von selbst fallen . Wer wird fortfahren wollen , in einem morschen , täglich den Einsturz drohenden Hause zu wohnen , wenn es nur auf ihn ankommt , ein bequemeres neugebautes zu beziehen ? Aber ehe man sich Wetter und Winden unter freiem Himmel preisgibt , behilft man sich lieber in einem baufälligen Hause , und stützt und flickt so lange daran als es gehen will . Da es bei Streitigkeiten dieser Art beiden Theilen nie an Antwort fehlt , so erneuerten wir den Kampf bei jeder Gelegenheit , und Demokritus , der mir ernstlich wohl wollte , gab sich viele Mühe , mich zu bewegen , daß ich dem Gedanken , den Göttern und Priestern öffentlich den Krieg anzukündigen , auf immer Abschied geben möchte . Aber der Haß , den die Betrügereien der letztern und der vielfache Mißbrauch ihres Einflusses auf den großen und kleinen Pöbel in mir angezündet hatten , war ein Feuer , das sich nicht lange heimlich im Busen herum tragen ließ ; und kaum hatte ich mich von meinem weisern Freunde wieder getrennt , so warf ich die Larve , die zu meinem Zwecke bisher nöthig gewesen war , von mir , und zeigte mich überall in meiner wahren Gestalt . Alles was seine Warnungen über mich gewonnen hatten , war , daß ich anfangs mit einiger Behutsamkeit zu Werke ging . Indem ich alle Arten von Aberglauben theils zu untergraben , theils geradezu lächerlich zu machen suchte , schonte ich wenigstens die Polias73 zu Athen , die Juno zu Argos und Samos74 , den Apollo zu Delphi75 , und Jupitern überall76 . Nirgends gelang mir dieß besser als zu Athen , wo der glückliche Erfolg des ungezügelten Muthwillens , womit Aristophanes77 Götter und Menschen dem Gelächter des Pöbels preisgab , mich aufmunterte , mir größere Freiheiten herauszunehmen . Wirklich können die Athener , denen ein witziger Einfall über alles geht , viel mehr ertragen als andere Griechen , und so lange ich mich begnügte über Götter , Orakel und Orgien nur zu scherzen , ließ man meine Einfälle für absichtlose Ergießungen einer komischen Laune gelten , wobei mehr Unbesonnenheit als böser Wille sey . Als ich aber immer kühner ward , und meine Lehrsätze und Meinungen , nicht nur in vertrautern Gesellschaften sondern sogar auf öffentlichen Versammlungsplätzen , in einem ernsthaften Tone zu behaupten anfing ; geschah , was ich hätte voraussehen können , und was mir Demokritus mehr als einmal vorher gesagt hatte . Ich bekam zwar einen Anhang von Jünglingen , für welche die bloße Kühnheit einer Philosophie , die sich über alle Vorurtheile hinwegsetzt , und auf das , was andern das Ehrwürdigste ist , mit tiefer Verachtung herabsieht , schon die Kraft des vollständigsten Beweises hatte : aber gerade dieser Umstand verschlimmerte meine Sache in den Augen der Alten . Die Priester fingen an zu murren , und ehe ich mir ' s versah , erklärte sich beinahe ganz Athen gegen den Melier78 , der die Vermessenheit hatte , von Göttern , welche ein uralter Besitz gegen alle Beeinträchtigungen sicher stellte , zu fordern , daß sie die Titel der Rechtmäßigkeit desselben vorzeigen sollten . Zu allem diesem kam endlich noch das bekannte Unglück meiner armen Vaterstadt , und unfehlbar würde ich den Haß , den die Athener ( um ihr ungerechtes und grausames Verfahren - vor sich selbst zu rechtfertigen ) auf alle Melier geworfen hatten , desto schwerer gebüßt haben , wenn mein gutes Glück mir nicht wenige Tage vor dem Ausbruch des Ungewitters , das sich seit einiger Zeit über mir zusammenzog , einen Weg zur