froh , in meinen jungen Vettern Genossen zu finden , welche sich auch nicht viel aus dergleichen machten . Doch blieb immer eine gemischte Empfindung in mir zurück , da schon die Neigung zu solchen Erscheinungen , der Anspruch auf dieselben mir beinahe eine Anmaßung zu sein schien , die ich der guten Anna zwar keineswegs , aber doch einem mir fremden und nicht willkommenen Wesen zurechnen konnte , in welchem ich sie jetzt befangen sah . So trat ich ihr , als ich abends zurückkehrte , mit einer gewissen Scheu entgegen , welche jedoch durch ihre liebliche Gegenwart bald wieder zerstreut wurde , und als sie nun selbst , in Gegenwart ihres Vaters , leise anfing von einem Traume zu sprechen , den sie vor einigen Tagen geträumt , und ich daher sah , daß sie willens sei , mich in das vermeintliche Geheimnis zu ziehen , glaubte ich unverweilt an die Sache , ehrte sie und fand sie nur um so liebenswürdiger , je mehr ich vorhin daran gezweifelt . Als ich mich allein befand , dachte ich mehr darüber nach und erinnerte mich , von solchen Berichten gelesen zu haben , wo , ohne etwas Wunderbares und Übernatürliches anzunehmen , auf noch unerforschte Gebiete und Fähigkeiten der Natur selbst hingewiesen wurde , so wie ich überhaupt bei reiflicher Betrachtung noch manches verborgene Band und Gesetz möglich halten mußte , wenn ich meine größte Möglichkeit , den lieben Gott , nicht zu sehr bloßstellen und in eine öde Einsamkeit bannen wollte . Ich lag im Bette , als mir diese Gedanken klar wurden und ich mit denselben der Unschuld und Redlichkeit Annas gedachte , als welche doch auch zu berücksichtigen wären ; und nicht so bald befiel mich diese Vorstellung , so streckte ich mich anständig aus , kreuzte die Hände zierlich über der Brust und nahm so eine höchst gewählte und ideale Stellung ein , um mit Ehren zu bestehen , wenn Annas Geisterauge mich etwa unbewußt erblicken sollte . Allein das Einschlafen brachte mich bald aus dieser ungewohnten Lage , und ich fand mich am Morgen zu meinem Verdrusse in der behaglichsten und trivialsten Figur von der Welt . Ich raffte mich hastig zusammen , und wie man des Morgens Gesicht und Hände wäscht , so wusch ich gewissermaßen Gesicht und Hände meiner Seele und nahm ein zusammengefaßtes und sorgfältiges Wesen an , suchte meine Gedanken zu beherrschen und in jedem Augenblicke klar und rein zu sein . So erschien ich vor Anna , wo mir ein solch gereinigtes und festtägliches Dasein leicht wurde , indem in ihrer Gegenwart eigentlich kein anderes möglich war . Der Morgen nahm wieder seinen Verlauf wie gestern , der Nebel stand dicht vor den Fenstern und schien mich hinauszurufen . Wenn mich jetzt eine Unruhe befiel , Judith aufzusuchen , so war dies weniger eine maßlose Unbeständigkeit und Schwäche als eine gutmütige Dankbarkeit , die ich fühlte und die mich drängte , der reizenden Frau für ihre Neigung freundlich zu sein ; denn nach der unvorbereiteten und unverstellten Freude , in welcher ich sie gestern überrascht , durfte ich mir nun wirklich einbilden , von ihr herzlich geliebt zu sein . Und ich glaubte ihr unbedenklich sagen zu können , daß sie mir lieb sei , indem ich sonderbarerweise dadurch gar keinen Abbruch meiner Gefühle für Anna wahrnahm und es mir nicht bewußt war , daß ich mit dieser Versicherung fast nur das Verlangen aussprach , ihr recht heftig um den Hals zu fallen . Zudem betrachtete ich meinen Besuch als eine gute Gelegenheit , mich zu beherrschen und in der gefährlichsten Umgebung doch immer so zu sein , daß mich ein verräterischer Traum zeigen durfte . Unter solchen Sophismen machte ich mich auf , nicht ohne einen ängstlichen Blick auf Anna zu werfen , an welcher