. » Ganz recht , « bekräftigte Leonhart . » Dieser derbe sächsische Bauer gemahnt am meisten an Bismarck , falls wir nach einer Parallele suchen . « Nach einer Pause fuhr er fort : » Bezeichnet Bismarck einen Uebergang oder einen Höhepunkt , ein Bleibendes im kreisenden Werden der Dinge ? Wir wissen es nicht . Eins aber wissen wir : daß auf ihn die Definition paßt , die Carlyle , der Prediger der Heroen-Verehrung , einem Helden giebt : Es ist jederzeit die Eigenart des Helden , auf die Realitäten zurückzukommen , sich auf die Dinge , statt auf den Schein der Dinge zu stützen . Auch hat die Prophetenstimme des modernen England sich dahin erklärt : Bismarck sei eine Art Cromwell , soweit dies in unsrer armseligen Zeit möglich . Wirklich ähnelt der grimme Feind des deutschen Plapperments dem parlamentauflösenden Lord-Protektor durch eherne Thatkraft und Zähigkeit sowie eine gewisse Rücksichtslosigkeit im Zugreifen . « » Hm , ja . « Der Graf nickte nachdenklich . » Selbst das Verhältniß Bismarcks zu Moltke mag Vergleich-Jäger an dasjenige Cromwells zu Blake erinnern . Allein von der mystischen Gefühlstiefe und düstern schmerzvollen Gluth des Puritaners kann man doch nur mangelhafte Spuren in dem praktischen preußischen Weltmann entdecken . « » Na überhaupt ! Das wollen wir denn doch dahingestellt sein lassen , ob man Bismarck zu den Genies vom ersten Range wie Napoleon und Cromwell rechnen dürfe . Von jener Universalität der Begabung , wie sie solche Feldherrnherrscher bekunden , kann hier ja nicht die Rede sein . Freilich , die originale Fortentwickelungsfähigkeit einer schöpferischen Einbildungskraft , welche mir das eigentliche Wesen des Genies auszumachen scheint , besitzt ja der Einiger Deutschlands auch . « » Wieso ? « » Nun , seine patriotische Idee , von der er dämonisch beherrscht blieb , reifte unablässig in ihm fort . Er trug sie mit sich , er modelte sie stetig um und paßte sie rastlos allen sich bietenden Verhältnissen an . « » Schon recht . Aber der ekelhafte Götzendienst seiner knechtischen Schmeichler muß doch jeden unabhängigen Mann zum Widerspruch reizen , « erwiderte Krastinik . » Hm , er bleibt nun eben doch der größte Meistervirtuose der diplomatischen Technik . Wenn man seine Leitung unsrer auswärtigen Geschäfte sorgsam prüft , so wird man zum Verständniß dieser eigenthümlichen Genialität gelangen . « » Und über ihn als Charakter ... « » Ach , darüber reden wir doch lieber nicht . Eine optimistische Anschauung zu theilen oder anzufechten , kann keinem Verständigen belieben , da den Zeitgenossen ein genügendes Material zu Gebote sieht . Es gehört der Tiefblick eines Dichter-Psychologen dazu , « Leonhart betonte diese Worte mit verstecktem Selbstbewußtsein , » um die Widersprüche im Charakter dämonischer Individualitäten zu lösen und zu verknüpfen . « » Das soll wohl heißen : Die Feinde des Bismarckschen Charakters wie die Verehrer desselben haben alle beide recht und alle beide Unrecht ? « » Just so , exactly , « Leonhart liebte es , solche englische Brocken einzustreuen - » sobald man einseitig bei Fehlern oder Vorzügen des Privatmenschen verweilt . Na , und dann gehört es ja zu den unleugbaren Schwächen dieses großen Mannes , jede Antastung seiner unfehlbaren Makellosigkeit als eine Art Gotteslästerung , auch Bismarckbeleidigung genannt , aufzufassen : Das ist eben sein Größenwahn . Da behält ein gescheidter Mann seine Ansicht am liebsten für sich , heut wo das Denunciantenthum förmlich herangezüchtet wird . Denn wer die Macht hat , hat immer Recht . Uebrigens , wem steht heut ein maßgebendes oder gar abschließendes Urtheil zu ! Seichte