» Ich fürchte , diese letzte Jagdreise hat dich über deine Kräfte angestrengt . Du siehst leidend aus , und ich mache mir ernste Sorge . « Graf Egge lachte trocken und machte eine abweisende Bewegung mit der Hand . » Fürs erste : Ich bin nicht krank . Im Gegenteil . Ich hoffe noch lange zu leben . Länger vielleicht , als manchem lieb ist . Und zweitens : Die Sentimentalität kannst du dir sparen ! Sag ' lieber offen heraus , weshalb du gekommen bist . Dein Besuch hat doch einen Zweck ? Oder nicht ? « Er begann die mit verblichenem Samt überspannten Platten , auf denen die blitzenden Steine in kleinen Vertiefungen dicht nebeneinanderlagen , sehr flink in die eisernen Schubfächer einzuräumen . » Also ? Was willst du ? « Robert nagte an der Lippe . Graf Egge legte eine Platte mit Saphiren in den Schrank und hob das Gesicht . » Hast du meine Frage nicht gehört ? Was suchst du bei mir ? « » Hilfe ! « Das Wort klang wie ein erstickter Schrei . Graf Egge erhob sich , steinerne Härte im Gesicht , in den Augen das Gefunkel des aufsteigenden Zorns . » Du hast wieder gespielt ? Und verloren ? Zu antworten brauchst du nicht . Man sieht dir ' s an , daß dir das Wasser bis an den Hals geht . Du stehst vor mir wie der menschgewordene Katzenjammer . Und den Weg zu mir hast du umsonst gemacht . Oder hoffst du was ? Nein , Herr Sohn , damit hat ' s ein Ende . Das hab ' ich dir schon im Sommer gesagt . Aber wenn du vielleicht zur Jagd bleiben willst - da kannst du mir ein paar Auerhähne vor der Nase wegschießen , wie damals die beiden Gamsböck ' . « » Ich bitte dich , Vater , rede nicht so mit mir ! Ich weiß , wie sehr ich im Unrecht bin . Aber es steht für mich alles auf dem Spiel . Mein Name , meine Ehre - « » Und das Leben ! Ich kenne diese Litanei zur Genüge . Und hab ' es endlich satt , dazu das klingende Amen sagen zu müssen . Hilf dir , wie du kannst ! Ich lasse dich fallen ! « » Vater ! « » Ich lasse dich fallen . Unerbittlich ! « Mit zorniger Wucht betonte Graf Egge jede Silbe . » Und willst du drohen , daß dir nichts anderes mehr übrigbleibt als die Kugel , so sag ' ich : Du bist den Schuß Pulver nicht wert , ohne den die Sache sich nicht erledigen läßt . « Das Gesicht von Blässe überronnen , klammerte Robert die zitternden Hände um die Stuhllehne . » Vater ! Was aus dir redet gegen mich , ist mehr als Zorn und Ärger . Das ist Haß ! « » Ja , Robert ! Haß ! « Langsam den Körper vorbeugend , mit brennenden Flecken auf den Wangen , stützte Graf Egge die schwere Faust auf den eisernen Tisch . » Bis heute hab ' ich es nicht gewußt . Jetzt hat mir ' s dein eigenes Wort gesagt . Alle meine Kinder lieb ' ich . Auch den einen , der sich von mir gelöst und mich in der letzten Stunde beleidigt hat bis ins Innerste . Aber bei allem Zorn , den ich gegen ihn trage , hat er mir Achtung abgezwungen durch den redlichen Ernst seines Willens , durch seine Begabung und seine sichere Kraft . Und wenn ich ihn immer gefrozzelt habe in meiner lümmelhaften Manier ? Weißt du , was es war ? Nur der Ärger meiner Erkenntnis , daß der Bub mehr ist als sein Vater - wenn auch ein Jäger , daß Gott erbarm ' ! Und hol ' mich der Teufel , ich hätt ' ihm diese verwünschte Heirat noch verzeihen können . Ich hab ' s von aller Welt