Kurz ist nur der Augenblick , der mir erlaubt hat , Dir zu nahen . Seit manchem Tage umschleiche ich das Haus , aber immer liegt die Pforte im Riegel , oder das alte Weib steht daran wie der feurige Wächter am Paradiese . Die Ankunft des Herrn hat auch meine Einkehr begünstigt . Aber lange darf ich nicht weilen , sollst nicht Du verloren seyn . Entscheide also . Gib auf den Goi , dem die Hölle sey , und rede zu mir , wie die Braut zum Verlobten . « - » Unsinniger Bösewicht ! « erwiederte Esther heftig , und entzog sich seinen Armen : » Welch ein Wahnsinn blendet Dich . Weißt Du nicht , daß des Scheiterhaufens Flamme mir willkommner wäre , als eine Liebkosung aus Deinem Munde ? Hinweg ! thue was Du willst , aber ich sterbe eher , ehe ich Dein sündlich Verlangen erwiedre . « - » Gemach ! gemach ! « flüsterte Zodick , dessen linkes Ohr beständig gegen die Treppe gespitzt war : » Estherchen , geberde Dich doch nicht wie die krumme Schlange . « Warum eiferst Du also ? Sehe ich doch hier nichts Besondres . Du bist einst gewesen die Tochter des reichen Ben David , und ich Dich Knecht , den Du verschmähtest . Jetzt bist Du das Kind eines zum Tod verdammten armen Sünders , und ich hingegen mehr als Du ; nämlich ein Christ . Die schlechte Jüdin sollte sich ' s zur Erde rechnen , bewirbt sich ein Bekehrter um sie . Allein sie gedenkt von liebrer Hand die Taufe zu empfangen . Ich merke das . Wie dem auch sey . Dein Sträuben hilft nichts , und nicht Deiner Schmähungen ergiebige Quelle . Bei meines Vaters Gebet und Todeskampf ! Ich hole Dich heim , ehe noch des Mondes Scheibe sich füllt ; magst Du mich nun erwarten , geschmückt wie die Braut , oder thränend wie das gebundne Opferthier . Hoffe nicht , mir zu entrinnen , denn es heißt : » Dem Falken gehört die Welt , und meinem Falkenblick wie meinen Spähern entkömmst Du nicht . « - » Mensch ! « stammelte Esther , Todtenblässe auf den Wangen : » Was willst Du beginnen in Deiner tollen Grausamkeit ? Hast Du geschworen zu verderben mein Geschlecht , so ermorde mich . Kannst Du erringen Geld und Belohnung , so verrathe mich an das Gericht . Welchen Vortheil bringt Dir ' s aber , so Du mich quälst mit Zumuthungen , deren Gräßlichkeit mir den Tod wünschenswerth macht ? « » Närrchen ! « lachte Zodick hähnisch : » Du wirst mich kennen lernen besser , denn bisher . Leb wohl , und setze all Deine Hoffnung auf mich . - Noch eins ! « setzte er bei , an der Thüre umkehrend : » ich habe versprochen Deinem Vater , zu bringen von Dir ein Zeichen des Lebens und des Wohlseyns . Der hochgelobte Gott will , daß ich ihn dadurch tröste in der Nacht seines verdienten Kerkers . Gib mir den Ring Deines Fingers , oder die Flechtenspitze von Deinem Haupte , auf daß sie Zeugniß geben für mich bei Deinem Vater ! « - Esther sah den Menschen lange und forschend an . » O sage mir , Zodick , « sprach sie alsdann : » rede , und sage mir , wer Du bist , eigentlich und wahr . Ob ein Abschaum der Verworfenheit , auf welchem immer die Lüge schwimmt , oder ein wahnsinniger Thor , den der Herr geschlagen , daß er die Welt unglücklich mache durch seine bösen Träume und giftigen Reden , oder aber ein cerblendeter unglücklicher Mensch , der böse handelt aus Rache und Haß , und gern wieder gut handeln möchte , um seinem bessern Theile zu genügen , und dem Gesetze , und dem empörten , zagenden Gewissen ? Der Erste scheinst Du zu seyn , da Du Unschuldige in den Kerker legst , und durch falsche Eide den