sich zu überzeugen , daß der Boden unter seinen Füßen wanke , und einen Augenblick erlag er völlig der Wucht dieser neuen auf ihn einstürmenden Sorge . Konnte man ein Weib vorsichtiger , strenger hüten , als er Ernestinen , und dennoch — dennoch war das geschehen , dennoch hatten sich in dem verschlossenen Herzen , das er längst ertötet zu haben glaubte , Triebe geregt , die ihren Weg zur Außenwelt suchten und fanden aller Vorsorge zum Trotz ! Und das Alles in einem Augenblick , wo er auf Tod und Leben mit einer Gefahr kämpfte , die eine jüngere ungebrochene Kraft erforderte , als die seine ! Es war zu viel , die Ahnung faßte ihn mit erstickender Gewalt , daß das Schicksal seinen Untergang beschlossen habe . Aber wieder raffte er sich auf und dachte und überlegte , wie es seine Gewohnheit war in jeder Not . Wie wir uns an Gott wenden , wenn Alles über uns zusammenbricht , so wandte er sich in der höchsten Angst an seinen eigenen siegreichen Verstand , der immer Hilfe wußte . Eine kurze Erholung gönnte er sich nach all den Schrecken und Sorgen , dann ließ er anspannen , um nach der Stadt zu fahren und seine Mündel abzuholen . Aber zu seiner freudigsten Verwunderung sah er sie bereits in unverkennbarer Trostlosigkeit auf dem Heimwege begriffen . „ Du bist wie die Seejungfrau in Deinen geliebten Fabeln aus dem kühlen kristallenen Element heraufgestiegen , bist vorwitzig gewesen und unter die Menschen gegangen , “ sagte er lächelnd vor sich hin . „ Sie haben Dich am Ende auch nicht so übel gefunden , aber es war doch nichts mit Dir , denn sie entdeckten wohl , daß Dein Leib in einen Fischschweif endigt und Du nicht mit ihres Gleichen leben kannst ! “ Als er näher kam , legte er sein Gesicht in finstere Falten und nachdem der Kutscher fort war , begann er in großer Sorge : „ Barmherziger Gott , so muß ich Dich finden ? Am Wege weinend , gleich einer heimatlosen Bettlerin ? “ „ Ja wohl — gleich einer heimatlosen Bettlerin ! “ wiederholte Ernestine . „ Aber Teuerste ! Ist das schicklich , hier auf offener Straße eine solche Szene aufzuführen und Dich am Boden zu winden wie ein Wurm ? “ Sie sah ihn an . Sein kahler Scheitel war von einem breiten lichtgrauen Filzhut bedeckt . Wie früher war er in einen tadellosen hellen Anzug gekleidet . Als er so vor ihr stand mit der lauernden Miene , die lange glatte Gestalt über sie gebeugt , die stechenden Blicke auf sie geheftet , da erschien er ihr wie ein Wurm und zwar ein sehr giftiger und mit unverhehltem Abscheu sprang sie auf und stieß ihn von sich . Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie mit Erstaunen : „ Wie — ist das Ernestine von Hartwich , die ich erzogen , die nichts aus ihrer philosophischen Ruhe brachte ? Oder ist sie ausgetauscht und irgend ein böser Geist hat mir ein ungeberdiges Kind hierhergelegt ? “ „ Schweig mit Deinem Spott , Oheim , “ sagte Ernestine gebieterisch . „ Er ekelt mich an ! “ — Leutholds Verwunderung wuchs mehr und mehr . „ Was ist das — welche Sprache muß ich hören ? Ist das der Ton , den man bei der Frau Staatsrätin Möllner lernt ? Wahrlich , Ernestine , ich glaube , Du bist krank . “ „ Ja , ja , ich bin ’ s und ich bitte Dich , laß mich ! Du hast nicht die Mittel , mich gesund zu machen . “ „ So weit ist