niederzusetzen , um mich unter der Hecke auszuruhen . Während ich dort saß , vernahm ich das Geräusch von Wagenrädern und sah eine Kutsche näher kommen . Ich stand auf und erhob den Kopf , der Wagen hielt an . Ich fragte , wohin er gehe : der Kutscher nannte einen entfernten Ort , wo Herr Rochester , wie ich wußte , keine Verbindungen hatte . Ich fragte , was ich zu zahlen habe , wenn er mich mitnähme ; er sagte dreißig Schillinge ich antwortete , ich habe nur zwanzig , worauf er sagte , er wolle sehen . Er erlaubte mir , mich in das Innere des Wagens zu setzen , derselbe leer war : ich stieg ein , die Thür wurde zugemacht und der Wagen rollte weiter . Lieber Leser , mögest Du nie fühlen , was ich damals fühlte ! Mögen deine Augen nie so stürmische , so glühende , so herzentpreßte Thränen vergießen , wie aus den meinen strömten . Mögest Du Dich nie in so hoffnungslosen und qualvollen Gebeten an den Himmel wenden , wie in jener Stunde von meinen Lippen kamen : denn nie mögest Du gleich mir fürchten , für den geliebten Gegenstand das Werkzeug des Uebels zu sein . Zweites Kapitel Zwei Tage sind vergangen . Es ist ein Sommerabend : der Kutscher hat mich an einem Orte Namens Whitcroß abgesetzt : er wollte mich nicht für die Summe , die ich ihm gegeben , weiter mitnehmen , und ich besaß keinen Schilling mehr in der Welt . Die Kutsche ist jetzt schon eine Meile weit entfernt und ich bin allein . In diesem Augenblicke bemerke ich , daß ich vergessen habe , mein Packet aus der Wagentasche zu nehmen , wo ich es sicher untergebracht : dort bleibt es und muß es bleiben ; und jetzt bin ich von Allem entblößt . Whitcroß ist keine Stadt , nicht einmal ein Weiler , es ist nur ein steinerner Pfeiler , den man aufgestellt , wo vier Wege sich kreuzen : weiß angestrichen , vermuthlich um in der Ferne und in der Dunkelheit gesehen zu werden . Vier Arme strecken sich oben aus : Die nächste Stadt , wohin sie deuten , ist der Inschrift zufolge zehn Meilen weit entfernt . Aus den wohlbekannten Namen dieser Städte erfahre ich , in welcher Grafschaft ich ausgestiegen bin ; eine nördliche Grafschaft ist es mit düsterem Moorland von Hügeln durchzogen , das sah ich . Im Hintergrunde und zu beiden Seiten sind weite öde Flächen ; hinter jenem tiefen Thale zu meinen Füßen erheben sich wellenförmige Berge . Die Bevölkerung muß hier sehr spärlich sein und ich sehe keine Wanderer auf den Straßen , die sich weit , breit und einsam nach Osten , Westen , Norden und Süden erstrecken ; sie durchschneiden alle das Moorland und das Haidekraut wächst hoch und wild bis an ihren Saum . Doch zufällig könnte ein Wanderer vorüberkommen , und ich wünsche nicht , daß mich jetzt ein Auge sähe ; Fremde würden sich wundern , daß ich hier zwecklos und verloren bei diesem Wegweiser verweile . Man könnte mich befragen und ich vermöchte nur eine Antwort zu geben , die unglaublich scheinen und Verdacht erregen würde . Kein Band fesselt mich in diesem Augenblick an die menschliche Gesellschaft — kein Zauber , keine Hoffnung ruft mich dahin , wo meine Mitgeschöpfe sind — Niemand , der mich sähe , würde einen freundlichen Gedanken oder einen guten Wunsch für mich hegen . Ich habe keine Verwandte , als die allgemeine Mutter Natur : ich will an ihre Brust eilen und Ruhe suchen . Ich ging geradezu in das Haidekraut : ich eilte zu einer Vertiefung , die