Flucht eröffnet hätte . Denn ich wurde gleich nach meiner Entfernung von den Eumolpiden79 gerichtlich angeklagt , die heiligen Mysterien verrathen , und die Jugend von der Initiation abgehalten zu haben . Beide Beschuldigungen wurden gerichtlich erwiesen , und hätten in der That nicht geläugnet werden können ; und so würde , anstatt daß ich jetzt in dieser stillen Freistätte sicher athme , der Sturz in das furchtbare Barathron80 mein Loos gewesen seyn , wenn ich mich nicht lieber auf die Behendigkeit meiner Fersen verlassen hätte , als auf die Güte meiner Sache , von welcher ich meine Richter schwerlich hätte überzeugen können . Diagoras endigte hier seinen Bericht , und du wirst vermuthlich gern sehen , daß ich ebenfalls eine Pause in meiner Erzählung mache . Ich wage es , lieber Kleonidas , in Hoffnung dir durch die Länge dieser Epistel nicht lästig zu seyn , in meiner angefangenen Erzählung fortzufahren . Sollte sie dich nicht müßig genug antreffen , um sie nicht zu lang zu finden , so kannst du sie ja bei Seite legen . Es gibt auch in dem thätigsten und genußreichsten Leben doch zuweilen eine Stunde , mit der man nichts anzufangen weiß , und es müßte nicht gut seyn , wenn sie dir in einer solchen Stunde nicht einige Unterhaltung verschaffen könnte . Mein alter Wirth schien sich das Betragen , welches ihm die Verbannung aus allen Griechischen Staaten zugezogen hatte , so wenig gereuen zu lassen , und sich bei seiner Ohngötterei so wohl zu befinden , daß mir nicht einfallen konnte , ihn darüber anzufechten . Meine Denkart über diese Dinge ist ungefähr dieselbe , wozu der Weise von Abdera ihn vergeblich zu bereden gesucht hatte . Es würde zu nichts geholfen haben , die seinige mit den nämlichen Gründen zu bestreiten ; zumal da er , in seiner gegenwärtigen Abgeschiedenheit , von den Menschen eben so wenig zu besorgen hat , als von den Göttern ; und überhaupt ist es einer meiner Grundsätze , mit niemanden über das , was er von den überirdischen und dämonischen Dingen glaubt , oder nicht glaubt , zu hadern . Uns in allen den Gesetzen und Gebräuchen der Völker , unter welchen wir wohnen , zu unterwerfen , oder wenigstens nicht mit dem Kopf vorwärts gegen sie anzurennen , macht uns schon die bloße Urbanität zur Pflicht , wenn es auch die Sorge für unsre eigene Ruhe nicht so gebieterisch forderte . Wer sich , wie Diagoras , den Haß der Priesterschaft geflissentlich zuziehen will , thut wohl , wenn er die unangenehmen Folgen desselben auch wie Diagoras trägt , als etwas das eben so unfehlbar zu erwarten war , als daß man gebrannt wird , wenn man dem Feuer zu nahe kommt . Will er es demungeachtet darauf ankommen lassen , wer kann ' s ihm wehren ? Wie gleichgültig mir also in dieser Rücksicht die Religion des Diagoras seyn konnte , so hatte doch ein Wort , das ihm im Lauf seiner Erzählung entfallen war , meine Neugier rege gemacht : und da wir einmal auf dieser Materie waren , erinnerte ich ihn jenes Wortes , woraus ich schließen müßte , sein Atheism sey nicht so unbedingt , daß er allen Glauben an etwas Göttliches aufhebe . Du scheinst , sagte ich , in deinem Gedankensystem an die Stelle der Götter , die du läugnest , etwas anderes zu setzen . Darf man fragen was ? Diagoras . Mich selbst , und alles was wirklich ist , erwiederte er . Ich . Das ist viel auf einmal gesagt , Diagoras ! woher weißt du daß etwas wirklich ist ? Diagoras . Weil ich weiß daß ich selbst bin . Ich . Und woher kannst du wissen daß du