Musik schwieg sogleich , das Lärmen , Schreien , Kreischen und Wiehern ward dagegen eher noch ärger . Der bis zur Ohnmacht erschöpfte Neger ward aufgehoben , auf einen Tisch gelegt und mit Branntwein übergossen . Er zuckte kein Glied . Die dicke aufgeworfene Unterlippe hing schlaff herab und enthüllte ein tadelloses elfenbeinweißes Gebiß . Die Augen standen halb offen und glotzten abschreckend in stierem Glanz durch die schwarzen Lider . » Gießt ihm Grog in die Kehle oder scharf gewürzten Glühwein ! « rief Einer aus der Menge . » Ich weiß ein besseres Mittel , den tollen Schelm wieder auf die Beine zu bringen , « versetzte ein Mulatte . » Gebt mir Raum und laßt mich gewähren . Bei uns erweckt man damit Todte , wenn noch ein Fünkchen Leben in ihnen brennt . « So sprechend träufelte er Branntwein auf die Stirn des Ohnmächtigen , ergriff ein Licht und zündete die Flüssigkeit an . Blaue Flammenbäche liefen kreuzweis über Schläfen und Wangen . Mit gellendem Schrei fuhr der Gemißhandelte auf und schüttelte die Flammen von sich , die glücklicherweise sogleich erloschen . Rasendes Bravoschreien und unbändiges Gelächter belohnten den tollen Einfall des Mulatten . » Das war ein guter Witz , Nero , « sagte eine bellende , vom vielen Trinken gleichsam verbrannt klingende Stimme . » Den hätte ich Dir abkaufen mögen , wär ' s möglich gewesen . Darauf bin ich in meiner besten Zeit nicht gekommen und ich war doch berühmt im Fache witziger Erfindungen ! Noch einen Tropfen Höllenwasser , Mutterchen , aber warm und steif ! Ich fühle ein ganzes Eismeer in mir . « Es war ein ältlicher Mann in struppig grauen Haaren , der sich so vernehmen ließ , hager , knochig und von sehnigem Körperbau . Sein Gesicht verdiente ein Ideal von Häßlichkeit genannt zu werden . Roth , aufgedunsen , von bläulichen Flecken bedeckt , ward es von einer langen blutrothen Nase beherrscht , die wahrhaft fürchterlich aussah und ihm den Ekelnamen zugezogen hatte . Die großen vorstehenden Augen mit kohlschwarzer Pupille und der gespaltene Mund mit großen und spitzen die Lippen überragenden Vorderzähnen vollendeten das Bild eines Mannes , der mit Fug und Recht bei den Bällen des Satans als Musikdirector hätte fungiren können . » Blutrüssel , der Nimmersatt ! « schrien lachend ein Dutzend . » Mögest Du noch eine Million Pinten vertilgen ! « Der Musiker dankte durch ein entsetzenerregendes Grinsen und empfing das dampfende Glas mit dem glühendheißen Getränk . » Auf meine Rechnung , wackrer Bursche ! Die drei nächsten hast Du noch gut bei mir ! So ungewöhnliche Geistesgaben müssen belohnt werden ! « So rief Aurel , überlustig seinen Hut schwenkend und sich mit kräftigen Rippenstößen Bahn zu dem Musiker brechend . Dieser vergaß über der Seltsamkeit solch großmüthigen Anerbietens das Trinken und die übrigen Gäste der Taverne wurden von der Keckheit Aurels so verblüfft , daß sie die erhaltenen Stöße und Tritte ungestraft hinnahmen . » Wer bist Du ? « sagte Blutrüssel , mit gewaltigem Schlingen das große Glas zur Hälfte leerend und die dargehaltene Hand des Kapitäns annehmend . » Hier werden blos ausgepichte , tausend Millionenmal durchwerterte und mit Teufelsspeck gemästete Kerle geduldet . Man wird eingeführt in so ehrenwerthe Gesellschaft oder ' nausgeschmissen , Bursche ! Man hat Dich nicht eingeführt , dünkt mich , und dazu riechst Du noch genau wie eine frisirte Landratte . Hut ab , Kerl , und Reverenz gemacht ! « Aurel zog den Hut und blickte mit