ich aber keinen Schatten eines Zweifels wahrnahm . Draußen zögerte ich wieder , fand aber den Weg unbeirrt zu Judiths Garten . Sie selbst mußte ich erst eine Weile suchen , weil sie , mich gleich am Eingange sehend , sich verbarg , in den Nebelwolken hin und her schlüpfte und dadurch selbst irre wurde , so daß sie zuletzt stillstand und mir leise rief , bis ich sie fand . Wir machten beide unwillkürlich eine Bewegung , uns in den Arm zu fallen , hielten uns aber zurück und gaben uns nur die Hand . Sie sammelte immer noch Obst ein , aber nur die edleren Arten , welche an kleinen Bäumen wuchsen ; das übrige verkaufte sie und ließ es von den Käufern selbst vom Baume nehmen . Ich half ihr einen Korb voll brechen und stieg auf einige Bäume , wo sie nicht hingelangen konnte . Aus Mutwillen stieg ich auch zuoberst auf einen hohen Apfelbaum , wo sie mich des Nebels wegen nicht mehr sehen konnte . Sie fragte mich unten , ob ich sie liebhätte , und ich antwortete gleichsam aus den Wolken mein Ja . Da rief sie schmeichelnd » Ach , das ist ein schönes Lied , das hör ich gern ! Komm herunter , du junger Vogel , der so artig singt ! « So brachten wir alle Tage eine Stunde zu , eh ich zu meinem Oheim ging ; wir sprachen dabei über dies und jenes , ich erzählte viel von Anna , und sie mußte alles anhören und tat es mit großer Geduld , nur damit ich dabliebe . Denn während ich in Anna den bessern und geistigern Teil meiner selbst liebte , suchte Judith wieder etwas Edleres in meiner Jugend , als ihr die Welt bisher geboten ; und doch sah sie wohl , daß sie nur meine sinnliche Hälfte anlockte , und wenn sie auch ahnte , daß mein Herz mehr dabei war , als ich selbst wußte , so hütete sie sich wohl , es merken zu lassen , und ließ mich ihre tägliche Frage in dem guten Glauben beantworten , daß es nicht so viel auf sich hätte . Oft drang ich auch in sie , mir von ihrem Leben zu erzählen und warum sie so einsam sei . Sie tat es , und ich hörte ihr begierig zu . Ihren verstorbenen Mann hatte sie als junges Mädchen geheiratet , weil er schön und kraftvoll aussah . Aber es zeigte sich , daß er dumm , kleinlich und klatschhaft war und ein lächerlicher Topfgucker , welche Eigenschaften sich alle hinter der schweigsamen Blödigkeit des Freiers versteckt hatten . Sie sagte unbefangen , sein Tod sei ein großes Glück gewesen . Nachher bewarben sich nur solche Männer um sie , welche ihr kleines Vermögen im Auge hatten und sich schnell anderswohin richteten , wenn sie ein paar hundert Gulden mehr verspürten . Sie sah , wie blühende , kluge und handliche Männer ganz windschiefe und blasse Weibchen heirateten mit spitzigen Nasen und vielem Gelde , weswegen sie sich über alle lustig machte und sie schnöde behandelte . » Aber ich muß selbst Buße tun « , fügte sie hinzu , » warum hab ich einen schönen Esel genommen ! « Nach acht Tagen kehrte ich zur Stadt zurück und nahm meine Arbeit bei Römer wieder auf . Da es mit dem Zeichnen im Freien vorbei und auch nichts weiter zu kopieren war , leitete mich Römer an , zu versuchen , ob ich aus dem Gewonnenen ein Ganzes und Selbständiges herstellen könne . Ich mußte unter meinen Studien ein Motiv suchen und selbiges zu einem kleinen Bilde ausdehnen und abgrenzen . » Da wir hier ohne alle Mittel sind « , sagte er , » außer meiner eigenen Mappe , welche Sie mir diesen Winter hindurch in die Ihrige hinüberpinseln würden , wenn ich es zugäbe , so ist es am besten , wir machen es so Sie sind zwar noch zu jung dazu und werden noch ein- oder zweimal mit neuen Erfahrungen von vorn anfangen müssen , ehe Sie etwas Dauerhaftes machen . Indessen wollen wir immerhin versuchen , ein Viereck so auszufüllen , daß