selbst bist ? Mein Mann schien ein wenig zu stutzen . - Eine seltsame Frage , sagte er lachend . Ich . Es wäre noch seltsamer , wenn sie dir nie aufgestoßen wäre . Diagoras . Nie in meinem ganzen Leben . Aber die Antwort ist auch so leicht , daß sie mir bloß deßwegen nicht sogleich beifiel . Ich weiß daß ich bin , weil ich sehe , höre , fühle , denke , mich selbst bewege , und - zwar nicht alles , aber doch sehr vieles kann , was ich will . Ich . Könntest du das alles , wenn du nicht schon da wärest ? Diagoras . Schwerlich ! Ich . Und wenn die Dinge nicht da wären , die dir zu diesen Aeußerungen deines Daseyns Anlaß geben ? - Diagoras . Ohne Zweifel , nein . Ich . Du weißt also , daß du bist , weil es Dinge außer dir gibt , die dieses Selbstbewußtseyn in dir erwecken ; du könntest aber nicht wissen , daß es Dinge außer dir gebe , wenn du nicht wüßtest , daß du selbst bist . Dieß , dünkt mich , heißt sich in einem Kreise herum drehen , der weder Anfang noch Ende hat , und du hast also keinen hinlänglichen Grund zu glauben , daß du selbst bist . Diagoras . Pure Sophistereien ! Ich glaube nicht daß ich bin , und , genau zu reden , weiß ich es auch nicht ; aber ich fühl ' es , und das ist genug . Dieses Selbstgefühl , und das Gefühl daß etwas außer mir ist , ist ein und eben dasselbe . Indem ich , zum Beispiel , den Feigenbaum dort sehe , fühle ich daß ich ihn sehe , das ist , ich sehe ihn in mir selbst , und so fühle ich in einem und eben demselben Augenblick mein und sein Daseyn . Ich . Sein Daseyn in dir , meinst du ? Diagoras . Ich sehe ihn zwar in mir selbst , aber als etwas außer mir Befindliches ; und warum wäre das , wenn er nicht wirklich außer mir wäre ? Ich . Du siehst einen Centauren , eine Sirene , auch außer dir , und es sind doch bloße Geschöpfe deiner Phantasie . Woher weißt du , daß es mit dem Baum und allem andern , was du zu sehen meinest , nicht eben dieselbe Bewandtniß hat ? Diagoras . Allerdings ist es meine Phantasie , die aus der Hälfte eines Menschen und eines Pferdes einen Centauren , und aus einem Weibe , einem Vogel und einem Fische eine Sirene zusammensetzt : aber das könnte sie nicht , wenn ich nicht wirklich Menschen , Pferde , Vögel und Fische gesehen hätte . Ich . Du hältst also alles für wirklich , was du in einer lebhaften künstlerischen Begeisterung siehest ? Oder warum solltest du diese Einbildungen nicht für eben so wirkliche Dinge außer dir halten , wie die nämlichen Vorstellungen , wenn sie unter der Beglaubigung deiner Sinne in dein Bewußtseyn kommen ? Diagoras . Weil ich einen sehr wesentlichen Unterschied zwischen ihnen fühle . Wenn ich mir z.B. die Lemnische Venus bloß in Gedanken vorstelle , so sehe ich sie in meiner Einbildung zwar auch außer mir , aber ungleich weniger klar und lebhaft , als wenn das Gebilde des Phidias wirklich vor mir stände ; und was noch mehr ist , es hängt bloß von mir ab , ob ich das Gedankenbild sehen will oder nicht ; stehe ich hingegen zu Lemnos vor dem wirklichen Bilde der Göttin , so muß ich es sehen , ich wolle oder wolle nicht . Ich . Wie ? auch wenn du die Augen zumachst ? Diagoras . Welche Frage ! Ich . Ich will bloß damit sagen : was du mit deinen Augen siehest , dringt sich dir nur so lange mit Gewalt auf , als du es wirklich ansiehest . Ist es aber mit dem , was du bloß in deiner Einbildung siehest , etwa anders ? Sobald die Bedingung da ist , d.i. sobald deine Einbildung dir dieses Bild darstellt , mußt du es eben so