muß es lieb haben , so lange Du es mir läßt - nur das Eine lasse geschehen , daß ich ihn wiedersehe , ehe ich sterbe . - Du mußt ihn schicken , wo er auch sei - mache ihn los und führe ihn den Weg zu mir , daß ich mich noch recht erfreue an ihm ! « Dann hatte sie Antwort bekommen und dankte Gott dafür , daß er ihn schicken wolle . Täglich wiederholte sich dies . Sie wunderte sich vor Gott , daß er nicht komme , und tröstete sich dann wieder durch ein neues Versprechen , das sie vernommen . So lenkte Gott die Herzen ihrer Freunde . Was sie auch mehr oder weniger Alle gegen Leonin empfinden mochten , Fennimor beugte ihren Sinn , ohne daß sie es wollte , und Alle belebte nur noch der Wunsch seiner Ankunft , die Lesüeur ermitteln sollte - die Fennimor jeden Tag schon im Voraus empfand und die durch die täglich näher rückende Stunde ihrer Anflösung immer dringender ward . - Leonin stieg am Fuße des Schlosses aus seinem Wagen und fühlte eine Scheu , ein Beben , sich dem Sterbebette dieser Heiligen zu nahen , welches ihn heran schleichen ließ , als dürfe kein Geräusch seine Ankunft verkündigen . Wie schön war Ste . Roche in dieser ersten Frühlingspracht ! Es drängte sich ihm überall auf , ohne daß er geneigt war , es zu genießen . Durch die Zimmer , durch die er leise strich , wehte in die geöffneten Thüren und Fenster der warme Hauch des Maitages . Es war der duftendste , reinste Morgen . In den Zimmern seitwärts hörte Leonin sprechen und das Geräusch beschäftigter Personen . Doch die Zimmer , die vor Fennimors kleinem Kabinette lagen , genossen der Ruhe ; - nur die schöne Natur sah in die großen , offenen Fenster ! Jetzt stand er vor dem letzten Zimmer , welches ihn von Fennimors Kabinet trennte . Auch hier konnte sie sein - ob er sie nicht vorbereiten müsse , drängte sich ihm auf . Zweifelhaft und horchend blieb er stehen ; er hörte ein Geräusch - aber es war eine Art Lachen und lallendes Krähen . Plötzlich trat eine Ahnung ihm näher - er drückte leise das Schloß auf und streckte den Kopf in die Thür . Er hatte sich nicht geirrt ! Auf einem grünen Teppiche , der gegen die Fenster hin ausgebreitet war , lag ein holdes Kind im kurzen , weißen Röckchen , das es kaum bedeckte und Arme und Beinchen , die in großer Thätigkeit waren , frei ließ . Es machte die reizenden , kleinen Versuche , sich eifrig kriechend fortzuschieben , um die glänzenden Schälchen und Töpfchen , die wahrscheinlich , um es zu seinen Versuchen anzuregen , an den äußersten Enden des Teppichs vertheilt waren , zu erreichen . Es ruderte mit den reizenden , rosenrothen Füßchen mit einer Schnelligkeit und einem Eifer , daß seine blühenden Wangen noch frischer erscheinen ; und je näher es dem glänzenden Gegenstande kam , je lauter lallte und krähte es vor Lust und Begierde . Neben ihm saß auf einem Kissen eine Frau in ländlicher Tracht , die , den Rücken nach Leonin gewandt , doch bemerken ließ , wie zärtlich sie das Kind hütete ; denn , wenn das holde Geschöpf ausglitt und einen Augenblick auf seinem Gesichtchen lag , ehe die starken Aermchen sich wieder empor arbeiteten , sah man deutlich , wie ihre Hände ihm gern zu Hülfe gekommen wären . Auch blickte der kleine , fleißige Ruderer sich dann jedes Mal nach ihr um , jauchzte aber nur , wenn sie in die Hände schlug , und