das braune Moor tief durchzog : ich ging bis an die Kniee in dem hohen Kraute und fand endlich eine von Moos geschwärzte Granitklippe in einem verborgenen Winkel , unter welcher ich mich niedersetzte . Hohe Ufer umgaben mich ; die Klippe beschützte mein Haupt und über ihr war der Himmel . Einige Zeit verging , ehe ich mich selbst hier ruhig fühlte : ich fürchtete , wildes Rindvieh möchte in der Nähe sein oder ein Jäger oder Wilddieb mich entdecken . Wenn ein Windstoß über die Einöde dahinfuhr , blickte ich auf und fürchtete , es komme ein Stier ; wenn ein Brachvogel pfiff , glaubte ich , es sei ein Mann . Als ich aber meine Befürchtungen ungegründet fand und von dem tiefen Schweigen beruhigt wurde , welches bei Anbruch der Nacht herrschte , faßte ich Vertrauen . Noch hatte ich nicht nachgedacht ; ich hatte nur gehorcht , beobachtet , gefürchtet ; jetzt bekam ich die Fähigkeit des Nachdenkens wieder . Was sollte ich thun ? Wohin sollte ich gehen ? O unerträgliche Fragen , da ich Nichts thun und nirgend hingehen konnte — da ich noch mit meinen ermatteten , zitternden Gliedern einen weiten Weg zurücklegen mußte , ehe ich eine menschliche Wohnung erreichen konnte — da ich kaltes Mitleid erflehen mußte , ehe ich ein Obdach erhalten konnte : da ich widerstrebendes Mitgefühl belästigen , fast gewisse Weigerung zu erwarten hatte , ehe man meine Erzählung anhören oder eines meiner Bedürfnisse befriedigen konnte ! Ich berührte das Haidekraut : es war trocken und noch warm von der Hitze des Sommertages . Ich sah nach dem Himmel ; er war rein ein freundlicher Stern funkelte gerade über der Schlucht . Der Thau fiel , aber nicht stark ; kein Lüftchen regte sich und die Natur schien mir gütig und wohlwollend : ich dachte , sie liebe mich , ausgestoßen , wie ich war ; und ich , die ich von den Menschen nur Mißtrauen , Zurückweisung und Beleidigung erwarten konnte , hing mich ; an sie mit kindlicher Zärtlichkeit . Für diese Nacht wenigstens wollte ich ihr Gast sein , wie ich ihr Kind war : meine Mutter nahm mich ohne Geld und ohne Belohnung auf . Ich hatte noch ein Stück Brod : das Ueberbleibsel von einem Brödchen , welches ich für meinen letzten Pfennig am Mittage in einer Stadt gekauft , durch die wir gekommen . Ich sah hie und da reife Heidelbeeren unter dem Haidekraute schimmern : ich pflückte eine Handvoll und aß sie zu dem Brode . Mein heftiger Hunger wurde durch dieses Klausnermahl , wenn auch nicht gestillt , doch wenigstens besänftigt . Ich sprach mein Abendgebet , und wählte dann , als es beendet war , mein Lager . Neben der Klippe war das Haidekraut sehr hoch : als ich mich niederlegte , wurden meine Füße ganz davon bedeckt ; es erhob sich hoch zu beiden Seiten und ließ nur einen schmalen Raum übrig , durch den die Nachtluft eindringen konnte . Ich legte mein großes Halstuch doppelt zusammen und breitete es als eine Decke über mich ; eine niedrige mit Moos bewachsene Erhöhung war mein Kopfkissen . In dieser Lage empfand ich wenigstens zu Anfang der Nacht keinen Frost . Meine Ruhe hätte stärkend genug sein können , wäre sie nicht von einem traurigen Herzen unterbrochen worden . Es klagte über seine tiefen Wunden , sein inneres Bluten , seine zerrissenen Saiten . Es bebte für Rochester und sein Schicksal : es beklagte ihn mit bitterem Mitleid : es sehnte sich nach ihm mit unaufhörlichem Verlangen : und ohnmächtig , wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln , schlug es noch mit seinen beschädigten Schwingen in eitlem Bemühen , zu ihm zu eilen . Von dieser Qual der Gedanken belästigt , erhob ich mich auf die Kniee . Die Nacht war angebrochen und ihre Planeten aufgegangen : eine sichere , stille Nacht — zu heiter für die Gesellschaft der Furcht . Wir wissen , daß Gott überall ist ; aber gewiß fühlen wir seine Gegenwart am meisten , wenn seine Werke in größtem Maaßstabe vor uns ausgebreitet sind : und in dem unbewölkten Nachthimmel , wo seine Welten auf ihren stillen Bahnen dahinziehen , lesen wir am klarsten seine Unendlichkeit , seine Allmacht , seine Allgegenwart . Ich hatte mich auf meine Kniee erhoben , um für Rochester zu beten . Als ich aufblickte , sah ich mit thränengetrübten Augen die mächtige Milchstraße . Als ich mich erinnerte , was sie war — welche zahllose Sonnensysteme dort nur in einem schwachen Schimmer zu erkennen waren — da fühlte ich die Macht und Stärke Gottes . Ich war überzeugt von seiner Macht , das zu erhalten , was er geschaffen , ich hielt mich überzeugt , daß weder die Erde untergehen solle , noch eine von den Seelen , die sie bewohnten . Meine Bitten verwandelten sich in ein Dankgebet : die Quelle des Lebens ist auch der Retter der Geister . Rochester war gerettet : er war Gottes Geschöpf und Gott schützte ihn . Ich nistelte mich wieder an dem Busen des Hügels ein und vergaß bald im Schlafe den Kummer . Aber am nächsten Tage kam bleich und entblößt der Hunger zu mir . Lange nachdem die kleinen Vögel ihre Nester verlassen hatten ; lange nach dem die Bienen beim ersten lieblichen Blicke des Tages gekommen waren , den Honig von dem Haidekraute zu sammeln , ehe der Thau getrocknet war — als die langen Morgenschatten sich schon verkürzten und die Sonne Erde und Himmel erfüllte — stand ich auf und blickte um mich . „ Welch ein stiller , warmer , herrlicher Tag ! welch eine goldene Wüste dieses weite Moor ! Ueberall Sonnenschein . “ Ich wollte , ich könnte darin und auf ihm leben . Ich sah eine Eidechse über den Felsen laufen : ich sah eine Biene unter den süßen Heidelbeeren beschäftigt . Ich wäre gern in dem Augenblicke eine Biene oder Eidechse geworden , um passende Nahrung und dauernden Schutz hier zu finden . Aber ich war ein menschliches Wesen und hatte die Bedürfnisse eines menschlichen Wesens : ich durfte nicht verweilen , wo sich Nichts fand , um sie zu stillen . Ich stand auf und blickte auf das Bette zurück , welches ich verlassen . Hoffnungslos für die Zukunft , wünschte ich nur , daß mein Schöpfer in jener Nacht es für gut gehalten hätte , meine Seele von mir zu fordern , während ich schlief , und daß diese ermattete Gestalt , durch den Tod von weiterem Kampfe mit dem Schicksale befreit , nur ruhig sich auflösen und sich in Frieden mit dem Boden dieser Wildniß hätte mischen können . Doch das Leben war noch in meinem Besitz mit allen seinen Forderungen , seinen Leiden und Verantwortlichkeiten . Die Bürde mußte getragen , das Bedürfniß befriedigt , das Leiden erduldet , die Verantwortlichkeit erfüllt werden , und ich machte mich auf den Weg . Als ich den Wegweiser wieder erreichte , folgte ich dem Wege , der von der Sonne abführte , die jetzt hoch und glühend am Himmel stand . Nach keinem andern Umstande traf ich meine Wahl . Ich ging