wohl , obgleich weniger lebhaft , sehen , als wenn deine Augen es dir dargestellt hätten , und im letztern Falle steht es nicht weniger bei dir , die Augen wegzuwenden oder zuzuschließen , als im erstern deine Einbildungskraft auf etwas anderes zu richten . Diagoras . Aber setze daß du , an eine Säule gebunden , gegeißelt werdest , steht es dann auch in deinem Belieben , ob du die Pein der Geißel fühlen wollest oder nicht ? Ich . So vieler Gewalt über meine Sinne rühme ich mich keinesweges . Aber setze du dagegen einen verrückten Menschen , der sich in seinem Wahnsinn einbildet , daß er gegeißelt werde : fühlt er die Pein der bloß eingebildeten Geißel nicht eben so lebhaft als wenn sie wirklich wäre ? Dem Wahnsinnigen thut seine kranke Phantasie eben dieselbe Gewalt an , welche in dem Falle , den du setztest , dem Gesunden geschieht . Diagoras . Und was schließest du aus dem allen ? Ich . Daß du keinen hinlänglichen Grund hast , von deinem Gefühl auf die Realität dessen was du fühlst zu schließen . Diagoras . Deiner Meinung nach gingen also alle meine Vorstellungen aus mir selbst hervor , und ich hätte keine Ursache zu glauben , daß etwas außer mir wäre ? Ich . Ich behaupte nicht daß es wirklich so sey ; aber aus dem Gesagten scheint es wenigstens so . Wie kämen auch die vermeinten Dinge außer dir dazu , Vorstellungen in dich zu bringen , die sich nicht in deiner Seele selbst erzeugt hätten ? Gesetzt aber auch , dieser Feigenbaum werfe ein kleines Bild seiner Gestalt in dein Auge , und es reflectire aus deinem Aug ' in deine Seele , so wäre zwischen einem solchen Bild und dem Bewußtseyn , womit du es siehest , nicht das geringste Causalverhältniß ; und doch wird es bloß dadurch , daß du dir bewußt bist es zu sehen , etwas in dir Wirkliches . Kurz , um Dinge außer dir wahrzunehmen , muß deine Seele so viel thun , daß du wenigstens Ursache hast zu zweifeln , ob sie nicht alles thue . Diagoras . Aber , wie wär ' es möglich , Aristipp , daß du nicht sehen solltest , in welche Ungereimtheiten ein solcher Zweifel führen würde ? Wenn alle meine Vorstellungen bloße Geschöpfe der denkenden Kraft in mir sind , bin ich nicht genöthiget , mich für das einzige wirkliche Wesen zu halten ? Nun sind aber alle andern Menschen in dem nämlichen Falle , und wenn sie alle so räsonniren wollten , was sollte aus dreißig oder vierzigtausend Miriaden Narren werden , deren jeder sich einbildete , alle übrigen seyen nichts als in ihm selbst erzeugte Gedankenbilder ? Ich . Es käme darauf an daß sie sich darüber mit einander verglichen . Da einer so viel Recht hätte als der andere , warum sollten sie nicht in Güte übereinkommen können , einander , um der Bequemlichkeit des gesellschaftlichen Lebens willen , vermittelst einer Art von Prosopopöie die Existenz zuzugestehen ? Diagoras . Und so möchten wir , dächte ich , eben so wohl thun , wenn wir auch allen übrigen Dingen , die in unser Bewußtseyn gerathen , die nämliche Billigkeit widerfahren ließen ? Ich . Das könnten wir ohne Bedenken ; aber was hätten wir damit gewonnen , wenn wir uns selbst von dem Grund ihres und unsres Daseyns Rechenschaft geben sollten ? Diagoras . Kann uns denn nicht genug seyn daß wir da sind ? Wozu brauchen wir nun eben den Grund zu wissen ? Ich . Diese Frage hast du dir selbst schon beantwortet , Diagoras , da du mir auf die meinige » was du an die Stelle der Götter setzest ? « zur Antwort gabst : » mich selbst und alles was wirklich ist . « - Es ist