, wenn er nicht rasch hier mit einem Verbande zu Hülfe komme , eine Verblutung zu besorgen stand . Wir wissen wirklich nicht , ob es , nachdem dieser Verband erfolgt , noch nöthig ward , auch das Blut des kleinen Mädchens zu fordern , denn die Kinder wurden in eine Nebenstube geschafft , und der Legationsrath , der hülfreiche Hand dabei geleistet , erklärte , als er zurückkam , er hoffe , daß andere Mittel ausreichen würden . Aber um noch die Peinlichkeit der Situation für die noch Gebliebenen zu vermehren , erhob sich in der Nebenstube ein neuer Wortwechsel , von dessen Heftigkeit man überzeugt sein wird , wenn wir sagen , daß Charlotte die Angeklagte war , der Geheimrath der Kläger , und die Geheimräthin , die angerufene Richterin , sich der Angeklagten nicht anzunehmen schien . Charlotte war ihr eigner Advokat , und der Geheimrath von der Vogtei konnte , wie wir wissen , wenn die Gelegenheit es mit sich brachte , auch außer sich gerathen . Er folgte der entgegengesetzten Maxime seines Bruders : er hielt Emotionen nicht für das Gift , sondern für eines der Präservativmittel des Lebens . Seine Freunde meinten , er alterire sich am liebsten vor dem Mittagstisch , weil dies dem Organismus des Magens zuträglich sei ; jedoch immer nur mit Maß . Doch als er jetzt aus dem Krankenzimmer herausstürzte und Charlotte hinter ihm , schien er eher der Verfolgte . Sie wenigstens schrie in die Versammlung hinein , ohne im geringsten von den respektablen Personen Notiz zu nehmen : » Meine Cousine , die Frau Hoflackir , hat mir wohl gesagt : Warum giebst Du Dich noch mit ihnen ab , warum opferst Du Dich ihnen ! Du kennst sie ja , und Undank ist der Welt Lohn . Ja , ich kenne sie , und Undank bleibt der Welt Lohn ! « » Charlotte , « rief das blasse Gesicht der Geheimräthin , die an der Schwelle stehen blieb . » Bedenke Sie , wo Sie ist . « » Ja , Frau Geheimräthin , das bedenke ich auch , und Sie sind eine nobel gesinnte Dame , und wer Domestiken behandelt , wie er es selbst verdient , der ist rechtschaffen vor Gott und vor den Menschen . Denn wir Domestiken sind auch Menschen vor Gott und unsrer Herrschaft , und ich brauchte es ja nicht zu sein , sagt mein Cousin , der Herr Hoflackir . Ja wenn der nur hier wäre ! Der würde ein Wort sprechen , aber ich bin eine vereinzelte unglückliche ledige Person . Und darum sind der Herr Geheimrath so unverschämt . Hab ich denn die Chocolade gesoffen ? « » Charlotte ! « wiederholte die Geheimräthin . Der Vogtei-Lupinus war auf dem Gipfelpunkt seines Zornes : » Sie soll mir nicht wieder vor ' s Gesicht . « » Das will ich auch gar nicht . I bilden Sie sich das nur nicht ein . Und wenn sie ' s mir auch nicht sagten . Gott bewahre , daß ich noch einen Fuß in das Haus thäte , wo man eine rechtschaffne Person so maltraitirt . Meine Cousine , die Frau Hoflackir , hat auch gesagt , sie könnt ' s nicht begreifen , warum ich ' s so lange ausgehalten . Ja , was thut der Mensch nicht , wenn die Kinder uns ans Herz gewachsen sind . Und nun soll ich die Schuld sein ! O du gerechte Güte ! Hab ' ich sie zur Chocolade invitirt ? Hab ' ich die Bretzeln gebacken ? Wer weiß denn was der Kuchenbäcker rein gethan . « » Charlotte , ich bitte Sie , sei Sie stille , « sprach die