Tod herabrufst auf ihr Haupt ; als den Zweiten gibt Dich Dein Erscheinen kund in dieser Kammer , und die Reden , die Du darin ausgestoßen ; aber zugleich möchte ich Dich für den Letzten halten , so Du mir betheuern könntest , daß keine Hinterlist hinter Deinem Begehren lausche . « - » Wofern ich nicht habe versprochen Deinem Vater , ihm zu bringen ein Pfand Deines Lebens und Deiner Freiheit , « hob langsam und beschwörend Zodick an , - » so will ich verkrummen und werden wie ein lahmer Wurm , der im Staube verscheidet . Die Seligkeit meines Vaters soll von ihm genommen seyn und dessen unstäte flüchtige Seele zurückkehren zu dieser Welt , um mich zu peinigen durch sieben Ewigkeiten , und alle Blutschuld von Israel und Edom falle über mein Haupt zusammen wie die Felsen von Josaphat . Also geschehe mir , wofern .... « - » Halt ein mit dem gräßlichen Schwur , der den Ungläubigsten überzeugen müßte von der Wahrheit dessen , was Du gesagt ! « unterbrach ihn Esther schaudernd , indem sie mit schneller Hand eine Locke vom Haupte schnitt , und sie dem falschen Boten hinreichte : » Da ; nimm , räthselhafter Mensch , der bald die Hölle selbst in sich erschließt , bald eine menschliche Regung kund gibt . Bringe den armen Gefangnen in Babylon Trost durch dieses Zeichen , und laß den hochgelobten Gott Deine Seele lenken , daß Du erwachsen mögest aus dem Schlummer der Sünde , und widerrufest , was Du gelogen und falsch beschworen . Zodick ! « fuhr sie fort , da er stumm und stier , wie nachsinnend vor sich hinsah , und sie dieses Schweigen für eine menschliche Rührung nahm : » Zodick ! Höre mich ! Noch habe ich mich nicht herabgelassen , zu flehen bei Dir ; heute aber thue ich es . Höre den Jammer eines Kindes , das seinen Vater sieht sterben in Noth und Pein . Auch Du willst einst Vater werden . Laß Dich rühren das Schicksal Ben David ' s , Deines väterlichen Freundes . Nimm sie zurück , diese Anklage , die drei Menschen erbärmlich hinwürgt , wie schuldlos gepeinigte Lämmer . « » Schweige ! « entgegnete Zodick überrascht : » Das geht nicht ; aber , Gott soll mir helfen , das Ärgste will ich treiben ab , so Du mir sagst : Massal tosch ! « - Mit einem Blicke des Abscheus wendete sich Esther ab , und der freche Brautwerber drohte ihr grinsend mit dem Finger : » Was man oft verweigert in Güte , « murmelte er spottend , » das gewährt man oft der Gewalt . Gute Feiertage , Schickselchen . Wir sehn uns wieder . Denk an mich . « - Mit der Schnelligkeit eines Kobolds huschte der Mensch über die Treppen hinunter , und entkam glücklich , wie sich aus der Ruhe des Hauses schließen ließ . Statt seiner fand sich bald die alte Crescentia ein , und weckte Esther aus den bösen Träumen , in welche sie der Besuch des gefürchteten Zodick versetzt hatte . - » Gute Esther , « sprach die Frau , nicht ohne eine kleine innere Bewegung zu verrathen : » ich bitte Dich , ja recht ruhig Dich hier oben zu verhalten , damit Deine Unwesenheit nicht kund werde . « - Nun erst fiel Esthern der Besuch des alten Diether ein , und aufschreckend fragte sie : » Bin ich entdeckt ? Hat mich Herr Frosch ausgekundschaftet ? « - Crescenz schwieg ein wenig betroffen , dann entgegnete sie : » Ei , ei , Mägdlein , wie kannst Du wissen , daß Herr Frosch der Altbürger hier gewesen , wenn Du nicht gelauscht hast an der untern Treppe ? Diese Neugierde ist euch Juden angeboren , hätte Dich aber diesmal in große Gefahr bringen können . Der alte Herr war ohnehin so