um sich wieder davon zu reinigen . Sehr schlimm war es , daß die Hitze vielen übel bekam , so wie das viele Essen ; da gab ' s erst Gestank , daß Güldenkamm ein Fenster aufmachen wollte , wie schrie ihn aber der Bartmann an ! wenn er in die Luft wollte , möchte er sich hinausscheren . Da sah er nun wohl , daß er unter groben Leuten sei , die von den Nürnbergern noch sehr verschieden waren . Nach langem Harren wurde ein Tuch , grob wie Segeltuch , über den Tisch gebreitet , Teller ausgesetzt , Messer und Gabel beigelegt mit Brot ; alle setzten sich heran und schabten beinahe eine halbe Stunde bis die Suppe fertig , an der schmutzigen Brotrinde . Endlich kam dieser ungeheure Kübel voll Suppe , bald darauf ein Gemüse in gleicher Brühe , dann gekochtes Fleisch in eben solcher , endlich nach einer Stunde etwas gebratenes Fleisch und Fisch , nachdem alle satt waren ; ein saurer Wein stand dazu auf dem Tische , wovon jeder so viel trinken mochte als er wollte , denn alle bezahlten gleich . Da brachte der Barthans einen Schinkenteller , worauf er einige Ringe und halbe Ringe mit Kreide gemalt hatte , das verstanden viele und legten ihre Zeche auf den Tisch . Güldenkamm verstand es aber nicht , er hatte all sein Geld zum Mittagessen aufgehen lassen ; er wußte nichts Besseres zu tun , als den Schalksnarren zu spielen , worauf er sich schon in Nürnberg beflissen hatte . Er stellte sich wie ein blökendes Kalb und machte allerlei lächerliche Sprünge , die aber Susannen herzlich zuwider waren ; zuletzt sprang er auf den Tisch , streckte Hände und Beine in die Luft , drehte sich auf dem Bauche herum und wischte sehr geschickt alles auf dem Kreideteller aus . Der Schwank gefiel allen ; ein Kaufmann bezahlte für ihn und für Susannen und schenkte ihm noch Reisegeld obenein . Susanna nur empfand von dem Augenblicke gegen ihn einen unerklärlichen Widerwillen , er war ihr einen Augenblick wie eine lächerliche widerliche Spinne erschienen . Als er so wohl aufgenommen , ließ er sich in allerlei Trinksprüchen hören , die um so lauter belacht wurden , je kräftiger der Schmutz sie würzte . Endlich wurde eine Streu über den Boden ausgebreitet , schmutzige Tücher mit Kopfkissen und wollene Decken darauf gelegt ; Güldenkamm legte sich zu den Füßen Susannens . Die Lampe wurde ausgelöscht , und Güldenkamm stieg die Glut des Weines ins Herz ; er näherte sich leise Susannens Füßen und küßte sie mit einer Inbrunst , daß sie erwachend aus unwiderstehlichem Widerwillen ihm einen Tritt gegen den Kopf gab , der sich für den Augenblick zurückzog . Aber mit erneuter Liebesmacht drängte es ihn zurück , doch ein heftiger Stoß gegen die Nase erleichterte ihn vom Blute und kühlte ihn dadurch . Früh Morgens ging es davon ; der Fuhrmann fluchte , daß die Kinder ein Stück von seiner Peitsche abgeschnitten , Güldenkamm war verstimmt durch seine aufgeschwollene Nase , Susanna konnte ihn gar nicht mehr ansehn , und das Stoßen des Wagens schien ihnen heute so ganz unerträglich , daß sie abstiegen , stillschweigend ihre Straße zu gehen . Sie hatten jetzt den Kamm des Gebirges erreicht und sahen in ein weites reiches Tal , alle auslaufenden Spitzen des Gebirges waren mit glänzenden Schlössern besetzt , in den grünsten Tälern schimmerten ferne Klöster ; ein Wohlleben war überall , und ihre Augen schwankten von einem Anblick zum andern wie Füllen , die im Überflusse das Gras durch den Mund gehenlassen , ohne es