Geheimräthin , die Hand am Herzen . » Sie weiß nicht , was Sie redet . Sie ließ die Kinder außer Acht . « » Wird mir das auch angerechnet ! « » Sie pflichtvergessenes , - « schrie Lupinus - » derweil Sie am Fenster das Maul aufsperrte . « » Weil ich ein Gemüth habe , weil ich für meinen Gott und meinen König und unser herrliches Militär zum Fenster raus sah , weil ich als gute Patriotin mein Herz ausschüttete ! Nein , das geht mir doch über Alles . Nu , kommen Sie mir wieder ! Sag ' ich doch - nu Kinder hin , nu Alles hin , nu adjö sag ' ich Ihnen . Sie sollen mich nicht wieder sehen , Herr Geheimrath , nu mag ' s gehn , wie es will , und wo ich hin will , das weiß ich . In Ihr Haus zurück ? - I Gott bewahre ! Sie können meine Sachen raus schmeißen lassen , auf den Schinkenplatz . Was Sie wollen , wie Sie wollen , immer zu ! O das genirt mich noch nicht so viel , wie Ihre ganze Wirthschaft nicht , mein Herr Geheimrath ! Was ist für mich die Welt noch , wenn man so mit meinem Herzen umgeht ! Aber nehmen Sie sich in Acht . Mein Cousin , der Herr Hoflackir , weiß was ich habe . Der zählt jedes Stück nach . - Vors hall ' sche Thor will ich , aufs Grab der seligen Frau Geheimräthin , da will ich sprechen , da will ich mich ausweinen , da will ich klagen , da will ich mir ein Leids anthun - denn ich kann nicht leben ohne die Kinder ! « Roth vor Echauffement drängte sie durch die Anwesenden nach dem Fenster und riß das Tuch an sich , das die erschrockene Baronin mit ihrem Rücken zufällig fest hielt : » Das ist mein Umschlagetuch ! « So ging sie hinaus , doch die Thür noch in der Hand , fing sie heftig an zu schluchzen , ihr Peroriren war aber diesmal an die Wirthin gerichtet : » Und das muß ich Ihnen sagen , Frau Geheimräthin , und wenn Sie mich für eine schlechte Person halten . Die Kinder lassen Sie nicht zu ihm , nein um Gottes Willen , das thun Sie nicht . Bei ihm sind sie in Grund und Boden verloren , der Herr Geheimrath verstehen nichts von der Erziehung . Das Mädchen verdirbt und der Junge auch , sonst hätten sie auch nicht die Chocolade aufgetrunken , aber sie lernen ' s von ihrem Vater , Gott straf ' mich , der kann auch nichts stehen lassen , er muß in Alles die Nase stecken und kosten . Und die selige Frau Geheimräthin werden vom Himmel runter sehen und ' s Ihnen lohnen . Und handeln Sie an diesen Kleinen , wie sie - o Gott ! an meinem Cousin gehandelt haben . « Unter noch heftigerem Schluchzen flog die Thür hinter ihr zu . Daß die kranken Kinder einstweilen bei der Geheimräthin blieben , war eine Sache , die sich von selbst verstand , denn der Arzt hatte schon erklärt , sie dürften auf keinen Fall fortgeschafft werden . Warum aber der Geheimrath nach einer Weile aufsprang , und den Hut ergriff , um der Köchin nachzueilen , blieb zweifelhafter . Er sagte , es geschehe , um nachzusehen , damit die desperate Person nicht sein Haus von oben zu unten kehre . Es gab indeß in der Gesellschaft Einige , die meinten , es wäre nur um sein Mittagessen . In seinem Affekt hatte er nicht bedacht , daß sein Schicksal noch in Charlottens Händen ruhte . Der Aufbruch war jetzt so allgemein , als die Verstimmung . Walter empfing für seinen ehrerbietigen einen sehr kalten Gruß vom Kriegsrath Alltag ; die Kriegsräthin musste in einer eigenen Laune sein , denn sie zupfte noch ihren Mann , warum er sich so lange aufhalte ? Auch der Geheimräthin bewies sie lange nicht mehr die Ehrerbietung und gerührte Dankbarkeit , mit der sie sonst von dieser gütigen und unvergleichlichen Frau Abschied nahm . Kaum aber war sie die Treppe hinunter , als es die Brust nicht mehr hielt : » Mann , hast Du gehört , Ihre Majestät die Königin hat sich nach unserer Adelheid erkundigt ! « - Der Mann sagte : » Hm ! « und meinte , man müsse auch nicht alles glauben , was vornehme Leute sagen . » Aber , « erwiderte sie , » eine Fürstin kann doch nicht lügen ! « Und als er meinte , es könne wohl etwas daran sein , es werde aber nicht alles so sein , sprach sie : » Daß aber die Königin auch nur von unsrer Tochter weiß , daß sie überhaupt auf der Welt ist , das hattest Du und ich uns doch nicht im Traume einfallen lassen ! « Sie hatte immer geglaubt , die Könige wüssten von den einzelnen Menschen gar nichts , und die Individuen verschwömmen ihnen , wie man von einem hohen Berge eine Landschaft sieht . Walter und Adelheid nahmen im Vorzimmer Abschied . Es musste auch hier etwas von Verstimmung sein . Sie meinte , er hätte sich doch überwinden können und zuvorkommender gegen ihre Eltern sein . Er sagte , es habe ihm etwas die Brust zugeschnürt . Sie entgegnete , auch auf ihrer Brust laste es wie ein Alp - » und ich überwinde es doch , « sagte sie , und zwang ihr Gesicht zu einem heiter lächelnden Ausdruck . » Wenn ich Dich erst aus diesem Hause fort wüsste , « sagte er nach einer Pause . » Wünsche es nicht , « entgegnete sie . - » Und wohin ? So lieb ich meine Eltern habe , so fühle ich doch , dahin passe ich nicht mehr . « » Du verlangst nicht nach Glanz und Reichthum - « » Aber - « unterbrach sie ihn und schwieg plötzlich . » Daran bist Du auch schuld ; warum hast Du aus mir eine Andre gemacht , als ich war - « Er ging mit einem stumm wehmüthigen Händedruck . An der Thür wandte er sich noch einmal um . Sie war ihm nachgeeilt und hielt den Kopf an seine Brust : » Gieb den Muth nicht auf , Walter . Ich lerne mich täglich mehr überwinden und es wird alles besser werden - - für uns Beide . « Der Legationsrath hatte beim Hinausbegleiten die Hand der Baronin Eitelbach sanft ergriffen : » Meine Freundin , mir ist eingefallen , haben Sie sich auch nichts vorzuwerfen ? Ich meine keine Schuld , aber vielleicht doch irgend einen geringschätzigen Blick , eine Bewegung - Sie wissen , Männer sind eitel , und Verliebte leicht gereizt . - Sinnen Sie darüber nach ! « hatte er theilnehmend hinzugesetzt , als sie ihn erschreckt anblickte , und klopfte sanft auf ihre Hand . Neununddreißigstes Kapitel . Es war etwas nicht , wie es sein sollte . Die Geheimräthin ruhte in einem Fauteuil , als Wandel ins Zimmer zurückkehrte . Sie sah sehr abgespannt aus ; über das blasse Gesicht flog aber doch eine nervöse Röthe , und ihr dunkles Auge rollte seltsame Blicke umher . In dem weißen Kleide , das sich in weiten weichen Falten um sie breitete , und der Haube von derselben Farbe hatte ihre Erscheinung etwas Geisterartiges . » Wie steht es nun also ? « fragte sie . » Ach mein Gott , es ist so viel , was mir durch den Kopf geht . « » Das