aufgeregt und unwirsch , ... und wenn er vollends Dich gesehen , - erfahren hätte , wen ich hier ohne sein Vorwissen beherberge .... - beim Stöcker säßest Du , und ich wäre um den kommlichen ruhigen Dienst . « - Esther erwiederte nichts , da sie es nicht gerathen hielt , den gehabten Besuch anzuzeigen , und die geschwätzige Crescenz fuhr fort : » Zum Glücke hat es diesmal nicht Dir gegolten , Du mein armes neugieriges Heidenkind ; aber neue Hausbewohner hat der Herr auf den Schellenhof gebracht , und da dieselben gerade unter dieser Giebelstube ihren Sitz aufgeschlagen haben , so empfehle ich Dir leise Socken und ein hübsches feines Schweigen . « - » Neue Hausbewohner ? « fragte Esther : » Herr Diether Frosch hat sie gebracht ? « - » Jawohl ; « seufzte die Alte , und schlug , achselzuckend gen Himmel sehend , ein Kreuz : » Die Welt wird immer böser und verdrossener von Tag zu Tage . Komm ' ich mir doch beinahe vor , wie der Gefängnißwärter hüten , die man in der Stadt nicht wohl aufheben mag . « - Esther seufzte tief auf . - » Nu , nu , « fuhr die Alte fort : » das soll Dir nicht zum Gehör geredet seyn , mein Däuschen . Du bist , abgerechnet , daß Dein Vater ein Jude ist , wofür Ihr beide , er und Du nichts könnt , ein seines reines Mägdlein , und ich wollte auf Deine Ehrbarkeit einen Eid schwören , blos allein , weil Junker Dagobert Dich seines Schutzes würdigt ; allein die da unten ist nicht mehr rein wie der Schnee und die Apfelblüthe an meinen Bäumen , und ich wollte alles verwetten , daß in ihr der Grund alles Zwiespalts im Froschiachen Hause aufzusuchen ist . « - » Wer ist diejenige , von welcher Ihr sprecht ? « fragte Esther . - » Die Magd ist ' s , die so eben der alte Diether hieher geleitet , und sammt einem holden Töchterlein in meine Verwahrung gegeben hat , bis auf weiteren Befehl . Er nimmt Antheil und Sorge an dem Töchterlein , sagt er , und ich glaube es wohl , denn man müßte blind seyn um nicht die Wahrheit zu errathen . Er findet es nicht gerathen , das Mägdlein und deren Mutter in seinem eignen Hause zu beherbergen . Das meine ich auch , sintemalen die Hausfrau daselbst das Regiment führt , und solche vom Himmelgefallene Kinderleins mit scheelen Augen ansehen würde . Da soll denn nun mein guter ehrlicher Schellenhof das Nest seyn , wo fremde Eier , Kuckuckseier , verwahrt werden mögen . « - » Aber , was bedeuten denn diese Reden ? « fragte Esther : » was meint Ihr damit ? « - » Daß den alten Herrn der Leidige zu unrechter Zeit geblendet hat , « eiferte die fromme Crescentia ; » und daß hier die Schande verborgen werden soll . Meinethalben ; ich bin eine alte Magd , und mich kümmert nicht , was die Herrschaft thut oder läßt ; ich sehe daher auch ganz ruhig zu , und will , - dem Befehl des Herrn zu folgen , sogar mich bezähmen , und die Dirne , die gleichmüthig dasitzt wie die Unschuld selbst , nicht einmal ausfragen , sondern die Sachen gehen lassen , wie sie eben können , aber , wenn die ehrsame Frau heraus kömmt , wie sie in jedem Frühling ein Paarmal zu thun pflegt , und mich die Stuben aufsperren heißt , und die ganze Bescheerung sieht , dann wasche ich meine Hände in Unschuld , und dem alten Herrn von sechzig Jahren und darüber , dem ich stets etwas Besseres zugetraut hätte , geschieht dann recht . - Aber , « setzte sie , plötzlich leicht erröthend hinzu : » da bemerke ich so eben , daß ich in der Fülle meines Herzens und meiner Gedanken alles herausgesprochen habe , was