. Er erzählte von Gertrud , ihrer Dumpfheit , ihrer Erweckung , ihrer Liebe , ihrem Verzicht ; von Lenore , wie er sie geliebt , ohne es zu ahnen . Und wie Lenore im Übermaß des Leidens und der Liebe die Seine geworden , und wie dann Gertrud herumgeirrt war , unselig verloren und sich getötet hatte . » Da kamen wir auf den Dachboden , und da war Feuer , und sie hing als Leiche an einer Zuckerschnur . « Und wie Gertrud als Schatten neben Lenore weitergelebt , und wie Lenore Blumenbinderin gewesen , und wie Philippine , die unbegreifliche , heute noch unbegreifliche Philippine ins Haus gekommen , und Gertruds Kind wie ein frierender Findling da gelebt , und wie dennoch das andere Kind , das Kind der Magd , ihm ans Herz gewachsen war . Und das Zusammenkommen , das Sprechen und Schweigen , das Begegnen auf den Gassen , das Hin und Her in Stuben , das Aufklingen von Liedern , das frühe Wandern mit Dörmauls Truppe , das Hereinleuchten einer Maske in das ungeschmückte Leben , und den Freund , die Hilfe , die er geleistet , den Abschied von ihm , das Bürstenmachershaus am Jakobsplatz , die drei sonderbaren Fräulein in der Langen Zeile , die Tage in Schloß Erfft , den alten Vater der Schwestern und sein geheimnisvolles Treiben , das alles schilderte er wie einer , der aus dem Schlaf redet , und es war ein Vertrauen darin , das vielleicht die schwebenden Geister der abendlichen Natur erschütterte , aber Dorotheas metallisch glänzende Augen mit keinem innigeren Licht begabte . Als er emporschaute , war es ihm , als gewahre er zwei dunkle Gestalten am Rand des Waldes , Schwestern , die trauernd und vorwurfsvoll nach ihm blickten . Er erhob sich . » Und das alles , « schloß er , » das alles , Mädchen , ist , wie Regenwasser von trockenem Boden , aufgetrunken worden von einem Werk , an dem ich nun seit sieben Jahren schaffe . Seit sieben Jahren . Noch zwei , und ich geb ' s der Welt , falls nicht vorher der schwanke Erdball in die Sonne stürzt . « Ganz von ungefähr , ganz verworren ahnte Dorothea , was für ein Mensch vor ihr stand . Sie spürte ein prickelndes Gelüste nach ihm , wie sie es bis jetzt nach seinen Erlebnissen gespürt . Sie begann ihn zu lieben , in ihrer Weise . Es trieb sie , sich bei ihm zu bergen , wie es einen Vogel bei Anbruch der Nacht unter den Wipfel eines Baumes treibt . Daniel begriff , daß die schüchterne Bewegung , mit der sie ihren Arm in seinen schob , Dankbarkeit bezeigen sollte . So führte er sie der Stadt entgegen . 15 In der frohpulsierenden Stimmung dieser Zeit schrieb und vollendete Daniel den fünften Satz seiner Symphonie , ein Scherzo großen Stils , das mit einer Klarinettenfigur wie mit einem sorglosen Lachen einsetzte . Aus dem einfachen Motiv entwickelten sich alle Möglichkeiten der Freude ; auch stiller Rückblick und Trost . Wenn die Hauptthemen , sich ihres früheren Vorrangs entsinnend , breiter fluten wollten , wurden sie immer wieder mit kunstreichen Mitteln , die launig wechselten , beschwichtigt und in die Tiefe gedrängt . Einmal flossen alle drei Themen zusammen , schienen in der Vereinigung Kraft zu gewinnen , schwollen in wunderbarer Fugierung empor , ihr Sieg schien nahe , da wurde über dem Septakkord in D das ganze Orchester vor der Tanzmelodie ergriffen , und in den Geigen flohen jene schwermütigen Schwesterweisen klagend dahin . Vor der jubelnden