eine lange Zeit weiter und als ich dachte , es wäre fast genug und ich dürfe mich wohl der Ermattung hingeben , die mich fast überwältigte — ich könne wohl diese heftige Anstrengung einstellen , mich auf einen Stein niedersetzen , den ich in der Nähe erblickte und mich ohne Widerstand der Gefühllosigkeit unterwerfen , die Herz und Glieder erstarren machte — da hörte ich den Klang einer Glocke — einer Kirchenglocke . Ich wendete mich nach der Richtung des Klanges und dort unter den romantischen Hügeln , auf deren Wechsel und Aussehen ich seit einer Stunde nicht mehr geachtet , erblickte ich ein Dörfchen und einen Kirchthurm . Das ganze Thal zu meiner Rechten war mit Weiden , Kornfeldern und Gehölz angefüllt , und ein schimmernder Bach floß im Zickzack durch die wechselnden Schatten den Grün , durch die reifenden Saaten , das düstere Gehölz und die sonnige Wiese . Durch das Rollen von Wagenrädern auf der Straße vor mir von meiner Betrachtung abgelenkt , sah ich einen schwerbeladenen Wagen den Hügel herauf arbeiten , und nicht weit hinter demselben bemerkte ich einen Mann , der zwei Kühe trieb . Menschliches Leben und menschliche Arbeit waren nahe . Ich mußte weiter streben : streben zu leben , und mich anstrengen wie die Uebrigen . Um zwei Uhr Nachmittags trat ich in das Dorf . Am Ende der einzigen Straße war ein kleiner Laden , vor dessen Fenster Brod lag . Wie gern hätte ich ein Brod gehabt ! Vermöge dieser Erfrischung hätte ich vielleicht einige Kraft wieder erlangen können ; ohne dieselbe war es schwer , weiter zu kommen . Der Wunsch , meine Kräfte zu stärken , gab mir Muth , sobald ich mich wieder unter Mitgeschöpfen sah . Ich hielt es für entehrend , auf der Straße eines Dorfes vor Hunger ohnmächtig zu werden . Hatte ich denn nichts bei mir , was ich für eins dieser Brode anbieten konnte ? Ich dachte nach . Ich hatte ein kleines seidenes Tuch um den Hals gebunden , ich hatte meine Handschuhe . Ich wußte nicht , wie man in der äußersten Noth zu handeln pflegt ; ich wußte nicht , ob man einen dieser Gegenstände annehmen würde : wahrscheinlich that man es nicht ; aber ich mußte es versuchen . Ich tat in den Laden , worin sich eine Frau befand . Als sie eine anständig gekleidete Person , eine vornehme Dame , wie sie vermuthete , eintreten sah , kam sie mir höflich entgegen und fragte , womit sie mir dienen könne ? Ich wurde von Schaam ergriffen : meine Zunge wollte die Bitte nicht aussprechen , auf die ich mich vorbereitet hatte . Ich wagte nicht , ihr die halb abgetragenen Handschuhe , das verblichene Tuch anzubieten : überdies fühlte ich , daß es lächerlich sei . Ich bat nur um die Erlaubniß , mich einen Augenblick niedersetzen zu dürfen , da ich ermüdet sei . In der Erwartung getäuscht , daß ich etwas kaufen wollte , bewilligte sie es mir kalt . Sie deutete auf einen Stuhl und ich sank auf demselben nieder . Ich fühlte mich sehr geneigt zu weinen ; da ich aber einsah , wie unpassend dies sein würde , so that ich mir Gewalt an . Bald darauf fragte ich sie , ob keine Kleidermacherinnen oder Näherinnen im Dorfe wären ? " Ja , zwei oder drei . Gerade so viel , als hier Beschäftigung haben . " Ich dachte nach . Ich war auf ’ s Aeußerste getrieben und sah die Nothwendigkeit vor mir . Ich war in der Lage einer Person ohne Hülfsmittel , ohne Freunde , ohne Geld . Ich mußte etwas thun . Aber was ? Ich mußte mich an Jemand wenden . Aber an wen ? " Wissen Sie einen Ort in der Nähe , wo man einer Magd bedarf ? " " Nein , das könnte ich nicht sagen . " " Welches ist das vorzüglichste Geschäft an diesem Orte ? Womit beschäftigen sich die meisten Leute ? " " Einige sind Ackersleute und eine Anzahl arbeitet in Herrn Oliver ' s Nadelfabrik und in der Gießerei . " " Beschäftigt Herr Oliver auch Frauenzimmer ? " " Nein , das ist Arbeit für Männer . " " Und was thun denn die Frauenzimmer ? " " Ich weiß nicht , " war die Antwort , " Einige thun dies , Andere jenes . Arme Leute müssen sich durchbringen , wie sie können . " Sie schien meiner Fragen müde zu sein : und welches Recht hatte ich auch , sie zu belästigen ? Einige Nachbarinnen kamen herein ; man bedurfte meines Stuhles und ich nahm Abschied . Ich ging die Straße hinauf und sah unterwegs nach allen Häusern zur Rechten und zur Linken , aber ich konnte keinen Vorwand finden , in eins derselben zu treten . Ich ging um das ganze Dörfchen , entfernte mich ein wenig von demselben und kehrte in einer Stunde oder länger zurück . Sehr erschöpft und von dem Mangel an Nahrung heftig leidend , betrat ich einen einsamen Weg und setzte mich unter der Hecke nieder . Nach einigen Minuten war ich wieder auf den Füßen und suchte etwas — eine Hülfsquelle oder wenigstens eine Auskunft . Ein hübsches kleines Haus stand am Ende des Weges , und vor demselben war ein außerordentlich zierlicher und blühender Garten . Ich blieb vor den selben stehen . Welches Geschäft hatte ich , mich der weißen Thür zu nahen , oder den glänzenden Klopfer zu berühren ? Wie konnte es in dem Interesse der Bewohner jenes Hauses legen , mir zu dienen ? Doch ich näherte mich und klopfte an . Ein sanft aussehendes , reinlich gekleidetes junges Frauenzimmer öffnete die Thür . Mit einer Stimme , wie man sie von einem hoffnungslosen Herzen und einen ermatteten Körper erwarten konnte — mit sehr leiser und bebender Stimme — fragte ich , ob man hier einer Dienerin bedürfe ? " Nein , " sagte sie ; " wir halten keine Dienerin . " " Können Sie mir vielleicht sagen , wo ich Beschäftigung irgend einer Art erhalten könnte ? " fuhr ich fort . " Ich bin fremd und ohne Bekanntschaft an diesem Orte . Ich wünsche Arbeit : es ist gleich von welcher Art sie ist . " Aber es war nicht ihre Sache für mich zu denken und mir eine Stelle zu suchen : wie verdächtig mußte überdies mein Ruf , meine Lage und meine Erzählung erscheinen . Sie schüttelte den Kopf : es thue ihr leid , mir keine Auskunft geben zu können , und die weiße Thür schloß sich ganz leise und höflich , aber sie schloß mich aus . Wenn sie sie noch ein wenig länger offen gelassen , so glaube ich , würde ich um ein Stück Brod gebeten haben ; denn es war jetzt sehr weit mit mir gekommen . Ich konnte es nicht über mich gewinnen , in das schmutzige Dorf zurückzukehren , wo sich überdies keine Aussicht zur Hülfe für mich zeigte . Ich wäre viel lieber in einen Wald gegangen , den ich in geringer Entfernung bemerkte und der mir mit seinem dichten Schatten ein einladendes Obdach darzubieten schien ; aber ich war so matt und schwach , so aufgerieben von den Forderungen der Natur , daß der Instinct mich trieb , in der Nähe der Wohnungen zu verweilen , wo es wenigstens möglich war , einige Nahrung zu erhalten . Die Einsamkeit war keine Einsamkeit — die