abzubeißen , und sich lieber drin strecken und wälzen . Die beiden Reisegefährten waren plötzlich versöhnt , und Güldenkamm ließ seine Zither so anmutig klingen , daß der Fuhrmann den Takt dazu knallte , bis sie die Stadt Waiblingen erreicht hatten . » Das heißt lange geschlafen « , sagte der Wirt , als er gegen Mittag eintrat ; » wollt ihr denn nicht heute nach dem Hause des gewesenen Bürgermeisters gehen ? das wird heute von den Schuldleuten verkauft . « Susanna erschrak bei diesen Worten , sie vernahm so unerwartet , daß die Umstände von Frau Annen viel schlimmer ständen , als Anton ihr gesagt hatte ; sie beschloß sogleich zu ihr hinzugehen . Als sie vor das hohe Haus trat , da dachte sie ihres Anton recht in Liebe , sie dachte ihn , wie er da aus und ein gegangen ; sie hatte eine ungemeine Sehnsucht , sein Weib und seine Kinder zu sehen , da dachte sie , würde ihr recht wohl sein , da wollte sie für alle arbeiten , allen dienen . Die Haustür stand offen , eine harte gellende Stimme tobte im Hause mit höchster Verzweiflung ; ein ernster Mann in Ratskleidung führte einen kleinen kräftigen blondgelockten Knaben , den kleinen Anton , zur Tür hinaus . Eine Frau von ernstem Ansehen , von schönem Bau , hohen , etwas starken Leibes , in der Kleidung vornehmer Bürgerinnen , fluchte hinter dem Kinde : » Du Kain , meine Schläge kriegst du nicht , aber das Rad wird dich schlagen , Tunichtgut , wie dein Vater , der Landstreicher , der Dieb . Mein liebes , liebes Kind hast du umgebracht , mein Oswaldchen ; Fluch über dich , daß du unstet und flüchtig durch die Welt irrest , daß dich der Teufel besitze und dir in allen Gliedern bis zum jüngsten Tage gichtere , daß deine Knochen noch auf dem Galgen tanzen ; ja sieh dich nur um , du Fresser , wirst bald ausgefressen haben ! « Bei diesen erschrecklichen Verfluchungen traten alle Menschen von ihr zurück , und so schlug sie an der Treppe des großen Hausflures hart auf die Erde nieder . Susanna , aus einem Mitleidsinstinkt , trat zu ihr und suchte sie zu sich zu bringen ; ein Mädchen trat mit Wasser herbei und sagte : » Ich glaube , sie wacht nicht wieder auf ; es wäre gut , da wär ihres Herzeleids ein Ende . « Susanna fragte , was geschehen ; da sagte ihr das Mädchen in aller Kürze , der Ratsherr wäre wegen der Versteigerung im Hause gewesen , da sei der kleine Anton voll Blut , aber recht fröhlich ins Zimmer getreten und hätte die Mutter gerufen , sie sollte einmal oben kommen , er habe sein Schwein recht schön geschlachtet und das Blut getrunken . Die Mutter habe erst nicht anders gemeint , als er sei an ihr Eingeschlachtetes gegangen , weil sie den Tag wegen des Umziehens alle Schweine habe schlachten lassen ; sie habe ihn gescholten , er aber habe gesagt , sie solle nur kommen , er habe es ganz ordentlich gemacht , das Schwein habe sich recht gewehrt . Mit Zagen sei die Mutter und der Ratsherr hinauf gegangen und habe ihren ältesten Sohn in seinem Bette vom Bruder geschlachtet gefunden ; alle Besinnung sei ihr erst vergangen , der Ratsherr aber habe den Anton gefragt : Wie er denn seinen Bruder ein Schwein nennen könne ! Der Kleine habe darauf geantwortet , die Mutter hätte ihn immer so genannt , wenn er das Bett verunreinigt hatte , und ihm gesagt , wenn er es wieder täte , sollt er ihn schlachten ; da habe er sich nun heut das Schlachten genau abgesehen , und als der Bruder , der krank war , wieder das Bett verunreinigt , habe