das , « entgegnete ruhig Meister Schwemmer , » und da Ihr nichts umsonst thut , so braucht Ihr auch nicht aufzubegehren . « » Aber was soll ich denn ? « » Der Mathias wird gleich herkommen ; es ist wieder ein artiger Transport bei einander , und den soll er in den nächsten Tagen fortführen . Ihr wißt , daß wir immer was Schriftliches mit einander machen , und da wir Eure geübte Feder kennen , so sollt Ihr das Nöthige aufsetzen und nebenbei wieder einige Briefe schreiben über die Gesundheit und das Wohlergehen der Kostkinder . « » Das Erstere meinetwegen , « versetzte finster Herr Sträuber , » aber die Briefe zu schreiben ist mir unangenehm ; ich lüge nicht gern . - Auch muß ich sagen , daß ich mit jedem Anderen gerner zu thun habe als mit dem Mathias ; wir passen nicht zu einander . « » Das ist wahr , « lachte Frau Bilz , » Ihr lebt immer wie Hunde und Katzen mit einander . « » Sagen wir lieber , wie Katze und Maus , « meinte Meister Schwemmer hustend , » denn wenn Ihr den Mathias erblickt , so seht Ihr Euch gleich nach einem Schlupfwinkel um . « Herr Sträuber wollte etwas Heftiges erwidern , doch hielt er sich im nächsten Augenblick die Ohren zu , zuckte zusammen und verzog das Gesicht auf eine höchst unangenehme Art. Seine zarten Nerven waren durch das erneuerte Kindergeschrei unangenehm berührt worden , das sich jetzt in den verschiedensten Tönen und wahrhaft ohrenzerreißend vernehmen ließ . Meister Schwemmer klopfte wieder auf das Blech und rief hinüber : » Was ist denn das heute Morgen für ein niederträchtiges Geheul ? Schaff ' doch in ' s Teufels Namen einmal Ruhe ! - Wo ist denn die Katharine , das schlampige Weibsbild ? « » Ich habe sie ausgeschickt , « entgegnete die Stimme im Nebenzimmer . » Kann ich doch den Bestien da draußen nicht beständig eine eigene Magd hinstellen ; ich möchte wissen , wo das herein kommen sollte ! « » Geh ' Sie einen Augenblick hinaus , Frau Bilz , « sagte Meister Schwemmer , » bring ' Sie die Rangen zur Ruhe ! « Die Frau am Fenster erhob sich und trat in das Nebenzimmer , wo sich Madame Schwemmer befand , ein altes , schmutzig aussehendes Weib ; sie hatte einen abgeschossenen Rock an , eine gelb gewordene Schlafjacke , ihre bloßen Füße staken in niedergetretenen Schuhen , und auf dem Kopfe hatte sie eine alte Haube , unter der nach allen Richtungen das graue , zerzauste Haar hervorstand . Das Gesicht der Dame paßte vollkommen zur ganzen Erscheinung , das einzige Lebhafte in demselben waren ihre unheimlich glänzenden Augen , die aber in einigem Rapport zu der stark gerötheten Nase zu stehen schienen , - einer Röthe , die erklärbar war , wenn man die Schnapsflasche betrachtete , die vor der Frau stand , und wenn man die Düfte roch , die ihrem Munde entströmten , wenn sie sprach . Madame Schwemmer stand in diesem Augenblicke vor einer Fallthüre , die sich im Boden befand und die in irgend einen Keller oder sonstiges Gelaß führte , und war beschäftigt , dort hinunter allerlei alte Geräthschaften , namentlich Eisen- und Kupferwaaren , zu werfen . » Geh ' Sie einen Augenblick in den Stall ! « rief sie der eintretenden Frau Bilz entgegen , » nehm ' Sie aber die Peitsche mit , dort hängt sie am Nagel ; hau Sie drunter wie unter altes Eisen , da verdient Jedes seine Schläge ; - kann das Volk nicht einmal eine halbe Stunde allein und ruhig sein ! « » Aber die kleinsten Kinder schreien auch , « entgegnete die Frau , » und da hilft das Prügeln nicht viel . « » So schaut einmal dort auf dem Herde nach , da muß die Katharine ihren Mohnblumenthee stehen haben . Gießt ihnen davon etwas in ' s Maul , damit sie wieder einduseln . « » Aber wenn sie heute Morgen schon bekommen haben , so könnte es ihnen doch