feinen Hände . Auf dem Tische stand ein Blumentopf mit einer dunkeln , fast veilchenblauen Rose . Sie lehnte sich in dem Rohrstuhle , auf dem sie saß , zurück , faltete die Hände auf ihrem Schoße und sagte : » Wir werden in dem Sternenhofe ein kleines Fest feiern . Ihr wißt , daß wir begonnen haben , die Tünche , womit die großen Steinflächen , die die Mauern unsers Hauses bekleiden , in früheren Jahren überstrichen worden sind , wegzunehmen , weil unser Freund meinte , daß dieselbe das Haus entstelle , und daß es sich weit schöner zeigen würde , wenn sie weggenommen und der bloße Stein sichtbar wäre . Heuer ist nun die ganze vordere Fläche des Hauses fertig geworden ! die Gerüste werden eben abgebrochen , und da werden , wenn die Spuren auch auf dem Boden vor dem Hause vertilgt sind , wenn der Sand geebnet ist , wenn der Rasen gereinigt und gewaschen ist , daß er keine Kalkflecke , sondern das reine Grün zeigt wir alle hinausfahren , um die Sache zu betrachten und ein Urteil abzugeben , ob das Haus den Gewinn gemacht habe , der sich uns versprochen hat . Es werden auch andere Menschen kommen , es werden wahrscheinlich sich einige Nachbarn einfinden , und da Ihr zu unsern Freunden aus dem Asperhofe gehört , und da wir alle Euer Urteil in Anschlag bringen möchten , so seid Ihr gebeten , auch dabei zu sein und die Gesellschaft zu vermehren . « » Mein Urteil ist wohl sehr geringe , « antwortete ich , » und wenn es nicht ganz verwerflich ist , und wenn ich mir einige Kenntnisse und eine bestimmte Empfindung des Schönen erworben habe , so danke ich alles dem Besitzer dieses Hauses , der mich so gütig aufgenommen und manches in mir hervor gezogen hat , das wohl sonst nie zu irgend einer Bedeutung gekommen wäre . Ich werde also kaum zur Feststellung der Sache auf dem Sternenhofe etwas beitragen können , und meine Ansicht wird gewiß die meines Gastfreundes und Eustachs sein , aber da Ihr mich so freundlich einladet , und da es mir eine Freude macht , in Eurem Hause sein zu können , so nehme ich die Einladung gerne an , vorausgesetzt , daß die Zeit nicht zu spät bestimmt ist , da ich doch wohl noch in diesem Sommer in den Ort meiner jetzigen Tätigkeit zurückkehren und einiges vor mich bringen möchte . « » Die Zeit ist sehr nahe , « erwiderte sie , » es ist ohnehin schon seit länger her gebräuchlich , daß nach der Rosenblüte , zu welcher ich immer in diesem Hause eingeladen bin , unsere hiesigen Freunde auf eine Weile in den Sternenhof hinüber fahren . Das wird auch heuer so sein . Während hier die feinen Blätter dieser Blumen sich vollkommen entwickeln und endlich welken und abfallen , wird unser Hausverwalter in dem Sternenhofe alles in Ordnung bringen , daß keine Verwirrung mehr zu sehr sichtbar ist , er wird uns hierüber einen Brief schreiben , und wir werden den Tag der Zusammenkunft bestimmen . Von dem Urteile , wenn irgend eines mit einem überwiegenden Gewichte zu Stande kömmt , wird es abhängen , ob auch die Kosten zu der Reinigung der andern Teile des Hauses verwendet werden , oder ob der jetzige Zustand , daß eine Seite von der Tünche befreit ist , die übrigen aber damit behaftet sind , der gewiß weniger schön ist , als wenn alles übertüncht geblieben wäre , fortbestehen , oder ob gar das Befreite wieder übertüncht werden solle . Daß Ihr übrigens Eure Ansichten geringe achtet , daran tut