es in den wenigen Tagen mit Dir gekommen , wo Du Dich in meinem Rate und Schutze entzogst ? Nun wahrlich , ich weiß nicht , was geschehen , aber sie müssen schlimm mit Dir umgegangen sein . Ich will Dir keine Vorwürfe machen , daß Du hinter meinem Rücken Bekanntschaften anknüpfst , ohne meine Erlaubnis das Haus verläßt und mich in die qualvollste Unruhe stürzest , denn ich sehe , Du bist gestraft genug — aber ich bitte Dich ernstlich , tue es nicht wieder , — Du hast ja nun erfahren , was dabei herauskommt . “ „ Oheim , sprich nicht auch Du wie mit einem Kinde mit mir , das nach erfolgter Züchtigung sagen muß , „ ich will ’ s nicht wieder tun . “ Wenn ich zurückkehren wollte in die Welt , welche ich gestern kennen lernte , so würdest Du es mir nicht wehren , denn — “ sie bediente sich unwillkürlich der Worte der Staatsrätin , „ Du kannst mir nicht verbieten , was gegen kein Gesetz verstößt . Aber ich will es ja gar nicht — nimmer , nimmermehr . Ich bin fremd unter den Menschen , ich verstehe ihre Art nicht , noch sie die meine . “ Sie sah Leuthold mit einem finstern Blick an : „ Ich weiß nicht , ob es recht war , daß Du mich so ganz als Einsiedlerin erzogen — daß Du mich so unbrauchbar für das Leben , so untauglich zum Umgang mit der Welt gemacht . Wer weiß , ob mir nicht besser wäre , ich wäre einfältigen Herzens geblieben und hätte mich nicht in Gebiete verloren , aus denen keine Rückkehr ist ? Doch es hilft jetzt nichts mehr , darüber zu grübeln . Mögst Du es verantworten , was Du aus mir gemacht . Ich kann nicht mehr umkehren , so will ich auch nicht mehr rückwärts schauen . Ich will vorwärts streben auf meinem einsamen Weg und arbeiten , wie nie ein Weib gearbeitet hat , bis der Tag kommt , wo ich sie beschämen kann , die Ungläubigen alle ! Aber Oheim , das sage ich Dir , kommt der Tag nicht , der mich durch den Ruhm entschädigt für alle Entbehrungen an Glück , die ich mir auferlegt — dann , Oheim , werde ich Dir fluchen ! “ Sie hatte die letzten Worte mit einem Ausdruck gesprochen , vor dem selbst der kaltblütige Leuthold erbleichte . Er übersah rasch die ganze Lage . Er erkannte , daß sie ihrem Ehrgeiz ein Opfer gebracht haben müsse , welches sie nachher selbst als unverhältnismäßig empfunden . Sein gewandter Verstand reimte sich den Vorgang bald zusammen . Es war ihm ein Schlag , über dessen Tragweite er sich nicht täuschte . Er fühlte , daß er hier an einem Wendepunkt stehe , wo die höchste Vorsicht geboten und wagte nicht zu sprechen , bevor er überlegt , was das Beste sei . So gelangten sie stumm bis zur Pforte ihres Gartens . Er öffnete und ließ Ernestinen eintreten . Als sie an dem Hügel vorbeikam , wo sie Abends zuvor das Gespräch mit Johannes gehabt , brach sie in Tränen aus . Leuthold sah sie befremdet an , sie bezwang sich und ging raschen Schrittes weiter . Er hatte wieder , wie immer , als kaltes Wasser auf sie gewirkt , die Wunde blutete nicht in seiner Nähe . „ Ich war empört , als ich diesen Morgen bei meiner Ankunft erfuhr , was geschehen , “ begann er endlich . „ Man ist ja bei dieser Rotte seines Lebens nicht mehr sicher . — Jedenfalls müssen wir nun ernstlich daran denken , von hier fortzuziehen , denn unter diesen Blödsinnigen ist unseres Bleibens nicht mehr . “ Er beobachtete sie scharf . Ernestine machte eine abwehrende Bewegung . „ Wie ? Du wolltest nicht ? Was könnte Dich hier fesseln , wo Alles Dir feindlich ist ? “ Ernestine schwieg . Nach einer Pause sagte sie , dumpf : „ Es ist gut . Du hast mir den Vorschlag gemacht — lass das genug sein . Ich werde es bedenken . “ Sie traten in das Haus . „ Ernestine — ich habe Dir den ersprochenen Sphygmographen mitgebracht , willst Du ihn sehen ? “ 90 „ Nein , ich will auf mein Zimmer und ruhen . “ Leuthold war ratlos . Er wollte sie jetzt nicht sich selbst überlassen . Er wollte ihre Aufregung benützen , um ihr das Geheimnis zu entlocken , das sie vor ihm hatte . Schon war sie an der Tür — da rief er ihr nach : „ A propos , Ernestine ! 91 Ich gratuliere Dir . “ „ Wozu ? “ „ Ich habe heute Morgen eine Indiskretion begangen und die Abhandlung auf Deinem Schreibtisch hervorgesucht , die Du mir so lange vorenthalten . Ernestine , ich kann Dir sagen , ich bin ganz erstaunt ! Das überflügelt Alles , was Du bisher gemacht — das wird wie eine Brandfackel in die Gelehrtenwelt einschlagen ! “ Ernestine ließ die Türfalle los , die sie schon gefaßt hatte und sah ihn trübe an : „ Glaubst Du ? “ Sie schüttelte das Haupt : „ Sie werden es doch nicht aufkommen lassen . “ „ O , das denke nicht . So etwas muß sich Bahn brechen , dessen sei versichert . Wie bist Du nur auf diesen großartigen Einfall gekommen ? “ „ Wie man am Ende auf Alles kömmt — durch Ideenverbindung . Wenn es sich nur begründen läßt ? “ „ O , gewiß , gewiß , ich verbürge mich , daß es richtig ist . Mädchen , Du hast eine große Zukunft . Ich glaubte Dich zu kennen , aber Du überraschest mich immer aufs Neue durch Deinen wachsenden Genius . “ „ Ach , Oheim , ich wage kaum mehr zu hoffen , Ich weiß jetzt , wie verächtlich die Männer der Wissenschaft von gelehrten Frauen denken . Mit dem Reden ist nichts getan , ich müßte Beweise schaffen können , unumstößliche Beweise , — müßte ein Verfahren ausfindig machen , das Allen zugänglich wäre . Tatsachen fordert die heutige Wissenschaft und kann ich die nicht beibringen , so werde ich diese vorurteilsvollen Köpfe nie überzeugen . “ „ Sei versichert , daß Jeder , der das liest , angeregt wird , Versuche über diesen Punkt zu machen . Überlaß Du ’ s den Technikern , das richtige Verfahren aufzufinden . Das Verdienst der Idee bleibt immer das Deine ! “ „ Und wenn sie es auch der Mühe wert finden , die Sache zu prüfen , es aber verkehrt anfangen und nicht zu dem erforderlichen Resultat gelangen — dann ist und bleibt es eben nur eine Hypothese und ich bin eine gelehrte Schwätzerin . Auch die du Chatelet wurde verlacht , als sie zuerst den großen Gedanken aussprach , daß die verschiedenen Spektralfarben verschieden erwärmen . Was half es ihr , daß nach vierzig Jahren endlich Rochon das Verfahren entdeckte , das den Beweis für ihre Behauptung lieferte ? Sie war längst zu Staub zerfallen , und man legte nicht einmal den Lorbeer der Autorschaft auf ihr Grab.92 Ach , es ist ein elendes Dasein , wie lange , wie lange werden wir uns noch so Schritt für Schritt durchkämpfen müssen ? “ Sie hatte sich unwillkürlich von der Tür ihres Zimmers entfernt und dem Onkel genähert . Er ergriff ihre gerungenen Hände , er fühlte