er nicht an bessere Stellen befördert werde , weil er den Rücken nicht zu beugen verstehe . Der eigentliche Grund seines Sitzenbleibens war freilich die Unfähigkeit , etwas Besseres zu leisten , wie er ja schon durch seine Redeblume der » enttäuschten Grundsätze « bewies , daß ihm die Kenntnis des richtigen Sprachgebrauches fehlte . Trotz aller Unzufriedenheit hing er aber wie eine Klette an seinem Posten und wäre mit Feuerhaken nicht von demselben loszureißen gewesen ; denn er gewährte ihm , wenn auch kein glänzendes , so doch ein sicheres und gemächliches Auskommen . Auch hütete er sich , da seine Trägheit eine vorsätzliche war und er es in diesem Punkte halten konnte , wie er wollte , er hütete sich vorsichtig , unter die Linie hinabzugehen , wo er weggeschickt worden wäre , wogegen er sich aus periodischen Verweisen und Aufmunterungen nichts machte . Ich liebte diesen Hausgenossen um so weniger , als er zuweilen ein stiller Vorwurf für mich war , trotz seines keineswegs mustergültigen Charakters ; denn meine Mutter hatte , im Hinblick auf sein sorgloses und geruhiges Leben , schon mehr als einmal die schüchterne Frage aufgeworfen , ob es doch nicht vielleicht besser gewesen wäre , wenn wir , dem Rate jenes Magistraten folgend , eine solche Laufbahn gewählt hätten , auf der ein so dummer Mensch so behaglich einherwandle , während ich in die weite Welt müsse und nicht wisse , wie es mir ergehen werde . Ich hatte mich aber begnügt , auf die miserable Figur hinzuweisen , die ein solcher Kerl mache , der nichts Höheres kenne und nichts erfahren habe . Als ich nun vor der Türe stand , an welcher ein artiges Messingplättchen seinen Namen und den Titel seines Ämtchens zeigte , hörte ich im Innern den Pendelschlag der Wanduhr langsam und friedlich hin- und hergehen . Es herrschte eine so tiefe Stille und Ruhe in dem Gemach , daß die Uhr sich der Abwesenheit des unzufriedenen Gesellen förmlich zu freuen schien . An dem Türpfosten lehnend , horchte ich eine Weile dem eintönig vielsagenden Liede der Zeitmesserin , die niemals denselben Augenblick zweimal mißt . Ich hörte wohl etwas heraus , aber nicht das Rechte , weil ich jung war , und stürmte endlich in unsere eigene Wohnung hinauf . Dort harrte die Mutter mit der letzten kleinen gemeinsamen Mahlzeit , die sie bereitet ; die nächste sollte sie nun allein verzehren . Die Morgensonne erfüllte das Gemach mit ihrem Scheine , und ich betrachtete , als wir einsilbig am Tische saßen , durch die Stille wie befremdet , die schlichten weißen Vorhänge , das alte Wandgetäfer , das Hausgeräte , wie wenn ich alles dies nie wiedersehen sollte . Das Frühstück war etwas reichlicher als gewöhnlich bedacht , hauptsächlich damit ich nicht in den nächsten Stunden Schon hungrig zu werden und Geld auszugeben brauchte , aber auch weil die Mutter sich mit dem Reste den übrigen Tag hindurch nähren und heute für sich allein nicht mehr kochen wollte . Als sie das beiläufig sagte , ward ich ganz betreten und wollte erwidern , sie müsse das ja nicht tun , wenn ich nicht eine traurige Vorstellung mit mir nehmen solle . Allein ich brachte kein Wort hervor , an dergleichen Äußerungen nicht gewöhnt , indessen die Mutter nach Worten suchte , um diejenigen letzten Ermahnungen an mich zu richten , die sonst einem Vater obliegen . Da sie aber die Welt nicht kannte noch die Tätigkeiten und Lebensarten , denen ich entgegenging , und doch wohl fühlte , daß etwas nicht richtig sei in meinen Geschichten und Hoffnungen , ohne daß sie nachweisen konnte , worin es lag , so beschränkte sie sich schließlich auf den kurzen Zuspruch , ich solle Gott nie vergessen . Dieses Allgemeine , welches freilich alles umfaßte und ausdrückte , was