Ihr unrecht . Wenn in der Nähe unsers Freundes einiges an Euch früher zur Blüte kam , so ist dies wohl sehr natürlich ; es ist ja alles an uns Menschen so , daß es wieder von andern Menschen groß gezogen wird , und es ist das glückliche Vorrecht bedeutender Menschen , daß sie in andern auch das Bedeutende , das wohl sonst später zum Vorscheine gekommen wäre , früher entwickeln . Wie sicher in Euch die Anlage zu dem Höheren und Größeren vorhanden war , zeigt schon die Wahl , mit der Ihr aus eigenem Antriebe auf eine wissenschaftliche Beschäftigung gekommen seid , die sonst unsere jungen Leute in den Jahren , in denen Ihr Euch entschieden habt , nicht zu ergreifen pflegen , und daß Euer Herz dem Schönen zugewendet war , geht daraus hervor , daß Ihr schon bald begannet , die Gegenstände Eurer Wissenschaft abzubilden , worauf der , dem der bildende Sinn mangelt , nicht so leicht verfällt , er macht sich eher schriftliche Verzeichnisse , und endlich habt Ihr ja in kurzem die Abbildung anderer Dinge , menschlicher Köpfe , Landschaften versucht , und habt Euch auf die Dichter gewendet . Daß es aber auch nicht ein unglücklicher Tag war , an welchem Ihr über diesen Hügel herauf ginget , zeigt sich in einer Tatsache : Ihr liebt den Besitzer dieses Hauses , und einen Menschen lieben können ist für den , der das Gefühl hat , ein großer Gewinn . « Gustav hatte während dieser Rede die Mutter stets freundlich angesehen . Ich aber sagte : » Er ist ein ungewöhnlicher , ein ganz außerordentlicher Mensch . « Sie erwiderte auf diese Worte nichts , sondern schwieg eine Weile . Später fing sie wieder an : » Ich habe mir diese Rosenpflanze auf den Tisch gestellt , gewissermaßen als die Gesellschafterin meines Lesens - gefällt Euch die Blume ? « » Sie gefällt mir sehr , « antwortete ich , » wie mir überhaupt alle Rosen gefallen , die in diesem Hause gezogen werden . « » Sie ist eine neue Art , « sagte sie , » ich habe aus England einen Brief bekommen , in welchem eine Freundin mit Auszeichnung von einer Rose sprach , die sie in Kew gesehen habe , und deren Namen sie hinzu fügte . Da ich in dem Verzeichnisse unserer Rosen den Namen nicht fand , dachte ich , daß dies eine Art sein dürfte , welche unser Freund nicht hat . Ich schrieb an die Freundin , ob sie mir eine solche Rosenpflanze verschaffen könne . Mit Hilfe eines Mannes , der uns beide kennt , erhielt sie die Pflanze und in diesem Frühlinge wurde sie mir in einem Topfe sehr wohl und sinnreich verpackt aus England geschickt . Ich pflegte sie , und da die Blumen sich entwickeln wollten , brachte ich sie unserm Freunde . Die Rosen öffneten sich hier vollends , und wir sahen - besonders er , der alle Merkmale genau kennt - , daß diese Blume sich in der Sammlung dieses Hauses noch nicht befindet . Eustach bildete sie ab , daß wir sie festhalten , und ob die , welche in Zukunft kommen werden , ihr gleichen . Mein Freund schrieb nach England um Pfropfreiser für den nächsten Frühling , diese Pflanze bleibt indessen in dem Topfe und wird hier besorgt werden . « Während sie so sprach , regten sich die Zweige neben einem schmalen Pfade , der aus dem Gebüsche auf den Platz führte , und Natalie trat auf dem Pfade hervor . Sie war erhitzt , und trug einen Strauß von Feldblumen in der Hand . Sie mußte nicht gewußt haben , daß ein Fremder bei der Mutter sei ; denn sie erschrak