von Ihrer Mentorschaft gehört und herzlich darüber gelacht zu haben . Nun , Ihre Erziehungsplane sind nicht geglückt , anstatt eines Kunstprodukts hat Natur das wundersamste , entzückendste Geschöpf ausgebildet . Ich behaupte , wer sie tanzen gesehn , kann nie wieder ganz unglücklich werden . Wäre ich ein Freund von Paradoxen , so würde ich sagen : Sie tanzt Geschichte , Fabel , Religion , ihre begeisterten Wendungen und Stellungen weihen uns in die geheimsten Dinge ein . Unter uns muß ich Ihnen gestehen , daß jenes Märchen , mit welchem ich in Medons Hause so viel Glück machte , nur der schwache Nachhall einer Pantomime war , durch die sie an einem unvergeßlichen Mondabende meine Sinne außer Fassung gesetzt hatte ! « » Verzeihen Sie meinem Erstaunen , gnädigster Prinz « , rief Hermann , » wenn ich unbescheiden werde , und mir eine Frage erlaube ! Sie sprachen das Wort : Frau , aus . In welcher Verbindung steht dasselbe hier ? « Der Prinz lachte und versetzte : » In der natürlichsten von der Welt . Der närrische Domherr , mit dem wir manchen Scherz getrieben haben , entführte sie , um sie , es koste , was es wolle , zu seiner Frau zu machen , von der abgeschmacktesten Theorie beherrscht , die ihm ein Schalk in den Kopf gesetzt hatte . Die Heirat kam wirklich in reißender Schnelligkeit zustande , und kurz darauf starb der Domherr , völlig beruhigt , wie man sagt , über seine Fortdauer nach dem Tode . Das junge Witwenkind lebt nun , wenn sie nicht , wie jetzt , zu kurzem Besuche nach der Stadt kommt , auf der Villa ihres Eheherrn , wo sich die albernsten Verhältnisse angesponnen haben . « Er verbeugte sich gegen Hermann , und ging zu Flämmchen , die ihn mit zierlicher Begrüßung empfing . Der Prinz deutete nach Hermann hinüber , Flämmchen erblickte diesen , und die hellste Freude loderte über ihr Antlitz . Er , etwas Auffallendes an diesem öffentlichen Orte besorgend , trat rasch durch eine Kommunikationstüre in einen Vorraum zurück . Die Treppe hinuntergehend , flüchtete er sich zu den Antiken und Vasen , welche man in den Gemächern des Erdgeschosses aufgestellt hatte . Hier war es menschenleer . Er schritt hin und her und überlegte , wie und wo er seinen ehemaligen Schützling am besten sprechen möchte , als aus einem Seitenkabinette Flämmchen hereinflog . Mit dem Rufe : » Liebster ! Bester ! Einziger ! « hing sie ihm am Halse und die leidenschaftlichsten Küsse brannten auf seinen Lippen . » Habe ich dich endlich wieder ! « rief sie , indem sie ihm Augen und Stirn küßte . » Nun aber werde ich dich nicht lassen , nun sollst du mein werden , sie mögen tun , was sie wollen . « Hermann war in großer Verlegenheit , jeden Augenblick fürchtete er , Zeugen dieser befremdlichen Szene eintreten zu sehn . Er suchte sich ihren Armen zu entwinden ; sie hielt ihn aber fest , und rief : » Sei doch nur auf diese wenigen Augenblicke mein Freund , mein Geliebter , nicht lange wird die Wonne dauern , das abgeschmackte Volk oben , dem ich davongelaufen bin , wird bald kommen , mich zu suchen . Laß deine arme Flamme die kurze Zeit an dir glühen ; ach , du weißt es freilich nicht , wie einem Mädchen zumute ist , die nicht an Gott und Teufel , nicht an Himmel und Hölle , sondern nur an ihren Liebsten , an das süße Fleisch und Blut glaubt ! Siehst du , ich bin erwachsen , ich spreche im Zusammenhange , das rührt daher , weil ich kein Kind mehr bin . « » Beruhige dich , mein Flämmchen « , sagte Hermann , » erzähle mir ordentlich , wie es dir gegangen ist , ich hörte Dinge , die mir unglaublich vorkamen . « » Etwa , daß ich Witwe bin ? « versetzte sie , überlaut lachend . » Ja , ich bin eine , und müßte eigentlich Schwarz tragen , denn der Domherr ist erst seit sechs Wochen tot , aber ich traure in Rot und Gelb , wie die Bäume , wenn die Blätter abfallen . Setze dich in den Großvaterstuhl , frage , und ich will Antwort geben . « Sie drückte ihn in einen antiken Lehnsessel , hockte sich vor ihm nieder , und lehnte ihr Haupt an sein Knie . » Wie hat sich deine Heirat so rasch gemacht ? Wer sind deine Begleiter ? Wer nimmt sich deiner an ? « fragte er . » Der Domherr bat mich inständig darum , die Alte redete mir so lange zu , daß ich es ihm zu Gefallen tat , und dann tat ich es auch , um dich zu ärgern , weil du mich so ganz vergessen hattest . Denn ich wußte doch , daß es dir leid sein würde , wenn du mich als Frau fändest . Die Jungen mit den hohen Halsbinden und Backenbärten machen meinen Viehstall aus , sie haben sich alle in mich verliebt , und müssen sich gefallen lassen , was ich mit ihnen vornehme ; den Dicken nennen sie den Kurator . Die Verwandten meines Mannes haben ihn angestellt , mich zu beaufsichtigen ; die Alte sagt , ich sei guter Hoffnung , ich wüßte zwar nicht , wie es zugegangen sein sollte , aber die Verwandten sind doch bange , daß ihnen die Erbschaft entgehn möchte , und darum muß er mich bewachen . Nun ist es ein himmlischer Spaß , daß der dicke Sünder sich auch in mich vernarrt hat . Er schleicht mir nach , seufzt und stöhnt ; ich könnte ihn weit führen , wenn ich nicht auf Tugend hielte . Die Alte nimmt sich meiner in Treuen an , sie spricht oft dummes Zeug , ich glaube , das alte Weib ist zuweilen etwas verrückt , aber ich könnte doch ohne das gute Tier nicht leben . Nun habe ich dir auf alles geantwortet , jetzt tue auch mir so auf meine Frage : Wirst du deine Flamme in ihrem Häuslein besuchen , und bald ? « » Liebes Herz « , sagte Hermann , » das kann ich dir nicht gewiß versprechen . Ich habe noch manches hier abzutun , auch führst du allem Anscheine nach eine sonderbare Wirtschaft , zu welcher ich eben nicht passen würde . « » Nicht ? Nicht ? « rief sie mit dem wilden Ausdrucke , welcher ihn erschreckt hatte , als er sie zum ersten Male in der Höhle traf . Blitzschnell hatte sie einen Dolch aus dem Busen gerissen , und die Spitze würde in ihrer Brust gesessen haben , hätte er nicht ihren erhobnen Arm festgehalten . » Was wolltest du tun , wahnsinniges Kind ? « fragte er entsetzt . » Mich erstechen « , sagte sie gleichgültig . » Du bist , wie du warst , Holz und Stein , was soll Flämmchen auf der Welt ? « » Ich will ja zu dir kommen ! « rief er bestürzt . - » Bald ? « - Er bejahte . » So schwöre mir ' s zu den Füßen dieser Liebesgöttin . « Er tat , was sie begehrte , um sie nur zufriedenzustellen . Ihr Schwarm drang herein , sie suchend . Flämmchen trat ihnen mit komischer Würde entgegen und sagte : » Dieser ist ein alter Bekannter von mir , und wenn der einmal zu mir kommt , habt ihr euch alle zum Hause hinauszuscheren , mit Ausnahme des Dicken , der ein vernünftiger Mann ist und eine anständige Gesellschaft für ihn . « Sie ging , ohne nach Hermann sich weiter umzublicken , oder ihm Lebewohl zu sagen . Neuntes Kapitel Was er in den folgenden Tagen von der Lebensweise Flämmchens hörte , war das Ausschweifendste von der Welt . Sie hatte wirklich in ihrem einsamen Landhause eine Art von Hof oder