Liebe ! Ihr kennt einstweilen fast nicht mehr als nur das Wort , noch aber nicht sie selbst in ihrer ganzen Fülle und Unendlichkeit . Ihr sprecht von Liebe und sprecht auch vom Leben , doch beides ist dasselbe ; nur eure Worte sind verschieden . Und weil sie das Leben ist , wird jede Lebensform und jede neu entstehende Welt aus ihr geboren . Hat diese Welt ihren Zweck erfüllt , die ihr anvertrauten Wesen zur Liebe zu erziehen , so übergiebt sie sie der Seligkeit und löst sich auf , um für dieselbe Aufgabe dann wieder zu erstehen . Dies ist der Zweck auch eurer Erdenwelt . Das Dasein auf ihr soll zum Leben , soll zur Liebe werden . Und dieses Ziel wird unbedingt erreicht , denn was ist euer Sträuben gegen die Allmacht dessen , der es will ! Ob ihr es leugnet oder eingesteht , es ist doch wahr , daß ihr in Liebe atmet und in Liebe lebt . Die größte Selbstsucht ist mit allen Regungen , die ihr entspringen , doch nichts und nichts als Liebe , wenn auch nur Liebe zu dem eigenen Ich . Daß dieses Ich ohne die andern Ichs unmöglich wäre , das ist der große , unwiderstehlich zwingende Grund , der im Verlaufe dessen , was ihr als Zeit bezeichnet , die Liebe zu sich selbst zur Bruder- und zur Menschenliebe macht . Dieser Mangel an Erkenntnis , dieses Sträuben des » Ich « gegen das » Wir « , umhüllt die Erde mit dem Dunkel , welches das auf ihr ruhende Auge der Seligen betrübt , obgleich wir wissen , daß es sich in Licht verwandeln wird und muß . Sobald wir diesem Dunkel nahen , scheide ich von dir , doch höre vorher meine Bitte : Laß es wenigstens in dir und auch um dich hell werden ! Streu Liebe aus ! Je mehr die Zahl der Menschen wächst , die dieses thun , desto mächtiger wirkt das Licht auch auf die andern , und desto eher erreicht das Geschlecht der Sterblichen das Ziel - - die Seligkeit ! - - - Nachdem er das gesprochen hatte , war es , als vermindere sich die Helle um mich her ; wir kamen durch ein immermehr sich dämpfendes Licht ; die unermeßliche Ferne , in welche ich vorher zu schauen vermochte , trat mir immer näher und näher , und in demselben Maße ging mir auch die Gabe verloren , die Worte des Engels und alles , was ich gesehen hatte , ohne Mühe zu verstehn und zu begreifen . Das ist die Erdennähe ! lächelte er wehmütig . Du hast die Furchtbarkeit der » Wage « empfunden ; vergiß sie nicht ! Laß alle die wiedergeschenkten Tage so sein , wie dein letzter war , dem du die Rückkehr zu verdanken hast , weil er der Liebe zu dem Feind gewidmet war ! Du wirst erfahren , daß es die Liebe war , die dich beschützte ; sei ihr dankbar dadurch , daß du in ihr die einzige Regentin deines weiteren Lebens anerkennst ! - - Ich weiß nicht , sah ich ihn schwinden , oder war ich es , der sich von ihm entfernte . Es wurde dunkler , immer dunkler um mich her und auch in mir selbst ; ich sah nichts mehr ; ich hörte nichts mehr und fühlte einen drückenden Schmerz auf meinem Herzen . Dann , als ich angstvoll lauschte , hörte ich eure Stimmen und öffnete die Augen . Ich lag neben einer Blutlache und besann mich auf alles wieder , an was ich nicht mehr gedacht hatte . Ich versuchte aufzustehen , und es gelang mir trotz des Druckes auf meiner Brust , der mich nicht emporlassen wollte . Jetzt hat er sich vermindert ; es ist mir wohler geworden . Und nun ich euch erzählt habe , was ich nicht aufschieben wollte , weil ich es zu vergessen befürchtete , bitte ich dich , Effendi , nach meiner Wunde zu sehen ! « Ich hatte ihm mit so gespannter Aufmerksamkeit zugehört , daß ich mich erst besinnen mußte , um seiner Aufforderung nachzukommen . Er mußte sich legen ; dann knöpfte ich ihm die Nimtaneh149 und das