zu viel werden . « » Ach ! denen wird ' s nicht zu viel , « entgegnete Madame Schwemmer ; » ich sage Euch , Frau , je weniger man sich aus dem Zeug macht , und je schlechter man es behandelt , um so besser gedeiht ' s. Nehmt nur die Peitsche und den Thee ! « » Na , was das Gedeihen anbelangt , da wollen wir lieber still schweigen . « » Gedeihen ? « erwiderte Madame Schwemmer verwundert . » Allerdings gedeiht ' s , das heißt , wie es für uns gedeihen muß , so langsam in den Himmel hinein . Man wird die Geschöpfe doch nicht aufziehen sollen bis sie groß sind ? Da käme man weit mit seinem Geschäft ; da muß eins dem andern Platz machen , das gibt neues Eintrittsgeld ; und an den Begräbnißkosten ist auch was zu verdienen . « Frau Bilz ging achselzuckend nach der Thüre , drehte sich aber unter derselben herum und sagte : » Und das Eine ist auch drüben ? - das , welches ich vor acht Tagen hergeliefert ? « » Allerdings , « versetzte Madame Schwemmer , indem sie ihre Schnapsflasche hastig verbarg , die sie an den Mund führen wollte , sobald ihr Jene den Rücken gewendet . - » Das ist zäh wie Eisen , sieht auch nicht viel schlechter aus wie damals , als Ihr es hergebracht ; Ihr hattet es offenbar zu gut gehalten . Ich weiß wohl , Ihr könnt nicht anders , deßhalb taugt Ihr auch zu dem Geschäft gar nicht . « » Ich habe es auch gänzlich aufgegeben , « sagte Frau Bilz mit einem seltsamen Blick . Und damit ging sie zur Thüre hinaus , in der einen Hand die Peitsche , in der andern den gewissen Thee , der auf arme kleine Kinder betäubend wirkt und mit welchem gewissenlose Wärterinnen dieselben in einen unruhigen und nervenzerstörenden Schlaf versenken . Die Frau ging durch den halbdunkeln Gang , wobei sie die Hausthüre in ihrem Rücken ließ und am Ende desselben rechts an eine Thüre kam , an der von außen ein großer Riegel vorgeschoben war . Dies war der Stall , wie sich Madame Schwemmer ausdrückte . Und gewiß , er verdiente diese Benennung . Es war ein viereckiges , ziemlich niederes Gemach mit einst weiß gewesenen Kalkwänden , die aber nach und nach von all ' dem Duft , der hier herrschte , eine gelblich graue Farbe angenommen hatten . Da nur ein einziges Fenster in diesem Zimmer war , dessen wenige Scheiben noch obendrein trüb angelaufen hie und da in gelbem und grünem Schimmer spielten , so war das Gemach verhältnißmäßig ziemlich dunkel , aber hell genug , um all ' das Elend übersehen zu können , welches sich hier dem Blicke darbot . Dritter Band Vierundvierzigstes Kapitel . Eine Kleinkinderbewahranstalt . In diesem Zimmer waren sechs Kinder , von denen drei kleine im Alter von nahe an einem Jahr auf elenden , zerrissenen und durchfeuchteten Strohsäckchen lagen , die sich im Hintergrunde auf einem Schragen befanden . Eine einzige geflickte Decke war über alle drei ausgebreitet und zu beiden Seiten mit Bindfaden festgebunden , was verhindern sollte , daß die Kinder , die sehr , sehr oft allein waren , ihre Bedeckung nicht von sich strampelten . Das war ihnen denn auf diese Art allerdings unmöglich , dafür aber hatten sich die zwei außenliegenden , vielleicht von Schmerzen geplagt und ohne Hilfe allein gelassen , nach allen Richtungen herum geworfen , und so war es denn gekommen , daß sie auf beiden Seiten so weit heruntergerutscht waren , daß ihre nackten , entsetzlich mageren Füße und Beine über den Strohsack herabhingen und der Kopf unter der Decke stak , wodurch die armen Geschöpfe Gefahr liefen , erstickt zu werden . Das mittlere dieser unglücklichen Kinder lag aber um so ruhiger , und zwar so regungs- und bewegungslos , daß die eingetretene Frau , nachdem sie die beiden anderen etwas zurecht gelegt , sich eifrig um dieses beschäftigte . Es durchzuckte sie seltsam , als sie ihre Hand auf die Stirne des Kindes legte und darauf unter das zerrissene Hemdchen fuhr , um nach dem Herzschlag zu forschen . Die Stirne war feucht und kalt , und das Herz schlug wohl noch , aber oftmals machte es lange Pausen , und dann öffnete das Kind die bläulichen Lippen und zog gurgelnd eine Idee von Athem in die kleine Brust . » Da ist nichts mehr zu machen , « sprach die Frau zu sich selbst , indem sie die Hände übereinander schlug und das arme Wesen einige Sekunden lang betrachtete . » Du hast nächstens ausgelitten . « Bei ihrem Eintritte in das Zimmer hörte das Geschrei der drei größeren Kinder plötzlich auf . - Es waren dies zwei Buben und ein Mädchen . Der älteste der Buben , vielleicht sechs Jahre alt , hatte im Verein mit dem anderen , der fünf zählen mochte , den vergeblichen Versuch gemacht , die beiden Kinder auf den Seiten aus ihrer erstickenden Lage zu befreien , und da dies nicht gelungen war , hatten sie beide ein großes Geschrei erhoben . Das Mädchen war vielleicht etwas über zwei Jahre alt und gekleidet in ein blaues , verschossenes und zerrissenes Wollenkleidchen ; es saß neben der Thüre am Boden , hatte den Kopf auf die fast unkenntlichen Ueberbleibsel eines hölzernen Pferdes gelegt , dessen Hals es mit seinen Aermchen umklammerte . Es zitterte , wahrscheinlich zugleich vor Angst und Kälte , und duckte sich tief herab , als es die Frau mit der Peitsche hereintreten sah . Im nächsten Augenblicke aber mußte das Kind wohl bemerkt haben , daß es nicht das rothe Gesicht der Madame Schwemmer war , welches sie anblickte , sondern ein ihr bekanntes , ja befreundetes . Es erkannte wohl die Frau Bilz , welche es bisher gepflegt , ehe es in diesen schrecklichen Aufenthaltsort gekommen , und nun zuckte in seinen matten Augen ein seltsamer Blitz empor ; vielleicht war es die Erinnerung an bessere Tage , vielleicht war es die Hoffnung , es werde wieder von hier fort genommen werden , genug , - das Kind hob seinen Kopf empor , öffnete die Augen so weit als möglich und fing dann an bitterlich zu weinen . » Ja , ja , ich bin es , « sprach Frau Bilz , deren Herz eine augenblickliche Rührung durchzuckte , indem sie sich zu dem Kinde niederbeugte . » Sei ruhig , ich bin ' s ja , es soll dir auch nichts zu Leide geschehen . « » Aber du hast doch die Peitsche mitgebracht , « sagte der ältere Knabe , während er sich trotzig vor die Frau hinstellte und sie keck ansah . » Vielleicht für dich , « entgegnete diese , » denn du bist wohl nicht anders zu zwingen . « » Hier nicht , « versetzte trotzig das Kind . » Früher that ich Alles , was man von mir haben wollte . « » Aber du siehst , wie es dir alsdann geht , « fuhr Frau Bilz fort ; » sie haben dir zur Strafe deine guten Kleider genommen , und jetzt mußt du in den Lumpen da einher gehen . « » Das ist wahr , « entgegnete der Knabe , indem eine augenblickliche Bewegung seine Züge überflog , » meine Kleider haben sie mir gestohlen , geschlagen werde ich ebenfalls , auch friert ' s mich und ich habe Hunger , aber das wird Alles noch einmal aufhören , wenn ich groß bin , und dann wartet nur ! « » Und was geschieht dann ? « fragte die Frau und erhob ein klein wenig ihre Peitsche , aber nur zum Drohen , nicht zum Schlagen . » Was dann geschieht ? - Das will ich dir sagen : dann gehe ich hinaus auf die Straße und suche meinen Vater und dann wehe euch Allen ! « » Ja , das würde ich auch thun , « entgegnete die Frau achselzuckend ; » aber bis die Zeit kommt , rathe ich dir , dich ruhig zu verhalten , sonst wirst du noch viel mehr Schläge kriegen . « » Dann wehre ich mich , « sagte trotzig der Knabe . » Und womit ? « » Ich beiße , « erwiderte er . Und damit öffnete er den Mund und zeigte seine kleinen weißen Zähne , die vor Zorn zusammen klapperten . Der andere Knabe hatte sich scheu in eine Ecke gedrückt . Es war das eine wahre Jammergestalt mit dem Aussehen eines alten Zwerges . Spärliches Haar bedeckte seinen spitzen Schädel , seine Augen waren tief eingesunken , und die Unterlippe seines großen Mundes hing schlaff herab . Er blickte ängstlich auf die Peitsche und kroch , ohne ein Auge davon abzuwenden , langsam rückwärts , bis er unter dem Schragen verschwand , auf dem die kleinen Strohsäcke lagen . Frau Bilz hatte sich zu dem Mädchen niedergekauert und zuerst das Kleidchen betrachtet , das noch vor kurzer Zeit gut und frisch gewesen war , dann hatte sie kopfschüttelnd weiter untersucht , seine Haare , sein Hälschen , in dem sich tiefe rothe und wunde Streifen zeigten , und dann seine Füße , die aufgeschwollen zu sein schienen . » Zieht man dich Abends nicht aus ? « fragte sie zögernd nach einer Pause . Das Kind blickte sie überrascht an und schien ihre Frage nicht zu verstehen . » Mich hat man nur ein einziges Mal ausgezogen , « sagte der Bube , indem er näher trat und die Hände und Arme heftig über einander schlug , um sich zu erwärmen , » nur ein einziges Mal , als man meine Kleider gestohlen . Die aber haben sie noch gar nicht ausgezogen ; ich habe wohl versucht , ihr die Stiefel aufzuschnüren , aber es ging nicht , die Knoten an den Riemen sind mir zu fest . Die Frau da drinnen mit der rothen Nase hat ' s auch einmal probirt , aber sie ließ es ebenfalls bleiben , denn sie sagte : es ist nicht der Mühe werth , man bekommt doch nichts für das schlechte Schuhwerk . « » Das hätte ich gesagt , du Galgenstrick ? « rief in diesem Augenblick Madame Schwemmer , die leise eingetreten war . Darauf stemmte sie ihre Arme in die Seiten und fuhr fort , indem sie sich an Frau Bilz wandte : » Habt Ihr je ein so böses kleines Thier gesehen ? Ein völlig wildes Thier , - er beißt ! « » Ja , er beißt , « entgegnete der Knabe , » aber nur Euch . « » Wart , ich will dir ' s vertreiben ! « schrie das halb betrunkene Weib und ergriff die Peitsche , welche Frau Bilz neben sich gelegt hatte . Doch faßte sie unglücklicherweise den Riemen statt des Griffs , und da sie nun in blinder Wuth auf das Kind losschlug , so traf sie es mit dem ersten Streiche so heftig auf den Kopf , daß ihm das Blut augenblicklich über eine Seite des Gesichts herab lief . Der Knabe stand einige Sekunden wie angedonnert , vielleicht auch von dem Hiebe etwas betäubt , dann aber zuckte er auf einmal zusammen , sprang in die Höhe und schoß wie eine wilde Katze auf das Weib los , ergriff plötzlich deren Hand , hielt sie fest und biß so stark hinein , daß sogleich das Blut heftig floß . Jetzt erhob Madame Schwemmer ein mörderisches Geschrei und tobte in ihrer Wuth um so ärger , als sie sich mit Hilfe der Frau Bilz vergeblich bemühte , den wüthenden Knaben von sich abzuschütteln . Dieser ließ ihren Arm nicht los , sondern er hatte sich mit seinen Fingern und Nägeln fest daran geklammert und bleckte immerfort die Zähne , während er mit dem Kopfe bald hierhin bald dorthin fuhr . Dabei flammten seine Augen , sein Mund schäumte , und es war zu gleicher Zeit schrecklich anzusehen , wie das Blut aus seiner Kopfwunde langsam über sein zerrissenes graues Wamms herabrieselte . Auf das Zetergeschrei der Weiber ließen sich bald im Gange , der zu der vordern Stube führte , schwere Tritte vernehmen , die eilig näher kamen , und im nächsten Augenblicke trat ein großer breitschultriger Mann unter die Thüre , der kaum gesehen , um was es sich handelte , als er mit einem lauten : » Hollah , Bursche , was gibt ' s denn da ? « den Knaben