Menagerie , wie man es nennen will , versammelt , bestehend aus den wildesten jungen Leuten der Residenz , die , durch den Ruf ihrer Schönheit angelockt , dorthin geströmt waren . Mit ihnen wurden die tollsten Streiche verübt , zuweilen toste dieses wütende Heer bei Nacht auf schnellen Pferden unter entsetzlichem Geschrei durch die Gegend , so daß die Landleute in ihren stillen Hütten sich vor dem Unwesen segneten , oder man sprengte falsche Nachrichten von Räuberbanden und Unglücksfällen aus , welche Scharwachen und Beamte aufregten , so daß sich auch schon die Polizei hier in das Mittel hatte legen wollen , jedoch höheren Ortes bedeutet worden war , solches zu unterlassen , da sich denn doch alles außer dem Bereiche eigentlicher Vergehungen hielt . Am brausendsten aber schäumte Flämmchens üppige Lebenskraft im Tanze aus . Täglich war Ball bei ihr , wozu man freilich die Damen unter den Hausmädchen und den Bauerdirnen der Nachbarschaft suchen mußte , denn anständige Familien wollten ihre Töchter zu diesen Vergnügungen nicht abordnen . Wer Flämmchen tanzen gesehen , sprach darüber , wie der Prinz ; einstimmig erklärte man , daß keine Beschreibung den Zauber dieser Anschauung wiedergeben könne . Die Seitenverwandten des Domherrn , lüstern nach dem Besitze der beträchtlichen Erbschaft , und erschreckt durch die Angabe von Flämmchens Zustande , welcher , wenn er gegründet war , ihnen ihre Aussicht entzog , hatten in dieses Gewirre jenen ältlichen Mann als Aufseher gesendet . War Flämmchens Angabe über ihn richtig , so konnte freilich sein Amt nicht wohl schlechter versehen sein . Zum Teil hörte Hermann diese Dinge aus Flämmchens Munde selbst , welcher er eine Zusammenkunft in ihrem Gasthofe nicht hatte abschlagen können . Dort , den Kopf an seine Brust gelehnt , ihn mit beiden Armen umklammernd , tat sie ihm Entdeckungen , welche man von einem so leichtfertig erscheinenden Wesen nicht hätte erwarten sollen . Es waren abgebrochne Schmerzenstöne , nur der Ahnung verständlich , in geordneten Worten kaum auszusprechen , am wenigsten auf dem Papiere . Der Naturgeist zuckte hier gleichsam in seiner ganzen neckischen Ungebundenheit unter seiner menschlichen Hülle , All und Individuum lagen miteinander im Streite , und aus ihrem Ringen entsprangen die Zuckungen , welche äußerlich wie Possen aussahn . Merkwürdig waren ihm besonders ihre Geständnisse , wie sich die unbesiegliche Lust zum Tanze in ihr entwickelt habe . » Als du mich in die grüne Einöde zu der Alten gebracht hattest , wurde ich von einer unsäglichen Angst befallen « , sagte sie . » Die Berge und Felsen wuchsen mir in der Brust , die Zweige der Bäume wanden sich durch meinen Kopf und peitschten , vom Sturme geschüttelt , mir das arme Hirn wund , ich fühlte in mir die Kräuter und Moose stechend sprießen , und mir war , als flösse ich auseinander , dahin nach weiten kahlen Eisfeldern und dorthin nach blutroten Granatenbüschen . Ich wollte mir Luft machen in Worten , aber die Zunge versagte mir den Dienst , ich wollte es abzeichnen , mein Elend , an hoher Steinwand , aber die Hand sank lahm herunter , da merkte ich , daß meine Füße sich zu regen begannen , daß meine Arme folgten , der Leib in sanften Drehungen sich schwang , Erlösung zu finden von dem Inneren , Großen , Entsetzlichen ; ach wie süß schlummerte ich nach dieser Anstrengung ein , Fels , Berg , Baum und Kraut standen wieder außer mir , der Mond wurde mein bester Freund ! Das ist nun der Tanz , den ich nicht lassen kann , der mich mir selbst wiedergibt , wenn der Weltgraus mich überwinden und in mir einziehen will . Könntest du mich lieben , und immer bei mir sein , so wäre alles gut , dann hätte ich eine Stütze und würde auch aufhören zu tanzen ; leider wird es nicht so gut werden . « Sie nahm ihm noch einmal das Versprechen ab , sie recht bald zu besuchen , was er ihr nun um so lieber gab , als er einsah , daß sie in ihrem wilden Treiben dem Verderben zueile , und hoffen durfte , durch seine Anwesenheit auf der Villa vielleicht manches ordnen und schlichten zu können . Dies sollte den Abschluß der Verwicklungen bilden , welche sein Leben , wie er sich überzeugte , seit einigen Jahren unnütz aufgesponnen hatten . Er hatte die Freiheit von bürgerlichen Verhältnissen gesucht , und nicht bedacht , daß eine solche eigentlich ganz in das Leere führe . Er hatte überall auf die gutmütigste Weise geholfen , und die Welt war indessen unbekümmert um ihn ihren selbstischen Gang weitergeschritten . Sein Vermögen erschöpfte der unüberlegte Ankauf im Badischen ; er konnte in Not geraten . Alles drängte ihn zu einer vernünftigen Entsagung , zu einer bescheidnen Rückkehr . Nach mancher Träne bittern Unmuts , die er verweinte , beschloß er , die Verhältnisse wieder aufzunehmen , auf welche er so stolz herabgesehen hatte , und die Vorbereitung zu einem Staatsamte aufs neue zu beginnen , die ihm früher so unleidlich geworden war . Wilhelmi , dem er seinen Vorsatz mitteilte , lobte ihn sehr , und bestärkte ihn darin . Durch dessen eifrige Bemühung wurde er des fernen Grundeigentums entledigt , freilich mit großer Einbuße , indessen zog er so viel aus diesem Handel noch heraus , daß er sich eine Zeitlang allenfalls damit hinhalten konnte . Wilhelmi tröstete ihn , wenn er ihn schwermütig sah , und seine Klagen über die verlornen Jahre hörte . » Was ist es weiter ? « rief er . » Du hast eine Weile vagabundiert , das wird dir doch zugute kommen . Viel besser ist es so , als wenn du dich , wie ich , zu früh gefesselt hättest . Die Jugend soll verschwärmt werden , manches ist gewiß an dir hangen und kleben geblieben , wovon du jetzt selbst nichts ahnest . « » Ich will es wünschen « , versetzte Hermann , » wenn ich es gleich nicht zu hoffen wage . Der Reichtum eines sogenannten bewegten Lebens ist wohl nur täuschend . Von einem Punkte aus soll der Mensch erwerben . Wer , zerstreut , von der Mannigfaltigkeit Resultate begehrt , kommt mir wie einer vor , der mit verdecktem Teller in einer gemischten Gesellschaft sammeln geht ; die Summe pflegt nicht groß zu sein , wenn der Teller abgehoben wird . « Er mietete ein stilles Quartier in der entlegensten Gegend der Stadt , schaffte sich juristische Bücher an und tat die nötigen Schritte , seine bürgerliche Laufbahn wieder zu betreten . So gewann es den Anschein , als solle der Strom seines Daseins , wie der so vieler , nach kurzem mutigem Laufe im Sande der Gewöhnlichkeit auslöschen . Zehntes Kapitel Die Sozietät pflegt sich für unangreifbar zu halten , schon die leiseste Verletzung des Persönlichen erscheint wie ein Attentat . Dann bricht plötzlich etwas ganz Unerwartetes , Niebefürchtetes in diese Kreise ein , alle Bande sind auf einmal zersprengt , und eine Geisterfurcht ergreift die Menschen . Von solchen Gefühlen wurde Hermann bestürmt , als Wilhelmi eines Abends atemlos auf seine Klause mit der Nachricht trat , daß Medon verhaftet worden sei . Über den Grund dieses