das Aeussere , vortheilhaft zu benutzen gewußt , und nichts bezeichnet sie besser , als das französische Wort : je ne suis pas la Rose , mais j ' ai habité avec elle . Begleitet von diesem ihrem jungen glänzenden Lieblinge , trat nun die Gräfin eines Abends ganz unerwartet in Gabrielens Zimmer ein , um ihre vielgeliebte Nichte einmal wieder zu sehen , nach der sie sich , ihrer Versicherung nach , Mondenlang vergebens gesehnt hatte . Sie erklärte , den ganzen Abend bei ihr bleiben zu wollen und etablirte sich förmlich mit ihrer Knötchen-Arbeit auf dem Sopha , um dieses zu beweisen , denn der heutige Tag war eben ein allgemeiner Bußtag gewesen , der ohnehin still und mitunter auch wohl langweilig selbst von denen zugebracht werden mußte , die wie die Gräfin und Ida im ewigen Wechsel des Vergnügens sich herumzudrehen gewohnt sind . Der seltne Besuch der Tante ward von Gabrielen mit gewohnter Holdseligkeit empfangen und auch Idas beinahe ungestüme Liebkosungen wurden so von ihr erwidert . Wie entzückt , warf sich diese ihr in die Arme , und ward nicht müde , ihrer Freude über dieses lang ersehnte Wiedersehen Worte zu geben . Mit innigem Wohlgefallen und stiller Bewunderung betrachtete indessen Gabriele das , alle frühere Erwartungen weit hinter sich lassende Erblühen des jugendlichen Wesens , das noch in diesem Moment durch ein , bei Hippolits Anblick aufleuchtendes freudiges Strahlen der schönen Augen unendlich reizender ward . Sie ließ Ida lächelnd gewähren , wie man einem artig spielenden Kinde den Willen thut , als diese nun mit anmuthiger Geschäftigkeit sich der Verwaltung des Theetisches bemächtigte , dabei die in Schloß Aarheim selig verlebten Tage pries , und überhaupt alle ihre kleinen Künste spielen ließ , um sich so interessant und liebenswürdig als möglich zu zeigen . In Gabrielens reine Seele kam noch immer keine Ahnung von diesen Künsten , unerachtet ihre genaue Bekanntschaft mit der Welt sie in dieser Hinsicht wohl hätte einsichtiger machen können . Sie aber war zu wahr geblieben , um an das Falsche oder Schlechte zu glauben , ehe Thatsachen davon sie unwidersprechlich überzeugten . Und so wie sie als sechszehnjähriges Kind die jugendliche frische Farbe ihrer schon damals mehr als vierzigjährigen Tante bewundert hatte , eben so ließ sie sich auch jetzt zehn Jahre später , von der gutgespielten kindlichen Naivetät eines achtzehnjährigen Mädchens blenden , ohne in ihr die geübte Schauspielerin zu erkennen . Das Vergnügen , mit dem sie dem anmuthigen Wesen zusah , stieg mit jeder Minute , ihr Auge suchte endlich Hippoliten auf , um auch ihn zur Theilnahme daran aufzufordern , doch sie ward gewahr , daß es dessen nicht bedürfe . Fest gebannt , alle seine Aufmerksamkeit ausschließend dem reizenden Geschöpfe zugewendet , sah sie ihn hinter Idas Stuhl stehen , die glänzenden Augen nur auf diese geheftet , und ein ganz eignes stechendes Weh durchbebte in dem Momente ihre Brust . Ida ward immer lebendiger in ihren Bewegungen und im Gespräche . Die ihr ganz eigne Grazie in all ' ihrem Thun wurde immer sichtbarer , und Hippolit gerieth dadurch nach und nach in eine ihm jetzt seltne fröhliche Laune . Unter dem Vorwande , ihr wie wohl ehemals in Schloß Aarheim geschah , bei ihrem Geschäfte helfen zu wollen , rückte er sich einen Stuhl dicht neben den ihrigen , verwirrte lachend und schäckernd die Tassen , reichte ihr den Rum statt des Rahms , warf Zucker in die Tassen die dessen nicht bedurften , ließ sich von ihr ausschelten ohne sich deßhalb zu bessern , und trieb