Kapital , was Sie morgen ausgezahlt erhalten , würde ich meiner Freundin rathen , baar in Händen zu behalten . « Die Geheimräthin sah ihn mit etwas mehr als Verwunderung an . Sie hatte von dieser Sache nie mit ihm gesprochen . Erst heute hatte sie das Notifikatorium erhalten , daß das Geld für sie fällig im Depositorium des Kammergerichts liege . » Beruhigen Sie sich , ich bin kein Geisterseher . Dies erfuhr ich auf ganz natürlichem Wege , als ich heut früh auf der Registratur des Pupillenkollegiums einige Akten durchsah . Nicht aber die Ihrigen , « setzte er rasch hinzu . » Hinter meinem Rücken sprach der Decernent mit dem Registrator von den fünftausend Thalern . Auf dem Herwege wollte ich mich auf der Börse erkundigen , in welchen Papieren Sie das Geld in dieser Woche am besten anlegen könnten , als ich die beunruhigende Nachricht erhielt . Hätte ich nicht Gesellschaft gefunden , wäre es natürlich das erste gewesen , was ich Ihnen mittheilte . « » So wäre es auch wohl am besten , wenn ich jetzt meine Pfandbriefe verkaufte ? « Er schien sich zu besinnen : » Nein . Sie werden wieder steigen . Ich bin überzeugt , daß es nur eine Demonstration ist . Die bewaffnete Neutralität ist zur Beschwichtigung der aufgeregten Stimmung . Man muß der Kriegspartei ein Spielzeug hinwerfen . - Schaudern Sie nicht ; es ist die höchste Weisheit der Staatskunst , wenn die Gemüther in Wallung sind , immer das richtige Spielzeug bei der Hand zu haben . Wenn die Leidenschaften , Stimmungen , Phantasien die Zügel zerreißen , wenn die Völker durch keine Gaukelei mehr zu beschwichtigen sind , ach meine Freundin , wehe uns Allen dann ! Man wird die Sache hinziehen , vor dem Publikum rüsten , die Kriegshelden fluchen und schwören lassen heimlich aber verhandeln , laviren , proponiren , unmögliche und mögliche Friedensvorschläge machen - « » Bis ! « » Ja - bis es sich entschieden hat . In Mähren muß es sich entscheiden ; dann - « » Nun und dann ? « » Nie zu weit hinaus denken ! « » Sie hätten neulich die Radziwill hören sollen . « » Zu Palastverschwörungen ist bei uns kein Terrain . « » Und was sagen Sie zu Alexanders Herkommen ? « » Der letzte Verzweiflungsaufschrei der Kriegspartei . Es wird viele erhebende , rührende Auftritte geben . Aber lässt sich eine scheue Natur ändern ? Die Coterie wird für einen Panzer sorgen von Gummi elasticum , damit die Thränen , oder für einen von Asbest , damit die Funken abgleiten . Der Eindruck wird stark sein , aber vorübergehen . Und reist Alexander fort , vor einem Entschluß - nein vor einer That , so werden unsre Freunde dafür sorgen , daß alles wieder aplanirt wird . « » Alles ! « sagte die Lupinus mit einem stechenden Blick , der im Zimmer umher irrte . » Mir sind diese Menschen zuwider , die ihre ganze Kraft nur darauf vergeuden , damit es nicht anders wird , als es ist . « » Wir sollten sie loben . Träge Wellen sind oft das beste Fahrwasser . « » Was müssen wir thun ? « » Nicht die Pfandbriefe verkaufen , baares Geld für den Nothfall im Sekretär , und in den Kriegsenthusiasmus einstimmen . « Sie war aufgestanden , und hatte mit einem nervösen Aufgähnen den Stuhl fortgesetzt : » Warum müssen wir das ! Warum können wir nicht auch darin frei sein ! Warum dürfen wir