durch diese Versöhnung nicht bloß diese wieder zu gewinnen glaubte , sondern auch einen edeln Verwandten , einen brüderlichen Freund . Alle diese Träume sind vernichtet und ich muß freudlos , wie ich es begann , das traurige Leben enden . Beide schwiegen eine Zeit lang , endlich sagte der Graf : Da die Absicht , aus welcher Sie diese Zusammenkunft wünschten , nicht erreicht werden kann , so werden Sie selbst es am Besten finden , wenn wir nun friedlich scheiden , da ich nicht glaube , daß Sie mir noch sonst etwas zu sagen haben können . Freilich , sagte der Baron , indem er wie aus tiefem Sinnen auffuhr , scheiden müssen wir , und ich kann Ihnen nichts mehr sagen . Und doch , fuhr er , wie sich besinnend , fort , warum sollte ich jetzt nicht über ein Geschäft wie ein Edelmann zum andern mit Ihnen sprechen können , obgleich es meine Absicht war , auch dieß freundlich und liebevoll , wie es zwischen Verwandten sich ziemt , zu behandeln . Ich stehe zu Befehl , sagte der Graf mit höflicher Kälte . Sie wissen , erwiederte der Baron , anmuthig lächelnd , daß unser Vaterland so gut wie vernichtet ist und daß die ungeheuern Lasten , die jeden einzelnen bedrücken , der nicht unermeßlich reich ist , wie Sie , schon viele kleinere Gutsbesitzer vermocht haben , ihr Eigenthum dem Staate gänzlich zu überlassen , weil es nicht möglich war die Forderungen dieses Staates zu befriedigen . Ich weiß , antwortete der Graf seufzend , daß das Grundeigenthum beinah allen Werth verliert , weil der Druck der Abgaben nicht gemildert werden kann , so lange die Franzosen im Lande bleiben . Nun , dann möchte er noch ziemlich lange anhalten , sagte der Baron mit schlauem Blick , und selbst Ihr großer Reichthum könnte am Ende nicht ausreichen . Mein Reichthum ist bei Weitem nicht so groß , wie Sie zu glauben scheinen , erwiederte der Graf trocken . Ich habe seit vielen Jahren von meinen Einkünften jährlich etwas zurückgelegt , und diese so ersparten Summen setzen mich nun in den Stand , die nothwendigen Forderungen des Vaterlandes zu befriedigen , ohne mein Vermögen zu zerstören , wie es andere , minder Beglückte leider müssen . Das ist es ja , was ich meine , versetzte der Baron mit etwas spöttischem Lächeln . Sie haben mit bewunderungswürdiger , ja mit beneidenswerther Vorsicht die sieben fetten Kühe benutzt und können nun großmüthig die sieben magern ernähren . Ich weiß nicht , sagte der Graf empfindlich , ob das Gespräch , wie wir es jetzt führen , die Einleitung eines Geschäftes sein kann , und ob es nicht besser wäre zu scheiden , ohne uns gegen einander zu verstimmen ? Ich denke , erwiederte der Baron , daß Sie mir , ehe wir uns trennen , noch das Zeugniß geben werden , daß ich wenigstens mein Schicksal mit Gleichmuth trage , denn auch ich bin einer der minder Beglückten , die ihr Eigenthum aufgeben müssen , um das wankende Vaterland zu unterstützen , und ich wollte nach der gelungenen Versöhnung Ihnen als Ihr Freund und nächster Verwandter meine Güter zum Verkauf anbieten . Da die Versöhnung leider gänzlich mißlungen ist , so biete ich Ihnen den Handel an , wie ein Edelmann dem andern . Sie wissen wohl selbst , sagte der Graf , daß es im gegenwärtigen Augenblicke beinah unmöglich ist , Güter zu kaufen , weil nicht allein die Aufbringung der Kaufsumme Verlegenheit hervorbringt , sondern weil man dadurch die Last der Abgaben so steigert , daß man davon erdrückt werden muß ; also werden Sie es natürlich finden , wenn ich jeden Antrag der Art ablehne . Ich weiß nicht , erwiederte der Baron höflich , ob Sie nicht