war um die Mittsommerzeit gekommen ; ein scharfer Dezembersturm war durch den Juni gebraust ; Reif lag auf den heranreifenden Früchten ; Schneewehen hatten die knospenden Rosen erdrückt ; ein eisiges Leichentuch lag über blühenden Wiesen und wogenden Kornfeldern ; Heckenwege , die gestern noch im glühenden Blumenschmuck prangten , waren heute verschneit und pfadlos ; und die Wälder , welche vor zwölf Stunden noch duftig und schattig rauschten wie tropische Haine , lagen heute weit und wild und weiß da wie Tannenwälder im winterlichen Norwegen . All meine Hoffnungen waren tot – gestorben unter einem grausamen Urteil , so wie es in einer einzigen Nacht all die Erstgeborenen Egyptens befallen hatte . Ich sah auf meine teuersten Wünsche – gestern noch so prangend und üppig – sie lagen da wie kalte , starre , bleiche Tote , die nichts mehr zum Leben zu erwecken vermochte . Und dann blickte ich auf meine Liebe : jene Empfindung , die meinem Herrn gehörte – , die er geweckt hatte ; sie lebte in meinem Herzen wie ein krankes Kind in einer kalten , harten Wiege ; Angst und Krankheit hatten sie erfaßt ; sie durfte Mr. Rochesters Arm nicht mehr suchen – sie konnte nicht mehr Lebenswärme an seiner Brust finden . O , nimmer , nimmermehr durfte sie zu ihm flüchten , denn der Glaube war dahin – das Vertrauen zerstört ! Mr. Rochester war für mich nicht mehr , was er gewesen , denn er war nicht das , wofür ich ihn gehalten . Ich wollte ihm nicht Lasterhaftigkeit beimessen . Ich wollte nicht sagen , daß er mich betrogen habe , aber mit dem Gedanken an ihn verband ich nicht mehr das Attribut fleckenloser Wahrheit . Und nun mußte ich fort aus seiner Nähe – das wenigstens empfand ich klar . Wann – wie – wohin – das sah ich jetzt noch nicht deutlich . Aber ich zweifelte nicht daran , daß er selbst mich so schnell wie möglich von Thornfield fortschicken würde . Wahre Liebe – so schien es mir – konnte er doch unmöglich für mich gehegt haben . Es war nur eine vorübergehende Leidenschaft gewesen , deren Befriedigung vereitelt worden ; jetzt würde er meiner nicht mehr bedürfen ! Ich fürchtete mich sogar , jetzt seinen Pfad zu kreuzen : mein Anblick mußte ihm verhaßt sein . O ! wie blind waren meine Augen gewesen ! Wie jämmerlich schwach mein Verhalten ! Meine Augen waren bedeckt und geschlossen . Wirbelnde Dunkelheit schien mich zu umgeben ; wie eine schwarze , schlammige Flut stürzten die Gedanken über mich hin . Machtlos , schwach , zu kraftlos um eine Anstrengung zu machen , war mir als läge ich in dem ausgetrockneten Flußbette eines großen Stromes : ich hörte wie der rauschende Gießbach von fernen Gletschern daherbrauste , ich fühlte wie die Flut kam – aber ich hatte nicht den Mut mich zu erheben , nicht die Kraft um zu fliehen . Ohnmächtig lag ich da ; ich sehnte mich nur nach dem Tode ! Nur noch ein einziger lebensfähiger Gedanke durchzuckte mich zuweilen : der Gedanke an Gott . Und dieser erzeugte ein unausgesprochenes Gebet in mir ; die Worte zogen in meiner verdüsterten Seele auf und nieder wie etwas , das geflüstert werden sollte : aber ich hatte nicht die Energie , sie auszusprechen : » Bleib bei mir , o Gott , denn die Prüfung ist nahe und kein Helfer da ! « Sie war nahe , und da ich keine Bitte gen Himmel gesandt , sie von mir abzuwenden – da ich weder die Hände gefaltet , noch das Knie gebeugt oder die Lippen bewegt hatte – da kam sie : in großen schweren Wogen brauste der Strom über mich fort . In einer grauen , fürchterlichen Masse strömte das Bewußtsein meines zerstörten Lebens , meiner verlorenen Liebe , meiner erloschenen Hoffnung , meines toten Glaubens auf mich ein . Jene bittere Stunde kann ich nicht beschreiben . In der That : die Wasser strömten in meine Seele ; ich sank in einen tiefen Sumpf , ich hatte keine Stütze , keinen Grund mehr , ich kam in die Tiefe , – die Fluten brausten über mich fort . Siebentes Kapitel . Während des Nachmittags erhob ich den Kopf und als ich umherblickte und sah , wie die letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf die Wand meines Zimmers fielen , da fragte ich : » Was soll ich jetzt beginnen ? « Aber die Antwort , welche meine Seele mir gab : » Verlaß Thornfield sofort « – kam so schnell , so furchtbar schnell , daß ich mir die Ohren zuhielt . Ich sagte , daß ich solche Worte jetzt nicht hören könne . » Daß ich Edward Rochesters Gattin nicht bin , ist der geringste Teil meiner Leiden , « versicherte ich , » daß ich aus meinen herrlichsten Träumen erwachte und sie alle eitel und trügerisch befand , – das ist etwas Entsetzliches , das ich jedoch noch ertragen und überwinden könnte ; daß ich ihn aber bestimmt , augenblicklich , und für immer verlassen muß – das ist unerträglich ! Und ich vermag es nicht ! « Aber dann versicherte eine innere Stimme mich , daß ich es doch könne und prophezeite mir , daß ich es thun würde . Ich kämpfte mit meinem eigenen Entschluß ; ich wollte schwach sein , um den Pfad künftigen Leidens , den ich so deutlich vor mir sah , zu vermeiden ; und mein Gewissen , zum Tyrannen geworden , packte die Leidenschaft an der Kehle und sagte ihr höhnisch , daß sie bis jetzt nur mit einem Fuße den Schlamm leicht berührt habe , und schwor , daß es sie mit seinem eisernen Arm in die unergründlichsten Tiefen der Todesqualen schleudern würde . » So reißt mich fort ! « schrie ich auf , » Ein anderer muß mir helfen ! « » Nein , du selbst mußt dich losreißen , niemand soll dir helfen . Du selbst sollst dein rechtes Auge ausreißen , du selbst deine rechte Hand abhauen . Dein Herz soll das Opfer sein und du selbst die Priesterin , die es darbringt . « Plötzlich sprang ich auf , vor Entsetzen fast gelähmt über die Einsamkeit , in der nur dieser erbarmungslose Richter sprach – über die Stille , durch welche nur eine so furchtbare Stimme tönte . Es schwindelte mir , als ich so dastand . Ich merkte , daß ich vor Aufregung und Erschöpfung krank wurde . Weder Essen noch Trinken war an diesem Tage über meine Lippen gekommen , denn ich hatte nicht einmal gefrühstückt . Und mit einem seltsam stechenden Schmerz fiel es mir jetzt ein , daß niemand auch nur angefragt habe , wie es mir gehe , daß keine menschliche Stimme mich aufgefordert , nach unten zu kommen . Nicht einmal die kleine Adele hatte an die Thür geklopft , auch Mrs. Fairfax hatte mich nicht aufgesucht . » Freunde verlassen stets diejenigen , welche vom Glück verlassen sind , « murmelte ich , als ich den Riegel zurückschob und hinausging . Ich strauchelte über ein Hindernis , mein Kopf war noch schwindelig , mein Blick war getrübt und meine Glieder schwach . Ich konnte mich nur langsam erholen . Dann fiel ich , aber nicht zu Boden , ein ausgestreckter Arm fing mich auf ; ich blickte empor – Mr. Rochester stützte mich ! Er hatte in einem Lehnstuhl vor der Schwelle meines Zimmers gewacht . » Endlich kommst du heraus , « sagte er . » Ich habe schon so lange auf dich gewartet und gehorcht , aber ich vernahm kein Geräusch , keine Bewegung , kein Schluchzen . Noch weitere fünf Minuten jener todesähnlichen Stille , und ich hätte jene Thür erbrochen , wie ein Räuber . Also du willst mir ausweichen ? – Du schließest dich ein und trauerst allein ! Ich hätte es leichter ertragen , wenn du gekommen wärst , um mir in Heftigkeit Vorwürfe zu machen . Du bist leidenschaftlich : ich erwartete eine Scene irgend welcher Art von dir . Ich war auf heiße Thränenfluten vorbereitet : nur wollte ich , daß du sie an meinem Herzen vergießen