sie mir hätte sagen können , weil ich ein ungebrochenes theistisches Glauben und Fühlen in mir trug , nahm ich mit dem Schweigen entgegen , das von selbst eine Bejahung ist . Und da zugleich die Kirchenglocken einfielen und eine um die andere rasch zusammenklangen , so blieb jenes Wort das letzte zwischen uns gesprochene ; denn die Minute war da , wo ich aufzubrechen hatte . Ich sprang auf , nahm Mantel und Tasche und gab der Mutter die Hand zum Lebewohl . Unter der Stubentüre , als sie mich begleiten wollte , drängte ich sie sanft zurück , zog die Türe zu und eilte allein auf die Post , von wo ich bald darauf in einem der schweren , mit fünf Pferden bespannten Eilwagen saß , die jeden Morgen im Trabe die steilen , schlecht gepflasterten Gassen der Bergstadt hinunterrasselten . Etwa fünf Stunden später fuhr ich über eine lange hölzerne Brücke . Als ich mich aus dem Schlage bog , sah ich einen starken Strom unter mir daherziehen , dessen an sich klargrünes Wasser , das junge Buchenlaub , das die Uferhänge bedeckte , sowie die tiefe Bläue des Maihimmels vermischt widerstrahlend , in einem so wunderbaren Blaugrün heraufleuchtete , daß der Anblick mich wie ein Zauber befiel und erst , als die Erscheinung rasch wieder verschwand und es hieß : » Das war der Rhein ! « mir das Herz mit starken Schlägen pochte . Denn ich befand mich auf deutschem Boden und hatte von jetzt an das Recht und die Pflicht , die Sprache der Bücher zu reden , aus denen meine Jugend sich herangebildet hatte und meine liebsten Träume gestiegen waren . Daß es nicht in meinem Erinnern leben konnte , ich sei nur von einem Gau des alten Alemanniens in den andern hinüber , aus dem alten Schwaben in das alte Schwaben gegangen , dafür hatte der Lauf der Geschichte gesorgt , und darum war mir das herrliche Funkeln der grünblauen Flamme des Rheinwassers wie der Geistergruß eines geheimnisvollen Zauberreiches gewesen , das ich betreten . Ich sollte freilich auf unerwartete Weise aus solchen Träumen geweckt und meine Weiterreise zur seltsamsten Pönitenzfahrt werden , die je einer gemacht . Denn bei der ersten Wechselstelle der nachbarländischen Post lag auch die Zollstätte mit dem fürstlichen Kronwappen , und während das Gepäck der übrigen Reisenden kaum geöffnet und leichthin geprüft wurde , erregte mein unförmlicher Koffer eine genauere Aufmerksamkeit der Zollbeamten ; was am gestrigen Abend so sorglich eingepackt worden , mußte unbarmherzig herausgenommen und auseinandergelegt werden bis auf die Bücher am Grunde , und diese wurden erst recht abgedeckt . So kam der Schädel des armen Zwiehan zutage und erweckte wiederum eine Neugierde anderer Art kurz , es wurde nicht geruht , bis der ganze Inhalt meiner Kiste auf dem fremden Boden umhergestreut lag . Mit kaltem Lächeln schauten sodann die martialischen Grenzwächter zu , als ich hastig und bekümmert meine Habseligkeiten wieder in den Kasten warf und preßte und kaum alles unterbringen konnte , während die übrigen Reisenden bereits im neuen Postwagen saßen und der Wagenführer mich zur Eile antrieb . Er half mir noch den Deckel zudrücken und schließen , und als die Bediensteten das schwere Möbel wegtrugen , lag richtig der Schädel auf der leeren Stelle und war , hinter dem Koffer versteckt , vergessen worden . Er hätte auch nicht mehr Platz gefunden . So hob ich ihn denn auf , nahm ihn unter den Arm , trug ihn zum Wagen und hielt ihn auf der ganzen Reise auf dem Schoße , in ein Tuch gewickelt , das ich für etwaigen Nachtfrost zum Schutze des Halses mit mir führte . Eine Art natürlicher Pietät oder Gewissensfurcht hielt mich ab , das unbequeme Wesen unterwegs auf gute Weise wegzuwerfen oder zurückzulassen , nachdem ich es einmal