zu hören bekommen , welch ein blaues Wunder dieses Frauenzimmer sein soll ! Und eine Künstlerin ! Ich verstehe zwar von Kunst soviel wie der Ochs vom Zitherspiel . Aber es muß am Ende doch was Rechtes dahinterstecken , sonst würde nicht alle Welt dazu ihren Kratzfuß machen . Weiß Gott , ich würde ihm diese Heirat verziehen haben , hätt ' er mir in jener letzten Stunde über meine Jagd nicht Dinge ins Gesicht gesagt , über die ich nicht mehr wegkomme , auch nicht in meiner Todesstunde . Gott soll sie mir unberufen noch lang ersparen ! « Graf Egge , der diese Worte mit versinkendem Klang vor sich hingeredet hatte , hob das Gesicht , und seine Stimme bekam wieder ihre schneidende Schärfe . » Ja , Robert ! Alle meine Kinder hab ' ich geliebt . Dich hasse ich , als wäre in dir kein Tropfen meines Blutes . Ich rechne dir nicht deinen Leichtsinn an , nicht deine bodenlose Verschwendungssucht , die mir Tausende aus dem Sack gerissen . Da hab ' ich bei allem sehr ausgiebig mitgeholfen . Jetzt seh ' ich es ein . Ich habe mich zuwenig um euch gekümmert . Aber die anderen sind geraten aus eigenem Kern . Du hast dich ausgewachsen , so , wie du vor mir stehst . Deine Brüder haben mich verlassen , der eine im Tod , der andre im Leben . Zur Hälfte ging auch schon die kleine liebe Geiß von mir . Nur du bist mir geblieben . « Er mußte sich räuspern , als wäre ihm was in den Hals geraten . » Immer hast du bei mir ausgehalten . Hast immer meine Partei genommen . Jede meiner Launen hast du geschluckt . Jede meiner Roheiten hast du eingesteckt , ohne mit einer Miene zu zucken . Aus kindlicher Liebe ? Aus Respekt vor dem Vater ? Gott bewahre ! Nur , weil dein alter Herr für dich die Hosentasche war , aus der du schöpfen konntest wie der Bauer aus seinem Jauchentümpel . Wenn ich jetzt verlassen stehe von den Kindern , die mir lieb waren , so trag ich selbst die Schuld . Das fühl ' ich jetzt . Aber du hast mitgeholfen ! Jene gottverwünschte Szene mit deinem Bruder vor der Hütte droben wäre nicht so gekommen , nicht so verlaufen , hättest nicht du mich Jahr um Jahr gegen ihn gereizt mit kalter Berechnung ! Und hätt ' ich nicht in jenen Tagen , als mein lieber Bub auf dem schwarzen Schragen schlief , den kochenden Zorn über dich in mir herumgetragen , ich hätte der armen Geiß nicht so harte Worte gegeben , daß sie vor mir stand erschrocken und bis zur Stummheit verschüchtert , während mich dürstete nach einem Wort ihrer Liebe . Und was meinem Gefühl für dich den Rest gegeben hat ? Weißt du das ? « Ein heiseres , zorniges Lachen . » Aber du hast dich ja selbst nicht gesehen , wie du vor der Leiche deines Bruders standest ! Herzlos , kalt und unbewegt wie eine Wachsfigur . Mit deiner Nähe und mit dem schwarz geränderten Schwindel , den du in Szene setztest , hast du mir meinen Schmerz um den armen Buben besudelt und abgestumpft . Seit damals bin ich fertig mit dir . Und wenn ich dich ansehe , bedaure ich nur noch eines : die Uniform , die du trägst ! Das ist ein Rock , der hinter seinem Futter einen Mann und Menschen haben will . Und du bist keins von beiden . « Graf Egge fuhr mit dem Ärmel über den Mund und zerrte keuchend die Joppe zurecht . » Gott sei Dank ! Jetzt hab ' ich es mir endlich von der Leber geredet . Geh deiner Wege ! Ich will Ruhe haben . « Er fiel in den Lehnstuhl und preßte die Hand in den Nacken . Robert stand mit verzerrtem Gesicht . » Ich habe dich schweigend angehört . Auch jetzt hab ' ich auf die unqualifizierbaren Dinge , die ich zu hören bekam , kein Wort zu erwidern . « Seine Stimme klang tonlos , aber mit gemessener Ruhe , wie bei einem dienstlichen Rapport . » Du hast für mich einen Strich durch den Namen Vater gemacht . So hab ' ich auch als Sohn keine Forderung mehr an dich zu stellen , weder jetzt noch später . Ich bedaure sogar , daß meine gegenwärtige Lage mich zwingt , die Ausfolgung meines mütterlichen Erbteils von dir verlangen zu müssen . « » Ich habe mit dem Geld deiner Mutter nichts zu schaffen ! « fuhr Graf Egge auf . » Es liegt für euch in der Bank . « » Zur Ausfolgung des mir zukommenden Anteils bedarf es deiner Zustimmung . Es ist das ohnehin nur eine versäumte Formalität , da ich bei meinem Alter das Verfügungsrecht über mein Eigentum nach dem Gesetz bereits besitze . Ich wiederhole meine Forderung . « » Und ich verweigere sie . Diese dreimalhunderttausend Mark würden flinke Füße bei dir bekommen . « » Wohl möglich ! Mehr als die Hälfte dieser Summe muß ich zwischen heut und zwei Tagen im Klub erlegen , um die Spielschuld der letzten Nacht zu begleichen . Du siehst also , daß ich gezwungen bin , meine Forderung zu wiederholen . Ich ersuche um deine Antwort . « Graf Egges Gesicht färbte sich dunkelrot . » Meine Antwort ? « schrie er , daß die Fensterscheiben klirrten . » Meine Antwort ist die Kuratel , die ich über dich verhängen lasse . Dann tu , was du willst ! Entweder zieh den Rock des Königs aus , in den du nicht mehr gehörst , oder mache mit dir - « Graf Egge verstummte . Draußen im Flur ließ sich Lärm vernehmen , und klappernde Schritte näherten sich , während die Stimme des alten Büchsenspanners kreischte : » Herr Graf ! Herr Graf ! Herr Graf ! « Die Tür wurde aufgerissen , und Moser stolperte in die Stube : » Herr Graf ! Der Schipper is da ! Draußen hockt er und hat kein Schnaufer nimmer - so is er grennt ! Den Horst hat er gfunden ! Den Horst , Herr Graf . Den Horst ! « » Gott sei Dank ! Das kommt mir wie eine Erlösung . Schipper , Schipper ! « Graf Egge sprang zur Tür hinaus , und Moser humpelte lachend hinter ihm her . Robert starrte dem Vater nach und stand wie betäubt . Er zog sein Tuch hervor , dessen starkes Parfüm die ganze Stube durchhauchte und den Fettgeruch der geschmierten Schuhe verschwinden ließ . Schwer auf die Stuhllehne gestützt , wischte er mit dem Tuch über die Stirn , auf der ihm der kalte Schweiß in dünnen Tropfen stand . Stumpf und gläsern , als wären alle Gedanken in ihm erloschen , sah er auf den eisernen Klapptisch . Hier lag noch eine Tablette mit fünfzig Rubinen , nach der Größe geordnet , vom winzigen Stein , dessen Wert nur in der kunstvollen Facettierung bestand , bis zu einem in schiefen Rauten geschliffenen Stück von Walnußgröße . Ohne zu wissen , was er tat , griff Robert nach der Tablette und besah gedankenlos die Steine , die in blutrotem Feuer leuchteten . » Schipper , Schipper ! « klang im Flur die Stimme Graf Egges . Der Jäger saß auf einer Bank der Veranda , erschöpft , nach Atem ringend ; er hatte