er mit einem Messerchen ihn abgestochen . Als die Frau dieses Messerchen gesehen , habe sie laut aufgeschrieen und gesagt : mit dem Messerchen sei ihr Anton zur Ader gelassen worden vom Faust , als ihrem Manne das Blut eingezapft worden ! - » Das kommt von solchen falschen Künsten « , habe der Ratsherr gesprochen und den Kleinen ernsthaft gefragt , warum er das Blut getrunken . Der Kleine habe geantwortet , der Metzgerhund hätte es ebenso gemacht , und er sei sich wie der Hund auf einmal vorgekommen weil ein großer fremder Mann bei ihm gestanden , der wie der Schlächter ausgesehen . Hierauf habe der Ratsherr mit dem Kopfe geschüttelt , das Kind aber , auf welches die Mutter wütend losgehen wollen , unter seinen schwarzen Mantel genommen und erklärt daß er es im Namen eines hochweisen Rates zur Untersuchung mit sich fortführe . Die Magd hatte eben diese Erzählung geendigt , oft unterbrochen von Jammer und Verwunderung , als Frau Anna aufwachte und mit neuer Verzweiflung nach ihren Kindern fragte , nichts verschonte ihr Jammer ; wie Menschen im heftigen Fieber sich aus den Fenstern werfen , ohne der Tiefe zu achten , in die sie stürzen so rief die Unglückliche den höllischen Geist an , daß er sie tröste und erquicke , da Gott ihr nicht gnädig sein wolle . Bei diesen Worten verließ Susanna sie stillschweigend , ein Grauen trieb sie aus dem Unglückshause fort , die Bürger sammelten sich schon vor demselben , fragten und gaben Sentenz , aber die Glocke rief zu dem großen Ratssaale , wo auch Susanna begierig mit eintrat . Die Ratsherren waren schon in andern Angelegenheiten versammelt gewesen ; der Ratsherr Arnold , welcher den Knaben aus dem Hause geführt , hatte im Vorbeigehen das Glockenläuten bestellt , er trat jetzt zur Verwunderung aller in den Ratssaal , öffnete den Mantel und zeigte dann den Knaben , der über alles , was bisher zu ihm gesprochen und mit ihm geschehen , wie ein voller Brunnen in Tränen überlief . » Kind « , sagte der Ratsherr , » geh jetzt in diese Armesünderkammer , ich werde dich rufen , wenn deine Mutter hier ist , die sehr zornig gesinnt ist gegen dich . « Kaum war der Knabe in die Kammer getreten , so redete der Ratsherr ausführlich und sehr rührend zur Versammlung , erzählte von dem Unglücke der Frau ihres ehemals hochgeachteten Bürgermeisters , wie sie durch die Verschwendung ihres zweiten Mannes und durch die Verwüstung der Bilderstürmer , in der Meister Anton sein eigenes Haus preisgegeben habe , um das Haus Gottes zu retten , um alles Ihre gekommen und selbst darben müsse , während noch eine blühende Stiftung für die Jugend der Stadt auf ewige Zeiten das Wohlwollen und den Wohlstand ihres würdigen ersten Mannes verkünde . Nun erzählte er das unglückliche Ereignis , das die arme Frau mitten im Schmerz über die öffentliche Versteigerung niedergedrückt habe , das Lieblingskind ihres Herzens , ihren Erstgeborenen , das einzige Pfand der Liebe ihres verehrten ersten Mannes , so gewaltsam sich entrissen zu sehen ; der ihm aber ihr entrissen , das sei jetzt ihr letztes einziges Eigentum , ihr letzter Trost . Jetzt entwickelte er , zur großen Verwunderung aller , die wunderbare Geburt dieses älteren Sohnes , nachdem das Blut Antons dem schwachen alten Bürgermeister eingeflößt worden , wie unnatürlich seine Entstehung , wie der jüngere Anton gleichsam sein Eigentum nur zurückgenommen , das der Vater auf leichtsinnige Art verschwendet hatte , als