ruderte schnell weiter . Leonin wußte , daß es sein Kind sei , und er fühlte vor ihm alle unnennbare Wonne , den ganzen Wahnsinn einer Entzückung , die uns der übrigen Welt entzieht ! Er stand jetzt neben dem Teppiche - jauchzend ergriff eben das Kind das blanke Tellerchen - da rollte es hinunter auf Leonins Fuß . Schon kniete er und hielt es ihm hin - das Kind blickte ihn erstaunt an , dann lachte es und griff nach dem Tellerchen . Leonin hielt es ganz bewußtlos in die Höhe - da arbeitete sich das himmlische , kleine Wesen an seinen Knien in die Höhe , und Leonin umschlang es und hielt es , und es langte um so viel höher nach seinem Tellerchen und ergriff es jetzt wirklich , laut jauchzend . Leonins Herz wollte in Wonne zerspringen ! Er hielt sein Kind im Arm ; er fühlte , wie er es stützte , wie die kleinen Beinchen , so stark und kräftig sie waren , doch noch immer fort einknickten - und er durfte es halten , an sich drücken , und es scheute ihn nicht ! Die Bäuerin sah still zu . Sie wußte Alles , wie sie den fremden Herrn sah . Für das Natürliche hat der einfache Mensch immer das richtigste Verstehen . » Bringe ihn mir , Leonin ! « tönte es da mit einem Male - ein bekannter , leiser , ach , überirdischer Ton ! Aber er ließ Leonin erbeben , als ob ein Donnerschlag ihn träfe - er brach fast zusammen , und seine Erschütterung war so plötzlich , daß das Kind davon erschreckt ward , sich in seinen Armen wand und in Thränen ausbrach . » Reginald , « ertönte dieselbe sanfte Stimme - » o komm her ! Leonin , bringe ihn mir ! « Leonin sprang mit dem Kinde im Arme auf und flog der Richtung nach . - In einer der offenen Fensterthüren , die nach dem Garten gingen , stand ein hoher Lehnstuhl , der die Richtung nach dem Teppiche hatte . In diesem Lehnstuhl ruhte Fennimors verklärter Geist - so glaubte Leonin . - Er reichte ihr den Knaben auf seinen Knien , und als dieser , gewohnt hier Hülfe zu finden , seine Aermchen um ihren Nacken schlang und sich innig in ihre müden Arme drückte , und das holde , wunderschöne Kind nun in den weißen Gewändern ruhte , die Fennimors Lichtgestalt umgaben , da sah Leonin einen Engel , der mit seinen weißen Flügeln dies blühende Leben in seinem Schooße deckte . Aber sie lächelte verscheidend über das Kind hin ihm zu und hob die bleiche Hand - und diese winkte ihm . Doch der Unglückliche hatte keine Thräne , keinen Seufzer , keinen Laut ! Seine Augen sogen mit jedem Augenblicke mehr so unnennbare Qualen ein , daß es dafür kein Zeichen in der Sprache giebt : sie starb - sie war schon halb verklärt - vielleicht sanken im nächsten Augenblicke diese Augenlieder , und sie war todt ! » Ach , Leonin , ich wußte es wohl , wie Du traurig sein würdest ! Aber Gott will es - er hat mir gesagt , ich könne nicht länger leben ; - aber für Dich und unser Kind wolle er sorgen - und da bin ich denn ruhig und will zu ihm gehen , da er es will . « - Nach einer Pause fuhr sie leise fort , indem sie versuchte , den Kopf gegen Leonin zu beugen : » Ich glaube dabei heimlich , die Trennung wird so streng nicht sein ; - denn , obwol mir Gott Nichts sagt , denke ich doch , ich werde noch zuweilen bei Euch sein . « Sie lächelte dabei so süß beglückt , als habe sie Gott dies kleine Geheimniß abgelauscht . » O , nimm mich mit ! « rief