Sie es im Notfall verkaufen können ! « Mit der ersten Probe ging es ganz ordentlich ; ebenso mit der zweiten und dritten . Die frische Luft , die Einfachheit des Gegenstandes und Römers sichere Erfahrung ließen die Gründe sich wie von selbst aneinanderfügen , das Licht wurde ohne Schwierigkeit verteilt und jede Partie in Licht und Schatten vernünftig und klar ausgefüllt , so daß keine nichtssagenden und verworrenen Stellen übrigblieben . Großes Vergnügen gewährte es mir , wenn ich einen oder einige Gegenstände , zu denen die vorliegenden Studien im Licht gehalten waren , in Schatten setzen mußte oder umgekehrt , wo dann durch eigenes Nachdenken und Berechnung ein Neues und doch einzig Notwendiges bezweckt wurde , nach den Bedingungen der Lokalfarbe , der Tageszeit , des blauen oder bewölkten Himmels und der benachbarten Gegenstände , welche mehr oder weniger Licht und Farbe zurückwerfen mußten . Gelang es mir , den wahrscheinlichen Ton zu treffen , der unter ähnlichen Verhältnissen über der Natur selbst geschwebt hätte - was man gleich sah , indem ein wahrer Ton immer einen ganz eigentümlichen Zauber übt - , so beschlich mich ein pantheistisch stolzes Gefühl , in welchem mir meine Erfahrung und das Weben der Natur eins zu sein schienen . Dazu war es höchst vergnüglich , in Gedanken um einen schönen gemalten Baum herumzugehen und seine andere Seite zu betrachten , um zu ermessen , wieviel Licht sie wohl auf einen benachbarten Baum werfen könne . Ich sah dann allerlei Geheimnisse um Äste säuseln , die nicht auf dem Papiere waren , und guckte auf diesen Wanderungen auch nebenaus in verborgene Winkel und Gründe der Landschaft . Dies war besonders im Winter sehr angenehm , wenn die Schneeflocken vor dem Fenster tanzten . Allein das Vergnügen wurde bald schwieriger , als umfang- und inhaltsreichere Sachen unternommen wurden und , durch diese Tätigkeit hervorgerufen , trotz Goethe , Natur und gutem Lehrer , meine Erfindungslust wieder auftauchte und überwucherte . Das gewichtige Wort Komponieren summte mir mit prahlerischem Klang in den Ohren , und ich ließ , als ich nun förmliche Skizzen entwarf , die zur Ausführung bestimmt waren , meinem Hange den Zügel schießen . Überall suchte ich poetische Winkel und Plätzchen , geistreiche Beziehungen und Bedeutungen anzubringen , welche mit der erforderlichen Ruhe und Einfachheit in Widerspruch gerieten . Römer ließ mich eine solche Skizze unbeschnitten ausführen und das Bild nach allen Erfahrungen des Naturstudiums und der Technik fertig machen , und als das Machwerk mir selbst nicht behagen wollte , ohne daß ich wußte warum , zeigte er mir triumphierend , daß die technischen Mittel und die Naturwahrheiten im einzelnen der anspruchsvollen und gesuchten Komposition wegen keine Wirkung tun , zu keiner Gesamtwahrheit werden könnten und um meine hervorstechende Zeichnung hingen wie bunte Flitter um ein Gerippe , ja daß sogar im einzelnen keine frische Wahrheit möglich sei , auch bei dem besten Willen nicht , weil vor der überwiegenden Erfindung vor dem anmaßenden Spiritualismus ( wie er sich ausdrückte ) die Naturfrische sich sogleich sozusagen aus der Pinselspitze in den Pinselstiel spröde zurückziehe . » Es gibt allerdings « , sagte Römer , » eine Richtung , deren Hauptgewicht auf der Erfindung , auf Kosten der unmittelbaren Wahrheit , beruht . Solche Bilder sehen aber eher wie geschriebene Gedichte als wie wirkliche Bilder aus , wie es ja auch Gedichte gibt , welche mehr den Eindruck einer Malerei machen möchten als eines geistig tönenden Wortes . Wenn Sie in Rom wären und die Arbeiten des alten Koch oder Reinharts sähen , so wurden Sie , Ihrer deutlichen Neigung nach , sich entzückt den alten Käuzen anschließen ; es ist aber gut , daß Sie nicht dort sind , denn dies ist eine gefährliche Sache für einen jungen Künstler . Es gehört dazu eine durchaus gediegene , fast wissenschaftliche Bildung , eine strenge , sichere und feine Zeichnung , welche noch mehr auf dem Studium der menschlichen Gestalt als auf demjenigen der Bäume und Sträucher beruht , mit einem Wort ein großer Stil , welcher nur in dem Werte einer ganzen reichen Erfahrung bestehen kann , um den Glanz gemeiner Naturwahrheit vergessen zu lassen ; und mit allem diesem ist man erst zu einer ewigen Sonderlingsstellung und Armut verdammt , und das mit Recht , denn die ganze Art ist unberechtigt und töricht ! « Ich fügte mich diesen Reden aber nicht , weil ich ihm schon abgemerkt hatte , daß das Erfinden und ein tieferer Gehalt nicht seine Stärke waren ; denn schon mehr als einmal hatte er , meine Anordnungen korrigierend , Lieblingsstellen in Bergzügen oder Waldgründen , die ich recht bedeutsam glaubte , gar nicht einmal gesehen , indem er sie mit dem markigen Bleistifte schonungslos überschraffierte und zu einem kräftigen , aber nichtssagenden Grunde ausglich . Wenn sie auch störten , so hätte er meiner Meinung nach wenigstens sie bemerken , mich verstehen und etwas darüber sagen müssen . Ich wagte daher zu widersprechen , schob die Schuld auf die Wasserfarben , in welchen keine Kraft und Freiheit möglich sei , und sprach meine Sehnsucht aus nach guter Leinwand und Ölfarben , wo alles schon von selbst eine respektable Gestalt und Haltung gewinnen würde . Hiemit griff ich aber meinen Lehrer in seiner Existenz an , indem er glaubte und behauptete , daß die ganze und volle Künstlerschaft sich hinlänglich und vorzüglich nur durch etwas weißes Papier und einige englische Farbentäfelchen betätigen und zeigen könne . Er hatte seine Bahn abgeschlossen und gedachte nichts anderes mehr zu leisten , als er schon tat ; daher beleidigte ihn , wie ich nun zu erkennen gab , daß ich das durch ihn Gelernte nur als eine Staffel betrachte und bereits mich darüber hinweg zu etwas Höherem berufen fühle . Er wurde um so empfindlicher , als ich einen lebhaften und wiederholten Streit über diesen Gegenstand hartnäckig aushielt , von meinen Hoffnungen nicht abließ und seine Aussprüche , wenn sie ins Allgemeine gingen , nicht mehr unbedingt annahm , vielmehr ungescheut bestritt . Hieran war hauptsächlich der Umstand schuld , daß seine sonstigen Gespräche und Mitteilungen einerseits immer deutlicher , andererseits aber immer sonderbarer und auffallender geworden und meine Achtung vor seiner Urteilskraft geschwächt hatten . Manches fiel zusammen mit den dunklen Gerüchten , die über ihn ergingen , so daß ich eine Zeitlang in der peinlichsten Spannung mich befand , aus einem geehrten und zuverlässigen Lehrer die seltsamste und rätselhafteste Gestalt sich herausschälen zu sehen . Schon seit einiger Zeit wurden seine Äußerungen über Menschen und Verhältnisse immer härter und zugleich bestimmter , indem sie sich ausschließlicher auf politische Dinge bezogen . Er ging alle Abende in den Lesezirkel unserer Stadt , las dort die französischen und englischen Blätter und pflegte sich vieles zu notieren , so wie er auch in seiner Wohnung allerlei geheimnisvolle Papierschnitzel handhabte und sich oft über wichtigem Schreiben betreffen ließ . Vorzüglich machte er sich oft mit dem Journal des Debats zu schaffen . Unsere Regierung nannte er einen Trupp ungeschickter Krähwinkler , den Großen Rat aber ein verächtliches Gesindel und unsere heimischen Zustände im ganzen dummes Zeug . Darüber ward ich stutzig und hielt mit meinen Zustimmungen zurück oder