den Weg von seinem Bezirk nach Hubertus in kaum zwei Stunden zurückgelegt . » Schipper ! « Graf Egge erschien , vor Erregung zitternd . » Du hast ihn gefunden ? Wirklich ? « Der Jäger konnte nicht sprechen ; er nickte nur . » Zum Teufel , so red ' doch ! Wo liegt der Horst ? « Mühsam brachte Schipper die paar Worte heraus : » Droben - hinter der Hochalm - in der Hangenden Wand ! « » Unsinn ! Ich hab ' doch die Wand mit dem Glas an die hundertmal abgesucht ! « » Der Horst liegt so versteckt - wenn ich den Adler heut in der Fruh net zufällig einistreichen sieh , so findt ihn kein Mensch net ! « » Brav , Schipper ! Du hast mir eine Freude gebracht , auf die ich warte seit einem halben Jahr . Ich will dir deine Botschaft gut bezahlen . « Graf Egge verstummte ; ein Gedanke , der ihn vor Schreck erblassen machte , war ihm durch den Kopf gefahren . » Herrgott ! Der offene Kasten ! Meine Steine ! « Er rannte ins Haus zurück , als hätte er einen Brand zu löschen . Von der Schwelle der Kruckenstube sah er Robert vor dem eisernen Klapptisch , sah die Tablette mit den Rubinen in seiner Hand . » Richtig ! « So flink , daß seine Joppe flatterte , sprang er auf Robert zu und schlug ihm mit eisernem Griff die Faust um das Handgelenk . » Laß du meine Steine in Ruh ' ! « Der große Rubin kollerte über den Samt und rollte zu Boden . Während Graf Egge sich bückte , um ihn aufzuheben , taumelte Robert mit aschfahlem Gesicht zurück . » Vater ! Bist du von Sinnen ? « Verdrossen hob Graf Egge die Augen ; er schien zu fühlen , daß er in seinem Mißtrauen zu weit gegangen war ; doch er suchte nach keinem einlenkenden Wort , zuckte nur die Schultern , blies den Staub von dem Rubin und legte ihn wieder in die Vertiefung der Tablette . Robert machte einen Schritt gegen den Vater . » Jeden anderen würde ich nach diesem Auftritt vor meine Pistole fordern . Dir bin ich , was ich jetzt bedaure , mein Leben schuldig . Das schlägt mir die Waffe aus der Hand . Aber zwischen uns beiden ist alles erledigt ! « Er verbeugte sich wie vor einem Fremden und ging zur Tür . Graf Egge lachte heiser . » Willst du nicht doch ein bißchen mit dir reden lassen ? Nur über Geschäfte . Ich lege der Auszahlung deines mütterlichen Erbteils kein Hindernis mehr in den Weg . Wenn du dich einen Augenblick gedulden willst , so kannst du die Vollmacht - « » Ich muß ersuchen , diese Angelegenheit durch deinen Anwalt zu erledigen . « » Gut ! Und was deinen Pflichtteil an meinem eigenen Besitz betrifft - « » Ich verzichte . « » Aaaah ? Wirklich ? Eine halbe Million . Und du verzichtest ? « Graf Egge lachte in Hohn und Zorn . » Da bin ich nur neugierig , wann die gekränkte Leberwurst bei dir auf den Zipfel kommt ? Vermutlich , wenn die andere Hälfte deines Mütterlichen auch verspielt ist ? « Robert konnte das letzte Wort seines Vaters nicht mehr hören . Er hatte die Kruckenstube bereits verlassen . Graf Egge sah die Tür an , als erschiene ihm dieser Abschied nicht völlig glaubhaft ; aber die Tür blieb geschlossen , und draußen im Flur verhallte Roberts Schritt . Die Tablette mit den Rubinen zitterte in Graf Egges Händen ; er legte sie in den Schrank zurück , stieß die Lade zu und lauschte gegen die Tür . » Richtig , er geht ! « Ein paarmal wanderte