ein Unglück geschehen , man könnte den Intendanten nicht finden . Der Heidekrüger wäre außer sich ... alle seine Bücher hülfen ihm nun doch nichts . Ein vornehmer Mann wäre auf dem Heidekrug verloren gegangen ! Dankmar bittet , ihm ruhiger zu berichten . Gestern Abend noch spät , sagte die Liese , erlaubt der gnädige Herr den Gendarmen und Dienern im Saale auf sein Wohl zu trinken und geht dann zu Bett . Die zechen etwas lang und stehen schwer im Kopf auf und gehen zu Bett und es wird Tag und der große Wagen fährt fort , ehe noch der gnädige Herr geweckt ist . Der einzige Diener , der zurückgeblieben , wartet und wartet , der Herr kommt nicht . Excellenz ! Excellenz ! heißt es . Man findet die Thür offen , das Bett so gut wie unberührt , der Herr muß in der Nacht aufgestanden sein und ist nun nicht da . Man sucht ihn überall . Er ist nirgend . Ganz gewiß , er hat ein Unglück erlebt . Diese Zeit ! Dies Leben ! Wer hält Das auf dem Heidekrug aus ! Aber so fragt die Damen , mit denen ich kam , rief Dankmar erstaunt und über Melanie ' s Geheimniß grübelnd .... Die sind in aller Frühe fort .... sagte die Magd . Melanie , Madame Schlurck und die Andern ? Alle fort , schon um fünf Uhr . Das Fräulein sagte , Sie wollten mit Ihrem Einspänner allein bleiben und später fahren . Der steht unten und wartet . Das Hündchen winselt nach Ihnen . Hören Sie ' s ? Bello kratzte an der Thür . Dankmar öffnete . Das Thierchen humpelte freudig an seinem interimistischen Herrn hinauf .... Aber Ackermann und Selmar ? sagte Dankmar . Wer ? fragte die Magd . Dankmar dachte : Wahnsinn ! Du frägst hier nach Traumgestalten ? Und doch sagte er : Kam nicht gestern Nacht noch ein stattlicher Herr mit einem Knaben hier an ? Freilich ! freilich ! sagte die Magd . Es war ja fast zwölf . Sie waren so durchnäßt , daß wir Angst hatten , sie würden uns krank werden .... Aber die sind nun auch schon fort . Eine Stunde später als die Andern . Und eben vor einer halben Stunde fährt der große Wagen ab , die prächtige Karosse des Geheimraths steht unten , man denkt , er steigt jeden Augenblick ein und nun suchen wir ihn ... Man hörte jetzt draußen auch den Heidekrüger lärmen und laut sein Befremden äußern . Excellenz ! Excellenz ! Herr Geheimerrath ! rief man in alle Winkel hinein , und in alle Gruben hinunter , ja in solchen suchte man den geheimen Rath , die man sonst nur für geheimen Unrath bestimmte - Dankmar , in seinem Taschentuche sorgfältig das Bild verbergend , stieg die Treppe hinunter , sah sich die Verwirrung eine Weile mit an und erstaunte , daß der Heidekrüger , der Staatserretter , der Lafayette und Washington , hier schon den Kopf verlor . Denken Sie sich , sprach er zu Dankmarn mit leichenblasser Miene , wie mir so etwas begegnen muß ! Wie sonderbar kann man Dergleichen auslegen ! Ein hoher Beamter des Hofes , Mitglied des Reubundes , eine Stütze der Reaction , Gatte einer einflußreichen Dame , die in unserer Politik eine große Rolle spielt , verschwindet spurlos in der Wohnung eines zwar nicht wühlerischen , aber freigesinnten Gesinnungsmenschen ... o mein Gott ! habt Ihr denn überall geforscht , Alles aufgedeckt ? Alle Gruben ? Alle Gelegenheiten , wo Jemand in stiller Nacht mit einem Licht verunglücken kann ? Was werden die Sänger ' s , die Vom Busche ' s und die Sengebusch ' s sagen ! Dankmar beschwichtigte seine Besorgnisse mit der festen , ungeheuchelten Überzeugung , daß sich diese Angelegenheit völlig natürlich lösen würde . Da er wußte , daß hier eine Schelmerei Melanien ' s im Spiele war , zeigte er selbst über sein natürliches Mitgefühl hinaus sich fast ausgelassen und lachte , als er sah , wie und wo man die vornehme , aufgeblasene Excellenz Alles suchte ... Über Ackermann ' s Benehmen und mögliche Beziehung zu Melanie oder zum Geheimrath erfuhr er nichts . Hier war ihm ein völlig unlösbares Räthsel . Mit dem letzten Reste der Hackert ' schen Anleihe bezahlte er seine Zeche und wollte von dannen fahren unter lautem Jubelgebell seines Hundes . Da trat die Liese heran und Dietrich und Beide wollten Dankmarn die Zügel nicht geben ... Auf wen wartet Ihr denn noch ? sagte Dankmar . Auf Ihren Kutscher , Herr ! ... Hier ist auch noch das Geld von neulich . Wir haben ' s an den Justizrath noch nicht anbringen können ... er mag es ihm selbst geben . Wer ? Welches Geld ? Ei , das Geld aus der schönen Börse ! Von der Nacht her , wo Ihr Kutscher das böse Übel hatte .... Hackert ? Wo ist denn Hackert ? Er kam doch mit Ihnen ? Hackert ? Mit mir ? Ich kam allein . Hat man den Rothkopf hier gesehen .... Lichterloh , sagte Dietrich . Der schläft wol noch auf dem Heuboden ? Da muß Eins die Spritze bereithalten .... Ihr Leute irrt Euch ! Ich kam allein . Kein Wort weiß ich von meinem Reisebegleiter von neulich .... Und Ihr saht ihn wirklich ? Dietrich pfiff , als wollte er Hackerten ein Zeichen geben . Die Liese drängte , Dankmar sollte das Geld ansichnehmen . Dieser weigerte sich aber und erklärte , mit dem unheimlichen Gaste in keiner Verbindung mehr zu stehen . Daß Hackert auf dem Heidekruge in dieser Nacht gesehen worden , blieb ausgemacht . Die Aussagen der Leute stimmten zu sehr überein . Alle hatten geglaubt , er wäre mit der großen Gesellschaft zurückgekehrt . Man suchte nun auch ihn . Da sich aber keine Spur mehr weder von ihm noch von dem Geheimrathe finden wollte , so fuhr Dankmar von dannen , nicht wenig betroffen und tief erstaunt über das sonderbare Zusammentreffen so vieler höchst räthselhaft sich durchkreuzenden Thatsachen . Eine Gewaltthat , Das wußte er , war nicht an dem Geheimrath verübt worden , höchstens ein lustiges Abenteuer , von dem Melanie den Schlüssel und dessen eigentlichen Kern , das Bild , er selbst besaß . Im Übrigen gönnte er dem Heidekrüger diesen kleinen Kummer als Strafe für die heuchlerische Art , mit der er anfangs versprochen hatte , Schlurck ' s Wahl im schönauer Bezirke zu befördern und sich nun selbst vorschob . Der Liese aber sah er die Freude an , ihren » steifen und hochgestapelten « Herrn einmal mit seinem Gesinde wieder auf gleicher Linie stehen zu sehen , wieder von Dem bewegt und erregt , was zu dieses Hauses eigentlicher Ordnung gehörte . Das Geld versprach sie Hackert zuzustellen , wenn er sich noch fände .... Dankmar fuhr rasch von dannen und konnte wol die Gleise der Wagen und Pferde sehen , die den Langschläfer im Stiche gelassen hatten . Er erreichte sie aber ebenso wenig wie den Wagen , mit dem Ackermann und Selmar , vielleicht auf Nebenwegen , abgefahren sein sollten . Gegenstände zum Nachdenken hatte er für die Reise den Tag über genug ! Abenteuerliches begegnete ihm nichts mehr . Er hätte es zu Dem , was ihn Alles schon in Anspruch nahm , kaum noch aufnehmen können . Es wurde schon Nacht , als er sich Tempelheide näherte . Er warf einen Blick auf den Landsitz des alten Präsidenten . Ein Rabe saß auf dem Schornstein und schien für die sternhelle und monddämmernde Nacht das Wunderhaus zu bewachen . Dankmar überließ es seinem lahmen Begleiter Bello , zu dem steif und ernst dort oben thronenden Vogel verdutzt und wie