. « - » Ich habe sie reiten sehen , « bestätigte der Knecht . » Hinterdrein , hinterdrein ! rettet mein Kind ! « - » Fort , Heinrich , « riefen seine Frau und Sibylle . Er flugs hinaus , rief drunten nach einem Pferde und trabte davon . Hilflos faltete ich die Hände und konnte nur wimmern . Tränen im Auge , suchten mich die Frauen zu beschwichtigen ; die Kranke streichelte meine Hand , Sibylle tröstete : » Heinrich wird sie einholen , er ist Soldat . « Ich fand keine Ruhe . Mich verlangte , selber mein Kind zu suchen . Wie nun eine heilkundige Frau kam , die Wunde zu behandeln , bat ich um einen festen Verband , der mir unverzügliche Reise gestatte . Die Heilkundige warnte , doch ich erklärte , die Sorge um mein Kind werde mich eher umbringen als die Wunde . Bald darauf kehrte Heinrich zurück und sagte : » Die Spur der Räuberin ist wie weggeblasen , habet denn Ihr keine Vermutung , wohin sie sich gewandt ? « - » Ich reise mit Euch , « entgegnete ich , » und wir wollen übers Isergebirge ins Schlesierland nach Schreiberhau . Dorthin wird sie trachten . Denn sie forderte von mir , ich solle mich nicht in Schreiberhau blicken lassen . « - » Ich werde allein hinreiten , « sagte Heinrich . Aber ich stund von meinem Lager auf und überwand alle Schwäche . Da sagte Heinrichs kranke Frau zu Sibyllen : » Geh auch mit , derweilen ich hier bleibe ; eine längere Rast kommt mir und dem Kinde zustatten . Helfet erst dieser armen Mutter . « Indessen nun meine Wunde einen neuen Verband erhielt , sorgte Heinrich für drei Pferde , dann brachte man mich behutsam in den Sattel . Erst ritten wir langsam . Wie es aber gut mit mir ging , setzten wir uns in Trab . Heinrich spähte immerfort nach der Spur der Räuberin . In der Hand trug er ein Feuerrohr , an der Hüfte das Schwert . Wir Frauen waren mit Pistolen und Dolchen bewaffnet . Nach mehrstündigem Ritt hielt Heinrich sein Pferd an und deutete auf den Weg : » Hier ist vor kurzem jemand aus dem Walde geritten . Das wird die Räuberin sein . Die Hufspur hat sie zuerst dadurch verborgen , daß sie vom Weg an einer felsigen Stelle in den Wald abgebogen ist ; hier jedoch hat sie wieder den Weg aufgesucht . Er führt zum Isergebirge . « Als wir eine Strecke weitergeritten waren und die Spur noch immer sahen , meinte Heinrich : » Jetzo müssen wir rasten ; Eure Wunde bedarf der Ruhe . Unterwegs holen wir die Räuberin doch nicht ein . Es genügt , daß wir wissen , wohin sie sich gewandt . Wir finden sie in wenigen Tagen . Keine Sorge , sie wird dem Kinde nichts tun . « Mein Herz ward leichter , da ich bedachte , wie die Entführerin zum kleinen Johannes zärtlich gewesen . Was sollte sie ihm denn auch antun ? Nur für sich haben möchte sie das Kind . Aber wir werden es zurückgewinnen . Nach einer ausgiebigen Rast , bei der wir Speise und Trank zu uns nahmen , ging es weiter , bis wir abends zu Hütten gelangten und Quartier fanden . Es war mir tröstlich , zu vernehmen , am Mittag sei hier eine Reiterin mit einem Kinde vorübergetrabt in der Richtung auf Starkenbach . Da sich beim Untersuchen meiner Wunde herausstellte , daß keine Blutung erfolgt sei , so durften wir hoffen , bald am Ziele zu sein . Andern Tages ging die Reise bis Tannwald , am übernächsten ward uns mittags bei einer Baude im Tal des Iserflusses die Auskunft , gestern sei hier ein Weib mit einem Kinde gen Schreiberhau geritten . Wir waren