mächtigem Auge rundum . » Wohl bin ich eingeführt , alter Seehund , und wenn ein Kerl , der sechsmal die Linie passierte , keine Landratte ist , bin ich ' s nicht ! « » Dann trink ' mal auf meine Gesundheit ! « sagte Blutrüssel und reichte ihm das halbvolle Glas mit dem heißen Grog . Aurel zog es aus bis auf die Nagelprobe . » Pfui ! « rief er . » Lauwarmes Wasser schmeckt besser . Ein anderes , Mutterchen , und dreimal gesteift ! « » Du gefällst mir , Junge , « sagte Blutrüssel mit Grandezza . » Ich erkläre Dich hiermit für eingeführt sammt Deinem blassen Gesellen , der sich dort so angelegentlich mit der Erforschung von Mäuseöhrchens Montblanc zu schaffen macht . Wie heißt Du ? « » Klütken-Hannes ! « » Teufel auch ! « » Oder wenn Du willst , Steinherz . « » Ich grüße Dich , Steinherz , und nenne Dich Bruder von ganzer Seele ! Umarme mich ! « Aurel mußte sich dazu entschließen , wenn er seinen Zweck erreichen wollte , und that es demnach mit vieler Rührung und komischem Ernste . Inzwischen ward der bestellte Grog von einer Dirne gebracht und angenommen . » Laß uns zusammen trinken , sechsmal linirtes Steinherz , « sagte Blutrüssel lachend . » Wir müssen nothwendig eins plaudern mit Erlaubniß meiner werthen Herren Gönner . Ich bitte auf eine halbe Stunde um Urlaub . « » Gewährt ! Angenommen ! Musik ! Negermusik ! « scholl es wüst durch einander . Nun begann abermals ein Toben und Lärmen , als wolle man alle Lustigkeit auf einmal erschöpfen . Die beliebte Negermusik , die nur aus dem unharmonischen Schrillen aller Instrumente und dem donnernden Gestampf einiger dreißig Füße bestand , begleitete die Tänze der Halbwilden . Unbekümmert um dies Getümmel und seltsamerweise auch unangefochten saß Aurel neben Blutrüssel , stieß mit ihm an und that ihm Bescheid . » Jetzt sag ' mal , junger Haifisch , wie Du auf den Einfall gekommen bist , Dich Klütken-Hannes zu nennen ? Dahinter steckt etwas ! « » Weil der Kerl mein Freund ist . « » Du hast Dich vermuthlich versprochen und meinst das Mädel , « versetzte Blutrüssel mit widerlichem Grinsen . » Soll ein hübsches Forellchen sein , wie geschaffen für den Gaumen eines Haifisches . « Aurel fühlte , daß ihm das Blut nach dem Kopfe schoß , doch ließ er sich nichts von dieser unwillkommenen Bewegung merken . Statt aller Antwort erhob er seine linke Hand und hielt sie dem verthierten Kumpan dicht vor die stieren rothgelben Augen . » Kennst Du das ? « fragte er den Musikanten und deutete auf den feinen Goldreif am kleinen Finger . » Sieh ' mal ! « rief dieser aus . » Du bist ein glattköpfiger Seehund ! Was hast Du bezahlt dafür ? « » Mehr als er werth ist . Aber was kümmert das Dich ! Viel lieber wäre es mir , zu hören , wie Du zu dem Frauenschmuck gekommen bist ? Ich denke auf dem Wege der Geschwindigkeit , wie ? « Blutrüssel runzelte fürchterlich die Stirn und schüttelte ungeduldig seinen grauen borstigen Kopf . » Das vergißt sich mit der Zeit , « sagte er , » nur in der Jugend , wo die Glieder flink und geschmeidig sind , ist das , was Du meinst , ein einträgliches Gewerbe . Den Reif habe ich mit gutem Gelde erkauft . « » Darf man fragen , von wem ? « warf Aurel mit größter Gleichgiltigkeit hin , indem er sich seine kurze Thonpfeife anzündete und das leere Glas seines Gastes zum dritten Male füllen ließ . » Von wem anders , als von einem Weibsbilde , « grinste der Musikant . » Ich that ' s aus purem Mitleid , denn die Creatur war von lieblicher Gestalt und feinen Manieren . « » Das wird ja ganz interessant , « sagte der Kapitän . » Wenn Du mich nur so brockenweise füttern willst mit Deinen Teufelsgeschichten , werd ' ich vor Neugier das Trinken vergessen . « » Sollst leben , nett aufgetakelte Brigg ! Beim schlimmsten Fluche , ich möchte noch in Deinen Jahren sein ! Dann wollten wir zusammen ' was anstellen , daß sich die alte Jungfer Europa vor Aerger darüber die eigene Nase abfräße ! « » Kann noch kommen , doch Tolleres glaub ' ich , als Deine Geschichte mit dem Weibsbilde , würden wir kaum zu Stande bringen . « » Hoch , drei Mal hoch denn die Vergangenheit ! « rief Blutrüssel und zertrümmerte im Stoße das volle Glas . Er schleuderte die Scherben nach dem Schenktische und schrie : » Mutterchen , eine frische Galleone , die alte hat ein Leck in Grund gebohrt ! - Ja , Bruder Steinherz , damals , damals gab ' s noch ein Leben ! « fuhr er fort . » Du hättest dabei sein sollen , wie wir dem reichen Knauser das Federbett unterm Leibe anzündeten und ihn über Hals über Kopf aus dem Neste jagten ! Solch lustiges Feuer hab ' ich nie wieder gesehen ! Damals erbeuteten wir das feine Püppchen , in dem unser Hauptmann sein entführtes Töchterlein wieder erkennen wollte . Es ward da viel geweint und gelacht und ein paar Monate später gab ' s sogar ein Kindtaufessen . Das Töchterchen war in die Wochen gekommen , just durch ein Wunder , wie vor Zeiten die Gebenedeite unter den Weibern . Der Herr Hauptmann aber duldete durchaus kein Glossiren über diesen Punnct und so verschwanden denn Mutter und Kind , ohne daß wir Vielbeschäftigten etwas davon erfuhren . Ich hatte längst die ganze Geschichte vergessen , war in Folge eines Umschwunges unseres Geschäftes , das seinen Werkführer durch den Tod unseres Hauptmanns verlor , in einem Anfall von Reue wieder unter die Ehrlichen gegangen und nährte mich durch einen Trödelkram , den ich von einem Orte zum andern schleppte . Nach langem Herumziehen kam ich endlich auch zur Meßzeit damit nach Leipzig . Hier lachte mir das Glück ; einige gelungene Speculationen verschafften mir Geld , das ich höchst nutzbar und zum Besten der darbenden Menscheit in einem kleinen Leihgeschäft sicher anlegte . Ich borgte gegen billige Procente auf Pfänder und handelte auch altes Gold und Silber ein , wenn ich ' s so billig bekommen konnte , daß mir der Jude den doppelten Preis dafür bezahlte . Meinen Namen hatte ich natürlich schon längst abgelegt und einen recht gewöhnlichen , hinter dem die Polizei nichts Verdächtiges witterte , angenommen . Ueberhaupt habe ich im Taufen eine große Gewandtheit , und hätte ich zur Zeit des berühmten Schneidermeisters von Leyden gelebt , der sterblich ins Taufen vernarrt war , so würde ich unter den Wiedertäufern als einer der Ersten geglänzt haben . - Mein damaliger Name verschaffte mir recht viele Kunden . Unter diesen stellte sich denn eines Tages auch eine schlanke oder vielmehr etwas klapperdürre in verschossene Seiden gekleidete Dame ein und bot mir das Ringlein zum Verkauf an . Trotz der Jahre und der großen Veränderung , die mit der Tochter meines ehemaligen Hauptmannes , der wunderschönen Herta vorgegangen war , erkannte ich sie doch auf den ersten Blick . Auch sie erinnerte sich meiner . Wir wurden bald Handels einig , denn sie brauchte Geld ; ich zahlte , und sie ging schweigend , wie sie gekommen , wieder von dannen . Gern hätte ich sie ein wenig über ihr Schicksal examinirt , allein es ist von jeher mein Grundsatz