ich mir als Wahrheit einbilde . Das will sich für eine alte treue Wächterin nicht wohl geziemen . Du magst es jedoch der Geschwätzigkeit des Alters zu Gute halten , und es wieder vergessen . Besonders empfehle ich Dir , gegen den Jungherrn bei dessen Rückkehr nicht das geringste merken zu lassen , denn Kinder müssen nichts erfahren von den Verirrungen ihrer Eltern , selbst nicht einmal so würdige und wackre Söhne , wie Junker Dagobert . « - Als die Alte hinweggegangen war , setzte sich Esther in einen Winkel , und machte ihrem gepreßten Herzen durch einen Strom von Thränen Luft . » Wie unglücklich bin ich ! « klagte sie still und leise vor sich hin : » Und wie kommt es , daß mir jetzt gerade einfällt das wahrsagende Wort , so einst der Altvater Jochai zu mir gesprochen , da er mich warnte vor der Hinneigung zu den Bekennern des Gekreuzigten ? Hat er nicht damals vor meinen Augen gestellt das Schicksal der Engel Asa und Asael , denen es gelüstete nach Bräuten der Erde ? Seit Jahrtausenden schweben die Armen zwischen Himmel und Erde , wo sie aufgehängt hat in seinem Zorn der eifrige und hochgebenedeite Gott . Und ihr Schicksal ... ist es nicht das Meine ? Einer Liebe hingegeben , die bald wie eine sanfte Glut mein Innerstes erwärmt und veredelt , bald aber wie ein ungeduldig Feuer meine Seele quält und anschmiedet an einen Gegenstand , der unstät und rastlos sich immer meiner Sehnsucht entzieht , bin ich bald niedergezogen zur Tiefe , bald schwebe ich auf zur Höhe der Himmel . Die Pflicht ruft mich gebieterisch auf die Schwelle wenigstens des Kerkers , in welchen meine Väter athmen , da die rohe Willkür mir das Glück versagt , ihn mit denselben zu theilen ; die Liebe aber hält mich hier in diesem engen Raume zurück . Ihr vertrauend , die mir Schutz und Beistand den Meinigen verheißt , überlasse ich Jochai und Ben David ihren Leiden . Wird aber dieses Vertrauen sich erfüllen ? Wird denn der Freund erfüllen können , was er zu erfüllen wünscht ? Reißt mich daß Verweilen auf dieser Stätte nicht endlich auch in den Abgrund , aus welchem ich meinem Vater nimmer emporreichen werde können die rettende Hand ? O Mutter , welcher das Paradies sey , und die Palme des ewigen Friedens , Mutter , erinnere Dich , wenn gleich ein abgeschiedner Geist , Deiner Tochter , und leiste Hülfe ! Ureiniger Gott , zu den Jakob ' s Söhne beten , wie die Verehrer des Menschgewordnen , schütze Du den edeln Mann , den ich ehre wie einen Seligen und Gesegneten des Herrn , daß er bald zurückkehre , und durch seine Kraft und Großmuth das Truggewebe zerreiße , das meines Vaters Unschuld , unser aller Geschick umhüllt ! Schon drang der Verrath über diese Schwelle ; wer weiß , wie lange der verbrecherische Unhold seine Drohungen aufschiebt ? Wer weiß , ob mich nicht vielleicht der nächste Tag verrathen und verkauft in den Händen der Feinde sieht ? Ich möchte fliehen , und wage es doch nicht . Wie entkomme ich den Kundschaftern des Unseligen , die vielleicht hinter jedem Baume lauern ? Wohin könnte und dürfte ich entfliehen ? Wo lebt der Mensch , der mich aufnehmen , .. wo ist die Veste , die mich schützen würde ? Wo weilt er , der einzige Hort , auf den ich baue ? Kann meine angstvolle Stimme ihn rufen über Berg und Thal ? Hört denn sein Ohr den flüchtigen Schritt meiner Sohle ? O , daß meine Klage ein Zauberspruch wäre , der ihn fesselte , und herbeizöge mit unwiderstehlicher Gewalt ; daß der hochgelobte Gott die Schwester doch wieder