solltest . Jetzt hat ein empfindungsloser Teppich sie aufgesogen oder dein durchnäßtes Taschentuch . Aber nein , ich irre ! Du hast gar nicht geweint ! Ich sehe eine bleiche Wange und ein mattes Auge – aber keine Thränenspur . So vermute ich , daß dein Herz Blut geweint hat ? « » Nun , Jane ? Kein Wort des Vorwurfs ? Keine Bitterkeit – keine verletzende Silbe ? Kein Ausbruch der Leidenschaft – keine Kränkung ? Du sitzest ruhig dort , wohin ich dich gesetzt habe und siehst mich mit müden , leidenden Augen an ? « » O Jane , ich habe dich nicht so tief verwunden wollen . Wenn der Mann , der nur ein einziges kleines Lämmchen besaß , das seinem Herzen teuer war wie sein Kind , das von seinem Brote aß und aus seinem Becher trank , das an seinem Herzen ruhte – wenn der Mann dieses Lämmchen durch irgend einen Irrtum an der Schlachtbank geschlachtet – er könnte sein blutiges Versehen nicht mehr bereuen , als ich jetzt das meine . Kannst du mir jemals verzeihen ? « Mein Leser ! ich vergab ihm schon in demselben Augenblick . In seinen Augen sah ich so tiefe Reue , so wahres , echtes Mitleid in seiner Stimme , so viel männliche Energie in seiner Art und Weise ! Und außerdem verrieten seine Blicke und Mienen so viel unveränderte Liebe – ich vergab ihm alles ! Doch nicht in Worten , nicht äußerlich – nur in der innersten Tiefe meines Herzens . » Du weißt , daß ich ein Elender , ein Schurke bin , Jane ? « fragte er nach einer Weile traurig . Er war wohl verwundert über mein anhaltendes Schweigen , meine augenscheinliche Ruhe . Sie entsprangen mehr meiner Schwäche als meinem Willen . » Ja , Sir . « » Dann sag ' es mir gerade heraus , mit scharfen , bösen Worten . Schone mich nicht , Kind , o schone mich nicht ! « » Ich kann nicht . Ich bin müde und krank ; ich möchte einen Tropfen Wasser haben ! « Er stieß einen schaudernden Seufzer aus ; dann nahm er mich in seine Arme und trug mich hinunter . Anfangs wußte ich nicht , in welches Zimmer er mich getragen hatte ; alles war trübe vor meinen verglasten Augen ; doch bald empfand ich die belebende Wärme eines Feuers , denn trotzdem es Sommer , war ich in meinem Zimmer eiskalt geworden . Er hielt ein Glas Wein an meine Lippen , ich nippte davon und fühlte neue Kräfte zurückkehren ; dann aß ich etwas , das er mir brachte – und bald war ich wieder ich selbst . Ich war im Bibliothekzimmer – ich saß in seinem Stuhl – er war mir ganz nahe . » Wenn ich jetzt aus diesem Leben gehen könnte , ohne einen zu jähen Schmerz , so würde mir wohl sein , « dachte ich . » Dann brauchte ich nicht die Anstrengung zu machen , meinen Herzensnerv zu zerreißen , indem ich mich von Mr. Rochester losreiße . Ich muß ihn verlassen . Ach ja , ich muß es . Aber ich will ihn nicht verlassen – ich kann ihn nicht verlassen . « » Wie fühlst du dich jetzt , Jane ? « » Viel besser , Sir . Bald wird mir ganz wohl sein ! « » Koste noch einmal von dem Wein , Jane . « Ich that , wie er befahl . Dann stellte er das Glas auf den Tisch , stand vor mir und betrachtete mich aufmerksam . Plötzlich wandte er sich ab mit einem unterdrückten Aufschrei , in dem sich alle Leidenschaft Luft machen wollte . Dann schritt er schnell durch das Zimmer und kam zu mir zurück ; er beugte sich nieder als wollte er mich küssen ; aber es fiel mir ein , daß alle Lieblosungen jetzt verboten seien . Ich wandte den Kopf fort und schob ihn beiseite . » Was ! Was soll das bedeuten ? « rief er hastig aus . » O ! ich weiß , du willst den Gatten jener Berta Mason nicht küssen ? Du meinst , ich halte schon ein Wesen in meinem Arm , dem meine Liebkosungen gebühren ! « » Auf jeden Fall , Sir , ist hier kein Raum mehr für mich , und ich habe keine Rechte . « » Wie , Jane ! Ich will dir die Mühe