gewesen , mit Armen und Unglücklichen mich nicht sehr gemein zu machen . Man wird leicht von der nämlichen Krankheit ergriffen und vor dieser Art Ansteckung habe ich eben so großen Abscheu , wie mich die Ansteckung der Haide und Schlösser ergetzte . Ich ließ sie also laufen , und Gott , der die Lilien auf dem Felde kleidet und die weißen Mäuse nicht verhungern läßt , damit sie die Jungen auf Messen und Märkten mit Tanzen quälen können , der wird sich wohl auch der heruntergekommenen Tochter meines ehemaligen Hauptmannes angenommen haben . - Nun , Du seehaltiges Linienschiff , was ist Dir denn ? Bist ' die Hitze nicht gewohnt ? Oder incommodirt Dich das Höllenwasser ? Siehst aus , soll mir der Teufel die Nase krauen , als wärst Du seit ein paar Stunden seekrank ! - Gieß neue Gluth auf , das hilft ! - Mutterchen , - eine volle Galleasse , aber doppelt geheizt oder ich küsse Dich ! « Aurel saß bleich wie ein Grabmonument dem ehemaligen Räuber gegenüber . Kalter Schweiß rann von seiner Stirn , die Hände zitterten ihm , daß er kaum das Glas noch zum Munde führen konnte . » Es geht vorüber , « sagte er matt und sich gewaltsam zusammenraffend , » die entsetzliche Hitze machte mich schwindlig . « » Beim zweiten Besuch spürst Du nichts mehr davon . Komm nur bald wieder ! Aber so kratzt doch auf , was die Saiten halten ! Es ist ja , weiß Gott , still wie in einer Todtengruft ! Hört man sich doch selber schon sprechen ! « Die Musik , welche eine kurze Pause gemacht hatte , da die Tanzenden abgetreten waren , stimmte abermals ihre ohrzerreißenden Töne an , die alsbald auch neue Tänzer auf den Plan lockten . Aurel starrte noch immer in halber Betäubung vor sich hin . Die Erzählung Blutrüssels hatte ihn mit furchtbarer Gewalt getroffen . - Die Fremden , welche auf Boberstein erschienen waren , hatten ein Recht zu ihren Forderungen , denn Alles , Alles , was Adrian ' s erster Brief ihm gemeldet , fand eine grauenvolle Bestätigung in der spöttischen Erzählung des ergrauten Sünders . Der Brand des alten Schlosses - die Flucht seines Vaters mit Herta , die Rache Johannes - es war nichts erlogen ! Und diese Herta , das unglückliche Opfer seines wilden Vaters , diese liebliche , gänzlich verschollene Verwandte von ihm hatte vor Kurzem noch gelebt , im Elend gelebt ! - Aurel fühlte sich vernichtet , niedergeschmettert von der Macht des Geschickes , das seinen strafenden Arm nach ihm und Allen , welche den Namen Boberstein führten , austreckte . » Ist ' s lange her , alte Seele , daß Du mit der Besitzerin dieses Ringes zusammentrafst ? « fragte er aufstehend und Gilbert zuwinkend . » Knappe drei Jahre , mein Herr Stehnichtfest . Es war just Michaelismesse in Leipzig . « » Wohnte die Arme in jener Stadt ? « » Weiß nicht - doch ja , ja , ich besinne mich . In der Vorstadt , wo die Armuth haust , hatte sie ihr Zelt aufgeschlagen . Die Leute , die sie kannten , erzählten sich , sie lebe vom Wahrsagen . Ha , ha , ha , ha , die heruntergekommene Tochter einer sehr mächtigen Gräfin , vom Unglück gehetzt , hat den drolligen Gedanken , von andern Menschen das Unglück mitleidig ablenken zu wollen ! Beim Schädel meines Vaters , ' s ist zu komisch ! - Komm , lustiger Tummler , laß uns anstoßen auf die Prophetengabe der verblühten Rose . Möge sie ihr die Tasche brav füllen ! « Instinktmäßig hob Aurel sein Glas , stieß an , leerte es und ließ es dann klirrend zu Boden fallen . Es litt ihn nicht mehr unter diesen gleich Besessenen