tausend kindische Possen , worüber sie herzlich lachen mußte , was ihr über die Maßen wohl stand , und ihn zu immer neuen lustigen Einfällen hinriß . Die Gräfin sah dem artigen Spiele des schönen jungen Paars mit unverhehltem Vergnügen darüber zu , und begann nach Art älternder Frauen , auf diese Stunde Pläne für ihre Ida zu bauen , die sie durch manchen heimlichen Wink auch Gabrielen mitzutheilen versuchte ; doch diese war nicht gestimmt , sie zu verstehen . Mit nie empfundner Angst fühlte sie in ihren Augen aufsteigende Thränen , sie wollte nach dem Beispiel der Andern den heimlichen Schmerz weglachen , aber es war ihr unmöglich . Je lustiger jene wurden , je ernster ward sie . Zum ersten mal in ihrem Leben dünkte sie sich launig , verdrüßlich zu seyn ; sie strebte , ihre Verstimmung wenigstens zu verbergen , da sie nicht vermochte sie zu unterdrücken , und zuletzt hielt sie dieses sogar für überflüssig , denn sie glaubte zu bemerken , daß niemand sie beachte . Hippolit wie die Tante , hatten nur Augen für Ida , die ihren Muthwillen immer höher trieb , und dabei immer reizender ward , während Gabriele in immer steigender Angst den Abstand ihres innern Mißmuths mit der allgemeinen Stimmung empfand . Es ist Besorgniß um Moritzen , was so mich quält , dachte sie endlich , er ist so verlassen , vielleicht schmerzlich leidend , in seinem einsamen Zimmer . Sie wünschte Hippoliten an ihn zu erinnern , aber ein wunderliches Schämen hemmte ihre Worte . Sie dachte darauf , sich selbst auf einige Minuten bei der Tante zu beurlauben um nach ihm zu sehen , aber auch dazu fehlte ihr Entschlossenheit . So kämpfte sie eine ziemliche Weile mit sich selbst und ward immer ernster , als der vermeinte Gegenstand ihrer Sorge ihrer Ueberlegung ein ganz unerwartetes Ende brachte , denn Moritz selbst trat in ihr Zimmer , was er lange nicht gewagt hatte . Heiter und wohl , wie er es seit Monden nicht gewesen , wollte er seine Gemahlin durch diesen Besuch angenehm überraschen , und ward selbst durch das lustige Treiben überrascht , in das er hier ganz unerwarteter Weise hineingerieth , und das ihm in diesem seinen Anflug von guter Laune höchst willkommen war . Die Stunden flogen , der Abend verging ehe man es dachte . Idas naiver Witz zeigte sich unerschöpflich , ihre Fröhlichkeit unverwüstlich , so daß Moritz nach ihrer Entfernung nicht aufhören konnte , sie und den angenehmen Abend , den sie ihm gewährt hatte , zu preisen . Er erinnerte sich mit einemmale , schon in Schloß Aarheim eine stille Neigung Hippolits zu dem reizenden Mädchen bemerkt zu haben , alle jene alten Neckereien und Anspielungen , mit denen er seinen jungen Freund dort oft genug gelangweilt hatte , wurden wieder hervorgeholt , und mit ernsten Ermahnungen begleitet , das Glück ja zu ergreifen und festzuhalten , so lange es ihm lächle . Hippolit erwiderte wenig ; er stand da , in ängstlicher Verlegenheit , die Moritzens Vermuthungen zu bestätigen schien , und dachte nicht daran , sich gegen Angriffe zu vertheidigen , die er kaum vernahm . Denn er sah Gabrielen bleich und leidend im Sofa hingesunken , ohne sichtbare Theilnahme an dem Geschwätz , in welches Moritzens lange nicht geübte Redseligkeit , überströmend von Albernheiten , sich ergoß . All sein Sinnen und Denken ging nur dahin , den überlästigen Schwätzer auf eine schickliche Art zu entfernen , um ihr , die er krank glauben mußte , endlich die nöthige Ruhe zu verschaffen . Es gelang ihm zuletzt , ihn auf sein Zimmer geleiten zu dürfen , aber noch in der Thüre