Zweigen erkletterte . O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen , auf meinen Lippen , die dieser den Rang abliefe ; nicht Du , nicht andre haben für die süße Kost der Kirsche , auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift , oder der waldeinsamen Erdbeere , unter betautem Gras aufgefunden , mich nur einmal entschädigt . Darum , weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist , der Genuß kindlicher Jugend , so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft , so ist er wohl auch eine göttliche Offenbarung , und er bedingt viel in der Brust , in der er haftet . Gedanken sind auch Pflanzen , sie schweben im geistigen Äther , die Empfindung ist ihre Muttererde , in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren ; der Geist ist ihre Luft , in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft ; der Geist , in dem viele Gedanken ihre Blüten treiben , der ist ein gewürziger Geist , in seiner Nähe atmen wir seine Verklärung . Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem , was im Geistesleben vorgeht . Keinem Sommervogel hab ich umsonst nachgejagt , mein Geist empfing dadurch die Befähigung , einem verborgenen , idealischen Reiz nachzujagen ; und hab ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt : ich lag am Busen einer göttlichen Natur , die meiner Inbrunst , meiner Sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte , der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte . - Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut , die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete , die Schalmei des Schäfers , der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete , das Bellen des Hundes in der Ferne , die jagenden Wolken , die aufseufzenden Abendwinde , das Rauschen des Flusses , das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer , das Einschlafen der Pflanzen , ihr Einsaugen des Morgenlichtes , das Kämpfen und Spielen der Nebel , - o sag , welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten ? - Du ? - Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten ? Hat Deine Stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife ? Hat der Hund mir angeschlagen , es nahe sich einer auf heimlicher Fährte , dem mein Herz entgegenschlägt ? Und habe ich nach glücklichen Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewußtsein befriedigter Sehnsucht , mich der Ruhe hingegeben ? Nein ! Nur in dem Spiegel der Natur hab ich ' s erfahren und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen . So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf ; was hab ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt ! Und was können wir mehr vom Leben fordern , was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befähigung zur Seligkeit ! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der Natur , wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten , wenn ihr Dursten , ihr Trinken , ihr Brennen und Verzehren , ihr Erzeugen und Ausbrüten das Herz durchströmte , sag , was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück ; und welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen ? Darum nimm sie auf , diese Hieroglyphen höherer Seligkeit , wie sie mein Gedächtnis nacheinander aufzeichnet . O sieh doch , das Buch der Erinnerung blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf ; Du ! - Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum pflücken ; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen , und die Melodien einer beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen . * * * Eins bewahr im Herzen : daß Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht hast , dem ich unmittelbar gehuldigt habe , und daß nichts dem Ursprünglichen in Deiner Natur Eintrag tun könne , und daß meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist . * * * Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit , als sie begriffen wird ; was der Geist nicht umfaßt , das macht ihn nicht glücklich , vergebens würden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen ; er vermöchte nie sich da zu erhalten . * * * Ahnungen sind Regungen , die Flügel des Geistes höher zu heben ; Sehnsucht ist ein Beweis , daß der Geist eine höhere Seligkeit sucht ; Geist ist nicht allein Fassungsgabe , sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren , aus dem er seine Erscheinung , den Gedanken entwickelt ; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche , wir könnten seiner entbehren , wenn er nicht für die Seele der Spiegel wär , in dem sie ihre Geistigkeit erkennt . * * * Der verschloßne Same und die Blüte , die aus ihm erwächst , sind einander nicht vergleichbar , und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte , und so wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht , bis Blüte und Frucht seinen ersten Instinkt bewährt , der , wenn er verloren gehen könnte , keine Blüte und Früchte tragen würde . * * * Und wenn ich ' s auch ins Buch schreibe , daß ich heute traurig bin , kann mich ' s trösten ? Wie öde sind diese Zeilen ! Ach sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins . Verlassen ! War ich denn je vereint mit dem , was ich liebte ? War ich verstanden ? - Ach warum will ich verstanden sein ? - Alles ist Geheimnis , die ganze Natur , ihr Zauber , die Liebe , ihre Beseligung , wie ihre Schmerzen . Die Sonne scheint , treibt Blüte und Frucht , aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit . - Sind denn die Bäume auch so trostlos , so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit ? - Sehnen sich die Pflanzen ? Ringen sie nach dem Blühen , wie mein Herz heute ringt , daß es lieben will , daß es empfunden sein will ? - Du mich empfinden ? - Wer bist Du , daß ich ' s von Dir verlangen muß ? - Ach ! - Die ganze Welt ist tot ; in jedem Busen ist ' s öde ! gäb ' s ein Herz , einen Geist , der mir erwachte ! - * * * Komm ! Laß uns noch einmal die hängenden Gärten , in denen meine Kindheit einheimisch war , durchlaufen ; laß Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu dem Glockenturm , wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte , um zu Tisch oder zum Gebet zu rufen ; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das Angelus , um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen . O damals schnitt mir das Abendrot ins Herz , und das schweifende Gold , in das sich die Wolken senkten ; o ich weiß es noch wie heute , daß es mir weh tat , wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging , und weiter , weiter Himmel um mich , der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb , wie eine Herde , die er weiterführen wollte , der rotes , blaues und gelbes Gewand entfaltete , und dann wieder andre Farben , bis die Schatten ihn übermannten . Da stand ich und sah die verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen ; und dachte , wenn doch einer in meine Hand flög , und ich fühlte sein klein Herzchen pochen , ich wollte zufrieden sein ; ja , ich glaubte , ein Vögelchen nur , das mir zahm war , könne mich glücklich machen . Aber es flog kein Vogel in meine Hand , ein jeder hatte schon anders gewählt , und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht . Ich glaubte doch damals , die ganze Natur bestehe bloß aus dem Begriff aufgeregter Gefühle , davon komme das Blühen aller Blumen , und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben , und darum hauche der Abendwind so leise Schauer übers Herz , und deswegen spiegle sich der Himmel , umgrenzt vom Ufer , in den Wellen . Ich sah das Leben der Natur und glaubte , ein Geist , der der Wehmut , die meine Brust erfüllte , entsprach , sei dies Leben selbst ; es seien seine Regungen , seine Gedanken , die dies Tag- und Nachtwandeln der Natur bilde ; ja und ich junges Kind fühlte , daß ich einschmelzen müsse in diesen Geist , und daß es allein Seligkeit sei , in ihm aufzugehen ; ich rang , ohne zu wissen , was Tod sei , dahin , aufgelöst zu sein ; ich war unersättlich , die Nachtluft mit vollen Zügen einzuatmen , ich streckte die Hände in die Luft , und das flatternde Gewand , die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes ; - ich ließ mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen , und dann öffnete ich sie , und mein Blick hielt es aus ; ich dachte : läßt du dich küssen von ihr , und solltest nicht vertragen können , sie anzusehen ? Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe , über die das Wasser schäumend hinabstürzte , zum zweiten Garten , der rund war , mit regelmäßigen Blumenstücken ein großes Bassin umgab , in dem das Wasser sprang ; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin , sie waren mit purpurroten Beeren übersäet , deren jede ein kristallhelles Harztröpfchen ausschwitzte ; ich weiß noch alles , und dies besonders war meine Lieblingsfreude , die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen . Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten , der den runden Garten ganz umzog und gerade so tief lag , daß die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten . Es war so schön , wenn sie blühten , oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste herüberstreckten . Oft lag ich unter den Bäumen in der heißen Mittagssonne , und in der lautlosen Natur , wo sich kein Hälmchen regte , fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras ; ich dachte : » Dich wird auch keiner finden ! « Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen Lippen , damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle . * * * Nicht wahr , die Gärten waren schön ! - Zauberisch ! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen , der von hohen Tannen umgeben war ; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab , immer in steinerne Becken gesammelt , wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam , die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden einschloß , und von da sich ins Tal ergoß , denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe ; da floß es in einem Bach weiter , ich weiß nicht wohin . So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen , seinem Sprudeln , seinem ruhigen Lauf zu ; ich sah , wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte ; es verbarg sich , es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab ; ich eilte ihm nach , ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben , in denen die Nachtigallen hausten ; da war es so traulich , da spielte ich mit bloßen Füßen in dem kühlen Wasser . - Und dann lief ' s weiter verborgen , und wie es sich außerhalb der Mauer hinabstürzte , das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen , ich mußte es halt dahinlaufen lassen . - Ach , es kam ja Welle auf Welle nach , es strömte unaufhaltsam die Treppe hinab ; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer , aber da , wo es mir entlief , da grade sehnte sich mein Herz nach ihm , und da konnte ich nicht mit ; und wenn ich nun Freiheit gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen , durch alle Täler , durch die Wüste ! - Wo der Bach mich am End hingeführt haben möchte ! Ja Herr , ich sehe Dich brausen und strömen , ich seh Dich kunstreich spielen , ich sehe Dich ruhig dahin wandeln , Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens , wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte , unbekümmert , daß es verwaist bleibe . So hat denn der Bach , an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte , mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt , und damals hab ich ' s schon betrauert , daß die mir sich nicht verwandt fühlten . O komm nur , und spiel meine Kindertage noch einmal mit mir durch , Du bist mir ' s schuldig , daß Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen läßt , solange ich nicht weiter gehe , als meine kindliche Sehnsucht am Bach ; die es auch geschehen lassen mußte , daß er sich losriß und sich energische Bahn brach in die Fremde . - In der Fremde , wo es gewiß war , daß mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte . * * * Heute haben wir grünen Donnerstag , da hab ich kleiner Tempeldiener viel zu tun ; alle Blumen , die das frühe Jahr uns gönnt , werden abgemäht , Schneeglöckchen , Krokus , Maßlieb und das ganze Feld voll Hyazinthen schmücken den weißen Altar , und dann bring ich die Chorhemdchen und zwölf Kinder mit aufgelösten Haaren werden damit bekleidet ; sie stellen die Apostel vor . Nachdem wir mit brennenden , blumengeschmückten Kerzen den Altar umwandelt haben , lassen wir uns im Halbkreis nieder , und die alte Äbtissin mit ihrem hohen Stab von Silber , umwallt vom Schleier und langem , schleppendem Chormantel , kniet vor uns , um uns die Füße zu waschen . Eine Nonne hält das silberne Becken und gießt das Wasser ein , die andre reicht die Linnen zum Abtrocknen ; indessen läutet es mit allen Glocken , die Orgel ertönt , zwei Nonnen spielen die Violine , eine den Baß , zwei blasen die Posaune , eine wirbelt auf den Pauken , alle übrigen stimmen mit hohen Tönen die Litanei an : » Sankt Petrus , wir grüßen dich - du bist der Fels , auf den die Kirche baut . « Dann geht es zum Paulus , und so die Reihe durch werden alle Apostel begrüßt , bis alle Füße gewaschen sind . - Nun siehst Du , das ist ein Tag , auf den wir uns schon ein Vierteljahr lang halb selig gefreut haben . Die ganze Kirche war voll Menschen , sie drängten sich um unsere Prozession und weinten Tränen der Rührung über die lachenden , unschuldigen Apostel . Von nun an ist der Garten wieder offen , der den Winter über unzugänglich war ; jedes läuft an sein Blumengärtchen , da hat der Rosmarin gut überwintert , die Nelkenpflänzchen werden unter dem dürren Laub hervorgescharrt , und so manches junge Keimchen meldet den vergeßnen vorjährigen Blumenflor . Erdbeeren werden verpflanzt und die blühenden Veilchen sorgfältig herausgehoben und in Scherben versetzt ; ich trage sie an mein Bett und lege den Kopf dicht an sie heran , damit ich ihren Duft die ganze Nacht ein- und ausatme . * * * O was erzähle ich dies alles dem Mann , der fern ab von solchen Kindereien seinen Geist zu andern Sphären trägt ! Warum Dir , dem ich schmeicheln , den ich locken will ; Du sollst mir freundlich sein , Du sollst , Dir unbewußt , mich allmählich lieben , während ich so mit Dir plaudere ; könnte ich Dir nun nichts anders sagen , was Dir wichtiger wär , was Dich bewegte , daß Du mich » geliebtes Kind « nenntest , mich ans Herz drücktest in süßer Regung über das , was Du vernimmst ? Ach ich weiß nichts Besseres , ich weiß keine schönere Freuden als die jener ersten Frühlinge , keine innigere Sehnsucht als die nach dem Aufblühen meiner Blumenknospen , keinen heißeren Durst , als der mich befiel , wenn ich mitten in der schönen blühenden Natur stand , und alles voll üppigem Gedeihen um mich her . Nichts hat freundlicher und mitleidiger mich berührt als die Sonnenstrahlen des jungen Jahrs , und wenn Du eifersüchtig sein könntest , so wär es nur auf diese Zeit , denn wahrlich , ich sehne mich wieder dahin . * * * Eine Sonne geht uns auf , sie weckt den Geist wie den jungen Tag , mit ihrem Untergang geht er schlafen ; wenn sie aufsteigt , erwacht ein Treiben im Herzen wie der Frühling , wenn sie hoch steht , glüht der Geist mächtig , er ragt über das Irdische hinaus und lernt aus Offenbarungen ; wenn sie sich dem Abend neigt , da tritt die Besinnung ein , ihrem Untergang folgt die Erinnerung ; wir besinnen uns in der Schattenruhe auf das Wogen der Seele im Lichtmeer , auf die Begeistrung in der Zeit der Glut , und mit diesen Träumen gehen wir schlafen . Manche Geister aber steigen so hoch , daß ihnen die Liebessonne nimmermehr untergeht , und der neue Tag schließt sich an den versinkenden an . * * * Die einsame Zeit ist allein , was mir bleibt ; wessen ich mich erinnere , das war in der Einsamkeit erlebt , und was ich erlebt habe , das hat mich einsam gemacht ; die ganze weite Welt umspielt in allen Farben den einsamen Geist , sie spiegelt sich in ihm , aber sie durchdringt ihn nicht . Geist ist in sich , und was er wahrnimmt , was er aufnimmt , das ist seine eigne Richtung , sein Vermögen ; es ist seine höchste Offenbarung , daß er erfasse , was er vermag . Ich glaub , im Tode mag ' s ihm wohl offenbar werden , früher hat er nur ungläubige Anschauungen davon ; hätte ich früher geglaubt , so hätte der Geist auch zu erreichen gestrebt , was er unmöglich wähnte , und hätte erlangt , wonach er sich sehnte , denn Sehnsucht ist ein heilig Merkmal der Wahrhaftigkeit seines Ziels , sie ist Inspiration und macht den Geist kühn . Dem Geist soll nichts zu kühn sein , denn weil er alles vermag ; er ist der Krieger , dem keine Waffe versagt , er ist der Reiche , dessen Fülle unendliches spendet , er ist der Selige , dem alles Wollust ist ; ja wohl , Geist ist die Gottheit ! Die Brust saugt die Luft in sich und entläßt sie wieder , um sie wieder zu trinken , und das ist Leben . - Der Geist trinkt sehnend die Gottheit und haucht sie wieder aus , um sie abermals zu trinken , und das ist sein Leben ; alles andre ist Zufall , ist Spur , Geschichte des Geistes , aber nicht sein Leben . * * * Darum ist der Geist einsam , weil ihn nur ein einziges belebt , das ist die Liebe . Die Liebe ist das All . Der Geist ist einsam , weil die Liebe alles allein ist . Die Liebe ist nur für den , der ganz in ihr ist . Liebe und Geist schauen sich einander an , denn sie