verteidigte unsere Verhältnisse und hielt ihn für einen malkontenten Menschen , welchen der lange Aufenthalt in fremden großen Städten mit Verachtung der engen Heimat gefüllt habe . Er sprach oft von Louis Philippe und tadelte dessen Maßregeln und Schritte wie einer , der eine geheime Vorschrift nicht pünktlich befolgt sieht . Einst kam er ganz unwirsch nach Hause und beklagte sich über eine Rede , welche der Minister Thiers gehalten . » Mit diesem vertrackten kleinen Burschen ist nichts anzufangen ! « rief er , indem er ein Zeitungsexzerpt zerknitterte , » ich hätte ihm diese eigenmächtige Naseweisheit gar nicht angesehen ! Ich glaubte in ihm den gelehrigsten meiner Schüler zu haben . « - » Zeichnet denn der Herr Thiers auch Landschaften ? « fragte ich , und Römer erwiderte , indem er sich bedeutungsvoll die Hände rieb » Das eben nicht ! lassen wir das ! « Doch bald darauf deutete er mir an , daß alle Fäden der europäischen Politik in seiner Hand zusammenliefen und daß ein Tag , eine Stunde des Nachlasses in seiner angestrengten Geistesarbeit , die seinen Körper aufzureiben drohe , sich alsobald durch eine allgemeine Verwirrung der öffentlichen Angelegenheiten bemerklich mache , daß eine konfuse und ängstliche Nummer des Journal des Debats jedesmal bedeute , daß er unpäßlich oder abgespannt und sein Rat ausgeblieben sei . Ich sah meinen Lehrer ernsthaft an , er machte ein unbefangenes und ernsthaftes Gesicht , die gebogene Nase stand wie immer mitten darin , darunter der wohlgepflegte Schnurrbart , und über die Augen flog auch nicht das leiseste ungewisse Zucken . Mein Erstaunen gewann nicht Zeit , sich aufzuhellen , indem ich ferner erfuhr , daß Römer , während er der verborgene Mittelpunkt aller Weltregierung , zugleich das Opfer unerhörter Tyranneien und Mißhandlungen war . Er , der vor aller Augen auf dem mächtigsten Throne Europas hätte sitzen sollen von mehr als eines Rechtes wegen , wurde durch einen geheimnisvollen Zwang gleich einem gebannten Dämon in Verborgenheit und Armut gehalten , daß er kein Glied ohne den Willen seiner Tyrannen rühren kannte , während sie ihm täglich gerade so viel von seinem Genius abzapften , als sie zu ihrer kleinlichen Weltbesorgung gebrauchten . Freilich , wäre er zu seinem Recht und zu seiner Freiheit gekommen , so würde im selben Augenblicke die Mäusewirtschaft aufgehört haben und ein freies , lichtes und glückliches Zeitalter angebrochen sein . Allein die winzigen Dosen seines Geistes , welche nun so tropfenweise verwandt würden , sammelten sich doch allmählich zu einem allmächtigen Meere , indem es ihre Art sei , daß keine davon wieder vergehen oder aufgehoben werden könne , und in jenem allbezwingenden Meere werde sein Wesen zu seinem Rechte kommen und die Welt erlösen , daher er gerne seine körperliche Person wolle verschmachten lassen . » Hören Sie diesen verfluchten Hahn krähen ? « rief er , » dies ist nur ein Mittel von tausenden , die sie zu meiner Qual anwenden ; sie wissen , daß der Hahnenschrei mein ganzes Nervensystem erschüttert und mich zu jedem Nachdenken untauglich macht ; deshalb hält man überall Hähne in meiner Nähe und läßt sie spielen , sobald man die verlangten Depeschen von mir hat , damit das Räderwerk meines Geistes für den übrigen Tag stillstehe ! Glauben Sie wohl , daß dies Haus hier ganz mit verborgenen Röhren durchzogen ist , daß man jedes Wort hört , das wir sprechen , und alles sieht , was wir tun ? « Ich sah mich im Zimmer um und versuchte einige Einwendungen zu machen , welche jedoch durch seine bestimmten , geheimnisvollen und wichtigen Blicke und Worte unterdrückt wurden . Solange ich mit ihm sprach , befand ich mich in der