und selbstische Parteimeinung deckt sich nimmer mit dem unbestechlichen Wahrspruch , den dereinst überlegene Wissende vor dem Richterstuhl der Geschichte fällen werden . « » Jaja , ein Urtheil über Männer der That ist überhaupt schwer , « bemerkte der Graf sehr richtig . » Die Gedankenfaulheit urtheilt ja da immer nur nach dem Erfolg . Das mechanische Getriebe der Welthändel unterscheidet sich doch gar sehr von den ewigen Thaten der Kunst und Wissenschaft . Wie kann eine feststehende Werthung möglich sein , wo so Vieles vom Zufall und den untoward events abhängt ! Und ist nicht Bismarck Opportunist durch und durch ? « » Das ist kein Vorwurf , sondern ein Lob für den Staatsmann , der nur von den Schiebungen der Möglichkeiten bestimmt wird und dessen Größe gerade in dem klaren Blick für das augenblicklich Nothwendige besteht . Und hat etwa der gewaltige Mann je darüber den einen Zweck vergessen , den er mit eherner Konsequenz durch sein ganzes thatenreiches Leben verfolgte ? « » Na , ein selbstloser Idealist kann er doch wenigstens nicht genannt werden . Stets hat er verstanden , sein eigenes Wohl mit der Wohlfahrt des Vaterlandes zu vereinen . Und dabei klagt er noch über die sprichwörtliche Undankbarkeit der deutschen Nation ! « » Ja , « sagte Leonhart lächelnd , » man denkt unwillkürlich an das boshafte Pamphlet Swifts über den schweren Undank , mit welchem Marlborough sich belastet erklärte - in der runden Summe von 54000 Pfund Sterling ! Im Gegentheil , es ehrt die Nation in der Gegenwart und stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft , wie es in dem herrlichen Briefe des Kaisers vom 1. April 1885 heißt , wenn sie das Große anerkennt . Denn wahrlich , dieser Bismarck ist nach Luther und Friedrich unser verdientester Mann . « » Nun ja , er besitzt ein Willenszentrum von außerordentlicher Stärke , wie schon seine Bulldoggennase beweist , « meinte der Oesterreicher achselzuckend . » Aber das Geheimniß seiner Erfolge liegt doch in der Bornirtheit und Verlotterung der herkömmlichen Diplomatie , mit welcher er zu ringen hatte . An seiner Stelle mit seiner Macht könnten Viele das Gleiche leisten . Pah , mein Bester , die betreffenden politischen Schiebungen bestimmen meist die Politik halb willenlos und als Leiter von 46 Millionen kann man schon gebietend auftreten . Hat doch sogar Excellenz Windthorst in offenem Reichstag ähnliches verlauten lassen ! « Leonhart schüttelte den Kopf und sann einen Augenblick nach . Dann fragte er : » Langweilt es Sie , wenn ich Ihnen meine Auffassung der Bismarckschen Politik vortrage ? « » Im Gegentheil . Ich bitte darum . « Jener räusperte sich und begann , indem die Gedanken ihm stromweise zuflossen : » So geniale Züge wir in der Politik Richelieus , Cromwells und Napoleons bewundern , möchte ich doch beinahe die Behauptung wagen , daß ein solcher Meistervirtuose der diplomatischen Technik in den auswärtigen Angelegenheiten kaum jemals erstanden sei , daß Bismarck als diplomatischer Spezialist ungefähr die Stellung unter seinen Kollegen einnehme , wie sein Lieblingsdichter Shakespeare in der Litteratur . Bei der Abwägung und Werthung staatsmännischer Verdienste muß man in erster Linie die Umstände selbst in Berechnung ziehen . Es war z.B. ein gut Stück Arbeit , wenn Gustav Adolf und Oxenstjerna das kleine arme Schweden zu einer Großmacht erhoben . Aber die europäische Konstellation lag diesem Beginnen auch überaus günstig und zuletzt nahm dies ungesunde Hinaufschrauben eines Kleinstaats zu unmöglicher Stellung ein Ende mit Schrecken . Napoleon und Cromwell vollführten gewiß Staunenwerthes , doch ersterer