nicht die Mode beherrschen ? Wir verachten sie doch . « » Weil es uns nichts einbrächte , als einen Heiligenschein , den unglücklicherweise wir selbst nur sehen . Weil es die Menschen von uns entfernt , und wir sie brauchen - als Instrumente . Darum spielen wir mit ihrer Thorheit . « » Oder sie mit unsrer . « » Man muß sich das Spiel nur nicht zu ernst denken . « » Diesmal dünkte ich ihnen gut genug , ihr Operngucker zu sein , « sprach sie mit Bitterkeit . » Welche brillante Gesellschaft , bloß zu Chocolade und Zuckergebäck ! Wenn noch mehr Regimenter vorüber marschiren , kommt mein Haus wohl wieder in die Mode . Selbst die Gargazin hatte die Gnade , aus meinem Fenster die Truppen zu sehen . « » Die Kinder werden Sie auch recht geniren ? « » Warum ? Unsre Wohnung ist groß . « » Ich besorge nur , daß Ihr Schwager , wenn die Charlotte von ihm zieht , sich nicht beeilen wird , sie Ihnen wieder abzunehmen . « » So bleiben sie . Ich liebe Kinder - sie bringen Frische ins Haus . « Er sah sie zweifelhaft an : » Ich besorge nur , daß dies wieder zu Missdeutungen Anlaß giebt . Seit man zu wissen glaubt , daß Sie Mamsell Alltag nicht eigentlich als Ihre Tochter betrachten - « » Als meine Erbin wollten Sie sagen . « » Ich meine nur , daß man auf den Gedanken kommen könnte , Sie wollten die Kinder Ihres Schwagers adoptiren . « » Wer sagt , daß er ein falscher ist ! Die Leute wissen es nicht , Sie wissen es nicht , und ich weiß es auch noch nicht . Ich weiß nur , daß Mamsell Adelheid nicht meine Erbin wird . « » Die Alltag scheint Ihre Liebe ganz verscherzt zu haben . « » Soll ich mein Haus zu etwas Aehnlichem hergeben , wie das , aus welchem ich sie hernahm ! « Wandel warf einen forschenden Blick : » Sie approbiren nicht die Inklination mit dem Herrn van Asten ? « » Ich ! Was geht das mich an ! Meinethalben könnte sie sich hängen an wen sie will , das larmoyante Wesen kann ich nur nicht ausstehen . Aus kleinen Verhältnissen - nein aus einer solchen Katastrophe , die doch die Seele eines jungen Mädchens erschüttern muß , trat sie in mein Haus . Was hatte ich gehofft , daß sich aus ihr entwickeln würde , bei ihren Gaben , ihrem Muthe , ihrer lebhaften Phantasie . Sie hätte die Königin der Stadt werden können . « » Nur daß die Rolle der Herzenskönigin eines apanagirten Prinzen niemals eine glänzende werden kann . « » Was kümmert mich der Prinz ! « rief sie . » Sie selbst sollte sich ihr Loos werfen . Wie es war , und wenn ein faux pas , eine rasende Leidenschaft , eine Entführung - ja , wenn der tolle Mensch , der Bovillard , sie gewaltsam geraubt hätte , es wäre doch eine Abwechselung , es hätte zu sprechen gegeben - Sie lächeln , weil Sie die Affekte begraben haben , aber doch sage ich Ihnen , der Durst unsrer Seele nach dem , was uns über den Alltag erhebt , ist - das Bessere in uns . « Der Legationsrath musste zerstreut sein , die Sache interessirte ihn nicht mehr . » Der alte van Asten rückt auch mit keinem Groschen ' raus , wenn sein Sohn Adelheid heirathet . « In dem Blick , den die Lupinus ihm zuwarf , hätte ein Psycholog eine verächtliche Beimischung lesen können . » Sie liebt ihn gar nicht . « » Sie sprechen in Räthseln . « » Sie erwähnten einmal einer chemischen Agenz , die allen