Qämihs150 auf und - - - konnte mich eines lauten Ausrufes des Staunens nicht erwehren . Es gab keine Wunde ; seine Brust war unverletzt . Ich sah nur eine dunkelgefärbte , unregelmäßig verlaufende Stelle , welche auf einen vorhanden gewesenen Druck schließen ließ . Welch ein Wunder ! Es war gar nicht anders möglich , als daß sich auf der Brust ein Gegenstand befunden hatte , von welchem die Kugel aufgehalten worden war ! Ich griff an die geöffnete Nimtaneh und fühlte in der Tasche einen viereckigen Gegenstand . Ich nahm ihn heraus . » Was suchst du da ? « fragte er verwundert . » Das ist mein Beschaïr el arba151 , welches stets in der Satteltasche steckte . Heute aber , als ich die Stelle von der Liebe zu den Feinden gelesen hatte , that ich es in die Brusttasche der Nimtaneh . Warum ich das that , das weiß ich nicht ; es fiel mir grad so ein . « » Aber ich weiß es ! Dein Schutzengel war es , der dir diesen Gedanken eingegeben hat . Das Buch hat dir das Leben gerettet ! « » Wie ? - Das Leben gerettet ? « » Ja ; steh auf und betrachte es ! Du brauchst nicht liegen zu bleiben , denn du bist gar nicht verwundet . Der Schmerz , den du auf der Brust fühlst , ist alles , was der Schuß dir hinterlassen hat . « Das gab nun eine allgemeine Verwunderung und eine noch viel , viel größere Freude . Dschafar Mirza , dem das kleine Evangelienbuch von mir geschenkt worden war , hatte es in Metall binden und ein silbernes Lesezeichen dazu fertigen lassen . Es hatte verkehrt , ich meine , mit der Anfangsseite nach innen , nach dem Körper zu , in der Tasche des Basch Nazyr gesteckt und war von dem Geschosse also auf die hintere Platte des Einbandes getroffen worden . Da diese Platte dünn war , hatte sie der Kugel nicht genug Widerstand geleistet ; diese war hindurchgeschlagen und auch so weit durch die Blätter gegangen , bis das Lesezeichen sie aufgehalten hatte . Dort steckte sie noch jetzt , nicht breitgeschlagen , sondern ein wenig abgeplattet . Der Schuß hatte also keine große Kraft gehabt . Es war ja , wie sich dann herausstellte , eine Pistole alter Konstruktion , und wahrscheinlich hatte auch das Pulver nicht viel getaugt . So war der durch das Buch verminderte Prall nicht einmal stark genug gewesen , eine Rippe zu verletzen . Schmerzhaft freilich war die Quetschung ; der Perser laborierte längere Zeit daran . Das Buch ging natürlich aus einer Hand in die andere , denn jeder wollte es nicht nur sehen , sondern auch genau betrachten . Als dies geschehen war , ließ ich es mir wieder geben und sah nach der Seite , in welcher das Zeichen gesteckt hatte . Welch eine Fügung ! Ja , eine Fügung war es , denn Zufall giebt es nicht für mich ! Die Kugel war fast durch das ganze Buch gedrungen , denn das Lesezeichen hatte fast ganz vorn , nämlich in der Bergpredigt , im fünften Kapitel des Matthäus , gesteckt , wo durch den verbogenen Rand des Zeichens ein kleiner Einschnitt entstanden war , welcher die letzte , im Buche sichtbare Wirkung des Schusses bildete . Und wo befand sich diese Stelle ? Ich hielt sie dem Perser hin und bat ihn : » Lies ! « » Warum ? « fragte er . » Das nachher ! Jetzt aber lies ! « » Es ist dasselbe , was ich heute früh gelesen habe : Ich aber sage euch : Liebet eure Feinde ; thut Gutes denen , die euch hassen , und betet für die , welche euch verfolgen und verleumden , auf daß ihr Kinder seid eures Vaters , der im Himmel ist , der seine Sonne aufgehen läßt über die Guten und die Bösen und läßt regnen über die Gerechten und die Ungerechten ! Hierher habe ich das Zeichen gelegt . « » Und was siehst du hier , grad neben diesen beiden Versen ? « » Ein kleines Loch , wahrscheinlich