wurde durch die Elementarkraft der Revolution so hoch gehoben , letzterer blieb vor direkter Einmischung des Auslands durch Englands Inselthum geschützt . Bismarck aber fand Preußen in tiefster Erniedrigung und führte es aus denkbar ungünstigsten Verhältnissen , im Kampf mit dem Innern wie mit dem Auslande , zu der ihm gebührenden Welthegemonie empor . Daß die Sehnsucht nach der Einheit in ganz Deutschland verbreitet war , daß Myriaden braver Deutscher vor Bismarck darnach gestrebt hatten , daß ihm , sobald man erst sein wahres Ziel erkannte , diese ganze große Nation einmüthig entgegenjubelte , thut seinem besondern Verdienste keinen Abbruch . Daß er schon auf dem Frankfurter Bundestag seinen Schwur des Hannibal im Herzen trug , wird wohl heut kaum einer mehr bezweifeln . Freilich nur in unbestimmten Umrissen . Daß er wie jeder geniale Mensch mit seinen Zielen wuchs , an seinen Erfolgen sich fortentwickelte , steht außer Frage . Erst nach 1870 wurde er ganz Deutscher , bis dahin vertrat er lediglich das Interesse Preußens . Ehre ihm dafür ! Charity begins at home ! sagt das englische Sprichwort . Erst wenn ein geschichtlicher Individualmensch dadurch erklärt werden soll , merkt man so recht das Mißliche des Vergleichens . Da hat man in der Konfliktszeit Bismarck den preußischen Strafford genannt , weil sein zäher Royalismus an jenen starrköpfigen Minister Karls I. zu gemahnen schien . Und doch erinnert Bismarcks Wesen und Gebahren gerade umgekehrt an die hochmüthigen , nervenkranken , jähzornigen , portweinliebenden Pitts , mit welchen er auch den bis zum Fanatismus gesteigerten Nationalstolz theilt . Wenn ich denn von einem Teufel besessen bin , so sei es ein teutonischer Teufel ! diese Worte des einstigen Gesandten in Petersburg soll die Geschichte auf das Grabmal des Reichskanzlers schreiben , wie auf das des jüngeren Pitt den Liebesseufzer des Sterbenden : My country , how do I love my country ! - Bis 1864 mußte die Politik Bismarcks dahin streben , Preußen möglichst isolirt zu halten , um bei dem augenblicklichen Uebergewicht Oesterreichs im deutschen Bunde nicht ins Schlepptau genommen zu werden und ein zweites Olmütz zu erleiden . Die Neutralität 1859 , die freundschaftliche Annäherung an Rußland 1863 und die trotzige Gleichgültigkeit gegen die Forderungen der Westmächte waren wichtige Etappen auf dem langen Wege , den er vor sich sah und mit immer gleicher Umsicht und Festigkeit verfolgte . Als sein diplomatisches Meisterstück aber hat er stets das Jahr 1864 bezeichnet , wo es ihm gelang , den Rivalen Oesterreich selbst als Hebel zu benutzen , indem er zugleich durch das Danaergeschenk Holsteins bereits den nöthigen Zankdrossel für den lange sorgsam vorbereiteten Bruch mit Oesterreich diesem hinwarf . Von da ab , Oesterreich über das nahende Ungewitter so lange wie möglich täuschend , galt es freundliche Fühlung mit Napoleon zu gewinnen und unter dem Schutz dieser Deckung mit Napoleons Klientelstaat Italien sich gegen den gemeinsamen Feind Oesterreich zu verbinden . Daß Bismarck 1866-68 ein sogenanntes falsches Spiel mit Napoleon trieb , darf kaum bestritten werden . Die Enthüllungen Benedettis über die zweideutige List , mit welcher Bismarck ihm die geheimen Wünsche Frankreichs ablockte und selbst in Form eines Vertrags zu Papier bringen ließ - mit der festen Absicht , eben diesen Vertrag später gegen Frankreich auszuspielen , wie es 1870 wirklich geschah - sind nie positiv widerlegt worden . Lag doch ein besonderer Kniff der Bismarckschen Politik stets darin , den Feind ins Unrecht zu setzen und genau zu dem Schritte zu verleiten , der im