er das Blut seines Bruders getrunken ; dabei beschrieb er die völlige Unbefangenheit des Knaben , seinen festen Glauben , daß er recht getan habe , dabei sein gutmütiges Wesen , das ihn bei allen Kindern beliebt gemacht hatte ; er rief die Kindern der Versammlung auf , die alle ein gutes Zeugnis für ihn ablegten , wie er oft durch seine ungemeine Stärke den Bruder geschützt habe . Diese Erzählungen der Kinder hatten alle bewegt ; jetzt trat der Ratsherr mit seinem Vorschlage heraus : » Ich sehe , liebe Mitbürger , ihr seid alle gerührt ; ihr habt die schwere Sünde des Brudermordes , die auf dem Kleinen ruht , als eine kindische Unwissenheit euch erklärt , ihr würdet vielleicht ohne weitere Beweise den Kleinen begnadigen ; aber ich glaube , daß der Ernst unserer Gerichte einen öffentlichen Beweis dieser kindischen Unwissenheit fordert , den Beweis , daß dieses Kind , über seine Jahre körperlich stark und groß aufgewachsen , doch geistig noch unentwickelt sei und nicht etwa eine versteckte Tücke gegen den Bruder , eine verstellte Unschuld es habe leiten können . Was ist aber der Prüfstein der Unschuld , wenn das , was den Wunsch eines Kindes unmittelbar befriedigt , von ihm alle dem , was denselben Wunsch in größerem Maße , aber auf einem Umwege befriedigen kann , vorgezogen wird ; ich will mich deutlicher erklären : wenn das Kind diesen Apfel , den ich aus der Tasche ziehe und in meine rechte Hand nehme , diesem Vierundzwanzig-Kreuzerstücke vorzieht , das ich ihm zur Wahl mit der linken Hand zeige , wofür es sich einen Scheffel Äpfel kaufen könnte . « Die Ratsherren gaben seinem Vorschlage ihren Beifall , manche Bürger aber baten laut für das Kind aus Mitleiden , weil es das Geld leicht als etwas Blankes vorziehen könne , ohne von seinem Werte etwas zu wissen ; der ernste Bürgermeister aber wies sie zurück mit den Worten : » Hier ist schon große Gnade für Recht ergangen ; ihr Bürger , betet für den Knaben . - Gerichtsdiener , öffnet die Armesünderkammer ! « Viele beteten schon , als die schwere eiserne Tür in ihren Angeln aufknarrte , niemand eifriger als Susanna ; als aber der schöne Knabe mit seinen großen Augen verschüchtert wieder heraustrat und langsam auf den Ratsherrn zugeführt wurde , da hätte man die Herzen schlagen hören können . Der Ratsherr sprach zu dem Knaben : » Die Mutter hat dir verziehen ; sie weiß , daß du nicht mit Willen dein schönes weißes Kleidchen so blutig gemacht hast , sie schickt dir hier zu deiner Freude zweierlei , worunter du dir eins wählen sollst ; komm her , liebes Kind , eins kannst du nur bekommen , willst du den schönen Apfel oder das Stück Geld ? « Der Knabe sah verwundert erst nach der rechten Seite , wo der Apfel ihm vorgehalten wurde ; alle jubelten im Herzen ; dann aber wandte er sich zur linken , und keiner enthielt sich , ihm verstohlen zuzuwinken , wie manche beim Kegelspiele die geworfene Kugel mit dem Beine nachzulenken trachten ; aber ein heller Himmelsschein strahlte jetzt durch die staubigen Fenster auf den roten Apfel , und das Kind wendete sich hin zu ihm , faßte ihn und biß gleich recht tief hinein . Der Ratsherr wurde blutrot vor wallender Freude , er hob seine Hände zum Himmel und dankte stumm ; manche in der Versammlung schluchzten . Der Bube aß recht vergnügt seinen Apfel , und als er beinahe damit fertig , rief er bittend : » Geld auch haben ! « Der Ratsherr wurde bedenklich und fragte betreten : » Was