Leonin und stürzte sich mit dem Kopfe auf das Kissen , worauf ihre Füße ruhten . - » Ja , das dachte ich auch - und wußte wohl , wie gern Du es gemocht hättest ; - aber Gott will nicht . - Du sollst noch Vieles erleben - ich kann das nie begreifen ; - denn meine Gedanken haben keine Kraft mehr ; - aber das weiß ich wohl - Du sollst leben ! « Leonin weinte nun . Er fühlte eine leichte , aber kalte Hand über seinen Kopf streichen - er hob sich auf - Fennimor hatte versucht , sich nieder zu beugen ; - noch immer hatte sie die reichen Locken , die wie eine Glorie leuchteten - sie beschatteten fast ihr feines Antlitz . » Leonin , « sagte sie kaum hörbar - » ich wollte Dich noch so herzlich lieben - weil Dich die Welt da draußen so trostlos läßt - Du kamst zu spät , ich habe keine Zeit mehr ! « Ihr Kopf war auf Leonins Gesicht gesunken - er hielt sie im Arme - das Kind lag glühend wie eine Rose , mit seinen eignen Händchen spielend , in ihrem Schooße . - » Fennimor , geliebte Fennimor , o stirb nicht - stirb nicht , ehe Du mir vergeben hast ! « » Du hast mich so sehr geliebt und immer liebst Du mich ! « stammelte sie leise . - » Ich komme , mein Vater ! « - fuhr sie mit freundlichem Engelslallen fort - » Du hast mein Bitten erfüllt - ich habe ihn wieder - nun halte ich auch Wort - nimm mich hin , mein Gott ! - Mein süßes , kleines Kind ! - Mein Leonin ! - Mein Vater , ich komme ! « - Das bleiche Haupt , das auf seinem Antlitze ruhte , ward kalt und schwer . Er fühlte ein leises Zittern durch ihren Körper - dann war Alles still und ruhig ; - aber sie ward immer schwerer - er wußte Alles - aber er hielt sie fest . - Es war selbst ihr entseelter Körper noch ein Schild gegen den Wahnsinn , der ihn bedrohte . Da war das Kind leise nach dem Kopfe seiner Mutter hingekrochen ; - es wollte sich an ihr aufrichten ; aber der leblose Körper gab nach , das Kind fiel in Leonins Arme . Instinktartig faßte er das schöne , kleine Wesen , das nun die Locken seiner Mutter ergriff und im freudigen Lallen an ihr hinaufsteigen wollte . Die Bäuerin trat hinzu , sie nahm das Kind in ihren Arm und lehnte Fennimor sanft in den Lehnstuhl zurück . Da erfuhr auch sie , was geschehen , und winkte den fern stehenden Arzt herbei , während Leonins Kopf auf Fennimors Füße sank in jener glücklichen Betäubung , die uns gegen jeden Schmerz unempfindlich macht . Der Arzt legte die Hand auf Fennimors kalte Stirn , er suchte ihren Puls - er hatte aufgehört zu schlagen ! Lange betrachtete er das süße , bleiche Engelsantlitz , dann reichte er dem Vikar die Hand , der indessen mit Veronika herein getreten war . » Gönnen wir es ihr ! « sagte er milde . » Laßt uns beten ! « erwiederte der erschütterte Vikar - und Keiner hielt seine Thränen zurück . Doch ward diese milde Stimmung rauh unterbrochen durch Emmy ' s plötzlichen Eintritt . Keiner wagte ihr das Geschehene mitzutheilen ; forschend blickte sie die Weinenden an - sie stürzte gegen den Stuhl - sie ergriff Fennimors leblose Hand und stieß einen wilden Schrei aus . Jetzt erblickte sie Leonins fast eben so leblose Gestalt . » Mörder ! Mörder ! « schrie sie - » bist Du gekommen , ihr den letzten Athem zu stehlen ? Bösewicht , treffe Dich Gottes Gericht - sein Fluch ! « - » Halt ! « rief der Vikar - » stört den heiligen Frieden