richtigen Augenblick den gewünschten Krieg herbeiführen mußte . Diese Taktik wurde denn auch 1870 meisterlich angewandt . « » Alles ist erlaubt im Krieg und in der Politik - gegen diesen Grundsatz läßt sich schlechterdings nichts einwenden . Es gewährt einen besonderen Genuß , in der Luxemburger Frage 1867 das Schachspiel des im Dupiren stets dupirten Ränkeschmieds Louis Napoleon mit dem kaltblütig sicheren Mann von Eisen zu beobachten , der stets vorsichtig , nie übereilt und im gegebenen , Fall unerschütterlich entschlossen , weder Bitten noch Drohungen zugänglich erschien . Nachdem man sich 1870 durch Rußland gegen Oesterreich gedeckt , wurde bald genug klar , daß die Errichtung des deutschen Reiches und die Demüthigung Frankreichs von Rußland als eine Störung des europäischen Gleichgewichts empfunden wurden . Es blieb daher nur ein Ausweg und ihn ergriff Bismarck mit untrüglichem Scharfblick im geeigneten Moment : Aussöhnung mit Oesterreich und Bündniß der zwei deutschen Kaisermächte als Bollwerk Mitteleuropas gegen Osten und Westen . Außerdem galt es , durch die Kolonialbeziehungen Frankreich und England wechselseitig gegen einander auszuspielen . Die absolut richtige Haltung Deutschlands in der Bulgarischen Frage , welche Oesterreichs wahre Interessenpolitik klarlegte und dessen nothwendige Entschlossenheit , in gewissen Fällen selbst auf eigene Faust seine Stellung zu bewahren , erwies , scheint von Schwachköpfen ebenso wenig begriffen , wie früher die tiefdurchdachte Führung des Meisters in anderen Fragen . « Leonhart schwieg einen Augenblick , dann lachte er leise , vor sich hin und fuhr fort : » Es hat einen tragikomischen Beigeschmack zu beobachten , wie auch diesem Manne der That keine der üblichen Scherze erspart blieben , die man an jedem genialen Menschen verübt , bis Erfolg und Macht ihn gefeit haben . Das berühmte Was , der will mehr sein als ich ? Der hat ja mit mir am Biertisch gesessen ! begleitete auch Bismarcks Auftreten und man wunderte sich nicht wenig über diesen Glückspilz , der Karriere zu machen anfing , ohne regelrechte Staatsexamina absolvirt zu haben . Von übersprudelndem aufrichtigem Wahrheitsdrange beherrscht , konnte er öfters den jovialen Herzensergießungen seiner Zunge nicht Halt gebieten und vertraute seine großen Pläne Leuten an , die ihn gar nicht zu verstehen fähig waren . Il est fou urtheilte Napoleon über den Mann von Varzin und der intriguante Phantast Disraeli nannte Bismarcks vertrauliche Eröffnungen the moon-shine of a German baron ! Endlich fanden von jeher größenwahnsinnige Impotenzen , daß dieser erfolgreiche Streber weit überschätzt werde und daß eigentlich sie die wahren Messiasse seien - so Graf Goltz , so später Graf Harry Arnim . Ein Glück für die deutsche Nation , daß der eiserne Kanzler keine weichherzigen Humanitätsflausen zu üben pflegt , sondern all dies Völkchen mit rücksichtsloser Härte unter seine Sporen tritt . Und so steht er nun schon jetzt vor dem Auge der Mitwelt wie eine bronzene Statue da in seinen Siebenmeilenstiefeln , den wuchtigen Flamberg dem Boden eingerammt und das Wodanauge unter buschigen Brauen hervorblitzend aus dem behelmten Haupte . Wenn er sich zur letzten Ruhe streckt - Il est mort ! wird man in Europa aufstöhnen , wie bei der Todesnachricht von St. Helena - , so darf er sich selbst gestehen , daß ein heroisches Leben hinter ihm liege . Man mag an ihm mäkeln , so viel man will - er war unser letzter großer Mann , die mächtigste Erscheinung Deutschlands in diesem Jahrhundert , welcher sich kein Ebenbürtiger in der übrigen Welt vergleichen darf . Der würdevolle großherzige