auf dem Anschlage hinüberzuschauen . Er kümmerte sich um nichts mehr , was rechts und links lag . Mit unwiderstehlicher Macht nur trieb es ihn zu der großen Stadt hin , die schon zu seinen Füßen lag und der Schauplatz neuer Erlebnisse werden sollte . Wie der Wagen die kleine tempelheider Anhöhe hinunterrollte und er zur Allee einlenken wollte , die an den Eisenbahndurchschnitt führte , hörte er dasselbe melodische Gesäusel wieder aus dem Schlosse , das ihm noch von seiner Ausfahrt erinnerlich war . Er mußte stillhalten , so bewegte ihn der harmonische Lufthauch . Es war nächtliche Ruhe um ihn her . Im abgemähten Felde , auf der Wiese zirpten nur die Grillen schon ihre Herbstesvorahnungen . Die Kirche stand feierlich im Mondscheinlichte . Die Bäume säuselten und die Lüfte klangen von der Harfe zauberhaft belebt in wehmüthigen Accorden . Es war ein sanftes Moll , in dem die Windharfe gestimmt unter den Tannen hing .... Ach , es war ein Accord , der die ganze Stimmung seiner eigenen Seele aussprach . Zärtlich hoffend , aber tief wehmüthig .... Ja , sagte er sich , noch geschehen Wunder ! Noch helfen unsichtbare Geister an unsern Werken mit und das Schicksal ist keine leere Fabel . Anna von Harder , die Lenkerin der musikalischen Akademieen , sah er nicht .... Die Fenster blieben geschlossen ... er hätte doch gern die weibliche Gestalt an ihnen wiedersehen mögen , die an jenem Abende seiner Ausfahrt der Windharfe lauschte ... er hätte ihr doch gern die Gefühle übertragen , die diese Töne in ihm selber weckten .... Sie kam nicht und so mußte er selbst sein Herz öffnen , selbst diese Töne in seine Brust einlassen und die Geister nahen hören , die ihm sagten : Wandle nun hin unter dem schützenden Sterne , den dir die Gottheit unter diesen Millionen Lichtern am Himmel dort aufgestellt hat und den du nicht kennst ! Verknüpfe dir das Leben zu immer räthselhaftern Knoten , die du einst ungeduldig mit dem Schwerte wirst lösen wollen und deren Fäden vielleicht plötzlich klar und unverwirrt in deinen Händen liegen , wenn dein Schutzgeist sich dir naht , vielleicht so auf einem Accorde der Freundschaft schwebend , so auf einer kleinen nächtlichen Luftwolke des Zufalles , so auf dem Mondenstrahl , der , wie da hinter den Tannen , so aus dem Auge der Liebe bricht ! Gehe hin ! Noch muß sich dir viel erfüllen , viel begeben ! Aber vertraue ! Siegbert und Dankmar Wildungen ! Euer Genius spricht aus diesem Lufthauche der Äolsharfe im Tannenpark von Tempelheide ! Das müde Pferd zog an ; weiter ging es bergab in unfreiwilliger Eile .... Von allen Thürmen der Stadt schlug es Zehn , als Dankmar mit seinem müden Gaule nach einer ereignißreichen Reise von vier Tagen in den Thorweg des Wirthshauses Zum Pelikan wieder einlenkte . Das Bild an sich pressend , des doch wohl auch ihm sichern Schreines gedenkend , mußte er sich sagen , daß er mehr zurückbrachte als er verloren hatte , mehr gefunden als er suchte . Und dennoch war es ihm , als riefe ihm eine Stimme zu : Nun erst beginnt dir der Ernst des Lebens und die Schranken deines Wettlaufes mit dem Schicksal öffnen sich ! Vierzehntes Capitel Neue Menschen Die vielthorige , in breiter Fläche gelegene , laut rauschende Residenz hatte seit einigen Jahren ein neues Viertel gewonnen , das man seiner vielen schönen , von den vornehmsten Herrschaften bewohnten Häuser wegen das diplomatische nannte . Es lag außerhalb der längst durchbrochenen Ringmauer in einer Gegend , wo es früher nur Felder gab . Eine rund sich schlängelnde Nebenstraße lenkte von der