nun einmal in unsrer Natur , sobald sich uns etwas als außer uns darstellt , zu glauben es sey , und wissen zu wollen , was und woher und wie und warum es ist . Das kürzeste Mittel , sich hierüber zu beruhigen , schien den Menschen von jeher zu seyn wenn sie Götter glaubten , in deren Macht und Willkür der Grund des Daseyns und der Zusammenordnung der Dinge liege . Du willst mit diesem Behelf nichts zu thun haben , und setzest dich selbst und alles was wirklich ist an ihre Stelle . Aber bei näherer Untersuchung der Sache hat sich gefunden , daß dein eigenes Daseyn eine sehr zweifelhafte Sache ist , da das Gefühl desselben lediglich auf dem vorausgesetzten Daseyn anderer Dinge beruht , für deren Daseyn du keine andere Gewähr hast als dein eigenes . Gesetzt aber auch es hätte mit deinem Daseyn seine Richtigkeit , so ist es doch eine bloße nackte Thatsache und du hast auf die Frage : woher , wie und warum du da bist ? noch immer keine Antwort . Denn daß du nicht immer da warest , und daß der Grund deines Daseyns nicht in dir selbst seyn kann , wirst du schwerlich in Abrede seyn wollen . Diagoras . Es scheint in der That ich müßte auch etwas davon wissen , wenn ich immer gewesen wäre , und die Mutter die mich gebar , der Vater der mich auferzog , und der Schulmeister der mich im Homer lesen und die Melodien des alten Terpander plärren lehrte , müßten sich auf eine seltsame Weise getäuscht haben . Aber wozu braucht es aller dieser Leptologien81 . Die Formel , über welche du mich schikanierst , soll nichts weiter sagen als : die Natur enthält alles was ist , war und seyn wird , und es bedarf keines andern Grundes für mein und aller übrigen Dinge Daseyn als sie . Ich . Die Natur ! - Ein großes viel umfassendes Wort ! Und was denkst du dir eigentlich dabei ? Diagoras . Wie ich sagte , das , woher alles was ist , war , und seyn wird , seinen Ursprung und die Nahrung seines Wesens zieht . Ich . Ich glaube die Bedeutung jedes einzelnen Wortes dieses Satzes zu wissen ; aber bei dem ganzen kann ich mir nichts Deutliches denken . Diagoras . Ich , die Wahrheit zu sagen , eben so wenig . Ich . Du hättest also ungefähr so viel als gar nichts damit gesagt ? Diagoras . Ist es meine Schuld daß die Natur etwas Unbegreifliches ist ? Ich . Irgend eine dunkle Vorstellung muß denn doch wohl mit diesem unbegreiflichen Worte verbunden seyn . Denkst du dir die Natur vielleicht als eine unendliche Reihe an einander geketteter einzelner Dinge ? Diagoras . Ich sehe wohin du willst , Aristipp , und ich will dir die Mühe ersparen , mir die Ungereimtheit einer unendlichen Reihe von Eiern und Hühnern darzuthun . Ich denke mir die Natur als das einzige , ewige , unendliche Urwesen , und alles was ist als eine Art von Erzeugnissen , die es ewig aus sich selbst hervorbringt . Ich . Da hätten wir den Kronos der Dichter , der seine eignen Kinder aufißt , um immer neue zeugen zu können ? Diagoras . Oder , wenn du lieber willst , so stelle sie dir als den Proteus vor , der sich selbst in alle möglichen Gestalten wandelt . Ich . Für poetische Darstellungen mögen diese Bilder brauchbar genug seyn ; aber dem Verstande erklären sie nichts , und wir sind noch um kein Haar breit weiter als anfangs . Alles was ich sehe ist , daß du dich so gut als wir andern genöthigt fühlst , etwas Erstes , Unerklärbares , Unendliches , mit Einem Worte , Göttliches zu glauben , um dich nicht in einem Labyrinth von Fragen und Zweifeln zu verlieren , aus welchem