erschreckenden Vorfalls konnte er nichts Näheres angeben , nur so viel wußte er , daß derselbe mit den Untersuchungen gegen die Demagogen zusammenhange . Hermann eilte in der Hoffnung , daß ein falsches aberwitziges Gerücht den Freund betrogen habe , nach Medons Wohnung . Leider fand er hier die Sache nur zu wahr . Er hatte Mühe , in das Haus zu kommen , welches scharf bewacht war . Auf dem Flur standen Koffer und allerhand Reisegepäck ; durch eine Glastüre blickte er in das Zimmer , worin er so manche lehrreiche Stunde erlebt hatte ; Medon , dem vorderhand nur Hausarrest gegeben worden war , saß darin auf dem Sofa , sah blaß und angegriffen aus . Der Gerichtsbeamte stand neben ihm und schien ihn zu verhören . In andern Zimmern wurde versiegelt . Von den Hausleuten , die sehr verwirrt und bestürzt waren , konnte er nichts Genaues herausbringen . Nur so viel wußten sie , daß man Anstalten zu einer Reise gemacht habe , daß aber mitten in denselben der Gerichtsbeamte plötzlich mit einem jungen Menschen von wildem Ansehen erschienen sei , welcher auf Medon zuschreitend , und ihn scharf ins Auge fassend , gerufen : » Dieser ist es , welcher in Zürich uns vom Männerbunde erzählte ! « worauf der Beamte Medon in Haft genommen habe . Ängstlich fragte er nach Johannen . Ihr Kammermädchen entdeckte ihm weinend , daß die gnädige Frau heimlich in großer Eile abgereist sei , noch ehe die Verhaftung stattgefunden habe . Sie habe an verschiednen Reden , die zwischen dem Herrn und der Frau vorgefallen seien , gemerkt , daß letztre mit dem Herrn verreisen sollen und sich dessen geweigert habe . Mit Tränen in den Augen habe darauf ihre Gebieterin sie bei ihrer Treue beschworen , ihr einen Wagen nach entgegengesetzter Richtung zu verschaffen , was denn auch von ihr geschehen sei . Die gnädige Frau habe den Wagen nach einem abgelegnen Sträßchen bestellen lassen , wo sie , kaum mit den nötigsten Sachen versehen , eingestiegen und in schnellster Eile fortgefahren sei . Sie habe die arme gnädige Frau begleiten wollen , sei aber von ihr mit den Worten , daß sie fortan nur Gott zum Begleiter haben wolle , zurückgewiesen worden . Schmerz und Wehmut zerrissen Hermanns Brust . Aus dem Hin- und Herreden der Leute konnte er abnehmen , daß die leidenschaftlichen Vorfälle zwischen den Gatten die Veranlassung zu Medons Unglück mochten gegeben haben . Das geängstigte Mädchen hatte davon überall geplaudert , um sich Luft zu machen , dadurch hatte aller Wahrscheinlichkeit nach der Beamte Kunde von diesen Dingen erhalten . Denn gleich nach der Flucht Johannas war ein subalterner Agent der öffentlichen Macht unter einem Vorwande im Hause erschienen , hatte verschiedne Fragen getan , und das aufgeschichtete Reisegepäck achtsam betrachtet . Unmittelbar nach seiner Entfernung aber erfolgte das , was alle in Schreck versetzte . Der Beamte erschien , und bat Hermann höflich , sich zu entfernen . Dringend verlangte dieser , zu Medon gelassen zu werden . Nach einigem Zaudern wurde ihm eine kurze Unterredung zugestanden . Mit einer furchtbaren Empfindung betrat er das Zimmer . Medon hielt den Kopf in der Hand gestützt , und bemerkte den Eintretenden nicht . Leise sagte Hermann , an der Türe stehenbleibend : » Ich bin gekommen , Sie zu fragen , ob ich Ihnen in irgend etwas nützlich sein kann ? « Medon sah empor , versetzte kein Wort , sondern winkte ihm schweigend , daß er ihn verlassen möge . Hermann konnte den Blick seines Auges nicht ertragen , es lag darin der gläserne Ausdruck der Verzweiflung , einer völlig zerstörten Seele . Draußen fragte er den Beamten , ob für Johannen etwas zu fürchten sei ? was dieser mit Bestimmtheit verneinte . Er wollte über Medons Schicksal einiges erfahren ; hier versagte jener aber alle Aufklärungen und rief : » Glauben Sie mir , daß die Erfüllung meiner Pflicht mir schwer genug geworden ist , und daß ich viel darum gäbe , einen Irrtum , vielleicht mit strenger Rüge , büßen zu müssen , als leider die von mir nach und nach geahnete schlimme Wahrheit bestätigt zu sehn . « Es war Nacht geworden . Er begab sich zur Meyer , wo er Wilhelmi noch vermutete , um mit diesem zu beraten . Eine Menge von Männern und Frauen war dort versammelt , welche die Bestürzung über diese Vorgänge zusammengeführt hatte . Über den eigentlichen Zusammenhang war der Schleier des Rätsels gebreitet , die wildesten Gerüchte kreuzten sich . Wie sollte man es sich auch erklären , daß ein Mann , den Angesehensten des Staats nahestehend , ein Mann von den loyalsten Gesinnungen , ein ganz andrer , ein Feind des Staats gewesen , oder noch sein sollte ? Man hoffte ein Mißverständnis , man glaubte , binnen kurzem diese Schatten , welche die geachtetste Persönlichkeit der Stadt jetzt verdunkelten , schwinden zu sehn . Nur Wilhelmi rief : » Ich wünsche es , aber es wird nicht so werden , er ist ein Catilina , und zwar ein gefährlicherer als der römische , weil er keine Laster hat . « Die gute Seite der Menschen zeigte sich bei dieser Gelegenheit . Alle sprachen ihr innigstes Bedauern über die unglückliche Johanna aus , welche man sich bei Nacht , umherirrend auf öden , bösen Wegen dachte ; die Spötter erklärten sich zu jeder Hülfe bereit , Madame Meyer war außer sich . Man besprach , ob man einen Boten mit Briefen schicklichen Inhalts ihr nachsenden solle , oder ob es nicht besser sei , wenn ein Freund selbst dieses Geschäft übernehme . Hermann erklärte sich zu letzterem bereit . Er gedachte seiner Versprechungen , er fühlte , daß er nicht ohne Schuld der Vernachlässigung gegen die Geflüchtete sei , und gutzumachen habe ; stärker aber , als diese Erwägung der Pflicht trieb ihn das heißeste Mitleid der Armen nach . Man freute sich über seinen Entschluß , die Meyer und Wilhelmi packten eilig verschiedne Reisenotwendigkeiten zusammen , und so fuhr unser Freund nach Mitternacht mit raschen Postpferden davon , begleitet von den besten Wünschen der ganzen Gesellschaft , welche bis zu seiner Abreise vereinigt geblieben war . Eilftes Kapitel Von dem Kammermädchen war ihm die Richtung angegeben worden , welche Johanna genommen hatte ; es war zufälligerweise dieselbe Straße , an welcher in der Entfernung von zwei Tagereisen Flämmchens Landhaus lag . Nur die Verzweiflung konnte Johannen auf diesen Weg getrieben haben , er führte , fortgesetzt , nach dem Schlosse des Herzogs , und vor der Rückkehr zu ihrem Bruder und seiner Gemahlin hatte sie stets den größten Widerwillen gezeigt . Bei der Abreise war ausgemacht worden , daß Hermann ihr zwar in nichts hemmend entgegentreten , jedoch ihr die liebevollste und dringendste Einladung zu der Meyer überbringen solle . Man meinte , daß sie in deren Hause , wohlberaten von aufrichtigen Freunden , am leichtesten die schwere Zeit überwinden werde , welche ihr bevorstand . Die Meyer hatte in ihrem gutmütigen Eifer noch vor der Abreise Hermanns die Auswahl der Zimmer getroffen , welche die Freundin aufnehmen sollten . Es