diese abschlägliche Antwort zurücknehmen , wenn Sie die Sache von allen Seiten überlegt haben werden . Jedermann weiß , daß Sie Ihr großes Vermögen zu dem edeln Zwecke benutzen , alle Hülfsbedürftige zu unterstützen , daß Sie bei dieser löblichen Menschenliebe nicht einmal darauf Rücksicht nehmen , ob sie Freunden oder Feinden Ihres so hoch von Ihnen verehrten Vaterlandes zu Theil wird . Jedermann weiß , daß ich als der einzige Bruder Ihrer Gemahlin mich seit lange fruchtlos bemühe in der Jugend entstandene Irrungen mit meiner Schwester auszugleichen . Welch ein seltsames Licht müßte es auf diese Schwester und auch auf Sie werfen , wenn Ihre feindliche Stimmung gegen mich , deren Grund Niemand begreift , so weit ginge , daß Sie mich allein die Hülfe nicht finden ließen , die sonst Jedermann bei Ihnen findet . Auch glaube ich , könnte es Sie bestimmen auf den Handel einzugehen , daß ich , wenn er zu Stande kommt , gesonnen bin , diese Gegend gänzlich zu verlassen , wodurch Sie gesichert wären , daß nicht wieder ärgerliche Auftritte Statt finden könnten , wenn ich zufällig mit meiner Schwester zusammenträfe . Sie stellen Gründe auf , sagte der Graf mit Bitterkeit , die mit siegender Gewalt alle Einwendungen lähmen und die mich in der That geneigt machen , Ihren Forderungen zu genügen , wenn es meine Kräfte erlauben . Ich dachte es wohl , erwiederte der Baron verbindlich , daß ich mich nicht vergeblich an Sie gewendet haben würde . Wir können einen Tag festsetzen , wenn wir uns in Breslau treffen wollen , wo wir unser Geschäft beendigen können . Doch muß ich bitten , diese Zusammenkunft nicht länger als eine Woche aufzuschieben , weil ich sonst in anderen Plänen gehindert würde , und muß Sie noch ersuchen , die Bedingung einzugehen , eine Summe sogleich auf Abschlag der Zahlung zu entrichten . Wie , sagte der Graf , eh ich die Güter kenne , ehe mir einmal der Kaufpreis genannt ist ? Ich gestehe , sagte der Baron lächelnd , daß diese Bedingung etwas von der allgemeinen Regel abweicht , aber bedenken Sie , die Umstände sind auch nicht die gewöhnlichen . Ein Verwandter macht Ihnen diesen Vorschlag , der sich entfernen will und dem Sie dann vielleicht nie im Leben mehr begegnen . Dieß entscheidet , sagte der Graf . Unter dieser Bedingung bin ich bereit auch auf diese Forderung einzugehen , wenn sie meine Kräfte nicht übersteigt , denn ich setze voraus , Sie wissen den Werth Ihrer Bedingung zu schätzen , und ich fürchte , Sie haben Ihre Forderung dem gemäß eingerichtet . Ich werde die Genugthuung haben , sagte der Baron mit einschmeichelnder Stimme , daß Sie mich bescheidener finden , als Sie vermuthen . Ich habe einem Freunde tausend Thaler zu bezahlen , der seine Rechte seinem Vater übertragen hat , dem alten Herrn Lorenz , der mich hieher begleitet hat , um das Geld sogleich zu empfangen , und ich muß deßhalb auf die Abzahlung dieser Summe dringen , weil sonst leicht eine mir nachtheilige Spannung zwischen mir und meinem Freunde entstehen könnte . Und Sie nennen diesen Menschen Ihren Freund ? fragte der Graf mit Erstaunen . Warum nicht ? erwiederte der Baron lächelnd . Wollte ich hier bleiben , so könnte vielleicht aus dieser freundschaftlichen Verbindung manche Verlegenheit für mich entstehen , aber da wir beide nach der spanischen Gränze gesendet werden , wo unser Vortheil gemeinschaftlich sein wird , und wo uns Niemand kennt , so können die hiesigen engherzigen Rücksichten keinen Einfluß auf mich üben , um so mehr , da die Franzosen alles andere eher aufgeben werden , als das Gefühl einer