zu leichtsinnig vom Friedhofe geraubt hatte ; wie ja auch der verworfenste Mensch immer noch Anlaß findet , mit einem Zuge der Menschlichkeit , wenn auch noch so wunderlich angewendet , sich auszuweisen . Mit dem Sonnenuntergange des zweiten Tages erreichte ich das Ziel meiner Reise , die große Hauptstadt , welche mit ihren Steinmassen und großen Baumgruppen auf einer weiten Ebene sich dehnte . Meinen verhüllten Totenkopf in der Hand , suchte ich bald das notierte Wirtshaus und durchwanderte so einen guten Teil der Stadt . Da glühten im letzten Abendscheine griechische Giebelfelder und gotische Türme ; Säulenreihen tauchten ihre geschmückten Häupter noch in den Rosenglanz , helle gegossene Erzbilder , funkelneu , schimmerten aus dem Helldunkel der Dämmerung , wie wenn sie noch das warme Tageslicht von sich gäben , indessen bemalte offene Hallen schon durch Laternenlicht erleuchtet waren und von geputzten Leuten begangen wurden . Steinbilder ragten in langen Reihen von hohen Zinnen in die dunkelblaue Luft , Paläste , Theater , Kirchen bildeten große Gesamtbilder in allen möglichen Bauarten , neu und glänzend , und wechselten mit dunklen Massen geschwärzter Kuppeln und Dächer der Rats- und Bürgerhäuser . Aus Kirchen und mächtigen Schenkhäusern erscholl Musik , Geläute , Orgel- und Harfenspiel ; aus mystisch-verzierten Kapellentüren drangen Weihrauchwolken auf die Gasse ; schöne und fratzenhafte Künstlergestalten gingen scharenweise vorüber , Studenten in verschnürten Röchen und silbergestickten Mützen kamen daher , gepanzerte Reiter mit glänzenden Stahlhelmen ritten gemächlich und stolz auf ihre Nachtwache , während Kurtisanen mit blanken Schultern nach erhellten Tanzsälen zogen , von denen Pauken und Trompeten herübertönten . Alte dicke Weiber verbeugten sich vor dünnen schwarzen Priestern , die zahlreich umhergingen ; in offenen Hausfluren dagegen saßen wohlgenährte Bürger hinter gebratenen jungen Gänsen und mächtigen Krügen ; Wagen mit Mohren und Jägern fuhren vorbei , kurz , ich hatte genug zu sehen , wohin ich kam , und wurde darüber so müde , daß ich froh war , als ich endlich in dem mir angewiesenen Zimmer des Gasthofes Mantel und Totenkopf ablegen konnte . Elftes Kapitel Die Maler Gehe ich mit der Erinnerung meinem damaligen Wandel nach , so gestaltet sich derselbe erst um die Zeit wieder etwas deutlicher , wo ich gegen anderthalb Jahre am Musenorte mehr oder weniger inkognito zugebracht . Denn weder meine Vorbereitung noch meine Lebenskunde waren geeignet gewesen , mein Tun und Lassen rasch in eine feste Form zu leiten . In diesem Übergangsschatten herumsuchend , sehe ich mich eines Nachmittags bei guter Zeit die Palette reinigen und die Pinsel auswaschen , mit denen ich den Kampf mit einem auf Hörensagen begonnenen Ölmalen führte . Ich sehe mich noch den schlichten breitrandigen Hut ergreifen , den ich längst statt des sentimentalen Sammetbarettes trug , und den Weg zu einem neuen Bekannten antreten , um denselben noch bei der Arbeit zu finden und ihm eine flüchtige Weile zuzuschauen , ehe wir den verabredeten Gang ins Freie unternahmen . Ohne alle Empfehlungen angekommen und auch ohne Mittel , mich in die Werkstatt eines in der Wolle des Gelingens sitzenden Meisters einzudingen , war ich darauf angewiesen , in den Vorhöfen des Tempels zu stehen und da oder dort durch die Vorhänge zu gucken , was immer seine Schwierigkeit hatte . Denn von den Scholaren , wie sie im Durchschnitte sind , war nichts zu lernen , und sobald die jungen Leute durch den Verkauf eines Werkleins sich als angehende Meister betrachten lernten , wurden sie in der Mitteilung ihrer Kunstgeheimnisse zugeknöpft und einsilbig . Schon war ich einmal zurückgeschreckt