wandte Moritz sich um . » Allons Madame « rief er Gabrielen laut lachend zu , » ne faites pas la sainte Nitouche ! Mustern Sie nur morgen mit Sonnenaufgang Ihre Mirthen und Rosen zum Brautkranze , ersinnen Sie ein recht elegantes Hochzeits-Cadeau ; vous en aurez besoin ; sehen Sie nicht hier das leibhafte Bräutigamsgesicht ? Wie trübselig der arme Teufel da steht ! Courage , mon ami ! La petite non sarà crudele ; Courage ! faint heart never won fair Lady . « Ein langer mühsam verhaltner Strom heißer bittrer Thränen machte Gabrielens gepreßtem Herzen Luft , sobald sie sich allein sah . Ernsteres Nachdenken folgte diesem während einer unendlich langen schlaflosen Nacht , bis hell und klar , wie die eben aufgehende Sonne der Abgrund von Unglück vor ihr lag , an dessen Rande sie bebte , ohne die Möglichkeit , sich abzuwenden . Ja , sie mußte es sich endlich , ohnerachtet alles innern Widerstrebens , selbst gestehen , es war Liebe was sie empfand , heiße glühende Liebe , die sie jetzt nur an ihren Qualen erkannte , und o wie himmelweit verschieden von jenem Ideale , mit welchem ihre sanfte , der unbedingtesten Hingebung geweihte Mutter schon in früher Kindheit ihr junges Herz erfüllt hatte ! Wie fern stand ihr jetzt jener kindliche Glaube , daß Liebe in sich beglücke , und nur das unbedingte Glück des Geliebten fordere , um dieses irdische Leben zum seligen der Engel zu erheben . Ihr ungestüm pochendes Herz , sie konnte es sich nicht ableugnen , es forderte Gegenliebe , Treue , Nähe des Geliebten ; ihr Auge verlor sich in undurchdringliches Dunkel , im welchem all ' ihr Wünschen , ihr Sehnen , ihr Hoffen unausgesprochen und unaussprechlich verschwebte . Reuevoll , mit schmerzlich gerungenen Händen , warf sie sich vor dem wehmüthig lächelnden Bilde ihrer Mutter hin , wie vor dem einer Heiligen , und betete zur ihr um Muth , um Kraft und Beistand , sich aus den mächtigen Zauberbanden loszuwinden , die sie umstrickt hielten . Sie überdachte alles früher mit Hippoliten Erlebte ; sein erstes Auftreten bei ihr , die Scene im Gärtchen , die spätere in der Kapelle ; vergebens ! Aus dem Ideal von Hoheit und Schöne , das jetzt vor ihr stand , war jede Spur jenes wilden unbesonnenen Knaben gewichen , ihn konnte sie zurückstoßen , doch dieses mußte sie lieben , mit all der schwärmerischen Anbetung , die ihr sonst nur als Dichtertraum erschienen war . Um sich zu retten , rief sie Ottokars Andenken herauf aus ihrem Herzen , es sollte ihr helfen zum Sieg über eine Leidenschaft , deren verzehrende Glut sie mit Schrecken erfüllte . Alle frühere Erinnerungen ihrer Jugend wurden von ihr hervorgesucht , vor allem jenes Tagebuch , dessen Blätter auch das flüchtigste Empfinden ihres Gemüths während jener Zeit , die sie mit Ottokar verlebte , treu aufbewahrten . Sie wollte sich der Untreue gegen ihn anklagen , sie las , und sah mit Erstaunen , je weiter sie las , daß sie dem ersten geliebten Freunde ihres neuen jugendlichen Herzens nicht untreu sey . Was er ihr gewesen , war er ihr noch immer ; der Stern ihres Lebens , zu dem sie ohne Wunsch hinaufblickte in Freude und Leid , dessen bloßes Daseyn sie tröstete in allem Zweifel , allem Bangen , allem Ueberdrusse ihres freudenarmen Lebens . Zu ihm allein hätte sie sich mit allen ihren Schmerzen flüchten mögen , ohne Furcht ihn zu beleidigen , in aller Zuversicht des reinsten Vertrauens , um von ihm zu lernen , wie man über sich selbst Macht gewinnt . Immer klarer ward sie , je weiter sie in ihrem Tagebuche las ; sie gewann es über sich , ihr