war ein kleines dürftiges Haus , sie traten in die Stube und fanden sie dunkel . » Wer stört einen sterbenden Juden ? « stöhnte eine leise , hohle Stimme aus dem Winkel . Joel , mit der Örtlichkeit vertraut , ging ein paar Schritte seitwärts und machte Licht . » Weh mir , wer dringt in mein Haus mit Gewalt ? « sprach stärker die traurige Stimme . Valerius sah zwischen dem Ofen und einem alten Schranke in schmutzigem Pelzrocke eine Gestalt hocken , zusammengekrümmt , mit langem , schneeweißem Barte und kahlem Haupte : er hätte von selbst Manasse nicht wieder erkannt . » Vater Manasse ! « sprach Joel leise . » Gott meiner Väter ! meine Ohren sind stumpf , meine Augen sind stumpf , aber das ist ein Paradiesesodem , der mich umweht ! « Und lang auf richtete sich die magere todesartige Gestalt und streckte die zitternden , dürren Hände vor . » Vater Manasse , es ist Joel , Euer Kind ! « Die Erkennung und Begrüßung hatte etwas schauerlich Heftiges , Konvulsivisches . Der Alte fiel darauf erschöpft zusammen , und mit den Worten : » Nun , Gott Abrahams , laß deinen alten Manasse in Frieden fahren , du hast meine Gebete erhöret , « ward er bewußtlos . 33. Manasse lag auf dem Tode ; die letzten Monate , wo er sich von seinem Sohne verlassen glaubte , wo sein Besitz in fortwährender Gefahr schwebte , hatten ihn reißend schnell ans Grab geführt ; der Freudenmoment des Wiederfindens hatte seine Kraft erschöpft . » Behalte , mein Sohn Joel , behalte den Rock , den du zur Freude deines Vaters wieder angezogen hast ; bleibe ein Jude , und du behältst dein Volk zum Troste , deine Väter und das Unglück deiner Väter , du behältst reine Tränen und ein stilles Herz ; laß mich gelitten haben für dich , mein Sohn ! Ich habe gelebt unter den Christen , mit ihnen , für sie , ich habe eine ihrer vornehmsten Töchter geliebt , sie hat mich wiedergeliebt , solange sie mich hielt für ihresgleichen , du bist ihr Sohn , Gott meiner Väter , verzeihe mir diesen Abfall von meinem Volke , verzeihe mir dies Geständnis , es ist mein einziges Kind , dem ich ' s sage , die Wege der Menschen sind wunderbar , es kann ihm nützen ; die schöne Dame , Joel , die du gesehen hast bei des Herrn Grafen Stanislaus stolzem Vater , die schöne Dame aus Deutschland ist die Tochter deiner Mutter . Gottes Wunder ! ich habe sie angeschaut , als sie bei mir vorbeigeritten ist , in Warschau , wie ein kindischer Knabe , sie sieht ähnlich ihrer Mutter , wie du mir siehst ähnlich , Joel , da ich jung und töricht war ; das Herz ist mir im Leibe gesprungen , ich habe eine sündliche Erinnerung gehabt an die Zeit , wo ich meinem Volke untreu ward mit einer Tochter der Abgefallenen , ich habe es gebüßt mit einer strengen Strafe , die ich mir auferlegt . Frage nichts , mein Sohn , es wird mir sauer , davon zu sprechen , im schwarzen Kästchen findest du Briefe und Zeichen , es wird mir schwach , mein Sohn , rücke mir das Kopfkissen . « - In dem Augenblicke drang wilder Lärm ins Haus ; die Russen hatten Kunde erhalten von den Fremdlingen , die Manasse beherbergte , von Manasses Reichtume , den er vergraben halte ; Valerius flüchtete auf Joels Geheiß hinten aus dem Hause , Manasse , im Sterben gestört , riß sich mit letzter Kraft aus dem Bette und stellte seine Entsetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen . » Ich habe nichts als mein Kind Joel , weicht von der Schwelle eines sterbenden Mannes , oder der Fluch Adonais zerschmettre euer Gebein und eure Seelen . « Man stieß ihn beiseite und durchsuchte das Haus ; er war auf die Erde gefallen , und der starke Wille rang mit dem stark eindringenden Tode . Unter polterndem Geräusch , mit diesem oder jenem beladen , fluchend zogen die Soldaten wieder ab - » steig in den Keller - Joel , grabe links im Winkel - schnell - bring mir das schwarze Kästchen - schnell . « - Joel wollte den sterbenden Vater nicht verlassen , aber krampfhaft schleuderte ihn dieser von sich - » das Gold allein - erhält uns - in der Menschenwüste - fort , Joel ! « - Joel eilte in den Keller , fand das Kästchen