dieses Engels nicht ! Bezwingt Euer ungestümes Herz ! Seht Ihr nicht auf diesem Antlitze , daß sie vergebend gestorben ist ? « » Vergebend ? ihrem Mörder vergebend ? « schrie Emmy Gray . - » Nein , nein , ich will es nicht denken ! Sie darf ihm nicht vergeben ! Niemals , niemals darf der Fluch dieser That von seinem Haupte genommen werden ! « Mit Entsetzen sahen Alle , daß der Schmerz , der Haß , den sie , so lange Fennimor lebte , zurück gepreßt hatte , jetzt mit der wilden Gewalt der Verzweiflung hervorbrach . Mitleiden und Entsetzen kämpfte in Aller Brust . Emmy ' s Augen leuchteten wild - sie richtete sie auf Leonins Gestalt , als hoffte sie ihn damit zu tödten . » Bringt ihn weg von ihr ! fort , fort ! Er hat kein Recht mehr an ihr ! Er darf sie nicht berühren ! Sie wird entehrt durch seine Nähe ! « - » Faßt Euch ! « sagte streng der Arzt - » Ihr handelt thöricht und hart ! Seht Ihr nicht , daß er fast des Lebens schon beraubt ist ? « » Ha , Ihr tretet auf seine Seite ? Ihr habt das Elend schon vergessen , das er gestiftet ? Ihr mögt ihm verzeihen ? Nun denn , so seid Ihr so schlecht , als er , und auch von Euch will ich mich lossagen ! Fort von allen Menschen , fort ! Aber mein Fluch bleibt ihm und Allen , die ihn vertreten wollen . Er werde an Allem erfüllt , was er noch zu besitzen und zu lieben wagt ! Mein Leben will ich erhalten zur Mahnung seiner Sünde - mein Tagewerk soll sein , ihn mit meinen fluchenden Gedanken zu verfolgen ! « Sie stürzte in das Heiligthum ihres Lieblings , in Fennimors Kabinet . Dort hörte man einen Fall . Die Frauen wollten ihr nach . » Laßt das , « wehrte ihnen der Arzt - » ihre rauhe , unbezähmbare Natur bedarf des Ausbruches - wir könnten ihr nicht helfen ! « » So laßt uns beten ! « wiederholte der Vikar - und Alle knieten jetzt um Fennimors verklärte Leiche . Der Vikar sprach Gebete aus seinem Herzen , in der Form des gewöhnlichen Sterberituales . Es schien , er sprach sie über zwei Leichen ; denn Leonin blieb bewegungslos liegen , und über ihm stiegen dieselben frommen Worte empor , wie über Fennimor . Und dennoch hatte der Unglückliche nicht aufgehört zu leben . Langsam knüpfte sich sein Bewußtsein an die Worte wieder an , die zu Anfange bloß sein Gehör erreicht . Aber er schauderte , als er sein wiederkehrendes Leben bemerkte ; denn er fühlte nur die Verzweiflung , die alle Stützen niederreißt und Nichts , als den Willen übrig läßt , so elend zu sein , daß jede Rettung unmöglich wird . Mitten in den Gebeten des Vikars richtete er sich auf ; er blickte Alle an , und aufs neue sank sein Kopf in Fennimors Schooß . Sein Anblick hatte den versöhnenden Eindruck gewährt , wenn die gerechte Strafe , als Vergeltung schwerer Vergehungen , das schuldige Individuum trifft und ihn damit von dem Hasse seiner Mitmenschen zu erlösen scheint . Das göttliche Mitleiden gewann wieder Raum in der Brust der schwer beleidigten Freunde Fennimors . - Der Vikar segnete die Leiche ein und bat alsdann um Gnade für ihren leidenden Gatten , um Schutz für das verwaiste Kind . Die Versöhnung lag darin - er setzte voraus , daß sie , wie bei ihm , so bei allen Anwesenden eingekehrt sei , und sprach damit das Gefühl Aller aus . Sie erhoben sich . Die Bäuerin , die zunächst an Fennimors Seite kniete und das schlafende Kind an