am Nacken faßte und in die Höhe hob . Dieser , die mächtige Faust fühlend , ließ augenblicklich seine Hände los und schaute scheu auf die Seite , um seinen Angreifer zu erkennen . » Nun , « fuhr dieser fort , » was ist denn hier wieder für eine Teufelswirthschaft ? - Zwei erwachsene Weibsbilder , und können nicht einmal mit einem einzigen Knaben fertig werden ! - Ah ! der Kopf des Buben da sieht gut zugerichtet aus . - Was hat ' s wieder gegeben ? - He , Hexe ! « Damit wandte er sich an Madame Schwemmer , nachdem er vorher den Knaben ruhig auf den Boden niedergesetzt . » Was wird ' s gegeben haben ! « entgegnete die Hauswirthin und hielt ihre verwundete Hand empor . » Das Thier da hat mich gebissen . « » Nachdem Ihr ihn vorher so über den Kopf gehauen ? « sagte der Mann , indem er die Arme über einander schlug und das Weib mit einem finsteren Blick fest ansah . » Ihr bringt ' s doch noch so weit , daß es wahr wird , was die Leute von diesem verfluchten Hause sagen : es sei dies eine Mördergrube . - Pfui Teufel ! « fuhr er mit leiser Stimme fort , während er dicht an sie hintrat , » Ihr miserables , betrunkenes Weibsbild ! « Die Finger der Madame Schwemmer krallten sich vor Wuth zusammen , und sie zuckte mit der Hand , als wollte sie dem Mann in das Gesicht fahren . Doch hob dieser verächtlich die Achseln und sprach nach einer Pause : » Nun möchte ich aber doch wissen , was es denn eigentlich wieder gegeben hat ? - Sprecht Ihr , Frau Bilz ! « » Na , was wird ' s gegeben haben ! « versetzte diese in einiger Verlegenheit , » der Bube sagte allerlei garstige Dinge über die Frau . « » Und was hast du gesagt , Bube ? - Ich rathe dir , sprich die Wahrheit ! « » Das thu ' ich immer , « erwiderte trotzig der Knabe . » Und auch vorhin habe ich es gethan , als ich erzählte , man habe mir meine Kleider gestohlen und man würde dem kleinen Mädchen da am Boden auch seine Schuhe genommen haben , wenn es der Mühe werth gewesen wäre . Und das hat das Weib mit der rothen Nase selbst gesagt . « Madame Schwemmer wollte bei dieser ungebührlichen Schilderung ihrer Person abermals mit der Peitsche auf das Kind losfahren . Doch streckte der Mann seinen Arm dazwischen und sprach : » Seid jetzt ruhig , « worauf er sich wieder an den Knaben wandte : » das sind häßliche Reden ; wenn du dergleichen aussagst , so wird man dich prügeln , bis du kein Glied mehr rühren kannst . « » Und wenn man mich so arg schlägt , werde ich abermals beißen , « entgegnete der Knabe . » Mich auch ? « fragte der Mann , indem er einen Schritt näher auf ihn zutrat . » Euch nicht , aber das Weib ; denn das Weib mit der rothen Nase schlägt auch auf uns los , wenn wir Alle nichts gethan haben , und nicht blos auf mich , sondern auch auf die andern Kinder , die nie ein Wort sprechen . - Seht mich nur so an und hebt Eure Peitsche , es ist doch wahr und ich sag ' es auch . - Wenn sie herein kommt und hat eine rothe Nase , so schlägt sie gleich auf uns los , und wenn wir ganz ruhig in einer Ecke bei einander sitzen und ganz stille sind . - Wir dürfen nicht sagen , daß wir Hunger haben , und auch nicht , daß uns friert . « » Ja , ich glaub ' s , « murmelte der Mann zwischen den Zähnen . » Und dann , « fuhr der Knabe fort , indem sich seine kleinen Finger vor Wuth öffneten und schlossen , und seine Stimme wie vor dem Ausbruch eines heftigen Weinens zitterte , » was habe ich gethan , daß man mich hier einsperrt ? Habe ich nicht in der Schule gelernt wie die andern Kinder auch , und bin ich unartiger gewesen als diese ? - Nein ! nein ! nein ! Der Lehrer hat mich belobt und hat gesagt , ich sei fleißig und könne meine Sache mit am besten machen . - Nun bin ich schon vier Wochen hier eingesperrt , habe keinen von meinen Kameraden gesehen und kein Lesebuch , keine Rechentafel und nichts . - Aber ich weiß schon , was ich hier soll : sie will mich todt machen , wie - wie - « » Wie was ? « schrie Madame Schwemmer , welche einen neuen vergeblichen Versuch machte , auf den Knaben loszustürzen . » Wie was ? - du Thier ! « » Ja , todt machen will man mich , « sagte der Knabe ermuthigter , denn er sah , daß ihn der Mann schützte . » Todt machen will man mich , wie dort das kleine Kind . « Das Weib warf einen schrecklichen Blick um sich , und Frau Bilz schlug die Augen zu Boden . » Wie - was ? « fragte der Mann im höchsten Erstaunen , indem er sich dem Holzschragen näherte , wo allerdings das Kind in der Mitte in den letzten Zügen zu liegen schien . - » Das sieht jammervoll aus , « sagte er zu Frau Bilz , die ihm gefolgt war . - » Teufel auch ! Ihr hättet doch wohl ein besseres Gelaß finden können als dies Loch hier , es ist ja nicht einmal ein Ofen da . - Und dann der Geruch ! Ich bin doch mein Lebtag schon in viel Spelunken gewesen , aber so was habe ich doch noch nicht erlebt . - Nehmt Euch in Acht ! nehmt Euch in Acht ! Erfährt er von der Geschichte einmal ein Wort , so ist es um Euch geschehen , darauf könnt Ihr Gift nehmen . - Hier muß freilich Alles zu Grunde gehen ; und dazu Euer elendes Essen und Trinken , da braucht kein Mensch nachzuhelfen und den armen Würmern sonst etwas thun . « » Aber sie thut ' s doch , « flüsterte der Knabe dem Manne zu , als er sah , daß ihn Madame Schwemmer nicht beachtete , sondern das verscheidende Kind anblickte . » Gestern , wie es fortfuhr zu schreien und nicht stille sein wollte , hat sie es mit der Peitsche in die Seite gestoßen . « » Bst ! « machte ebenso leise der Mann , indem er mit der Hand herum fuhr und dem Knaben den Mund zuhielt . - - » Dort ist nichts mehr zu helfen , « sagte er achselzuckend mit lauter Stimme . » Aber laßt jetzt das Schlagen sein und gebt wenigstens für heute Ruhe . « Er wandte sich nach der Thür , um fortzugehen . » Und ich muß hier bleiben ? « rief der Knabe mit einem herzzerreißenden Tone der Verzweiflung ; » ich werde wieder eingeschlossen und soll nicht wieder nach Haus dürfen zu der alten Frau Fischer , die ich so lieb gehabt ? « » Wir wollen sehen , was sich machen läßt , « entgegnete der Mann . » Heute kann ich nichts für dich thun , aber sei ruhig und verständig , so will ich an dich denken , das verspreche ich dir . « - Damit winkte er der Frau Schwemmer , ihm zu folgen , und verließ das Gemach . Draußen auf dem Gange blieb er stehen und sprach zur Hauswirthin , die gefolgt war : » Ich will Euch nur sagen , daß ich öfters hier Inspektion halten werde ; das ist ja eine wahre Schande , wie Ihr Eure Sachen betreibt . Habt Ihr denn keine Furcht , daß Euch einmal der leibhaftige Teufel holt ? - Weib ! Weib ! so was ist mir noch nie vorgekommen . Nehmt Euch in Acht ! - Und jetzt laßt die Bilz da bei dem Kinde und sorgt ihr Beide für den armen Wurm , was zu sorgen ist ; nehmt Euch aber in Acht , daß ich von dem Zimmer kein lautes Wort mehr vernehme , keinen Schrei oder dergleichen . Glaubt mir , ich habe feine Ohren und will sie offen halten . « Damit ging er in die vordere Stube . Das Weib blickte ihm einen Moment mit unsicherem Blicke nach , dann schwankte sie zurück in den Stall und sagte dort zu der Frau Bilz , die sich über das Kind niedergebeugt hatte : » Ihr solltet eine Stunde da bleiben und nach ihm sehen . Wenn Ihr was braucht , so könnt Ihr ' s meinetwegen haben . Aber macht mir keine unnöthigen Kosten , da ist doch nichts mehr zu helfen , das müßt Ihr selbst einsehen . « Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer wieder und