und brachte es Manasse , der mit brechenden Augen und schwer arbeitender Brust am Boden lag . Beim Anblick desselben öffneten sich noch einmal die Augen weit , er griff danach und stieß noch folgende Worte schnell heraus : » Ich habe edel sein wollen , sie haben mich verachtet - ich habe mich um nichts mehr gekümmert als um das Geld , es ist das beste , was wir haben , mehr ' es , ach , Joel , mein Sohn ! « - Das Kästchen entfiel ihm , er griff mit den magern Händen heftig nach dem Gesichte seines Kindes und verschied . Tief im Hintergrunde des Gemütes lagen bereits diese Verwüstungstage , als Joel , ein wandernder Bandjude , und Valerius , ein Bauer im südlichen Polen , über die Fläche hinstrichen - es war über einen Monat seit dem Falle Warschaus vergangen , so langsam hatten sie laviert , um durch den herrschend gewordenen Feind hindurchzukommen bis in die Nähe des Krakauschen Gebietes . Unterdessen war die polnische Armee nach mancherlei stürmischen Versuchen in der Wahl eines neuen Generalissimus , in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preußische Grenze gedrängt worden , war dort übergetreten , hatte die Waffen niedergelegt , war aufgelöst ; unterdessen war auch der rauhe Herbstwind tätig gewesen , das Laub fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen , der Himmel ward grau und grauer . Die beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen , nur zuweilen , wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie gestärkt hatte , sprachen sie , und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen , und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus . In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung , und an einem bleichen Nachmittage , als sie , eine solche verlassend , wieder ins Freie traten , sahen sie am Horizonte Krakau , die alte ehrwürdige Polenstadt , die Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen , vor sich mit den plumpen Türmen . Sie setzten sich unter einen Eichenbaum , der spärlich gegen den rauhen Wind schützte , und verzehrten ihr hartes Brot , zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln hatte . Als das kümmerliche Mahl beendigt war , sahen sie noch lange schweigend in die traurige Welt hinein ; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde zerstreut umher - das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt ; ein Mensch war nirgends zu sehen . » Das Studium der Weltgeschichte , « hub Valerius an , » ist unser trauriger Trost ; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr , eine neue Erklärung derselben , und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost , weil wir uns immer erst beschwichtigt glauben , wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind . Menschen ! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick , damit wir unsere Schwäche vergessen . Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche Forderung , daß Polen bestehen müsse , das Schicksal entscheidet anders , wir erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement , damit wir unter einem neuen welthistorischen Gesetze doch den Anschein bewahren , als beherrschte unser Geist die Welt . Menschen ! Und wir sind einer wie der andere . Ich habe nun die Polen gesehen ; sie sind wieder besiegt , und ich glaube jetzt , sie werden nie siegen , sie werden zermalmt unter einer großen historischen Kombination . Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch frische , von aller Kultur unberührte Völker . So kamen einst die Römer gegen die Griechen auf , die Germanen gegen die Römer . Die asiatischen Slawen haben ihre Zeit noch nicht gefunden , vielleicht finden sie selbige nie , sie scheinen unschöpferisch , in der Einzelheit unbegabt ; vielleicht bilden sie doch einst ein neues großes Element der Weltgeschichte . Aber ihre Vorposten sind sicher verloren , wie es einst den Vandalen , den Alanen , selbst den Hauptstämmen der Goten ergangen ist : der Wende , der Obotrite , Wilze , Leche ist früh zertreten worden , der Böhme und