wunderlichen Stimmung , in welcher ein Knabe halbgläubig das Märchen eines Erwachsenen anhört , welcher ihm lieb ist und seiner Achtung genießt ; war ich aber allein , so mußte ich mir gestehen , daß ich das Beste , was ich bisher gelernt , aus der Hand des Wahnsinns empfangen habe . Dieser Gedanke empörte mich , und ich begriff nicht , wie jemand wahnsinnig sein könne . Eine gewisse Unbarmherzigkeit erfüllte mich , ich nahm mir vor , mit einem klaren Worte die ganze unsinnige Wolke gewiß zerstreuen zu wollen ; stand ich aber dem Wahnsinne gegenüber , so mußte ich seine Stärke und Undurchdringlichkeit sogleich fühlen und froh sein , wenn ich Worte fand , welche , auf die verirrten Gedanken eingehend , dem Leidenden durch Mitteilung einige Erleichterung gewähren konnten . Denn daß er wirklich unglücklich und leidend war und alle eingebildeten Qualen wirklich fühlte , konnte ich nicht verkennen . Unter seinen Einbildungen war eine einzige , welche ihm ein Ersatz für den übrigen Schaden zu sein schien und zugleich so komisch , daß sie mich zum Gelächter reizte . Er lebte nämlich der Überzeugung , daß er bei allen hohen diplomatischen Verheiratungen eine Art Recht der ersten Nacht genösse , teils um einer jeden europäischen Verbindung durch seine persönliche Einwirkung die rechte Weihe zu geben , teils um ihn durch solche Annehmlichkeit einzuschläfern und ihn abzuhalten , eine eigene hohe Heirat einzugehen , um seine Selbständigkeit zu verhindern , da , wie er behauptete , durch die feste Verbindung des Mannes mit dem Weibe jener erst seine volle Freiheit und Bedeutung erhielte . Wenn daher in den Zeitungen eine wichtige politische Heirat gemeldet wurde , so machte er sich für eine kurze Zeit unsichtbar und überließ sich nachher noch lange einer geheimnisvollen süßen Träumerei , deren Schleier er mich nur mit verhüllten Worten durchblicken ließ . Ich mußte mir alsdann die Möglichkeit vorzustellen suchen , wie er an einem Tage an das entfernteste Ende Europas und wieder zurückgelangen konnte . Jedoch fiel aus dem Unsinne manch vernünftiges Gespräch , und die Erörterungen über sein Unglück und die dasselbe veranlassenden Menschen waren oft lehrreich . Einst sagte er » Ich kann mich ganz genau des Wendepunktes entsinnen , wo mein Geschick sich verfinsterte . Ich war in Rom und lag auf diesem alten Weltplatze meinen tiefen Studien ob . Nebenbei betrieb ich die Landschaftmalerei , teils um durch sie nach und nach das Terrain von ganz Europa auf die genaueste Weise kennenzulernen , teils um , wie ich selbst für nötig fand , das Geheimnis meiner Person zu verhüllen . Die diplomatische Welt hatte diese Maske akzeptiert und nahm mich unter derselben bei sich auf . Wenn von meinen Arbeiten gesprochen wurde , so war dies nur eine symbolische Blumensprache , die jeder Eingeweihte verstand . Ich glaubte mich auf dem besten Wege , zu meiner offenen und freien Tatkraft zu gelangen , als ich einen hochgestellten Mann unversehens gegen mich einnahm ; es war der ... sche Gesandte , welcher zum Zeitvertreibe Kunstnotizen in ein auswärtiges weitverbreitetes Blatt schrieb und in einer solchen auch meiner erwähnte , dessen geniale Aquarellen in römischen Kreisen ein günstiges Aufsehen für de bescheidenen jungen Mann erregten . Er legte ein Hauptgewicht auf meine vermeintliche Bescheidenheit , obgleich der Esel gar nicht wissen konnte , ob ich bescheiden oder nicht bescheiden sei . Die Besprechung meiner Arbeiten war insofern nicht übel , als man in Paris , London und Petersburg leidlich verstehen konnte , was darunter gemeint sei ; die ausführliche Beschreibung meiner Bescheidenheit hingegen war die erste Sonde , die man an mich