vielen Redens ersparen . Ich will für dich antworten . Nicht wahr , du wolltest mir entgegnen , daß ich bereits eine Gattin habe ? – habe ich recht geraten ? « » Ja . « » Wenn du das meinst , so mußt du eine seltsame Meinung von mir haben . Du mußt mich für einen ränkeschmiedenden Bösewicht halten , für einen niedrigen , gemeinen Schurken , der dir reine , hingebende Liebe geheuchelt hat , um dich in eine wohlüberlegte und gutbereitete Schlinge zu locken und dir deine Ehre und Selbstachtung zu rauben . Was hast du mir jetzt zu antworten ? Ich sehe , daß du gar nichts sagen kannst . Erstens bist du noch immer matt und kraftlos und hast genug zu thun , um atmen zu können , und zweitens kannst du dich noch nicht daran gewöhnt haben , mich zu beschuldigen und zu verlästern . Außerdem sind die Thränenschleusen jetzt geöffnet und sie würden überströmen , wenn du zu viel sprächst . Du hegst auch nicht den Wunsch Vorwürfe zu machen , mich zur Rede zu stellen , eine Scene herbeizuführen . Du denkst darüber nach , wie du zu handeln hast – denn das Reden hältst du für nutzlos . Ich kenne dich – ich bin auf meiner Hut . « » O Sir , ich bin nicht gesonnen , gegen Sie zu handeln , « sagte ich , und meine unsichere Stimme zeigte mir , wie gut es sein würde , mich so kurz wie möglich zu fassen . » Nicht in deinem Sinne des Wortes , aber in dem meinen gedenkst du mich zu vernichten . Du hast so gut wie ausgesprochen , daß ich ein verheirateter Mann bin – dem verheirateten Manne willst du ausweichen , ihm aus dem Wege gehen – soeben hast du dich schon geweigert , mir einen Kuß zu geben . Du hast die Absicht , dich mir vollständig zu entfremden ; unter diesem Dache nur als Adeles Gouvernante weiter zu leben . Und wenn ich dir ein freundliches Wort sage , – wenn jemals ein freundschaftliches Gefühl dich wieder zu mir zieht , so wirst du sagen : » Jener Mann hätte mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht , für ihn darf ich nur noch Eis und Marmor sein , – und folglich wirst du Eis und Marmor werden . « Ich räusperte mich und versuchte meine Stimme zu festigen , um ihm zu antworten : » Alles um mich her und für mich ist verändert , Sir ; so muß auch ich eine andere werden – daran ist kein Zweifel , und um den Schwankungen meines Gefühls vorzubeugen , um fortwährende Kämpfe mit der Erinnerung und meiner Liebe zu verhindern , giebt es nur einen Ausweg : – Adele muß eine andere Gouvernante haben . « » O ! Adele wird in eine Pension geschickt ; das habe ich bereits beschlossen ; und ebenso wenig ist es meine Absicht , dich mit den grauenhaften Erinnerungen von Thornfield-Hall zu peinigen – diesem verfluchten Orte – diesem Zelt des Achan – diesem frechen Gebäude , das dem hellen , himmlischen Tageslicht das Grauen eines lebenden Todes vorzuführen wagt – dieser engen Steinhölle mit ihrem eigenen lebenden Teufel – der schlimmer ist als eine Legion solcher , die unsere Phantasie uns ausmalt . – Jane , du sollst nicht hierbleiben und ebenso wenig will ich es . Es war unrecht von mir , dich überhaupt jemals nach Thornfield-Hall zu bringen , da ich doch wußte , daß ein fürchterliches Gespenst hier umgeht . Lange bevor ich dich gesehen , befahl ich jedem hier im Hause , sorgfältig den Fluch desselben vor dir zu verbergen , einfach , weil ich fürchtete , daß niemals eine Gouvernante bei Adele bleiben würde , wenn sie wüßte , mit wem sie unter einem Dache lebte . Und ich hatte niemals die Absicht , jene Wahnsinnige an einen anderen Ort zu bringen , obgleich ich ein altes Haus , Ferndean Manor , besitze , das noch versteckter und abgelegener ist als dieses , wo ich sie sicher genug hätte verstecken können . Aber Skrupeln über das Ungesunde des Ortes , der mitten im dichten Walde