sehr , und mir schien , als ginge durch das Rot des erwärmten Angesichtes eine Blässe , die wieder mit einem noch stärkeren Rot wechselte . Ich war ebenfalls beinahe erschrocken und stand auf . Sie war an der Ecke des Gebüsches stehen geblieben , und ich sagte die Worte : » Mich freut es sehr , mein Fräulein , Euch so wohl zu sehen . « » Mich freut es auch , daß Ihr wohl seid « , erwiderte sie . » Mein Kind , du bist sehr erhitzt , « sagte die Mutter , » du mußt weit gewesen sein , es kömmt schon die Mittagsstunde , und in derselben solltest du nicht so weit gehen . Setze dich ein wenig auf einen dieser Sessel , aber setze dich in die Sonne , damit du nicht zu schnell abkühlest . « Natalie blieb noch ein ganz kleines Weilchen stehen , dann rückte sie folgsam einen von den herumstehenden Sesseln so , daß er ganz von der Sonne beschienen wurde , und setzte sich auf ihn . Sie hatte den runden Hut mit dem nicht gar großen Schirme , wie ihn Mathilde und sie sehr gerne auf Spaziergängen in der Nähe des Rosenhauses und des Sternenhofes trugen , als sie aus dem Gebüsche getreten war , in der Hand gehabt , jetzt , da die Sonne auf ihren Scheitel schien , setzte sie ihn auf . Sie legte den Strauß von Feldblumen , den sie gebracht hatte , auf den Tisch , und fing an , die einzelnen Gewächse heraus zu suchen und gleichsam zu einem neuen Strauße zu ordnen . » Wo bist du denn gewesen ? « fragte die Mutter . » Ich bin zu mehreren Rosenstellen in dem Garten gegangen , « antwortete Natalie , » ich bin zwischen den Gebüschen neben den Zwergobstbäumen und unter den großen Bäumen , dann zu dem Kirschbaume empor und von da in das Freie hinaus gegangen . Dort standen die Saaten , und es blühten Blumen zwischen den Halmen und in dem Grase . Ich ging auf dem schmalen Wege zwischen den Getreiden fort , ich kam zur Felderrast , saß dort ein wenig , ging dann auf dem Getreidehügel auf mehreren Rainen ohne Weg zwischen den Feldern herum , pflückte diese Blumen , und ging dann wieder in den Garten zurück . « » Und hast du dich denn lange auf dem Berge aufgehalten , und hast du alle Zeit zu dem Aufsuchen und Pflücken dieser Blumen verwendet ? « fragte Mathilde . » Ich weiß nicht , wie lange ich mich auf dem Berge aufgehalten habe ; aber ich meine , es wird nicht lange gewesen sein , « antwortete Natalie , » ich habe nicht bloß diese Blumen gepflückt , sondern auch auf die Gebirge geschaut , ich habe auf den Himmel gesehen , und auf die Gegend , auf diesen Garten und auf dieses Haus geblickt . « » Mein Kind , « sagte Mathilde , » es ist kein Übel , wenn du in den Umgebungen dieses Hauses herum gehst ; aber es ist nicht gut , wenn du in der heißen Sonne , die gegen Mittag zwar nicht am heißesten ist , aber immerhin schon heiß genug , auf dem Hügel herum gehst , welcher ihr ganz ausgesetzt ist , welcher keinen Baum - außer bei der Felderrast - und keinen Strauch hat , der Schatten bieten könnte . Und du weißt auch nicht , wie lange du in der Hitze verweilest , wenn du dich in das Herumsehen vertiefest , oder wenn du Blumen pflückest und in dieser Beschäftigung die Zeit nicht beachtest . « » Ich habe mich in das Blumenpflücken nicht vertieft , « erwiderte Natalie , » ich habe die Blumen nur so gelegentlich gelesen , wie sie mir in meinem Dahingehen aufstießen . Die Sonne tut mir nicht so weh , liebe Mutter , wie du meinst , ich empfinde mich in ihr sehr wohl und sehr frei , ich werde nicht müde , und die Wärme des Körpers stärkt mich eher , als daß sie mich drückt . « » Du hast auch den Hut an dem Arme getragen « , sagte die Mutter . » Ja , das habe ich getan , « antwortete Natalie , » aber du weißt , daß ich dichte Haare habe , auf dieselben legt sich die Sonnenwärme wohltätig , wohltätiger , als wenn ich den Hut auf dem Haupte trage , der so heiß macht , und die freie Luft geht angenehm , wenn man das Haupt entblößt hat , an der Stirne und an den Haaren dahin . « Ich betrachtete Natalie , da sie so sprach . Ich erkannte erst jetzt , warum sie mir immer so merkwürdig gewesen ist , ich erkannte es , seit ich die geschnittenen Steine meines Vaters gesehen hatte . Mir erschien es , Natalie sehe einem der Angesichter ähnlich , welche ich auf den Steinen erblickt hatte , oder vielmehr in ihren Zügen war das nämliche , was in den Zügen auf den Angesichtern der geschnittenen Steine ist . Die Stirne , die Nase , der Mund , die Augen , die Wangen hatten genau etwas , was die Frauen dieser Steine hatten , das Freie , das Hohe , das Einfache , das Zarte und doch das Kräftige , welches auf einen vollständig gebildeten Körper hinweist , aber auch auf einen eigentümlichen Willen und eine eigentümliche Seele . Ich blickte auf Gustav , der noch immer neben dem Tische stand , ob ich auch an ihm etwas Ähnliches entdecken könnte . Er war noch nicht so entwickelt , daß sich an ihm schon das Wesen der Gestalt aussprechen konnte , die Züge waren noch zu rund und zu weich ; aber es deuchte mir , daß er in wenigen Jahren so aussehen würde , wie die Jünglingsangesichter unter den Helmen auf den Steinen aussehen , und daß er dann Natalien noch mehr gleichen würde . Ich blickte auch Mathilden an ; aber ihre Züge waren wieder in das Sanftere des Alters übergegangen ; ich glaubte desohngeachtet , vor nicht langer Zeit müßte auch sie ausgesehen haben , wie die älteren Frauen auf den Steinen aussehen . Natalie stammte also gleichsam aus einem Geschlechte , das vergangen war , und das anders und selbstständiger war als das jetzige . Ich sah lange auf die Gestalt , welche beim Sprechen bald die Augen zu uns aufschlug , bald sie wieder auf ihre Blumen nieder senkte . Daß ihr Haupt so antik erschien , wie der Vater mit einem altrömischen Beiworte von seinen Steinen sagte , mochte zum Teile auch daher kommen - wenigstens gewann ihre Erscheinung dadurch - , daß es mit einem richtig gebildeten Halse aus einem ganz einfachen , schmucklosen Kleide hervor sah . Keine überflüssige Zutat von Stoffen und keine Kette oder sonst ein Schmuck umgab den Hals - dieses macht nur die bloß anmutigen Angesichter noch anmutiger - , sondern das Kleid mit einer nicht auffallenden Farbe und mit einem nicht auffallenden Schnitte schloß den reinen Hals und ging an der übrigen Gestalt hernieder . Die Mutter sah Natalien freundlich an , da sie sprach , und sagte dann : » Der Jugend ist alles gut , der Jugend schlägt alles zum Gedeihen aus , sie wird wohl auch empfinden , was ihr not tut , wie das Alter empfindet , was es bedarf - Ruhe und Stille - , und unser Freund sagt ja auch , man soll der Natur ihr Wort reden lassen ; darum magst du gehen , wie du fühlest , daß du es bedarfst , Natalie , du wirst kein Unrecht begehen , wie du es ja nie tust , du wirst keine