legte , um zu erfahren , ob ich das volle Gefühl meiner Größe in mir trage . Ich ging richtig in die Falle und warf dem unbescheidenen Geschäftsmacher seine Anmaßung vor , indem ich ihm erklärte , ich sei gar nicht bescheiden und er habe kein Recht , dies von mir zu sagen . Von diesem Tage an desavouierte mich die große Welt öffentlich und fesselte mich an mein unglückseliges Joch ; denn sie fühlte wohl , daß das Bewußtsein meiner Größe sie bald auseinanderblasen würde . Ich rate Ihnen wohlmeinend , junger Mann ! wenn einst ein einfältiger Gönner von Ihnen sagen sollte , Sie seien ein bescheidener Mensch , so widersprechen Sie nicht , sonst sind Sie verloren ! « Ich verschwieg Römers Irrsinn lange gegen jedermann und selbst gegen meine Mutter , weil ich meine eigene Ehre dabei beteiligt glaubte , wenn ein so trefflicher Lehrer und Künstler als toll erschien , und weil es mir widerstrebte , den schlimmen Gerüchten , die über ihn in Umlauf waren , entgegenzukommen . Es war mir auch aufgefallen , daß Römer ganz vereinsamt lebte und , trotzdem daß er mehrere Herren aus angesehenen Häusern kannte , die sich zu gleicher Zeit mit ihm in jenen großen Städten aufgehalten , doch von denselben gemieden wurde . Daher wollte ich seine Lage nicht noch verschlimmern . Doch verlockte mich einst ein unwilliges republikanisches Gefühl zum Plaudern . Nachdem er nämlich öfter bedeutungsvoll bald von den Bourbonen , bald von den Napoleoniden , bald von den Habsburgern gesprochen , ereignete es sich einst , daß die Königin-Mutter aus Neapel , eine alte Frau mit vielen Dienern und Schachteln , einige Tage sich in unserer Stadt aufhielt . Sogleich geriet Römer in eine große Aufregung , lenkte auf Spaziergängen unsern Weg an dem Gasthofe vorbei , wo sie logierte , ging in das Haus , als ob er mit der Dame , die er als sehr intrigant beschäftigt und seinetwegen hergekommen schilderte , wichtige Unterredungen hätte , und ließ mich lange unten warten . Doch bemerkte ich , daß er sich nur an dem geheimsten und zugleich zugänglichsten Ort des Hauses aufhielt , welches ein unangenehmer Duft verriet , den er an die frische Luft mit sich brachte . Diese Narrenpossen , von einem Manne mit so edlem und ernstem Äußern , empörten mich um so mehr , da sie mit einer lächerlichen Listigkeit betrieben wurden . Ein andermal , nach dem Straßburger Attentat , als Frankreich die Auslieferung des Urhebers Louis Napoleon verlangte , mit Gewalt drohte und deshalb zum Schutze des Asylrechtes oder vielmehr des Bürgerrechtes eine große Aufregung herrschte und sogar schon Truppen aufgeboten wurden , stellte er sich , als ob Thiers nur nach seinen , des Schweizers , Vorschriften handelte und das Ganze nur ein berechneter Zug in seinem großen Schachspiele wäre . Dazumal hielt sich der besagte Prinz zwei Tage in der Stadt auf , um seine Angelegenheit auch in unserm Kanton zu empfehlen ; denn er hatte sich noch nicht entschlossen , freiwillig das Land zu verlassen . Wir trafen ihn auf der Straße als einen jungen bleichen Mann mit einer großen Nase , der in Begleitung eines ältern Mannes ging , welcher ein rotes Bändchen im Knopfloch trug . Die Leute blickten ihm ernsthaft nach , besonders die Frauen sahen gar bedenklich darein , da ihre Männer und Söhne schon in Waffen umhergingen und bereits stundenlang im Regen standen , um zum Abmarsche Pulver und Blei , Äxte , Kessel und dergleichen zu fassen . Nur Römer fühlte von allem nichts und grüßte im Vorübergehen den Fremdling vertraulich lächelnd wie ein ebenbürtiger Vornehmer , wobei ich zugleich bemerkte , daß er vor Aufregung zitterte , einem Napoleoniden so nahe zu sein . Wenn ich den Wahnsinn verzeihen