Steigerung des Schlusses hielt ein Solofagott die eine , wehevolle , in ferner Höhe fest . In vierzehn Nächten entwarf er dann auch den sechsten Satz . Daß ihm dergleichen vorher nie gelungen war , wußte Daniel . Wer das Außerordentliche hervorbringt , weiß es . Es packt ihn an wie Krankheit und erfüllt ihn wie ein tiefer Traum . Manchmal war die Versuchung groß , es zu verkündigen ; einem , irgendeinem , und wenn es Herr Carovius sein mußte . War die Flamme niedergebrannt , so belächelte er den Trieb . Geduld , sagte er sich dann im ruhigen Gefühl , nur Geduld . Da das Sammelwerk fertig und seine Verbindung mit dem Haus Philander gelöst war , hielt er nach anderm Broterwerb Umschau . Er hatte im Laufe der letzten Jahre viertausend Mark erspart , aber das Geld wollte er nicht anrühren . Er erfuhr , daß die Organistenstelle an Sankt Egydien frei geworden sei und ging zum Pfarrer , der ihn seinen Oberen empfahl . Es wurde beschlossen , daß er den Herren der Kirchenbehörde vorspielen solle . Dies geschah eines Morgens im Oktober . Die Prüfung fiel zur merkbaren Zufriedenheit der gestrengen Hörer aus . Er wurde also Organist an Sankt Egydien mit zwölfhundert Mark Gehalt . Wenn er an Sonn- und Festtagen die Orgel spielte , kamen immer viele Leute in die Kirche , nur um ihn zu hören . 16 Unter den Freiern , auf die Andreas Döderlein ein Auge geworfen hatte , befand sich auch der Mühlenbesitzer Weißkopf , ein Liebhaber der Musik . Er hatte Dorothea seinerzeit im Konzert bewundert und ihr einen Lorbeerkranz geschickt . Eines Mittags war Weißkopf zum Essen dagewesen , und als er fortgegangen war , sagte Döderlein zu seiner Tochter : » Meine liebe Dorothea , du darfst dich von heute ab als eine Braut betrachten . Dieser vorzügliche Mensch begehrt dich zum Eheweib . Es ist ein Glücksfall , der Mann ist reich wie Krösus . « Statt zu antworten , lachte Dorothea nur belustigt auf . Aber sie wußte nun , daß etwas geschehen müsse , und in ihrem beweglichen Gesicht zuckten Hohn , Furcht und Begierde . » Überlege dir ' s , überschlafe es , ich habe dem Manne bis morgen Bescheid versprochen , « sagte Andreas Döderlein finster . Schon vor einer Woche hatte Andreas Döderlein in der sicheren Erwartung des Heiratsantrags den Mühlenbesitzer um ein Darlehen von tausend Mark ersucht . Der Mühlenbesitzer hatte ihm das Geld gegeben und glaubte dadurch gleichsam eine Wechselpromesse auf Dorothea zu haben . Döderlein hatte sich gebunden und war fest entschlossen , das Heiratsprojekt durchzusetzen . Doch Dorotheas Betragen ließ Auflehnung vermuten . Er war in Sorge . Er sann auf Zerstreuung . Vor sechzehn Jahren hatte er einmal eine Komposition begonnen , die den Titel führte : Allerseelen , ein symphonisches Gemälde . Fünf Seiten Partitur waren damals niedergeschrieben worden , seitdem hatte er sich keiner produktiven Arbeit mehr unterzogen . Er kramte die Handschrift aus einer Schublade und setzte sich damit aus Klavier . Er wollte dort wieder anknüpfen , wo er vor sechzehn Jahren den Faden verloren hatte , als ob die Pause in einem Mittagsschläfchen bestanden hätte . Es ging nicht . Er seufzte tief . Stumm saß er vor dem Instrument , starrte auf das Papier wie ein Schüler , der eine Rechnung lösen soll , zu der er die Regel vergessen hat und betrauerte den Verlust seiner künstlerischen Kraft . Es war