, daß die Prügel nicht ihm zugedacht waren , beruhigt die Arme sinken lassen , und fragte , als jetzt Stille eingetreten war , den Diakonus : » Sagen Sie mir um des Himmels willen , Herr Prediger , was bedeutete dieser wütende Auftritt und was hatte der arme Mensch seinen Angreifern getan ? « » Nichts , Ew . Exzellenz « , versetzte der Diakonus , der ungeachtet der Würde des Orts Mühe hatte , ein Lachen über den Höfling auf der Kanzel zu verbeißen . » Dieses Abklopfen des Bräutigams nach der Trauung ist ein uralter Gebrauch , den sich die Leute nicht nehmen lassen . Sie sagen , er solle bedeuten , daß der Bräutigam fühle , wie weh Schläge tun , damit er sein künftiges hausherrliches Recht wider die Frau nicht mißbrauche . « » Ja , das sind denn doch aber wunderbare Sitten ... « murmelte die Exzellenz und stieg von der Kanzel . Unten empfing sie der Diakonus sehr höflich und wurde von ihr mit drei Küssen auf der flachen Wange beehrt . Dann führte der Geistliche seinen vornehmen Bekannten in die Sakristei , um ihn von dort in das Freie zu entlassen . Der noch immer Erschrockene sagte , er müsse erst überlegen , ob er an dem ferneren Verlaufe der Festlichkeit teilnehmen könne . Der Geistliche bedauerte dagegen auf dem Wege nach der Sakristei unendlich , daß er nicht früher von dem Vorhaben Seiner Exzellenz Kunde erhalten habe , weil er dann imstande gewesen sei , Nachricht von der Prügelsitte zu erteilen und so Furcht und Schreck abzuwenden . Nachdem beide sich entfernt hatten , war Stille und Schweigen in der Kirche . Es war ein artiges Kirchlein , reinlich und nicht zu bunt ; ein reicher Wohltäter hatte manches dafür getan . Die Decke war blau gemalt mit goldenen Sternen , an der Kanzel zeigte sich künstliches Schnitzwerk und unter den Leichentafeln der alten Pfarrer , welche den Fußboden bedeckten , befanden sich sogar zwei oder drei von Messing . Reinlich und sauber wurden die Bänke gehalten , auch darauf hatte der Hofschulze mit seinem großen Einflusse hingewirkt . Eine schöne Decke zierte den Altar , über dem sich ein geschlungenes marmoriert angestrichenes Säulenwerk erhob . Hell fiel das Licht zu dem Kirchlein ein , die Bäume säuselten draußen und zuweilen bewegte ein gelindes Lüftchen , das durch eine zerbrochene Scheibe drang , die weiße Schärpe , womit der Engel über dem Taufbecken bekleidet war , oder die Flitter der Kronen , welche , von den Särgen der Jungfrauen genommen , die Pfeiler umher schmückten . Braut und Bräutigam waren fort , der Brautzug war fort , und doch war es nicht ganz einsam in dem stillen Kirchlein . Zwei junge Leute waren darin zurückgeblieben und wußten nicht voneinander und das war so zugegangen . Der Jäger hatte sich , als die Hochzeitleute die Kirche betraten , von ihnen abgesondert und war still eine Treppe zu einer oberen Prieche hinaufgegangen . Dort setzte er sich auf einen Schemel ungesehen von den andern , abgewendet von ihnen und von dem Altar , ganz für sich und allein . Er schlug sein Gesicht in seine Hand , aber das konnte er nicht lange ertragen , die Wange und Stirn glühte ihm zu stark . Das Kirchenlied drunten fiel mit seinen ernstgezogenen Tönen wie ein kühlender Tau in seine Glut , er dankte Gott , daß endlich , endlich ihm das größte Glück beschieden sei , und in die frommen Worte da unten sang er unaufhörlich seine weltlichen Verse hinein : In deinem Ernst , in deinem Lachen Gehörst du dir nach holdem Rechte ! ... Ein kleines Kind , welches sich neugierig heraufgeschlichen hatte , nahm er sanft bei der Hand und streichelte diese . Dann wollte er ihm Geld geben , aber er ließ es sein , drückte es an sich und küßte ihm die Stirn . Und als das Kind , ängstlich von den heißen Liebkosungen , die Treppe hinuntergehen wollte , führte er es sacht hinab , daß es nicht falle . Dann kehrte er zu seinem Sitze zurück und hörte nichts von der Rede und nichts von dem Lärmen , der ihr folgte , in tiefe , selige Träume versunken , die ihm seine