Mähre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen , der Pole ist tief angesteckt von alt- und neueuropäischen Verlangnissen , Ideenrichtungen , er will sogar nichts Eigenes mehr als einen Namen , er verlangt halb französischen halb sonstigen Zuschnitt ; deshalb hat der Pole keine Zukunft , er unterliegt dem eigentümlicheren Rußland . Findet dieser Repräsentant des mächtigsten Slawentums , findet er Regenten , die ohne Rücksicht auf das alte Europa Rußland in ganz eigener Nationalität zu einer Gewalt aufbilden , so kann ein neues welthistorisches Element entstehen , das bisheriges freilich zermalmen müßte . Selbst ohne so große Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte als Polen verloren sein , und was jahrhundertelang sich verliert , das wird ein anderes . Lasset singen : Jetzt ist Polen doch verloren ! Wer sich töricht unterfängt , in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern und ändern zu wollen , wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit versuchten , der beklage sich nicht , wenn er zugrunde geht . Handle , wer sich berufen fühlt , aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen , was werden soll ; wir kennen die Welt nur einen Schritt weit . Ich will in meine Heimat gehen , mir eine Hütte bauen , das Weite auch ferner betrachten , aber nur fürs Nächste wirken . Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder erwachend jüdisch Reich , ist das nicht euer Hauptunglück ? Warnet die Polen , damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europäische Juden werden ? Ihr wollt es heut noch nicht glauben , daß ihr in einem neuen Umschwunge der Welt verloren gegangen seid , und so seid ihr der ewige Jude geworden , der nicht sterben kann und überall leidet . Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen ! Wer nicht sterben kann , lebt auch nicht . Diese Welt kreist einmal nur zwischen Leben und Sterben . Wie glücklich sind die Schotten in Engländer aufgegangen , wie schwer wird den Irländern der Tod , die schon lange Engländer sind , wie bedroht jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien , wie ringt Spanien in tausend Schmerzen , weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten ! « » Wie sollen wir sterben , wir armen Juden ! weiser Christ ? « sagte Joel . » Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt , aufgeklärte Juden werdet , euch emanzipieren laßt , so sterbt ihr , freilich langsam und schmerzhaft . Von jetzt an , wo dieser Gedanke aufkommt , werden noch drei Generationen zuckend leiden , wenn ' s in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung über die Welt kommt . Gesteht ' s nur , daß ihr just darum so hartnäckig seid , weil das Christentum aus euch erwachsen ist , weil ihr die altklugen Väter bleiben , den überflügelnden Kindern nicht weichen wollt ; es gäb ' lang ' keine Juden mehr , wäre das Christentum unabhängig vom Mosaismus entstanden . « » Vorderhand will ich schachern ! « Mit diesen Worten erhob sich Joel , und die beiden Wanderer schritten im Winde , der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte , auf Krakau zu . Dritter Band Die Bürger 1. Hippolyt an Valerius . Zu Pferde , Kind , zu Pferde , Kind , Laßt uns die Welt durchreiten , Die Erde rennt so blitzgeschwind , Sie wird uns noch entgleiten . Weißt Du noch , mein Lieber , wie ich diesen Vers in die Luft hineinsang ? Ich wußte selbst nicht , wo er herkam . Wenn man ein wenig poetisches Geschick hat , da treten oft die verborgensten Gedanken des Innern plötzlich als kleine sangbare Verse auf unsere Lippen . Das ist das Geheimnis der Poesie und der Welt , am Ende weiß kein Mensch , wie er zur sogenannten Wahrheit kommt , auch die Gedanken sind Zufälle oder göttliche Ordnung . Es war damals ein schöner , frischer Sonnenmorgen , und wir ritten über die taublitzende Fläche hin , die Augen nach den fernen , dampfenden Bergen richtend . In der Kraft unseren Jugend , in der Frische des Morgens fühlten wir allen Reiz des Daseins , und schworen lustig hinauf zum Himmel , daß diese Welt zur