von dem verbogenen Zeichen ! « » Ja , aber für mich ist es noch mehr , und auch für dich soll und muß es noch mehr sein ! « » Was ? « » Du hast mir gesagt , dir sei heut früh der Gedanke gekommen , daß wir viel zu gütig gegen unsere Feinde gewesen seien ; um dieser deiner Schwachheit Kraft zu verleihen , habest du hier diese Stelle aufgeschlagen und gelesen . Das ist doch so ? « » Ja , so ist es . « » Nun , hier steht der Befehl : Liebet eure Feinde ! Vorhin erzähltest du , der Engel wünsche , daß dein ganzes , noch folgendes Leben so sei wie der letzte , hier vergangene Tag . Und hat er nicht auch ausdrücklich gesagt , daß es die Liebe sei , welche dich beschützt habe ? « » Ja ; das war eines seiner Abschiedsworte ! « » Nun , der Drang nach dem Gebote der Feindesliebe gab dir dieses Buch in die Hand . Aus Gehorsam für dieses Gebot schlugst du diese Stelle auf und legtest das Zeichen hinein . Grad bis hierher ist die Kugel gedrungen . Hier an dem Worte der Liebe hat sie ihre Macht verloren . Ist das ein Zufall ? « » Allah , Allah ! Nein , gewiß nicht ! « » Ich denke das auch ! Und jetzt fallen mir meine Worte ein , welche ich dir über das Evangelium sagte , kurz , ehe du erschossen werden solltest . Kannst du dich besinnen ? « » Nein . « » Ich versicherte dir , daß Gott , welcher von dir die Liebe zu den Feinden fordere , auch die Macht habe , dich grad durch diese Liebe zu retten . Ich sagte , sein Evangelium sei ein starker Schutz und Schirm selbst in der größten Todesgefahr , und vielleicht stehe dir die Hilfe näher , als du denkest ! « » Ja , das ist sonderbar , Effendi ! « » Nicht nur sonderbar ! Ich sprach von dem Schutze des Evangeliums , ohne eine Ahnung davon zu haben , daß dieses Buch der vier Evangelien in deiner Brusttasche steckte ! Und dazu kommt noch mehr . Besinne dich nur ! Als du davon sprachst , daß du mich im Jenseits um Verzeihung bitten werdest , sagte ich dir , daß ich dir schon verziehen habe , und fügte hinzu , daß Gottes Hand dich noch im letzten Augenblicke retten und sogar die Kugeln lenken könne ! « » Ich besinne mich . Ja , so sagtest du wirklich ! « » Und noch etwas ! Der Scheik sagte : Meiner Hand entkommt ihr nicht , so wahr euer Es Setschme , der Ort der Sichtung , nichts als Schwindel ist ! Du behauptest , auf Es Setschme und an der Wage der Gerechtigkeit gewesen zu sein ; dieser Ort ist also für dich kein Schwindel . Und schau : Wir sind ihm entkommen , wir sind frei , während aber nun er unser Gefangener ist und uns ohne unsern Willen sicher und wahrlich nicht entkommen wird . Ist dieses wiederholte und erstaunliche Zusammenstimmen der gesprochenen Worte mit den späteren Ereignissen Zufall ? « » Nein , nein ! « sagte der Perser . Und » Nein , nein ! « riefen auch Halef , Hanneh , Kara und alle , alle Haddedihn . » Entweder müssen wir uns für Propheten halten , « fuhr ich fort , » oder wir sind der Ueberzeugung , daß wir unter einer allliebenden und allweisen Führung stehen , welche für uns das Unheil in Heil , das Unglück in Glück verwandelt . Da wir aber nicht den Wahnsinn haben , zu behaupten , daß wir mit der Gabe der Weissagung ausgerüstet seien , so ist für uns nur die zweite Annahme möglich . Ich habe stets an Gottes Führung geglaubt ; ich werde an sie glauben und mich ihr mit herzlicher Zuversicht anvertrauen , so lange ich lebe , und ich bitte euch alle , dies auch zu thun ! Wir stehen hier an einem Orte , den wir wohl nie vergessen werden , an der Stelle eines Ereignisses , welches nicht bloß für Khutab Agha , unsern Freund , sondern auch für uns alle von der größten Wichtigkeit ist . Wir haben hier abermals eine Kijahma , eine