worden , als ich mich auf ausdrückliche Einladung hin bei einem Derartigen schüchtern zum Besuche meldete und er mich an der Türe mit der hochmütigen Entschuldigung abwies , er halte soeben Konferenz mit seinem Literaten , um » den Mann « für die Besprechung eines neuen Bildes zu instruieren . Auch in der Idealwelt der Kunst sind Kümmel und Salz reichlicher als Ambrosia , und wenn die Leute wüßten , wie klein und ordinär es in den Köpfen mancher Maler , Dichter und Musikanten aussieht , so würden sie einige dem Völklein nur schädliche Vorurteile aufgeben . Mein neuer Freund , Oskar Erikson , war jedoch eine gerade und einfache Natur . Mit seiner ganzen langen und breitschultrigen Gestalt und in seinem dichten Goldhaar , welches vom hoch einfallenden Lichte gestreift wurde , saß er vor einem winzigen Bildchen , an dem er malte . Sonst war , außer einigen Skizzenbüchlein , in dem geräumigen Zimmer nichts zu erblicken als ein paar Jagdflinten an der Wand , auf dem Boden ausgestreckte Wasserstiefel und auf dem Tische liegende Pulverhörner und Schrotbeutel neben einigen Büchern . Eine kurze Jägerpfeife im Munde , rückte die Hünengestalt eben , als ich eintrat , mächtige Rauchwolken ausstoßend , auf dem Stuhle stöhnend und brummend hin und her , stand auf , setzte sich wieder , warf die Pfeife weg , daß das glimmende Kraut umherfuhr , zielte mit dem Pinsel und rief in abgebrochener Weise : » O heiliges Donnerwetter ! Welcher Teufel mußte mir einblasen , ein Maler zu werden ! Dieser verfluchte Ast ! Da hab ich zuviel Laub angebracht , ich kann in meinem Leben nicht eine so ansehnliche Masse Baumschlag zusammenbringen ! Welcher Hafer hat mich gestochen , daß ich ein so kompliziertes Gesträuch wagte ? O Gott , o Gott ! wär ich , wo der Pfeffer wächst ! ei , ei , ei , ei ! Das ist eine saubere Geschichte - wenn ich nur diesmal noch aus der Tinte komme ! « Plötzlich fing er ans Verzweiflung machtvoll an zu singen : » O wär ich auf der hohen See Und säße fest am Steuer ! « was ihm zum Durchbruch zu verhelfen schien ; denn der Pinsel saß jetzt an der rechten Stelle und arbeitete mehrere Minuten gemächlich fort , indessen Erikson die angefangene Melodie immer ruhiger und gedämpfter wiederholte und endlich verstummte und still weitermalte . Aber offenbar um Gott nicht allzulange zu versuchen , sprang er unversehens auf und betrachtete , einen Schritt zurücktretend , mit höchster Zufriedenheit den alten Dessauermarsch pfeifend , sein Werk . Dann setzte er das Gepfiffene in Worte um und sang , indem er das Rauchzeug wieder zusammensuchte : » So leben wir , so leben wir , so leben wir alle Tage « usf. , wobei er endlich meine Anwesenheit entdeckte . » Sehen Sie , wie ich mich plagen muß ! « rief er , mir unbefangen die Hand schüttelnd ; » seien Sie froh , daß Sie ein gelehrter Komponist und Kopfmaler sind , der nichts zu können braucht , während so ein armer Teufel von Handelsmaler nicht weiß , wo er die Tausende von bargültigen Halbtönchen , Druckerchen und Lichtchen auftreiben soll , um seine kabinettsfähigen vierzig Quadratzoll nicht allzu schwindelhaft zu überstreichen ! « Das war durchaus nicht ironisch gemeint ; vielmehr betrachtete er seine Arbeit von neuem mit mißtrauischen Augen und setzte sich wieder hin , um noch ein bißchen sein Heil zu versuchen , indessen ich ihm gespannt zuschaute , wie er auf der großen Palette mit ängstlicher Vorsicht reine und sichere Tinten aussonderte , mischte und in der beschriebenen Weise auftrug . Wie er später , bei entwickelter Vertraulichkeit , von sich selbst behauptete , war er nicht etwa ein schlechter Maler ( dazu war er allerdings zu geistreich ) , sondern im wesentlichen Sinne der Frage gar