ursprünglichen Gleichheit ; daher würde es mir selbst keinen Nachtheil bringen , wenn auch die Herkunft meines Freundes bekannt würde . Ich habe den Franzosen niemals so sehr Unrecht thun mögen , sagte der Graf , zu glauben , daß sie die Gleichheit , welche sie verlangen , so verstanden wissen wollen , daß sie keine moralische Unterschiede annähmen . Doch , fuhr er mit einem kalten Blick auf den Baron fort , ich habe hier kein Urtheil zu fällen . Sie meinen , entgegnete dieser lächelnd , der moralische Unterschied zwischen mir und dem werthen Herrn Lorenz möchte nicht bedeutend sein , denn ich wette , Sie halten uns beide für ein Paar Taugenichtse . Ich habe schon bemerkt , sagte der Graf , daß ich kein Urtheil über Sie habe . Nach der spanischen Gränze wollen Sie , fragte er hierauf , also muß ich vermuthen , Sie nehmen französische Dienste , und so könnte es sich fügen , daß Sie selbst einmal gegen Ihr Vaterland gebraucht würden . Wie die Sachen jetzt stehen , antwortete der Baron , läßt es sich kaum vermuthen , denn dieß Preußen , welches Sie mein Vaterland nennen , ist zu eng , zu nothwendig mit Frankreich verbunden , als daß sein Adler nicht immer mit dem französischen fliegen sollte . Aber selbst , wenn es anders wäre , so könnte dieß mein Handeln nicht bestimmen . Wie oft haben Preußen gegen Oesterreicher , Sachsen und Andere gefochten , die sich doch wohl Deutsche nennen müssen und die folglich zu dem deutschen Vaterlande gehören , denn so enge Grenzen werden Sie doch Ihrer Vaterlandsliebe nicht stecken wollen , daß Sie alles , was außerhalb Preußen liegt , Fremde und Feindesland nennen wollen . Wenigstens würden Sie , wenn Sie dieß thäten , in seltsame Verlegenheiten gerathen . Sie müßten dann mit feindlichen Augen selbst die betrachten , die Sie noch im vorigen Jahre mit Bruderliebe umfaßt haben als die Söhne des gemeinsamen Vaterlandes , die Einwohner der abgetretenen Provinzen nämlich . Der Baron schwieg . Da aber der Graf nicht antwortete , fuhr er fort : Sie nehmen vermuthlich die Gränzen des Vaterlandes bis zum Rhein an . Ich gehe etwas weiter ; ich überschreite den schönen Fluß und finde mit Weltbürgersinn überall mein Vaterland , so weit die Civilisation reicht . Dieß ist ein Gegenstand , sagte der Graf kalt , über den sich nicht streiten läßt . Jedermann folgt darin seiner Ansicht , und es würde zu weit von dem Zwecke unserer Zusammenkunft abführen , wenn wir gegen einander unsere Meinungen entwickeln wollten . Der Baron folgte bereitwillig diesem Wink , und es wurde festgesetzt , daß beide Herren sich nach vier Tagen in Breslau treffen wollten , um den beabsichtigten Handel abzuschließen , und daß der Graf tausend Thaler dem Pfarrer übergeben wollte , der sie gegen die gehörige Quittung dem alten Lorenz abzugeben habe . Der Graf hatte sich zu diesem Opfer entschlossen , um einen Verwandten zu entfernen , dessen Nähe nur unheilbringend sein konnte . Er hatte aber den Vorsatz , in Breslau einen Rechtsgelehrten zu Rathe zu ziehen und nur dann den Kauf der Güter in der That abzuschließen , wenn er überzeugt sein könnte , daß sein unwürdiger Verwandter ihm nicht neue Nachtheile bereitete . In diesem Falle wollte er die ihm abgedrungene Summe lieber verlieren . Als das Geschäft so weit beendigt war , wollte der Graf sogleich nach Schloß Hohenthal zurückkehren . Der Baron aber hielt ihn mit höflichen Gesprächen zurück , ohne sich durch die kurzen Antworten , welche er erhielt , abschrecken zu lassen , und ein mit allen Verhältnissen Unbekannter hätte nach der Art , wie die