auf demselben Wege , den ich vor Jahren mit Dir , Johannes , bei Nacht zurückgelegt hatte . Im Schritt ging es weiter , und als die Sonne in die Wälder sank , waren wir nahe der Grünen Koppe . Bei einbrechender Dunkelheit sahen wir Leuchtkäferlein über Wiesen taumeln , dann glomm an einem Berge , so bei einer Waldlichtung sichtbar geworden , ein Feuer auf , und Heinrich sagte : » Morgen ist Sankt Johannistag , dorten grüßen sie ihn mit Fackeln . « Wir kamen nun zur Abendburg ; es war Nacht ; beim Felsen droben wirbelte roter Rauch mit Funken . Viele Menschen jauchzten und johlten zu Harfen und Geigen . Was gab es dorten ? Sonst war die Abendburg doch gänzlich einsam . Ich sprach mich darüber zu Heinrich aus , und er beschloß , als Kundschafter vorzugehen , derweilen wir Frauen harren sollten . Wir banden die Pferde an Bäume , und ich setzte mich nebst Sibyllen , indessen Heinrich , in der Hand sein Feuerrohr , durch Dickicht schlich . Immerwährend scholl Geschrei und Singen von der Abendburg . Endlich knackte ein Ast im Walde , und Heinrich war wieder bei uns . » Das Kind ist da ! « raunte er froh , und mir sank die schwere Last vom Herzen . An seine Hand geklammert , stammelte ich heißen Dank . » Wo ist es ? « - » Droben ! « sagte Heinrich . » Sie feiern die Johannisnacht ; im Feuerschein hab ich Euer Kind bei seiner Entführerin gesehen . Toll muß sie sein , und die Menge trunken . Berthulde , schlohweiß gekleidet , auf dem Haupte einen Kranz , hat vom hohen Felsen , an dessen Fuß ein groß Feuer lodert , zum Volke geredet . Mann und Weib sind hierauf wie närrisch um die Glut getanzt ; schwingen brennende Besen , gleich Flammenrädern . Burschen hüpfen mit ihren Dirnen jauchzend über kleinere Feuer . Kerle taumeln mit erhobenen Bechern , aus Tonnen wird Bier gezapft . « - » Gehen wir sogleich hin , « sagte ich mit erneuter Angst . Aber Heinrich tat den Einwand : » Hinter dem Graben stehen gewappnete Wächter , die möchten uns leichtlich gefangen nehmen , weil wir fremd . Drum wollen wir uns gleichfalls mit Fichtengrün kränzen und so tun , als gehörten wir zum Sonnwendfeste . Ich nähere mich sachte dem Kinde und führe es unbemerkt beiseite . Ihr lauert indessen nahebei und deckt mit euren Pistolen meinen Rückzug , wann ich den Knaben bringe . « Sogleich schnitt Heinrich Zweige von den Fichten , und wir Frauen machten Kränze . Dann prüften wir die Pistolen und schlichen hinter Heinrich her zum Felsengipfel . Wie wir zur Lichtung kamen , war ich erstaunt , die Stätte gänzlich verändert zu finden . Wo früher Wald gestanden , war eine Matte . An den Felsen lehnte ein Balkenhaus , im weiten Kreise umgeben von Graben und Wall . Das große Feuer war nicht bei dem Gehäus , sondern auf des Felsens andrer Seite . Wie besessen tanzten bekränzte Männer und Frauen in bunten Kleidern um die lodernde Flamme , in die soeben ein Tannenwipfel gestürzt war , daß es prasselte . Vom Walde geborgen , schlichen wir an eine Stelle , wo wir aus nächster Nähe den Vorgang betrachten konnten . Was uns hinderte , vollends heranzukommen , war der Graben und dahinter der Wall , so mit zugespitzten Pfählen versehen war . Auf der Matte , die sich innerhalb dieser Wehr zum Abendburgfelsen hinan erstreckte , waren vereinzelte Männer mit Feuerrohren und Partisanen . Sie bewachten den Platz . Auf einmal kam neue Bewegung in die Menge , weil jemand etwas