keiner . Ein Kind der nördlichen Gewässer , von der Grenzmark zwischen den Deutschen und Skandinaviern herstammend , Sohn eines in guten Umständen lebenden Seefahrtsmannes , hatte er in den ersten Jugendjahren ein anmutiges Geschick bekundet , mit gewandtem Stifte zu skizzieren , was ihm vor die Augen kam , und hauptsächlich für das jährliche Schulexamen prunkende Schaustücke in schwarzer Kreide angefertigt . Durch den Einfluß eines jener verkümmerten Zeichenlehrer , welche die Dürftigkeit ihrer Existenz mit unversieglicher Begeisterung zu verhüllen oder zu verbessern trachten und überall mit unseligem Aufstacheln zur Hand sind , war er vom freisinnigen Mut einer glücklichen Familie , sich selbst nur halb bewußt , der Kunst zugewendet worden , nicht ohne daß jener Lehrer hiebei manches kräftige Liebesmahl und auch klingenden Lohn für allerlei Rat und Tat zu genießen wußte . Die ungewöhnliche Laufbahn schien auch dem hellen und fröhlichen Sinn des Jünglings , seiner unbändig emporwachsenden Kraft eher zu entsprechen als der Aufenthalt in der väterlichen Schreibstube . So wurde er denn , im Widerspiel mit so vielen andern Jünglingen in ähnlicher Lage , unter bester Zustimmung und Hoffnung , wohlausgestattet und empfohlen , zur Reise nach den berühmtesten Kunstschulen entlassen und fand bei den namhaftesten Meistern , welche ihre Werkstätten zu öffnen pflegten , willige Aufnahme . Im Anfange ging die Entwicklung ganz frisch und ohne Unterbruch vonstatten , besonders da der junge Mann , zwar nicht übereifrig und mehr lebenslustig , doch keine wirklichen Pausen in seinem Fleiße eintreten ließ und sowohl mit seiner prächtigen Gestalt als seinem heiter frohen Ernste eine Zierde der Ateliers bildete . Aber die Fortschritte gingen nur bis zu einer gewissen Grenze und standen dann unerbittlich still , auf geheimnisvolle Weise , da jedermann die schönsten Hoffnungen hegte und in der Führung des männlich ruhigen Scholaren keine Änderung eingetreten war . Erikson ward des Phänomens zuerst inne , glaubte aber dagegen ankämpfen , dasselbe überwinden und beseitigen zu sollen . Er veränderte den Ort , versuchte sich auf allen Gebieten , wechselte Meister um Meister - umsonst , er fühlte , daß ihm die Gewalt zur Erfindung sowohl wie zur Fülle der Ausführung abging , daß ihn das innere Sehen auf einem deutlich erkennbaren Punkte verließ oder höchstens sich vereinzelt gleich einem glücklichen Würfelspiel einstellte , welches sich nicht wiederholte , und schon hatte er sich entschlossen , den beschämenden Kampf aufzugeben und heimzukehren , als ihn die Nachricht von dem Ruin des väterlichen Hauses ereilte . Derselbe war so vollständig und hoffnungslos , wenigstens auf Jahre hinaus , daß die Heimkehr des Sohnes als eine Vermehrung des Übels betrachtet und bestimmt gewünscht wurde , er möge zusehen , wie er sich mit den Früchten seines bisher so löblichen Fleißes nun weiterhelfe . So war denn sein Entschluß bald verändert . Mit unbestechlich bedächtiger Selbstkritik durchsuchte und verglich er das ganze Gebiet dessen , was in seinem Vermögen stand , und gelangte nach reiflichem Nachdenken zu dem Ergebnisse , daß er mit Sicherheit und Verständnis allereinfachste Landschaftsbilder im kleinsten Maßstabe , belebt mit vorsichtig hingesetzten Figürchen , alles dies mit einem gewissen Reiz ausgeführt , hervorbringen könne . Ohne Zaudern machte er sich daran , und zwar mit redlichem und anständigem Sinne . Denn anstatt mit leichter Arbeit auf falsche Effekte und irgendein manieriert modisches Gepinsel loszugehen , das sich sozusagen von selbst hinschmiert ( gerade das wäre für manchen andern so recht angezeigt gewesen ) , blieb er wie ein wahrer Gentleman den