Unterredung geführt wurde , schließen müssen , daß beide Verwandte eigentlich im besten Einverständniß lebten , und daß der Baron mit liebenswürdiger Gutmüthigkeit sich bestrebte , die üble Laune eines geachteten Verwandten zu verscheuchen . Der Graf erfuhr auf diese Weise gegen seinen Willen , daß der Baron ein genauer Freund des Obristen sei , der durch den Herrn von Wertheim war verwundet worden , daß er durch diesen mit dem Divisions-General in Verbindung gekommen sei , welcher bedeutenden Einfluß in Paris habe , so daß es ihm nicht schwer gefallen wäre , dem Baron so wie dem jungen Lorenz eine Anstellung bei der Armee zu verschaffen , die nach der spanischen Gränze geschickt werden solle . Doch erklärte sich der Baron über die Natur dieser Anstellung nicht genauer , und der Graf konnte aus dem Zusammenhange leicht errathen , daß der Baron auf die erste Sprosse der Leiter des Glücks , die er ersteigen wollte , durch die sogenannte Gemahlin des Obristen erhoben worden war , in welcher der Graf , ohne seinen Scharfsinn anzustrengen , die Tochter des alten Lorenz erkannt haben würde , wenn auch der Prediger nicht schon längst durch unumwundene Fragen die Sache außer allen Zweifel gesetzt hätte . Endlich gelang es dem Grafen , sich von dem Baron loszumachen und die wohlgemeinten Einladungen des Predigers zu beseitigen , und er eilte aus der Nähe eines Menschen hinweg , dessen Gefährlichkeit er schon in der einzigen Unterredung , die er nach vielen Jahren mit ihm gehabt , genügend erkannt hatte , und ihm däuchte das Opfer von tausend Thalern unbedeutend , wenn dadurch die Ueberzeugung erkauft werden könnte , daß er den Bruder seiner Gemahlin nie wieder sehen werde . In diesen Gedanken und Betrachtungen erreichte er seine Wohnung , wo er andere Nachrichten fand , die , wie er auch dagegen kämpfte , niederschlagend auf ihn wirkten . XVI Als der Graf vor seiner Wohnung vom Pferde stieg , kam ihm St. Julien entgegen , in dessen Augen noch leichte Spuren von Thränen waren , obgleich der lächelnde Mund dem Gefühle widersprechen zu wollen schien , welches diese Schmerzenszenszeichen hervorgerufen hatte . Er hielt einen Brief in der Hand und sagte : In wenigen Tagen wird meine Mutter hier sein , um Ihnen ihren Dank darzubringen und mich mit sich hinwegzuführen . Die Lippen des jungen Mannes zitterten , indem er diese Worte sprach . Er kämpfte mit der Wehmuth , doch plötzlich überwältigte ihn sein Gefühl , er ließ den Thränen freien Lauf und rief , indem er den Grafen mit Heftigkeit umarmte : Werde ich Sie und Alle jemals wiedersehen ? Und werde ich den Schmerz der Trennung ertragen können ? Der Graf drückte mit inniger Rührung den jungen Mann an seine Brust und sagte mit mühsam beherrschtem Schmerz : So nah ist also die unglückliche Stunde ? Er faßte darauf den Arm St. Juliens und Beide gingen in das Zimmer des Grafen , wo er , wie es St. Julien wollte , den Brief las , den dieser von seiner Mutter erhalten hatte . Wir müssen uns die Trennung noch nicht so denken , sagte er endlich . Ihre Mutter wird sich bewegen lassen , so lange bei uns zu verweilen , bis die Zeit Ihres Urlaubs geendigt ist . Gewiß , sagte St. Julien , wird meine Mutter mit Freuden diesen Wunsch erfüllen ; aber auch diese Zeit wird vergehen und endlich kommt der Augenblick doch , der den Schmerz der Trennung herbeiführt . Endlich , sagte der Graf , ja freilich endlich naht die Stunde der Trennung , und trennt uns nichts anders , so naht doch endlich der Tod und zerreißt auch die festesten Bande . Darum ist jeder Tag des