ihrem Busen trug , sagte in ihrer schlichten Weise : » Herr Vikar , ich war dabei , als unsere gnädige Frau Gräfin ihren Gemahl empfing . Sie war voll großer Liebe und nur traurig , daß sie nicht Zeit behielt , ihn genug zu lieben . Das wollte ich nur sagen , daß wir jetzt des armen Herrn gedenken möchten , nach ihrem Willen . « » Es soll geschehen , « erwiederte der Vikar ernst . - Er nahte sich mit dem Arzte dem Unglücklichen und redete ihn bei seinem Namen an . Leonin fuhr zusammen - er blickte entsetzt empor . » Fennimors Freunde , « stammelte der blasse Mund , » Ihr könnt kein Erbarmen mit mir haben ! « - » Wir haben kein Recht , Euch zu richten . Gott vollführt das in Euch - er möge uns Allen gnädig sein ! « sprach der Vikar . - » Und dieser Engel hat vergeben - seht , es steht auf ihrer heiligen Stirn ! « Leonin blickte hin - die Locken lagen nun getheilt und zeigten frei das erblaßte , himmlische Antlitz . Es hatte den Frieden der höheren Welt - die Glückseligkeit erreichter göttlicher Gemeinschaft ! Es hatte noch immer denselben Karakter , wie in den Wäldern von Stirlings-Bai . Es war ein süßes , lächelndes Kind mit einem Heiligenscheine . Leonin ' s Blick , der dies Bild vollständig auffaßte , ward die hell leuchtende Fackel , die mit jähem Lichte sein ganzes Leben überblitzte . Ein inhaltloses Gewebe zwischen Reue und Sündigen trat hervor - Fennimor sein größtes Verbrechen , sein einziger , höherer Lichtblick ! Er stand auf und fühlte mit Entzücken , daß er krank war . Beide Männer hielten ihn . » Fennimor , mein Weib , Du hast mir vergeben , und Du bist gerächt ! « Er gab nach , als man ihn bat , weg zu gehen - er fühlte sich durch seine Schuld unberechtigt und scheu , den Freunden zu widersprechen ; dabei nahmen stechende Schmerzen in Brust und Kopf sein klares Bewußtsein ein . Er verließ ihren heiligen Anblick und blieb davon getrennt . Der Arzt sorgte , daß er sich in seinem Zimmer niederlege , und war schnell über seinen Zustand im Klaren . Lange schon hatte das Gift der Krankheit ihn durchschlichen , willkommen der Gelegenheit brach es aus . Indessen ordnete Veronika mit jungfräulichem Sinne die Bestattung Fennimor ' s. Nur schwer trennten sich Alle von der unverändert bleibenden Leiche . Das Gewölbe , in welchem die fromme Königin Claudia in einsamer Stille ruhte , war schön und heiter aufgeräumt . Hier ward Fennimor ' s Sarg aufgestellt , bis die Gruft gemauert war , welche die Freunde an der Stelle graben ließen , wo die holde Frau , wie sie sagten , gestorben war : unter dem Fenster , in dem kleinen blühenden Garten , den sie selbst angeordnet , und über den hinweg sie Leonin ' s Reisezug verfolgte , als Souvré ihren Blick darauf hinleitete . Unter grünem Rasen , unter ihren Blumen , die sie so liebte , sollte ihre schöne Hülle ruhen . Mit großer Sorge erfüllte Emmy ' s Zustand die bekümmerten Freunde . Ihr Schmerz fand keine Milde - er verhärtete und erbitterte ihr leidenschaftliches Herz . Sie schien sie jetzt Alle zu hassen und wies mit Zorn und Wildheit jeden Versuch , ihr näher zu treten , zurück . Das Kind entführte sie fast den Uebrigen und eifersüchtig entzog sie es den Blicken Aller . Die Amme mußte sich mit ihr absperren , und nur sie durfte das Nöthigste für die Unglückliche besorgen . Als die