er , mit den Fäusten hinter dem Rücken , in der Stube auf und ab , blieb vor dem eisernen Schranke stehen und brummte : » Das war zu grob von mir ! « Er ging zur Tür und rief in den Flur hinaus : » Fritz ! Papier und Tinte ! « Mit fahrigen Kritzelzeichen schrieb er den Auftrag zur » Ausfolgung von 300 000 ( mit Worten : dreimalhunderttausend ) Mark an Robert Graf Egge-Sennefeld « - und siegelte den Brief . » Fritz , laß einspannen ! Fahr mit diesem Brief zur Bahn ! Er soll mit dem nächsten Zug abgehen , expreß ! « » Sofort , Erlaucht ! Soll Moser bei Tisch servieren ? « » Laß mich in Ruh ' ! Mich hungert nicht ! « Graf Egge ging in den Flur , nahm Hut und Büchse , schulterte den Bergstock und trat auf die Veranda . » Komm , Schipper ! Flink ! Ich will den Horst heut noch sehen . Ich muß ! « Während sie Seite an Seite durch die Ulmenallee davonwanderten , begann der Büchsenspanner seinen ausführlichen Bericht über die Lage des Horstes , den die Adler so geschützt und sicher in die unwegsame Felswand eingebaut hatten , daß Graf Egge sich wohl oder übel mit dem Abschuß des alten Paares begnügen müßte , da das Ausheben der Jungen ein Ding der Unmöglichkeit wäre . » Unmöglich ? « Graf Egge lachte . » Der Horst soll liegen , wie er mag . Ich muß hinauf ! « Sie verließen den Park und hörten den dumpfen Klatsch nicht mehr , der sich hinter ihnen vernehmen ließ . Im Adlerkäfig war der kranke Raubvogel von der Stange gefallen . 15 Den reinen Himmel und die noch halb mit Schnee bedeckten Felszinnen in leuchtenden Schimmer tauchend , sank die Sonne hinter die Berge , als Graf Egge , vom fünfstündigen Marsch erschöpft , mit Schipper die » Hangende Wand « erreichte . Sie verdiente mit Recht ihren Namen ; breit und massig stieg sie aus dem mit Zirbelkiefern durchsetzten Latschenfeld bis zu einer Höhe von etwa hundertzwanzig Meter empor , im Anstieg die kahlen Steinplatten nach auswärts wölbend , so daß die Kuppe der Felswand über ihren Fuß hinausragte . » So , Herr Graf , jetzt suchen S ' amal den Horst ! « Graf Egge setzte sich auf einen Steinblock , schob den Hut in den Nacken und spähte gegen die Höhe der Felsen . Eine stumme Weile verrann ; endlich schüttelte er ungeduldig den Kopf . » Zeig ' ihn mir ! « » Hab ich ' s net gsagt ? Wenn ich net zufällig den Adler einistreichen sieh , wird der Horst seiner Lebtag net gfunden . Schauen S ' auffi , Herr Graf ! Schier in der Mitten von der Wand , sechzg oder siebzg Meter in der Höh , da hängt a grüns Fleckl . Sehen Sie ' s ? « » Richtig ! « » Und unten dran ? Sehen S ' den kurzen grauen Strich ? « » Stimmt ! « » Dös is der Horst ! « Schipper reichte seinem Herrn das Fernrohr . Kaum hatte Graf Egge seinen Blick durch das Glas geworfen , als er in Erregung aufsprang . » Richtig , der Horst ! Und mit zwei Jungen ! Ich habe die weißen Köpfe gesehen ! « Er schob das Fernrohr zusammen und spähte zur Höhe . Je länger er die Wand betrachtete , desto länger wurde sein Gesicht . » Ja , Schipper ! Da spuckt ' s mit dem Ausheben . Aber ich muß hinauf ! Und wenn es um den Hals geht ! « Den Weg zum Horst mit einer Klettertour über die Felsen zu suchen - dieses Mittel überlegte Graf Egge gar nicht . Bei dem überhängenden Bau der Wand war die Möglichkeit , den