ganzes Ich als ein Fremdes deutlich zu erkennen , so wie auch den Unterschied zwischen Jetzt und Damals , als sie in eine fremde Welt gestoßen ward , noch halb ein Kind , mit jugendlich-neuen Sinnen , das Herz voll Sehnsucht nach Liebe , welche die nur in ihrer Ideenwelt lebende Mutter viel zu früh in ihr erweckt hatte . Verlassen , unbemerkt , auch wohl verspottet stand sie damals da , ohne Schutz , ohne Sicherheit , in furchtsamer Verlegenheit mitten unter fremden Gestalten , die kalt und achtlos an ihr vorüber rauschten , bis er erschien . Er , Ottokar ! so hoch über alle jene Figuranten erhaben , daß sie in ihrer Unerfahrenheit ihn wie eine göttergleiche Erscheinung nur aus der Ferne bewundernd verehrt hätte , wär ' er ihr nicht zugleich auch der erste Mann gewesen , den sie mild und gütig sah , und hätte sie nicht einzig deshalb sich ihm näher als Alle verwandt wähnen müssen . Ihr durch den Tod einer angebeteten Mutter tief verwundetes Gemüth bedurfte eines Gegenstandes für die ängstlich suchende verwaiste Liebe , von der es überfloß , und wo war ein würdigerer zu finden als Ottokar ? Sie nahte ihm in fast kindlicher Verehrung , sie wagte es , ihn zu lieben - so wie sie ihre Mutter geliebt hatte ; und wähnte ihre Bestimmung erfüllt . Sie kannte ja keine andre Liebe , und konnte keine kennen als aus ihren Dichtern , deren Gebilde , von ihrer Mutter gewarnt , sie weit entfernt war in der Wirklichkeit zu suchen . Aber auch er schien achtlos an ihr vorüberzugehen , wie die übrigen , der Schmerz darüber täuschte ihr Bewußtseyn , und führte endlich jene feierliche Stunde voll Wonne und Schmerzen herbei , deren Andenken sie bis jetzt in einem schönen Irrthum über sich selbst erhalten hatte . Und nun ! Zu neuem , nie geahnetem Leben war sie erwacht , zu nie gedachten Schmerzen und Wonnen . Jetzt erst verstand sie ihre Dichter , jetzt erst die Natur um sich her . Eine neue Sprache , neue Begriffe und Ansichten waren mit diesem neuen Leben ihr gewonnen , ihr war , als erhöbe sie sich aus langem , traumbewegten Schlummer zum Licht . Mit richterlichem Ernst überblickte sie ihre Vergangenheit ; sie wollte sich schuldig finden , aber sie konnte nie ungerecht seyn , auch nicht gegen sich selbst . Ihr heller Geist hatte endlich den rechten Standpunkt gefunden , und sie gestand sich , einer Gefahr erlegen zu seyn , die sie nicht erkannt hatte , und ihrer Natur nach nicht erkennen konnte . Sie fühlte sich schuldlos an dem Irrthum ihres reinen , nichts ahnenden Gemüths ; sie fühlte , daß schon ein Grad von Verderbtheit dazu gehört , um ewig sich selbst zu bewachen und Gefahren zu fliehen , deren Möglichkeit wahre Unschuld nie sich denken kann , und ihre unbedachte Sicherheit , die sie nicht verdammen konnte , obgleich sie sie als den Quell ihres Unglücks betrachten mußte , flößte ihr Mitleid mit sich selbst ein . Dieß reine Bewußtseyn ermuthigte sie endlich wieder zu der Festigkeit und Kraft des Gemüths , die schon so oft in ihrem Leben ihr aus jener schmerzlichen Versunkenheit emporhalf , in welcher Schwächere untergehen . » Herr meines Empfindens bin ich nicht , und kann es nicht seyn , doch Herr meiner Handlungen will ich seyn ! « sprach sie , und fühlte sich in dem Momente erhaben über sich und ihr Geschick . Den ganzen langen Tag , den sie unter dem Vorwande eines leichten Uebelbefindens ganz einsam in ihrem Zimmer verlebte , verwendete sie zum ernsten Ueberdenken , wie das Unabänderliche würdig zu bestehen sey . Hippoliten abermals von sich zu entfernen ! Wüthender