in seine Hand gegeben hätte , damit er Zeit gewinnen möge , an seine unwürdige Magd zu denken ! Welche Leiden ich auch schon erduldet habe , - welcher Kummer mir auch noch bevorstehen mag , seine Nähe allein dünkt mir schon ein Balsam für alle Wunden , die das Schicksal schlägt . Und meine allzugefällige Einbildungskraft gaukelt mir nur zu oft eine schmeichelnde Täuschung vor . Pocht mein Herz bang und ungeduldig , so höre ich den Hufschlag seines geschwinden Rosses . Zittern meine Pulse , so vernehme ich seinen nahenden Schritt . In den Glocken , die gerade jetzt herübertönen aus der Stadt , spricht seine anmuthige Stimme , aus dem Abendroth dort an den Bergen schaut sein freundlich Angesicht . Ungeduldig berge ich mich hinter diesen Riegeln , da ich doch von jenen Höhen den geliebten Namen ausschreien möchte durch die Welt . Zürnend sieht mein Auge jenes verschlossene Fenster an , das mir die Aussicht nach der Heerstraße verbirgt , auf welcher er daher ziehen wird . Wenn er käme , jetzt käme , im Andrange der höchsten Noth ! Wenn ich ihm könnte entgegeneilen auf den Flügeln des Auges , um ihn zu begrüßen , schon im fernen Dämmerschein ? Warum nicht jenes Fenster , das unnütze Vorsicht verschloß , kann eröffnen die muthige Hand . Vom Aufgange kommt alles Gute , alles Wahre . Vom Sonnenaufgange her sieht der hochgelobte Gott in unsre Tempel ; von dort muß auch Dagobert wieder heimkehren ! « - Kühn schlug ihre Hand den verschloßnen Laden des Fensterleins auf , und ihr Blick suchte unter den Rosen , die der Niedergang dem blaudunkeln Osten zuwarf , den Geliebten . Umsonst ! Leer war und blieb die Straße . Längs der Gartenmauer jedoch kroch ein Mann schwer und unbehülflich am Straßenrande hin , beschäftigt , wie es schien , Kräuter zu sammeln im thauigen Abendschein . Zufällig richtete sich auf ihn Esther ' s Auge , - zufällig blickte er zu dem klingenden Fenster empor , - und schnell fuhr das Mädchen zurück . Es war der Judenarzt Joseph , der dort unten verkehrte , und Esther flehte zum Himmel um die Gnade , von dem Gefürchteten nicht erkannt worden zu seyn . Zehntes Kapitel . » Komm , Alte , komm , erzähle uns ein Mährlein ! « Gern , liebe Püppchen ; werdet Ihr aber auch das Grausen vertragen können ? Wer kein gut Gewissen hat , setze sich vor die Thüre , und bete indessen ein Vaterunser ! Kindermährchen . Das Schloß Neufalkenstein , der Sitz des Ritters Bechtram von Vilbel , hatte seit Langem nicht so viel Geplauder und Gelärm in seinen Mauern gefaßt , als seit der Zeit , da der Graft von Montfort dem Besitzer einen Besuch abgestattet , und demselben aufgetragen hatte , das schöne Fräulein von Baldergrün von der Heerstraße wegzufangen , zum schuldigen Dank für so manche Unbill , die der Graf zur Zeit , da er um das Edelfräulein warb , hatte ertragen müssen . Dem in dergleichen Aufträgen geübten Bechtram , welcher , nachdem er lange Jahre hindurch der Hauptmann der Reichstadt Frankfurt in Ehren und Frieden gewesen , vorgezogen hatte , das unedlere Gewerbe der Wegelagerei wieder zu ergreifen , war des Grafen von Montfort Aufgabe über alle Maßen trefflich gelungen , und die Beute richtig geworden . Ein solcher Fang warf zu viel an Gewinn ab , und war überhaupt so selten in der Rechnung der Herren vom Stegreif , als daß sich die Letztern nicht hätten etwas zu Gute thun sollen . Bechtram mit seinen Genossen bankettirte Tag aus , Tag ein , was doch sonst seine Sache nicht war ; seine Hausfrau hatte