Maßregel außer Acht lassen , die wir dir gesagt haben , und du wirst dich in deine Gedanken nicht so vertiefen , daß du deinen Körper vergäßest . « » Das werde ich nicht tun , Mutter , « entgegnete Natalie , » aber lasse mich gehen , es ist ein Wunsch in mir , so zu verfahren . Ich werde ihn mäßigen , wie ich kann ; ich tue es um deinetwillen , Mutter , daß du dich nicht beunruhigest . Ich möchte auf dem Felderhügel herum gehen , dann auch in dem Tale und in dem Walde , ich möchte auch in dem Lande gehen und alles darin beschauen und betrachten . Und die Ruhe schließt dann so schön das Gemüt und den Willen ab . « Daß Natalie doch durch das Wandeln in der heißen Sonne unmittelbar vor der Mittagszeit sich erhitzt habe , zeigte ihr Angesicht . Dasselbe behielt die Röte , welche es nach dem ersten Erblassen erhalten hatte , und verlor sie nur in geringem Maße , während sie an dem Tische saß , was doch eine geraume Zeit dauerte . Es blühte dieses Rot wie ein sanftes Licht auf ihren Wangen und verschönerte sie gleichsam wie ein klarer Schimmer . Sie fuhr in ihrem Geschäfte mit den Blumen fort , sie legte eine nach der andern von dem größeren Strauße zu dem kleineren , bis der kleinere Strauß der größere wurde , der größere aber sich immer verkleinerte . Sie schied keine einzige Blume aus , sie warf nicht einmal einen Grashalm weg , der sich eingefunden hatte ; es erschien also , daß sie weniger eine Auslese der Blumen machen als dem alten Strauße eine neue , schönere Gestalt geben wollte . So war es auch ; denn der alte Strauß war endlich verschwunden , und der neue lag allein auf dem Tische . Mathilde hatte ihr Buch immer vor sich auf dem Tische liegen und sah nicht wieder hinein . Sie frug mich um meinen letzten Aufenthalt und um meine letzten Arbeiten . Ich setzte ihr beides auseinander . Gustav hatte sich indessen auch auf einen Sessel ganz nahe an mir gesetzt und hörte aufmerksam zu . Als die Sonne im Mittage angekommen war und nachgerade unsern ganzen Tisch erfüllt hatte , erschien Arabella , um uns zum Mittagessen zu rufen . Ein Mann , der in dem Garten arbeitete , mußte den Blumentopf in das Haus tragen . Mathilde nahm das Buch und ein Arbeitskörbchen , das neben ihr auf dem Tische gestanden war , Natalie nahm ihren Blumenstrauß , hing ihren Hut wieder an ihren Arm , und so gingen wir in das Haus . Die Frauen wandelten vor uns , Gustav und ich gingen hinter ihnen . Daß ich mich gegen meinen Gastfreund , gegen Eustach , gegen Gustav und selbst gegen die Leute des Hauses verteidigen mußte , weil ich heuer so spät gekommen sei , nahm mich nicht Wunder , da ich immer so freundlich hier aufgenommen worden war , und da man sich beinahe daran gewöhnt hatte , daß ich alle Sommer in das Rosenhaus komme , wie ja auch mir diese Besuche zur Gewohnheit geworden waren . Mein Gastfreund und ich sprachen von den Dingen , welche ich im Laufe des heurigen Sommers unternommen hatte , so wie er mir auch in den ersten Tagen alles zeigte , was in dem Rosenhause geschah , und was sich in meiner Abwesenheit verändert hatte . Ich sah , daß die Zeit der Rosenblüte nicht so lange dauern werde , weil ich ja auch nicht zu ihrem ersten Anfange , sondern etwas später gekommen war . Die Bilder gaben mir wieder eine süße Empfindung , und die hohe Gestalt auf der Treppe trat mir immer näher , seit ich die geschnittenen