alles so leer innen . Die Noten grinsten ihn spöttisch an , und seine Gedanken kehrten ungehorsam immer wieder zu dem Mühlenbesitzer zurück . Eine Weile phantasierte er auf den Tasten , da steckte Dorothea den Kopf zur Türe herein und sang mit : » Rheingold , Rheingold , reines Gold . « Wütend schlug er den Deckel zu , nahm Hut und Mantel und verließ das Haus , um den heimlichen Weg in die Vorstadt anzutreten . Als er in der Nacht zurückkam , sah er unterm Haustor Dorothea mit einem Mann stehen . Es war der Schauspieler Edmund Hahn . Im Flüsterton führten sie ein ziemlich erlegtes Gespräch , der Mann hielt Dorothea an den Armen gepackt , aber als Andreas Döderlein sichtbar aus dem Dunkel der Straße auftauchte , stieß er einen Fluch aus und verschwand eilig . Dorothea schaute ihrem Vater frech ins Gesicht und folgte ihm dann ins dunkle Haus . Oben , als er Licht angezündet hatte , wandte sich Döderlein ihr zu und fragte drohend : » Was bedeuten diese unzüchtigen Zusammenkünfte ? Antwort will ich haben . « » Ich mag deinen Mehlsack nicht heiraten , da hast du meine Antwort , « versetzte Dorothea und warf trotzig den Kopf zurück . » Na , das werden wir ja sehen , « sagte Döderlein , bleich vor Zorn , und pflügte mit den Fingern durch die schütter gewordene Lockenmähne , » das werden wir ja sehen . Marsch hinaus jetzt mit dir , ich habe nicht Lust , mich von einer solchen undankbaren Kröte um den wohlverdienten Schlaf bringen zu lassen . Morgen reden wir weiter . « Am andern Morgen eilte Dorothea zu Herrn Carovius . » Onkelchen , « stammelte sie , » er will mich an den Mehlsack verkuppeln . « » So ? Da werd ich dem Dreipfennigmusikanten wieder einmal auf die Bude steigen müssen , « sagte Herr Carovius . » Nur ruhig , Kindchen , nur ruhig ! « fügte er hinzu und streichelte zärtlich ihre braunen Haare , » der alte Carovius lebt noch . « Dorothea schmiegte sich an ihn und lächelte . » Was würdest du sagen , Onkelchen , « begann sie mit schelmischem und zugleich sehr aufmerksamem Blick , » wenn ich den Daniel Nothafft zum Mann nähme ? Der gefällt dir doch , « fuhr sie schmeichelnd fort und hielt ihn , als er zurückwich , bei den Schultern fest , » der muß dir doch gefallen . Einen will ich endlich haben , eine alte Jungfer will ich nicht werden , und beim Vater halt ich ' s nimmer aus . « Herr Carovius riß sich los . » Ins Tollhaus mit dir , du Kanaille ! « schrie er . » Da wollt ich lieber , du gingst mit dem Mehlsack ins Bett . Ist der Gottseibeiuns in dich gefahren , Dirne ? Juckt dich die Haut , dann kratz dich , oder nimm dir meinetwegen einen Stallknecht dazu wie die selige Kaiserin Katharina . Schaff dir schöne Kleider an , behäng dich mit Firlefanz , geh tanzen und sauf Champagner , mach Musik oder schmeiß deine Geige auf den Misthaufen , treib was du willst , ich geb dir Geld , soviel du willst , aber den grünäugigen Phantasten , den habergasigen Rattenfänger , den Weiberfresser und Unmusikanten , den schick seiner Wege , das tu mir um Gottes und seiner Heiligen willen nicht an , sonst ist ' s aus zwischen uns , sonst hab ich nichts mehr mit dir zu schaffen . « Ein solcher Haß , eine solche Angst war in Herrn Carovius ' Gesicht , daß Dorothea staunte . Seine Haare waren verwirrt wie die Reiser eines Vogelnests , aus seinen Mundwinkeln rann Nässe , die Augen loderten rötlich , der