kein Ausgang ist . - Diagoras . Und weiter wollen wir uns , wenn dir ' s gefällig ist , nicht versteigen . Mit diesen Worten führte mich Diagoras zu seinen Götterbildern zurück , um ( wie er sagte ) die Spinneweben wieder los zu werden , womit uns der Sophistische Dialog über Seyn und Nichtseyn den Kopf angefüllt habe . Er ließ mich eine Menge possierlicher Dinge bemerken , welche meiner Aufmerksamkeit entgangen waren , und überzeugte mich durch sein herzliches Wohlgefallen an den Mißgeburten seiner witzelnden Phantasie immer mehr , wie lächerlich es von mir gewesen wäre , über einen Gegenstand , für welchen er keinen Sinn hatte , in einem ernsthaftern Tone zu sprechen . Uebrigens muß ich dir sagen , daß mein Ton ungefähr der nämliche war , worin Sokrates mit den Sophisten , und allen andern , denen es ( wie er glaubte ) nicht ernstlich um Wahrheit zu thun war , von solchen Dingen zu disputiren pflegte ; und ich wollte diese Gelegenheit nicht vorbei lassen , dir eine kleine Probe zu geben , daß ich nicht drei Jahre lang mit einem solchen Meister in der subtilsten Dialektik gelebt habe , ohne ihm auch in diesem Stück etwas abzulernen ; wiewohl ich gern gestehe , daß die ihm eigene ironischeinfältige Miene , die er in solchen Fällen anzunehmen wußte , schlechterdings dazu gehört , wenn diese Manier zu philosophiren ihre ganze Wirkung thun soll . Ich werde erst jetzt gewahr daß meine Erzählung unvermerkt zu einem Buch angeschwollen ist , und der Griffel in meiner Hand zu zittern anfängt . - In wenigen Tagen , lieber Kleonidas , hoffe ich die schöne Minervenstadt wieder zu sehen , zu welcher ich mich , nach einer langen Trennung , von einer Art verliebter Sehnsucht hingezogen fühle . Daß vielleicht auch die Nähe von Aegina Antheil an dieser Gemüthsstimmung haben mag , warum sollt ' ich es vor einem Freunde wie du verheimlichen wollen ? 21. Kleonidas an Aristipp . Wenn ich nicht schon lange wüßte , daß du ein weiserer Mann , oder wenigstens ein nicht so heißer Liebhaber des Schönen bist als ich , so würde mich dein Benehmen gegen den leidigen Zerrbildner Diagoras davon überzeugt haben ; denn ich muß gestehen , mir wäre es unmöglich gewesen , beim Anblick seiner unartigen Machwerke Geduld zu behalten . Mag doch immerhin eine Art von Genie und Kunst dazu gehören , auch an lächerlichen Carricaturen nicht über eine gewisse Gränzlinie hinauszuschweifen , und das Burleskhäßliche nicht bis zum Ekelhaften , das Ueberladene und Verzerrte nicht bis zur gänzlichen Unnatur zu treiben : aber was berechtigt diesen Menschen , mit dem Muthwillen eines trunkenen Barbaren in das Heiligste der Kunst einzufallen , und , einer grillenhaften Phantasie zu Liebe , die Ideale alles Schönen , Lieblichen und Erhabenen zu verunstalten und in schmutzig possierliche Mißgestalten zu verkehren , wozu er die Urbilder aus den Hefen der pöbelhaftesten Natur zusammensuchen mußte ? Seine Götter und Göttinnen sind unstreitig die schlechteste Gesellschaft , die ein Mensch sich nur immer geben kann : aber mit welchem Recht erkühnt er sich , den Vater der Dichtkunst zu seinem Mitschuldigen zu machen ? und wie kann er , ohne von seinem eigenen Gefühl Lügen gestraft zu werden , vorgeben : » seine Zerrbilder seyen den Homerischen Göttern angemessener als die erhabenen Darstellungen eines Alkamenes und Phidias ? « - Es ist wahr , wie hoch Homer sich auch immer über sein Zeitalter hätte schwingen mögen , bis zur göttlichen Natur selbst vermocht ' er