Steine gesehen hatte , und seit ich wußte , daß etwas unter den Lebenden wandle , das ähnlich sei . Ich ging mit Gustav oder allein öfter in der Gegend herum . Eines Nachmittages waren wir in dem Rosenzimmer . Mathilde sprach recht freundlich von verschiedenen Gegenständen des Lebens , von den Erscheinungen desselben , wie man sie aufnehmen müsse , und wie sie in dem Laufe der Jahre sich ablösen . Mein Gastfreund antwortete ihr . Bei dieser Gelegenheit sah ich erst , wie zart und schön für das Zimmer gesorgt worden war ; denn die vier an Größe wie an Rahmen gleichen Gemälde , die in demselben hingen , waren trotz ihrer Kleinheit bei weitem das Herrlichste und Außerordentlichste , was es an Gemälden im Rosenhause gab . Ich hatte mein Urteil doch schon so weit gebildet , um bei dem großen Unterschiede , der da waltete , das einsehen zu können . Doch leitete ich auch meinen Gastfreund auf den Gegenstand , und er gab meine Wahrnehmung freilich in sehr bescheidenen Ausdrücken , weil Mathilde zugegen war , zu . Wir besahen , nachdem das Gespräch eine Wendung genommen hatte , die Bilder , und machten uns auf das Zarte , Liebliche und Hohe derselben aufmerksam . Besuche , wie gewöhnlich zur Rosenzeit , kamen auch heuer ; aber ich mischte mich weniger als etwa in früheren Jahren unter die Leute . Natalie ging wirklich , wie ich jetzt selber wahrnahm , in diesem Sommer mehr als in vergangenen im Garten und in der Gegend herum , sie ging viel weiter , und ging auch öfter allein . Sie ging nicht bloß bei dem großen Kirschbaume öfter in das Freie , und ging dort zwischen den Saaten herum , sondern sie ging auch geradewegs über den Hügel hinab zu der Straße , oder sie ging in den Meierhof oder längs der Hügel dahin , oder sie ging ein Stück auf dem Wege nach dem Jnghofe . Wenn sie zurückgekehrt war , saß sie in ihrem Lehnstuhle und blickte auf das , was vor ihr oder in ihrer Umgebung geschah . Eines Tages , da ich selber einen weiten Weg gemacht hatte und gegen Abend in das Rosenhaus zurück kehrte , sah ich , da ich von dem Erlenbache hinauf eine kürzere Richtung eingeschlagen hatte , auf bloßem Rasen zwischen den Feldern gegangen , auf der Höhe angekommen war und nun gegen die Felderrast zuging , auf dem Bänklein , das unter der Esche derselben steht , eine Gestalt sitzen . Ich kümmerte mich nicht viel um sie , und ging meines Weges , welcher gerade auf den Baum zuführte , weiter . Ich konnte , wie nahe ich auch kam , die Gestalt nicht erkennen ; denn sie hatte nicht nur den Rücken gegen mich gekehrt , sondern war auch durch den größten Teil des Baumstammes gedeckt . Ihr Angesicht blickte nach Süden . Sie regte sich nicht und wendete sich nicht . So kam ich fast dicht gegen sie heran . Sie mußte nun meinen Tritt im Grase oder mein Anstreifen an das Getreide gehört haben ; denn sie erhob sich plötzlich , wendete sich um , damit sie mich sähe , und ich stand vor Natalien . Kaum zwei Schritte waren wir von einander entfernt . Das Bänklein stand zwischen uns . Der Baumstamm war jetzt etwas seitwärts . Wir erschraken beide . Ich hatte nämlich nicht - auch nicht im entferntesten daran gedacht , daß Natalie auf dem Bänklein sitzen könne , und sie mußte erschrocken sein , weil sie plötzlich Schritte hinter sich gehört hatte , wo doch kein Weg ging , und weil sie , da sie sich umwendete , einen Mann vor sich stehen