staubigen schnurgeraden Hauptallee ab und bot rechts und links zwischen hohen Bäumen , Gärten und jungen Anlagen ein Gemisch von Villen dar , die ohne nach einem bestimmten Plane angelegt zu sein , doch darin eine harmonische Wirkung übten , daß sie im Stile und der gefälligen Überschmückung der nur aufs Comfortable gerichteten Theile sich fast wechselseitig überboten . Vor den Villen lagen Gärten mit kleinen Springbrunnen oder einfache englische Boulinggreens . Selbst in der gefälligen Form und Verzierung der eisernen Gitter suchten sich die Besitzer oder die reichern Abmiether anderer auf Speculation gebauter Häuser zu übertreffen . Ziemlich in der Mitte dieser vom Gewühle der Stadt entrückten Niederlassung lag ein ganz besonders hervorstechendes , geschmackvoll angelegtes Landhaus . Es war von stattlicher Breite und mit den obern Mansarden gerechnet fast dreistöckig . Das obere Dach war in italienischer Weise platt und rings mit einem eisernen Gitter geschmückt . Zwei Balcone hingen an den Fenstern der Hauptetage , zeltartig überwölbt mit roth - und graugestreiftem Damastzeuge und unter diesen vor der Sonne schützenden Dächern mit den farbigsten Blumen geschmückt . Die Einfahrt geschah durch eine gußeiserne Pforte von geschmackvoller Zeichnung . Auf einem gekieselten Wege gelangte man dann zu einem epheu - und weinumrankten Überbau an der rechten Seite des Landhauses , wo die Wagen anfuhren und Strohdecken bis zu den Stufen des Einganges hinaufgelegt waren . Ein Gebüsch von Rosenhecken an dem Gitter entlang versteckte den Einblick in den einfachen Vorgarten . Zierlich rankten sich die Rosen durch das eiserne Gitter hindurch , ein Anblick , bei dem mancher sinnige Wanderer stillstehen und freudig oder wehmüthig Italiens gedenken mußte .... Die weißen Fenster waren mit langen , gleichfalls roth - und graugestreiften Staubgardinen von außen verdeckt .... Nach hinten lagen auf der einen Seite Ställe , Remisen und ein Wirthschaftsgebäude ; nach der andern erstreckte sich ein Anbau bis in den Garten , der umfangreich die sorgsamste Pflege verrieth und in seinen äußersten Grenzen noch von den Treibhäusern und der Wohnung des Gärtners eingefaßt war . Der nur einstöckige hintere Anbau des Hauses endete nach dem Garten zu in einem Salon und einer Veranda . Beide hingen fast zusammen und waren nur durch hohe Glasthüren getrennt . In diesem Salon sahe man Divans , Causeusen und die ganze übliche Ausstattung einer reichen und , wenigstens nach der Mode gerechnet , geschmackvollen Ausstattung . Die Fenster waren von buntem Glase und warfen blaue und rosige Lichter von magischer Wirkung auf das glatte Getäfel dieses gefälligen Gesellschaftsraumes . An den Wänden , die mit eingebrannter Wachsmalerei geziert waren , rankten sich Epheustöcke aus weißlackirten Untersätzen empor und versteckten ihre äußersten Spitzen hinter den schweren gelbseidnen Gardinen , die , oben von den Fensterrundungen herab sich senkend , hinter schweren Rosetten zurückgesteckt waren . Die grünen Zweiglein suchten nach der Sonne , deren Licht ja die Nahrung ihres Lebens ist . Vom Plafond , der gleichfalls mit enkaustischer Malerei glänzend überzogen und mit Goldleisten eingefaßt war , hing ein sehr geschmackvoller Kronenleuchter von Bronce und Krystall herab . An den Wänden sah man zwischen den sechs Fenstern ... drei lagen auf jeder Seite ... Beleuchtungs - Glocken , die Abends ihren Schimmer durch ein mattes rothes Glas warfen . Durch diese Räume nun schritt , von der Garten - oder Hofseite herkommend , in Begleitung