Ruhe keine Ruhe — während der Geier des Hungers seine Krallen und seinen Schnabel in meine Seite drückte . Ich näherte mich den Häusern ; ich verließ sie und kehrte wieder zurück , um weiter zu wandern : stets zurückgetrieben von dem Bewußtsein , daß ich kein Recht habe etwas zu fordern — kein Recht , Theilnahme an meiner trostlosen Lage zu erwarten . Inzwischen rückte der Abend heran , während ich so gleich einem verlorenen und halb verhungerten Hunde umherwanderte . Als ich über ein Feld ging , sah ich den Kirchthurm vor mir und eilte drauf zu . In der Nähe des Kirchhofes und in der Mitte eines Gartens stand ein wohlgebautes , wenn auch kleines Haus , welches die Pfarrwohnung sein mußte . Ich erinnerte mich , daß Fremde , die in einen Ort kommen , wo sie keine Freunde haben und Beschäftigung suchen , sich zuweilen an den Geistlichen wenden , um ihnen Auskunft und Beistand zu gewähren . Es ist das Amt des Geistlichen , wenigstens mit Rath denen zu helfen , welche sich selber zu helfen wünschen . Ich schien etwas gleich einem Rechte zu haben , hier Rath zu suchen . Indem ich meinen Muth erneuerte und die schwachen Reste meiner Kraft sammelte , ging ich darauf zu . Ich erreichte das Haus und klopfte an die Küchenthür . Eine alte Frau öffnete und ich fragte , ob dies die Pfarrwohnung sei ? " Ja . " " Ist der Herr Prediger zu Hause ? " " Nein . " " Wird er bald zurückkehren ? " " Nein , er ist aus . " " Weit ? " " Nicht so weit — nur etwa drei Meilen . Er ist durch den plötzlichen Tod seines Vaters abgerufen worden . Er ist jetzt in Marsh End und wird sehr wahrscheinlich noch vierzehn Tage dort bleiben . " " Ist nicht eine Dame im Hause ? " " Nein , außer mir ist Niemand da und ich bin die Haushälterin . " Und sieh , Leser , noch konnte ich nicht um die Befriedigung des Bedürfnisses bitten , unter dem ich erlag : ich vermochte noch nicht zu betteln und schwankte wieder weiter . Wieder nahm ich mein Halstuch ab — wieder dachte ich an das Brod in dem kleinen Laden . O ! wenn man nur eine Rinde , nur einen Mund voll hätte , um die Qual des Hungers zu stillen ! Instinctmäßig wendete ich mein Gesicht wieder dem Dorfe zu : ich fand den Laden wieder und ging hinein ; und obgleich noch andere Leute außer der Frau da waren , wagte ich die Bitte , ob sie mir ein Brödchen für dieses Halstuch geben wolle ? Sie sah mich mit offenbarem Verdacht an und sagte , sie habe nie ihre Waare auf solche Weise verkauft . Fast zur Verzweiflung getrieben , bat ich um ein halbes Brödchen ; doch sie schlug es mir wieder ab und sagte , wie sie wissen könne , wie ich zu dem Tuche gekommen sei . Dann fragte ich , ob sie meine Handschuhe dafür annehmen wolle ? Hierauf erwiderte sie , was sie damit machen solle ? Leser , es ist nicht angenehm , bei diesen Einzelheiten zu verweilen . Man sagt wohl , es läge , ein Vergnügen darin , auf frühere schmerzliche Erfahrungen zurückzublicken ; aber noch heute kann ich es kaum ertragen , die Zeiten zu beschauen , von denen ich rede : die moralische Erniedrigung , vereint mit physischem Leiden , bildet eine zu traurige Erinnerung , um je absichtlich dabei zu verweilen . Ich tadelte Niemand von denen , die mich zurückwiesen . Ich fühlte , daß ich es nicht anders erwarten konnte , und da ein gewöhnlicher Bettler häufig der Gegenstand des Argwohns ist , so mußte eine wohlgekleidete Bettlerin