sie wieder in seiner Gewalt . „ So lange , bis es ein Weib geben wird , das die Kraft hat , dem Manne zu widerstehen . Sie sind alle Brunhilden — diese großen Heldinnen . Jede fiel einem Siegfried zum Opfer , der ihre Stärke brach.93 Du , Ernestine , Du bist vielleicht das einzige Weib , das seine Aufgabe mit ruhigem Blute und klarem Sinn durchführen wird . Du erliegst keiner niederen Regung , unverwandten Auges strebst Du Deinem Ziele zu . Du wirst das Vorurteil der Welt brechen — Du wirst es und kein Mensch soll ahnen , wer Dir dazu half . Ich habe es längst verlernt , für mich zu denken und zu sorgen . Du bist mein Stolz , Du bist mehr als mein Kind , Du bist das Kind meines Geistes — Deine Erziehung ist mein Werk , Deine Ehre ist meine Ehre . So komm denn — ich habe darüber nachgedacht und glaube einen Versuch gefunden zu haben , der Deine Hypothese begründen kann . “ „ Onkel , “ rief Ernestine glühend , „ das wäre ? “ „ Komm nur , komm ins Laboratorium , wir wollen gleich einmal sehen , was zu machen ist . “ „ Onkel , “ sagte Ernestine in überströmender Dankbarkeit : „ Du gibst mir neues Leben . — Verzeih mir , daß ich Dich einen Augenblick verkannte , daß ich Dir Unrecht tat ! “ „ Laß es nur gut sein , mein liebes Kind . Wir bleiben dennoch Freunde . Ich kann mir ’ s denken , sie haben Dich gegen mich aufgehetzt und Du hast ihnen geglaubt . Mein Himmel , wer hat denn nicht einmal eine schwache Stunde ? ! “ „ Ja , ja — ach , Oheim , es war eine schwache Stunde ! “ und sie schlug in tiefer Beschämung die Hände vor das Gesicht . „ Ich errate ! “ sagte Leuthold ruhig mit seiner noch immer melodischen , einschmeichelnden Stimme . „ Man hat Dir das Herz schwer gemacht , man hat Dir von Liebe gesprochen , hat Dich zur Frau begehrt . Nicht wahr ? “ Ernestine schwieg . „ Man hat aber einen weiblichen Simson in Dir erkannt und wollte Dir die Locken beschneiden , um alsdann rufen zu können : Philister über Dir ! “ 94 Ernestine fiel ihm ins Wort : „ Oheim , schweig , sprich nicht in diesem Tone von einem Menschen , der mir heilig ist ! “ „ Gott verhüte , daß ich Dich verletze . Ich spreche ja gar nicht von ihm , nur von seiner Sippe , von seiner Frau Mama , die ihn noch immer am Schürzenband führt . “ Er streifte sie mit einem raschen Blick . „ O , auch die Mutter nenne nicht mehr vor mir , ich hasse sie ! “ rief Ernestine heftig und stieg mit ihm die Treppe zum Laboratorium hinauf . Nun wußte Leuthold genug . „ Ich begreife , daß diese Leute ihren Einfluß wider mich geltend machten , denn wer Dich gewinnen will , der muß zuerst mich aus dem Wege räumen . Das wissen sie recht gut , und es ist menschlich , daß sie es versuchten . Du aber hast Dir sehr bald gesagt mit Deinem gesunden Urteil , daß Jene etwas von Dir wollen und zwar nicht das Geringste : Dich selbst , daß also ihrer Handlungsweise ein , wenn auch unbewußter Egoismus zu Grunde liegt , daß ich aber , so lange Du mich kennst , uneigennützig an Dir gehandelt habe ! — Sie drückten Dich in Deiner Selbstschätzung herab , damit Du Dich um so billigeren Kaufs an sie losschlügest , — ich sehe ja an Deiner kleinlauten Stimmung , wie sie Dich entmutigt haben ! Ich gebe Dir Deine Zuversicht wieder und Du erkennst an dieser geringen Wohltat , daß ich nichts von Dir will , als daß Du Dir selbst treu bleibst . Das beschämt Dich — mir aber ist es die schönste Genugtuung ! Und so bleibt es mit uns beim Alten ! Nicht wahr ? “ „ Ja , Oheim , “ sagte Ernestine sich aufraffend . „ Und nun komm , wir wollen die Versuche machen , von denen Du sprachst . “ „ Leutholds helle Augen blitzten im Triumphe auf , als er diese Worte hörte und er trat mit ihr in das Gemach , welches die kostbaren Utensilien ihrer Wissenschaft enthielt . Aber wie sie sich auch mühte , — es wollte nicht gehen mit der Arbeit . Ihre Hände zitterten , es flimmerte ihr vor den Augen . Ihr Interesse für die Sache erschlaffte , andere Gedanken schoben sich dazwischen . — Mit übermenschlicher Kraft nahm sie sich zusammen und , auf ihren Wangen brannten rote Flecken , die jeder Arzt mit Schrecken sieht . Leuthold bemerkte sie nicht . Er war so vertieft in die Arbeit , daß er wie aus einem Traume auffuhr , als sie plötzlich ohnmächtig neben ihm zusammenfiel . Sechstes Kapitel . Die Schwäche der Starken . Es war still und öde in der Bergstraße , als Johannes von Hochstetten zurückkam . Ihre Bewohner hielten Mittagsruhe und flohen die sengenden Strahlen , die von den weißen Häusern vertausendfacht zurückgeworfen wurden . Johannes saß regungslos , die Hände über die Augen gelegt , im Wagen . Er sah nicht auf , als er Hunde um die Räder bellen hörte — er hörte es wohl auch nicht . Die Außenwelt war tot für ihn . „ Hâlt-lá ! “ rief eine Stimme aus einer vor seiner Tür haltenden Equipage ihm entgegen : „ Parbleu , il dort . “ 95 Nun hob Johannes den Kopf , — die Worronska erwartete ihn . Sein Wagen hielt . Er stieg aus und die Worranska winkte ihn zu sich hin . Sie saß heute ganz gegen ihre Gewohnheit nicht auf dem Bocke und lenkte ihre Pferde nicht selbst . „ Gut , daß Sie kommen . Ich wollte Sie aufsuchen , Professor Möllner , da mein Brief an Sie unbeantworet blieb , und war eben im Begriff wieder wegzufahren . “ Johannes geriet in Verlegenheit . Er hatte die erwähnten Zeilen erhalten aber nicht erbrochen . „ Bitte , reichen Sie mir Ihren Arm , haben Sie eine Minute Zeit für mich ? “ „ Ich stehe zu Diensten , “ sagte Johannes finster und half ihr aus dem Wagen . „ Gestatten Sie mir eine kurze Unterredung in Ihrem Hause , oder bin ich unwürdig , diesen Tempel der Wissenschaft zu betreten ? “ Johannes , öffnete ihr die Tür : „ Mein einfaches Haus ist schlecht gerüstet für den Empfang so vornehmer Gäste . Ich kann kaum hoffen , daß es Ihnen darin gefallen werde . “ „ O , wie hübsch ist es hier , “ rief sie , als er sie in sein Empfangszimmer führte . „ Glauben Sie mir , es gefällt mir hier weit besser , als in meinen steinernen Sälen , wo kein Atem einer warm fühlenden Brust weht ! “ „ Nun , ich dächte , eine Frau wie Sie wüßte überall fühlende Menschen um sich zu versammeln , “ sagte Johannes zerstreut , nur um etwas sagen . Die Gräfin sah ihn zweifelhaft an . Bei dem Rufe , mit dem sie behaftet war , konnte diese Artigkeit eben so gut eine Bosheit sein . Doch die gedankenschwere Wolke auf seiner Stirn überzeugte sie sogleich , daß er im Geiste mit Anderem beschäftigt war . Sie schaute ihm in die Augen , aber er senkte unwillkürlich die Wimpern vor ihrem Blick , wie wir sie