schöne Mutter zeigten und sein weißes Schloß auf grünem Berge und ihn und noch jemand in dem Schlosse . Lisbeth war in ihrem fremdartigen Anzuge verlegen und scheu hinter der Braut hergegangen . » Ach « , dachte sie , » in dem Augenblicke , wo der gute Mensch von mir sagt , ich wäre immer natürlich , muß ich geborgte Kleider tragen . « Sie sehnte sich in die ihrigen zurück . Die Bauern , die Leute aus der Stadt hörte sie hinter sich zischelnd ihren Namen nennen , der vornehme Herr , welcher vor der Kirche dem Zuge entgegentrat , besah sie lange prüfend durch seine Lorgnette . Das alles mußte sie erleiden , als sie eben so schön besungen worden war , als ihr Herz von Freude und Entzücken überflutete . Sie trat halbbetäubt in die Kirche ein und nahm sich vor , bei dem Rückwege von dem Zuge zu bleiben , damit sie auf keine Weise wieder der Gegenstand des Gesprächs oder gar der Scherze werde , über welche sie sich seit einer Viertelstunde weit hinaus fühlte . Auch sie hörte von der Rede wenig , so sehr sie sich zwang , dem Vortrage ihres verehrten geistlichen Freundes zu folgen . Und als die Ringe gewechselt wurden , da erregten ihr die gleichgültigen Gesichter des Brautpaares eine sonderbare Empfindung , gemischt aus Wehmut , Neid und dem stillen Unwillen , daß ein so himmlischer Augenblick an stumpfen Seelen vorübergehe . Nun entstand der Tumult und da entfloh sie unwillkürlich hinter den Altar . Als es wieder still geworden war , holte sie tief Atem , zupfte an ihrer Schürze , strich sich eine Locke , die ihr auf die Stirn gefallen war , sacht zurück und faßte sich ein Herz . Sie wollte sehen , wie sie unbemerkt auf Nebenwegen zum Oberhofe zurückgelangen und der leidigen Kleider quitt werden möchte . Mit kleinen Schritten und niedergeschlagenen Augen ging sie durch einen Seitengang nach der Türe zu . Aus seinen Träumen endlich erwacht , kam der Jäger die Treppe hinunter . Auch er wollte die Kirche verlassen , wußte aber freilich nicht , wohin dann ? Sein Herz bebte , als er Lisbeth sah ; sie schlug die Augen auf und blieb schüchtern und fromm stehen . Dann gingen sie , ohne einander anzuschauen , stumm der Türe zu , auf deren Drücker er seine Hand legte , sie zu öffnen . » Sie ist verschlossen ! « rief er mit einem Laut des Entzückens , als sei ihm das höchste Glück widerfahren . » Wir sind in der Kirche eingeschlossen ! « » Eingeschlossen ? « fragte sie voll süßem Schreck . - » Warum macht Sie das bestürzt ? Wo kann man besser aufgehoben sein als in einer Kirche ? « sagte er seelenvoll . Er schlug sanft seine Arme um ihren Leib , mit der andern Hand faßte er ihre Hand , so führte er sie nach einer Bank , nötigte sie darauf nieder und setzte sich neben sie . Sie sah in ihren Schoß und ließ die Bänder an dem buntfarbigen Jäckchen , welches sie trug , durch die Finger gleiten . Er hatte seinen Kopf auf dem Betbrette aufgestützt , sah sie von der Seite an und berührte das Häubchen , welches sie trug , wie um den Stoff zu prüfen . Er hörte ihr Herz klopfen und sah ihren Hals gerötet . - » Nicht wahr , es ist ein abscheulicher Anzug ? « fragte sie nach langem Schweigen kaum hörbar . - » Oh ! « rief er und knöpfte seine Weste auf , » ich sah nicht nach dem Anzuge ! « - Er faßte ihre beiden Hände , drückte sie stürmisch gegen seine Brust und zog sie dann von der Bank . » Ich ertrag ' s nicht so still zu sitzen ! Lassen Sie uns die Kirche besehen ! « rief er . - » Hier ist wohl nicht viel Sehenswürdiges « , versetzte sie zitternd . Er ging mit ihr zu dem Taufsteine , auf dessen Grunde noch etwas von dem heiligen Naß stand , denn es war vor der Hochzeit schon eine Taufe in der Kirche gewesen . Sie mußte mit ihm auf den Grund und in das Wasser hinabsehen . Dann tauchte er den Finger hinein und netzte erst ihre und dann seine Stirn . » Um Gottes willen , was machen Sie ? « rief sie ängstlich und wischte rasch die ihr frevelhaft dünkende Befeuchtung ab . - » Wiedertäuferei treibe ich « , sagte