Grundsätzen einer ehrlichen Vorbereitung und Vollendung getreu , und hiemit erneuerte sich bei jedem neuen Bildchen für ihn Arbeit und Mühe . Glücklicherweise gelang die Sache . Gleich das erste Produkt , das er ausstellte , wurde rasch verkauft , und es dauerte nicht lange , so suchten die für feinere Kenner geltenden Sammler die sogenannten Eriksons zu guten Preisen zu erwerben . Ein solcher Erikson enthielt etwa im Vordergrunde ein helles Sandbord , einige Zaunpfähle mit Kürbisranken , im Mittelgrunde eine magere Birke , dann aber einen weiten flachen Horizont , dessen wenige Linien , mit weiser Berechnung angelegt und in Verbindung mit der einfach gehaltenen Luft , die Hauptwirkung des Werkleins hervorbrachten . Obgleich dergestalt Erikson als echter Künstler angesehen wurde , verleitete ihn das weder zur Selbstüberschätzung noch zum Geiz ; sobald seinem Ausgabenbedürfnisse genügt war , warf er Pinsel und Palette hin und ging ins Gebirge , wo er sich als Jagdgenosse so einheimisch gemacht , daß er sogar zur Bärenjagd , wenn sich eine solche auftat , zugelassen wurde . Den größern Teil des Jahres brachte er , fern von der Stadt , auf diese Weise zu . Es gehörte nur zum Bilde des allgemeinen Lebens und seines Haushaltes , wenn ich jetzt genötigt war , dem wackern Gesellen , der sich selbst nicht für einen Meister hielt , die Geheimnisse des Handwerks abzulauschen . » Nun ist ' s aber genug ! « rief Erikson plötzlich , » auf die Art kommen wir nicht fort . Überdies wollen wir im Vorbeigehen einen Kameraden abholen , bei dem Sie Besseres sehen können , heißt das , wenn wir Glück haben ! Kennen Sie Lys , den Niederländer ? « » Nur vom Hörensagen « , versetzte ich ; » ist es der Sonderling , von dem niemand weiß , was er malt ? der niemanden in seine Werkstatt läßt ? « » Mich läßt er schon hinein , weil ich kein Maler bin ! Sie vielleicht auch , weil Sie noch nichts können und es noch unentschieden ist , ob Sie überhaupt je ein Maler sein werden ! Na , werden Sie nur nicht mauserig , etwas werden Sie schon werden und sind es ja bereits . Lys hat ' s Gott sei Dank nicht nötig , er ist reich und kann schon alles , was er will , nur ist es nicht viel ; denn er tut fast nichts . Am Ende ist er auch kein Maler , wenigstens sollte man keinen so heißen , der nicht wirklich malt , er müßte denn Abhaltungen haben wie jener Leonardo , der Talerstücke an die Domkuppel warf ! « Ich half ihm rasch sein Zeug reinigen , das er stets in so guter Ordnung hielt , daß er auch jetzt nachsah , wie ich es gemacht . » Denn es ist nicht gleichgültig « , sagte er , » ob man mit Mist malt , wenn man doch die Absicht hat , einen lautern Ton zu treffen . Wer immer Dreck in seinem Zeug hat oder das Unverträgliche mischt , ist wie ein Koch , der das Rattengift zwischen die Gewürze stellt . Aber die Pinsel sind rein , Gott segne Sie ! von diesem Punkte aus kann man Sie unbescholten nennen ! Sie haben eine ordentliche Mutter , oder ist sie tot ? « Nachdem wir einige Straßen zurückgelegt , betraten wir die Niederlassung des mysteriösen Niederländers , welche so gewählt war , daß die Fenster des geräumigen , von ihm allein bewohnten Stockwerkes auf den freien Horizont und offenen Himmel hinausgingen und von der Stadt selbst nichts zu sehen war als ein paar edle Architekturen und massige Baumgruppen . Befand man sich in dieser Gegend auf freier Erde , so sah man nur den unfertigen Rand einer Stadt , mit Bretterwänden , alten Baracken und Wirtschaftlichkeiten versetzt ; die Fenster des Herrn Lys , welche nichts als jene in einer Flut goldenen Lichtes ruhenden idealen Gegenstände zeigten , schienen daher mit sorgfältigem Geschmacke herausgefunden zu sein . Wenigstens wirkte