sich und uns nie zu erheben . Er mußte , gern oder ungern , die Götter zu uns herabziehen ; aber , da er nun einmal genöthigt war , sie entweder ganz aus dem Spiele zu lassen oder bloß als eine Art menschenähnlicher Wesen aufzuführen ; bestand da nicht die größte Kunst darin , sie , dessen was sie mit uns gemein haben ungeachtet , hoch genug über uns zu erheben , um einen stark in die Sinne fallenden und der Einbildung Ehrfurcht gebietenden Unterschied zu bewirken ? Ich denke man kann in dieser Rücksicht mit dem , was er geleistet hat , zufrieden seyn . Seine Götter nähren sich z.B. wie wir , aber weniger aus Bedürfniß als zum Vergnügen , von Ambrosia und Nektar , die ihren Leib in Unsterblichkeit und ewiger Jugend erhalten . Sie haben Leidenschaften wie wir ; aber auch diese sind nur erhöhte Aeußerungen übermenschlicher Kräfte , oder Wirkungen des lebhaften Antheils , den sie an den Menschen nehmen . - Niemand wird zu läugnen begehren , daß dem Dichter der Ilias bei allem dem noch Spuren der Rohheit seines Zeitalters ankleben : indessen sollte , meines Bedünkens , auch der Umstand in Betrachtung kommen , daß , dem gemeinen Volksglauben nach , alle Heroen und Heroiden jener Zeit halbbürtige , mit Sterblichen erzeugte Götterkinder waren , und also der Abstand zwischen Göttern und Menschen bei weitem nicht so groß schien , daß es billig wäre , dem Dichter zum Vorwurf zu machen , wenn er sich hierin den Begriffen seiner Zeitgenossen fügte ; zumal da er das Menschenähnliche seiner Götter fast immer dermaßen zu veredeln weiß , daß in Stellen , wo sein Genius sich zum wirklichen Anschauen dieser himmlischen Naturen zu erheben scheint , selbst Pindars mächtiger Adlersflug sich nicht höher aufzuschwingen vermocht hat . Oder bedarf es etwa hiervon eines stärkern Beweises , als daß es ja eben der Homerische Götterkönig war , der den größten Bildner unsrer Zeit mit der hohen Idee begeisterte , die wir in seinem Jupiter Olympius so rein und kraftvoll dargestellt sehen , daß wir bei dessen Anblick , wie vom Schauder des gegenwärtigen Gottes ergriffen , die Augen niederzuschlagen genöthigt sind und den Boden unter uns erzittern zu fühlen glauben ? - Gesetzt aber auch ( was kein unbefangener Leser Homers zugeben wird ) der Dichter hätte durch seine Art die Götter reden und handeln zu lassen dem leichtfertigen Diagoras zu seinen Zerrbildern Gelegenheit gegeben ; mit welchem Grunde kann er es unsern größten Meistern übel nehmen , daß sie alle Nerven ihrer Phantasie angestrengt haben , sich vermittelst dessen , was an der menschlichen Natur das Schönste , Reinste und Vollkommenste ist , zu so hohen Idealen von Göttergestalten zu erheben , daß wir in ihren Werken , wie in theurgischen Erscheinungen , Götter zu sehen glauben , wiewohl wir im Grunde nur Menschen sehen ? Ist es ihnen nicht vielmehr zum Verdienst anzurechnen , daß sie , in eben dem Augenblick da sie die Religion des Volkes durch die würdigsten Darstellungen , deren der gemeine Menschensinn fähig ist , reinigen , den Menschen zugleich anschaulich zu machen suchen , welcher Würde ihre eigene Natur fähig sey . Verzeihe mir , Lieber , daß ich mich in meinem gerechten Unwillen so lange bei einer Sache verweile , worüber wir , deiner anscheinenden Gleichgültigkeit ungeachtet , unmöglich verschiedener Meinung seyn können . Ich kann dir nicht ausdrücken , wie angenehm es mir ist , dich wieder mitten in der schönen Hellas zu wissen , in welcher ich noch immer durch die Erinnerung zur Hälfte lebe . Mir ist als ob du mir um so viel näher wärest ; und auch Musarion , die Schöne und Gute , schmeichelt sich , ihre theilnehmende , wiewohl unsichtbare , Gegenwart dir und ihrer edeln Freundin bis in Aegina fühlbar zu machen . 