er wunderbar lächelnd . - » Dieses Wasser weiht die Geburt zum Leben , und dann geht das Leben so fort - lange , lange , heißt Leben und ist keins - und dann bricht das wahre Leben auf , und man sollte dann von neuem taufen . « - Sie wurde ängstlich in seiner Nähe und stammelte : » Kommen Sie , ein Ausgang wird durch die Sakristei zu finden sein . « - » Nein « , rief er , » erst die Totenkronen wollen wir besehen ; zwischen Geburt und Grab erlebt unser Leben sein Leuchtendes , sein Schönes ! « - Er führte sie zu der stattlichsten Totenkrone am gegenüberstehenden Pfeiler und murmelte auf dem Wege mit trunken-irren Blicken die Stelle von Gray , welche mit seinen übrigen Gedanken nicht zusammenhing , und auf welche ihn nur der Ort bringen konnte : » Viel Tropfen reinsten Glanzes bergen des Meeres dunkele unermessene Tiefe , viel Blumen brachen auf , um ungesehen zu blühen und ihre Süße an die öde Luft zu verschwenden ! « Dachte er an das Mädchen , von dessen Sarge die strahlende Totenkrone war ? - Ich weiß es nicht . - Flittern und glänzende Ringe hingen an dünnem Zindel herunter . Er riß zwei Ringe ab und flüsterte : » Ihr seid nur schlechte Reifen , aber zu köstlichem Gold will ich euch weihen und heiligen ! « - Er steckte , ehe die Lisbeth es verwehren konnte , ihr den einen und den andern darauf sich an . Dabei sah er zornig aus , seine Lippen schürzte ein erhabener Unmut , er legte seine geballte Faust dem Mädchen auf den Nacken , als wollte er sie züchtigen , daß sie seine Seele ihm entwendet habe . In diesem starken jungen Gemüte riß die Liebe , wie ein Waldstrom im Gebirge , tiefe Schluchten und Spalten . » Oswald ! « rief sie und trat vor ihm zurück . Es war das erstemal , daß sie seinen Vornamen nannte . - » Wir können das ebensogut tun , wie die dummen Bauern « , sagte er , » und sind keine anderen Ringe zur Hand , so nehmen wir sie vom Sargschmuck , denn das Leben ist stärker als der Tod . « - » Nun gehe ich « , seufzte sie atmend und wankte . Ihr Busen flog , daß das Mieder wild bewegt wurde . Aber schon hatten seine starken Arme sie umstrickt und aufgehoben und vor den Altar getragen . Dort ließ er sie nieder , die halb ohnmächtig an seiner Brust lag , und stammelte schluchzend vor Liebesweh und Liebeszorn : » Lisbeth ! Liebe ! Einzige ! Entsetzliche ! Feindin ! Räuberin ! Vergib mir ! Willst du mein Du sein ? Mein ewiges , süßes Du ? « Sie antwortete nicht . Ihr Herz schlug an seinem , sie schmiegte sich ihm an , als wollte sie mit ihm verwachsen . Ihre Tränen flossen auf seine Brust . Nun hob er ihr Haupt empor , und die Lippen fanden sich . In diesem Kusse standen sie lange , lange . Dann zog er sie sanft neben sich auf die Kniee nieder , und beide erhoben vor dem Altare betend die Hände . Sie konnten aber nichts vorbringen als : » Vater ! lieber Vater im Himmel ! « Und das wurden sie nicht müde , mit wonnezitternder Stimme zu rufen . Sie riefen es so zutraulich , als ob der Vater , den sie meinten , ihnen die Hand reiche . Endlich verstummte dieses Rufen und sie legten das Gesicht schweigend an das Altartuch . Mit dem Arme aber umschlang eines des andern Nacken , die Wangen glühten , eine an der andern , und die Finger spielten sanft in den Locken . Es war keine Unruhe mehr in den Herzen ; sie schlugen still und gleichmäßig . So knieten die beiden eine Zeitlang vereinigt lautlos im Heiligtume . Plötzlich fühlten sie ihre Häupter leise angerührt und sahen empor . Der Diakonus stand zwischen ihnen mit leuchtendem Antlitz und hielt seine Hände segnend auf ihren Scheiteln . Er war zufällig aus der Sakristei noch einmal in die Kirche getreten und hatte mit gerührtem Erstaunen die Verlobung gesehen , die hier abseitig der Hochzeit und im Angesichte Gottes zustande gekommen war . Auch er redete nicht , aber seine Augen sprachen . Er zog den Jüngling und das Mädchen an seine Brust und drückte seine Lieblinge herzlich an sich . Dann ging er mit dem Paare , es führend , in