vor dem Vater , denn so freundlich er war , so hatten alle eine Ehrfurcht , die sie hinderte , ihrer Lustigkeit nachzugeben , und ein ernstes Gesicht vom Vater machte , daß sie alle vor ihm wichen ; ich hatte viel mehr Lust mit ihm zu spielen , und wenn ich wußt , daß er nachmittags allein auf dem Sofa schlief , wo niemand sich ins Zimmer getraute , da schlich ich auf den Zehen herbei und kroch in den Schlafrock auf der einen Seite herein und konnt mich so geschickt um seinen Leib schmiegen und auf der andern Seite wieder heraus , das konnt ich so geschickt , da gab er mir allerlei italienische Schmeichelnamen im Schlaf und schlief dann weiter fort . - Er war niemals verdrießlich . - Wie die Mutter starb , da fürchteten sich alle Kinder vor seinem Schmerz , keiner wagte sich in seine Nähe . Abends war er allein im Saal , wo ihr Bild hing , da lief ich hinein und hielt ihm den Mund zu , wenn er so sehr schmerzvoll seufzte . - Ich besinn mich , daß ich als gern in der Karmeliterkirch war , wo niemand mehr hineinging , sie war immer leer , weil sie so düster ist , und weil so viel Tote da begraben liegen ; Vater und Mutter liegen auch da und viele Geschwister . Ich hab mich niemals gefürchtet vor traurigen Orten . - Wie manchmal , wenn die Sonn drauß schien , da ging ich da hinein , da war ' s so feucht und so trüb , daß man glaubte , es sei der traurigste Herbsttag . - Ich erzähl Dir ' s , - ich wollt Dir nur sagen , ich scheu mich nicht vor traurigen Orten und auch nicht vor traurigen Menschen , und wenn Du was hast , was Dich trübsinnig macht , so brauchst Du mir ' s nicht zu sagen , aber scheu Dich doch nicht vor mir , ich weiß so stillzuhalten . Gestern hatt ich mich den ganzen Tag gesehnt nach dem Abend , weil ich auch am Tag keine Ruh hab . Wenn ich doch ein einzig Wort von Dir hätt nur , über Dich ! - Ich hab nur lauter Halbgedanken , sie kommen tief aus der Brust , aber ich mag sie nicht prüfen . - Wenn Du mir das einzige schreibst : » Bettine , ich bin Dir gut « , das wär genug ! Wär ich doch wie die Uferfelsen , die den stürzenden , verspritzten Lebensstrom wieder im ruhigen Lauf sammeln , und jede Welle , jeder Gedanke in Dir würde freundlich an mir vorüberbrausen , ich wollt sie nicht fesseln . - Ach , ich sag nicht , daß ich Dich liebe , aber doch mein ich , ich wollt gern Dir mein ganz Leben aufopfern , und ich kenn niemand , dem ich das wollt , aber Dir wollt ich ' s. Aber wenn Du mir auch nicht vertrauen kannst , darum will ich nicht bitten . Es ist mir alles eine große Schrift in Dir , es ist mir alles Geist ! - Mein Gott ! Was hast Du getan , gedacht , was ich nicht mit vollen Sinnen genossen hätt . - Und so oft hab ich in Dir erkannt , was ich in mir selber nicht zur Gewißheit bringen konnt ! - wenn mir ahnte . Die ersten kühnen Gedanken , die zum erstenmal die engen Lebensgrenzen überbrausten , daß ich verwundert war über Geist und überrascht , wo hab ich sie doch gelesen ? - Sie standen auf Deiner Stirne geschrieben , - wieviel kreuzende Stimmen hast Du doch entwirrt in meiner Brust , und meine wilde Gedankenlosigkeit - Du hast sie so sanft eingelenkt und mir gelehrt , freudig mitspielen . - Der Sinn der Welt ist mir einleuchtend geworden durch Dich , ich hätt ihn nimmer geheiligt , ich hätt ihn immer verachtet . Denn früher dacht ich oft , zu was ich doch geboren sei ? Aber nachher , wie Du mit mir warst , da hab ich nicht mehr so gefragt , - da wußt ich , daß alles Leben ein Werden ist , und nur eine freudige Ungeduld hat mich zuweilen noch übermannt , ein übereilend Erharren der Zukunft , keine Trauer mehr , nein , ich weiß nichts mehr , was mich geschmerzt