es noch um so mehr sein . Freilich bat ich um Beschäftigung aber wessen Sache war es denn , für meine Beschäftigung zu sorgen ? Gewiss nicht die Sache der Leute , die mich zum ersten Male sahen und meinen Ruf nicht kannten . Und auch die Frau hatte Recht , die mein Halstuch nicht für ihr Brod nehmen wollte , denn das Anerbieten schien ihr verdächtig und der Tausch nicht vortheilhaft . Ich muß mich kurz fassen , denn ich bin des Gegenstandes überdrüßig . Ein wenig vor Eintritt der Dunkelheit ging ich an einem Pachthause vorbei , vor dessen offener Thür der Pachter saß und sein Abendessen verzehrte , welches in Brod und Käse bestand . Ich blieb stehen und sagte : " Wollen Sie mir ein Stück Brod geben ? Ich bin sehr hungrig . " Er sah mich erstaunt an ; aber ohne zu antworten , schnitt er ein dickes Stück von seinem Brode ab und gab es mir . Ich glaube , er hielt mich nicht für eine Bettlerin , sondern vielleicht für eine romantische Dame , die ein Gelüst nach seinem Schwarzbrod hatte . Sobald ich außer dem Bereiche des Hauses war , setzte ich mich nieder und verzehrte es . Ich konnte nicht hoffen , Aufnahme unter einem Dache zu finden und suchte Ruhe in dem vorher erwähnten Walde . Aber ich brachte eine elende Nacht zu und meine Ruhe wurde oft unterbrochen : der Boden war feucht , die Luft kalt : überdies wurde ich mehr als einmal gestört und mußte wiederholt mein Quartier verändern . Kein Gefühl der Sicherheit oder Ruhe erfreute mich . Gegen Morgen regnete es , was den ganzen folgenden Tag fortdauerte . Leser , fordere keinen genauen Bericht von jenem Tage : wie vorher suchte ich Arbeit ; wie vorher wurde ich zurückgewiesen ; wie vorher hungerte ich : nur einmal kam Speise über meine Lippen . Vor der Thür einer Hütte sah ich ein kleines Mädchen im Begriff , eine Schüssel mit kalter Suppe in einen Schweinetrog zu schütten . " Willst Du mir das geben ? " fragte ich . Sie starrte mich an . " Mutter ! " rief sie ; " da ist ein Frauenzimmer , welches will , daß ich ihr diese Suppe geben soll . " " Gut , Kind , " erwiderte eine Stimme von innen , " gib sie ihr , wenn sie eine Bettlerin ist . Das Schwein bedarf dessen nicht . " Das Mädchen leerte die geronnene Speise in meine Hand und ich verschlang sie begierig . Als es dunkler wurde , blieb ich auf einem einsamen Reitwege stehen , auf dem ich länger als eine Stunde fortgegangen war . " Meine Kraft entweicht gänzlich , " sagte ich bei mir selber . Ich fühle , ich kann nicht weiter gehen . Soll ich diese Nacht wieder eine Ausgestoßene sein ? Muß ich denn , während es so regnet , meinen Kopf auf den kalten , nassen Boden legen ? Ich fürchte , ich kann nicht anders , denn wer sollte mich aufnehmen ? Aber es wird sehr schrecklich sein mit diesem Gefühl des Hungers , dieser Schwäche , diesem Frost und diesem Bewußtsein der Verlassenheit — dieser gänzlichen Vernichtung der Hoffnung . Aller Wahrscheinlichkeit nach muß ich vor dem nächsten Morgen sterben . Und warum kann ich nicht mit dieser Aussicht auf den Tod mich aussöhnen ? Warum kämpfe ich , ein werthloses Leben zu behalten ? Weil ich weiß oder glaube , daß Rochester noch lebt : und dann ist der Tod aus Mangel und Kälte ein Schicksal , dem die Natur sich nicht leidend unterwerfen kann . O Vorsehung ! erhalte mich noch ein wenig länger ! Hilf mir ! — leite mich ! " Mein trübes Auge wanderte über