Zwicker saß auf der Spitze der Nase . Nichts hätte Dorothea mehr locken und reizen können als die Worte , die sie über Daniel vernommen , als das Gebaren des Herrn Carovius . Ihre Augen blickten groß , ihr Mund öffnete sich lüstern . War noch ein Schwanken in ihr gewesen , jetzt war keines mehr . Sie liebte das Geld ; sie war mit Habsucht in der Brust geboren ; aber wenn Herr Carovius ihr alle seine Schätze zu Füßen gelegt und dagegen gefordert hätte , sie solle Daniel entsagen , sie hätte es nicht vermocht , jetzt nicht mehr . Etwas grauenhaft Angenehmes zog sie nun zu dem hin , den sie so verfluchen hörte , so gefürchtet sah . In seiner Nähe war das Prickeln sinnlicher Gefahr heftiger als in der Nähe aller andern Männer , die sie kannte . Er war ihr rätselhaft und unzugänglich ; sie wollte ihn erraten und aufschließen . Er hatte so viele besessen , gewiß mehr , als er bekannt hatte ; sie wollte ihn besitzen . Er war so still , so klug , so fest ; sie wollte Stille , Klugheit und Festigkeit von ihm haben , alles wollte sie haben , allen Zauber , alle Menschenmacht und alles , was er verbarg , alles wollte sie von ihm haben . Sie dachte fortwährend an ihn , nur an ihn . Ihre Gedanken umflatterten sein Bild , scheu , begierig und spielerisch . Er hatte es verstanden , einen Willen und eine Einheit in ihre Sinne zu bringen . Sie wollte ihn haben . Der Regen klatschte ans Fenster . Voll Schrecken über Dorotheas Versonnenheit preßte Herr Carovius beide Hände an die Backen . » Ich seh schon , du willst mich allein lassen , « wehklagte er schauerlich , und es klang wie das Geheul eines Hundes in der Winternacht ; » betrügen willst du mich , zum Feind willst du übergehen , und ich soll meine vier Wände anglotzen . Ich seh schon , ich seh schon . « » Sei still , Onkelchen , es geschieht ja nichts , es war ja nur ein Scherz , « sagte Dorothea heuchlerisch begütigend und ging mit zögernden Schritten , bisweilen lächelnd zurückschauend , zur Tür . 17 Es war zur frühen Mittagsstunde , als Dorothea an Daniels Wohnung läutete . Philippine machte das Gatter auf und wollte sie nicht in die Stube lassen . Sie erzwang sich den Eingang und musterte von der Zimmerschwelle aus Philippine hochmütig . » Paß auf , Philippin ' , da stinkt ' s nach Unrat , « murmelte diese vor sich hin . Daniel saß bei der Arbeit . Er erhob sich stumm und blickte Dorothea an , die behutsam die Türe schloß . » Da bin ich , Daniel , « sagte sie und atmete wie ein Schwimmer , der ans Land kommt . » Was bedeutet ' s ? « fragte Daniel regungslos . » Daß ich getan hab , was Sie wollten , Daniel . Weg von denen . Beim Vater kann ich nimmer bleiben . Wo anders sollt ich hin als hierher ? « Daniel ging auf sie zu und legte beide Hände schwer auf ihre Schultern . » Mädelchen , Mädelchen ! « sagte er mahnend und erschüttert . Sie sahen sich eine unendlich scheinende Zeit in die Augen . Es war , als wolle Daniel bis in die verborgensten Falten ihrer Seele schauen . Dorotheas Blick funkelte verwegen , sie senkte die Lider nicht . Plötzlich beugte Daniel den Kopf und küßte ihre Stirn . » Du weißt , wer ich bin , « sprach er und schritt im Zimmer auf und ab . » Du weißt , wie ich gelebt habe und wie ich lebe . Ich bin ein schuldvoller Mann , ich bin ein einsamer Mann . Meine Natur verlangt nach Zärtlichkeit , aber Zärtlichkeit hergeben