willst du denn mit dem Gelde machen ? « - Der Kleine antwortete : » Bruder Oswald geben , da lacht er . « - Die Antwort befriedigte alle Gemüter ; der Bürgermeister und die Ratsherren sprachen Gnade und ließen das Kind in das Haus des Ratsherrn führen , der dessen Unschuld so scharfsinnig bewährt hatte . Nachdem das Kind fortgeführt worden , beratschlagten die Herren lange Zeit , was aus dem Kleinen werden sollte , daß er nicht sobald zur Mutter zurück dürfte , bis der tränengenäßte Schwamm der Zeit alle alte Rechnung ausgelöscht habe ; darüber waren alle einig , daß es besser sei , ihn ein paar Jahre aus der Stadt zu entfernen , das gab jeder zu , aber in der unruhigen Zeit war es schwer , einen bequemen Ort für ihn auszumitteln ; endlich beschlossen sie , ihn in den vom alten Bürgermeister zu einem Waisenhause und zu einem Kinderfeste vermachten Hofe vor der Stadt unterzubringen . Nachdem Susanna diesen Beschluß vernommen hatte , ging sie fort ; sie hatte schon vorher einige Bürger vernommen , die sich beschwerten , was so ein fremder Junge in ihrem Ratssaale zu tun habe . Im Vorbeigehen am Ratskeller hörte sie Güldenkamm , der die ganze Geschichte mit dem Knaben in Reime gebracht hatte und sie den Fremden mit großem Beifalle vorsang ; es war den Leuten über die vielen Religionsstreitereien etwas ganz Neues geworden , klar und lustig singen zu hören ; auch erbosten sich manche , wenn er alte lustige Schwänke von einem Brunnen sang , über dem ein Mädchen gestanden ; er nötigte Susanna herein , sie mußte mit ihm ein Glas Wein trinken und von dem Ausgange der Sache erzählen , den die meisten noch nicht wußten . Sie sprach wenig , nur wenn eine heftige Bewegung ihr ganzes Gemüt füllte , da durchbrach es die Eisrinde , die eine harte Erziehung ihr aufgebürdet , dann sproßten Blumen , wo es gezogen , und das Wider strebende riß es mit sich fort . Alle horchten ihrer Erzählung , alle sprachen ihr nach ; Güldenkamm , so künstlich er singen mochte , wurde nicht mehr gehört , alle Gäste tranken ihr zu ; die Wirtin brachte ihr eine herrliche frische Festbrezel , sie konnte sich nicht genug über den artigen Jungen verwundern , der so schön erzählte und nun so geschämig wie eine Jungfer mit hochroten Backen dasitzen tät , als ob er nicht fünf zählen könnte . Erst nach dem Mittagsmahle konnte sich Susanna von der lustigen Gesellschaft losmachen , um ihren Brief und Auftrag an Frau Anna zu bestellen . Im Hause mußte sie wegen der Versteigerung noch einige Zeit warten ; sie sah mit Teilnahme allen zu , wie ein paar Hundert mit heißer Begierde und wenig versteckter Absicht den wohlfeilen Verkauf aller der Geräte wünschten , die Frau Anna bald mit einem Seufzer , bald mit einem hervorhebenden Lobe , manche selbst mit Tränen dem Versteigerer darreichte . Sah Susanna , daß ein paar bärtige Hebräer sich mit einander heimlich beredet hatten , auf etwas nicht zusammen zu bieten , so kam ihr die Lust , sie in die Höhe zu treiben ; ein paarmal verschluckte sie das halb ausgesprochene Wort , dann aber , als Frau Anna mit einem Seufzer einmal bei einem Schranke dazwischen redete , die Beschläge wären ja mehr wert und es sei ihr Brautschrank gewesen , worin ihr erster Mann ihr die Ausstattung vor der Hochzeit verehrt , da bot Susanna einige Kreuzer höher , und mit einem Schrecken durch alle Glieder schlug der Hammer ihr diesen Schrank zu . Das Zahlbrett wurde ihr gereicht , voller Verzweiflung