tobenden Menschen . Hinaus in die freie kühle Luft trieb es ihn , damit er Athem schöpfen könne und sein glühender Kopf , in dem er jede Ader schlagen fühlte , sich abkühle . Gilbert hatte sich an seine Seite gedrängt . » Brechen wir auf , Kapitän ? « fragte der junge Matrose . » Und haben Sie erfahren , was Sie zu wissen begehrten ? Sie scheinen angegriffen . « » Mehr ! Mehr als ich wünschte ! « seufzte Aurel und legte seinen Arm in den seines treuen Begleiters . Dann zog er den Hut , schwenkte ihn gegen das Orchester , auf dem Blutrüssel wieder das Tamtam zu spielen begann , und schrie mit erhobener Stimme : » Gute Nacht , brennende Grogseele ! Gute Nacht , meine Jungen ! Lange blühe die Lust in der unvergleichlichen Mohrentaverne ! « Ein wüthendes Hurrah , das gar kein Ende nehmen wollte und in welches auch die dünnen Stimmen der Mädchen einfielen , begleitet von dem gräßlichen Lärm aller Instrumente , antwortete diesem gentilen Toaste . Unter dem Getöse dieses Hurrahs erreichten die Freunde das Freie . Sie entfernten sich schnell von der colossalen Tonne , über deren bacchantisches Toben in ihrem Innern Beide ein wahrhaftes Grauen empfanden . Als sie den Weg nach der Stadt etwa zur Hälfte zulückgelegt hatten , drückte Aurel heftig Gilberts Arm , indem er sagte : » Wir gehen nicht in See , mein Junge , wir setzen uns in eine Postkalesche und reisen zusammen nach Boberstein . Die Zeit des lustigen Schwärmens ist vorüber , von morgen an werden wir ernste Leute ! « Gilbert sah den Kapitän mit großen Augen an , da er aber einem festen traurigen Blicke und einem erdfahlen Gesicht begegnete , drückte er ihm die Hand und erwiederte : » Ich begleite Sie , Herr Kapitän . « Es schlug drei , als sie das Haus am Rödingsmarkte erreichten . Zwölf Stunden später hatten sie Hamburg verlassen und fuhren mit Extrapost der Lüneburger Haide entgegen . Sechstes Buch Erstes Kapitel . Eine Offenbarung . Vier Tage nach dem Besuche Sloboda ' s und Heinrichs auf dem ehemaligen Schlosse Boberstein begegnen wir den beiden Alten nebst Paul in dem gebirgigen Schlesien . Hier lebten in arbeitsamer Zurückgezogenheit alte Bekannte des Maulwurffängers . Seine rastlosen Wanderungen führten den originellen Mann zuweilen auch in diese fern gelegenen Gegenden , wo er dann nie vergaß , die alten Freunde zu begrüßen . Seit einigen Jahren war dies unterblieben , und da Landleute nur im äußersten Nothfalle zur Feder greifen , so wußte Heinrich nicht einmal , ob die fernen Freunde noch alle am Leben sein würden . Dennoch zog er eine beschwerliche Fußreise von mehreren Tagen der unbequemen Schreiberei vor . An waldigen Hügellehnen in der breiten und fruchtbaren Thalsenkung des Queis lag ein großes freundliches Kirchdorf . Hier besaß Leberecht , der ehemalige Großknecht auf dem Zeiselhofe , ein bescheidenes Häuschen mit geringem Ackerlande . Bei angestrengter Thätigkeit und großer Sparsamkeit konnte eine genügsame Familie von dem Ertrage dieses Ackers und fleißiger Handarbeit grade leben . Kleine Besitzungen dieser Art gibt es in Schlesien die Menge , da das Parcellirungsystem den großen Grundbesitz mannichfach zerstückelt hat . Man findet Dörfer , wo beinahe jedes Haus seinen eigenen Acker besitzt , welchen die Inhaber mittelst einer einzigen Kuh bebauen . Den flüchtig Reisenden kann der Anblick solcher Dörfer , wo alle Welt für sich selbst pflügt und ärndtet , den Eindruck von allgemein verbreiteter Wohlhabenheit machen , wer jedoch die Sachen