vor etwas niederschlagen , das unser Zartgefühl verletzt . Die Gräfin deutete das anders — seine Verlegenheit schmeichelte ihr . „ Sie nennen den Schwarm von lüsternen Schmeichlern , der mich früher — umgab , fühlende Menschen ? “ fragte sie mit bitterem Spott . „ Nun , wenn Sie in den ersteren keine solchen fanden , dann beklage ich es , daß jene die letzteren von Ihnen fern hielten . Denn kein wahrhaft fühlender Mensch wird sich Ihnen nahen , so lange Sie dieser Schwarm umgibt . “ Die Gräfin fuhr vom Sofa auf : „ Mein Gott , ich habe ihn ja längst entfernt — der Weg zu mir ist frei für jeden Edeldenkenden , doch keiner sucht ihn und ich muß ihm auf halbem Wege entgegnenkommen ! “ Johannes schwieg . Dies Gespräch war ihm eine Marter , er bedurfte aller seiner Ritterlichkeit , um es in der gebührenden Form zu ertragen . „ Sie sind schlimmer Laune , Möllner , — bin ich die Ursache davon ? “ „ Welche Frage , Gräfin ! Könnte ich sie bejahen , wenn dem auch so wäre ? Ich muß schlimme Verstöße gegen Sie begangen haben , daß Sie mir so wenig Lebensart zutrauen . “ „ Nun — übertriebener Artigkeiten hatte ich mich noch nie von Ihnen zu rühmen . “ „ Ich dränge Niemandem etwas auf , was keinen Wert für ihn haben kann , “ sagte Johannes kalt . Die Gräfin biß sich auf die Lippe : „ Diesen Grundsatz könnte ich mir zur Lehre nehmen . “ „ Ich wüßte nicht worin ? Ich sagte nichts , was auf Ihr eigenes Verhalten Bezug haben könnte . “ „ Wirklich ? “ „ Ich bin erstaunt , Sie dessen versichern zu müssen ! “ erwiderte Johannes , der jetzt erst ahnte , welche empfindliche Stelle er in der Gräfin berührt haben mochte . „ Gut — ich glaube Ihnen . So will ich Ihnen denn zuerst etwas aufdrängen , was zwar für Sie keinen , aber für gewöhnliche Leute sehr viel Wert hat : Geld ! “ Sie zog eine Brieftasche hervor und zählte eine Anzahl Banknoten auf den Tisch . „ Sehen Sie — ich bin gekommen , um Ihnen das Schmerzensgeld für die verunglückte Kleine einzuhändigen . Hier sind zehntausend Rubel . Ich kann im Augenblick über nichts weiter verfügen . Glauben Sie , man könne das einstweilen den Leuten bieten ? “ „ Sie sind sehr großmütig , Gräfin — doch meine ich , wäre es für diese einfachen Leute besser , ihnen nicht die ganze Summe in die Hand zu geben . Wenn ich Ihnen raten darf , so bestimmen Sie dem Mädchen eine kleine lebenslängliche Rente , welche sie vor Mangel schützt , denn da sie einen Arm verliert , ist sie unfähig , etwas zu erwerben . Mit einem großen Kapital wissen die Leute nichts anzufangen . “ „ Nun so verwalten Sie dasselbe und machen Sie es , wie Sie wollen . Mit einer Rente ist es nichts — ich könnte ja sterben und dann hätte es vielleicht Schwierigkeiten mit der Auszahlung . Nein — ich habe meinem Verwalter in Petersburg geschrieben , er solle mir noch vierzigtausend Rubel flüssig machen . Dann hat die Kleine ein Vermögen von fünfzigtausend Rubel . Damit wird sie in Deutschland sorgenfrei leben können . “ „ Gräfin “ — rief Johannes , sein Auge mit unverhehlter Bewunderung auf die Worronska heftend : „ Wissen Sie denn , was Sie tun ? So können nur Könige schenken ! Ich kann nicht beurteilen , in welchem Verhältnis diese Schenkung zu Ihrem Vermögen steht , aber es ist meine Pflicht , Sie zu warnen , bevor ich ein Opfer von Ihnen annehme , das weit über die Bedürfnisse jener Leute geht ! “ „ Mein Gott — welch ein Aufhebens um etwas so Geringfügiges ! “ rief die Gräfin ungeduldig . „ Ich brauche ja nur ein paar Jahre zu sparen , so ist der Ausfall gedeckt . Und wenn ich mir auch hier und da etwas versage — was ist das gegen den Schaden , den mein Leichtsinn dem armen Kinde zugefügt ? Ich würde ihm mehr geben , wenn ich nicht so viele arme Verwandte hätte , die ich nicht verkürzen darf . “ „ Nun wahrlich , Gräfin , ein solcher Besitz in solchen Händen — ist ein Segen für die Bedrängten ! Ich sehe heute zum ersten Male mit tiefer Rührung , daß diese Hand etwas Anderes zu tun vermag , als Zügel und Peitsche zu führen , daß sie sich aufschließt mit fürstlicher Freigebigkeit und sorglos ausstreut , was Andere ängstlich zusammen scharren . Reichen Sie mir diese Hand und lassen Sie mich einen Kuß aufrichtigen Dankes darauf drücken . Ich habe Ihnen viel abzubitten ! “ „ O Möllner , “ rief die schöne Frau über und über in Glut getaucht : „ Mein ganzes Vermögen , was ich bin und habe , gäbe ich hin um einen einzigen solchen Blick des Dankes aus Ihrem Auge ! Möllner , ich weiß es , was Sie mir jetzt abbitten : Sie haben mich bisher verachtet und nun sehen Sie , daß doch etwas Gutes an mir ist . Ja , ich habe wild gelebt , ich bekenne es — ich habe den Maßstab nicht geachtet , den die Menschen an ein Weib legen , weil ich die Menschen selbst nicht achtete . — Jetzt , jetzt erkenne ich ihn an , weil ich endlich einen Mann gefunden , den ich inbrünstig , gläubig verehre — aus dessen Hand ich jedes Gesetz meines Lebens fraglos hinnehmen würde . Möllner , ich bin noch zu Besserem fähig , als ein paar tausend Rubel zu geben — ich kann mich selbst hingeben , aufgeben ! Wenn Sie es wollten , wenn es mir Ihre Achtung wiedererwerben könnte , so wollte ich Zügel und Peitsche wegwerfen , wollte Nadel und Faden zur Hand nehmen , kein Pferd mehr besteigen , nicht mehr über Feld und Heide dahin brausen , — nicht mehr von einem Ort zum andern fliegen , noch in stetem Wechsel des Lebens perlenden Schaum genießen ; — hier , hier wollte ich liegen und diese Kniee umfassen , still büßend wie Maria Magdalena . Meine Reichtümer wollte ich zu Ihren Füßen hinwerfen und von mir tun allen Glanz , der mich in andern Augen schmücken könnte , als in den Ihren . Ihnen sollte Alles gehören , was ich zu geben habe , was Andere so heiß begehrten , und ich wollte es als eine Tat der Barmherzigkeit betrachten , wenn Sie mich würdigten , mein Geschenk anzunehmen ! — O , sehen Sie , ich verstoße wieder gegen Brauch und Sitte , da ich , das Weib , mich dem Manne meiner Wahl anbiete : Aber was bei jeder Andern ein Überschreiten der sittlichen Grenzen wäre , das ist bei mir eine Rückkehr zur Sittlichkeit . Ich darf nicht stolz abwarten , bis mir ein Mann wie Sie sein Herz entgegenbringt , ich bin so tief gesunken , daß ich in reuiger Zerknirschung mir Achtung und Liebe erbetteln , in lebenslanger Buße sie verdienen muß und nicht murren darf , wenn sie versagt wird . Ich empfinde die Schmach , die darin liegt , aber ich kann ja nur durch diese Schmach mich wieder zu meiner verlorenen Würde erheben , kann mich nur durch eine emanzipierte