die glänzende Durchsicht der großen Fenster durch eine offenbar bewußte Einfachheit und Ruhe in der Ausstattung der Zimmer in doppeltem Maße . Zu meiner Verwunderung hatte Lys , der uns freundlich empfing , nichts Holländisches an sich , wie man sich dieses vorzustellen pflegt . Ein mittelgroßer schlanker Mann von vielleicht achtundzwanzig Jahren , war er dunkel an Haar und Augen , letztere von einem fast melancholischen Ausdruck gleich dem hübsch lächelnden Munde . Noch mehr wunderte ich mich , daß das Zimmer , in welchem wir uns befanden , keine Spur von Kunsttätigkeit verriet , vielmehr dem Aufenthalt eines Gelehrten oder Politikers glich . Große , mit Gardinen verhangene Regale bargen eine Menge Bücher , worunter , wie ich später erfuhr , manche Raritäten und erste Ausgaben . An den Wänden hingen nicht etwa Bilder oder Studien , sondern Landkarten , auf einem Tische lag ein Haufen Journale verschiedener Sprachen , und an einem breiten Schreibtische schien Lys soeben gearbeitet zu haben . » Ich bin mir noch den Nachmittagskaffee schuldig « , sagte er , als wir uns setzten , » halten die Herren mit ? « » Da wir vermuten , er werde nicht schlecht sein , gewiß ! « antwortete Erikson für uns beide , und Lys klingelte einem jungen Menschen , der ihn bediente . Inzwischen sah ich mich immer noch im Raume um , nicht eben im Besitze des guten Tones . » Der wundert sich auch « , rief Erikson , » wo die Staffeleien und Bilder dieses Kunsttempels seien ! Nur Geduld , junger Herr von Strebsam , der Mann zeigt sie uns noch , wenn wir schön bitten ! Aber wahr ist es , lieber Lys , bei Ihnen sieht ' s aus wie im Arbeitszimmer eines großen Publizisten oder eines Ministers ! « Etwas düster lächelnd versetzte der andere , er sei nicht aufgelegt , seine Arbeiten heute noch zu sehen ; schon zum dritten Male müsse der Bursche die Paletten unverrichteterdinge abends wieder absetzen , und unter solchen Umständen sei es wohl verzeihlich , daß er nicht gern ins Atelier hinübergehe , sei es allein oder mit Fremden . Wirklich erteilte er dem Diener , als der mit dem Kaffeebrett erschien , den Auftrag . Brett und Geschirr aber glänzten , mit Ausnahme der chinesischen Tassen , in schwerem Silber und waren in dem nüchternen neugriechischen Stile früherer Jahrzehnte gearbeitet , ein Zeugnis , daß Eltern und Familie des Niederländers von der Erde verschwunden waren und er als allein Übriggebliebener das Erbstück mit sich führte , um einen letzten Schimmer des verlorenen Vaterhauses um sich zu haben . Bei einer späteren Gelegenheit behauptete Erikson vertraulich , Lys bewahre in seinem Schreibtische auch das goldbeschlagene Kirchenbuch seiner Mutter auf . Das braune Getränke war das feinste , was ich in meinen einfachen Verhältnissen bis anhin genossen ; allein das Ungewohnte , ein so kostbares Familiengeräte bei einem fahrenden Künstler in täglichem Gebrauche zu finden , schüchterte mich etwas ein , und als Lys , meine abermals herumschweifenden Blicke bemerkend , mich anredete : » Nun , Herr Lehmann , können Sie sich noch nicht mit dem unmalerischen Anblick meiner Wohnung befreunden ? « reizte mich das Vergessen oder Nichtbeachten meines Namens sowie die Weigerung , seine Arbeiten zu zeigen , zu einem kleinen Ausfalle . Die Art seiner Einrichtung , versetzte ich , werde vielleicht mit einem andern Wesen zusammenhängen , das ich seit einiger Zeit beobachtet habe , nämlich die wunderliche Manier , in welcher die verschiedenen Künste ihre technische Ausdrucksweise vertauschen . So hätte ich kürzlich die Kritik einer Symphonie gelesen , worin nur von der Wärme des Kolorites , Verteilung des Lichtes , von dem tiefen Schlagschatten der Bässe , vom verschwimmenden