Bestattung vorüber war , schloß sie die Räume und wehrte Jedem den Eingang . Indessen lag in einem fernen Theile des Schlosses der unglückliche Herr desselben tödtlich erkrankt darnieder , und Veronika , der Vikar und der Arzt erfüllten theilnehmend die Pflichten der Menschheit gegen ihn . Viele Wochen verstrichen , der Zustand blieb gleich bedenklich ! Alle Boten mußten ohne Antwort zurück , alle Briefe aus Paris blieben unerbrochen an seinem Bette liegen - ihm fehlte die Besinnung . Endlich erschien sein Kammerdiener ; er theilte stumm und traurig die Dienstleistungen und schrieb den Zustand seines Herrn ; denn Niemand hatte sich geneigt gefühlt , diesen Dienst für die Verachteten zu übernehmen . Bald traf der Leibarzt des Hauses Crecy ein - er sah den zweifelhaften Zustand , mußte die Hülfe des Arztes von Ste . Roche für ausreichend anerkennen und kehrte zurück . Die Jugend siegte ; Leonin genas . Aber er ward unter seinem wiederkehrenden Bewußtsein ein Greis . Sein schönes braunes Haar fing an zu erbleichen , seine Gestalt beugte sich , seine Abzehrung war erschreckend . Er saß Tagelang in dem kleinen Garten und sah , wie die Arbeiter Fennimor ' s Gruft gruben . Er fragte dem übrigen Leben nicht nach - der Arzt rieth Allen , ihn zu schonen . Standhaft weigerte sich Emmy Gray , ihm sein Kind zu zeigen ; sie verrammelte ihre Thüren , und nur , wenn er in dem kleinen Garten saß , hörte er zuweilen sein Kind durch das geöffnete Fenster jauchzend lallen . Dann schauderte er zusammen und streckte die Arme seufzend hinauf ; wenn er aber hörte , daß Emmy es ihm verweigerte , sagte er : » Ich habe auch kein Recht , es zu fordern ! « und that die Sehnsucht zu seinen übrigen Schmerzen . Er war jetzt einen Monat in Ste . Roche , und der Kammerdiener , durch die verschiedensten Aufforderungen von Paris gedrängt , versuchte , ihn zur Rückkehr zu bereden . Leonin schwieg , wie immer , zu diesem Drängen , und der arme Mann wußte sich keinen Rath mehr ; er mußte glauben , sein Herr habe das Gedächtniß verloren ; denn auch die Briefe , die der Kammerdiener ihm überreichte , blieben unerbrochen und , wie es schien , ohne auch nur entfernt sein Interesse zu wecken . Endlich glaubte er , die Hülfe des Arztes und des Vikars nicht mehr entbehren zu können - er bat sie um ihren Beistand , und Beide verhießen ihn . Leonin hörte sie , vor Fennimor ' s Gruft sitzend , ruhig an , und sein Auge schien den Grund durchdringen zu wollen , der nun bald zur Aufnahme des Sarges bereit war . » Sie sollen meinen Sarg einst neben den ihrigen stellen , « sagte er endlich mit großer Anstrengung . » Diese Bestimmung wird , wenn Ihr es wünscht , leicht zu erfüllen sein , « erwiederte der Vikar . » Doch laßt Allem sein Recht ! Habt Ihr über Euren Tod bestimmt , so bestimmt jetzt auch über Euer Leben . Denkt , wie Viele noch Ansprüche an dasselbe haben - wie Viele Eurer Fürsorge anvertraut sind ! « » Ich sorge , denke ich , am besten für sie , wenn ich sie nicht wiedersehe ! « seufzte Leonin . - » Was kann ich ihnen noch sein ? Ich finde ein entehrtes Weib , ein beschimpftes Kind . Ich müßte eine Mutter wiedersehen , die mich nie geliebt und meine elende schwache Natur nur als Mittel zu ihren Zwecken gemißbraucht hat . Was ich empfinde , kann den dortigen Zuständen nicht