Auferstehung von den Toten , erlebt . Sie mag uns nicht nur auf unsere einstige Auferstehung von dem leiblichen Tode hinweisen , sondern uns zu einer Auferstehung schon jetzt erwecken , zu einem Erwachen alles dessen , was noch tot und fruchtlos in uns liegt , zu einem Lebendigwerden besonders der Liebe , die uns gegeben ist , nicht , daß wir sie in uns vergraben , sondern daß wir sie von uns hinausstrahlen lassen auf jedermann , auf Freund und Feind , der mit uns in Berührung kommt . Ihr habt durch den Mund des Basch Nazyr die Worte seines Engels gehört , welcher sagte , daß dies der Weg sei zum klaren Lichte , zum wirklichen Leben und zur Seligkeit . Und in diesem Sinne wollen wir uns jetzt zusammensetzen , um Gericht zu halten , über die , welche sich so schwer gegen uns vergangen haben , daß sie nach dem Gesetze der Wüste nur den Tod erwarten dürfen ! « Es antwortete hierauf niemand . Selbst mein kleiner , sonst so sprechfertiger Halef war still . Die allgemeine Stimmung zeigte überhaupt einen Ernst , ich möchte sagen , eine Feierlichkeit , welche in diesem Grade und bei diesen Menschen nur bei höchst seltenen Gelegenheiten zu bemerken war . Mochte die Quelle , aus welcher die Reden und Darstellungen des Persers geflossen waren , sein , welche sie wolle , der Eindruck war ein ebenso tiefer wie nachhaltiger . Der Orientale ist für ein solches Hereinragen des Uebersinnlichen in das Sinnliche ganz besonders empfänglich , und ich bin überzeugt , daß ein Abendländer , der dem Basch Nazyr zugehört hätte , wohl schwerlich so unverständig gewesen wäre , über ihn und seine Erzählung zu lächeln . Ich bin ja auch kein Orientale , und das Leben hat mich gelehrt , allem , was mir unbekannt erscheint , zunächst kühl und forschend gegenüberzutreten ; aber das , was wir erst von Ben Nur und nun von dem Perser gehört hatten , kam mir denn doch nicht wie das ausschließliche Produkt eines kranken Gehirns oder wie die innere Folge eines äußerlichen Druckes auf die Herzgegend vor . Der Gelehrte wird zwar da gleich von Krankheit sprechen . Ja , krank war der Münedschi ; das ist nicht zu leugnen , und den Basch Nazyr hatte gar eine Kugel hingestreckt : aber der letztere war nach seinem Erwachen aus der Ohnmacht geistig völlig gesund und klar , und was den ersteren betrifft , so giebt es mehr als genug Gelehrte , sogar echte , richtige Zunftgelehrte , welche behaupten , es sei nicht durchgängig wahr , daß eine kräftige Seele nur in einem kräftigen Körper wohnen kann , sondern es habe sich umgekehrt sehr häusig erwiesen , daß die Seele erst und grad dann ihre Kräfte und Thätigkeiten entfalten könne , wenn die körperlichen Banden , in denen sie gefesselt ist , schwach und darum weniger hinderlich geworden sind . Was unsere Gefangenen betrifft , so hatten auch sie alles gesehen und alles gehört . Das Erwachen des Persers hatte bei ihnen gewiß dasselbe Erstaunen hervorgebracht wie bei uns . Höchst wahrscheinlich freuten sie sich nun desselben , denn sie glaubten wohl , der Umstand , daß die Kugel unschädlich gewesen sei , müsse uns zur Milde stimmen . Gesagt aber hatte keiner von ihnen etwas , kein einziges Wort . Der Münedschi saß mit geschlossenen Augen bei ihnen ; er rührte sich nicht , und wenn er ja einmal eine Bewegung machte , so war es diejenige des Rauchens , obgleich er seine Pfeife nicht in den Händen hatte . Was mit ihm geschehen werde , das hing ganz von dem Schicksale seiner Mekkanischen Gefährten ab . Dem Perser konnte ich in unserer gegenwärtigen Lage nur eine kalte Kompresse raten , welche von Zeit zu Zeit erneuert wurde . Er war schon sonst ein ernst angelegter Mann ; jetzt nun schien