alle Hände vollauf zu thun , um ihre Gäste zu bewirthen , und Wallrade hatte in ihrem männlichen Geiste mit überraschendem Scharfblick den Standpunkt erfaßt , von welchem sie ohne weitere Demüthigung in das Gewühl um sie her herniedersehen konnte . So finster es auch in ihrem Innern wogte , so heiter und glatt hatte sie die Stirne gelegt . - Nicht die Gefangene schien sie zu seyn , - preisgegeben der harten Willkür räuberischer Wächter ; - eine Fürstin vielmehr , die sich es gefallen läßt , auf kurze Zeit von dem Gipfel ihrer Größe in ' s gemeinere Leben herniederzusteigen , und durch ihre Gegenwart das Haus eines ihrer ärmern Wasallen zu beglücken . Den Zwang , der sie drückte , wußte sie unvermerkt in den Hintergrund zu drängen , und zu ihrem Diener zu machen , daß es den Anschein hatte , als sey jede Beschränkung ihre freie Wahl . Sie sah auf den Lippen oder der Stirne ihrer Hüter keinen Befehl , keinen Wunsch schweben , den sie nicht plötzlich errathen , und zu ihrem eigenen Willen gemacht , ihn also geäußert hätte . Sie vermochte es über sich , dem ganzen Abenteuer eine scherzhafte Seite abzugewinnen , und dann und wann mit feinem Spott ihren Umgebungen merken zu lassen , daß der ganze Vorfall ihr nichts weniger , als wichtig erscheine , sondern im Gegentheile kurzweilig und ergötzlich , da er über Kurz oder Lang dennoch ein für sie erwünschtes Ende nehmen werde . Mit verächtlicher Kälte hatte sie ihre Kleinodien und ihre Baarschaft den Räubern hingegeben , mit unbefangner Ruhe hatte sie es mit angesehen , da Frau Else , Bechtram ' s Hauswirthin , ihre breitschultrige , unangenehme Gestalt mit diesen Kostbarkeiten geschmückt , und sich ihr also geputzt wie in höhnendem Scherz vorgestellt hatte . Den derben Übermuth des Burgherrn und seiner Freunde vergalt sie eben so mit unempfindlicher Derbheit , des Leuenberger ' s und Petronellen ' s schadenfrohen Spott mit schalkhaften Antworten , die die Lacher auf ihre Seite brachten ; und stand im Ganzen genommen da , nicht wie ein eingekerkert schwaches Weib , sondern wie ein zu Schutz und Trutz gerüsteter Kämpfer , der keine Blöße gibt , ohne die des Gegners zugleich zu treffen . - Je unerwarteter dieses Benehmen den Innsassen und Gästen Neufalkensteins war , je weniger verfehlte es seinen Zweck , und die kräftige Wallrade hatte die Genugthuung , bald den Erfolg zu beobachten . - Bechtram , sein Weib und seine Gesellen , rauhe Menschen , wie das wilde Leben in Fehde , Forst und abgeschiedner Veste sie zu gestalten pflegt , hätten die stillduldende Sanftmuth einer Unglücklichen unerbittlich zu Boden getreten ; aber der unduldsame Trotz , die kecke Widerspenstigkeit und Spottsucht Wallradens erschienen den Harten als Eigenschaften , eines bessern Schicksals , wie einer günstigern Behandlung würdig . Bechtram lächelte , wenn das Fräulein ihn einen grauen Taugenichts , seine Veste ein Raubnest schalt . Else duldete scherzend den Spott , welchen die gezwungne Gastfreundin über ihre unschmackhafte Küche aussprudelte . Der wilde Hornberger gerieth in Entzücken , sah er Wallraden auf dem Rücken seines Gauls , dessen Koller sie mit aller Kraft eines Mannes im wenig geräumigen Zwinger bändigte . Der schielende Doring , der wüste Reifenberger , der dicke Henne von Wiede , - Bechtram ' s Gefährten - so wie der ab und zu fahrende Eppsteiner bemühten sich um die Wette , das in Haft liegende Fräulein durch kurzweilig Gesprächsel zu vergnügen , oder durch ein Spiel