Gentleman , der als erster deutscher Kaiser und echter Mehrer des Reichs so glorreich seinem Volke vorleuchtete , und sein treuer Hagen werden ewig in deutschen Landen fortleben als Ideale heroischer Männlichkeit . Und ein neuer Nibelungendichter wird dereinst von Otto dem Großen singen und sagen , wie von dem alten Marschall der Burgonden : Da ritt der grimme Hagen den andern all zuvor , Er hielt den Nibelungen wohl den Muth empor . « Am anderen Tage erhielt Krastinik in Leonharts Handschrift das folgende Gedicht : An den Reichskanzler . Nie mengte ich mich jener Feigen Zahl , Der Sklavenherde , die der Tag regiert , Die , als Erfolg mit Lorber Dich geziert , Dich angestaunt als ihren Götzen Bai ! Nicht Deine Macht gilt mir Unfehlbarkeit . Nicht Du allein erschufest , was geschehn . Auch Du warst nur erfaßt vom Sturmeswehn Der allbeherrschend vorbestimmten Zeit . Und doch , wie stehst Du hehr und riesenhaft . Gewaltiger , vor diesem Zwerggeschlecht ! Ein Heiliges glüht unverlöschbar echt Dir ewig durch den Rauch der Leidenschaft . Es ist das Letzte , was dem Manne blieb , Seit Säul ' um Säule jeder Tempel fiel : Der Vaterlandesgröße stolzes Ziel , Zum eignen Volk der liebevolle Trieb . Nicht Liebe war ja Deines Lebens Amt . Dich hob zu Sternen ein erhabner Groll , Da Dir das Löwenherz im Busen schwoll Ob aller deutschen Schande insgesammt . Nicht mitzulieben wie Antigone , Nein , mitzuhassen , Grimmer , warst Du da . Doch aus dem Hasse keimte Liebe ja , Für uns geblutet hat Dein zorniges Weh . Dein Volk , Dein Vaterland hast Du geliebt . Des alten Reiches Schemen aufgenährt Mit warmem Blut , wie ' s einst Ulyß gewährt Dem Schattenheer , das durch den Hades stiebt . Erz nietete den thönernen Koloß . Noch jüngst - wie Freudenfeuer kreisend rann Ein flammend Hochgefühl von Mann zu Mann , Da Deiner Rede Flammenstrom sich schloß . In Dir nur lebt der wahre Ahnenstolz Des deutschen Namens , dessen Machtgebot Einst sonnenhell die weite Welt durchloht ! Geschnitten Du aus Nibelungenholz ! Den deutschen Hundesinn tritt in den Koth ! Lehr Du den Stolz , ein deutscher Mann zu sein ! Wo solche Eichen wachsen , muß gedeih ' n Der deutsche Stolz in aller Wetternoth . Wo deutsche Zunge spricht , da bleibe stumm Der Wälsche und der östliche Barbar ! Des Römers Erbe der Germane war - Civis Romanus sum ! III. Schon öfters war Leonhart von Schmoller aufgefordert worden , mit ihm socialistische Kreise zu besuchen , damit er mal einen wirklichen Einblick in die soziale Frage gewinne . Schmoller , der bei allem berechnete , wollte erstlich mit Leonhart ' s Freundschaft dort paradiren und zweitens wagte er sich lieber zu Zweit in die Löwenhöhle . Die Gestalt Catilinas und seiner Mitverschworenen tauchte unwillkürlich vor Leonharts Geiste auf . Wie sie sich alle zusammenfanden , die Unglücklichen und die Verbrecher , die Bedrückten und die Verkommenen , die Rachgierigen und Genußgierigen , um sich gegen die satte Gemeinheit der Glücklichen zu verbinden ! So entstand ihm in raschem rohem Entwurf realistischer Urkraft das folgende düstere Fragment , indem er dem herostratisch zerstörenden Größenwahn die wahre schicksalmäßige Größe gegenüberstellte und zugleich den Größenwahn der Weiber-Emanzipation in der Gestalt der vornehmen Catilinarierinnen geißelte , die ihr Kapital in die Verschwörung steckten , um es mit Zins und Zinseszins aus dem Staatsbankrott wieder herauszuschlagen . Soirée bei Crassus . - - Vorn links Lentulus und Cethegus beim Würfeln . Vorn rechts Antonius junior , Crassus junior , Faustus Sulla junior und Metellus plaudernd . METELLUS . Ich begreife nicht , warum