genauer betrachtet und sich bei den so fleißig arbeitenden Leuten selbst erkundigt , erfährt zu nicht geringer Bestürzung , daß im Allgemeinen große Noth in solchen Ortschaften herrscht , und daß die meisten dieser kleinen Grundbesitzer lieber den Besitz los zu sein wünschen . So sonderbar dies klingen mag , so erklärlich und folgerichtig ist es . Alle diese Leute müssen nämlich , um das wenige Ackerland , das ihnen Kartoffeln , etwas Korn und Klee trägt , bearbeiten zu können , Zugvieh halten , da aber der Ertrag selbst verhältnißmäßig nur gering ist , so bringt es Keiner zu mehr als einer einzigen Kuh . Diese zehrt fast die Hälfte allen Ertrages auf . Um den Acker nicht zu sehr auszusaugen , muß häufig die mangelnde Düngung für schweres Geld angekauft werden , und da man dies selten oder nie besitzt , so wird die Aufnahme eines Kapitals auf das Haus unabweisbare Nothwendigkeit . Gewöhnlich aber lastet auf jedem solchen kleinen Hause ein Kapital , so daß bei Verdoppelung desselben die Möglichkeit , je einmal ganz schuldenfrei zu werden , dem Besitzer für immer benommen ist . Nehmen wir noch dazu , daß ohne anderweiten Verdienst ein Familienvarter von dem , was Feld und Wiesenplan ihm bringen , unmöglich leben kann und daß ihn die Bebauung des Ackers doch häufig an regelmäßigem anderweitigem Erwerbe verhindert , so wird es unsern Lesern einleuchten , daß Grund- und Ackerbesitz unter solchen Umständen eher ein Unglück als ein Glück zu nennen ist . Genau in dieser Lage befand sich Leberecht . Er hatte zwei Jahre nach der Katastrophe , die Boberstein in einen Schutthaufen verwandelte und dem im Auslande lebenden Magnus zur Freigebung seiner Leibeigenen Anlaß gab , die Haide verlassen , um in fruchtbareren Gefilden Arbeit und Nahrung zu suchen . Das grüne Schlesien mit seinem ehrlichen , derben , gutmüthigen Volke behagte ihm vorzugsweise , da er sich hier wie daheim befand . Er war sehr fleißig und sehr sparsam , und als er nach seinem Dafürhalten genug besaß , um Frau und Kind ernähren zu können , dachte er an ' s Heirathen . Nie hatte ihm ein Mädchen besser gefallen , als die hübsche Marie , die auf dem Zeiselhofe so oft seinetwegen hungrig vom Tische gehen mußte . Marie diente noch in der Haide , war ebenfalls sparsam und in jeder Hinsicht wirtschaftlich . Leberecht machte sich also auf , putzte sich recht stattlich heraus , kaufte ein paar silberne Ohrringe und besuchte das Mädchen . Umschweife machte er nicht , vielmehr sagte er grade heraus , was er wollte , bot Marie Herz und Hand an und hatte die Freude , sechs Wochen später ein allerliebstes Weibchen sein nennen zu können . Von den Ersparnissen beider jungen Ehegatten ward ein eben feilgebotenes Haus nebst Ackerland gekauft , und seitdem bewirthschaftete Leberecht sein kleines Besitzthum redlich und unverdrossen . Es wollte aber nicht vorwärts gehen . Freilich lag die Schuld nicht an ihm , sondern an der Unzulänglichkeit des Besitzes , der viel Zeit raubte und wenig eintrug , und dennoch konnte sich Leberecht nicht entschließen , Haus und Land zu veräußern , da er mit Leib und Seele Landmann war . Marie mußte auf einen Nebenerwerb denken . Dieser fand sich auch , indem sie , zwar etwas spät , die Weberei erlernte . Oft ward sie freilich in ihrer Thätigkeit gestört , denn ihre Ehe mit Leberecht war sehr fruchtbar . Zur Bekümmerniß beider Aeltern blieb aber von allen Kindern blos ein einziger Sohn am Leben , der weil die Weberei damals grade