Horst klimmend zu erreichen , völlig ausgeschlossen . Also von oben nach unten ? Am Seil ? So hatte Graf Egge schon drei Horste ausgehoben . Freilich , da hatte das Seil immer nur den Zweck gehabt , ihn beim Einstieg in die Wand vor dem Sturz zu sichern . Aber hier ? Wenn er sich , auf einem Prügel reitend , am Tau von der überhängenden Kuppe niederseilen ließe , würde er frei in der Luft schweben , ein Dutzend Meter vom Horst entfernt . Würde es ihm gelingen , sich so in Schwung zu setzen , daß er das Astwerk des Horstes mit den Händen erfassen und festen Fuß im Felsloch gewinnen könnte ? Würde das Seil , auch doppelt genommen , die Reibung dieses langen Geschaukels ertragen ? Zu jedem neuen Gedanken schüttelte Graf Egge den Kopf . Er nahm den Hut ab , kraute sich in nervöser Unruhe hinter den Ohren , begann wieder zu überlegen und sagte schließlich : » Da bleibt nur ein einziger Weg . Die Leiter ! « Schipper mußte lachen . » Aber Herr Graf ! Siebzg Meter Leitern ! Dös kann doch net Ihr Ernst sein ? So an Einfall ! « Graf Egge wurde dunkelrot im Gesicht . » Die Verantwortung über meine Einfälle überlaß du mir ! Pack ' zusammen und spring hinunter ins Dorf . - « Er konnte nicht weitersprechen ; Schipper hatte ihn am Arm gefaßt und in das dichte Gezweig eines Latschenbusches zurückgerissen . » Der Adler kommt ! « Gleich einem huschenden Schatten , mit regungslos ausgebreiteten Schwingen , kam der riesige Vogel hoch in den schimmernden Lüften über das Almental einhergeschossen , einen schwarzen Klumpen in den Fängen . Über der Felswand machte er eine Schwenkung . Einen Augenblick leuchtete , von der Sonne beschienen , sein Gefieder gleich mattem Gold . Dann stürzte er wie ein Pfeil aus den Lüften und verschwand im Horst . Keuchend tappte Graf Egge nach seiner Büchse . Doch bevor er die Hähne spannen und die Waffe heben konnte , hatte sich der Adler schon aus dem Horst geschwungen , warf sich mit sausendem Fall über die Felswand herunter , huschte zwischen den Zirbelkiefern dicht über die Latschen weg und hob sich außer Schußweite in die Lüfte . Bleich vor Erregung sah Graf Egge dem entschwindenden Vogel nach . » Wart , Brüderl ! Wir wachsen noch zamm miteinander ! Z ' erst die Alten und dann die Jungen ! Alles schön der Ordnung nach ! « Er wandte sich an den Jäger . » Flink ! Hinunter ins Ort ! Zum Zimmermann ! Er soll zusammentrommeln , was sich auf Zimmermannsarbeit versteht . Vier Leitern will ich haben , jede von zwanzig Meter Länge , die erste fest und schwer , die anderen immer leichter . Die Stangen aus grünem Fichtenholz und die Sprossen von Eschen . Die Enden der Stangen sollen mit einem Falz ineinanderpassen und eiserne Seitenschienen bekommen , an denen man sie hier oben miteinander verschrauben kann . Verstehst du , wie ich es meine ? « » Jawohl , Herr Graf ! « » In acht Tagen will ich die Leitern haben . Man soll noch heut mit der Arbeit beginnen und Tag und Nacht durcharbeiten . Du bleibe dabei und überwache das Holz , das sie nehmen . An dem Holz , Schipper , hängt mein Hals . « Schipper machte sich wegfertig . » Alles wird pünktlich bsorgt , Herr Graf . Und Weidmanns Heil ! Hoffentlich kriegen S ' die Alten alle zwei ! « Er sprang davon . Graf Egge wählte für die kommenden