faßte sie in ihre Tasche , und mit Verwunderung fand sie mehr darin , als zur Zahlung nötig . Erst wendete sie zu Gott den Blick , dann zahlte sie und gedachte , wie die Wirtin im Ratskeller ein paarmal ihr wie zum Scherz , ob sie auch reich sei , in die Tasche des Wamses gegriffen ; wahrscheinlich hatte sie ihr aus Gutmütigkeit das Geld eingesteckt . Die Versteigerung ging gegen die Zeit , wo man hätte Licht anzünden müssen , zu Ende ; da gab es aber noch ein Besehen und Bereden über alles Erkaufte . Endlich verlief sich die Menge , und Susanna ließ sich von der Magd , die sie vom Morgen her gleich wieder kannte , zu Frau Anna führen . Frau Anna stand in einem Zimmer , wo die weggenommenen Sachen noch ihre Schatten , wo sie gestanden und wo das Licht nicht hindringen konnte , zurückgelassen hatten ; sie hatte ihrem toten Oswald ein weißes Hemde reinlich angezogen , sein Haupt mit einer Myrtenkrone besteckt ; sie wartete auf den Schreiner , der den Sarg bringen sollte , und sah stumm auf das bleiche Gesicht hernieder . Die Magd sprach im Hereintreten : » Der junge Mensch , der heute Frau Bürgermeisterin gehalten , als sie in Ohnmacht gefallen , will gern einen Brief abgeben . « Frau Anna sah auf , als wüßte sie wenig von allem , was mit ihr vorgehe . » Wer bist du ? « fragte sie . » Ich heiße Kurt von Pforzheim ! « antwortete schüchtern Susanna . » Da kenn ich dich schon « , sagte sie ; » du willst wohl gut machen , daß wir einmal in Unfrieden geschieden , mein guter Kurt ? Du bist in der Zeit gewachsen , mit mir ist aber alles den Krebsgang gegangen ; da waren noch gute Zeiten bei meinem seligen Herrn , wo wir alle Tage was Neues fanden , ja gestern fielst du mir wieder ein beim Ausräumen der Kasten , da kam mir der lederne Beutel und der Degen wieder in die Hände , den du aufgefunden hattest und durchaus behalten wolltest ; weißt du noch , wie du mir eine Faust gemacht und mich bedroht hast , nie wieder zu kommen wenn ich dir das beides nicht ließe ; damals war ' s wohl genau von mir , daß ich ' s aufbewahrte , jetzt kommt ' s mir zu Gute ; sieh , da liegt der Degen und da der Beutel , ich löse doch wohl einen Kreuzer daraus . « Susanna war bei dieser Anrede in heißer Verlegenheit , sie meinte , es könne nicht fehlen , daß sie sich bald verreden müßte ; stammelnd sagte sie : sie möchte an die Zeiten nicht denken , das würde sie nur traurig machen , sie habe ihr eine kleine Freude machen wollen , indem sie ihr den Schrank , worin die Ausstattung sich befunden wiedergekauft hätte , und sie bäte , ihn wieder in Besitz zu nehmen . Frau Anna war außer sich vor Dankbarkeit , sie lief gleich hinunter und befühlte jede Leiste , ob auch nichts davon losgebrochen ; dann trug sie ihn , er war leicht und zum Aufsetzen auf einen Tisch eingerichtet , wieder in das Totenzimmer und legte mit großer Hast ihr totes Kind hinein . Susanna verwunderte sich , aber Frau Anna sprach mit großer Heftigkeit : » Du lieber Schrank , du hast all mein Glück so viele Jahre bewahrt , nun sollst du auch das Liebste , was mir noch übrig ist , zu Grabe tragen ! « Der Schreiner trat jetzt herein und sagte , daß der Sag nicht fertig geworden . Frau Anna sagte ihm : es sei ihr ganz recht , so sollte es sein , sie wolle ihr Kind in dem Liebsten , was ihr übrig sei , begraben . Der Schreiner äußerte sich nicht undeutlich , als er diesen Sarg gesehen , die Frau müsse aus Gram den Verstand verloren