waren die schönsten und stillsten des Hauses . Hermann nahm sich vor , Johannen mit allen Gründen , die ihm zu Gebote standen , zur Wahl dieses Asyls zu vermögen , da er von einem Zusammentreffen mit der Herzogin bei dem so entgegengesetzten Charakter beider Frauen wenig Gutes hoffen durfte . Er war mehrere Stationen gefahren , ohne eine Spur von ihr anzutreffen . Schon glaubte er , daß sie ihren Entschluß geändert habe , und von dieser Straße abgewichen sei , als er in einem Landstädtchen , welches er um die Mitte des folgenden Tages erreichte , plötzlich die verlangten Nachrichten bekam . Der Wirt erzählte ihm , daß die Dame , welche er zu suchen scheine , abends zuvor angekommen sei , sehr unruhig getan , und von ihrem Fuhrmanne verlangt habe , weitergefahren zu werden . Dieser habe die Müdigkeit seiner Pferde als Weigerungsgrund angegeben , und sich , aller Versprechungen ungeachtet , nicht dazu verstehen wollen . Die Dame , welche durchaus fort gewollt , sei in großer Bekümmernis gewesen , da sich keine Post am Orte befinde . Sie sei schluchzend auf ihrem Zimmer hin und her gegangen , als plötzlich ein Wagen vor dem Hause gehalten habe , umgeben von einer Menge junger Herrn zu Pferde , die ein großes Geschrei vollführt und einem bildschönen Frauenzimmer in bunter Tracht herausgeholfen hätten . Das Frauenzimmer habe durch Zufall von dem Leidwesen der Dame erfahren , sich gleich zu ihr führen lassen , und sie mit der zierlichsten Höflichkeit gebeten , einen Platz in ihrem Wagen anzunehmen , in dem sie , wenn sie befehle , bis an das Ende der Welt fahren könne . Anfangs sei die Dame das nicht willens gewesen , da aber das Frauenzimmer nicht abgelassen habe , endlich ihr zu Füßen gesunken sei , und ihr Knie umfaßt habe , so sei die Dame mit den Worten : » Du arges Kind , wohin führtst du mich ? « in den Wagen gestiegen , auf dessen Rücksitze das Frauenzimmer Platz genommen habe , ungeachtet der wiederholten Bitten der Dame , sich doch neben sie zu setzen . Der Wirt erzählte noch , daß beim Abfahren der Zug der jungen Herrn mit lautem Geräusche sich habe anschließen wollen , auf einen ängstlichen Blick der Dame nach diesem Schwarme hin , habe aber das Frauenzimmer sich emporgerichtet und ihren Begleitern in gebieterischer Stellung zugerufen : » Zurück , ihr Tiere ! « Hierauf seien die jungen Leute , gehorsam diesem Befehle , geblieben , die Nacht sei von ihnen unter tausend Eulenspiegeleien hingebracht worden , und erst am Morgen habe sich das Rudel in Bewegung gesetzt . Nicht ohne Unruhe hörte Hermann diese Erzählung . Daß das junge Frauenzimmer Flämmchen gewesen sei , stand außer Zweifel , und daß Johannen in ihrer Gesellschaft so manches begegnen könne , was diese verletzen mußte , hatte er zu besorgen . Alles das spornte ihn zur größten Eile an ; er gab doppelte Trinkgelder , der Wagen flog nur über die tennengrade Chaussee , und so erreichte er noch vor Sonnenuntergang die Gegend , in welcher Flämmchens Haus , eine Viertelstunde von der Heerstraße hinter Birken- und Tannenwäldchen lag . Sie kam ihm im Garten entgegen , durch welchen man zu dem Hause gelangte . » Habe ich es nun recht gemacht « , rief sie , » die Schöne , Prächtige bei mir in Sicherheit zu bringen ? Ich bin doch das gutherzigste Geschöpf von der Welt , euch beide bei mir zu beherbergen , denn daß du nachsetzen würdest , konnte ich mir wohl denken . « » Wo ist Johanna ? « fragte er . » Droben auf ihrem Zimmer , das deinige ist