hätt seit dem Augenblick , wo ich Dich kenne . - Dort in Offenbach , der Tage erinnere ich mich ; kann ' s dem Busen der Erde so üppig entkeimen , als mir die Lebensfülle unter Deinem warmen belebenden Hauch ? - O glaub mir ' s , ich taumelte oft im Geist , weil die Gedanken so weich sich mir unter das strömende Gefühl betteten , oft , wenn ich am Abend in die weite Purpurlandschaft sah , dort , wo ich aufs Dach stieg , bloß um zu fühlen , wie ' s Leben doch tut in der Brust , es war mir ja noch so neu , da mußt ich denken , daß ich ganz alles mit sei , was ich sah , - solche Purpurwogen durchwallten mich , - und es war ein Reichtum , den ich in mir ahnte , und es war mir alles durch Dich geschenkt ! - Ja , ich zweifle nicht , es ist ein Kern , ein edler in mir , der wurzelt , und der mich mir selber wiedergibt . Du hast diesen Kern in mir gebildet , Mut ! Umsichtige Heiterkeit sind seine ersten Blüten gewesen , und jeden Tag will er mehr Blüten treiben , wie der Baum inmitten wohltätiger Natur ! - Alles Schicksal nehm ich hin wie Wind und Wetter , und kann ' s tragen , denn Du hast mich gesund gemacht , - aber wenn ich nun ausgerissen wär aus dem Boden , das wird doch nicht sein ? - Nein , das kann niemals wahr werden . O kein Erdbeben , das den Berg verschlinge , dessen Gipfel den schwachen Stamm trägt - blühend weit hinaus in die Ferne - und so wohl sich fühlt , weil er alle Güte der Sonne empfindet , weil ihm alle Echo erklingen von den weiten Bergen , und weil er so weit umher die lachende Natur beherrscht , weil er so hoch steht , so einsam , so glücklich , und alles allein , weil er in Deinen Busen gepflanzt ist . - Dann bin ich schlafen gegangen , wie ich so weit geschrieben hatte , und hab vergessen auf den Turm zu gehen , wo ich doch den ganzen Tag unruhig danach war , und schlief so fest ein . Ach , war ich denn krank gewesen , daß ich wieder so ganz gegen meinen eigentümlichen Willen nicht traurig zu sein , so an Dich schrieb ? - Aber wie ich aufwachte , da besann ich mich , daß es zum erstenmal war , wo ich den Turm versäumte , sprang auf und warf einen Mantel um , so war ich oben angelangt , noch eh ich mich besann , ob ' s nicht die Geisterstund sein könne , meine Hast war zu groß , als daß ich mich hätt fürchten können , - denn ich dacht , wenn nun schon Mitternacht vorbei wär , so hätt ich einen Tag versäumt . Nein , das will ich nicht , ich hab Dich da oben in der freien Natur allen guten Mächten hingegeben , die Sterne wissen von Dir , und mag ' s gehen wie es will , ich will nichts versehen bei meinen Gelübden . Ich hab zu ihnen gesagt von Dir und sie in Pflicht genommen über Dich , ich bleib ihnen zugetan , und mein Gefühl ihrer Erhörung , ihres Bewußtseins meiner heißen Lebensbedürfnisse , das will ich nicht schwächen , indem ich nicht feierlich mein Versprechen achten sollt . - Es war auch schön dort oben , der reinliche Schnee bewahrte noch Deinen Namen unverletzt vom vorigen Tag , und ich setzt mich auf die Mauer , und lauschte in die Stille , und da schreib ich Dir hin , was mir so im Geist ist aufgegangen ; so wie ein Sternbild nach dem andern ist hell geworden . » Ich trinke die Liebe , um stark zu werden , wenn ich denke , so bewegt mich heimliche Begeistrung für meine eigne Erhöhung ; - wenn ich liebe auch . - Nur : in der Liebe fühl ich mich flehend wie im Tempel ; wenn ich denke , kühn wie ein Feldherr . « » Alles von sich selber verlangen , ist der nächste und unmittelbarste Umgang mit Gott ; dem Göttlichen geben die Sterne die sicherste Gewährleistung für die Erfüllung eines höheren Willens . - Die dreiste Überzeugung , daß wir unserer Forderung genug