und tragen mußte , so konnte ich hier die innere Ursache nicht verzeihen , welche demselben zugrunde zu liegen und nichts anderes zu sein schien als jene unerträgliche Sucht eitler Menschen , von der wesentlichen und inhaltvollen Einfachheit der Heimat abzufallen und dem lächerlichen Schatten ausländisch-diplomatischer Klug- und Feintuerei nachzutrachten . Die aufbrausende Jugend war dazumal so schon erzürnt über einige gereiste Gelbschnäbel , welche sich eine Zeitlang darin gefielen , in dem läppischen Stile müßiger Gesandtschaftsbedienter Berichte über unsre Heimat in fremde Blätter zu senden und sich dabei das Ansehen zu geben , als ob sie durch ihre Diplomatie dem Lande oder ihrer Partei wunder was genützt hätten . Als Römer sich ein Stückchen rotes Band an einem Frack befestigte und diesen wie von ungefähr auf einen Stuhl legte , schien er mir die zusammengezogene Erscheinung jenes verwerflichen Unsinnes zu sein , und ich ging mit großem Zorne weg und beklagte mich zu Hause über den Unglücklichen . Es waren gerade Leute da , welche mehr von ihm wußten , und ich erfuhr , daß es längst von ihm bekannt sei , daß er sich bald für einen Sohn Napoleons , bald für den Sprößling dieser oder jener älteren Dynastie halte . Von seinen einzelnen und ausführlichen Narrheiten wußten nur wenig Leute , hingegen hielt man jene fixe Idee für eine absichtliche Verstellung , um mittelst derselben sich ungehörige Vorteile zu verschaffen , andere ums Geld zu bringen und ein müßiges , abenteuerliches Leben zu führen , da er nicht gern arbeite und vom Hochmute besessen sei , und man schrieb ihm demzufolge einen gefährlichen Charakter zu . Diese Beurteilung war im höchsten Grade oberflächlich und ungerecht , und ich habe mit Mühe nach und nach folgenden Sachverhalt herausbringen können . Er war auf dem Lande geboren und als ein kleiner Junge nach der Stadt zu Habersaat gebracht worden , da er große Neigung verriet , etwas anderes zu werden als ein Ackerbauer . Es war in der Restaurationszeit , wo arme Bauernkinder , wenn sie etwas lernen wollten , nur die Wahl hatten zwischen einem Handwerk und einem Plätzchen in einem städtischen Gewerbe . Es war ein Glück für sie , wenn sie als Laufbürschchen in Handelshäusern , Fabriken oder Kanzleien ein Fleckchen fanden , auf dem sie Fuß fassen und , wenn etwas an ihnen war , sich aufarbeiten konnten . Da Habersaats Anstalt auch eine Unterkunft dieser Art war , obgleich eine schlimme , so geriet Römer ganz zufällig dahin , ohne viel zu wissen , was man aus ihm machen würde . Er war fleißig und hielt seine Zeit aus , nach welcher ihn ein französischer Kunsthändler , welcher durchreiste , um ein Werk schweizerischer Prospekte vorzubereiten , nebst einigen anderen jungen Leuten mit nach Paris nahm , indem der Mann dort die Habersaatsche Art , welche er sehr praktisch fand , anwenden wollte . Römer hielt sich tapfer ; nach wenigen Jahren hatte er eine artige Summe erspart , mit welcher er nach Rom ging , entschlossen , etwas Rechtes zu werden . Indem er sich umsah , ergriff er alsobald die englische Art , in Aquarell zu malen , hielt sich aber dabei gründlich an die Natur und verbesserte das Mittel durch einen reinern Zweck , so daß seine Arbeiten einiges Aufsehen erregten und er unter dem Zusammenfluß von Künstlern aller Nationen bald seine eigentümliche Stellung einnahm . Indessen suchte er sich auch sonst auszubilden und stellte sich endlich als ein feiner und unterrichteter Mann in jeder Weise dar . Seine geistreichen und zugleich eleganten Zeichnungen kamen besonders dem Bedürfnis der vornehmen Welt entgegen ; einer römischen Prinzessin gefielen sie so sehr , daß er berufen wurde