taumelte in ihre Küche . Die Frau Bilz , die zurück blieb , schüttelte den Kopf und sagte still für sich , indem sie das Kind betrachtete : » Nein , nein , da ist mit allen Schätzen der Welt nicht mehr zu helfen . « Doch sah sie umher , und als sie am Ende des Schragens ein altes wollenes Tuch erblickte , nahm sie es auf , faltete es zusammen und schob es dem Kinde unter das Köpfchen , das noch einmal seine Augen aufschlug und die Frau mit einem seltsamen Blicke anstarrte . Das kleine Kind hatte schöne blaue Augen , und als es so in die Höhe sah , waren sie von einem eigenthümlichen Ausdrucke beseelt ; es war das letzte Aufflackern der Lebensgeister , welche noch einmal in den bis jetzt so matten Blicken glänzten und unendlich viel sagen zu wollen schienen . Es war wie eine schmerzliche Anklage über sein elendes , armes Leben , oder auch wie ein Dank für die Hilfe , welche ihm die Frau in diesem letzten Augenblicke geleistet . - Das dachte diese sich auch , als sie es betrachtete und diesen ersterbenden Blick bemerkte . Er drang in ihr Herz und preßte es krampfhaft zusammen . Sie seufzte tief und schmerzlich auf , als nun das Kind zum letzten Male den Athem von sich blies und darauf die Augen gläsern wurden und aussahen , als habe die Hand des Todes plötzlich einen weißen Staub darauf gestreut ; da beugte sie sich tief herab auf die kalte Stirne , und nachdem sie lange so gelegen , glaubte sie , es erwärme sich wieder . Aber es waren nur ihre eigenen heißen Thränen , die über die kalten Wangen und blauen Lippen der kleinen Gestorbenen herab rannen . - - - - Sie kannte dieses Kind wohl , aber bis zu dem jetzigen Moment war ihr das kleine Geschöpf gänzlich bedeutungslos gewesen , wie so viele dieser armen Kinder , die schon durch ihre Hände gegangen waren . Nun aber trat vor ihr inneres Auge der Anfang und das Ende dieses kleinen armseligen Lebens . Und der Kontrast desselben war fürchterlich . - Ja , sie hatte dieses Kind gekannt , sie hatte es gesehen , hatte es in ihren Armen gewiegt , nachdem es erst wenige Tage alt war . - Es war das eine eigenthümliche Geschichte , die , obgleich sie nicht neu ist , doch Jedem , der sie hört , das Herz erbeben macht , - namentlich Anfang und Ende . Die Mutter dieses Kindes war ein reizendes , frisches , blühendes Mädchen , die Tochter bemittelter Eltern ; der Vater war ein reicher und vornehmer junger Mann . Beide sahen sich zufällig , er zeichnete sie aus , er ritt auf prächtigen Pferden bei ihrem Fenster vorbei , und sie , ohne auf die Ermahnung ihrer Eltern zu hören , lächelte ihn an , blickte ihm nach und gewährte ihm endlich heimliche Zusammenkünfte , wie das in der Welt so der Brauch ist , und wie man es anfänglich als nichts Schlimmes betrachtet . - Da kam eines Tages der Fasching mit seiner tollen Lust und Freude , mit seinen Bällen , Maskeraden und sonstigen Vergnügungen , welche das Herz betäuben und die Sinne aufregen , und in einer Nacht besuchte das Mädchen im reizenden Maskenanzug einen jener Bälle , wohl unter der Aufsicht einer befreundeten Familie , aber sehr entschlossen , sich dieser Aufsicht so bald als möglich zu entziehen . - Und das that sie denn auch ; er hatte für ein heimliches Winkelchen in der Nähe gesorgt , wo sie unbemerkt zusammen sitzen , wo sie über Liebe plaudern und feurige Küsse austauschen konnten . - Sie befanden sich in einem reichen Kabinete und saßen neben einander auf schwellenden Kissen von schwerem krachendem Seidenstoffe ; des Mädchens Augen blitzten , ihre Wangen waren sanft geröthet von einem Trunke feurigen Weines , den sie aus seinem Glase nehmen mußte ; Spiegel und Vergoldungen bedeckten die Wände , - es war das ein Moment der Herrlichkeit