die düstere und neblige Landschaft dahin . Ich sah , daß ich mich weit von dem Dorfe entfernt hatte : es war nicht mehr zu sehen . Selbst die Cultur , die mich sonst umgeben hatte , war verschwunden . Ich hatte mich auf Kreuzwegen und Fußsteigen wieder dem Moor genähert und jetzt lagen nur noch wenige Felder , die fast eben so wild und unfruchtbar waren , wie das Moorland , dem man sie mit Mühe abgewonnen , zwischen mir und den düsteren Hügeln . " Nun , ich möchte lieber dort sterben , als auf einer Straße oder auf einem häufig besuchten Wege , " dachte ich bei mir selbst . " Und viel besser ist es , wenn Krähen und Raben — wenn es Raben in dieser Gegend gibt — das Fleisch von meinen Gebeinen picken , als daß sie in einen von dem Armenhause bezahlten Sarg eingeschlossen werden und in dem Grabe eines Armen vermodern . " Ich kehrte also zu dem Hügel zurück . Ich erreichte ihn . Es fehlte nur noch , eine Vertiefung zu finden , wo ich mich niederlegen konnte , um mich wenigstens verborgen , wenn auch nicht sicher zu fühlen : aber die ganze Oberfläche der Einöde schien eben zu sein . Sie zeigte keine Veränderung , als nur in der Farbe : sie war grün , wo Moos und Binsen sich verbreitet hatten ; schwarz , wo der trockene Boden nur Haidekraut trug . So dunkel es auch schon war , konnte ich doch noch diese Veränderungen bemerken , obgleich sie nur als Wechsel von Licht und Schatten erschienen , denn die Farbe war mit dem Tageslicht verschwunden . Mein Auge schweifte noch über die düsteren Erhöhungen und die Fläche des Moors dahin , welches unter der wildesten Scene verschwand , als sich an einer dunkeln Stelle zwischen den Hügeln ein Licht zeigte . " Das ist ein Irrlicht , " war mein erster Gedanke und ich erwartete , daß es bald verschwinden werde . Aber es brannte ruhig weiter , ohne vor- oder zurückzugehen . " Dann ist es ein Freudenfeuer , welches man eben angezündet , " dachte ich . Ich beobachtete , ob es sich ausbreiten werde : aber nein . So wie es nicht abnahm , nahm es auch nicht zu . " Es wird ein Licht in einem Hause sein , " meinte ich ; " aber wenn das auch wäre , könnte ich es doch nimmer erreichen . Es ist zu weit entfernt : und wäre es nur einen Schritt von hier , was würde es helfen ? Ich würde nur an die Thür klopfen , um sie mir vor der Nase wieder zugeschlagen zu sehen . Und ich sank nieder , wo ich stand , und verbarg mein Gesicht am Boden . Ich lag eine Weile still , der Nachtwind fuhr über den Hügel und über mich dahin und erstarb seufzend in der Ferne ; ein dichter Regen fiel und durchnäßte mich wieder bis auf die Haut . Hätte ich nur bis zu den stillen Frost — bis zu der freundlichen Betäubung des Todes erstarren können , so hätte es fortregnen mögen : ich würde es nicht gefühlt haben ; aber mein noch lebendes Fleisch schauerte bei dem erkältenden Einfluß . Ich stand bald auf . Das Licht war noch da und schimmerte matt , aber ohne zu wanken , durch den Regen . Ich versuchte wieder weiter zu gehen : ich schleppte meine erschöpften Glieder langsam auf dasselbe zu . Es führte mich über die Seite des Hügels hin durch einen weiten Sumpf , der im Winter unzugänglich gewesen wäre und selbst jetzt in der Mitte des Sommers schlüpfrig und schwanken : war . Hier fiel ich zweimal nieder , stand aber eben so oft auf und sammelte meine Kräfte . Dieses Licht war meine verlorene Hoffnung