ausgerufen hatte . Man lief und drängte zum großen Feuer . Ein paar Geigen intonierten eine wildfeierliche Weise , und dann sangen Kranzjungfern : » Komm ins Leuchten , komm ins Leuchten , O du wunderweiße Braut ! Deine trüben Erdentage Sind nun alle , alle aus . O weh und juchhe ! O weh und juchhe ! Weinet und lachet : Lichtbraut ade ! Bald mit Flügeln angetan , Fleugst du wie der rote Hahn . « Da war auf einmal die bekränzte Berthulde auf dem Felsen , in ihrem weißen Gewand rot angestrahlt . Nicht weit von ihr stund mein kleiner Johannes , ebenfalls weiß gekleidet und bekränzt . Staunend hielt er das Fingerlein an seinen Mund . Mir jauchzte das Herz , daß mein Kind heil und munter . Ich wollte hineilen , ward aber von Sibyllen zurückgehalten . Den Arm erhoben , gebot Berthulde Stille , und dann brachte man ihr eine Harfe . Wie eine Verzückte starrte sie in die Glut und redete getragen zum Harfenschall : » Lichtsonne , Born der Lust ! « Wie eine betende Prozession murmelte die Menge : » Lichtvater in uns , nicht über uns . « Und Berthulde fuhr fort : » Zu deines Gottesleibes Gliedern heilige uns ! Absterben laß dein Kind der Schattentiefe , begrabe das Opfer in läuternden Flammen . « Gleich einem Widerhall scholl es : » Lichtvater in uns , nicht über uns . « Nach diesem Gebet gab Berthulde die Harfe zurück und sprach , erhoben die Hand : » Höret mich an ! Heilig ist die Stunde , da wir feiern des Lichtes Triumphieren , und weil allhie eine Braut stehet , sich hinzugeben der Flamme . Wohlan , lasset mich bekennen , wer diese Lichtbraut ist . Von Mitternacht aus dem Harzgebirge bin ich kommen , eine Flüchtige , nebst meinem Bruder . Dieweilen ich schon in der Heimat dem Lichtvater gehuldiget , haben mich die dummen Pfaffenknechte zu Asche brennen wollen . Eine Hexe haben sie mich gescholten , unwissend , daß die Hexen mit Magie das Beste zu erlangen suchen , was die Erde ihren Kindern darbeut : Lust und Minne ! Gern wär ich eine Hexe worden , habe mir auch ein magisch Ding zugelegt , denn auf minnigliche Lust ging all mein Seufzen aus . Ein ander Los indessen ward mir vom Lichtvater bestimmet . Zu seiner Lichtbraut hat er mich erkoren ; blieb mir doch das Glück der Minne alleweil versagt , als habe Frau Venussin den Auftrag , mir den Rücken zu kehren . Den ich zuletzt und am heißesten liebgewann , dessen Burg heut eingeweihet wird , auch er hat mich verschmäht - oh , verschmäht ... « Schmerzlich preßte die Tolle die Faust auf ihre Brust und starrte in die Glut . » Und warum verschmäht ? Ein sanft Weibsbild hat es ihm angetan und mir sein Herz entwendet . Ich aber habe meinen Dolch in ihr Herzblut getaucht , daß sie hingegangen ist , wohin sie gehört . Mag sie Halleluja singen in ihrem Pfaffenhimmel ! Ihr Herz hab ich bluten lassen , denn sie hat das meine zuvor bluten lassen . Und weil sie an mir zur Räuberin worden , hab ich ihr Kind geraubt ... Hie stehet es ja , das Schätzchen . « Heinrich wandte in stummer Frage sein Angesicht zu mir , Sibylle preßte meine Hand , ich war wie versteinert vor Angst . Die unsinnige Lichtbraut aber sank nach dem Auflodern ihrer Wildheit wieder in dumpfen Trübsinn . Griff sich an die Schläfe und sahe ratlos umher : » Was soll ich anoch allhie ? Will lieber tun , was mir bestimmt ist . Sterben will ich ... « Wie Verzückung kam es über sie : » Doch in Minne sterb ich , für meinen