Tage , die der Beobachtung der beiden » Alten « gelten sollten , in den Latschen ein Versteck , das ihn gut verbarg und ihm doch bequemen Ausblick nach allen Seiten gewährte . Dann trat er den Weg zu der eine Stunde entfernten Dippelhütte an . In der Nähe des Jagdhauses traf er in der grauen Dämmerung mit Franzl zusammen , der kleinlaut meldete , daß er den Horst noch immer nicht gefunden hätte . » Du blinder Heß ! « brummte Graf Egge . » Wenn ich auf dich allein angewiesen wäre , hätt ' ich das Nachsehen . Den Horst hat der Schipper gefunden . « Franzl schwieg ; aber er schluckte hörbar , als hätte er im Hals einen Bissen stecken , der nicht hinunter wollte . » Koch ' mir den Schmarren , « sagte Graf Egge , als er in die Hütte trat , » ich bin zu müd , um mich selber an den Herd zu stellen . Weiß der Teufel , was das ist ! Sonst hat mich eine siebzehnstündige Sommerpirsch nicht müd gemacht . Jetzt robelt mir ein Katzensprung alle Knochen im Leib durcheinander . « Am anderen Morgen , gegen drei Uhr , weckte Franzl seinen Herrn . - Sechs Tage vergingen . Die Auerhähne , deren Balz schon dem Ende zuneigte , waren für Graf Egge eine erloschene Sache . Nur noch die Adler lebten für ihn . Täglich sah er die beiden Alten beim Aus- und Einflug , studierte ihre Gewohnheiten und ermittelte den Platz , von dem der Schuß am sichersten gelingen mußte . Fallen durften die zwei Adler erst an dem Tag , bevor man die Leitern brachte . Wären die Alten auf der Strecke , und ginge das Ausnehmen nicht glatt vonstatten , so würden die Jungen vor Hunger eingehen , ehe Graf Egge sie am Kragen fassen und aus dem Horst herauslupfen konnte . Von diesem vierzehnstündigen Sitzen und Lauern , Tag für Tag , waren Graf Egges Kräfte und Glieder so zerrieben , daß er gegen Abend des sechsten Tages die Hütte kaum noch zu erreichen vermochte . Weil er wußte , daß ihm die fiebernde Erregung keinen Schlummer vergönnen würde , nahm er einen festen Löffel voll Schlafpulver . Und da lag er von fünf Uhr abends an auf dem gleichen Matratzenfleck , unbeweglich wie ein Bleiklumpen . Jetzt kam der große Morgen . Franzl , wieder gegen die dritte Frühstunde , weckte den Grafen und vermochte ihn kaum wach zu bekommen . Endlich gelang es . Und Graf Egge sprang aus dem Bett , als hätte der zehnstündige Schlaf auch die letzte Spur der schweren Ermüdung von seinen Knochen gelöst . Aus seinem ersten Worte sprach schon die brennende Spannung , die der Gedanke an die bevorstehende Jagd in ihm entzündete . Während er das Frühstück hinunterschlang , gab er dem Jäger die Weisung : » Ich bleib allein . Zwei können nicht so ruhig sein wie einer . Daß du mir heut den ganzen Tag nicht in die Nähe der Hangenden Wand kommst ! Laß dich auch sowenig als möglich auf den Almen blicken , damit du mir die Adler nicht vergrämst , wenn sie zustreichen . Geh lieber hinunter in den Wald und sieh nach den Auerhähnen . Wenn sie noch leidlich balzen , hol ' ich mir ein paar , sobald ich den Horst geräumt habe . « Noch am letzten Bissen kauend , hob er den mit Proviant gefüllten Bergsack auf den Rücken , nahm die Büchse und eilte aus der Stube . Für diesen wichtigen Tag war ihm jede nötige Vorsicht so fest ins Blut gegossen , daß er bei aller Hast auch ohne