liegt , ließen mein Gewissen vor solchen Maßregeln zurückschrecken . Wahrscheinlich hätten jene feuchten Mauern mich bald von jener entsetzlichen Last befreit ; aber jedem Verbrecher sein besonderes Verbrechen ! Das meine ist nicht der Hang zu indirektem Morde , nicht einmal jenes Geschöpfes , das ich so unbegrenzt hasse . « » Dir die Nähe jener Wahnsinnigen zu verheimlichen war indessen gerade so klug , als deckte man ein Kind mit einem Mantel zu und legte es neben einen Upasbaum ; die Nähe dieses Dämons ist vergiftet und war es immer . Aber ich werde Thornfield-Hall verlassen , es verschließen , ich werde die große Einfahrt vernageln und die unteren Fenster vermauern lassen ; ich werde Mrs. Poole zweihundert Pfund Sterling im Jahr geben , um hier mit meiner Gattin zu leben , wie du jene grauenvolle Hexe nennst . Für Geld thut Grace gar viel , und sie soll ihren Sohn , den Wildhüter von Grimbsby-Heim hier haben , daß er ihr Gesellschaft leiste und zur Hand sei , um ihr beizustehen , wenn meine Gattin ihre Paroxismen bekommt und ihr böser Geist sie treibt , die Menschen Nachts in ihren Betten zu verbrennen , sie zu erdolchen , ihnen mit ihren Zähnen das Fleisch von den Knochen zu reißen , und so weiter . « » Sir , « unterbrach ich ihn , » Sie sind unerbittlich in Bezug auf jene unglückliche Frau ; Sie sprechen mit Haß von ihr – mit gehässiger Antipathie . Es ist grausam – ist sie denn schuldig , weil sie wahnsinnig ist ? « » Jane , mein kleiner Liebling , ( so werde ich dich immer nennen , denn das bleibst du für mich ) du weißt nicht , was du sprichst ; du beurteilst mich schon wieder falsch . Ich hasse sie nicht , weil sie wahnsinnig ist . Glaubst du , ich würde dich hassen , wenn du wahnsinnig wärst ? « » Das glaube ich in der That , Sir . « » Dann irrst du und kennst mich nicht ; dann begreifst du jene Liebe nicht , deren ich fähig bin . Jedes Atom deines Selbst ist mir so lieb wie mein eigenes , in Qual und Schmerz und Krankheit würde es mir ebenso teuer bleiben . Dein Geist ist mein Schatz – und wenn er zerstört würde , so bliebe er dennoch mein Kleinod ; wenn du tobtest , würden meine Arme dich umschlingen und fesseln – nicht eine Zwangsjacke – deine Berührung selbst in der Tobsucht würde mir noch eine Wonne sein . Wenn du dich auf mich stürztest , so wild wie dieses Weib es heute Morgen that , so würde ich dich umfangen , ich würde dich durch Zärtlichkeit zu bändigen suchen . Ich würde mich nicht mit Ekel von dir abwenden wie von jenem Weibe ; in deinen ruhigen Augenblicken solltest du keinen anderen Wärter haben als mich ; ich würde dich mit unermüdlicher Zärtlichkeit pflegen , wenn du auch nicht mit einem einzigen Lächeln danktest ; ich würde niemals müde werden , in deine Augen zu blicken , wenn mir auch kein Strahl des Erkennens mehr aus ihnen entgegenleuchtete . – Aber weshalb verfolge ich diesen Gedankengang ? Ich sprach ja davon , dich von Thornfield fortführen zu wollen . Du weißt , alles ist für eine schleunige Abreise vorbereitet . Morgen sollst du fort von hier . Ich bitte dich nur , Jane , halte noch eine einzige Nacht unter diesem Dache aus ; und dann fort mit all seinem Elend und Schrecken für alle Zeiten ! Ich weiß einen Ort , an den wir uns begeben können , der ein sicheres Heiligtum , ein fester Schutz gegen verhaßte Reminiscenzen ist , der uns vor unwillkommenen Besuchern schützt – sogar vor Falschheit und Verleumdung . « » Und nehmen Sie Adele mit , Sir , « unterbrach ich ihn , » sie wird Ihnen eine Gefährtin sein . « » Was willst du damit sagen , Jane ? Ich sage dir ja , daß ich Adele in eine Pension schicken will ; und wozu bedarf ich eines Kindes als Gefährtin ? Und nicht mein eigenes Kind – der Bastard einer französischen