in Schwung kam , sich derselben ebenfalls widmete . Geraume Zeit verdiente er mehr als hinreichendes Geld , das er vorsichtig zusammenhielt , um die auf Haus und Feld der Eltern noch immer lastenden Schulden nach und nach damit zu tilgen . Es gelang ihm auch beinahe , da trat eine Stockung in den Geschäften ein ! Die Linnenweberei sank mehr und mehr , der Verdienst verminderte sich von Monat zu Monat , das Ersparte mußte angegriffen werden und das Haus blieb verschuldet , wie bisher . Um nur bestehen zu können , gab Eduard - so wollen wir den Sohn der hübschen Marie , das Ebenbild seiner Mutter , nennen - die Leinweberei ganz auf und warf sich , wie tausende und abertausende seiner Brüder , auf die leichtere und doch etwas besser bezahlte Baumwollenweberei . So standen die Sachen in Leberechts kleinem Hauswesen bei dem Besuche , welchen Heinrich dem seit Jahren nicht mehr gesehenen Freunde zudachte . Die Veranlassung zu diesem Besuche werden wir sogleich mittheilen . Die drei Wanderer erreichten den Ort gegen Abend und gingen zuerst ins Wirthshaus oder den Kretscham , um sich zu erfrischen und Erkundigungen einzuziehen . Diese fielen nach Wunsch aus . Leberecht war noch munter , wie vor Jahren , Marie fleißig wie immer , und der Sohn hatte den Ruf eines der tüchtigsten und accuratesten Weber . Heinrich besprach sich mit seinen Begleitern und ging dann allein nach der Behausung des Freundes . Schon von weitem vernahm er das taktmäßige Klappern zweier Webstühle , das ihm von dem Fleiße der Mutter und des Sohnes Zeugniß gab . Trotz der schnell hereinbrechenden Dämmerung fand er wirklich Beide in emsiger Thätigkeit . Erst bei seinem zutraulichen guten Abend hielten die Webeden an und blickten halb neugierig halb verwundert nach dem späten Besuche . » Kennst Du mich nicht mehr , Marie ? « sagte Heinrich , nahe an den Stuhl tretend , dessen Werfte vom letzten Schlag der Lade noch zitterte . » Freilich , die letzten drei Jahre haben mir hart zugesetzt ! Ich sehe fast so weiß aus wie ein Stück gut gebleichte Leinwand . « » Mein Gott , der Maulwurffänger ! « rief Marie freudig aus , stand auf und reichte dem Alten die Hand . » Tausendmal willkommen , wackrer Freund ! Nehmt Platz , nehmt Platz ! Dort hinterm Ofen steht ein Polsterstuhl . Ich bitt ' Euch , schiebt Euch den zu mir heran , denn - nichts für ungut , lieber Alter - ich muß noch ein halb Stündchen schaffen , sonst krieg ' ich nicht meinen Ziel . Und die Zeiten sind jetzt schlecht , man muß sich tüchtig rühren , will man sich ehrlich durchschlagen . « Eduard reichte nun dem Freunde seiner Aeltern ebenfalls die Hand zum Gruße und hieß ihn willkommen . Heinrich schüttelte sie derb und setzte sich dann zwischen beide Stühle , wo das Spulrad stand , auf ' s Treibebänkchen . » Laß gut sein , Marie , ich kümmere mich schon ! Ein Oertel , wie ich ' s brauchen kann , find ' ich immer . Laßt nur den Schützen schnellen , was er laufen mag , ich will mir gleich ' was zu thun machen - Geht ' s auch langsam , so dreh ' ich Euch doch noch ein paar Spulen ab , als hätt ' ich erst gestern das Geschäft aufgegeben . « Damit setzte der Maulwurffänger das Rad in Bewegung , steckte ein » Ledgen « 1 auf die Spille und drehte schnurrend seine Spule , das Garn accurat auf dem Rohr vor- und rückwärts leitend . Marie lächelte , ließ den Schützen wieder klirren und arbeitete mit sammt dem Sohne , bis das Tageslicht gänzlich erloschen war . In dieser Zeit konnte des heftigen