Liebsten sterb ich , für sein Lichtreich sterb ich , für euch alle sterb ich ! « Die Menschen drunten , mit aufgerissenen Augen regten sich murmelnd , und Zurufe kamen : » Heil Berthulde ! Lichtbraut ! Lichtvater in uns , nicht über uns ! « - » Ja , Lichtvater in uns - « triumphierte die Besessene . » Er bleibt in mir , ich bleib in ihm . Stirb dem finstern Abgrunde , so gewinnst du Geburt im seligen Lichtreiche . Gehet nun auch mein Liebster in das Reich - und bald wird er mir folgen - , hei , welch selig Willkommen beut ihm seine Verlobte ! Denn ich verlobe mich ihm , werde unauflöslich ihm angetraut durch freien Opfertod in den Flammen « ... » Um Gottes willen ! « raunte Heinrich . » Ich muß hin . Bleibet hier , rühret Euch nicht ! Ich will auf der andern Seite über Graben und Wall gelangen . « Und geduckt schlich er hinweg , während ich zitterte und vor Angst kaum vernahm , was die Tolle weiter redete . Doch klingt mir noch ein Kreischen im Ohre : » Und vor Lichtvaters Thron will ich weisen das Pfand meiner Minne , das ich mit mir nehme von dieser Erde ... Und sollt ich nicht rein genung sein , euch zu entführen , mag denn das andere Opfer die Erlösung vollbringen . Die geopferte Unschuld macht uneinnehmbar diese Burg . Nun ade , ihr alle ! Ein Ade auch meinem Liebsten ! Hineilen soll er , wo ich sein harre . Für mich hebet jetzo an der Hochzeitstanz . « - Und drunten sangen sie ; später - wie oft habe ich darüber grübeln müssen ! - sind mir die grausigen Worte , alles Einzelne , wieder deutlich geworden : » Springe denn , springe denn Deinen allerletzten Tanz . Morgen darfst du schweben In des ew ' gen Vaters Glanz . O weh und juchhe ! O weh und juchhe ! Weinet und lachet : Lichtbraut ade ! Laß die schwarze Erde stahn , Heim ins Lichtmeer sollst du gahn . « Indessen hatte sich die Hexe umgewandt und mit Lächeln meinem Knaben gewinkt . Ich war vor Grauen gelähmt , der Schrei erstickte in meiner Kehle . Und zur lockenden Teufelsbraut kam der kleine Johannes , wie ein Vögelchen vom Blick der Schlange in ihren offenen Rachen gelockt . Jauchzend nahm sie das Kind auf den Arm , küßte es und sprang in die Glut - mit meinem Kind in die Glut ! Ich sah Funkengarben , hörte den Aufschrei der Menge , dann fühlte ich in meiner wunden Brust einen Stich , heiß quoll es mir vom Munde , hintaumelnd verlor ich die Sinne . Wieder erwacht , lag ich im finstern Walde am rauschenden Bache . Sibylle netzte mir den Mund . » Mein Kind ! « wimmerte ich und hörte Heinrich schluchzen . » Still , still , « sagte Sibylle weinend . » Ergebt Euch in des Ewigen Schickung ; einst werdet Ihr Trost finden ob der harten Prüfung . Nur stille , stille ! « Und sie streichelte mir die Hand . Ach , wie höhnische Höllengeister kamen mir jetzo die Leuchtkäfer vor , so trunken durchs Dunkel taumelten . Was soll ich weiter sagen ? Höllenpein leide ich , sooft ich bedenke , was damals geschehen . Von Heinrich vernahm ich , er habe die tolle Berthulde niederschießen wollen , doch sei sie ihm mit ihrem Sprunge zuvorgekommen . Zurückgekehrt , habe er mich ohnmächtig gefunden , und auch Sibylle sei halb von Sinnen gewesen . Das Blut sei mir aus dem Munde gequollen , aus meiner Wunde müsse es sich in die Lunge ergossen haben . Ein wilder Taumel habe nach dem Opfer die Versammlung hingerissen . Ein Weinen und Jauchzen sei losgegangen , Weibsbilder seien in Entrückung