Stoffen ihre natürlichen Säfte aussaugt , daß sie Farbe und Geschmack verlieren . « » Will der Pedant sie zu einer Gelehrten erziehen ? « » Es ist übel , wenn ein Lehrer eine zu gute Schülerin hat . Ich konnte nichts mehr wirken , wo ich von einem Vorgänger Geist und Gemüth schon ganz eingenommen fand . Mit ihrer lebhaften Auffassungsgabe betrachtet sie ihn als ihren Wohlthäter , um nicht zu sagen als ihren Schöpfer ; sich wenigstens als seine Schöpfung . Es ist keine unedle Natur , meine ich , « fuhr die Lupinus nach einer Pause fort , » die den Drang in sich fühlt , sich selbst einem verehrten Mann zum Opfer zu bringen . Aber das Mädchen ist krank . Das ist die Krankheit der Resignation . Ja wir , in unseren Jahren , - aber wenn junge Mädchen die Blüthe ihrer Empfindung auf dem Altar der Pflicht - was lachen Sie so hässlich ? « » Daß Sie ein armes junges Mädchen anklagen um die Krankheit , welche Theologen , Dichter , Philosophen , um die Wette unserm Geschlecht einimpften ! Um das Siechthum unsrer Staaten , unsrer Bildung , daß wir aus uns hinaus uns denken , schwärmen , spekuliren , statt zu rechnen . Dies Infusorium des Universums will mit dem bischen Kraft , Talent , das die Natur in seine Wiege als Pathengeschenk legte , den Sternenlauf reguliren , statt für sich selbst zu sorgen , da wo sein höchstes Ziel nur sein kann , sich erträglich und behaglich über dem Strom zu erhalten , der es täglich zu verschlingen droht . Welcher Hochmuth in dieser Tugend , eine Welt um sich beglücken zu wollen , um dann sich selbst die Märtyrkrone aufzudrücken ! « » Das kann doch nicht ganz Ihre Ansicht sein ? « » Erst sich selbst . - Ich verstehe natürlich darunter , daß zwei , die sich verstehen , sich als eine Einheit betrachten . Wer sie errungen hat , die Höhe , die er erreichen kann , ja dann , meine Freundin , dann mag er ein Gott sein , der goldnen Regen um sich sprenkelt , der Trost der Unterdrückten , der Rächer der Gekränkten , dann mag er schwärmen , schwelgen . - « Er bedeckte das Gesicht mit beiden Händen . » O lassen Sie uns von meinen Planen ein ander Mal reden . Heute könnten sich meine Phantasieen verirren , - Gott weiß in welche - lassen Sie mich heute schweigen - « Er hatte ihre Hand ergriffen , eigentlich ihren Arm , und , den Blick gen Himmel , die Hand an seine Lippen gedrückt . - So starrte er eine Weile , die Augen aufwärts , in einem Zustande völliger Absorbirung . Er schien , als sie sanft den Arm zurückzog , sich nur mit Anstrengung wieder zu finden : » Also , was Sie sagten ! - Sie liebt ihn nicht ? « » Sie liebt einen Andern . « » Tant mieux ! « Die Geheimräthin sah ihn forschend an : » Auch wenn der Andre ein guter Bekannter von Ihnen ist - sie liebt Bovillard , ohne es sich zu gestehen . « » In der That ! « Der Legationsrath biß sich in die Lippe , aber lachte mit völliger Unbefangenheit auf : » Wir sind Gegner , nicht Rivalen . « » Sie retteten sie vor ihm und zum Dank - « » Würde sie mich an ihn verrathen ! Ist das etwas Besonderes ! Zum Unglück für das arme Kind - oder zum Glück für Herrn van Asten ist aber Herr von Bovillard jetzt die Kreuz und Quer auf hundert Meilen geschickt . Ja ich glaube , sie haben ihn so geschickt , daß sie wünschen , er möchte nie