haben , inzwischen fügte er sich in alles . Frau Anna sang und betete nun mit ihm und Susannen noch eine Stunde ; kein Geistlicher kam zu ihrem Troste , sie waren alle wegen der Unruhen geflüchtet ; dann schloß sie , von unzähligen Seufzern unterbrochen , das Schloß und warf den Schlüssel in den Mühlbach , der an dieser Ecke des Hauses durch die Stadt floß . Der Meister Schreiner nahm den Schrank mit dem Kinde und ging langsam die Treppe hinunter ; Frau Anna folgte , von Susannen und der Magd unterstützt . Es war dunkle Nacht , und ein nahendes Gewitter erhellte ihnen die Straßen , die ganz verlassen schienen ; schweigend zogen sie in die Kirche , wo ihnen der Glöckner eine Nebentür öffnete und mit einer Fackel vorleuchtete . Gleichgültig führte er sie durch die wunderbare Nacht des Gebäudes , wo Adams Fall durch den Apfel in dem flammenden Blitze durch die hellfarbig gebrannten Scheiben leuchtete ; Susanna machte ein Kreuz und gedachte des Apfels wie eines wiedergewonnenen Paradieses , der heute ein gutes unschuldiges Kind von einem schmachvollen Tode errettet hatte ; sie fühlte in ihrer ganzen Seele Gottes Herrlichkeit , vor dem alles gut wird , was auf Erden geschieht . Sie kamen jetzt an das hoch vergitterte Grabgewölbe der Bürgermeister von Waiblingen . Die schwere Türe wurde eröffnet , da standen in einer langen Reihe mit schönen metallnen Handgriffen und Zieraten die Särge aller Verstorbenen dieses edlen Hauses dessen letzten Sprößling sie dem Vater zu Füßen setzten . - Der Glöckner fragte , ob das Wappen im Siegelring dem Kinde mitgegeben sei ; da beseufzte die Mutter , daß sie den Schlüssel zu dem Schranke in den Mühlbach geworfen , sie trug den Siegelring noch in der Tasche . Der Glöckner stellte ihr vor , daß er mit demselben Rechte dem Vater , Ihrem verehrten Bürgermeister , in den Sarg gelegt werden könnte , und hob bei diesen Worten den Deckel jenes Sarges auf , der ihn verschloß . Frau Anna stürzte bei seinem Anblick mit den Worten nieder : » Heilige Mutter Gottes , er hat sich umgedreht ! « - Susanna sah hin , und wirklich lag das graue Haupt gegen das Kissen , worauf es ruhte , hingewendet , als ob er seinen Schmerz darin ausweinte . Der Glöckner wagte ihn nicht zu wenden , er steckte ihm den Siegelring über die Handschuhe und verschloß den Sarg . Frau Anna hatte sich jetzt aufgerichtet und wollte ihren geliebten Mann noch sehen ; das verweigerte ihr aber der Glöckner , vielmehr trieb er sie das feuchte Gewölbe zu verlassen , weil es der Gesundheit verderblich sei . Susanna führte die Unglückliche hinaus , sie sah nicht mehr die leuchtenden Blitze , die durch das Kirchengewölbe schimmerten , sie sah immer das graue Haupt des alten Mannes vor sich und konnte es nicht aus den Augen verlieren . Frau Anna wollte im Herausgehen aus der Kirche dem Glöckner einiges Geld in die Hand drücken , er aber weigerte sich es anzunehmen , denn , sagte er , wir hätten ja alle nichts ohne Meister Antons mutige Verteidigung gegen die ketzerischen Hunde , die unser wohltätiges Marienbild verbrennen wollten . Diese Erinnerung brachte Susannen darauf , der Frau endlich zu eröffnen , sie habe einen Brief von Anton an sie zu überbringen , aber mit diesen Worten weckte sie schon den ganzen Eifer der armen Frau gegen ihn ; sie verfluchte die Stunde , wo sie ihn zuerst gesehen , nannte es eine geile Lust , was sie dazu getrieben , ihn zum Manne zu machen ; sie war unerschöpflich