Tänzerin ? Weshalb belästigst du mich ihretwegen ? Ich frage noch einmal , weshalb giebst du mir Adele als Gefährtin ? « » Sie sprachen von Einsamkeit , Sir , und Einsamkeit ist traurig – zu traurig für Sie . « » Einsamkeit ! Einsamkeit ! « wiederholte er ärgerlich . » Ich sehe , ich muß zu einer Erklärung kommen . Ich verstehe den sphynxartigen Ausdruck auf deinem Gesichte nicht . Du sollst meine Einsamkeit teilen . Verstehst du mich ? « Ich schüttelte den Kopf . Es erforderte einen gewissen Grad von Mut – aufgeregt wie er war – auch nur dieses stumme Zeichen der Weigerung zu machen . Er war schnell im Zimmer auf- und abgegangen und plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen . Er blickte mich an , lange und scharf . Ich wandte die Augen von ihm und heftete sie auf das Feuer und versuchte mir ein ruhiges , gefaßtes Äußeres zu geben und zu erhalten . » Jetzt haben wir den Haken in Janes Charakter , « sagte er endlich ; er sprach ruhiger , als ich nach seinen Blicken zu erwarten gewagt hatte , » Die Seidenspule ist bis hierher still und ungehindert gegangen ; aber ich wußte stets , daß der Knoten kommen würde . Hier ist er . Und jetzt kommt Ärger und Verzweiflung und endloser Kummer ! Bei Gott ! Ich hege das Verlangen , ein Atom von Simsons Stärke anzuwenden und die Verwirrung wie Werg zu zerreißen ! « Er begann seinen Weg von neuem ; aber bald hielt er wieder inne und dieses Mal gerade vor mir . » Jane , willst du jetzt Vernunft annehmen ? ( Er beugte sich zu mir herab und näherte seine Lippen meinem Ohr . ) Denn wenn du es nicht thust , werde ich Gewalt brauchen . « Seine Stimme war heiser . Sein Blick war der eines Mannes , der gerade im Begriffe steht , eine unerträgliche Fessel zu sprengen und sich Hals über Kopf in wilde Zügellosigkeit zu stürzen . Im nächsten Augenblick begriff ich das , und wenn seine Wut auch nur noch um ein Atom zunahm , war ich nicht mehr imstande , auch nur noch das Geringste mit ihm zu thun . Die gegenwärtige – die vorübergehende Sekunde – war alles was mir gehörte , nur jetzt noch konnte ich ihn beherrschen und zurückhalten ; wenn ich eine Bewegung des Abscheus , der Furcht zeigte , so wäre mein Schicksal besiegelt gewesen – und das seine . Aber ich fürchtete mich nicht – nicht eine Minute ! Ich spürte eine innere Kraft , die mich aufrecht erhielt . Die Krisis war gefährlich ; aber sie hatte ihren Reiz . Einen Reiz , wie ihn der Wilde vielleicht empfindet , wenn er in seinem Kanoe über die Stromschnellen dahin saust . Ich faßte seine geballte Hand ; löste die zuckenden Finger und sagte sanft und beruhigend : » Setzen Sie sich . Ich will mit Ihnen reden so lange Sie wollen ; ich will alles anhören , was Sie zu sagen haben , ob es nun vernünftig oder unvernünftig ist . « Er setzte sich , aber er kam noch nicht gleich zum Reden . Ich hatte schon lange mit den Thränen gekämpft . Wohl hatte ich mir die größte Mühe gegeben , sie zu unterdrücken , weil ich wußte , daß er mich nicht weinen sehen mochte . Jetzt indessen hielt ich es für besser , ihnen freien Lauf zu lassen so lange sie wollten . Wenn diese Thränenflut ihn bekümmerte – desto besser . Ich gab ihnen also nach und weinte bitterlich . Bald hörte ich , wie er mich ernstlich bat , mich zu fassen . Ich entgegnete , daß ich es nicht könne , so lange er so zornig sei . » Aber ich bin nicht zornig , Jane . Ich liebe dich nur zu sehr – das ist alles . Und du hattest dein kleines , blasses Gesicht mit einem so kalten , entschlossenen Blick gestählt , daß ich es nicht ertragen konnte . Sei jetzt still und trockne deine Augen . « Seine weiche Stimme verkündete mir , daß er besiegt sei ; daher wurde auch ich nun ruhig . Jetzt machte er den Versuch , seinen Kopf an meine Schulter