wiederkehren . « » Und ich habe die Bescherung im Hause ! « » Arme Freundin ! - Zurückschicken ins elterliche Haus wollen Sie sie nicht ? « » Es würde mir jetzt übel ausgelegt werden . « » Sie haben recht . Es gäbe zu viel Gerede ; sie ist einmal die Modepuppe . Ja , wenn man sie entführte ! Sie selbst deuteten vorhin darauf . « » Adelheid lässt sich nicht entführen . « » Und eine Mariage - « » Sie scheinen wieder zerstreut . « » In der That , ich bin es . Verzeihung ! Nein fort muß sie jedenfalls , Ihrer Ruhe wegen . Bedenken Sie , daß Sie jetzt auch die Kinder im Haus haben . Also sorgen Sie dafür , auf eine oder die andere Weise . Finden wird sie sich . « » A propos ! « rief er von der Thür zurückkehrend . » Etwas noch . Sie müssen die Mode mitmachen . Hüllen Sie sich in Patriotismus , von so tiefer Farbe , als Sie können . Immer exaltirt . Beim allgemeinen Fanatismus merkt man das nicht zuviel . Franzosenhaß , Durst nach Blut und Rache auf den Lippen . Man kann nicht zu stark auftragen , denn man weiß nicht wie bald man überboten wird . Und wer nicht voraus schwimmt , ist bald zurück gedrängt und aus Ufer geworfen . « War schon vorhin ihre Erscheinung geisterhaft , was mehr jetzt , als sie allein in der Mitte des Zimmers stand , das Ohr etwas geneigt nach der Thür . Sie horchte - sollte er nicht wiederkehren ? - Nein - keine Tritte mehr auf der Treppe , es hallte vom Flur - die schwere Hausthür öffnete sich . Ein Schlag dann , der sie durchschütterte . Aber sie blieb stehen , die Finger etwas krampfhaft zusammenziehend . - Warum blieb sie stehen ? - Unter den halb niedergeschlagenen Wimpern schielten ihre Augen umher . Warum schlug sie die Augen nicht auf , die sonst so durchdringend scharf in der Seele des Andern zu lesen schienen ? - Fürchtete sie sich vor der Leere im Zimmer ? Es war noch heller Tag . Es war etwas nicht , wie es sein sollte . Sie hatte eine andre Sprache , andre Mittheilungen erwartet . - Glatt wie ein Aal ! - Aber vielleicht trug sie selbst die Schuld ! Was hatte sie sich ihrer Bitterkeit überlassen ? Was interessirten ihn Adelheids Liebesverhältnisse ! - Darum war er zerstreut , brach plötzlich ab in Sinnen versunken ! - Sie athmete auf ; ihre Wange röthete sich etwas . - Aber - es war doch etwas nicht , wie es sein sollte . - Warum sprach der große , herrliche , seltene Mann nur in Räthseln , warum auch gegen sie die Hieroglyphensprache ? - - Hätte sie ihn falsch verstanden ? Er , vor dessen Augen die Hüllen der Menschen , der Dinge , in Krystall sich verwandelten , und er schaute bis in die Keime der Thaten und Gedanken , hatte er auch in ihr Inneres einen Blick geworfen und - In dem Augenblick knarrte die Thür , der neue Bediente , Christian , trat etwas ungeschickt herein , indem er , um die Thüre zu schließen , den Rücken zeigte . Der Rücken zeigte nur die Livree seines Vorgängers . Die Lupinus stieß einen Schrei aus , sie fuhr zusammen , wankte ; vielleicht wäre sie gefallen , wenn ihr Arm nicht die Lehne eines Stuhls erfasst hätte . - » Johann ! - ungeschickter Mensch - wie kann er mich erschrecken ! « » Aber gnädige Frau , ich komme ja nur , wie Sie befohlen - « » Er soll nicht hinterrücks hereinschleichen , Christian . Meine Nerven vertragen es