ich diesem Zeitalter die Ehre anthat , darin geboren zu werden . Stände nicht unsere liebe Verschwörung hinter der Thür , so müßte diese Welt an ihrer eigenen Fäulniß verrecken . CETHEGUS würfelt . Diese adligen Packesel ! Damit verschwört sich ' s gut ! Ein Hochverrath gegen die gesunde Vernunft ! LENTULUS . Ja , ihr » neuen Leute « ! Ein Metell ! Will was heißen ! Zwar kein Cornelier , wie ich - ! Bin bekanntlich ein Nachkomme des großen Scipio . CETHEGUS . Ja , Du bist ein - Nachkomme . Ich stamme bekanntlich von einem Schuster ab . Würfeln . CRASSUS JUNIOR . Ich erlaube Dir endlich zu schweigen , Freund Metellus ! Mit Eurer Verschwörung ! Bei Euch hapert ' s am Blinkenden - das ist doch wahrhaft gesetzwidrig ! Geld - das ist Alles ! LENTULUS dreht sich nach dem Sprecher um . Ganz recht . Geld - das ist alles ! Er verfällt in eine Straßenpredigt . » Wir aber , wir unglückseliges und unschuldiges Volk , wir hungern - ach , wir haben kein Geld ! - Jene , jene glücklichen und schuldigen Menschen , sie prassen : sie haben Geld ! Wir aber , wir haben derbe Fäuste und unser Magen knurrt uns wach , Jene faulen auf ihren gepreßten Säcken . Auf denn , Volk , und folgere , was Dir beliebt ! « CETHEGUS . O über die ungekämmte Logik ! ANTONIUS ironisch . Zwar , mein lieber Crassus , für die Millionen Deines Erzeugers dürftest Du kaum in bangender Ungewißheit schweben : Die lassen sie heilig und unangetastet ! SULLA . O der alte Crassus ! Schlauer Bursche der ! » Catilina - anständiges Unternehmen - gut im Gange - läßt sich machen . « CRASSUS JUNIOR . Wir vom Hause Crassus brauchen ' s nicht : Sind Geschäftsmänner - größte in der Welt ! Kleine Geschäfte verpönt ! Alles riesig , großartig , millionarisch ! SULLA . So z.B. : » Königthum nebst Ruhm - Crassus der Erste - ungeheure Anlage - Weltzinsen - mächtiges Geschäft - Rechtschaffenheit wird verbürgt . « He , das war ' so was ? ANTONIUS . Uebrigens , mein lieber Sulla , was Deinen hochseligen Vater betrifft - und dann macht er hier republikanische Männchen ! SULLA . Erstaunlich schön ! Was gehn denn Dich die Väter andrer Leute an ? Dein ehrwürdiger Vater , ein so inniger Verehrer Catilinas - Sprechen bei Seite weiter . CETHEGUS . Mein Haus gegen Deins ! Würfelt . Da liegt der Bettel ! Heilige Tonne des Diognes ! - Ich sag ' Dir , Mensch , ich bin eine lebendige Pfandanleihe . Der nächste Termin bricht mir ' s Genick ! Pah ! der große Rechnungstag kommt früher , ja früher . Unterm Galgen ist Alles gleich . ANTONIUS nach dem Hintergrund blickend . Die Fulvia ist prachtvoll . SULLA gähnt . Ja , sie ist sehr theuer ! Pompeia und Terentia kommen aus dem Hintergrund . Da haben wir Ciceros männliche Hälfte d.h. seine Frau ! Und da Caesars Wittwe bei lebendigem Leibe . - Alle Mann ans Ruder ! Los ! - Des beredten Redners beredte Frau - ! Complimentirung . TERENTIA . Ich danke Eurem Gruß , Quiriten ! Was meine bescheidene Beredsamkeit anbelangt - POMPEIA boshaft . - Ja , ja , meine Theure ! Man weiß von den oratorischen Ergüssen , welche Du Deinem Gatten - . Die Nachbarschaft - TERENTIA hochempört . Was wollen die Nachtmützen ? Soll ich nicht die sittliche Würde meines Geschlechtes schirmen , nicht ein rauhes Mahnwort männlicher Tyrannei in die Ohren donnern ? Wie Cornelia die edle Römerin zu sagen pflegte - Schwatzen weiter . Caesar und Fulvia kommen lachend nach vorn . CAESAR grüßend . Antonius , Deine Toga ist reizend ! Crassus , Deine ist abscheulich . FULVIA . Nun , Cajus , die neueste Mode - ? CAESAR . Die , o schöne Frau , Dein Auge gebietet - FULVIA . Schmeichler ! - Rothe Tunica , weißer Gürtel , freie Locken , Rosen im Haar - CAESAR . Die Moden wechseln . Eine Mode allein besteht ewig und unbestritten : Deine Schönheit und Dein Lächeln ! Sempronia , Crassus maior und Lucull kommen . CRASSUS . Nu , meine Freunde , die Mahlzeit , was ? Schmal , schmal ! Aber hochansehnlich genug . Das ist so unser kleines gemüthliches Convivium . Hat gekostet lumpige 300,000 Drachmen . Nu , kann ' s ja leisten ! Die Austern , hä ? Eigene Waare , Specialhandel , feinste Qualität , 30 Sesterzien das Stück . Mache überhaupt in Austern und Fischen . Korinth , Brundisium , Ostia - LUCULL mit ernster Würde . Nach den Ergebnissen meiner Forschungen sowie nach dem treffenden Urtheil des Metellus Pius kann ich diese Austern nur für verfehlt erklären . Beim Zeus , ich scherze nicht : Zu ernst die Sache ! Ich muß diese Prinzipien der Zubereitung - das harte Wort sei gesprochen - verdammen . Wie , wenn jenem duftenden Kleinod an Amphitrites Gewand jener prickelnde Reiz , jenes unerklärliche Etwas mangelt - CRASSUS verzweifelt . Lucull muß die Prinzipien meines Koches verdammen ! LUCULL . Deß ungeachtet waren die Schnepfen gut - der Priapus nicht unwohlschmeckend - der Ziemer mit Geschmack und Bildung behandelt . CRASSUS . Ich athme auf . Ja , Bildung - das ist mein Panier ! Und Geld , viel Geld ! Armuth ist ein Verbrechen . SEMPRONIA . Den Satz könnte man umkehren . FULVIA giftig . Sempronia kann doch ihre Freunde von der Gasse nicht schmähen hören ! SEMPRONIA . Fulvia hingegen liebt die vollen Taschen . Je nun , das ist - Erwerbssache ! CRASSUS . Silentium ! Ironie stört die Verdauung . - Da kommen die sieben Weisen . Cato und Cicero treten auf . Ah , ehrwürdiger Cato - nehmen wieder stoische Philosophie ein ? Flau , flau ! Klares Wasser , aber - Wasser ! CATO . Wie mein erhabener Ahnherr Portius Cato zu sagen pflegte - was ist das ? Er faßt Caesars Mantel . CAESAR . Götter ! Mein Mantel ist zartfühlend . CATO . Dies gestutzte , gezackte , verbrämte , geschniegelte Ding - dieses begabest Du mit dem Prädicat : » Mantel « ? ! O grobe Wolle , als der Römer statt nach den Wohlgerüchen des feilen Ostens nur nach dem Schweiß seiner Arbeit roch ! CETHEGUS auf Cicero losgehend . Ha , unser Retter des Vaterlandes ! Da hat er nun deklamirt im stillen Kämmerlein - ja , sie sind fertig , die extemporirten Invectiven , die plötzlichen Begeisterungen , die im Augenblick gebornen Orakel - das Vaterland ruft : er ist wohlpräparirt ! Und nun Alles umsonst ! CICERO . Und warum , o geistreicher Jüngling ? CETHEGUS kalt . Das will ich Dir sagen Die Götter überschütten Dich mit Güte : Sie bewahren Dich vor Gefahren , die erst kommen sollen . Denn , mein lieber Cicero , Consul wirst Du nicht . CICERO . Wir werden sehen . CETHEGUS . Und wir werden handeln . Wirst Du nicht Consul , - gut für Dich und uns ! Wirst Du ' s , - auch gut für uns ! Aber schlimm für Dich . Warum ? Weil man Dich am ersten Tage Deines Amtsantritts in Deinem Bette finden wird , die Kehle durchschnitten von einem Ohr zum andern ! Dreht ihm den Rücken . CRASSUS traulich zu Cethegus . Deine Verdauung gedeiht doch ? - Na und die politische Verdauung ? Die Verschwörung - hat die auch einen guten Magen ? CETHEGUS . Verschwörung ? Ich muß sehr bitten - CRASSUS . Verbindung , natürlich , Patrioten-Verbindung ! Nun , Consulwahl ist ' ne harte Nuß , wenn Dolche sie aufknacken . Verdaut ihr viel Stimmen , he ? Zieht ihn in den Hintergrund . CATO zu Lucull . Ich sage , Cicero ist der Mann . LUCULL . Ein Unmann ! Dieser eunuchische Wortekrämer - CATO . Aus Worten werden Thaten . Ich dächte , Du überließest das mir . Verfügst Du über meine Belesenheit