sind in sich allein und können nur sich sehen . Ich war auch einsam damals in der Kindheit , die Sterne äugelten mich an , ich begriff sie , die Liebe spricht durch sie . Die Natur ist die Sprache der Liebe , die Liebe spricht zur Kindheit durch die Natur . Der Geist ist Kind hier auf Erden , drum hat die Liebe die süße , selige , kindliche Natur als Sprache für den Geist geschaffen . Wär der Geist selbständig , vielleicht führte die Liebe eine andre Sprache . - Die Natur lenkt und reicht dar , was der Geist bedarf ; sie lehrt , sie erzählt , sie erfindet , sie tröstet , sie beschützt und vertritt seine Unmündigkeit , vielleicht wenn sie den Geist aus der Kindheit herausgeleitet hat , lenkt sie ihn nicht mehr , sie läßt ihn dann selbständig walten , vielleicht ist das jenseitige Leben der Frühling des Geistes , so wie dieses seine Kindheit ist . Denn wir sehnen uns ja nach dem Frühling , nach der Jugend bis zum letzten Augenblick , und dieses Erdenleben ist nur ein Vorbilden für das Jugendleben des Geistes , sie entläßt ihn aus der Kindheit , wie das Samenkorn den Keim entläßt ins Ätherleben . Blühen ist Geist , es ist Schönheit , es ist Kunst , und sein Duftausströmen ist abermals Streben in ein höheres Element . * * * Komm mit , Freund ! Scheue nicht den feuchten Abendtau , ich bin ein Kind , und Du bist ein Kind , wir liegen gern unter freiem Himmel und sehen den gemächlichen Zug der Abendwolken , die im purpurnen Gewand dahin schwimmen . O komme ! - Kein seligerer Traum , kein beglückenderes Ereignis als Ruhe ! Stille Ruhe im Dasein ; beglückt , daß es so ist , und kein Wähnen , es könne anders sein , oder es müsse anders kommen . Nein ! Nicht im Paradies wird es schöner sein , als diese Ruhe ist , die keine Rechenschaft gibt , kein Überschauen des Genusses , weil jeder Augenblick ganz selig ist . Solche Minuten erleb ich mit Dir , nur weil ich Dich denke an meiner Seite in jenen Kinderjahren ; da sind wir eines Sinnes , was ich erlebe , spiegelt sich in Dir , und ich lerne es in Dir begreifen , und was erlebte ich , wenn ich ' s nicht in Dir anschaute ? - In was empfindet sich der Geist , durch was besitzt er sich , als nur dadurch , daß er die Liebe hat ? - Ich habe Dich , Freund ! Du wandelst mit mir , Du ruhst an meiner Seite , meine Worte sind der Geist , den Deine Brust aushaucht . * * * Alle sinnliche Natur wird Geist , aller Geist ist sinnliches Leben der Gottheit . - Augen , ihr seht ! - Ihr trinkt Licht , Farben und Formen ! - O Augen , ihr seid genährt durch göttliche Weisheit , aber alles tragt ihr der Liebe zu , ihr Augen ; daß die Abendsonne ihre Glorie über euch spielen läßt , und der Wolkenhimmel eine heilige Farbenharmonie euch lehrt , in die alles einstimmt : die fernen Höhen , die grüne Saat , der silberne Fluß , der schwarze Wald , der Nebelduft , das gibt euch , ihr Augen , die Mutter Natur zu trinken , während der Geist den schönen Abend verlebt im Anschauen des Geliebten . O ihr Ohren , euch umtönt die weite Stille , in ihr erhebt sich das leise Heranbrausen des Windes , es naht sich ein zweites , es trägt euch Töne zu aus der Ferne , die Wellen schlagen seufzend ans Ufer , die Blätter lispeln , nichts regt sich in der Einsamkeit , was nicht sich euch vertraute , ihr Ohren . Ihr werdet getränkt durch das ganze Walten der Natur , während Ohr , Aug , Sprache und Genuß im Busen des Freundes tief versunken ist . Ach paradiesisches Mahl , wo die Kost sich in Weisheit verwandelt , wo Weisheit Wollust ist und diese Offenbarung wird . Diese Frucht ! Duftend , reif , niedersinkend aus dem Äther ! - Welcher Baum hat sie abgeschüttelt von den überreichen Ästen ? Während wir , Wange an Wange gelehnt , ihrer und der Zeit vergessen . Diese Gedanken , sind sie nicht die Äpfel , die der Baum der Weisheit trägt , und die er Liebenden in den Schoß schüttelt , die in seinem Paradiese wohnen und in seinem Schatten ruhen . - Damals war die Liebe in der Kindesbrust , die ihre Gefühle wie der junge Keim seine Blüten dichtgefaltet und verschränkt umschloß . Damals war sie ! - und ihrem Drängen dehnte sich der Busen und öffnete sich , ihre Blüten zu entfalten . * * * Ein Nönnchen wurde eingekleidet , eine andre haben wir begraben während den drei Jahren , als ich im Kloster war ; dem einen hab ich den Zypressenkranz auf den Sarg gelegt , sie war die Gärtnerin und hatte lange