Glückes in unserm armen , kurzen Leben ein unendlicher Gewinn . Beide Männer betraten in wehmüthiger Stimmung den Saal , wo sie die Frauen und den Grafen Robert beisammen fanden , denen die baldige Ankunft der Mutter St. Juliens mitgetheilt wurde . Der Schmerz in den Augen der Gräfin war nicht zu verkennen , und Emilie verließ den Saal , weil sie die Thränen nicht zurückhalten konnte , die an den langen , goldenen Wimpern zitterten . Stumm reichte der Graf Robert seinem Freunde die Hand , die dieser mit Innigkeit drückte . Der Graf verließ seine vom Gefühl der nahen Trennung schmerzlich berührten Freunde und begab sich zu der Wittwe des Professors , wo er den Haushofmeister Dübois fand . Dieser gutmüthige alte Mann hatte nach und nach die Ueberzeugung seiner Freundin Herrschaft über sich gewinnen lassen , und glaubte beinah mit Gewißheit mit ihr , daß St. Julien der geraubte Sohn der Gräfin sei . Der Graf hatte öfter die gewesene Dienerin über alle Umstände befragt , und er mußte wenigstens zugeben , daß die Sache möglich sei . Er hatte die Möglichkeit so oft erwogen , daß sie auch ihm zuletzt wahrscheinlich wurde . Er hatte sich längst gestanden , daß es eben die große Aehnlichkeit mit seinem ehemaligen Freunde , dem Grafen Evremont , gewesen sei , die ihn zu dem jungen Manne , so wie er ihn erblickte , wunderbar hingezogen hatte . Er theilte auch dieß der Professorin mit ; aber , schloß er , diese Aehnlichkeit kann ein Spiel der Natur sein , wie wir öfter Gelegenheit haben es zu bemerken . Ich weiß nicht , rief die Wittwe des Professors , ob die Natur ein so dummes Spiel macht , daß nicht bloß die Aehnlichkeit da ist , sondern auch das kleine braune Maal unter dem linken Auge , das ich tausend Mal an unserm kleinen Herrn betrachtet habe . Ich wollte es dem Kinde wegbeizen lassen , aber die Frau Gräfin war zu ängstlich und gab es nicht zu . Ich kann es gar nicht begreifen , wie die vornehmen Leute so blind aus lauter Klugheit sind . Wie ist es möglich , daß die Frau Gräfin ihr Kind nicht an diesem Zeichen erkennt . Sie bezeichnen Herrn St. Julien , sagte der Graf , mit so großer Bestimmtheit als den Sohn meiner Gemahlin , und in wenigen Tagen wird die Mutter des jungen Mannes hier sein , und alle Täuschungen werden schwinden . Laßt sie nur kommen , rief die Professorin , indem sie die Hände zusammenschlug , laßt sie nur kommen , ich will ihr schon Fragen vorlegen . Die Frau Gräfin ist immer sanft wie ein Lamm gewesen ; sie wäre im Stande und ließe sich mit schönen Reden ihren Sohn zum zweiten Male stehlen . Aber mir soll sie Antwort geben , die französische Madam , ich werde sie nicht so ziehen lassen , und wenn sie auch ihren großen Buonaparte mitbrächte , so ließe ich mich doch nicht einschüchtern . So ernsthaft dem Grafen die Sache erschien , so konnte er doch ein Lächeln über den Eifer seiner Verbündeten nicht unterdrücken . Er theilte nun ihr und Dübois mit , daß er gezwungen sei , auf einige Tage zu verreisen , und bat Beide , wenn die Mutter des jungen Mannes während seiner Abwesenheit kommen sollte , Alles genau zu beobachten und auf keinen Fall eine übereilte Abreise vor seiner Rückkunft zuzugeben , unter welchem Vorwande man sie auch vielleicht verlangen sollte , aber auch mit allen entscheidenden Schritten , die zu Entdeckungen führen könnten , bis zu seiner Rückkunft zu warten , damit Alles mit so viel Schonung für die Gräfin als möglich eingeleitet werden könne . Beide versprachen ihm pünktlich zu gehorchen , und die Wittwe des Professors sagte : Sie sehen , daß ich schweigen