zu Hülfe kommen ; - es ist besser , ich verschmachte hier , Allen dort ein Geheimniß bleibend ! « - » Lieber Herr , « unterbrach ihn der Vikar - » dies ist sicher ein großer Irrthum ! Und ich rede um so ernster und dringender mit Euch , da ich gewiß weiß Fennimor , die Verklärte , würde eben so in Euch dringen . Ihr müßt Euch der Liebe , der Vergebung jetzt würdig zeigen , die sie Euch ertheilte . Denkt an Eure unschuldige , jetzt rechtmäßige Gemahlin ! Könnt Ihr Fennimor ' s gebrochenes Herz beleben dadurch , daß Ihr sie auch hinsterben laßt in Gram und Sorge ? « Erschüttert blickte Leonin auf . » Die arme Viktorine , « seufzte er - » sie hat es eben so wenig verdient ! - Mutter , Mutter , Du hast alles Böse in mir , in meinem Schicksale gesäet ! Gott mag es Dir vergeben , ich kann es noch nicht ! « » Wie könnt Ihr Euch unversöhnlich zeigen , da Fennimor es nicht war ? « sprach der Arzt . » Es ist Eure Mutter , junger Mann ! Die Verpflichtung hört nie auf , die Kinder gegen sie haben . Oft werdet Ihr Euren Willen behauptet haben - macht sie nicht verantwortlich dafür , wo Ihr hättet widerstehen müssen ! « » Leset diesen Brief , Herr Graf , « fuhr der Geistliche fort - » er ist seit längerer Zeit für Euch angekommen , - und entscheidet Euch dann für Eure Rückkehr ! « » Und mein Kind ? « rief Leonin , indem er den Brief seiner Gemahlin erbrach . » Herr Graf , « sagte der Arzt - » wir müssen die Unglückliche schonen , die es jetzt eifersüchtig behütet . Wir hätten mehr zu fürchten , als wir verantworten könnten , wenn wir uns jetzt in ihren wilden , harten Schmerz drängten . Gut aufgehoben sind die ersten zarten Jahre des Kindes bei ihr ; wir sind ihr alle ein besonderes Zeugniß ihrer Tüchtigkeit schuldig und behalten jedenfalls einen Ueberblick , den sie mir namentlich , als Arzt nicht entziehen wird ; da sie weiß , daß sie mich nöthig haben kann . « Leonin schwieg noch immer ; aber als die Freunde sahen , daß er seine Augen auf den entfalteten Brief richtete , zogen sich Beide zurück , in einiger Entfernung ihn beobachtend . » Die Trennung , in der wir plötzlich leben , « schrieb Viktorine - » wird mir nicht hinreichend erklärt durch das , was man mich will glauben machen . Ihre Abreise konnte nur durch ein besonderes Ereigniß motivirt werden . Sie hätten mich um geringer Ursache Willen nicht verlassen , Ihre Familie nicht in Verlegenheiten gestürzt , die für Sie wichtig sind . Man sagt jetzt , Sie wären krank , und hält mich doch zurück , zu Ihnen zu reisen . Ich werde Ihre Antwort erwarten und hoffe , daß Sie mir selbst die Erlaubniß geben , zu Ihnen zu kommen , wenn Ihre Gesundheit Ihre Abreise verzögert ; denn dann ist mein Platz bei Ihnen , und ich habe keine höhere Pflicht , darf auch meiner eignen Gesundheit jetzt schon vertrauen . Lassen Sie nichts Fremdes zwischen uns treten ; - ich weiß Ihnen kaum auszudrücken , wie seltsam mich das berührt , was wie ein Geheimniß plötzlich zwischen uns tritt . Lassen Sie mich - was es auch sei - den mir zustehenden Platz Ihrer Freundin einnehmen . Ich traue hier Niemandem , ich höre mit Widerwillen und Mißtrauen , was man mir von Ihnen sagt - ich kann es Niemandem beweisen , und doch fühle ich , es ist nicht wahr ! Ihnen will ich glauben und gehorchen - - antworten Sie nicht , reise