Freude geschaffen sei , zum Tummelplatze des kecken , mutigen Menschen , und daß wir das beweisen wollten durch unser fröhliches Wanderleben bis zum lachenden , munteren Tode selbst . Das alte Europa , das damals seine morsche Hülle kaum geschüttelt hatte , wollten wir verjüngen helfen , wir jungen , romantischen Narren ! Nun , Freund , wir leben doch für etwas , wenn wir auch den Schmetterling nicht mit drei schönen Worten aus der Puppe locken ; alles , was geschieht , ist interessant für uns , wir sehen überall neue Jugend sprossen . Wenn wir uns auch tausendfach irren , so leben ' wir doch , das heißt , wir empfinden nach allen Richtungen unsre Existenz , wir haben Interessen , und der Tod findet doch etwas an uns zu töten , der nächste Planet etwas fortzusetzen . Unsre übermütigen Jugendpläne , die Welt umzugestalten , haben wir wohl zum Teil aufgegeben , wir sind erschrocken vor der Mannigfaltigkeit der Welt , vor der Unerschöpflichkeit ihrer Verhältnisse und Zustände . Aber so kleinmütig und verzagt wie Du , mein Freund , bin ich noch lange nicht . Pfui ! was war das für ein mutloser Brief , den Du mir aus Warschau geschrieben ! Kopf in die Höhe ! Vielleicht finden wir schon nach den nächsten Schritten das Absolute , worin alle Schönheit und Herrlichkeit zusammengedrängt ist , das Zauberwort , das alle Geheimnisse löst . Immer weiter im einmal begonnenen Laufe , » Laß brausen , Freund , laß brausen , « wir sind einmal auf dem Wege , und Kinder und Weiber kehren um , wenn die Wetter losbrechen und alles stürzt und fällt . Ja , es ist wahr , anders ist ' s gekommen mit der revolutionären Zeit , als wir erwarteten , es hat manchmal das Ansehen , als trieben Kobolde ihr Spiel mit uns , als sei das Neue schlechter als das Alte , der üppige Kaufmann mit dem Geldbeutel in der Hand widerwärtiger als der alte Adelige mit dem Stammbaum ; aber nur weiter , Freund , weiter ! Wenn der Gedanke , wenn die Theorie nicht mehr recht behalten soll , dann müßte ja die Vernünftigkeit der Erde und mit ihr die Erde selbst zugrunde gehen . Der Gedanke ist ja der Geist Gottes . Ich habe Dir seit dem Sommer 30 , seit Paris , nichts mehr über mein Leben geschrieben . Offen gestanden , Freund , jenes deutsche Mädchen , jene zauberische Julia hat soviel von meiner ursprünglichen Kraft zerbrochen , daß ich seit jener Zeit nicht mehr gern von mir erzähle . Wir sind wie die Weiber : wir gestehen es uns nicht gern , daß wir älter und somit unmächtiger werden . Julia hat mir das fabelhafte Vertrauen auf meine Kraft und Macht geraubt , und dadurch den Zauber meiner Jugend erschüttert . Sie war das erste Mädchen , das mir widerstand . In jener Nacht , wo ich alles vergeblich aufgeboten hatte , um sie zu erweichen , rannte ich wie toll durch die Straßen von Paris , ich stürzte mich in die Seine , um meine Glut zu kühlen , meine Eitelkeit und Zuversicht waren ins Herz getroffen . Ich kenne den sentimentalen Liebesjammer nicht , den die Deutschen so ausführlich beschreiben , und woraus sie eine Art von Poesie gemacht haben , Wehmut und Tränen kamen mir also nicht zu Hilfe , um die wilde , unbefriedigte Kraft in mir zu brechen , sie mußte daher in sich selbst vertoben . O es war eine grausame Wirtschaft ! Als die Ruhe wiederkam und ich mich umsah , da graute mir vor diesem neuen Wesen in Frankreich . Die Lüge hatte den Kampfplatz behauptet , in lauter Täuschungen ließ sich das leichtsinnige , törichte Volk herumschaukeln , und es schnitt mir durchs Herz , wenn ich den Jubel ansah , welchen sie beim Anblicke ihres neuen Königs erhoben . Dieser Bürgerkönig Ludwig Philipp ist der größte Repräsentant unserer jetzigen Tage , Gott geb ' es , nicht der neuen Zeit . Er ist wirklich der Held einer Durchgangsepoche , welche die Winde beflügeln mögen , und man darf ihm den Ruhm einer gewissen Größe nicht versagen . Er hat nicht nur das alte Bourbonentum und alles , was um und dran war , bezwungen , nicht nur die Jakobiner unterworfen , sondern allen Liberalismus bewältiget . Man kann ihn Ludwig XIV. des neuen