kann sie nicht . Mein Los ist hart , und wer es mit mir teilt , muß entschlossen sein , die Härte zu ertragen . Ich bin oft mein eigener Feind und oft der Feind derer , die es gut mit mir meinen . Ich bin kein Spaßmacher und kein Gesellschafter . Ich kann grob , beleidigend , hämisch , unversöhnlich und rachsüchtig sein . Ich bin häßlich , ich bin arm , ich bin nicht mehr jung . Fürchtest du nicht für deine dreiundzwanzig Jahre , Dorothea ? « Dorothea schüttelte energisch den Kopf . » Prüfe dich , Dorothea , « fuhr er eindringlich fort , » nimm es nicht ungenau mit dir und mir , nimm es ganz und tief genau , damit wir nicht falsche Rechnung mit dem Schicksal machen . Liebe kann meiner mächtig werden , mehr , als ich selbst meiner mächtig bin , und dann setz ich alles dran , dann muß ich vertrauen können , ohne Maß . Könnt ich nicht mehr vertrauen , ich wäre wie ein zur Hölle Verstoßener , ein böser Geist . Prüfe dich , Dorothea , du mußt wissen , was du tust , es ist eine heilige Sache . « » Ich kann nicht anders , Daniel ! « rief Dorothea und warf sich an seine Brust . » Dann also sei Gott uns gnädig , « sagte Daniel . 18 Daniel brachte Dorothea zu Sylvia von Erfft nach Siegmundshof . Er hatte ihr geschrieben , ihr die Verhältnisse geschildert und sie gebeten , sie möge Dorothea bis zum Tag der Hochzeit bei sich aufnehmen . Sylvia hatte sich herzlich bereit gezeigt , seine Bitte zu erfüllen . Zwei Nächte hatte Dorothea noch zu Hause verbracht , und es war ihr gelungen , allen Auseinandersetzungen mit ihrem Vater aus dem Weg zu gehen , indem sie sich drei Tage Bedenkfrist erbeten hatte . Am Morgen des dritten Tages , als der Vater zur Musikschule gegangen war , hatte sie ihre Habseligkeiten gepackt und das Haus verlassen . Andreas Döderlein fand folgenden Brief von ihrer Hand vor : » Lieber Vater , mach dir keine Hoffnungen mehr bezüglich des Herrn Weißkopf . Ich bin großjährig und kann heiraten , wen ich will . Meine Wahl ist bereits getroffen , der Mann , mit dem ich vor den Altar trete , heißt Daniel Nothafft . Er liebt mich mehr als ich ' s vielleicht verdiene , und ich will ihm eine gute Frau sein . Daran ist nichts mehr zu ändern , und sicherlich kommst du auch zur Einsicht , daß es edler ist , dem Zug des Herzens zu folgen , als sich von materiellen Vorteilen locken und blenden zu lassen . Deine dich liebende Tochter Dorothea . « Es schwindelte Andreas Döderlein . Das Briefblatt glitt ihm aus den Fingern und zu Boden . Am ganzen Körper zitternd , schritt er zum gedeckten Tisch , ergriff ein Wasserglas und schleuderte es gegen die Wand , daß es in zahllose Scherben zersplitterte . » Ich werde dich erdrosseln , Kröte ! « keuchte er , streckte die geballte Faust empor , ging in Dorotheas Zimmer und warf in seiner unmäßigen Wut die Stühle und den kleinen Toilettetisch um . Die Magd war erschrocken in die Wohnstube geeilt . Sie sah Dorotheas Brief auf dem Boden liegen , hob ihn auf und las ihn . Als sie ihren wütenden Herrn zurückkommen hörte , flüchtete sie , lief ins Erdgeschoß , läutete an Herrn Carovius ' Tür und zeigte ihm den Brief . Sein Gesicht wurde gelb , während er die Zeilen überflog . Da stieß die Magd einen leisen Schrei aus , riß Herrn Carovius den Brief aus der Hand und rannte in den Hof , denn von oben kam Andreas Döderlein herunter . Er wollte auf die Polizei