Beule durch die Dippeltür kam . Franzl , der ihm nachsah , seufzte beklommen vor sich hin : » Unser gütiger Herrgott soll ' s geben , daß er s ' kriegt , alle zwei . Sonst macht der Zorn aus ihm an Igel , den man nimmer angreifen kann ! « Die Sterne wollten schon verlöschen , als Franzl die Hütte verließ . Im Laufschritt umkreiste er das weite Almfeld , um vor dem ersten Morgengrauen den tiefer liegenden Bergwald zu erreichen . Auf dem offenen Gehänge hoben sich schon die grauen Steine erkennbar aus dem finsteren Rasen , doch im Walde , zwischen den hohen Fichten , lag noch tiefe Nacht . Ein Käuzl huschte mit klagendem Schrei über die Bäume , in deren schwarzem Schatten Franzl den Weg zu den Balzplätzen suchte . Allmählich begann es im Walde grau zu werden , durch eine Lücke der Bäume schimmerte schon ein lichter Streif des östlichen Himmels , und bald vernahm der Jäger in der Morgenstille den klippenden Balzgesang des ersten Hahnes . Nicht weit davon balzten zwei andere Hähne . Im Bogen umging der Jäger den Platz , um die verliebten Sänger nicht zu stören , und wanderte , bis er bei vollem Erwachen der Morgendämmerung das Herz des Hahnenreviers erreichte . Am Saum einer kleinen Blöße , die mit jungen Lärchen und dichten Heidelbeerbüschen bewachsen war , ließ Franzl sich zu Füßen einer alten Fichte nieder , legte die Büchse über den Schoß und lauschte . Fünf Hähne sangen mit heißem Eifer um ihn her , und in das Quintett dieses seltsamen Minneliedes mischte sich der Schlag und das Gezwitscher der erwachenden Drosseln und Meisen . Mit rosigem Schimmer fiel der Morgen über den Wald , eine ferne Felswand leuchtete wie reines Gold , und farbige Bänder schwammen über den Himmel hin . Bald zuckten , wie brennende Pfeile , die ersten Strahlen der Sonne über die Wipfel , in tausend Tautropfen begann ein blitzendes Gefunkel , und als hätte der erwachende Wald tief aufgeatmet , so strich mit sachtem Hauch der Morgenwind durch die Bäume . Unbeweglich sah Franzl ringsumher , und die wundersame Schönheit dieses Frühlingsmorgens schlich ihm wie ein erquickender Trost in das müde , bedrückte Herz . Ein Gefühl hoffender Lebensfreude erwachte in ihm , er preßte die Fäuste auf die Brust , als würden ihm plötzlich alle Rippen zu eng - und dabei mußte er an Graf Egge denken , der jetzt geduckt und fröstelnd zwischen den feuchten Latschen saß und für nichts anderes Sinn und Auge hatte als für den Horst in der Wand . » Meiner Seel , ich möcht net tauschen ! « Breit flutete ein goldiges Sonnenband über die Blöße und rückte immer weiter , bis es den Jäger erreichte . Mit schwirrendem Flügelschlag fielen drei Auerhennen in das Heidekraut , und immer neue strichen aus dem Wald hervor , als hätte sich hier die ganze Weiblichkeit des Hahnenreviers zum Frühstück Stelldichein gegeben . Der Balzgesang der Hähne , der schon ausgesetzt hatte , begann von neuem . Die Stimmen der jüngeren Hähne wurden übertönt von dem hitzigen Gesang des alten Platzhahnes . Nahe dem Jäger saß er auf einer Buche und gaukelte bei seinem Lied auf dem dürren Aste hin und her . Plötzlich schwang er sich in das Heidekraut und tanzte mit gefächertem Stoß und zitternden Schwingen zwischen den leise glucksenden Hennen seinen Hochzeitsreigen .