Jahrhunderts nennen : jener hat die Aristokratie gestürzt und ward der Abgott des Adels , dieser hat die Demokratie unterdrückt und heißt der Bürgerkönig . Er besitzt alle Eigenschaften , die zu einem Helden dieser neuesten Art nötig sind , er ist klug , sehr klug , und zwar beinahe so klug als Talleyrand , denn er hat ' s lange nicht merken lassen , daß er klug ist . Er vermeidet ferner die Extreme , setzt Krieg oder Frieden nie auf eine Karte , und wenn er ' s einmal öffentlich tun muß , so spielt er privatim eine ganz andere , sichere Partie . Das Repräsentativsystem , das sonst den Königen hinderlich war , ist durch seine Klugheit für ihn die bequemste Regierungsart geworden : ist die öffentliche Partei im Nachteile , so tragen die Minister Schande und Verlust , der Thron desavouiert sie und zeigt bescheiden , wie er bereits privatim viel vorteilhaftere Dinge vorbereitet habe ; siegt das Ministerium , so schließt er sich emphatisch diesem Siege an , zuckt die Achseln zur Privatpartei und bedauert gegen die fremden Gesandten , daß ihm die Hände gebunden seien . In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierten die Abenteurer aller Art mit kecken Lügen und Intrigen einen großen Teil von Europa ; an die Stelle jener berechnenden Personen sind jetzt berechnete Begriffe getreten ; man herrscht jetzt mit einer gewissen Staatsalgebra , und in kurzer Zeit ist aller Fortschritt , den wir erwarteten , auf ein paar Formeln gezogen , diese werden studiert , die neue Wissenschaft ist fertig , ihr Ursprung und Beikram werden auf die Seite geworfen . Als der Adel gestürzt ward , kam der Despotismus an die Reihe , diesen stürzten die Jakobiner , die Jakobiner unterlagen den Soldaten , die Soldaten überwältigte das Geld . Und das Geld herrscht heute noch , denn die Bildung , deren Herrschaft wir zu befestigen glauben , steht im Solde des Geldes . Ludwig Philipp ist auch der König des Geldes , und die Börse bedeutet jetzt Frankreichs Generalstaaten . Was ist nun geblieben von der alten Poesie der Herrschaft ? Etwa die Tapferkeit ? Allerdings ist eine gewisse Tapferkeit noch zu finden . Aber diese Tapferkeit hat nichts von jener poetischen Eigenschaft , die wir so nennen , sie ist die Tapferkeit des Kaufmannes , der sich für seine besseren Warenballen schlägt , der aber den Kampf aufgibt , wenn er bedenklich wird , um wenigstens einen Teil jenes Vermögens zu retten . Es ist nichts mehr von dem ritterlichen Elemente des Streites zu entdecken , nichts mehr von romantischen Fratzen jenes Schlachtrufes : » Sieg oder Tod , König oder nichts ! « nein , » Alles oder doch etwas « heißt die neue Parole . Diese Prosa beugt mich zu Boden . Die Poesie des Rittertums haben wir gestürzt , und um die Poesie des Liberalismus sind wir vorläufig gebracht . Wird die Zeit kommen und wann wird sie kommen , wo die Geldinteressen wieder die zweite , unterstützende , nicht aber herrschende Stelle einnehmen werden ? Frankreich , als Flügelmann Europas , ist auch das Horoskop Europas . Über kurz oder lang sinkt auch die englische Aristokratie unter den Zahlen der britischen Kaufleute , und so geht ' s weiter . Oder ist nicht eigentlich jetzt schon das Geld ein wesentliches Moment der englischen Lords ? Besitz ist die Losung unserer Tage , und die Kultur , wenn sie was gelten soll , muß sich ebenfalls danach richten . Erfinde eine Poesie des Besitzes , oder wir gehen unter in dieser breiten Prosa . Du hast recht , wenn Du mir Vorwürfe machst über mein völliges Stillschweigen seit so langer Zeit , ich hatte aber auch recht . Ich fing an , einherzutappen , statt einherzuschreiten durch die Welt . Soll ich meinen Freund mit herumzerren in der trunkenen Bewegung ? ! Schon bin ich wieder fester , und da bin ich auch wieder bei Dir . Wo Dich meine Briefe treffen werden - denn jetzt werd ' ich Dir öfter schreiben - weiß ich nicht ; ich will sie alle nach Grünschloß schicken , früher oder später kommen sie Dir von dort sicher in die Hände . Warum nicht nach Warschau ? Weil ich jeden Tag dachte , Warschau ist