sich dieser Ernst verdoppelt zu haben , und ich will gleich bei dieser Gelegenheit bemerken , daß während unsers ganzen , spätern Beisammenseins nur sehr selten ein Lächeln auf seine Lippen kam . Die Wirkung der » Wage der Gerechtigkeit « , welche er , so oft er von ihr sprach , eine entsetzliche nannte , war keine vorübergehende bei ihm . An der Beratung über die Strafe , welche die Schuldigen treffen sollte , hatten folgende Personen teilzunehmen : Halef , Kara , der Perser , Omar Ben Sadek und ich . Es galt vor allen Dingen , festzustellen , wer sich an dem Kampfe gegen die Soldaten beteiligt hatte . Khutab Agha behauptete , gesehen zu haben , daß nicht bloß die Beni Khalid , sondern auch die Mekkaner geschossen hätten . Um sich Gewißheit zu verschaffen , ging Halef hin zu ihnen und fragte den Ghani : » Hast du auf die Soldaten geschossen ? « » Nein , « antwortete er . » Dein Sohn ? « » Nein . « » Einer deiner andern Gefährten ? « » Auch nicht . Warum hätten wir uns an dem Kampfe beteiligen sollen ? Es waren ja genug Beni Khalid da ! « » Glaubt ihm nicht ! « rief da der Scheik dazwischen . » Er hat gar wohl geschossen , und zwar mehrere Male ! « » So ! « meinte Halef . » Sein Sohn etwa auch ? « » Ja . « » Und die andern ? « » Diese ebenso ! Sie haben alle geschossen , alle . Nun aber sind sie so feig , es zu leugnen . « » Und du sagst diese dir vom Teufel eingegebene Lüge , um nicht der einzige zu sein , den die Strafe trifft . Du willst uns mit dir ins Verderben ziehen ! « rief der Ghani . Der Scheik antwortete ihm wieder , und so entspann sich ein Hin und Her von Schimpfworten , dem ich dadurch ein Ende machte , daß ich ihnen befahl : » Seid still ! Ich werde gleich sehen , wer die Wahrheit sagt ! « Ich untersuchte ihre Flinten . Sie waren alle geladen , aber auch ebenso alle vor kurzem abgeschossen worden . Um aber doch ganz sicher zu gehen , richtete ich die Frage an den Ghani : » Eure Flinten sind noch geladen ; das spricht für euch , denn der Kampf ist sehr kurz gewesen , und wenn ihr euch an ihm beteiligt hättet , so wären die Läufe leer . Ist es so ? « » Ja , ja , so ist es . Du hast das richtige getroffen , Effendi , « antwortete er . » Was hättet ihr auch jetzt oder in den letzten Tagen zu schießen gehabt ! Ich wüßte nichts . « Er ließ sich wirklich durch den beistimmenden Ton , in welchem ich dies sagte , irre machen und antwortete : » Nichts , gar nichts , Effendi ! Wir haben weder gejagt , noch sonst eine Gelegenheit zum Schießen gehabt . « » Wirklich nicht ? « » Nein . « » Auch nicht auf eurem gestrigen Wege , vom Brunnen weg nach Südwest und dann hierher ? « » Nein ! Du siehst also , daß wir unschuldig sind ! « » Ich sehe vielmehr , daß ihr schuldig seid . Es sind alle eure Flinten erst vor kurzem abgeschossen worden , und da du mir jetzt soeben bewiesen hast , daß dies nirgends anderswo geschehen ist , so ist es hier geschehen . « Da lachte der Scheik höhnisch auf und rief ihm zu : » Dummkopf ! Hörtest du es denn diesem Effendi aus dem fernen Westen nicht an , daß er von vorn ganz ungefährlich that , weil er dich von hinten packen wollte ? Das ist ein schlauer Teufel , an den du nicht reichtest , auch wenn du das Gehirn von hundert solchen Kerlen , wie du bist , unter deinem Schädel hättest ! Nun hat er dich gefangen , und ich habe recht behalten . Ich wiederhole , und ich mache keine Lüge : ihr habt vier oder fünf von den Soldaten erschossen ! Ich gebe mein Wort darauf , und da ist es wahr ! « Der Ghani war nun still , und das genügte ! Wir setzten uns zusammen . Die Haddedihn lauschten , damit ihnen kein Wort entgehen möge . Auch Hanneh hatte sich aus