im Brette , oder durch ein vom Zuge mitgebrachtes Geschenk . Der Leuenberger legte nach und nach , von Stunde zu Stunde , mehr von der Schroffheit ab , die er gegen seine Stiefnichte geäußert hatte , und wandelte sein Betragen in eine gewisse tölpische Höflichkeit und Augendienerei um , die von Wallraden nicht unbemerkt , so wie von allen Übrigen nicht ungeneckt blieb . Die Base Petronella endlich , verblüfft von dem ungezwungnen und freien Benehmen Wallradens , hatte so ziemlich ihre beißende Zunge zur Ruhe verwiesen , und ihren gewöhnliche Standpunkt eingenommen ; nämlich den einer Zeitvertreiberin , weil ihre Mährlein und Schnurren weit und breit in den adelichen Genossamen der Gegend guten Klang und Ruf hatten . Frau Else liebte das Erzählen im traulichen Kreise , und Wallrade forderte oft selbst die Muhme dazu auf , wenn sie den Zudringlichkeiten des Leuenbergers ein Ende machen wollte . War die Alte dann im Zuge , so entfernte sich Diether ' s Tochter gewöhnlich unvermerkt , und erklimmte den Wartthurm , wo sie sich zwischen den mächtigen Zinnen niederließ auf die Steinbank , in die weite Luft hinausstarrte , und ihren stürmischen , mit übermenschlicher Kraft zurückgepreßten Gefühlen den Lauf ließ . Der Thurmwächter , der seiner tauben Ohren halber aus den Reihen der reisigen Knechte in die Höhe verwiesen worden war , wo seine scharfen Augen noch gute Dienste zu leisten vermochten , saß dann gewöhnlich vor der Öffnung , die auf des Thurmes Platte seinem elenden Schlafwinkel als Thüre und Fenster diener , und schneiderte an den Kleidern der Burgleute , oder kämmte seinen Hund , und begriff nicht , wie sich das schöne gefangne Fräulein so ganz allein zu unterhalten vermöge auf der einsamen Warte . Wallrade legte aber die glühende Stirne an die kalten Steine , und blickte hinaus gen Frankfurt , von wannen immer noch kein Retter nahen wollte . Immer noch war es ihr nicht gelungen , eine Botschaft den Vater zu senden ; von Tag zu Tage verzögerte sich ihre Befreiung . Unwillig klagte sie den Himmel an , daß er sie , gleich wie auf einem Siegerzuge , aufgehalten , während sie im Begriff gestanden , des Unfriedens und der Zwietracht höchstes Maaß über das Haupt des Vaters und der Stiefmutter auszugießen . Unwillig fragte sie die Vorsehung , wie lange sie noch hier zu verharren habe in einem Zwang des Willens und der Empfindung , der ihr an ' s innerste Leben zu greifen begann , trotz Verstellung und Standhaftigkeit . Zagend und zürnend zugleich gedachte sie des Augenblicks , in welchem der Graf von Montfort ; - dessen Zuthun bei der verwünschten Begebenheit sie leicht errieth , wenn gleich Bechtram seinen Namen nicht auszusprechen wagte , - auf der Veste erscheinen und durch seine Gegenwart die durch seine Unritterlichkeit Gefangene am tiefsten demüthigen würde . Allein , wie sehr sie auch klagte , zürnte und zagte , der Zeitpunkt ihrer Erlösung lag immer noch ferne , denn ein geheimnißvoller Schleier bedeckte vor jedem fremden Auge die auf Neufalkenstein verwahrte Beute . - Der Aufenthalt der von Gelnhansen geladenen Gäste hatte bereits mehrere Tage gedauert , und Wallrade , von trüben Gedanken in ihrer engen Kammer gepeinigt , war gerade nach dem Imbis zu dem Wartthurm emporgestiegen , um die laue Frühlingsluft in ihrer klaren Reinheit zu trinken , und ruhiger zu werden . Der Weg , welcher unfern der Veste vorüberlief , war leer und öde wie immer , seitdem die Nachbarschaft von Bechtram ' s