wieder russisch , und nun ist ' s soweit , und Leopold sagt mir , Du seiest über die Brücke , wer weiß wohin ; es ist zuviel brutale Eitelkeit der Personen unter jenen Starosten , als daß ihnen etwas gelingen könnte , was sie gemeinschaftlich unternehmen . Warum ich nicht zu euch gekommen bin ? Ich weiß es selbst nicht . Ich habe die Polen früher nicht leiden mögen , ich sah sie nur in der Fremde mit ihrem Stolze , ihren Bedienten , ihrer abstoßenden Nationalität - diesen Krieg erwartete ich nicht von ihnen . Und Du weißt , ich handelte immer weniger nach allgemeinen Begriffen , mehr nach besonderer Vorliebe , als Du , mein objektiver Freund . Du schreibst von einer Goldrolle , die ich Dir mit meinem letzten kurzen Briefe nach Warschau geschickt haben soll . Das ist ein Irrtum , mein Billett ging allein an Dich . Nun will ich Dir erzählen . Ich verließ Paris . Ungern , ja mit Schmerz schied ich von den Franzosen . Sie sind und bleiben das liebenswürdigste Volk der Welt ; selbst ihre Irrtümer und die Täuschungen , welche sie erleiden , keimen aus ihrer Liebenswürdigkeit . Eine gewisse Ritterlichkeit hat immer ihre Mißgriffe erzeugt , auch die letzten . Wenn sie sich wie die Helden geschlagen hatten , dann verziehen sie auch großmütig wie die Helden . Der ganze moderne Wirrwarr selbst mit Berechnung und Geld wird von ihnen und durch ihre Lebhaftigkeit so bunt und interessant ausgebildet , daß er immer noch einen Schimmer von Poesie behält . Ist ihnen auch oft die Freiheit wieder entglitten , die Gleichheit haben sie aus allen Stürmen gerettet ; der reiche Bankier und der ärmste Journalist , einer repräsentiert seinen Monsieur wie der andere ; und das ist nicht etwa gesellige Duldung mit allerlei Rückhaltsgedanken , wie man sie in den besten Gesellschaften Deutschlands findet , nein , es ist eine Sache an sich , ein Absolutes . Jeder Mann gilt für einen Mann , und seine Worte werden nach ihrem absoluten Werte beachtet , nicht nach Rücksichten . Das Geld ist mächtig , aber nicht allmächtig . Keime zu allerlei neuen , lockenden Zuständen liegen überall am Tage , nirgends ist Tod und Erstarrung . Ich wollte mir das neue Königreich betrachten , das gegen alle diplomatische Erwartung aus den Niederlanden aufgewachsen war . Diese wilde Pflanze Belgiens hatte einen eigentümlichen Reiz für mich . Den Polen verzeihen die ärgsten Stabilitätsmänner in schwachen Stunden eine Revolution . Es ist Geschichte da , sagen sie , nationales , tiefes Element . Aber was wollen diese Belgier , deren Name so unbekannt und neu ist , wie die Namen Ligurien , Batavien und dergleichen , die aus dem französischen Paroxismus der neunziger Jahre hervorwuchsen ? Die Klagen dieses Volkes über Holland , fahren sie fort , sind nur Zeichen von eigensinnigem Übermut , das Ganze ist die frevelhafteste Revolution , die noch dagewesen ist . Gerade das interessierte mich . Ich glaubte eine mutwillige Freiheitssympathie darin zu finden . Es ist kein ordinäres , anständiges Mädchen , dachte ich , das mit gutem Rechte eine Ehe verweigert , sondern ein eigensinniges , kapriziöses , wildes Ding , das als selbständiges Geschöpf auch seine Launen geltend machen will . Und Du weißt ja , solche Mädchen sind mir immer die interessantesten gewesen . Hier ist Natur , üppige Natur , Ursprüngliches , dort kaltes Produkt beschränkter Erziehung . So ritt ich denn im Spätherbst über die nördlichen Flächen Frankreichs dahin , immer hinab nach der Meeresniederung und sah mich an einem hellen Mittage in den breiten , glänzenden Straßen von Brüssel . Eine vornehme , blendende Stadt ! Ich betrachtete mir lächelnd die Kanonenkugeln , die in dichten Scharen aus manchen Häusern guckten , unwillige Zeugen der lärmenden Septembertage und der entschlossenen Holländer , diese schimmernde Stadt um jeden Preis wieder zu erobern . Ich brachte mein Pferd unter und eilte nach dem Park . Vielleicht war es hier das erstemal , daß ich den Kämpfen um Recht und Freiheit grollte , als ich so manchen der schönen , stattlichen Bäume , welche hier ihren