tun sollen . « - So raten uns die Sterne . - Günderode , drum sei ja mutig zu allem , und endlich kann auch kein falscher Trieb sich dazwischen durchwuchern , denn die Seele ist ganz erfüllt von eigenem Geist und allein für ihn tätig . Das haben mir die Sterne für Dich gesagt , als ich sie fragte um die tiefen Lebensgeheimnisse in Deiner Brust , sie wollen , Du sollst Deinen Schild tragen - kühn und frei über die Lebensgipfel weg . Alles ist Höhe , nichts ist Tiefe . Du sollst sie schauen , die so hoch sind , vor denen nichts Abgrund ist , was ihr Licht nicht entbehrt . » Es gibt eine Zauberkunst , ihre Hauptgrundlage ist des Geistes fester Wille zum Mächtigen , der sich auflöst in die Übermacht dessen , was er im Geist erkennt . « So hast Du mir einmal gesagt , und die Sterne haben mich gemahnt , ich soll Dich dran erinnern . » Nie muß man dem Höheren gegenüber selbst etwas wollen , sonst wehrt man sich gegen den eignen Willen . « Das haben die Sterne noch hinzugefügt und mich gemahnt , ich soll Dir das scharf und eindringlich wieder sagen . - Ich leg mir das so aus , der Mensch soll nicht dem eignen Schicksal nachgehen , denn es gibt kein Schicksal für den Geist als das Göttliche , - diesem gegenüber sollen wir alles als klein verachten . - Noch sagen die Sterne : » Ohne Zauber kann sich der innere Mensch nicht erscheinen « , - o die Sterne sind gütig , sie sagen viel und Großes und bedeuten uns , daß wir selber groß sind . » Ach , das Endziel aller Wahrheit ist , sie hinzugeben an höhere Wahrheit , sie ist Zauber , durch den der innere Mensch sich erscheint , sie ist Entwickeln der göttlichen Natur ; der Himmel entwickelt sich aus der Sehnsucht , und aus des Himmels unendlichem Frieden wird höhere Sehnsucht sich entwickeln ; - die Wahrheit geht hervor aus der Wahrheit und geht über in Wahrheit . Das Höchste , was die Wahrheit vermag , ist , sich auflösen in höhere Wahrheit ; - ja , sie sagt Nein ! - Verneint sich . - Nie darf der Geist sich am höchsten halten , sondern jene muß er höher halten , auf die er wirkt , denn die befördern ihn - entwicklen ihn . Die Wahrheit , die Lieb ist Sklave , der ist Herr , den sie nährt . « So reden die Sterne , wenn ich mit ihnen von Dir spreche , - sie lieben Dich , sie sind Deine Sklaven , die höhere Erkenntnis , die sie auf Dich herabblitzen , die entwickelt ihr Vermögen , auf den Menschengeist zu wirken , das Hohe auszusprechen , und sie werden mehr noch sagen , wenn ' s Dein Ohr trifft . - O sie sagten es mir für Dich in der Neujahrsnacht - - und viel reicher war die Saat liebender Mahnungen , aber ich konnt ' s nicht alles tragen in meinem Geist , was sie sagen ; - vertrau ihnen und Du wirst erleben - schwere Garben bring ich Dir heimgeschleppt ; - da siehst Du , was Leben ist , Keime der Erkenntnis säen die Sterne Dir in ' Geist , und Du wolltest verzweifeln , weil Deine Füße am Boden wurzeln . - Ja , das ist ' s , Deine Seele hat Licht getrunken und will nun schlafen , so leg Dich doch und ruhe , ich will sorgen , daß Du schlafen kannst und wachen zugleich , - und wart doch , was die Sterne endlich mit uns anfangen , bist Du nicht neugierig ? - Was gottgesandte Boten Dir zuflüstern , magst Du das nicht erlauschen und kannst nicht alles andre darüber vergessen ? - O hör , denn als sie so gesprochen hatten , da bekräftigte der Schlag von Mitternacht in die tiefe Einsamkeit hineinschallend , daß , so die Jahre hinabrollen , der Geist doch ewig blühend am Himmel steht ; und daß unsere Begeistrung dieser Jugend zuströme , das stürmte mir herauf aus der tiefen Stadt , wo alles lebend , jubelnd die verjüngte Zeit begrüßte . Warum rührten sie