einer ältern Dame stattlichen Aussehens , die Besitzerin dieser comfortablen Wohnung . Es war eine hohe magere Gestalt , in eleganter Morgenkleidung . Die Dame war nicht mehr jung und schien auch auf den Schein Dessen , was sie nicht mehr besaß , keinen allzu lebhaften Anspruch zu machen . Sie trug ein weißseidnes Bandeau um das strenge , früher vielleicht wenn nicht schöne , doch interessant gewesene Haupt mit den dunkelumschatteten , scharfstechenden Augen . Der große weiße Kaschmir - Schlafrock war mit grellstem seidenen Roth gefüttert und gab , wenn er aufschlug , der stolz daher schreitenden Frau fast ein Ansehen , als wäre sie für den Purpur geboren . Sie hatte ein fein battistenes Spitzentuch in der Hand , mit dem sie zuweilen über die hohe Stirn fuhr , um die Spuren der Hitze oder irgend einer gewaltigen Anstrengung , die sie überstanden zu haben schien , zu tilgen . Das weißseidene Bandeau , das mit einem Zipfel über den noch an den schwärzesten Haaren recht reichen Hinterkopf fiel , gab ihrem Blick etwas ungemein Scharfes und Stechendes , fast wie vom Ausdruck eines Raubvogels . Nach vorn war über dem sonst gewiß ebenholzschwarz gewesenen Haare schon ein leichter Anflug von künftigem Silber sichtbar . In einem gewellten Scheitel lag dies grauschimmernde Haar über der Stirn und den Schläfen . Das Bandeau schien die Unentschlossenheit anzudeuten , ob sich die Dame bereit erklären sollte , vielleicht ganz im grauen Haare , das mancher geistreichen und noch leidenschaftlichen Matrone außerordentlich schön stehen kann , ihren Stolz zu suchen oder es vorläufig doch noch so viel wie möglich zu verbergen . Hinter der Dame und ihrer ältern Begleiterin , die etwas gebückter , etwas hinfälliger , aber doch unter der feinen breitkantigen Spitzenhaube die List und Schlauheit ihrer Augen nicht verbergen konnte , folgte ein Bedienter , der ein silbernes Wasserbecken und ein feines damastenes Handtuch trug . Seine Gebieterin tauchte die schön gepflegten langfingerigen Hände mehrmals in das Wasser , ihre Begleiterin nahm von einer in einer Ecke des Saales stehenden Etagère ein Krystallflacon und spritzte etwas von dessen wohlriechendem Inhalt noch in die silberne Schüssel . Dann nahm die Gebieterin das Handtuch , trocknete sich sorgfältig und schickte den Bedienten mit dem Befehle fort , daß Ernst , sowie er vom Schlosse wieder da wäre , unverzüglich zu ihr kommen sollte . Als der Bediente gehen wollte , rief sie ihm noch die Frage nach : Und Franz mit dem Landau noch immer nicht da ? Vor einer Viertelstunde ist er gekommen , Excellenz ! war die Antwort . Ich will ihn sogleich sprechen ! Excellenz haben bestellt , daß er auf ' s Schloßamt komme , sowie er steht und geht ; bemerkte zögernd der Diener . Und ich sage , er soll erst zu mir kommen und nicht wie er steht und geht . Er soll sich reinigen und wie es sich gehört anziehen . Wenn ich ihn gesprochen habe , geht er zum Geheimrath . Der Bediente murmelte ängstlich ein » Zu befehlen « ! und ging mit dem Wasserbecken und dem Handtuche über die Veranda in den Hof zurück , von wo alle Drei und zwar aus der großen Wagenremise hergekommen waren . Pauline von Harder - denn in ihrem Hause befinden wir uns - warf sich erschöpft und mißgestimmt auf eines der rings im Überfluß vorhandenen Polster und sprach zu Charlotte Ludmer , ihrer vieljährigen Wirthschaftsführerin und innig befreundeten Vertrauten , die eben ein großes langes Papier auf den Tisch gelegt hatte , mit matter Stimme die Worte : So haben wir denn wirklich Nichts gefunden