zu lehnen , aber ich wollte es nicht erlauben . Dann wollte er mich an sich ziehen – auch das gestattete ich nicht . » Jane ! Jane ! « sagte er mit einem Ausdruck so bitterer Traurigkeit , daß jeder Nerv in mir erbebte . » Liebst du mich denn nicht mehr ? Es war also nur meine Stellung , der Rang meiner Gattin , den du schätztest und anstrebtest ? Jetzt , wo du mich nicht mehr für geeignet hältst , dein Gatte zu werden , zuckst du unter meiner Berührung zusammen , als sei ich eine Kröte oder ein Affe . « Diese Worte schnitten mir ins Herz . Aber was konnte ich thun ? Wahrscheinlich hätte ich gar nichts sagen oder thun müssen , aber die Gewissensbisse darüber , daß ich sein Gefühl auf diese Weise verletzen mußte , quälten mich derartig , daß ich dem Verlangen , heilenden Balsam zu spenden , wo ich verwundet hatte , nicht widerstehen konnte . » Ich liebe Sie , « sagte ich , » mehr denn je . Aber ich darf diese Empfindung nicht mehr zeigen , mich ihr nicht mehr hingeben . Und dies ist auch das letzte Mal , daß ich ihr Worte verleihe . « » Das letzte Mal , Jane ! Was ! glaubst du , daß du mich täglich sehen und neben mir leben kannst und doch , wenn du mich noch liebst , kalt und fremd zu bleiben vermagst ? « » Nein , Sir , ich weiß bestimmt , daß ich es nicht könnte . Und deshalb sehe ich nur einen einzigen Ausweg . Aber Sie werden wieder in Zorn geraten , wenn ich ihn nenne . « » O , nenne ihn nur ! Wenn ich tobe und wüte , besitzest du die Kunst des Weinens . « » Mr. Rochester – ich muß Sie verlassen . « » Auf wie lange , Jane ? Für einige Minuten während du dein Haar ordnest , das etwas in Unordnung gekommen ist . Oder um dein Gesicht zu kühlen , das fieberhaft glüht ? « » Ich muß Adele und Thornfield verlassen . Ich muß mich von Ihnen für das ganze Leben trennen ! Ich muß ein neues Dasein unter fremdem Himmel , zwischen fremden Gesichtern beginnen . « » Gewiß . Ich sagte dir ja schon , daß du es sollest . Den wahnsinnigen Gedanken , dich von mir trennen zu wollen , berühre ich nicht weiter . Du meinst , daß du ein Teil von mir werden mußt . Was das neue Dasein betrifft , so hast du recht . Du mußt dennoch mein Weib werden : ich bin nicht verheiratet . Du sollst Mrs. Rochester werden , sowohl dem Namen nach wie in der That . Ich werde zu dir halten so lange du und ich leben . Du wirst auf ein Besitztum gehen , das ich im südlichen Frankreich besitze , eine freundliche weiße Villa an dem Ufer des mittelländischen Meeres . Dort sollst du ein glückliches , beschütztes , unschuldiges Leben führen . Fürchte nicht , daß ich dich zur Sünde verleiten könnte – daß ich dich nur zu meiner Geliebten machen will ! Weshalb schüttelst du den Kopf ? Jane , du mußt Vernunft annehmen , oder wahrhaftig – die Wut faßt mich von neuem . « Seine Stimme und seine Hand bebten ; seine Augen funkelten ; und dennoch wagte ich zu sprechen : » Sir , Ihre Gattin lebt ; das ist ein Faktum , welches Sie heute morgen selbst zugestanden haben . Wenn ich bei Ihnen lebte , wie Sie es wünschen , so würde ich nur Ihre Geliebte sein – etwas anderes zu sagen ist sophistisch – ist falsch . « » Jane , ich bin kein sanftmütiger Mensch – das vergißt du . Ich bin nicht von großer Geduld . Ich bin nicht kalt und leidenschaftlos . Aus Mitleid für mich und dich selbst , lege deine Hand auf meinen Puls , fühle , wie er klopft und – hüte dich ! « Er schob den Ärmel vom Handgelenk zurück und hielt es mir hin , aus seinem Gefühl und seinen Lippen war alles Blut gewichen , er war aschfarben . Ich fühlte mich unsagbar elend . Es war grausam , ihn durch einen Widerstand , den er so verabscheute , ferner zu reizen . Ihm nachgeben – das war ebenfalls außer Frage . Ich that , was jeder Mensch instinktiv thut ,