und dort fordern , daß man den Entführer seiner Tochter verhafte . Als er Herrn Carovius im Flur gewahrte , blieb er stehen und fixierte ihn mit einem haßerfüllten Blick , in welchem gleichwohl etwas wie eine scheue Frage enthalten war . Ja , es hatte fast den Anschein , als ob ein einziges versöhnendes Wort , eine Gebärde nur des Langgemiedenen alles Vergangene hätte auslöschen und jenen zum Bundesgenossen beim Werk der Strafe und Rache hätte machen können . Aber Herr Carovius war fertig mit der Welt . Seine Züge verzerrten sich zu einer Grimasse der Bosheit und der Verachtung , dann kehrte er sich um und schlug die Türe seiner Behausung krachend hinter sich zu . Andreas Döderlein ging nur bis zum Portal des Rathauses . Dort überfielen ihn plötzlich allerlei Bedenklichkeiten , er starrte eine Weile düster auf das Pflaster und begab sich dann wieder auf den Heimweg , mit Schritten , die nur halb so ungestüm waren wie vorher und auf eine gebrochene Tatkraft deuteten . Kaum war er zu Hause angelangt , so wurde ihm Daniel gemeldet . » Sie erkühnen sich , Herr ? « schrie er dem Eintretenden entgegen , » Sie erkühnen sich , vor meinem Angesicht zu erscheinen ? Beim Himmel , das ist viel ! « » Ich nehme jeden Kampf auf , « sagte Daniel mit der kalten Würde , die ihm bei solchen Gelegenheiten eigen war und die einschüchternd wirkte . » Ich habe nichts zu fürchten . Mit dem Vater meines Weibes möcht ich gern in Frieden leben , deshalb bin ich da . « » Wissen Sie denn auch , was Sie mir tun ? Sie haben mir die Tochter gestohlen , Mann ! « rief Döderlein mit Pathos . » Aber ich werde Ihre Absichten durchkreuzen , verlassen Sie sich darauf , ich werde Ihnen meine Macht zu spüren geben . « Daniel lächelte verächtlich . » Dessen bin ich sicher , « antwortete er . » Ich kenne diese Macht , so lang ich lebe . Nur hab ich mich ihr nie unterworfen , und bisweilen ist es mir gelungen , sie zu brechen . Denken Sie ein wenig über mich nach , und über Ihr Kind , und über sich selbst . Adieu . « Damit ging er . Andreas Döderlein war beunruhigt . Das Lächeln des Menschen verfolgte ihn . Was mochte der Desperado wieder einmal im Schilde führen ? Böses Gewissen lähmt böse Entschlüsse . Länger als eine Woche rang Döderlein mit seinem Stolz , und als Daniel nichts mehr von sich hören ließ , auch von Dorothea keine Nachricht kam und zu allem Unheil der Mühlenbesitzer das Darlehen zurückforderte , sagte er sich , daß an dem Geschehenen nichts mehr zu ändern sei , und eines Tages stieg er die drei Treppen des Hauses am Egydienplatz empor . » Das freut mich , « sagte Daniel und streckte dem Besucher die Hand hin . Andreas Döderlein sprach von einem blutenden Vaterherzen , von der Vernichtung großer Hoffnungen , von der Pietätlosigkeit der Jugend und der Einsamkeit des Alters , dann , ziemlich unvermittelt , mit den Fingern seiner gewaltigen Hand auf die Tischplatte trommelnd , von der Zwangslage , in die er gegenüber dem Mühlenbesitzer geraten sei . Er habe für einen Freund Bürgschaft geleistet , sei zur Zahlung genötigt worden und habe sich nur helfen können , indem er bei dem reichen Bewerber um Dorotheas Hand eine Anleihe aufgenommen habe . Daniel mußte zugeben , daß die Sorge demütigend sei und die Schuld beglichen werden müsse . Es seien fünfzehnhundert Mark , sagte Döderlein ; er war selbst überrascht , als er diese Summe nannte , die ihm fünfzig Prozent Gewinn sicherte ; es war ein kluger Einfall gewesen , der zugleich dazu diente , die Generosität des künftigen Schwiegersohnes auf die Probe zu stellen . Im Grunde fand er seine Handlungsweise nicht honett und war daher gerührt , als Daniel , der die Schmälerung seiner Ersparnisse nur kurz bedachte , ihm das Geld am andern Tag zu bringen versprach . » Sie beschämen mich , Daniel , « sagte er , » wahrlich , Sie beschämen mich . Lassen Sie uns die Streitaxt begraben und gute Freunde werden . Sind wir doch ohnehin Kollegen in Apoll . Oder nicht ? Nennen Sie mich Vater , ich will Sie Sohn heißen , sagen Sie du , ich will ein gleiches tun . « Daniel reichte ihm schweigend die Hand . Döderlein fragte nach Dorothea , und als ihm Daniel mitgeteilt , wo sie sich aufhielt , zeigte er sich sehr zufrieden darüber . » Mein Haus und meine Arme sind ihr geöffnet , unterrichte sie davon , melde ihr die veränderte Konstellation , « sagte er weich ; » wir haben unrecht aneinander gehandelt , beide ; wir haben es beide gebüßt . « Daniel erwiderte trocken , er halte es für besser , wenn Dorothea bei Sylvia von Auffenberg bleibe . » Wie du willst , mein Sohn , « sagte Andreas Döderlein , » ich füge mich den Forderungen eures jungen Glückes . Nun aber sollten wir eine Flasche Malvasier oder Mosel haben und auf die Zukunft meines lieben Wildfangs trinken . Oder widerstrebt es dir ? « Daniel ging hinaus , um Philippine ins goldene Posthorn zu schicken . Philippine war aber mit Agnes fortgegangen ; er gewahrte eine der Mägde des Hauses auf der Stiege und bat sie um die Besorgung . Es dauerte lange , bis sie mit der Flasche kam , und als der Wein eingeschenkt war , erwies es sich , daß Döderlein keine Zeit mehr hatte , weil er um sieben Uhr eine Unterrichtsstunde erteilen mußte . Er leerte sein Glas nur halb und verabschiedete sich mit einem kräftigen Händeschütteln von Daniel . Eine Weile war Daniel sinnend gesessen , da pochte es an der Tür , und der alte Jordan trat ein . » Ist ' s erlaubt ? « fragte er . Daniel nickte , und er nahm auf dem Stuhl Platz , auf dem Andreas Döderlein gesessen . Forschend schaute er Daniel ins Gesicht ; plötzlich sagte er : » Ist ' s denn wahr , Daniel , daß du wieder heiraten willst ? Daß du die Döderleinsche heiraten willst ? « » Ja , Vater , es ist wahr , « antwortete Daniel . Er holte ein frisches Glas , goß Wein hinein und schob es dem alten Mann hin . » Trink , Vater ! « sagte er . Der Alte nippte andächtig . » Es dürften wohl , meiner Schätzung nach , neun bis zehn Jahre vergangen sein , daß ich leinen Wein getrunken habe , « redete er vor sich hin . » Dein Leben ist nicht gut gewesen , « erwiderte Daniel . » Ich beklage mich nicht , Daniel . Ich trag ' s , weil ich ' s tragen muß . Und wer weiß , vielleicht ist mir noch ein kleines Glück beschert . Vielleicht ; wer weiß . « Dann saßen sie schweigend und tranken hie und da . Es war so still , daß sie die Flamme der Lampe rauschen hörten . » Wo bleibt denn die Philippine ? « fragte Daniel endlich . » Ja , die Philippine , das hatt ' ich ganz vergessen , « begann der alte Jordan sorgenvoll . » Am Nachmittag ist sie zu mir hinaufgekommen und hat mir mitgeteilt , sie gehe zur Frau Hadebuschin und werde mit der Agnes dorten bleiben , bis die Hochzeit vorüber ist . Sie hat