die Trommeln und schmetterten von den Kirchtürmen - die Trompeten ! - Und warum erfüllte das Jauchzen die Luft ? Als weil die ewig sich verjüngende Zeit alle kindliche Freudenstimmen weckt über die unsterbliche Jugend . - Mir war so selig dort auf der schwindelnden Höh , wo die Studentenlieder wie ein Meer um mich himmelan brausten und mich einhüllten in ihren Jubellärm wie in eine Wolke und aufwärts trugen . O wie schön ist ' s in der Welt , denk doch , so viel junge Stimmen hier im kleinen Städtchen , alle freudebrausend ! - Wer wollte im Leben wohl etwas beginnen , was dieses heitere Jugendleben zu schwerem inneren Verantworten niederbeugte ! - O nein , schon wegen der Jugend heiligem Recht in Fülle den Strom auszubrausen , möcht ich im eignen Busen die ewige heitere Lebenskraft nicht ablenken . - Sieh , junge Günderode , Deine Jugend ist die des heutigen Tages , Mitternacht hat ' s bekräftigt , die Sterne mahnen Dich und verheißen Dir , daß Du ihnen Deinen Geist sollst zuströmen , die auffahren voll jubelndem Feuer , in Chören ihre Begeistrungslieder herüberjauchzen ins neue Jahr ! - Sie begrüßen Deine Zeit ! - Daß sie Deiner Begeistrung geboren sind , das macht die jungen Herzen jauchzen , o verlasse die Deinen nicht und mich nicht mit ihnen ; verlasse Dich auf den Genius , daß er aufrecht stehe in Dir und groß walte zwischen Geist und Seele . Was könnte Dich doch verzagen machen ? - Sieh doch , wieviel Leben verdirbt , aber doch ist ' s nur scheinbar , es steht mit verschwisterten Gewalten wieder auf und versucht ' s von neuem . Aber das muß nicht sein , daß Du Dich aus ihren Reihen loskettest , denn alle gehören einander , und das muß Dich nicht traurig machen , daß manches , was sie als Tugend preisen , nur glänzende Fehler sind . Ist doch oft auch Tugend , was Fehler ist . Ich mag diesen Brief nicht schicken ; ich bin nicht zu entschuldigen , schieb ' s aufs Wetter in meiner Brust . Es ist Gewitterzeit in mir , wie konnt es so angstvoll in mir aufsteigen sonst ? - Gewitter sind ' s , die über mich hinstürzen und alle blühende Kraft niederdrücken , und das Gewölk hängt schwer über mir , und das Herz arbeitet und glüht und möcht sich Luft machen und zückt ; denn sonst könnt ich nicht so schmerzvolle Augenblicke haben und immer so schwere Gedanken über Dich . Aber es ist auch traurig , heut erhalt ich erst Nachricht von der Claudine , daß Du sie beauftragt hattest , mir Deine Abwesenheit von Frankfurt zu schreiben , und daß Du bei der kranken Schwester bist . Mein Herz ist der brausende Brunnen , ein paar Tropfen Öl besänftigen ihn ja , ich war ganz verkehrt , ich erwache vom bösen Traum . Ach , Gott sei Dank , daß es anders ist . - Ich bin noch niedergeschlagen und seh die Träume unwillig dahinziehen am düstern Tag , sie hätten mich wohl länger noch gepeinigt . - Wie Du auch meine Briefe aufnehmen magst , ich will Dich der Mühe überheben , mich darüber zurechtzuweisen , und will ' s alles vor Dir aussprechen , was ich von mir denk . Ich hab Dir eine Reihe von Briefen geschrieben , ich weiß nicht mehr was ; - sollt ich mir Rechenschaft geben , was ich damit wollte , enthielten sie selber eine Rechenschaft meines Seelenlebens ? - Ist ein einziger früherer Vorsatz drin nur berührt ? - Ist mir nicht alles fern abgeschwunden , was ich mir als heilig Gelübde auferlegte ? Hab ich nicht mir und Dir zugesagt , ich wolle mich streng den Bedingungen einer Kunst unterwerfen ? Hab ich nicht immer und immer aufs neue wieder alles Begonnene verfaselt ? - und was konntest Du mit mir endlich anfangen ? Ich gestand Dir immer alles zu , ja , ich sagte mir täglich Deine wahren , Deine tiefen