hingesunken , schluchzend habe man einander umarmt , sei dann lachend ums Feuer gesprungen und habe emsig Holz hineingeworfen . Hätten damals die Grabenwächter besonnen gespähet , wir wären entdeckt worden und dann wohl des Todes gewesen . Aber die Wächter hatten sich nach dem Schauspiel umgewandt , und die ganze Teufelsgemeinde war von dem Opfervorgang derart hingerissen , daß sie für nichts andres Augen hatte . Auf mein Flehen trugen mich Heinrich und Sibylle fort . Ich wimmerte nur immer : » Fort von hier ! Die Hölle ist hier ! « Erst wie kein Laut und kein Feuerschein von der Teufelsmette mehr zu spüren , ward Rast gemacht , und ich lag zum Sterben erschöpft , von Fiebergesichten geängstet . Mein Gatte kann mitfühlen , was in der Mutter vorging , da sie ihr Kindlein , ihren einzigen Trost , so schaurig ins Flammengrab sinken sah . Verzweifelt bin ich zuerst an Gottes Barmherzigkeit , und die Folter hätte mir bald das Hirn zerrissen . Dann aber , im tiefsten Abgrund des Leides , spürte ich ein Fünklein , und innen klang mir ein sanftes Lied . Aus der Finsternis dämmerte und leuchtete ein Lichtkreuz . Und ich betete immerfort : » Selig , die da Leid tragen , denn sie sollen getröstet werden . « So bin ich langsam , ein neuer Mensch worden . Gottes Stille ist über mich kommen , ich habe gelernt , demütig alles hinnehmen , was seine Hand mir schickt . Im übrigen hat es sich mit mir folgendermaßen begeben . Heinrich und Sibylle hatten ihre liebe Not , als ich wegen meines Kindes Opferung halb von Sinnen und vom Blutverlust erschöpft war . Auf der Iserwiese war eine Baude gelegen ; dorthin brachten sie mich und pflegten mein länger als eine Woche . Wie ich dann halbwegs zu Kräften gelangt war , reiseten wir zurück nach Altenhain , wo Heinrichs krankes Eheweib nebst dem Kinde geblieben war . Ach wie blind waren wir - blind vor Entsetzen . Wir unterließen es , Näheres über die Teufelsmette zu erforschen - wiewohl die Rede der Lichtbraut ein Rätsel enthielt , von dem eine geheime Stimme in meiner Tiefe sagte : » Sollst es aufklären ! « Wir unterließen es , weil ich nichts hören mochte von dem grausigen Erlebnis , auch weil wir bald darauf von einem neuen Schmerz in Anspruch genommen wurden . Wir fanden nämlich Heinrichs Frau dem Tode nahe und kamen kaum rechtzeitig , ihren letzten Willen zu vernehmen . Mich bat sie , ihr Kind fürder als das meine anzusehen und bei ihren Lieben zu verbleiben . So hab ich es denn auch gehalten und habe mit Heinrich , der Feldweibel eines kursächsischen Regimentes war , länger denn ein Jahr Heereszüge mitgemacht . Immer herzlicher mir zugetan , hat er mich zum Eheweibe begehrt , von mir aber die Antwort erhalten , mein Gatte sei vielleicht noch am Leben . Mit Betrübnis hat Heinrich diesen Bescheid vernommen , sich aber nicht zufrieden gegeben und oft angedeutet , wie er auf meine günstige Antwort noch immer hoffe . Wie sein Regiment einmal am Flusse Unstrut quartierte , hat sich jenes Unglück zugetragen , das Du kennst . Klein Anneliesel , das mir anvertraute Mägdlein , ist , da ich im Behüten nachlässig gewesen und unter einem Weidenbaume eingeschlafen bin , beim Blumenpflücken ins Wasser gefallen und ertrunken . Drauf hab ich heftige Anklagen wider mich erhoben und nur den einen Trost vor mir gesehn , dem unglücklichen Vater durch alle mögliche Güte die Herzenswunde zu heilen , wenn