Horizonte der begleitenden Stimmen , vom durchsichtigen Helldunkel der Mittelpartien , von den gewagten Konturen des Schlußsatzes und dergleichen die Rede sei , so daß man durchaus die Rezension eines Bildes zu lesen glaube ; gleich darauf hätte ich den rhetorischen Vortrag eines Naturforschers , der den tierischen Verdauungsprozeß beschrieb , mit einer gewaltigen Symphonie , ja mit einem Gesange der Göttlichen Komödie vergleichen hören , während an einem andern Tische des öffentlichen Lokales einige Maler die neue historische Komposition des berühmten Akademiedirektors besprochen und von der logischen Anordnung , der schneidenden Sprache , der dialektischen Auseinanderhaltung der begrifflichen Gegensätze , der polemischen Technik bei einem dennoch harmonischen Ausklingen der Skepsis in der bejahenden Tendenz des Gesamttones zu reden gewußt hätten , kurz , es scheine keiner Zunft mehr wohl in ihrer Haut zu sein und jede im Habitus der andern einherziehen zu wollen . Wahrscheinlich handle es sich um das Ermitteln und Feststellen eines neuen Inhaltes für sämtliche Wissenschaften und Künste , wobei man sich beeilen müsse , nicht zu kurz zu kommen . » Ich sehe schon « , rief Lys mit Lachen , » wir müssen doch noch hinübergehen , damit Sie sehen , daß wir wenigstens noch mit Farben malen ! « Er ging voran und öffnete die Türe zu einer Reihe von Räumen , in welchen je eines seiner Bilder , an denen er arbeitete , ganz allein und in der besten Beleuchtung aufgestellt war , so daß der Blick durch nichts anderes abgezogen und zerstreut wurde . Die spätere Nachmittagssonne , die auf den Wolken draußen , auf der weiten Landschaft und den tempelartigen Gebäuden lag , ließ die an sich schon leuchtenden Bilder durch ihren hereinfallenden Reflex noch verklärter erscheinen , so daß sie in der Stille des Raumes einen seltsam feierlichen Eindruck machten . Das erste war ein Salomo mit der Königin von Saba , ein Mann von eigentümlicher Schönheit , der sowohl das Hohelied gedichtet als geschrieben haben mußte Alles ist eitel unter der Sonne ! Die Königin war als Weib , was er als Mann , und beide , in reiche Gewänder gehüllt , saßen allein und einsam sich gegenüber und schienen , die glühenden Augen eines auf das andere geheftet , in heißem , fast feindlichem Wortspiele sich das Rätsel ihres Wesens , der Weisheit und des Glückes herauslocken zu wollen . Das Merkwürdige dabei war , daß der schöne König in seinen Gesichtszügen ein verschönter und idealisierter Lys zu sein schien . Im Zimmer war sonst nichts als eine flache blankgeputzte Messingschüssel von alter Arbeit mit einigen Orangen , die zufällig auf einem Ecktischchen stehen mochte . Die Figuren des Bildes waren von halber Lebensgröße . Das Bild im nächsten Raume stellte Hamlet den Dänen dar , aber nicht nach einer Szene des Trauerspieles , sondern als das von einem guten Künstler gemalte Bildnis gedacht , als das Porträt des in seine Staatsgewänder gekleideten , noch ganz jungen und blühenden Prinzen , um dessen Stirn , Augen und Mund jedoch schon das verschleierte Schicksal der Zukunft schwebte . Dieser Hamlet erinnerte ebenfalls an den Maler selbst , aber mit so großer Kunst verhüllt , daß man nicht wußte , woran es lag . In einer Ecke des Zimmers lehnte ein Schwert mit reich in Stahl und Silber gearbeitetem Korbe , welches offenbar zum Modell gedient hatte oder noch diente . Dieser vereinzelte Gegenstand erhöhte noch den Eindruck der Einsamkeit und sanften Trauer , der von des Bildes stillem Leuchten ausströmte . Im übrigen hatte das Kniestück die volle Lebensgröße . Von diesem Raume ging es endlich in den letzten hinüber , der schon ein Saal zu nennen war . Gleich den übrigen Bildern bereits