Begriffe vor , über die Anstrengung des Geistes in sich zu erzeugen , was noch ungeboren ist in ihm . Einmal sagtest Du : » Ich begreife aus dem Sehnen des Geistes sich der Künste und Wissenschaften zu bemächtigen , daß die fruchtbare Erde nach dem Samen sich sehnt , den sie zu nähren vermag . « Und Du sagtest zu mir : » Deine ewige Unruh , Dein Schweifen und Jagen nach allem , was im Geist erwachsen könnt , selbst Dein Widerspruch dagegen beweist , daß Dein Geist fruchtbar ist für alles . « Und wolltest , ich sollte nur das eine Opfer bringen und eine Zeit mich einem ganz unterwerfen , dann werde sich zu allem Platz und Reife bilden . Und sagtest : » Was ist denn Zeit , wenn sie nicht ewiges Bilden der Kräfte ist ? - Und ist eben die Mühe des Erwerbens nicht auch sein höchster Ertrag ? - Und keine Anstrengung ist umsonst , denn am End ist jede Anstrengung die höchste Übung des Erzeugens , und wer seinen Geist mit Anstrengungen nährt , der muß zum Erschaffen , zum Wiedererzeugen verlorner Geistesanlagen , nicht allein in sich , sondern in allen seiner Zeit geschickt werden . « Und Du sagtest noch viel , wo ich voll Feuer war , Dir allein zu folgen und alles mir zuzumuten , ich mußte mir sagen , daß ich allein in Dir Licht fand über das Leben , und daß Dein Geist heilige Religion sei , und daß ich eine Ahnung faßte , zu was der Mensch geboren sei ; ja , und daß er immerdar vereinigt sein soll mit Gott , das heißt immer in heiliger Anstrengung begriffen , ihn zu fassen . Ja , was ist denn Kunst und Wissenschaft ? wenn es nicht die tiefen Anlagen sind eines geistigen Weltgebäudes . Was ist denn irdisch Leben , wenn nicht der sinnliche Boden , aus dem eine geistige Welt sich erzeugt , - und Du sagtest : » Wär man nicht zornig , wie könnt einer sanftmütig werden , und wär die Lüge nicht , wie könnten wir zu Helden der Wahrheit werden ? « Und weil ich Dich nicht verstand , so sagtest Du : » Hätte die Welt nicht widerstanden , wie konnte Cäsar ein Eroberer werden ? « - Da war mir plötzlich alles deutlich , und ich war so glücklich , mein eignes Selbst meiner Anstrengung zu danken zu haben , daß ich wohl begriff : dies sei die einzige göttliche Gewalt in uns , uns zu freien Naturen zu bilden , nämlich , alles aus eigner freier Anstrengung zu erwerben , und was ist Freiheit , wenn nicht : Gott sein ? Alles aus freier Anstrengung erwerben ist die erste Bedingung einer göttlichen Natur . Und diesen Forderungen von Dir habe ich geschworen , wie einer auf die Fahne schwört , und war meiner eignen Begeistrung so gewiß und hätte mir ' s zugetraut , alles mit Ernst und Treue zu verwalten , was die innere Stimme mir auferlegte , und dieser geheime Trieb , göttlich zu werden , durchdringt mich noch . Und wenn ich hundertmal eins ums andre verlassen hab , so verzag ich nicht , wieder zu beginnen . Ich will zu Dir , in Deinem Schoß will ich lernen ; ich weiß , daß es so sein muß , daß wir beieinander sind . Wenn ich Dir nicht jeden Tag enthüllen kann , was für Gedanken in mir aufsteigen , dann bin ich gleich weggerissen . Ja , das muß ich Dir auch noch von mir sagen , daß ich ' s oft nicht weiß , wie es kommt , daß ich oft plötzlich weit von dem , wozu ich mich ganz hingewendet hab , hinweggerissen bin ; - nicht mit meinem Willen , aber ich bin dann erfüllt und bestürmt vom Denken , dem muß ich folgen ; und ermüdet bin ich dann - aber so ermüdet , wenn ich mich wieder zu dem finde , was ich erlernen oder mir aneignen will . Und das ist meine Sünde . Ich sollte diese Schwäche abweisen . Der Geist soll nicht ermüdet sein , er soll die Müdigkeit abweisen . - Weiß ich doch , daß ich im Rheingau bei langen