22. Aristipp an Kleonidas . Schon zwei bis drei Monate , lieber Kleonidas , suche ich eine Gelegenheit dich zu benachrichtigen , daß ich mich zum drittenmal wieder im Schutz der hehren Athene befinde , und durch Vorsorge unsers Freundes Eurybates eine bequeme Wohnung nicht weit vom Pompeion und dem Tempel der Demeter bezogen habe . Ich bin dadurch dem Hafen um so näher , wohin mein unbescholtener Aethiopier tagtäglich zweimal traben muß , um sich zu erkundigen , ob irgend ein Fahrzeug aus euern Gegenden angekommen oder dahin abzugehen begriffen sey . Aber auch jetzt danke ich es bloß dem verwöhnten Gaumen der Athener , denen unser stinkendes Silphi zu einem unentbehrlichen Küchenbedürfniß geworden ist , daß ich endlich eine Gelegenheit aufgetrieben habe , diese Epistel an dich gelangen zu lassen . Vor allen Dingen , Freund , laß dir sagen , daß die holden Kechenäer sich wieder auf der höchsten Spitze ihres stolzen Selbstgefühls wiegen : denn , um mit Einem Wort alles zu sagen , sie haben wieder Mauern ! und zwar noch höhere und festere als die alten , die ihnen Lysander vor zwölf Jahren niederreißen ließ : sie haben wieder neue Mauern , und ( worauf sie sich am meisten zu Gute thun ) ohne daß es sie einen Heller kostet . Du wunderst dich wie das zuging ? Wisse also , daß der schlaue Konon , ihr zweiter Themistokles82 ( wie sie ihn zu böser Vorbedeutung nennen ) , Konon , ein eben so gewandter Staatsmann als braver Seeofficier , seinen berühmten Sieg über die Spartaner bei Knidos durch seinen Gönner den Satrapen Pharnabaz in einen so hohen Anschlag bei dem großen Könige zu bringen gewußt hat , daß dieser eine sehr staatskluge Partei zu nehmen glaubte , wenn er den Athenern wieder zu ihrem ehmaligen Uebergewicht über Sparta , seine zeitherige Feindin , und zum ersten Rang unter den Griechischen Republiken in Europa behülflich wäre . Die Wiederherstellung der Mauern von Athen ( eine Kleinigkeit für die unerschöpflichen Schatzkammern des Königs der Könige ) war zu dieser Absicht , und also ( wie es freilich von Seiten der Perser gemeint war ) zum Dienste des Königs unumgänglich . Konon betrieb das Werk mit unsäglichem Eifer ; alles was Hände hatte wurde angestellt ; von allen Enden Griechenlands strömten die Arbeiter schaarenweise herbei ; der König bezahlte mit blanken Dariken , und der Satrap ließ sich den Auftrag geben mit einer ansehnlichen Flotte , wozu die Griechischen Städte in Karien und Ionien Mannschaft und Schiffe lieferten , die Unternehmung zu beschützen . Mehr brauchte es nicht , um den Attischen Autochthonen - die , so lange ihre von Lysandern erlittne Schmach durch die Offenheit ihrer Stadt und ihres Hafens noch augenscheinlich beurkundet wurde , die Flügel ziemlich demüthig sinken ließen - auf Einmal ihren ganzen Uebermuth wieder zu geben . Kaum erhoben sich ihre neuen Mauern , kaum hatte ihnen Konon mit der Persischen Flotte , deren Anführung ihm der Satrap überlassen hatte , wieder zu ihrer alten Tyrannie über die kleinern Inseln verholfen , so war auch alles Vergangene wieder rein vergessen ; so betrachteten sie sich selbst wieder als die Herren der Welt , und den König , ihren Wohlthäter , als ihren bloßen Zahlmeister , der