demselben Grunde ganz in unserer Nähe niedergelassen . Ihr liebes , gütiges und dabei doch so kluges Gesicht strahlte vor Stolz , ihren Sohn zum erstenmale in der Dschemmah , der » Versammlung der Aeltesten « , nicht nur zu wissen , sondern sogar zu sehen und sprechen zu hören . Sein Vater war nicht weniger von Genugthuung erfüllt . Er selbst gab sich sehr ernst und würdevoll , was ihm , dem Jüngling , gar nicht übel stand . Halef ergriff zuerst das Wort . Die Anwesenheit seiner Frau und seines Sohnes war für ihn eine sehr zwingende Ursache , eine seiner berühmten Reden zu halten . Ich kann sie hier übergehen und bringe nur den Schluß : » Ihr wißt , wie gerne ich meine Peitsche sprechen lasse ; aber nach dem , was wir von Ben Nur vernommen haben , bin ich gewillt , ihr von jetzt an weniger als früher das Wort zu geben , und hier , wo es sich um den Tod von soviel Menschen und auch außerdem um eine ganze Anzahl von Sünden und Verbrechen handelt , hat sie überhaupt zu schweigen . Eine Untersuchung ist nicht notwendig , denn die Thaten liegen offen und deutlich vor unsern Augen . Es kann sich nur um den Tod handeln . Den haben sie mehr als verdient . Stimmen wir schnell ab ! Das ist zwar nur eine Förmlichkeit , die aber doch erfüllt werden muß . Dein Urteil , Sihdi ? « » Ich will der Letzte sein , « antwortete ich . » So mag es nach der Reihe gehen . Khutab Agha , du sitzest neben mir . Also sag ' ! Nicht wahr , den Tod ? « Der Perser sah in die Weite hinaus , als ob er von dorther einen Rat erwarte . Dann antwortete er : » Nein ! « » Was - - wie - - ? Nicht den Tod ? « rief Halef erstaunt . » Nein ! « » Was sonst ? « » Ich begnadige sie . Sie mögen laufen ! Ich weiß , daß sie der Strafe nicht entgehen werden , nicht entgehen können ; aber ich will nicht derjenige sein , der das Tuch über ihnen zerreißt ! « » Das soll ich für Ernst nehmen ? « » Es ist mein Ernst . Und nun bitte ich dich , mich nicht weiter zu drängen ! Ich habe die Wage kennen gelernt und will erst selbst besser werden , ehe ich über andere richte ! « » Ich kann dich nicht zwingen und wünsche nur , daß du es nicht bereuen magst . Jetzt du , Omar Ben Sadek ! « » Ich stimme für den Tod ! « Das sagte er fest und streng und weiter kein einziges Wort . » Jetzt du , Kara Ben Halef , mein Sohn ! « fuhr der Hadschi fort . Es war ein jugendlich helles , gutes , freundliches Auge , welches Kara jetzt auf mich richtete . Daß er grad mich ansah , das war mir erklärlich , denn ich wußte ja , daß er schon als Knabe stets gesagt hatte , er werde sich alle Mühe geben , so zu sein wie Kara Ben Nemsi Effendi . Ich war selbst auch neugierig auf das Wort , welches wir aus seinem Munde hören würden . » Ich begnadige sie auch ! « klang es mild und doch so fest . » Allah ! Du auch , mein Sohn ? « fragte Halef . » Wahrscheinlich hast du es dir nicht recht überlegt ? « » Ich habe es überlegt . Allah verlangt Liebe , und ich gebe sie ; ich werde sie geben , so lange ich lebe ! « Da konnte ich nicht anders . Ich langte zu ihm hinüber und drückte ihm die Hand . Und von dem Platze her , wo seine Mutter saß , erklang der anerkennende Ruf : » Kara , mein Sohn , säßest du jetzt nicht in der Versammlung der Aeltesten , ich würde jetzt kommen und dich küssen ! « Er errötete , denn geküßt zu werden , wenn auch von der Mutter , ist etwas , wovon in der würdevollen Dschemmah nicht gesprochen werden darf . » Nun habe ich mein Wort zu sagen , « erklärte Hadschi Halef . » Ich stimme natürlich für den Tod und füge hinzu , daß das Urteil sofort zu vollstrecken ist , denn wir haben keine Zeit zum langen , nutzlosen Verweilen hier . Jetzt bist noch du als