Wegen , die oft vier bis fünf Stunden weit waren , mir sagte , ich will nicht müde sein , und dann , als sei ich neugeboren , den Weg wieder zurücklegte . Das vermag der Geist über den Leib , aber über den Geist selbst , da ist der innerliche Geist , der ihn zähmt oder weckt , noch nicht stark . - Ja , vielleicht bin ich ' s selbst , der ihn verleugnet ; aber Dich nicht . In Dir konnt er mit mir sprechen . Und es ist nicht aller Tage Abend , betrachte alles als ein Vorspiel , als ein Strömen noch verwirrter und verirrter Gefühle und Kräfte . Ach , verzweifelst Du , daß je das Gewölk in meinem Geist sich teile ? und das Licht Ordnung herabstrahle ? - Ich hab Zuversicht , ich verzweifle nicht , ein ewiger Trieb zu empfangen , ein rasches Bewegen in meiner Seele , die sagen mir gut . - Und Du wirst mich nicht verwerfen . - Es wird ja schon wieder Tag ! Die Eos tritt aus der Dunstluft hervor , und mir ist wohl geworden über dem Schreiben ; ich träume nicht mehr , daß der Donnerer mein Schiff zerschmettre und in die Wellen versenke , - weil es gefrevelt ist , an ihm , der auf hephästischen Rädern die Rosse zum Sonnenmeer treibt , sie da zu baden . Nein ! Ich führ neben Dir her am Strand die reinen Lämmer ihm entgegen ; und ich gehöre zu Dir , wenn Du sein gehörst . - Bettine An die Bettine Ich mußte abreisen und konnte Dir nicht einmal ausführlich schreiben . Eine Schwester , die schon länger unwohl ist und jetzt nach mir verlangte . Das wird mich auch wohl sobald nicht dazu kommen lassen . Denke nicht , ich vernachlässige Dich , liebe Bettine , aber die Unmöglichkeiten , dem nachzukommen , was ich in Gedanken möchte , häufen sich , ich weiß sie nicht zu überwinden und muß mich dahin treiben lassen , wie der Zufall es will , Widerstand wär nur Zeitaufwand und kein Resultat , Du hast eine viel energischere Natur wie ich , ja wie fast alle Menschen , die ich zu beurteilen fähig bin , mir sind nicht allein durch meine Verhältnisse , sondern auch durch meine Natur engere Grenzen in meiner Handlungsweise gezogen , es könnte also leicht kommen , daß Dir etwas möglich wäre , was es darum mir noch nicht sein könnte , Du mußt dies bei Deinen Blicken in die Zukunft auch bedenken . Willst Du eine Lebensbahn mit mir wandlen , so wärst Du vielleicht veranlaßt , alles Bedürfnis Deiner Seele und Deines Geistes meiner Zaghaftigkeit oder vielmehr meinem Unvermögen aufzuopfern , denn ich wüßte nicht , wie ich ' s anstellen sollte , Dir nachzukommen , die Flügel sind mir nicht dazu gewachsen . Ich bitte Dich , fasse es beizeiten ins Aug und denke meiner als eines Wesens , was manches unversucht muß lassen , zu was Du Dich getrieben fühlst . Wenn Du auch wolltest manches Recht , was Du ans Leben hast , aufgeben , um mit mir zusammenzuhalten , oder besser gesagt , Du wolltest von dem Element , das in Dir sich regt , nicht Dich durchgären lassen , bloß um Dich meiner nicht zu entwöhnen ; das wär ja doch vergeblich . Es gibt Gesetze in der Seele , sie machen sich geltend , oder der ganze Mensch verdirbt , das kann in Dir nicht so kommen , es wird immer wieder in Dir aufsteigen , denn in Dir wohnt das Recht der Eroberung , und Dich weckt zum raschen , selbstwilligen Leben , was mich vielleicht in den Schlaf singen würde , denn wenn Du mit des Himmels Sternen Dich beredest und sie kühn zur Antwort zwingest , so würde ich eher ihrem leisen Schein nachgeben müssen , wie das Kind der schlummerbewegenden Wiege nachgeben muß . - Alle Menschen sind Dir entgegen , die ganze Welt wirst Du nur durch den Widerspruch in Deiner Seele empfinden und erfahren , keine andere Möglichkeit für Dich , sie zu fassen . Wo wirst Du