anders dies möglich . Und aufs neue ist Heinrich in mich gedrungen , daß ich die Seine werden solle . Da deuchte es mich Pflicht , die Lücke in seinem Herzen auszufüllen , die seines Kindes und Weibes Verlust ihm gerissen . Und da er endlich meine Bedingung , daß ich ihm nach unserer Trauung nur Schwester sein wolle , bewilligte , gelobte ich ihm vor dem Geistlichen alle Treue , so er von mir beanspruchen durfte . Ein Trost ist es mir bei diesem Schritte gewesen , daß ich Heinrich bestimmen gekonnt , sein blutig Handwerk aufzugeben und nach einem friedlichen , unschuldigen Brote zu trachten . Schließlich ist uns das Glück zuteil worden , daß Heinrich das Hirtenamt auf dem Breiten Berge erhielt . Aber die Ruhe , so in den ersten Tagen unseres Hirtenberufes in den klaren Berglüften mein Herz besänftigte , hat gar bald einem wilden Sturme weichen müssen . Wie ich nämlich einen Besuch bei Petersdorfer Leuten gemacht und das Gespräch auf die Teufelsmette gelenkt habe , um Genaueres zu erkunden , da ist mir das Herz schier stillegestanden , als ich vernommen , Johannes Tielsch , der die Hexe Berthulde zu unsinniger Minne entzündet und so die Teufelsmette veranlaßt habe , sei anoch am Leben und in den Trümmern der ehemaligen Beste als Eremite wohnhaft . Meine Aufregung , ein seltsam Gemisch von Schrecken und Jubel , von Gram , Reue und Trost , hab ich vor den Leuten kaum hehlen können , als sie mir des weiteren über Dein Geschick berichteten . Zuerst mit Verzweiflung , dann mit trüber Ergebung hab ich bedacht , wie nah uns das Glück gewesen , da Du und ich und unser Kind auf dem engen Raum der Abendburg beisammen gewesen , und wie eine herbe Schickung gleich darauf den kleinen Johannes uns entrissen , seine Eltern aber voneinander geschieden hat , daß sie erst nach Jahren ihr Wiedersehen gefunden haben und dabei zögern müssen , einander in die Arme zu schließen . Und was nun weiter ? Was soll hinfürder mit uns zwei armen Herzen geschehen ? Mit stets erneuter Wildheit wird diese Frage meinen Johannes bestürmen , und alle Leiden wird er durchmachen , mit denen ich selber ringen gemußt . O wie bitter hab ich den Himmel verklagt : » Warum nur hast du der Frau , die ihren Gatten suchte , dicht vor ihrem Ziel ein Hemmnis in den Weg geworfen , das ihr Hoffen vereitelte und auch noch ein höchst jämmerlich Klagewort heraufbeschwört ? Mein Johannes kennt dies Wort ; es heißt : beinahe ! Beinahe wär ' s geglückt - so klagen unsere armen Herzen . Es fehlte nur diese oder jene Winzigkeit . Eine mißlungene Botschaft , ein eitel Gerücht , falsche Deutungen , dazu Tücke und Unzuverlässigkeit der Menschen - das alles hat neue Wirren zwischen den getrennten Gatten angestiftet , also daß sie nicht zueinander gelangten - nicht rechtzeitig ... Zu spät , ach zu spät ! Erst als ich des festen Glaubens , du seiest tot , Heinrichs Ehehälfte worden , hat die Sonne den Nebel zwischen uns beiden verscheucht , so daß wir einander mit unsern Augen gefunden haben . Da geht nun zugleich ein Jauchzen und ein Schluchzen durch unsere Seelen . Beglückt sind wir , weil jeder den andern noch am Leben weiß und nahe bei sich hat . Und doch können wir nicht unterlassen , bitterlich zu weinen , weil wir nicht unverzüglich einander in die Arme eilen können . Vor mir ist ja eine Kluft und hinter mir ein Band ; halt an , du ungestüm Herze , so weh es auch tut , wenn