Tat von der Emanzipation lossagen ! — O , glauben Sie mir , es ist keine frivole Wallung , die jetzt aus mir spricht , es ist das verzweifelnde Ringen einer verirrten Seele nach der erlösenden Kraft einer wahren Liebe ! “ Sie konnte kaum vollenden , die Leidenschaft überwältigte sie , und die schönen Arme zu ihm emporstreckend wie eine Versinkende stürzte sie vor ihm auf die Knie und verfiel in wildes Schluchzen . Johannes versuchte vergebens , sie aufzuheben . Er war wie betäubt von diesem vulkanischen Ausbruch . In die offenen Wunden , die Ernestinens Kälte ihm geschlagen , ergoß sich jetzt so plötzlich die glühende Lava einer Leidenschaft , von der er keine Ahnung hatte , die ihm in der gemäßigten Zone deutschen Geisteslebens nie vorgekommen war . Er stand davor , wie vor einer fremdartigen Naturerscheinung , überrascht , überwältigt , rat- und fassungslos . Ein einziger bitterer Gedanke kam ihm zum klaren Bewußtsein : Wo er Liebe suchte , fand er sie nicht und wo er sie nie gewährt noch begehrt , da überströmte sie ihn . Der Gegensatz war zu grell — er legte wie geblendet die Hand vor die Augen und ein schwerer Seufzer entstieg seiner Brust . Sie zog ihm die Hand vom Gesicht : „ Möllner , gilt diese Träne mir ? “ „ Uns Beiden ! “ „ Möllner ! “ sagte sie mit ihrem tiefen , schmeichelnden Tone und ihre weichen , warmen Finger umschlangen die seinen , ihre dunklen , glühenden Augen hafteten in Todesangst an seinen Mienen . So lag das schöne majestätische Weib vor ihm , in heißer Qual , die Sünde büßend , daß sie sich dem Manne ihrer späten Liebe nicht rein erhalten hatte , — auf ihn hoffend , wie auf ihren Erlöser , bereit , sich selbst und ein Leben voll Genuß ihm hinzugeben — ihm , dem einfachen Gelehrten , der sich keiner der Vorzüge bewußt war , durch welche die stolzen Männer ihrer Kreise glänzten , der ihr nie auch nur das Geringste zu Liebe getan ! So , so konnte ein Weib ihn lieben , ein Weib , das gewöhnt war , die höchsten Ansprüche zu machen — und Jene , jene Eine , der er seine ganze Seele entgegenbrachte , für die er sein Leben hingäbe , konnte ihn einem Wahn aufopfern , einem Dünkel , der sie nicht einmal beglückte ? Ihm schwindelte , er entzog der Gräfin seine Hände und sprang auf , um Atem zu schöpfen , sie warf den Kopf auf seinen verlassenen Sessel und barg das Gesicht still in den Armen , als erwarte sie den Todesstreich , der ihr das Haupt vom Nacken trennen sollte . — Jetzt , als sie in ihrem Schmerz hingegossen vor ihm lag , sah er zum ersten Male die Schönheit dieser Gestalt , aber nur einen Augenblick sah er sie , im nächsten wandte er sich von ihr , stieß einen Laden auf , daß das volle Tageslicht hereinströmte und die beklemmende Dämmerung wich . Ein frischer Luftzug hatte sich erhoben . Er atmete ihn mit vollen Zügen . Als er wieder zur Gräfin trat , war er ruhig . Nachsicht , diese hervorragende Eigenschaft feiner , milden * Seele , hatte jeden Widerwillen besiegt und an seinem Schmerz um Ernestine nährte sich sein Erbarmen für die hoffnungslos liebende Frau . Es war ein reines , echt menschliches Gefühl , das aus seinen Augen strahlte , als er ihren Kopf emporhob , aber sie war aufs Neue davon getroffen wie von einem Zauber . „ O , diese Augen ! Möllner —