je eine Handlung , weniger noch eine Natur treffen , die mit Dir einklänge ? - Es ist noch nicht gewesen und wird auch nie sein ( von mir will ich Dir nachher reden ) . Was andern Menschen die Erfahrung lehrte , wozu sie sich bequemen , das ist Dir der Unsinn der Lüge . Die Wirklichkeit hat als verzerrtes Ungeheuer sich Dir gezeigt , aber sie hat Dich nicht gescheucht , Du hast gleich den Fuß draufgesetzt , - und obschon sie unter Dir wühlt und ewig sich bewegt , Du läßt Dich von ihr tragen , ohne nur der Möglichkeit in Gedanken nachzugehen , daß Du einen Augenblick mit ihr eins sein könntest . Ich spreche von heute und mehr noch von der Zukunft ; ich wollte Dir wünschen , es kämen Augenblicke in Deinem Leben , wo Dir dieses Zusammenströmen mit andern Kräften gewährt wär . Erinnerst Du Dich Deines Traums auf der grünen Burg , den Du mir in der Nacht erzähltest , wo ich Dich weckte , weil Du sehr im Schlaf geweint hattest . Ein Mann , der zum Wohl der Menschheit - ich weiß nicht mehr welche Heldentat - getan hatte , sei zum Richtplatz um dieser großen Tat willen geführt worden . Das Volk habe in seiner Unwissenheit darüber gejubelt , und in Dir sei große Begierde gewesen , zu ihm aufs Schafott zu gelangen , aber der Streich sei gefallen noch kurz vorher , wie Du eben glaubtest , oben zu sein . Du kannst den Traum nicht vergessen haben , Dein schmerzlich Weinen bewegte mich mit , so daß ich kaum wagte , Dich zu erinnern , daß es nur ein Traum sei , aber dies war eben , worüber Du untröstlich warst . Du meintest , nicht im Traum sei Dir ' s gegönnt , das auszuführen , was in Deiner Seele spreche , vielmehr noch verzweifeltest Du an der Wirklichkeit . Damals , in der Nacht , habe ich gescherzt , um Dich ein wenig zu trösten , aber heute fühl ich mich bewogen , jene Frage , ob es nicht ein Verlust sei , nicht zusammen mit jenem Helden im Traum gestorben zu sein , wieder aufzunehmen ; ja , es war ein Verlust , denn das Erwachen , das Fortleben nach so bestandner Prüfung Deiner tiefen inneren Anlagen , die ja doch so selten in der Wirklichkeit sich bewähren und bestätigen , mußte Dir ein Triumph sein , einen Genuß gewähren , wenn es auch nur im Traum war ; denn im Traum scheitert die edelste Überzeugung wie oft . - Und ich stimme mit Dir ein , daß es ein Streich war , den Dir Dein Dämon spielte , aber ein Weisheitsstreich ; - wärst Du befriedigt worden im Traum , so wär Deine Sehnsucht , das Große getan zu haben , vielleicht auch befriedigt . Und was konnte daraus hervorgehen für Dich ? - Vielleicht jene nachlässige Zuversicht in Dich selber , was Savigny allenfalls Hochmut nennen würde ? - Nein , das wohl nicht , aber doch würde die Spannung wahrscheinlich nicht geblieben sein , die jetzt , ich wollt es wetten , bei der leisesten Anregung jener unerfüllten Sehnsucht sich wieder erneuen wird . Ich wollte Dir wünschen , Bettine ( unter uns gesagt , denn dies darf niemand hören ) , daß jede tiefe Anlage in Dir vom Schicksal aufgerufen würde und keine Prüfung Dir erlassen , daß nicht im Traum , aber in der Wirklichkeit Dir das Rätsel auf eine glorreiche Art sich löse , warum es der Mühe lohnt , gelebt zu haben . - Pläne werden leicht vereitelt , drum muß man keine machen . Das beste ist , sich zu allem bereit finden , was sich einem als das Würdigste zu tun darbietet , und das einzige , was uns zu tun obliegt , ist , die heiligen Grundsätze , die ganz von selbst im Boden unserer Überzeugung emporkeimen , nie zu verletzen , sie immer durch unsre Handlungen und den Glauben an sie mehr zu entwickeln , so daß wir am End gar nicht mehr anders können , als das ursprünglich Göttliche in uns bekennen