neuen Unternehmungen vernommen hatte . Ein frischer Luftstrom erquickte aber Auge und Stirn der Gefangenen , und ihr Blick schweifte kühn über die Höhen und Ebenen , über Gewässer und düstre Tannenwipfel , und senkte sich tief in das Innere der kleinen , zu ihren Füßen liegenden Veste . Ihr Herz ergrimmte auf ' s Neue , da sie jetzt erst wahrnahm , wie gering und unbedeutend der Kerker war , der sie einschloß . Der an und für sich nicht sehr ergiebige Raum war von dem Erbauer haushälterisch benützt worden . Ein tiefer Graben umschloß die unregelmäßig gebaute Veste , deren Eingang ein schmales Thor , blos für einen Mann zu Pferde breit und hoch genug bildete . Zugbrücke und Pforte verschloß diesen Eingang beständig , wie eine von aller Welt abgeschnittene Klause . Hinter den dicken , am Graben emporragenden Mauern schlängelte sich der enge Zwinger , in welchem Knechte und Pferde und Hunde , sammt dem geraubten Zug- und Melkvieh ihre Hütten und Ställe fanden . Eine elende Waffenschmiede , in welcher die auf Raubzügen zerhacken Blechhauben und Drahtwämser nothdürftig zusammengeflickt wurden , streckte hier ihren rauchenden Schlot . Dicht daneben hatten die Burgleute zu ihrem Vergnügen eine bald zum Armbrustschießen , bald zum Regelschieben benützte Bahn angelegt ; der einzige Fleck , auf welchem allenfalls ein Roß zugeritten werden konnte . Wer aus diesem Zwinger in das Innerste dringen wollte , mußte durch ein niedres , von schwerem eichenen Gegatter fest verschloßnes Pförtlein kriechen , hinter welchem der enge finstre Hof das Wohngebäude des Herrn einfaßte , zu dessen , ungefähr acht bis neun Schuhe von dem Boden erhöhten Schwelle eine in Klammern gehängte Holztreppe führte , die im Nothfall weggenommen werden konnte , um einem Feinde oder einem Räuber den Eingang zu den Schätzen und Vorräthen des Hauses unmöglich zu machen oder mindestens zu erschweren . In dem Hofraume schnatterte und lärmte des Federvieh ' s bedeutende Menge , rauchte der Ofen , in welchem die thätige Hausfrau das Brod bereitete , umfangen von hohem , rußigem Gemäuer , das in die Fensteröffnungen des Erdgeschosses der Burg nur den bleichsten Strahl des Tages eindringen ließ . Und dennoch waren hier die Räume , in welchen die Geschäfte der Wirthschaft und des Hauswesens verrichtet werden mußten . Hier war die Halle , welche den mächtigen Herd in sich faßte , und den in tiefer Schlucht quillenden Brunnen der Veste , und den Eingang in die unterirdischen Waarenkammern und Weinkeller des Hauses , so wie die Treppe zu den obern Gemächern , deren zwei sich in der Burg befanden , in eben so vielen Stockwerken vertheilt . Das erste , zu welchem die Wendeltreppe führte , - das Gemach der männlichen Bewohner , - zugleich die größte Stube der Veste , in welcher Trinkgelage und Mahlzeiten gehalten wurden , nahm den ganzen Raum des Stockwerks ein , eine Kammer ausgenommen , in welcher auf Stroh- und Rohrgefüllten Säcken , überdeckt mit Wolfs- oder Bärenfällen die Männer des Schlafs genossen , umgeben von ihren Gewändern , Waffen und den Satteln ihrer Pferde . Stieg man die fortlaufende Wendeltreppe empor , so gelangte man im zweiten Stockwerke zu dem Gemach der Frauen , das , wenn gleich zierlicher geputzt , als das der Einrichtung hatte . In jedem der vier ziemlich breiten aber niedern Fenster zwei steinerne Ecksitze , an den Wänden fortgehende Bänke mit Polstern ; in jedem Winkel des Gemachs ein schwerer Schwenktisch oder Kleiderschrein ,