und alle Mühe , alle Umsicht und Sorgfalt sind vergebens gewesen ! Ich komme immermehr zu der Überzeugung , sagte Charlotte Ludmer , die Vertraute , indem sie eine kleine Dose von gedrechseltem Horn aus ihrem Rockschlitz griff und wie ein Mann in aller Form eine Prise nahm , ich komme immermehr zu der Überzeugung , daß die Sage von den für die Veröffentlichung bestimmten Denkwürdigkeiten der Fürstin Amanda von Hohenberg ein leeres Gerücht ist . Unsern Untersuchungen nach zu schließen , sagte die Geheimräthin Pauline von Harder , möchte man glauben , daß du Recht hast , Charlotte . Haben wir wol eine Spalte , eine Ritze unerforscht gelassen ! An jeden Boden klopften wir , ob er hohl ist , in jedes Polster fuhr ich mit diesem spitzen Dolche , den mir Rodewald einst in Italien schenkte , und von dem ich nie geahnt hätte , daß ich mit ihm noch nach den Spuren seines Verrathes suchen würde - o Charlotte , wie schmerzliche Erinnerungen weckt mir dies Andenken alter Zeit ! Gieb ihn her , Kind , sagte die Ältere und griff nach einem verrosteten Stilet , das die Geheimräthin aus dem Brustschlitz des eleganten Kaschemirschlafrockes gezogen hatte . Es war ein florentinischer Dolch mit damascirter Arbeit auf den drei Kanten , von zierlich gearbeitetem Griff , eine Schlange vorstellend , die sich so eigenthümlich ringelt , daß die Hand bequem in einer ihrer Windungen ruhen konnte . Der Dolch selbst aber war eine lang aus dem geöffneten Munde herausgestreckte Giftzunge , dreikantig , dünn und vom härtesten Stahl gearbeitet . Gieb ihn her , Kind , wiederholte die Ludmer , als ihn Pauline zu ernst betrachtete ... Ha ! Es war in Verona , sagte Pauline träumerisch . Wir hatten Romeo ' s und Julien ' s Grab gesehen und scherzten darüber , daß der Unverstand der Zeiten einen Futtertrog für Pferde daraus gemacht hatte oder aus dem alten Futtertroge , wie Rodewald in seiner scharfen und ungläubigen Weise sagte , später das Grab der Julia ! Es ist dreißig Jahre her und noch seh ' ich uns wie heute , als ich an seinem Arme , krank damals und elend , hing und wir vom Tode sprachen , der mir damals so möglich bevorstand ... Rodewald stieg langsam mit mir auf einen Hügel vor der Stadt und zeigte mir die große im Sonnenglanze hingegossene Ebene . Ergriffen von dem Lichte und dem Sonnenschein , dem Grün und dem duftigen Nebel , dem Violet der fernen Berge und dem blauen Aufblitz einer Ecke vom Lago di Garda , sagte er : Wenn du stirbst , Pauline , so wirst du mir nicht ein Restchen Gift zurücklassen , wie Romeo Julien . Da muß es ein anderes Mittel sein ! .... und damit zog er den Dolch , daß ich laut aufschrie und bebend zurückfuhr . Es war aber nur ein Scherz von ihm , er glaubte an meine Krankheit nicht , er glaubte nicht an meinen Tod und an den seinen noch weniger . Es stand ihm aber so schön , so halb zu spielen und halb zu philosophiren ! Ich entriß ihm den Dolch , er lachte und sagte : er hätt ' ihn sich bei einem Alterthümler gekauft , während ich in der Santa Maria die Gräber betrachtete . Mir Albernen war es Bedürfniß , seine Worte für Ernst zu nehmen , ich ergriff das tödtliche Instrument , verbarg es , gab es ihm nicht zurück ... Zwei Jahre darauf , in Landeck , hätt ' ich es ihm in die Brust stoßen mögen und als ich genas , in Ems ... da mir selbst ! Pauline ! Pauline ! rief die Ludmer und verbarg den Stahl ; wie kommst du auf diese alten Dinge zurück ! Konnten wir auch nichts Anderes finden , um staubige Polster zu durchstechen ! Wie ich so in den alten Geräthschaften Amandens wühlte , fuhr die Geheimräthin fort und stützte den Kopf auf , der ihr brannte ; wehte mich ' s ganz gespenstig an und es war mir , als lebten sie Alle noch , sie , die Elende , - ich selbst noch wie einst - und Zeck stand plötzlich vor mir - ach , was nicht Alles ! Man soll den alten Plunder , mit dem sie noch im Tode auf dem Schlosse coquettiren wird , hinbringen , wohin man will ! Es mag in ihm Lüge und Verläumdung wie Gift gegen Ungeziefer verborgen und versteckt liegen - ich will nichts mehr wissen - nichts , nichts ! - ich habe dies Leben satt ! Leben mit Furcht ist mehr als der Tod . Damit erhob sich die wild erregte und leidenschaftliche Frau und schritt , heftig und von unstillbarer Unruhe gequält , im Saale auf und ab . Die Ludmer nahm aber in aller Ruhe eine Prise und lachte , daß das zahnlose Kinn wackelte . Hi ! Hi ! Hi ! schallte es durch den Gartensalon . Was ist ? wandte sich Frau von Harder . Alles Das der Zorn , Täubchen , sagte die Alte , daß unsere Mühe und Plage vergebens war ? Nachlaß ! Nachlaß ! Schulden hat sie nachgelassen . Das ist ihr Nachlaß ! Die Geschichte von ihren Papieren war ein Schreckschuß . Wer hätte sie fortnehmen sollen ? Ihre Pfaffen ? Zeisel ließ ja sogleich Alles versiegeln und mit Beschlag belegen . Der Fürst wollt ' es so und sie hatt ' es selber angeordnet . Zwei Jahre stand ' s unberührt . Die Papiere sind verbrannt , wo kann etwas hingekommen sein ? Und unten in der Remise ... da haben wir seit heute früh fünf bis jetzt um elf Alles untersucht , wir sind matt und müde davon , wir haben uns , gut gerechnet , sieben mal waschen müssen von all ' dem Staub und Moder , und hinter keinem Bild , in keiner Schublade ist Etwas zu finden . Von dieser Seite aus sind wir vor bösem Leumund sicher und du hast alle Aussicht , unter die Heiligen zu kommen , was du doch wol willst ! Vergib , daß ich spotte . Noch vor sechs Jahren , sagte die Geheimräthin ruhiger , hätte über mich erzählt werden können , was da wollte ! Es war eine Zeit , wo man noch die Leidenschaften als die Quelle edler Gefühle erkannte . Aber jetzt , wo sich Alles verändert hat , wo das junge Herrscherpaar einen neuen Ton in die Gesellschaft einführte , jetzt wo sich Alles dadurch auszuzeichnen sucht , so gewöhnlich und unscheinbar wie möglich zu sein und nur den nächsten Pflichten zu leben , jetzt könnt ' ich in der wilden Zügellosigkeit der Urtheile und der völligen Schutzlosigkeit des Einzelnen gegen das Gewühl der Zeit , die Alles , das Beste , rasch verbraucht und als Dünger für Neues von sich wirft , eine solche Öffentlichkeit der Rache nicht ertragen . Und glaubst du nicht , Charlotte , daß sie Alles weiß , von Allem unterrichtet ist ? ... Die Alte schwieg und zuckte bedeutsam die Achseln . Du hättest sie in deiner Amarantha schonen sollen , sagte die Ludmer . Jedermann rieth auf Amanda , und der Spott war unverkennbar . Nach Allem , was zwischen Euch einst vorging , nach Allem , dessen du dir , als kitzlich und zu heiß zum Anfassen , bewußt warst , hättest du lieber schweigen sollen , und du weißt , was ich überhaupt davon dachte , als du die Feder ergriffest ... Die Geheimräthin seufzte . Das ist vorbei , sagte sie dann . Ja ! Ich hätte dir folgen sollen . Ich schrieb , weil Alles schrieb , und da ich nichts erfinden konnte , erzählt ' ich , was ich oder Andere erlebt hatten . Ich streifte mit genauer Noth an Partien vorbei , wo ich mich und Andere zu schonen alle Ursache hatte , und doch reizte mich der Kitzel des Spottes und der Trieb der Vergeltung . Ich fühlte , daß ich plötzlich in der Feder eine Waffe hatte , die mir damals allmächtig schien . Ja ! Amarantha ist Amanda und sie ist es nicht . Ich ließ eine Magdalena fromm werden , aber Amanda konnte sich doch wol in allen Sünden Amaranthens nicht wiederfinden . Dennoch nahm man sie für Amarantha und ich erschrak genug , als ich eines Morgens einen Brief mit dem Postzeichen Plessen empfange und die einfachen , von einer mir wohl erinnerlichen Hand geschriebenen Worte lese : » Die Fürstin Amanda von Hohenberg schreibt keine Romane , aber sie schreibt Bekenntnisse , die Gott richten wird « . Damals lacht ' ich darüber . Es schien mir die Drohung der Ohnmacht . Ich schwelgte in den Huldigungen , die die Gesellschaft meiner jungen Feder zollte . Aber die Gesellschaft ist nicht mehr die » Gesellschaft « , die Fürstin ist gestorben , alle Welt erzählt von Denkwürdigkeiten , an denen sie in ihren letzten Lebensaugenblicken schrieb und Eines , Eines , Charlotte - die Zecks lebten auf ihren Gütern - hab ' ich nicht Ursache zu zittern ? Die alte Freundin blieb in ihrer unerschütterlichen Ruhe und erschöpfte sich in einer Menge von Trost - und Gleichgültigkeitsgründen , die alle auf eine sehr leichte und fast kecke Ansicht vom Leben hinausliefen . Pauline hatte diese Ansicht früher auch getheilt . Daß sie aber jetzt , nicht mehr von ihr getröstet wurde , hing nicht etwa mit einer gesteigerten Innerlichkeit ihres Wesens , mit dem Gefühl der Reue und Besserung zusammen , sondern mit einer eigenthümlichen Wendung der öffentlichen Verhältnisse , die ihrem Ehrgeize Schranken setzte , an denen sie bis zur Verzweiflung bohrte und rüttelte , ohne sie erschüttern oder hinwegräumen zu können . Diese Beziehungen müssen wir genauer anführen , da sie zugleich für einen gewissen Umschwung des Zeitgeistes auch im Allgemeinen bezeichnend genug geworden sind und die Grundlage unsrer fortgesetzten Erzählung bilden werden . Funfzehntes Capitel Die » Gesellschaft « und die » kleinen Cirkel « Auf dem Throne des Staates , in dessen Residenz wir uns befinden , sitzt ein erst kürzlich an die Regierung gekommenes junges Herrscherpaar . Der frühere Monarch , ausgezeichnet durch hohe Tugenden der Mäßigung und Gerechtigkeit , hatte gewissermaßen die Zügel der Geistesrichtungen seines Landes sich selbst überlassen und dadurch möglich gemacht , daß sich in der Familie und Gesellschaft ein von ihm selbst völlig verschiedenes Wesen entwickelte , eine gewisse ihn selbst völlig ignorirende Genialität oder Starkgeistigkeit , wie man diese leichte Auffassung der Sitten und Überlieferungen im Gegensatz zu einer auf der andern Seite überwuchernden Bigotterie nennen konnte . In dieser Zeit hatte Pauline von Harder geglänzt . Es war die Zeit gewesen , wo sie zwar den Ansprüchen ihrer damals noch sehr anziehenden Gestalt , den Ansprüchen der schönen Reste einer jugendlichen Epoche noch keineswegs entsagt hatte , aber doch schon nach mancherlei Unterstützungen des Einflusses greifen mußte , den sie auf die Gesellschaft ausüben wollte . Sie war lange zweifelhaft , ob sie , um bedeutend zu bleiben und zu erscheinen , mit den Empfindsamen gehen sollte . Sie sahe , daß diese Partei großen Einfluß hatte und auf den nicht mehr verheiratheten greisen Landesfürsten Alles vermochte . Doch war die Maschine des Staats damals so einfach , der Gang der Geschäfte so trocken , die Politik so wenig anregend , daß es für guten Ton galt , sich nicht um das Öffentliche zu bekümmern und lieber für Italien , die Kunst , die Literatur , die Dichter , die