gesehen hatte . Ich mußte annehmen , daß sie nicht gleich erkannt habe , daß ich es sei . Ein Weilchen standen wir stumm einander gegenüber , dann sagte ich : » Seid Ihr es , Fräulein , ich hatte nicht gedacht , daß ich Euch unter dem Eschenbaume sitzend finden würde . « » Ich war ermüdet « , antwortete sie , » und setzte mich auf die Bank , um zu ruhen . Auch dürfte es wohl an der Zeit später geworden sein , als man gewohnt ist , mich nach Hause kommen zu sehen . « » Wenn Ihr ermüdet seid , « sagte ich , » so will ich nicht Ursache sein , daß Ihr steht , ich bitte , setzet Euch , ich will , so schnell ich kann , durch die Felder und den Garten eilen und Euch Gustav herauf senden , daß er Euch nach Hause begleitet . « » Das wird nicht nötig sein , « erwiderte sie , » es ist ja noch nicht Abend , und selbst wenn es Abend wäre , so droht wohl nirgends ringsherum eine Gefahr . Ich bin schon viel weiter allein gegangen , ich bin allein nach Hause zurückgekehrt , meine Mutter und unser Gastfreund haben deshalb keine Besorgnisse gehabt . Heute bin ich bis auf dem Raitbühel bei dem roten Kreuze gewesen , und bin von dort zu der Bank hieher zurück gegangen . « » Das ist ja fast über eine Stunde Weges « , sagte ich . » Ich weiß nicht , wie lange ich gegangen bin , « antwortete sie , » ich ging zwischen den Feldern hin , auf denen die ungeheure Menge des Getreides steht , ich ging an manchem Strauche hin , den der Rain enthält , ich ging an manchem Baume vorbei , der in dem Getreide steht , und kam zu dem roten Kreuze , das aus den Saaten empor ragte . « » Wenn ich sehr gut gehe , « sagte ich , » so brauche ich von hier bis zu dem roten Kreuze eine Stunde . « » Ich habe , wie ich sagte , die Zeit nicht gezählt , « entgegnete sie , » ich bin von hier zu dem Kreuze gegangen , und bin von dem Kreuze wieder hieher zurück gekehrt . « Während dieser Worte war ich aus der ungefügen Stellung im Grase hinter dem Bänklein auf den freien Raum herüber getreten , der sich vor dem Baume ausbreitet , Natalie hatte eine leichte Bewegung gemacht und sich wieder auf das Bänkchen gesetzt . » Nach einem solchen Gange bedürft Ihr freilich der Ruhe « , sprach ich . » Es ist auch nicht gerade deswillen , « antwortete sie , » weshalb ich diese Bank suchte . So ermüdet ich bin , so könnte ich wohl noch recht gut den Weg durch die Felder und den Garten nach Hause , ja noch einen viel weiteren machen ; aber es gesellte sich zu dem körperlichen Wunsche noch ein anderer . « » Nun ? « » Auf diesem Platze ist es schön , das Auge kann sich ergehen , ich bin bei meinen Gedanken , ich brauche diese Gedanken nicht zu unterbrechen , was ich doch tun muß , wenn ich zu den Meinigen zurück kehre . « » Und darum ruhet Ihr hier ? « » Darum ruhe ich hier . « » Seid Ihr von Eurer Kindheit an gerne allein in den Feldern gegangen ? « » Ich erinnere mich des Wunsches nicht , « antwortete sie , » wie es denn überhaupt einige Zeitabschnitte in meiner Kindheit gibt , an welche ich mich nicht genau erinnern kann , und da der Wunsch in meinem Gedächtnisse nicht gegenwärtig ist , so wird auch die Tatsache nicht gewesen sein , obwohl es wahr ist , daß ich als Kind lebhafte Bewegungen sehr geliebt habe . « » Und jetzt führt Euch Eure Neigung öfter in das Freie ? « fragte Ich . » Ich gehe gerne herum , wo ich nicht beengt bin , « antwortete sie , » ich