Jahre den Rosmarin gepflegt , den man ihr aufs Grab pflanzte ; sie war achtzig Jahre alt , und der Tod berührte sie sanft , während sie Absenker von ihren Lieblingsnelken machte , da hockte sie am Boden und hielt die Pflanzen in der Hand , die sie eben einsetzen wollte ; ich war der Vollstrecker ihres Testaments , denn ich nahm die Pflanzen aus der erstarrten Hand und setzte sie in die frisch aufgewühlte Erde , ich begoß sie mit dem letzten Krüglein Wasser , was sie am Madlenenbrünnchen geholt hatte , die gute Schwester Monika ! Wie schön wuchsen diese Nelken ! Dunkelrot waren sie und groß . - Da mich später der , der mich liebt und kennt , einer dunklen Nelke verglich , da dachte ich an die Blumen , die ich junges Kind aus der erstorbenen Hand des hohen Alters entnommen und eingepflanzt hatte , und ob es wohl so kommen werde , daß auch mich der Tod beim Pflanzen der Blumen überrasche ; der Tod , der triumphierende Herold des Lebens , der Befreier von irdischer Schwere . Aber jene andre Nonne , jung und schön , deren lange goldne Flechten ich auf goldnem Opferteller zum Altar trug : - ich hab nicht geweint , da man die alte Gärtnerin zu Grabe trug , obschon sie meine Freundin gewesen war und mir manche Gartenkunst gelehrt hatte . Es kam mir so natürlich vor und so behaglich , daß ich nicht einmal darüber verwundert war ; aber damals , als ich im Chorhemdchen mit einem Kranz von Rosen auf dem Kopf , mit brennender Kerze als Geleitengel , unter dem Geläute aller Glocken vor der in alle üppige Pracht gekleideten jugendlichen Braut Christi einherschritt ; da wir an das Gitter kamen , vor welchem der Bischof stand , der ihr die Gelübde abnahm , und er fragte , ob sie sich Christo vermählen wolle , und man ihr auf ihr Bejahen die mit Perlen und Bändern durchflochtenen Haare abschnitt , welche ich auf einem goldenen Teller empfing , da fielen meine Tränen auf diese Haare , und da ich hin zum Altar trat , um sie dem Bischof zu überreichen , da schluchzte ich laut , und alles Volk weinte mit . Die junge Braut legte sich an die Erde , es wurde ein Leichentuch über sie gebreitet , die Nonnen wallten von allen Seiten herbei , je zu zweien Blumenkörbe tragend . Ich streute die Blumen auf das Leichentuch , während ein Requiem gesungen wurde . Sie wurde als Tote eingesegnet und Gebete über sie gesprochen ; das irdische Leben war beendet , ich hob als Auferstehungsengel die Totendecke auf ; das himmlische Leben beginnt , die Nonnen umringen sie , in ihrer Mitte wird sie vom weltlichen Staat entkleidet . Ordenskleid , Mantel und Schleier werden ihr angelegt , worauf sie in die Hände des Bischofs die Gelübde des Gehorsams , der Keuschheit und der Armut ablegt . Ach , wie war ich beklommen , da der Bischof ihr das Kruzifix reichte , um es als ihren Bräutigam zu küssen . Ich wich nicht von ihrer Seite ; am Abend , da die Nonne allein in ihrer Zelle saß , kniete ich noch vor ihr , mit meinem verwelkten Rosenkranz auf dem Kopf ; sie war eine Französin , eine Gräfin d ' Antelot . » Mon enfant « , fragte sie , » mon cher ange gardien , pourquoi as - tu pleuré ce matin lorsqu ' on m ' a coupé les cheveux ? « Ich schwieg eine Weile still , aber dann fragte ich leise : » Madame , est-ce que Jésus Christ a aussi une barbe noire ? « Diese schöne Frau war mit vielen andern hohen Damen und Rittern , die Ordensbänder und Sterne hatten und aus Frankreich vertrieben waren , in unser Kloster gekommen ; diese zogen alle weiter , sie allein blieb zurück , sie wandelte viel im Garten , sie hatte einen blitzenden Ring am Finger , den sie küßte , wenn sie in der dunklen Allee allein war . Da las sie ihre Briefe mit leiser Stimme , und mit einem feinen weißen Tuch trocknete sie die weinenden Augen . Ich belauschte sie , ich liebte sie und weinte heimlich mit . Einmal trat ein schöner Mann in glänzender Uniform mit ihr in den Garten . Sie sprachen zärtlich miteinander . Der Mann hatte einen schwarzen Bart , er war größer als sie , er hielt sie in seinen Armen und sah auf sie herab , und seine glänzenden Tränen blieben in seinem schwarzen Bart hängen ; das sah ich , denn ich saß in der dunkeln Laube , an deren Eingang sie standen . Er seufzte tief und laut , er drückte sie ans Herz , und sie küßte die glänzenden Tränen im schwarzen Bart auf . Noch oft wandelte die schöne Frau in diesen einsamen Alleen , noch oft sah ich