unaussprechlicher Schmerz durchzuckte sie bei dem bloßen Gedanken an dieses Opfer , das ihr schwerer als der Tod dünkte , aber sie hielt ihn fest . Doch wie ? wie sollte sie ihn entfernen ? unter welchem Vorwande ? ihn , der durch sein Betragen sie auch nicht auf die entfernteste Weise zu einem solchen Schritte berechtigte , der in inniger ehrfurchtsvoller Ergebung nichts wollte , als in ihrer Nähe athmen ; der keine Aufopferung scheute ihr dieses zu beweisen und daneben ihr trübes Leben auf tausendfältige Weise zu schmücken ! Wahrscheinlich hatte er jene jugendliche leidenschaftliche Aufwallung längst auf ewig besiegt , wohl gar vergessen , die er einst für die Bestimmung seines Lebens hielt , und von deren Daseyn seit seiner Rückkehr aus Rom , jede Spur in seinem Betragen gegen sie verschwunden war . So verwandelt wie sein ganzes Wesen , war vielleicht auch sein Herz , und nur Mitleid , Dankbarkeit und hoher Edelmuth fesselten ihn noch an sie . Ihre Liebe , die einst das höchste Ideal von Seligkeit ihm schien , würde jetzt vielleicht nur in wehmüthiger Trauer über ihre Schwäche ihn niederdrücken ; und wenn gerade ihre Bitte sich zu entfernen ihm ihr Geheimniß verriethe , wenn er dadurch entdeckte - Gabriele vermochte es nicht den Gedanken zu vollenden ; mit hohem Erröthen , mit dem ängstlichsten Gefühle der tiefsten Beschämung verhüllte sie sich vor dem Lichte des Tages , vor sich selbst , und träumte dabei doch eine Minute lang von der Himmelsseligkeit , ihm einmal nur sagen zu dürfen : » dich habe ich geliebt ! « und dann zu sterben ! Schaudernd wie vor einem Verbrechen , eilte sie , von diesem Gedanken sich loszureißen . Sie wußte es , sie mußte leben , sie war bestimmt , den blutigen Pfeil im Busen zu tragen und gleichgültig dazu lächelnd , ihren Weg zu gehen , wenn er gleich zum Untergange führte . Mit möglichster Gelassenheit begann sie jetzt , über ihr künftiges Verhalten gegen Hippoliten nachzudenken ; sie wollte eine Richtschnur ihres Lebens in seiner gefahrvollen Nähe ersinnen , und sah bald ein , daß beinah alles bleiben mußte wie es war , wenn sie nicht in ihm und vielleicht auch in ihrem Gemahle Aufmerksamkeit , sogar Argwohn erregen wollte . Im Aeussern war so wenig abzuändern , und in ihrem Innern , das fühlte sie mit Ueberzeugung , konnte es nie anders werden . Trennung von ihm konnte sie zwar vor Verrath ihres heiligsten Geheimnisses bewahren , aber sein Bild stand auf ewig in unverlöschlichen Zügen ihrem Herzen eingegraben , und Abwesenheit oder Gegenwart galten hier gleich . Schnell wie ein Blitzstrahl durchzuckte sie plötzlich der Gedanke : wie wenn auch ihn heilige Pflichten bänden ! wenn er , glücklich an der Seite eines geliebten Wesens , von selbst sich nach und nach entfernte , und beseligt durch alle die süßesten Bande des häuslichen Lebens , nun immer seltner käme , zuletzt ganz ausbliebe ? Tausendmal schöner und reizender als sie gestern Ida gesehen hatte , schwebte diese ihrem Geiste vorüber ; abermals sah sie Hippolit in Bewunderung des anmuthigen Wesens verloren , der ganze Abend des vergangenen Tages , selbst Moritzens plumpe Scherze und Anspielungen kehrten ihr zurück , und alle Schmerzen der fürchterlichen Nacht , die darauf folgte , wurden wieder in ihrem Busen wach . Ida ward das Gebilde ihrer Fantasie , das sie zu ihrer eignen Qual mit jedem Liebreize verschwenderisch sich schmückte . Je länger sie es betrachtete , je überzeugter ward sie , daß nur dieses jugendlich schöne Wesen werth sey , den Gegenstand ihrer eignen glühenden Liebe