der letzte übrig , Effendi . Es sind zwei Stimmen für und zwei Stimmen gegen den Tod . Bei dir liegt also die Entscheidung . Darf ich vorher noch ein Wort sagen ? « » Ja , doch kurz ! « » Ich sehe nämlich ein , daß wir uns in Gefahr befinden , Thaten , welche gradezu zum Himmel schreien , unbestraft zu lassen . Das hat Ben Nur nicht gesagt und auch nicht gewollt ! Er hat von Richtern gesprochen , welche selbst in dem ärgsten Verbrecher noch den Menschen suchten , um ihrem Urteile Milde verleihen zu dürfen ; aber daß ein zwanzigfacher Mord keine Strafe finden soll , daß wir diese Menschen nach all den schweren Plänen und Anschlägen , die sie gegen uns hegten und nur deshalb nicht zur Vollendung bringen konnten , weil wir klüger , erfahrener und vorsichtiger sind als sie , freizulassen haben , das will selbst El Mizan nicht , die Wage der Gerechtigkeit . Was wird geschehen , wenn wir ihnen nicht die verdienten Kugeln geben ? Sie reiten fort und lauern uns wieder auf . Und können sie uns nichts anhaben , so leben sie in ihrer Weise weiter , und alle schlechten Thaten , welche sie dann begehen , haben wir zu verantworten und zu tragen , wenn wir dereinst durch die Pforte des Todes gehen . Wenn ich mir Mühe gebe , ein guter Mensch zu sein , so will ich mich ja hüten , nicht etwa durch meine eigenen , sondern durch die Thaten anderer doch noch hinabgerissen zu werden in den Abgrund des Verderbens ! Das habe ich geglaubt , noch sagen zu müssen , und das gebe ich besonders dir zu bedenken , Effendi . Ueberlege es dir wohl , ehe du das letzte , entscheidende Wort auf die Lippen nimmst ! « Der Hadschi hatte in seinem Leben wohl viel Ueberflüssiges gesprochen ; das jetzt aber war , wie mir schien , ein Wort zur rechten Zeit ! Ich gestehe , daß auch ich beabsichtigt hatte , Gnade walten zu lassen , nicht etwa aus falscher Liebesduselei oder um meinen Standpunkt als Christ besonders hervortreten zu lassen , sondern aus dem Grunde , welcher für mich in dem Namen lag : Ben Nur . Ich sage aufrichtig , daß ich noch unter dem Eindrucke seiner Reden stand , und grad hier , nicht fern dem Orte , an welchem er gesprochen hatte , widerstrebte es mir , das Blut von sechs Menschen zu vergießen , welche , mochten sie auch noch so schlecht gehandelt haben , doch die Entschuldigung für sich hatten , Angehörige einer Bevölkerung zu sein , welche den Raub als eine Art ritterliches Handwerk betrachtet . Aber die ernste und sehr begründete Vorstellung Halefs war zu beherzigen . Ich überlegte . Leider sollte nur eine Strafe geltend sein , die Todesstrafe . Wäre diese Bedingung nicht gemacht worden , so hätte sich wohl ein Weg oder ein Mittel finden lassen , die Sühne ohne Blutvergießen mit der Schuld in das möglichste Gleichgewicht zu bringen . Die Hauptschuldigen waren unbedingt der Scheik und der Ghani ; wenn diese - - - ja , das war es ! Auf diese Weise konnte ich hier der Strenge und dort der Milde gerecht werden : diese beiden sollten bestraft , die andern aber begnadigt werden ! Als Halef , dem mein Nachsinnen zu lange dauerte , mit einem : » Nun , Effendi ? « drängte , beschloß ich , demgemäß zu sprechen . Ich achtete dabei kaum darauf , daß der alte Münedschi aufgestanden war und sein Gesicht , doch mit geschlossenen Augen , nach uns gerichtet hatte . » Mein Entschluß ist folgender , « sagte ich : » der Scheik der Beni Khalid und Abadilah el Waraka , den man El Ghani nennt , sollen miteinander - - - - « » El Aschdar - - - ! El Aschdar - - - ! El Aschdar - - - ! « schrie da , mich unterbrechend , der Münedschi mit aller Kraft seiner Stimme herüber . Trotz der hohen Tageshitze überlief es mich eiskalt