sich aber so verworren ausgedrückt , daß ich ihren Worten nicht entnehmen konnte , was sie damit bezweckt . Auch hat es so geklungen , als wollte sie überhaupt aus dem Hause gehn . Ob das Frauenzimmer nicht ein wenig gestört im Kopfe ist ? Vorgestern war ein Geklapper und Gepolter in der Küche , und wie ich nachsehe , liegen mindestens sechs Teller zerbrochen auf der Erde , dabei droht sie noch , mich mit dem Spülwasser anzuschütten und schimpft gotteslästerlich . Wie ist denn das ? Kann sie denn so mir nichts dir nichts mit dem Kind zur Hadebuschin übersiedeln ? « Daniel blieb die Antwort schuldig . Der Gedanke an Philippine erfüllte ihn auf einmal mit Angst vor Unheil . Es schien ihm , daß er sie gewähren lassen müsse . 19 In der Nacht bemächtigte sich Daniels eine tiefe Erregung . Er verließ das Haus , und trotz der Finsternis und des fallenden Schnees ging er weit vor die Stadt , merkte die Nässe , die Kälte und den Wind nicht . Er lauschte in sein Inneres , hielt letzten Rat mit sich und schaute oft , als flehe er um Erleuchtung , zum schwarzen Himmelsgewölbe empor . Schwärzer noch dünkte ihn das Morgen , in Bangigkeit verlor er sich , und es trieb ihn zu den Gräbern . Erst auf dem Weg zum Kirchhof bedachte er , daß das Tor in der Nacht zugesperrt sein mußte , dennoch ging er weiter . Lange suchte er nach einer Stelle an der Mauer , wo er hinüberklettern konnte . Endlich fand er eine , klomm hinauf , schürfte sich die Hände wund , sprang in schneebedecktes Strauchwerk hinab und irrte mit beklommener Brust über das stürmische , öde Gefilde . Als er dann vor Gertruds Grab stand , überwältigte ihn das Gefühl der Stunde , Stimmen waren im Sturm , Grauen und Erinnerung wollten ihn schier zu Boden reißen , aber vor Lenores Grab wurde es ruhig in seiner Brust , auch öffneten sich plötzlich in der Tiefe des Horizonts die Wolken , und ein Mondstrahl zitterte hindurch . Spät , der Morgen war schon nahe , kam er heim . Acht Tage darauf holte er Dorothea von Siegmundshof ab . Sylvia und Dorothea kamen ihm durch eine beschneite Allee entgegen . Sie gingen Arm in Arm , und Sylvia lächelte zu Dorotheas Geplauder . Sie schienen in gutem Einverständnis , das Bild konnte nicht täuschen , und Sylvia sagte auch , als sie mit Daniel allein war , daß sie Dorothea liebgewonnen . Ihrem Frohsinn könne niemand widerstehen , und mit den Kindern werde sie selber zum Kind . Trotzdem betrachtete Sylvia Daniel , und wenn Dorothea dabei war , auch diese bisweilen mit einem schnellen , forschenden , sonderbar unsicheren Blick . Es war ein sonniger Dezembertag , als Daniel und Dorothea Hochzeit hielten . Dorothea 1 Seit vierzehn Tagen wohnten Philippine und Agnes bei Frau Hadebusch ; da kam eine Botschaft von Daniel , die beiden sollten nach Hause zurückkehren , oder wenn es Philippine vorziehe , zu bleiben , solle sie Agnes schicken , und zwar sogleich . » Da ham Se ' s , « sagte Frau Hadebusch , » der Herr befiehlt . « » Der befiehlt mir lang gut , « antwortete Philippine tückisch . » Das Kind bleibt bei mir , und ich geh nit hin , basta . Was , Agneslein ? « Agnes hockte auf der Ofenbank neben dem schwachsinnigen Heinrich und las in dem abgeschmierten Heft eines Kolportageromans . Bei Philippines Anruf blickte sie zerstreut empor und lächelte stumpf . Das zwölfjährige Mädchen hatte ausdruckslose Züge und