zu beglücken , daß es für ihn geschaffen , einzig bestimmt , von ihm geliebt zu seyn . Ein neuer schwerer Kampf erhob sich in ihrem Gemüthe , aber auch aus diesem trat ihr besseres Selbst bald wieder siegreich hervor . Edlen Seelen gilt die schwerste Pflicht oft für die Einzige , daher ward auch bald in Gabrielens Gemüthe der Entschluß fest : Hippoliten selbst zu einem Schritt aufzufordern , zu welchem ihre Einwilligung zu erbitten , ihm vielleicht der Muth gebrechen möchte . Ihr Gefühl bei dem Gedanken an die Ausführung dieses Entschlusses läßt sich nicht in Worten aussprechen , aber sie schwelgte in ihrem Schmerz , ohne Linderung zu suchen , als in dem Bewußtseyn , das Rechte erwählt zu haben , für sich und für ihn . Eine zweite , wenn gleich minder stürmisch , doch nicht minder schmerzlich durchwachte Nacht führte endlich den Morgen herbei , den Gabriele dem höchsten Opfer geweiht hatte , das sie der Pflicht und dem Glück des Hochgeliebten bringen zu müssen glaubte . Die bängste Sorge um sie , die er ernstlich krank glaubte , trieb indessen Hippoliten lange vor der sonst gewohnten Stunde an Gabrielens Thüre . Er war die ganze Nacht hindurch bis zum grauenden Morgen vor ihrem Hause auf- und abgegangen , hatte zu ihren Fenstern hinaufgeblickt und diese mit unaussprechlicher Angst von einem weit helleren Licht erleuchtet gesehen , als die verschleierte nächtliche Lampe geben konnte , deren schwachen Schimmer er in ruhigen Nächten so oft von dieser Stelle aus beobachtet hatte . Er sah an den herabgelassenen grün-seidenen Rouleaus Gabrielens Schatten einigemal vorüberschweben ; er hielt ihn für den ihrer , um sie beschäftigten Frauen , und dachte vor ungeduldiger Sorge dabei zu vergehen . Um so freudiger überraschte ihn jetzt die kaum gehoffte Erlaubniß , sie sehen zu dürfen ; denn die kurze Trennung eines einzigen Tages dünkte dem Verwöhnten , schon unerträglich lange gewährt zu haben . Anfangs stockte das Gespräch . Gabriele schwieg oft und lange ; sie schien bleich und erschöpft , Hippolit glaubte sie noch immer körperlich leidend , und verhielt sich ebenfalls still und in bescheidner Entfernung , um ihr nicht lästig zu werden ; er war ja zufrieden , sie nur zu sehen . Mit der äußersten Anstrengung ihrer geistigen Kraft begann Gabriele endlich , das , was in ihr so stürmisch wogte , ruhig zur Sprache zu bringen . Idas Name glitt zuerst fast unverständlich über ihre Lippen , doch nach und nach ermuthigte sie sich . Immer lebhafter werdend , sprach sie endlich von ihr , ihrer Schönheit , ihrer Anmuth , ihren geistigen Vorzügen , wie eine Begeisterte ; auch war sie es in diesem Moment durch das Bewußtseyn des mit fast übermenschlicher Kraft errungnen Sieges über sich selbst . Hippolit hörte ihr indessen mit lächelndem Beifall zu , wie man etwa die geistreiche Beschreibung eines schönen Gemäldes anhört . Er war so himmelweit davon entfernt , nur eine Ahnung von dem zu haben , was Gabriele mit ihren Worten eigentlich meinte , daß er sogar nur jetzt erst durch sie wieder an Idas liebliche Erscheinung erinnert ward , die ihn zwar während eines flüchtigen Moments recht angenehm beschäftigen konnte , die aber sammt den Ereignissen des mit ihr verlebten Abends , über der Besorgniß um Gabrielen von ihm gänzlich vergessen worden war . Die unerwartete Gegenwart der Gräfin Rosenberg hatte ihn damals wie immer sehr unangenehm berührt , denn er ward durch sie stets an Herminien und an einen Abschnitt in seinem Leben erinnert , dessen er nie ohne tiefe Beschämung und Reue