daneben « , versetzte Flämmchen und sprang fort , um sie von der Ankunft des Freundes zu benachrichtigen . Nach einigen Gängen , die er durch den Garten machte , erschien Johanna , Flämmchen an der Hand , welche neben der vollen , schlanken , hohen Gestalt wie ein Kind aussah . Er nahte sich der verehrten Frau , und beugte sich in tiefer Rührung über ihre Hand . » Können Sie mir vergeben ? « fragte er leise . » Es würde mir unaussprechlich wehe getan haben , wenn ich Sie nicht wiedergesehen hätte « , versetzte sie sanft . » Doch nun ist es ja gut , Sie sind wieder da , und nehmen durch Ihre Ankunft einen Teil meiner Leiden mir vom Herzen . « Sie standen , gegeneinander geneigt , die Hände vereinigt , Auge in Auge , und es würde schwer sein , von dem Zuge , der ihre Seelen jetzt bewegte , Rechenschaft zu geben . Flämmchen hob sich auf die Füße , faßte ihr Gewand mit anmutiger Gebärde , und begann in lieblichen Kreisen die Gruppe zu umschweben . Immer weiter wurden diese Kreise ; endlich berührten sie ein Gebüsch , hinter dem die Tänzerin verschwand . Er fragte Johannen , wie es ihr hier gefalle , und wie lange sie an diesem Orte zu weilen gedenke ? Sie versetzte , daß er ihren Entschluß am folgenden Tage vernehmen solle , und daß sie dabei auf seine Hülfe rechne . » Das wundersame Kind , bei dem Sie mich finden « , sagte sie , » hat mich fast gezwungen , ihren Wagen und ihr Haus anzunehmen . Sie scheint von der Gewalt plötzlicher Eindrücke abhängig zu sein , und der , welchen ich auf sie gemacht , muß mit großer Stärke gewirkt haben , denn sie klammerte sich so fest an mich , daß ich mich kaum ihr entwinden konnte . Im Wagen setzte sie sich mir gegenüber , um mich immer betrachten zu können , wie sie sagte . « Hermann , der unter diesen und andern Gesprächen mit seiner Freundin durch den Garten ging , mußte sich im stillen bekennen , daß Flämmchen so unrecht nicht habe . Wenn Mißgeschicke gewöhnlichen Menschen leicht etwas Widerliches geben , so verschönen sie dagegen den Ausdruck höherer Naturen und breiten auch über die Gestalt einen Zauber der Verklärung . Johanna schritt neben ihm wie eine tragische Königin ; selbst die Marmorblässe ihrer Wangen erhöhte den Reiz , der von ihr ausging . Vor dem Hause entließ sie ihn , und wünschte ihm gute Nacht , da sie den Abend allein zuzubringen wünsche . Flämmchen stand in der Türe , kniete vor ihr nieder , und fragte : » Darf ich dich bedienen ? « - » Wenn es dir Freude macht , so tue es immerhin « , versetzte Johanna . Nachdem er seine Sachen auf dem ihm angewiesenen Zimmer hatte ablegen lassen , trieb es ihn wieder in das Freie . Nur durch eine Tür von Johannen geschieden , ohne bei ihr sein zu dürfen , war er von einer Unruhe überfallen worden , welche ihn zwischen den vier Wänden nicht litt . Ein lauter fröhlicher Gesang zog ihn nach einem entlegneren Teile des Gartens . Das lustige Lied erscholl aus einem geräumigen Gewächshause , hinter dessen großen Glasfenstern er bei dem ungewissen Lichte des Abends noch eben die Sänger erkennen konnte . Die jungen Leute waren es , Flämmchens Gefolge . Sie hüpften zwischen den Palmen , Pisangs und Geranien wie verrückt umher , und mancher Topf fiel von seinem Brette . Der beleibte Mann , welchen Flämmchen den Kurator genannt hatte , saß ärgerlich unter einem Kaktus , und schien sich dieser Gesellschaft zu schämen , besonders als er Hermanns ansichtig wurde . Er machte seine jungen Genossen auf den Fremden aufmerksam ,