alles aufzuzählen , worum er sie gebracht , was sie aber vor allem ihm nicht verzeihen könne , das sei die Lüge und der Betrug mit dem silbernen Pokal , den er heimlich ihr entwendet , um ein Pferd zu kaufen , davon ihn die Ritter herunter geschmissen und wovon er ihr nachher erzählt daß es die Bilderstürmer gestohlen . Diesen Wunderbecher konnte sie nicht satt loben und beschreiben , sie schwor , daß er nicht ein Dritteil dafür bekommen , was er gekostet und wert gewesen . Susanna wollte die Geschichte von ihrem Freunde nicht glauben sie fragte , wer ihr so boshafte Dinge weis gemacht habe . » Weis gemacht ? « fragte sie ; » hat mir nicht der Seger den Becher den andern Tag , nachdem sie beide weggezogen , durch seinen Helfershelfer wieder anbieten lassen ? ja was hatte ich da zu bieten als tausend Flüche für jeden , der daraus trinken würde . « » Glaubt mir « , unterbrach sie Susanna , » Anton mag darin gefehlt haben , aber er meint es recht ehrlich und gut mit Ihr . « » Mag er ' s meinen , wie er ' s vor Gott verantworten kann « , rief sie , » mich hat er um all mein Glück gebracht durch seine Großtuerei , durch seine schnöden Gesellen , durch sein Fressen und Saufen ; die ganze Welt hat in dem Kerl Platz , so hat er mir Haus und Hof hinuntergeschluckt und ist davon nicht einmal satt geworden ; daß ihm die Pest in den Magen schlage ! « Unter so heftigen Reden und bei den gewaltigen Wetterschlägen kamen sie an Frau Annens Haus . Der Schreiner hatte sich stillschweigend fortgeschlichen , und Susanna wäre gern weit weg gewesen und hätte lieber nackt und bloß bei einer Herde die ganze Nacht gewacht , als in so schlimmem Handel Anton verfluchen zu hören . Sie trat mit ins Haus und bat Frau Anna den Brief zu lesen , sie reise den andern Morgen früh fort und der Brief sei dringend zu beantworten . Kaum hatte Frau Anna den Brief durchlaufen , so riß sie die Augen auf und lief heftig auf und nieder . Sie schrie : » So ist der Taugenichts auch nicht einmal zum Landsknecht gut , das sei Gott geklagt , daß er solch Ungeheuer geschaffen . Andre Kriegsknechte , der Nachbar , brachte erst gestern seiner Frau einhundert Mark Silbers nach Haus , und meinem Mann soll ich noch Geld nach schicken , denkt er denn , daß ich Geld machen kann ? Sicher hat er sich auf die faule Haut gelegt und geschmaust statt zu fechten . Geh mein Sohn nur schnell aus meinen Augen , daß ich nicht wild werde ; wie kannst du dich unterstehen , mir solche Briefe zu bringen ! « - Susanna stellte ihr mit rührenden Worten seine Not vor , sie möchte ihm doch etwas schicken , er werde alles wieder verdienen , das Glück werde ihm schon günstiger werden . - » Er mag sich auch durchschlagen , wie ich mich habe durchschlagen müssen « , sagte Frau Anna trocken , » Gott verzeihe ihm , was er meinem seligen ältesten Knaben angetan hat ! « - » Je , was denn Frau ? « - » Seit meines Mannes Abreise wurde er vom Teufel geplagt ; wenn er kaum eingeschlafen war , überfiel ihn ein großer Schrecken , er rang sich die Hände zum Erbarmen , und war alsbald wie in Schweiß gebadet ; mit offenen Augen hielt er sich fest an mir , aber kannte mich nicht ; wenn ich ihn nun durch vieles Rütteln , selbst durch Schläge erweckte , da wußte er nichts zu sagen , als von Seger , dem schwarzen Teufel , der den Vater in die Hölle führte , dann schlief er wie ein toter Mensch ohne aufzuwachen wohl zwölf Stunden ununterbrochen , am andern