gedenken konnte . Bewacht von ihren scharfen stehenden Augen , die ihn immer verfolgten , als wollten sie seine geheimsten Gedanken erspähen , mochte er es in ihrem Beiseyn kaum wagen , Gabrielen anzusehen , doch da er gern unbefangen und heiter erscheinen wollte , so war er darüber in jenen ihm sonst fremden Ton gerathen , in welchen Ida so meisterhaft einzufallen wußte , daß sie ihn viel weiter mit sich fortriß als er es anfangs gemeint hatte . Jeder von uns hat ja wohl im Leben erfahren , wie leicht man gerade in recht trüber Stimmung , um diese zu verbergen , sich den Schein ungewohnter Lustigkeit zu geben sucht , die dann leicht in ein wildes freudenloses Toben ausartet , und späterhin in nur noch herberen Schmerz sich auflöst . Gabriele , durch Hippolits schweigende Aufmerksamkeit in ihrer Ansicht immer mehr bestärkt , begann indessen immer deutlicher das anzudeuten , was sie meinte , ohne daß Hippolit sie verstand . Und als er endlich denn doch aufmerksam ward , Gabrielen einiges erwiderte , und ihre Antworten ihn immer mehr ins Klare setzten , da suchte er nur den Zweck eines Scherzes aufzufinden , der so ganz dem bittersten Ernste glich , und den er dafür zu nehmen sich doch unmöglich entschließen konnte . Zum erstenmal erschien Gabriele ihm fremd und unbegreiflich ; er gerieth dadurch in eine peinliche Spannung , die sie ebenfalls verkannte , weil auch sie , vom Gange ihrer eignen Ideen hingerissen , ihn nicht mehr verstand . Seine immer steigende Verwirrung , seine unzusammenhängenden Reden schienen ihr ein Bekenntniß , das ihm , sie fühlte dieß in seiner Seele , freilich schwer werden mußte , vor ihr auszusprechen . Ihr Herz brach dabei , aber ihre Stimme , ihre Blicke blieben fest , ihre Augen trocken , als sie nun endlich in deutlichen Worten sich erbot , selbst für ihn bei Ida zu sprechen . Als wäre aus blauer Luft ein Blitzstrahl vor ihm niedergeschmettert , so , von bleichen Schrecken ergriffen , fuhr Hippolit jetzt von seinem Sessel auf ; sie sank völlig erschöpft zurück , und eine bange Pause entstand , während welcher kein Laut den bebenden Lippen beider sich zu entringen vermochte . » Ist es möglich ? « rief endlich Hippolit mit unendlich schmerzlichem Ton und Blick . » Gabriele ! was habe ich verbrochen , daß Sie so mich strafen ? Jetzt erst verstehe ich Ihre Meinung ; ich werde zum zweitenmal verbannt . Doch weshalb ? und warum so ? O Gabriele ! und warum eben so ? Wie ist es möglich , daß ich so ganz und gar keiner Schuld mir bewußt bin , und doch schwer genug gefehlt habe , um dieses zu verdienen ? Ich sehe es wohl , gnädige Frau ! ich habe Ihre Achtung , mein einziges Glück verscherzt , denn Sie , Sie sonst so wahr und offen gegen jedermann , Sie sind es nicht mehr gegen mich ! « Vom Schmerz überwältigt , wandte sich hier Hippolit mit verhülltem Gesicht von Gabrielen ab , während sie vergebens nach Athem rang zu beruhigenden tröstenden Worten . » Gnädige Frau , « begann Hippolit wieder mit einem ganz eignen , an Verzweiflung gränzenden Ausdrucke , » ich flehe , « rief er halb knieend , » ich flehe darum wie ein Schwerverwundeter um den Tod , sagen Sie mir : ich sey unwürdig in Ihrer Nähe zu athmen , sagen Sie mir , ich soll fort , ich soll aus der Welt , ich will nicht mehr fragen , warum ? denn sie können nicht ungerecht seyn ; aber sagen Sie es mir nur unumwunden , geben Sie es mir nur nicht so zu verstehen , nur nicht so ! O mein Gott , nur nicht so ! « » Ich wollte - ich will Ihr Glück ! « hauchte Gabriele fast unhörbar . » Mein Glück ! « erwiderte Hippolit , » Sie wollten mein Glück ! und zeigen mir deshalb , daß es noch ein höheres Unglück für mich giebt als das , von Ihnen verbannt zu seyn , ein Unglück , dessen Möglichkeit ich vor einer Stunde noch nicht ahnen konnte ! Gabriele achtet mich nicht mehr ihrer Befehle würdig , sie will mich nicht ausdrücklich verbannen , sie will mich vertreiben . Dagegen freilich ist Verbannung Seligkeit ! « rief er , wie außer sich . Doch mitten im höchsten Sturme seines empörten Gemüths fiel ein Strahl aus Gabrielens jetzt überquellenden Augen auf ihn und er verstummte . Gefaßter näherte er sich ihr nach einigen Augenblicken , und betrachtete sie mit immer steigender Wehmuth . » Oder wäre es möglich ? konnten Sie wirklich wähnen ? « fragte er jetzt so sanft und leise als er es nur vermochte , » konnten Sie es ? Nein es ist unmöglich ! eben so unmöglich , als daß Sie zu einer Ehe ohne Liebe mich führen , mich zum Heuchler , zum Meineidigen herabwürdigen wollten . Verzeihung , daß ich in dieser Trostlosigkeit einen Gedanken nur zu berühren wage , der Ihnen so fern steht . Einmal nur noch würdigen Sie mich Ihres Vertrauens , um meine Zweifel zu lösen , « setzte er bittend hinzu , » Ihr Schweigen treibt mich sonst dem Wahnsinn entgegen , ich flehe darum , erklären Sie mir , was meine schwachen Sinne zu begreifen nicht vermögen . « Gabriele sammelte jetzt alle ihre Kraft , um ihm mild und begütigend die zitternde Hand wie zur Versöhnung zu reichen . Er hielt sie , doch wagte er es nicht , sie an seine Lippen zu drücken , sein Auge ruhte in angstvoller Erwartung auf dem ihrigen . » Ich wollte Ihr Glück , « wiederholte sie endlich , » ich will es stets , ich werde es immer wollen , möge dieß Ihnen genügen , forschen Sie nicht weiter . « » Mein Glück ? « rief er sehr bewegt . » Und wo ist es außer bei Gabrielen ? O lassen Sie es stets nur bleiben wie es war ! ich verlange ja nichts Höheres . Lassen Sie mich nur in Ihrer Nähe , nur täglich Sie sehen , mehr will ich nicht , doch hieran hängt mein Leben . « » Gabriele ! « fuhr er nach einer kleinen Pause fort , » Sie sind bewegt , erschöpft , und alles in dieser Stunde Vorgegangne ist mir so unbegreiflich ! doch ich frage nicht , ich forsche nicht . Nur ein Blick , ein Wink sage mir , daß auch Sie des Gegenstandes dieser Unterredung nie wieder erwähnen wollen , nur dieß gewähren Sie mir , und ich bin wieder ruhig . « Mit schmerzlichem Lächeln hob Gabriele das trübe Auge zu Hippoliten auf und senkte hocherröthend schnell es wieder . Ein Blick drückte Hippolits Dank aus . Ruhiger setzte er dann hinzu : » Ich sehe es aus Ihrem Schmerze , ich fühle es in meiner Brust , es war nicht Gabriele selbst , die vorhin jene entsetzlichen Worte zu mir sprach , aus dieser reinen Seele konnten sie nicht kommen . Ich ahne fremde Einwirkung ; vielleicht war es Ihr Gemahl , vielleicht sogar - nein ich frage , ich forsche nicht weiter , « setzte er schnell hinzu , da er Gabrielens Bewegung bei diesen Worten bemerkte ; » ich will sogar jetzt Sie der Ruhe überlassen , deren Sie so sichtlich bedürfen , ich gehe freudig , denn ich darf zur glücklichen Stunde wieder kommen , und bin nicht verbannt . « Der Zustand , in welchem Gabriele nach Hippolits Entfernung allein zurückblieb , läßt sich kaum in Worte fassen . Lange ruhte sie in jener stillen wehmüthigen Ermattung , der treuen tröstenden Nachfolgerin zerreißender Schmerzen , in der wir es nicht wagen , uns zu regen , kaum zu athmen , und nur ganz leise , leise uns sagen : es ist überstanden !