nicht . « » Aber die Kinder , gnädige Frau , das Mädchen besonders , sie ächzen und piechen - ich glaube immer , denen hat ' s Einer angethan . « » Lügner ! - Unverschämter Verleumder ! « - Mit einem zornfunkelnden Blick schoß sie an ihm vorüber nach der Kinderstube . Der Bediente sah ihr kopfschüttelnd nach , und reckte sich dann in der Livree , die nicht ganz zu seinem breiten Rücken passte . Eine Naht riß : » Ich glaube , in dem Hause passt mir ' s so wenig als in dem Rocke . Solche Bälger zu bedienen , und eine solche Frau ! Ich weiß zwar nicht eigentlich , was Nerven sind , aber ich glaube , meine Nerven vertragen es auch nicht . « Als nach einer Viertelstunde die Geheimräthin zurückkehrte , lagerten seltsame Stimmungen auf ihrem Gesichte . Der Anblick der Kinder war gewiß ein widerwärtiger gewesen , der Schauder sprach sich deutlich aus , aber darüber war ein Ausdruck , wie ein Mondenstrahl , der durch zerrissen Gewölk über eine offene Gruft streift . Es fröstelte sie , sie machte eine Anstrengung , als wollte sie auf die Kniee fallen : aber - vielleicht versagten ihr die Kniee den Dienst , sie hob die Arme und rieb die Hände , als wollte sie sie zum Gebet falten . Auch das musste sich an etwas stoßen . Sie ließ die Arme sinken , und fiel selbst aufs Sopha . Hier den Kopf im Arm , flüsterte sie : » Es sind abscheuliche Kinder ! aber ich will mich zwingen , sie zu lieben - ich will sie pflegen , wie - wie - ich will ' s an ihnen gut machen . « Vierzigstes Kapitel . Bei Josty . Beim Schweizer Kuchenbäcker Josty unter der Stechbahn traten mehrere Offiziere in Gala-Uniform ein . Heller als das Gold und Silber ihrer Achselbänder und Schärpen leuchtete die Freude auf ihren Gesichtern . Zum Theil schien diese selbe Empfindung auch auf denen der Gäste aus dem Civil zu strahlen . Es war ein großer Fest- und Feiertag in Berlin . Die Gruppen von Neugierigen wollten den Schloßplatz und den Lustgarten noch nicht verlassen , obgleich in diesem Augenblick nichts mehr zu sehen war , als die Truppen , welche in ununterbrochenen Zügen in der Königsstraße und über die lange Brücke in die Friedrichsstadt zurückmarschirten . Aus den geöffneten Fenstern schallte ihnen noch manches Hallo ! und Vivat ! und Hurrah ! und manche geschmückte Dame wehte mit dem Taschentuch . Auch trugen der große Kurfürst und seine Sklaven Guirlanden und Kränze von den Blumen , die der späte Herbst in den Gärten darbot . Aber das Schauspiel war ein anderes als neulich das der durchmarschirenden Truppen . Diese waren nicht mit Staub bedeckt , an ihren Gamaschen klebte nicht der Koth der Landstraße ; sie funkelten im glänzendsten Paradeanzug und nur der Puder ihrer wohlfrisirten Haarlocken stäubte auf das dunkle Blau ihrer Monturen ; sie rückten auch nicht ins Feld , sondern kehrten von einer Paradeaufstellung zurück . Es waren die auserlesenen Regimenter Möllendorf , Knebel , Rheinbaben , die Grenadiere Prinz August von Preußen und die Gensd ' armen und Garde du Corps , die vom Schloß bis ans Thor eine große Chaine gebildet , um den einziehenden Kaiser Alexander zu empfangen . Wie viele Jahre waren es her , daß ein Selbstherrscher aller Reußen in die Thore Berlins eingezogen ! Wer ihn gesehen , den jugendlich strahlenden