in den Seelen der Menschen ? Der theoretisch geschärfte Blick des ergrauten Menschenkenners prüft Herz und Nieren . LUCULL . Nun , was die Ergrautheit anbelangt , junger Mann - CATO . Nicht Jahre , sondern Thaten machen alt ! Ich spreche stets figürlich . LUCULL zieht einen Spiegel hervor . Wie ? Dann muß ich ja schrecklich viel graue Haare haben ! ? CATO verächtlich . Von Thaten des Gedankens rede ich . Clodius Pulcher ( nähert sich ) . CAESAR . Was ? Ist dies nicht Clodius » der Schöne « ? LUCULL . Der Klopffechter ! Der Bandenhäuptling ! CATO . Der Wüstling ! Der schändliche Verführer ! CICERO . Und außerdem mein Feind ! Dies darf nicht geduldet werden . - Crassus , ich finde denn doch , rein herausgesagt , den Ton Deiner Kreise etwas zu gemischt ! CRASSUS . Ohne Mischung kein feines Gericht - frag ' nur die Autorität ! Deutet auf Lucull . CATO . O Zeiten , o Sitten ! Anrüchige Individuen - CRASSUS . Wir sind alle anrüchig ! Stellt vor . Hoffnungsvoller Knabe werther Geschäftsfreund . Arbeitet in Gladiatoren , auch ein schätzenswerther Artikel , alter Kunde . CLODIUS grüßend . Fulvia , mein Leben ! - Kastor und Pollux ! Lieblich wie bezahlte Schulden , unnahbar wie der Staatsschatz ! FULVIA . Deine Gleichnisse sind wahrhaft zeitgemäß . Leise . Sind meine Befehle vollzogen ? CLODIUS ebenso . Mit alter Treue ! FULVIA laut . Deine Schmeicheleien sind fade . CLODIUS bemerkt Sempronia , die sich langsam genährt hat . Ah , mein Leben ! Kastor und Pollux ! Lieblich , wie bezahlte Schulden , unnahbar , wie - SEMPRONIA ruhig . - der Staatsschatz ! Leise . Sind meine Befehle vollzogen ? CLODIUS ebenso . Mit alter Treue ! - SEMPRONIA . Heut um Mitternacht ! Ich muß Dich sprechen . Laut . Man kennt Deine lockern Grundsätze - - CLODIUS . Verbleibe mit Hochachtung ! - Ich stehe wahrhaft über den Verhältnissen . Der Meistbietende soll mich haben . Pompeia und Terentia kommen nach vorn . Amor steh mir bei ! Ich bin unsterblich verliebt . Ich bin fähig , ja , ich bin fähig , unbezahlt für die Freiheit in den Tod zu gehen für einen Blick ihrer Augen ! - Holde Pompeia - ach ! Schneidet ihr die Cour . ANTONIUS im Hintergrund zu Cäsar . Sieh doch ! Clodius der Schöne ! Deine Frau - CAESAR - weiß seine Verdienste zu schätzen . SULLA . Ist ' s denn wahr , daß er bei Dir Hausfreund - ANTONIUS . Nicht ? Clodius der Schöne - ! Man sagt - CAESAR . Nichts ? Das thut man gewöhnlich . SULLA wichtig zu Antonius . Wieviel wett ' st Du auf den nächsten Scheidungsproceß ? CRASSUS . Da kommt der Nachtisch ! Gladiatoren treten auf . Eigene Waare . Spezialhandel . Meine Fechterschule in Capua , » schwunghaftes Massengeschäft , nur Solides wird geliefert . « CICERO . Wieviel werden da wohl so » verbraucht « ? CRASSUS . Hundert bis tausend pro Jahr . Jeden Wahltag geht ein Halbhundert drauf . Empfehle Dir , Cicero . Augenblicklich großer Geschäftsstand : » Raufer flau , Skandalmacher gesucht , Krawallbanden dringend begehrt , Lebensbeendiger große Nachfrage « . Klatscht . Hallo ! Und daß ihr Euch das Fell von den Knochen haut ! Streut Rosen , Mädchen , duftet , Wohlgerüche , und , Gemetzel , hebe an ! Alle drängen sich im Hintergrund um die Fechtenden . Crassus und Cäsar kommen rasch nach vorn . CRASSUS . Wie ich Dir sagte . Antonius maior will mich sprechen . CÄSAR . Mich auch . Sprechen wir ihn ! ANTON DER AELTERE rasch eintretend . Verehrter und geschätzter Crassus ! Verlegen . Ah , Caesar ? CÄSAR lacht . Ja , ja , Jeden einzeln unter vier Augen , nicht ? Ei , wir sind ein Herz und ein Seele Sprechen wir also unter sechs Augen ! CRASSUS . Freund Antonius , Du machst gern ein Geschäft ,