kann , das ist nur ein einfältiges Gerede , wenn die Männer immer darauf sticheln , daß die Weiber nicht schweigen können . Ist es mir der Mühe werth , so weiß ich meine Zunge wohl zu bändigen . Sie sehen , ich lebe hier Wochenlang und es brennt mir täglich auf dem Herzen , wenn ich sehe , wie kummervoll die Frau Gräfin den jungen Mann betrachtet . Ich möchte ihr gerne sagen : So öffnen Sie doch die Augen , wischen Sie die Thränen daraus hinweg , damit sie hell werden , und umarmen Sie das beweinte Kind , damit der nutzlose Jammer endlich endigt . Aber Sie haben mir so viel vernünftige Gründe angeführt , daß ich immer schweige und das Elend ruhig ansehe . Der Graf dankte ihr für ihre Standhaftigkeit und versicherte , daß er überhaupt nicht so nachtheilige Meinungen in Betreff der Klugheit und Zurückhaltung der Frauen hege , und daß ihr Beispiel auch jeden andern eines Besseren belehren müsse , und verließ mit Dübois die durch so freundliche Worte hochbeglückte Frau , um mit diesem noch nähere Verabredungen zu treffen für den Fall , daß St. Juliens Mutter während seiner Abwesenheit eintreffen sollte . Dieser ahnte nichts von den feindlichen Anstalten , die gegen eine Frau getroffen wurden , die sich ihm stets als eine zärtliche Mutter gezeigt hatte . Er sehnte sich mit dankbarer Liebe nach dem Augenblicke , in welchem sie ihn in die Arme schließen würde , und sein inniger Schmerz entstand nur aus der Ueberzeugung , daß diesem glücklichen Augenblicke die Trennung von zärtlich und leidenschaftlich geliebten Wesen folgen müßte . Der Graf hatte seine Reise nach Breslau angetreten und traf dort nun einen Tag früher ein , als er den Baron erwarten durfte . Er wollte diese Zeit dazu benutzen , um den Rath eines Rechtsgelehrten über den vorgeschlagenen Kauf früher zu nehmen , ehe er sich weiter gegen den Verkäufer erklärte . Doch war seine Vorsicht in sofern vergeblich , weil der Baron ebenfalls den Entschluß gefaßt hatte , einen Tag vor der verabredeten Zusammenkunft in Breslau zu sein , um den Rath eines Rechtsgelehrten zu benutzen , und das Schicksal wollte , daß Beide sich an denselben wendeten und schon in der ersten Stunde nach ihrer Ankunft zusammentrafen . Da der Baron sehr zu verkaufen wünschte und der Graf , nachdem er sich genau über Alles unterrichtet hatte , einsah , daß er wenigstens keinen großen Verlust zu befürchten habe , so war der Handel bald abgeschlossen . Der Graf übernahm alle auf den Gütern ruhenden Schulden , und der Baron empfing noch eine Summe baar , die er , wie er lächelnd bemerkte , mit Weisheit anlegen wollte , und theilte dem Grafen die willkommene Nachricht mit , daß er in drei Tagen sein Geburtsland zu verlassen und seiner Bestimmung entgegen zu eilen denke . Gegen seinen Wunsch war der Grundbesitz des Grafen so um eine bedeutende Herrschaft vermehrt worden , und er kehrte nur halb zufrieden nach Schloß Hohenthal zurück . Denn wenn es ihm auch erfreulich war , nun auf die Entfernung eines Verwandten rechnen zu dürfen , dessen Gegenwart seiner Gemahlin so schmerzlich werden konnte , so fühlte er doch , wie sehr seine Sorgen in der verhängnißvollen Gegenwart durch diesen neu erworbenen Grundbesitz vermehrt würden . Es war ihm nicht entgangen , daß die Gräfin sich zum Theil eben deßhalb von allem Umgange mit den Nachbarn zurückgezogen hatte , um der Gefahr eines zweiten schmerzlichen Zusammentreffens mit einem Bruder auszuweichen , der nur unheilbringend auf ihr Leben eingewirkt hatte , und er hoffte mit Recht , daß ihr die Nachricht , die er mitzutheilen hatte , erfreulich sein würde . Er hatte den kurzen Aufenthalt in Breslau auch dazu benutzt , für den jungen Gustav zu sorgen . Auch sein Vetter sollte reisen , und er sah ein , daß die Einsamkeit drückend werden müßte , wenn man sich noch ferner von den Nachbarn zurückhalten wollte . In diesen mannigfachen Betrachtungen hatte der Graf die Reise zurückgelegt und erreichte ziemlich ermüdet Schloß Hohenthal , denn der Spätherbst des Jahres achtzehn hundert und sieben war eingetreten . Die feuchte , kalte Luft durchschauerte den Grafen und er sehnte sich nach der wärmenden Flamme des Kamins . Mit bekümmerter Miene eilte ihm der Haushofmeister entgegen . Gottlob , daß Sie , gnädiger Herr , kommen , rief er ihm zu , ich bin in einer tödtlichen Verlegenheit . Was ist vorgefallen ? fragte der Graf ängstlich . Ein zweiter Brief der angeblichen Mutter des Herrn St. Julien , erwiederte der alte Mann , ist angekommen , und sie verlangt , er soll ihr bis zum nächsten Städtchen entgegen kommen . Wie kann man dieß verhindern ? Es ist besser , wir machen keinen Versuch dieß zu hindern , sagte der Graf nach einem Augenblicke des Nachdenkens . St. Julien kann nicht so von uns scheiden , auch wenn es von ihm gefordert würde , und auch sonst ist dieß , selbst wenn Ihre Vermuthung gegründet wäre , nicht wahrscheinlich ; denn unmöglich kann seine Mutter den Verdacht ahnen , den wir hegen . Mir scheint es , daß sie den Sohn nicht zuerst unter fremden Menschen wiedersehen will , und dieser Wunsch ist natürlich . Deßhalb befehlen Sie , daß Pferde und Wagen bereit gehalten werden , damit der junge Mann morgen fahren kann , sobald er es wünscht , und lassen Sie uns das Uebrige geduldig erwarten . Der Haushofmeister war es gewohnt sich in Ehrfurcht der Ansicht des Grafen zu fügen , aber dieß Mal schien ihm zu viel auf dem Spiele zu stehen , und als der Graf die Treppe hinauf stieg , eilte er zu seiner Freundin , der Professorin , um ihr die Gefahr mitzutheilen , in der sie schwebten , den auf ' s Neue zu verlieren , den sie sich beide gewöhnt hatten als den Sohn der Gräfin zu denken . Die ehemalige Dienerin zürnte über den Leichtsinn des Grafen und wählte nicht mit zu ängstlichem Zartsinn die Worte , um diesen Zorn auszudrücken . Doch beruhigte sie sich nach einigem Nachdenken durch die Vorstellung , daß der Graf wenigstens darin Recht habe , wenn er meinte , die Kinderräuberin , wie sie ohne Umstände St. Juliens Mutter nannte , könne doch nicht wissen , daß jemand im Schlosse sei , der ihr Recht an diesen Sohn sich erlauben würde zu prüfen , und sie rieth dem Haushofmeister , mit guter Manier darauf zu sehen , daß der junge Mann nicht seinen Urlaubsschein oder andere Papiere mitnähme , auf die er sich einen Paß verschaffen könnte . Dübois versprach , so viel es die Bescheidenheit erlaubte , darauf zu achten . Der Graf fand seine Hausgenossen aufgeregt durch die Nachricht der nahen Ankunft einer Frau , in deren Gegenwart sich eines Jeden Lage verändern mußte . Der schwermüthige Blick der Gräfin haftete auf St. Julien . Es wurde ihr heute zum ersten Male recht klar , wie schwer es ihr werden würde , die Rechte einer Andern anzuerkennen , denn sie fühlte , wie innige mütterliche Gefühle sie selbst für den jungen Mann im Herzen hegte . Emilie und St. Julien suchten sich zu nähern und wagten doch einander nichts zu sagen . Der Obrist ging im Saale auf und ab , und wiederholte von Zeit zu Zeit , ein braver Soldat müsse seiner Fahne treu bleiben unter allen Umständen , und die Festigkeit eines Mannes zeige sich nicht bloß