der Zügel zurückreißet und Sorge verstört . Solches Weh durchzumachen ist nunmehr Dein Los , teurer Mann . Und ich , obwohl allbereits etlichen Friedens teilhaftig , werde im Geiste bei Dir , Deine schaurigen Seelenstürme mitfühlen . Da ich indessen tief innen ein Plätzlein des Friedens gefunden , so möcht ich gern meinen armen Liebling aus seinen Kümmernissen an meine Seite retten und aus meinem gesammelten Seelenschatze erquicken . Wohlan denn , erwäge folgenden Trost , den ich für dich wie für mich ausfindig gemacht : Zum ersten : Wir dürfen nicht unbescheiden im Wünschen sein . Ein unsagbar Glück allerdings scheint es auch mir , so wir zwei beide endlich dauernd und friedreich einander als Gatten angehören . Ja , himmlisch wäre solch Los hier auf den einsamen Weidematten im Schutze der Waldberge . Doch nur des Himmels Güte - und ich meine den Himmel im Menschenherzen - nicht Ungestüm und Kampf , kann dieses Glück bescheren . Harren wir in Demut , bis er alles zum Besten fügt , trösten wir uns einstweilen mit der Gunst , die uns allbereits beschieden . Ist denn nicht das , was wir jetzunder schon haben , weit besser , denn ein ander Los , so uns doch auch nahe lag ? Mein Johannes hätte ja wirklich des Todes sein können , so daß uns in diesem Leben kein Stündlein des Wiederfindens mehr vergönnt wäre . Und Berthuldens Dolch hätte ein wenig tiefer treffen können , wo das Herz liegt . Nun aber leben wir beide und wohnen sogar nahe beisammen , dürfen wohl bald , ich hoffe in etlichen Monden , mit Heinrichs Einwilligung einander Liebes erweisen . Gestehe , Johannes : Ist das nicht ein Heil ? Drum sollst du stets ermessen , was du gewonnen hast , und sollst bedenken , daß die Entbehrung nur da Schmerzen macht , wo das Verlangen über die Habe hinausgreift . Zum andern : In dem jetzo eingetretenen Zustande haben wir beide Gelegenheit , jenes Eden zu erschließen , das mein Johannes seiner Thekla in einer unvergeßlichen Predigt gewiesen hat . Ist denn nicht die Minne , so wir füreinander hegen , wert , zu jener adligen Verklärung zu gelangen , so mein Johannes in Gesichten gekostet hat ? Ich nehme Dich beim Wort , verehrter Prädikante ; zeige jetzo , daß Du nicht bloß mit Traum und Rede gen Himmel zu fliegen verstehst , sondern daß die Beherzigung auf Adlers Fittichen nachfolgt . Auch das Wort ist ja wie der rauhe Abendburgfels . Die Tat erst wandelt ihn zum Königsschloß , drin güldne Schätze funkeln . So laß uns heben den wahren Abendburghort , geliebter Schatzbeschwörer ! Endlich wisse : unheilbaren Schmerz würdest Du mir zufügen , so Du es wagen solltest , vor mein Angesicht zu treten , ehe die Stürme Deines Herzens ausgetobt haben . Dies ist mein fester Wille : erst muß uns beiden die Läuterung gelungen sein , bevor wir einander der Gefahr aussetzen , durch das geliebte Bild zu neuer Glut entzündet zu werden . Insonderheit müssen wir an Heinrichs Seelenheil denken . Das ist gefährdet , sobald er in Dir den Nebenbuhler wittert ; Dich würde er verantwortlich machen für meine Sprödigkeit , und es grauset mir , so ich an die Heftigkeit seines Willens denke . Seiner ersten Frau , zu deren Tode , wie zum Tode ihres Kindes , mein Schicksal beigetragen hat , hab ich in die erkaltende Hand gelobet , ihre Lieben getreulich zu stützen . Heget nun mein Johannes anoch Minne für mich , so muß er mir beistehen in allem guten Trachten . Drum so darf nichts geschehen , was Heinrich in Eifersucht und Grämen stürzen könnte . Er weiß nicht , was Du mir bist - und einstweilen soll er nichts davon ahnen . Was den kleinen Johannes betrifft , den hält er für das Kind meines ungestümen Freiers Zetteritz . Laß ihn bei diesem Glauben ! Führen wir ihn zu dem Ziel , das Deiner heiligen Sehnsucht vorschwebt ! Bringen wir ihn dahin , daß er ohne Groll an meiner Linken , wie Du an meiner Rechten , die Schwelle des Himmelreiches überschreitet . Fühlen wir , daß uns diese Aufgabe gelingen wird , so mag es sein , daß wir beide einander von Angesicht zu Angesicht schauen . Vorerst suche keinen anderen Verkehr zwischen uns als den heimlichen Austausch von Briefen ! Ich flehe Dich an , laß dies unser Gesetz sein . Mag jeder dem andern schreiben , wie es ihm ums Herz . Laß uns aber zuvor die Herzen rein und schön machen . Den allerersten Brief sollst Du nicht eher senden , als bis diese Woche vergangen ist . Am Sonntag um die Mittagszeit , doch keinen Tag früher - es hülfe nichts - entzünde beim Hohenstein ein Feuer , nachdem Du Dein Schreiben wohlverwahrt in den hohlen Buchenbaum beim Kesselstein getan , Du kennst den Felsen mit der kesselartigen Grube gegenüber dem Schreiberhauer Wachstein . Sehe ich Deine Rauchsäule , so sende ich meine Schwäherin Sibylle , in allem meine treue Vertraute , zum Kesselstein , Dein Briefel zu holen . Im Baume wirst Du ein Schreiben von mir jedesmal vorfinden , wenn vom Breiten Berge eine Rauchsäule das Zeichen gegeben hat . Nun denn , mein Hirt und Heil , halte stets den Geist der Güte und Weisheit im Herzen und übertritt nicht das Gesetz , so unverbrüchlich zwischen uns beiden walten muß . Die Treue zu Heinrich darf nicht verletzt werden . Harre aus , Geliebter - ringe nieder , so heißes Ungestüm Dich hinreißen will - laß den Winter vergehen - dann im Lenze vielleicht ... Einstweilen gibt es keinen anderen Weg für Dich als den von Deiner Thekla gewiesenen . Liebst Du sie wahrhaft , so mußt Du den Gott in ihrem Herzen walten lassen . Gewiß , das tust Du , fromme Seele , und so wirst Du nach Versuchungen und Schmerzen als Sieger vereinigt werden mit Deiner Dich segnenden Hirtin Thekla . « Das letzte Abenteuer Vom Frieden der Abendburg Nachdem ich diesen Brief gelesen und aber gelesen , verfiel ich in langes Weinen - wie ein schwaches Kind , ohne Beistand , ohne Rat . Unverdientermaßen peinvoll nannte ich mein Los und wußte vorerst nichts besseres , als mich zu bedauern . Und wie ich dem Geschicke grollte , so mengte sich Bitterkeit sogar in meine Liebe . Wohl lohete sie auf wie ein Waldfeuer , doch beizender Qualm kam heraus . » O Thekla - jammerte ich - bringst du es übers Herz , mich von dir wegzubannen ? Warum eilt die Gattin nicht in ihres Gatten Arme ? Warum versteckst du dich hinter dem andern Mann und erkennst ihm Rechte zu , die er doch gar nicht hat ? Ungültig ist ja deine Trauung mit ihm . Mir warst du früher angetraut , und nicht zur Witfrau hab ich dich gemacht . Die Meine bist du , Thekla , zögere nicht ! Was soll mir , der ich lang auf dich geharret und nun vor Sehnen verschmachte , was soll mir noch fürdere Wartezeit ? Bin ich ein Büßer , der fasten soll ? O grausam wäre das ! « So machte mein Ungestüm einen Rebellen wider den Wunsch der Liebsten . An ihre flehentliche Bitte , vorerst nur brieflich mit ihr zu verkehren