Geräusches wegen das Gespräch natürlich nur in kurzen Pausen unterhalten werden . Als nun aber Marie den Webstuhl verließ , Feuer anschlug und die entzündete Lampe auf den Tisch stellte , ward die Unterhaltung lebhafter . Heinrich fragte nach Leberecht und wie es ihm gehe ? » Ich weiß nicht , wo er sich herumtreiben mag , « versetzte Marie . » Er hat heut die paar Körnchen Winterkorn gesät und nachher ist er fortgegangen , ohne zu sagen , wohin . « » Es wäre mir schon lieb , wenn er bald wieder käme , « meinte der Maulwurffänger , » denn ich habe ihm heut gar Mancherlei zu erzählen . Auch alte Freunde habe ich mitgebracht , die er schwerlich noch kennt . « » Ei wer könnte denn das sein ! « sagte Marie und sah mit ihren freundlichen Augen den Maulwurffänger fragend an . » Ja , das mußt Du errathen , Marie , « versetzte Heinrich mit verschmitztem Blinzeln - » Du hattest ja immer ein offenes Köpfchen , das die verfänglichsten Fragen zu beantworten wußte . « Eduard hatte indessen draußen Holz gespalten , um Feuer im Ofen anzuzünden . Er brachte jetzt die dünnen Scheite nebst einem halben Bündel Reissig herein und legte Beides vor den Ofen auf die rothen , reinlich gehaltenen Ziegel . » Der Vater wird gleich kommen , « sagte er . » Er steht unten am Wasser und discurirt mit dem Nachbar . Ich glaube , sie wollen heut ' Nacht noch ein paar Reußen stellen . « » Heut ' Nacht ? « fiel der Maulwurffänger ein . » Das soll ihm schon vergehen , wenn er mir zuhören will und meine Reisegefährten sieht ! Ja , ja , Marie , ich sage die reine Wahrheit ! Nicht umsonst bin ich in meinen alten Tagen die zwölf Meilen weit gelaufen , es hat ' was zu bedeuten ! Und wenn Du fein warten und hinterdrein schweigen kannst , so verheimliche ich Dir kein Wörtchen . « Indem trat Leberecht ein , die Jacke über der Schulter und eine Rodehacke in der Hand . » Guten Abend , « sagte er , ohne den Gast zu bemerken , der während seiner Abwesenheit angekommen war . Frau und Sohn erwiederten den Gruß , der Maulwurffänger aber schlug ihn mit flacher Hand auf die Schulter und sagte : » Alter , wollen wir zusammen noch einmal Sprenkel stellen ? Es ist mehr dabei zu gewinnen , als beim Fischfange . « Leberecht sah den Fremden ein paar Secunden ernsthaft an , dann schüttelte er ihm tüchtig die Hand und versetzte : » Weiß Gott , er ist ' s , der Schelm von Maulwurffänger ! Nun grüß ' Dich Gott , Bruderherz , und sei bedankt , daß Du wieder einmal an uns gedacht hast ! Nichts Neues draußen im Flachlande ? In der Haide ? « » Will ich meinen , « sagte der Maulwurffänger . » Just deswegen komme ich her , und wenn Du Willens bist , eine Liebe der andern werth zu halten , sollst Du genug erfahren , um ein paar Jahre lang keine Zeitung mehr in die Hände nehmen zu dürfen . « » Das wäre ! Was gibt ' s denn so Großes ? « » Leberecht , « versetzte Heinrich sehr ernst » wenn Deine Frau nichts dawider hat , und ich nehme das an , so würdest Du mir einen grausam großen Gefallen thun , wenn Du mich in die Schenke begleitetest . Dein Eduard kann auch mitkommen - wir werden ihn brauchen . Kosten soll Dich ' s übrigens nichts . - Unterwegs erzähle ich Dir , was Du wissen mußt , um eine Neuigkeiten zu verstehen , in der Schenke aber wirst Du mir Gleiches mit Gleichem vergelten ! « » Du hast Dich so lange nicht blicken lassen , « erwiederte Leberecht nach kurzem Schweigen , » daß ich Deinen jetzigen Besuch nur etwas Ungewöhnlichem zuschreiben muß . Ich bin nun zwar