majestätischen Schatten ausbreiten , zerstört , verstümmelt sah . Ein stolzer , ausgebildeter Baum ist wie ein fertiger , abgerundeter Mensch , seine Verstümmelung erinnert an Barbarei . Es war ein schöner Tag , wie ihn die späte Jahreszeit in diesen Gegenden bringt , und der Park war erfüllt von Spazierenden zu Fuß , zu Roß und zu Wagen . Ein gewisser Freiheitsübermut lag auf vielen Gesichtern . Eine gelungene Revolution macht stolzer als eine gewonnene Schlacht , man glaubt den eigenen Schulmeister überwunden zu haben , und der dünkt uns bekanntlich immer gelehrter und gewaltiger als alle anderen . Der Menschenschlag in dem neuen Belgien schien mir übrigens wirklich abgesondert und voll Eigentümlichkeit , und ich glaubte eine Menge historischer Schattierungen herauszublicken : spanisches , verschlossenes Feuer aus den Zeiten Philipps , französische Lebhaftigkeit , nördliches , behagliches , saftiges Fleisch , gemischte Charakterlosigkeit und was man dergleichen mehr beim ersten Anblicke zusammenfaselt . Einen jungen Mann , der neben zwei Damen hertänzelte , hatte ich mit eingerechnet , und je näher er heranschritt , desto mehr beschäftigte mich dies kleine , bewegliche französische Gesicht mit schwarzen , krausen Haaren , die unter dem weißen Hute hervorquollen , mit schwarzen , unruhigen Augen - denke Dir , wie ich über meine Klassifikationen lachen mußte , als ich in dem kleinen Männchen unsern Leopold erkannte . Er wurde schneller mit mir fertig : mich sehen , an meinen Hals fliegen , tausend Fragen ausstoßen , mich den Damen vorstellen , war das Werk von zwei Minuten . Diese Damen nun waren die Frau und Tochter eines reichen , vornehmen Advokaten , van Waelen . Die Familie ist sehr angesehen , und rühmt sich , mit spanischen Granden vermischt zu sein . Leopold hatte mich mit seiner schnellen Gewandtheit unter dem alten spanischen Namen vorgestellt , den ich seit Jahren beinahe vergessen hatte . Der gute Junge dachte nicht daran , wie dieser klangvolle Name ihm gefährlich werden könne . Er empfahl mich so vortrefflich bei dieser Familie , daß ich in wenig Tagen ein hochangesehener Hausfreund war . Frau van Waelen ist dreißig Jahre alt und eine strotzende flamändische Schönheit von hohem , vollem Wuchse , feurigem Auge , sie ist schweigsamen und dennoch innerlich lebhaften Temperamentes . Die besten , üppigsten Formen für einen Rubens , eine Frau für Promenade , Haus und Bett , wie sie ein Advokat nur wünschen kann . Stolz auf sich selbst , eitel auf ihre Tochter , kommt sie in die wunderliche Verlegenheit , ob sie die nahenden Liebhaber sich oder der Tochter wünschen soll . Denn Herr van Waelen ist ein langer , trockener Gesell mit einem buschigen Backenbarte , seiner einzigen Schönheit . Es war wirklich ein ganz neues Element , in dem ich mich beim Eintritte in dies Haus bewegte . Denke Dir eine Wohnung , die äußerlich unscheinbar , verschlossen aussieht und von Jalousien versteckt wird , und Du stehst mit mir vor van Waelens Hause . Ein blank schimmernder Klöpfel hängt auf der dunkeln , hell lackierten breiten Haustüre . Man klopft , die Türe öffnet sich durch einen Druck , der vom fernen Bedientenzimmer ausgeht , man tritt in einen weiten Hausflur , alles ringsum , Treppen , Türen , Dielen , glänzt von Glätte und Sauberkeit . Ein Besucher gleich mir , der mit der Lokalität schon bekannt ist , geht geradeaus , er weiß , daß die Treppen des Vorderhauses nur wenige Tage des Jahres , nur bei großen Festen betreten werden ; sie führen zu den Prachtzimmern , welche die Geschichte der Familie entfalten , Kunstarbeiten , die sich forterben , wie Schlösser bei deutschen Ritterfamilien . Der Blick nach einem breiten , viereckigen Hofe ist offen . Dieser ist mit Quadern gepflastert , ein offener Saal , ein kleiner Markusplatz , auf den Seiten von den Flügeln des Hauptgebäudes , hinten vom eigentlichen Wohngebäude begrenzt . Eine große Glastüre mit buntem Glase führt in das letztere und zwar unmittelbar in den Salon , wo sich die Familie gewöhnlich aufhält . Eine patriarchalische