ich ab . Gott behüte Sie ! Viktorine . « » Antworten Sie nicht - reise ich ab , « rief Leonin - » o nein , das darf nicht sein ! Hier darf ihr Fuß nicht rasten - hier kann ich sie nicht wiedersehen ! « » So müßt Ihr also zu ihr , « sagten die beiden Freunde , die wieder näher traten - » dies edle Wesen darf nicht in die Verwirrung verflochten werden , die ihr hier nicht zu entziehen wäre . Schont wenigstens sie noch ! Ihr rettet nicht , was Euch verloren , wenn Ihr sie auch aufopfert . « » Ach , meine Freunde , « seufzte Leonin - » ich unterziehe mich Eurem Ausspruche ; denn ich habe kein Recht mehr , nach dem Einzigen zu greifen , was mir wohlthun könnte . Aber der Fluch , den ich auf mein Haupt herabgezogen , wird alle Verhältnisse berühren , in die ich zu treten wage . Ich werde Viktorine durch meine Rückkehr zu schützen suchen ; aber mein Anblick , mein zerstörtes Innere wird ihr nicht zu entziehen sein , und wenn sie Erklärung fordert , werde ich ihr die Wahrheit verhüllen und sie damit von mir fern halten , oder ich werde sie ihr gestehen und sie damit rettungslos unglücklich machen . « Die beiden Männer schwiegen gerührt - erschüttert von dem Zustande des Unglücklichen , und hauptsächlich durch die Ueberzeugung bewegt , daß er der Kraft ermangeln werde , seinem verworrenen Leben eine versöhnende Gestaltung zu verschaffen . Doch waren Beide , so lange er noch mit ihnen zusammen war , bemüht , ihn in seiner abgespannten , düstern Stimmung zu stützen und ihn zu einer schonenden Zurückhaltung gegen seine unglückliche Gemahlin zu bestimmen ; da sie nach dem , was sie über den edeln , aber festen und stolzen Karakter der jungen Gräfin vernommen hatten , nur annehmen konnten , daß die Erkenntniß ihres unberechtigten , durch den größten Frevel entweihten Verhältnisses , sie zu einer entschiedenen Trennung führen werde , die Beide dann gleich unglücklich machen mußte . Aber Alle blieben über den Erfolg ihrer Bemühungen unsicher . Es war neben einer kalten Verachtung des Lebens eine Bitterkeit , eine Geringschätzung gegen die Menschen und Zustände , die ihn früher beherrscht hatten , eingetreten , die sie mit Bedauern seiner geringen religiösen Entwicklung zurechnen mußten , und die ihnen wenig Hoffnung für seine Zukunft gab . Wir verlassen ihn hier , um zu erfahren , wie die Verhältnisse sich gestaltet , denen er in dieser Stimmung entgegen ging . Wenn wir die Zeit noch ein Mal auffassen , die wir uns bemühten , in ihren ungewöhnlichen Zuständen darzustellen , und wenn wir uns erinnern , welchen Standpunkt der König in dieser Steigerung aller Verhältnisse , mit einer , unsere Begriffe fast überbietenden Ausdehnung , einnahm , so werden wir vielleicht begreifen , welchen Eindruck eine persönliche Beleidigung gegen diese geheiligte Person , eine anscheinende Nichtachtung ihrer Herablassung hervorbringen mußte . Monsieur erschien augenblicklich , obwol es nicht die Stunde für ihn war , beim Könige , und Ludwig war so erstaunt , so zweifelnd an der Möglichkeit einer solchen Beleidigung , daß er unruhige und verlegene Blicke auf die erhitzten Züge seines Bruders richtete , unsicher , wie es schien , über das Befinden desselben . Aber er mußte sich endlich entschließen , diesen Angriff auf seine unbestrittene Würde anzuerkennen , und in