die Sakristei , um es von dort zu entlassen . So gingen die drei aus der kleinen , stillen , hellen Dorfkirche . Sechstes Kapitel Die ferneren Ereignisse eines Hochzeittages Unterdessen hatte sich das Hochzeitgefolge mit den Musikanten und dem Brautpaare wieder im Oberhofe eingefunden , und alles stand und saß im Flur , Hof und Garten umher . Noch immer loderten die Feuer und waren die Mägde geschäftig . Die farbigen Jacken der Mädchen , die sonderbar geformten Schneppenhauben der Frauen und die lichtblauen Röcke der Männer gaben der Szene ein buntes und fremdartiges Ansehen . Der Oberhof hatte sich ganz mit Menschen erfüllt , denn es waren wohl an die hundert Personen versammelt , welche der Brautvater hatte einladen lassen . Steinhausen , der Spaßmacher , war auch schon unter ihnen , verhielt sich aber noch still , denn seine Stunde sollte erst nachmittags kommen . Um das Brautpaar bekümmerte sich niemand sonderlich . Der Bräutigam half den Tisch im Flure decken . Die Braut saß mit den beiden ihr treugebliebenen Brautjungfern für sich und in einiger Entfernung von den übrigen Frauen unter den Linden im Hofe . Zuweilen und insoweit sie sich von ihrem Getränke abmüßigen konnten , spielten die Musikanten , denen ein besonderer Tisch im Baumgarten angewiesen worden war , kurze Stücklein , ohne jedoch eine eigentliche Aufmerksamkeit zu erregen , denn die meisten hielten ihren Sinn nur auf die weißbedeckten Tafeln geheftet , auf welchen nun die Mägde allgemach anzurichten begannen . Der Brautvater hatte unterdessen von neuem Gelegenheit gehabt , seine Fassung zu erweisen . Zwar , daß ihm der Diakonus , als er in den Hof kam , verkündigte , die fremde Exzellenz , welche er soeben im Kruge bekomplimentiert , sei von ihm ungeachtet des Schrecks in der Kirche dennoch veranlaßt worden , die Hochzeit zu besuchen , konnte seinem Stolze nur behaglich sein . Aber sonst ging so manches bei dem Pläsier , wie er für sich hinmurmelte , nicht in der gehörigen Manier . Schon daß seine Voraussagung eintraf und daß ihn bei der Rückkehr in den Oberhof ein jeder befragte , warum Hölscher nicht komme ? war ihm sehr verdrießlich gewesen . Dann verdroß es ihn , daß die dritte Brautjungfer Lisbeth zurückgeblieben war und nicht , wie sich gebührte , bei seiner Tochter saß . Der Hauptmann , der heute seinen preußischen Tag hatte und das Eiserne Kreuz trug , steigerte den Ärger . Nach uralter Sitte war nämlich für die vornehmen und städtischen Gäste im Flure gedeckt worden , und für die geringeren Leute im Baumgarten . Denn der Bauer , welcher nicht zum Vergnügen , sondern in Last und Plage viel draußen sein muß , hält das Obdach des Hauses für den besten Segen und glaubt den zu ehren , dem er dieses anbietet . Der Hauptmann aber , der rasch einsah , daß der Aufenthalt in der heißen und dumpfen Enge unangenehm sein werde , ordnete an und kommandierte , daß er mit der Braut , dem Pastor , dem Brautvater und dem Sammler im Baumgarten speisen wolle , ließ auch sofort die Gabeln , welche die vornehmen Gäste ausnahmsweise bekamen , nach der Tafel im Freien tragen . Es war dies schon geschehen , als der Hofschulze hinzukam und mit großem Unmute die abermalige Abweichung vom Hergebrachten gewahrte . Er stieß einen tiefen Seufzer aus , welches bei ihm ein Zeichen verhaltenen Zornes war , bezwang sich indessen und äußerte gegen den Hauptmann , der ihn militärisch kurz fragte , ob er des Henkers gewesen sei , daß er seine Freunde aus der Stadt habe am Herde rösten wollen ? mit gehaltener Höflichkeit : Wie die Herrschaften es sich am liebsten einrichteten , so sei es ihm auch recht und angenehm . Aber dem Diakonus , der ihn darauf beiseite nahm , um eine Angelegenheit von Wichtigkeit mit ihm zu ordnen , hielt er desto hartnäckiger Stich . Der Diakonus wollte nämlich seinen unglücklichen Küster von dem Aufwartedienste frei haben , weil er wirklich befürchtete , daß das Ehr- und Rechtsgefühl dieses Mannes es auf den äußersten