in der Schlacht , sondern vorzüglich dann , wenn es darauf ankäme , Gefühle des Herzens zu besiegen . Graf Robert und Therese waren in das Vorgefühl der eigenen Trennung verloren , und die Ankunft des Grafen erheiterte die Mienen nur auf kurze Zeit . So war der Abend ziemlich traurig verstrichen . Am andern Morgen zeigte sich Dübois bei St. Julien geschäftig , um den Rath seiner erfahrnen Freundin zu befolgen , aber zu seiner großen Beruhigung nahm der junge Mann gar nichts mit sich und würde in seiner kummervollen Zerstreuung selbst seine Börse vergessen haben , wenn sie ihm der Haushofmeister nicht gereicht hätte . Heute Abend bin ich zurück , sagte er , indem er dem alten Manne freundlich die Hand reichte . Dann verließ er das Zimmer , eilte mit leichtem Schritte die Treppe hinunter , warf sich hastig in den Wagen , der schnell dahin rollte und , wie es Dübois in diesem Augenblicke schien , das Glück des Hauses entführte . Der Tag verstrich den Schloßbewohnern langsam , in peinvoller Stimmung des Gemüths . Der Graf konnte sich die Ungerechtigkeit nicht abläugnen , die darin lag , daß eine Frau mit feindlichen Gefühlen von einer Familie erwartet wurde , der sie sich aus reinster Dankbarkeit nähern wollte . Doch konnte er eben so wenig , als die Andern dieß Gefühl besiegen , und er empfand jetzt , daß er viel fester daran glaubte , als er sich früher hatte gestehen wollen , daß der von Allen geliebte junge Mann der seiner Gemahlin geraubte und von ihr so innig geliebte Sohn sei . Die Gräfin , deren Seele keinen Gedanken mehr vor dem Grafen verbarg , hatte ihm längst bekannt , daß die große Aehnlichkeit St. Juliens mit dem Grafen Evremont , an den sie selbst die Stimme des jungen Mannes fortwährend erinnere , ihr Herz in die süße Täuschung eingewiegt habe , dieß könne ihr Sohn sein , daß sie deßhalb Mutterliebe für den jungen Mann fühle und seine Abreise ihr lebhaften Schmerz erregen würde . Emilie sagte nichts , aber der kummervolle Blick und die blassen Wangen verriethen ohne Worte ihr Gefühl . In solcher Stimmung war es natürlich , daß jeder von den Hausgenossen die Einsamkeit suchte , und der Graf Robert ritt zu dem Obristen Thalheim , wo , wie er es sich bewußt war , seine schöne Braut ihn mit reiner , unschuldvoller Zärtlichkeit erwartete . Der Arzt bemerkte kaum , daß etwas Ungewöhnliches in der Familie vorging . Alle Gedanken und Empfindungen , die nicht seiner Wissenschaft geweiht waren , richtete er mit seiner gewohnten Heftigkeit und unschuldigen Selbstliebe auf seine junge Verwandte , die mit ungeheuchelter Bewunderung seiner großen Gelehrsamkeit ihn aufrichtig verehrte und es nicht duldete , daß Jemand in ihrer Gegenwart über seine seltsamen Manieren scherzte , denn ihr schien diese Seltsamkeit von großer Gelehrsamkeit unzertrennlich , und sie sprach für ihr Alter mit großem Ernst und tiefem Gefühl über den edeln Beruf eines Arztes , der sich großmüthig ganz der leidenden Menschheit weiht , keine Stunde eigentlich für sich lebt , sondern jeden Augenblick bereit sein muß , sein Dasein für Andere zu benutzen , und den selbst Gefahr des Lebens nicht davon abschrecken darf , seinen Beruf zu erfüllen . Der Arzt war viel zu eitel , als daß er in solchen Schilderungen nicht sein Bild erkannt haben sollte , und sein Herz entzündete sich für die junge Verehrerin mit zärtlicher Liebe . Die Wittwe des Professors freute sich stillschweigend darüber , daß Alles sich nach ihren Wünschen zu fügen schien , und ihr Wohlwollen für den Arzt mehrte sich täglich , obgleich sie stündlich schalt