Widerstand ankommen lassen und vielleicht die völlige Störung des ganzen Hochzeitfestes herbeiführen werde . Bei diesem Punkte fühlte sich jedoch der Hofschulze zu fest in seinen begründeten Ansprüchen und verblieb unweigerlich dabei , daß der Küster die Gäste bedienen müsse , da der alte Schulmeister gestorben und ein neuer noch nicht angekommen sei . Aus seinen Reden ging hervor , daß er einen Küster nur für die Spielart eines Schulmeisters hielt , wie denn in der Tat auch an vielen Orten beide Posten in einer Person vereinigt zu sein pflegen . Der Geistliche suchte mit aller Gelassenheit ihn durch verschiedene Gründe auf andere Gedanken zu bringen , und schlug endlich vor , den Spaßmacher Steinhausen zum zweiten Aufwärter zu ernennen . Dieser Vorschlag verletzte aber recht eigentlich den Hofschulzen , er erklärte dem Diakonus , daß er nur deshalb , weil der Herr noch nicht lange in der Gegend sei und darum die Manieren nicht innehaben könne , ihm die Rede hingehen lasse . Denn erstlich sei nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen einem Schulmeister und dem Spaßmacher , und zweitens werde es ja für seinen Eidam im höchsten Grade despektierlich sein , einen solchen Kompagnon zu haben . Die Debatte dauerte zwischen beiden Männern unentschieden fort . Sie wurde mit Anstand und Ruhe geführt , aber ein Ende und Ziel ließ sich nicht voraussehen . Dies war um so beklagenswerter , als bereits die meisten Suppenkübel und Schüsseln auf den Tafeln dampften , und alles nach der Mahlzeit verlangte , die doch ohne die gehörige Aufwartung nicht zustande kommen konnte . Der Küster hatte sich , da er seine Sache in guten Händen sah , aus Politik , um nicht persönlich überrumpelt zu werden , auf einige Zeit vom Oberhofe entfernt . Er ging zwischen den Wallhecken spazieren , und mit ihm ging einer der fremden Hochzeitgäste , ein alter Schirrmeister , der im nächsten Postorte gerade seine zehn Ruhestunden genoß , und die Gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen wollen , vom Hochzeitbraten zu kosten - ein weitläuftiger Anverwandter des Hofschulzen . Er gehörte zu den ausgedienten Kriegsknechten , die nach vielen Mühen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen . Der Ruheposten unseres Schirrmeisters gestattete ihm viermal im Monat sein Bette aufzusuchen , sonst lag er bei Nacht und bei Tage auf der Landstraße . Er hatte so viel Kupfer auf der Nase , als ein rechtschaffener Schirrmeister haben muß , war ein Fünfziger , d.h. hoch in den Fünfzigen , rüstig und wacker , und litt nur von seinen Feldzügen her an der Gicht , die ihn zuweilen ganz kontrakt machte . Der Küster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit vor Tische vom menschlichen Leben und vom höchsten Gute . - » Wenn man so wie ich auf vielen Hochzeiten gewesen ist « , sagte der Küster , » wenn man sieht , wie die jungen Leute einander heiraten , nach neun Monaten ein Kind kriegen , und dann immer so fort , jedes Jahr ein frisches Kind - nun stirbt dieses und jenes Kind , und die , welche leben bleiben , heiraten nach mehreren Jahren auch , und zuletzt stirbt alles miteinander , und hat das , wenn man seine sechzig Jahre auf den Schultern trägt , wie gesagt , einige Male mit durchmachen müssen , so kommt einem das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel , die sich immer umdreht . « » Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor « , sagte der Schirrmeister . Der Küster sah seinen Gefährten lange erstaunt an und sprach darauf : » Dieser Gedanke ist ganz neu , denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Büchern , die ich doch gelesen habe . « Der Schirrmeister fühlte sich geschmeichelt und versetzte : » Unterweges fällt unsereinem allerhand ein . Es soll mir ganz recht sein , wenn dieser Gedanke noch nirgendwo geschrieben steht , denn Bücher zu lesen habe ich freilich keine Zeit . « Der Küster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermaßen fort : » In dieser vernünftigen Fassung über das menschliche Leben sänftigen sich auch die menschlichen Wünsche . Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr obenaus und wollte platterdings Theologie studieren . Frühprediger mußte ich wenigstens werden ; das stand fest . Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte Sache , und die Lehrer hatten nicht die Manier , daß man etwas begreifen konnte . Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Küster , wozu man freilich auch nicht ohne Gaben sein darf . Gegenwärtig habe ich eigentlich nur noch drei Wünsche auf dieser Welt . « » Und die sind ? « fragte der Schirrmeister . » Erstlich wünsche ich , daß jemand einmal ein ordentliches und ausführliches Buch von Küstersachen schriebe und darin auseinandersetzte , worin das Amt und die Würde eines Küsters besteht , was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht . Denn alles will uns jetzt zu Leibe , und es gibt keinen angefochteneren Stand , weshalb es dann ein wahres Bedürfnis der Zeit wäre , daß in den Vorstellungen über Küster und Küstereien einmal wieder bessere Ordnung gestiftet würde . « » Was ich mir wünsche , ist geringer « , sagte der kupfernasige Schirrmeister . » Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden , man lernt auf jeder Station andere Menschen kennen , es gibt immer etwas Neues , und die fremden Gegenden auf dem Kurs verschaffen einem auch beständig Abwechselung . Hat man einmal Langeweile , nun , so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel , kurz , ich möchte diesen Beruf mit keinem anderen vertauschen und wäre ganz glücklich , wenn ich nur ein einziges Mal tüchtig schwitzen könnte . « » Tut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu ? « fragte der Küster . » Not sehr , denn das Reißen in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt von Jahr zu Jahr zu . Das ist auch ganz regulär , denn dergleichen Übel mehren sich immer , wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus muß . Könnte ich aber einmal so recht von Grund der Seele schwitzen , ich hätte wohl auf einige Zeit Ruhe . Dazu gelange ich indessen nie , weil ich nur viermal im Monate zu Hause schlafe . « » Dann könnten Sie ja doch schwitzen « , sagte der Küster . » Keine Möglichkeit . Habe es versucht , aber die Gedanken lassen den Schweiß nicht vorbrechen « , versetzte der Schirrmeister . » Nämlich , wenn ich eben ein paar Stunden im Bette gelegen habe und der Fliedertee nun seine Wirkung tun will , so fange ich an zu denken : jetzt füttern die Pferde , die du vorgelegt kriegst , jetzt wird schon der Wagen geschmiert , nun stehen der Herr Sekretär auf , nun sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Charten und Papiere fertig machen , alleweile ist der Briefzettel geschrieben , und alleweile die Personenkarte - da schlägt es sechs , und ich muß aufstehen , trocken , wie ich mich hinlegte , denn wenn man seine völlige Ruhe nicht hat und an andere Dinge denken muß , so löst sich die Natur nicht , und wenn man den Fliedertee eimerweis tränke . Dieses fehlt also an meiner völligen Zufriedenheit , und so ist das menschliche Glück nie vollkommen . « » Ja « , sagte der Küster , » es mangelt immerdar etwas , welches auch heilsam sein mag , denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel . - Mein zweiter Wunsch wäre , daß doch endlich ein Einsehen getan würde und alle Hunde abkämen , oder wenigstens mit Knüppeln vor den Beinen umherlaufen müßten , wegen der möglichen Tollheit . Hier an dieser Stelle , Schirrmeister , war es , wo ich durch eine solche Kanaille , die von jener Wallhecke herabsprang , am letzten Zinstage einen Todesschreck hatte . Man sollte überhaupt seinen Nebenmenschen vor Alterationen mehr behüten und bewahren . Tolle Menschen läßt man auch viel zu frei umhergehen . So habe ich zu meinem Erstaunen gehört , daß der übergeschnappte Schulmeister von Hackelpfiffelsberg , welcher eine Zeitlang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt war , seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist . Wenn einem nun unversehens dieser Wütige begegnete - « Aber der Küster konnte seinen Satz nicht enden , denn es ereignete sich etwas , was selten vorzukommen pflegt , nämlich : der Wolf in der Fabel erschien . Um die Ecke herum trat nämlich plötzlich mit einer Flinte bewaffnet der Schulmeister Agesilaus oder vielmehr Agesel in der veilchenblauen Pekesche mit Sammetvorstößen . Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Männer zu , denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe . Aber ihn sehen , einen Laut des Schreckens ausstoßen , sich blitzschnell umkehren und mit gewaltiger Schnelligkeit entfliehen , war bei dem Küster eins . Er lief , die Hände vorgestreckt , spornstreichs nach dem Hochzeithause und stürzte mit dem Geschrei : » Rettet euch ! « unter die Gäste , die alsobald aufgestört , teils den Küster in bewegten Gruppen umwogten , teils zum Flüchten Anstalt machten . Der Hofschulze , welcher von der allgemeinen Unruhe nicht angesteckt wurde , trat fragend zum Küster und erhielt von ihm den Bescheid , daß einer oder mehrere Tolle , ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nähe ausgebrochen sei , und die verrückte Gesellschaft , furchtbar mit Flinten und Keulen bewaffnet , sich nahe . Die Weiber erhoben ein Geschrei , der Hofschulze , welcher von sich auf andere schloß und nicht annehmen konnte , daß die Furcht in dem Maße übertreibe , wie hier der Fall war , machte zum ersten Male in seinem Leben ein verlegenes Gesicht , und alles war in Bestürzung - als der Schirrmeister mit dem vermeintlichen Tollen in den Hof trat . » Agesel ! « riefen alle , die ihn kannten , und deren waren nicht wenige . » Ist dieses das ganze entsprungene Irrenhaus ? « fragte der Hauptmann . » Ihr seid und bleibt ein Poltron , Küster ! « - » Man kann noch nicht wissen - « stammelte der zitternde Küster , der seinen Versteck hinter der Exzellenz vom Hofe , die indessen auch unter den Gästen eingetroffen war , genommen hatte , vermutlich weil er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte . Die Exzellenz sah verwundert umher und wußte abermals nicht , woran sie war . Agesel warf einen wehmütigen Blick auf die Versammlung , einen schmerzlichen gen Himmel und sagte dann seufzend : » Ich ahne recht wohl , was dieser Vorgang zu bedeuten hat . Ja , wer einmal einem gewissen Unglück unterworfen gewesen ist , vor dessen Schritten fleucht immerdar die Furcht her und ruft : Geht aus dem Wege ! - Meine Herren aus der Stadt ! Ich kann Sie versichern , daß ich gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin . Euch Bauern , die ihr dies vielleicht nicht verstehen würdet , sage ich , daß es bei mir keinesweges rappelt , sondern daß ich auf den Oberhof komme , um mich nach der Pflegetochter vom Schlosse zu erkundigen . Wer mir das glauben will , der tut wohl daran , und wer es nicht glauben will , der kann es bleiben lassen . Die Flinte , welche den Küster vielleicht erschreckt hat , habe ich droben am Freistuhl , bei dem ich vorbeikam , im Walde gefunden . Schaft und Rohr lagen gesondert und zum Teil beschädigt an verschiedenen Stellen , mich jammerte das gute Eisen und Holz , ich band es notdürftig mit Bast und Bindfaden zusammen , und stellte so den Anschein einer Flinte dar , welcher aber , wie der Augenschein lehrt , durchaus unschädlich ist . « Er zeigte das zusammengeflickte Schießgewehr vor , welches , wie man leicht errät , das des Jägers war . Wer es zu sehen bekam , überzeugte sich mit einem Blicke , daß es keine Gefahr bringen könne . Die gesetzten Reden des Schulmeisters brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege . Dem Diakonus kam plötzlich ein Gedanke , durch den so unvermutet in die Hochzeit eintretenden Agesel den ganzen Streit über das Aufwarten beizulegen . Er sagte dem Hofschulzen seine Meinung , dieser billigte