waren . Jetzt waren wir heran und im nächsten Augenblick unten in der Schlucht ; aber das war nicht mehr das leere Flußbett , in dem wir drei Stunden vorher , als wir in weitem Bogen von Utiza her einschwenkten , einen beinahe vollkommenen Schutz vor dem feindlichen Kreuzfeuer gefunden hatten , sondern in eben dieser schutzgebenden Vertiefung hatten sich jetzt frische , aus der Reserve her vorgezogene Batailone eingenistet und empfingen uns , in dichten Knäueln Stellung nehmend , erst mit Flintenfeuer , dann , wenn wir die Knäuel sprengten , mit Kolben und Bajonett . Doch umsonst ; wie die Windsbraut gingen wir hindurch oder dran vorüber , denn unsere Aufgabe war nicht , uns hier unten in Gruppen- und Knäuelkämpfen zu vertun , sondern drüben die hoch aufragende Rajewskischanze im ersten Anlauf zu nehmen . Und jetzt waren wir den steilen Flußbettabhang wieder hinauf und hielten vor der noch steileren Böschung der Schanze selbst . Unsere vordersten Züge bogen unwillkürlich nach rechts hin aus und suchten durch eine im Halbkreis gehende Bewegung die Kehle der Schanze zu gewinnen , die nachfolgenden Rotten aber , als wäre die Schanzenböschung nur die Fortsetzung des eben im Fluge genommenen Flußbettabhanges , jagten die Redoute hinauf und sprengten von oben her mitten in die Schanze hinein . Ein Kampf Mann gegen Mann entspann sich ; die Kanoniere , die nach Wischer und Hebebäumen griffen , wurden niedergehauen ; was übrigblieb , warf die Waffen fort und gab sich zu Gefangenen . Nur General Lichatschew , der hier kommandierte , wollte keinen Pardon . Er hatte eine Stunde vorher die Schanze verlassen , um bei General Kutusow über den damals gut stehenden Gang des Gefechtes zu rapportieren . » Wo liegt die Schanze ? « hatte Kutusow gefragt , und Lichatschew hatte die rechte Hand erhoben , um die Richtung anzugeben . Eine Sechspfünderkugel riß ihm die Hand fort ; er hob die Linke , zeigte scharf gegen Süden und sagte : » Dort . « Dann war er , nur leicht verbunden , in die ihm anvertraute Schanze zurückgekehrt . Nun lag er tot unter den Toten . Das Zentrum war durchbrochen , die Rajewskischanze in unseren Händen . Als , um uns abzulösen , die Division Morand heranrückte und General Thielmann den Befehl zum Sammeln der Brigade gab , war kein Trompeter mehr da , um zu blasen . Ein Schwerverwundeter endlich ließ sich aufs Pferd heben und blies die Signale . So gingen wir auf die andere Seite des Grundes zurück . Es war erst drei Uhr , aber die Kraft beider Heere war wie ausgebrannt . Wir hatten ein Drittel , die Russen die Hälfte ihres Bestandes an diesen Tag gesetzt . Kutusow , in einem Kriegsrat , der abgehalten wurde , beschloß , bis hinter Moskau zurückzugehen . Er wußte , daß man ' s ihm nicht zum Guten anrechnen werde , und sagte : » Je payerai les pots cassés , mais je me sacrifie pour le bien de ma patrie . « Am andern Morgen trat er den Rückzug an ; Napoleon folgte den Tag darauf . Auch wir . Wir waren nur noch ein Trümmerhaufen ; was wir gewesen , das lag bei Semenowskoi und in der Rajewskischanze , aber in unsere Standarten durften wir den Namen schreiben : Borodino ! Zwölftes Kapitel Durch zwei Tore An » Borodino « knüpften sich hundert Fragen , und von Meerheimb , während er diese Fragen beantwortete , blieb der Mittelpunkt des Kreises . Er erzählte von dem Marsche über das unaufgeräumte , die entsetzlichsten Szenen bietende Schlachtfeld , von dem Einzug in Moskau , von ihren Hoffnungen und Enttäuschungen , endlich von dem Aufgeben der verödeten und mittlerweile zu einer Brandstätte gewordenen Hauptstadt . Mit dem Bilde , das er von diesem Elend entwarf - eine Woche später war er verwundet worden - , brachen seine Schilderungen ab . Es konnte dabei nicht fehlen , daß einzelner französischer Heerführer , Neys oder Nansoutys , noch häufiger Murats und des Vizekönigs , mit wenig verhehlter Vorliebe gedacht wurde ; aber die Verhältnisse lagen damals in Preußen und ganz besonders in seiner Hauptstadt so eigentümlich , daß solcher Vorliebe ohne die geringste Besorgnis vor einem Anstoß Ausdruck gegeben werden konnte . Niemand wußte , wohin er sich politisch , kaum , wohin er sich mit seinem Herzen zu stellen hatte , denn während unmittelbar vor Ausbruch des Krieges dreihundert unserer besten Offiziere in russische Dienste getreten waren , um nicht für den » Erbfeind « kämpfen zu müssen , standen ihnen in dem Hilfscorps , das wir eben diesem » Erbfeinde « hatten stellen müssen , ihre Brüder und Anverwandten in gleicher oder doppelter Zahl gegenüber . Wir betrachteten uns im wesentlichen als Zuschauer , erkannten deutlich alle Vorteile , die uns aus einem Siege Rußlands erwachsen mußten , und wünschten deshalb diesen Sieg , waren aber weitab davon , uns mit Kutusow oder Woronzow derartig zu identifizieren , daß uns eine Schilderung französischer Kriegsüberlegenheit , an der wir , gewollt oder nicht gewollt , einen hervorragenden Anteil hatten , irgendwie hätte verletzlich sein können . Es schlug eben sechs , als von Meerheimb sich erhob , um den Beginn einer Opernvorstellung - die » Vestalin « wurde gegeben - nicht zu versäumen . Als sich herausstellte , daß er kein Verabredung mit anderen Kameraden getroffen habe , wurde beschlossen , ihn in die Vorstellung zu begleiten ; nur Hansen-Grell und Lewin lehnten ab und schritten auf verschiedenen Wegen ihrer Wohnung zu . Lewin hatte noch die Vorlesung im Sinn , die nicht als Schlachtbeschreibung , wohl aber als Schilderung überhaupt einen großen Eindruck auf ihn gemacht hatte . Er sah das brennende Semenowskoi und wie die Pferde , im flüchtigen Passieren der Brand- und Schwelstätte , in die verräterisch mit Aschenschutt überdeckten Kellerlöcher stürzten ; er sah die tiefen russischen Kolonnen , zwischen denen , als gält es eine Spießrutengasse zu passieren , Oberst von Leyser und seine Todesschar hindurchjagten , und er sah endlich , wie sich ein Wiesenstreifen plötzlich mit gelben Schafpelzreitern füllte , Baschkiren und Kalmücken , die nun nach Art eines Wespenschwarms ihre Opfer niederstachen . All das sah er , und dazwischen , wie eine Melodie , die er nicht loswerden konnte , hörte er die Worte des alten Compans : » Sire , es liegt in der Schanze . « Es klang ihm noch im Ohr , als er die Treppe zu seiner Wohnung hinaufstieg . Hier fand er alles hell und licht . Frau Hulen mußte sich die Stunde seiner Rückkehr genau berechnet oder seinen Schritt auf dem Hausflur richtig erkannt haben , jedenfalls brannte schon die kleine grüne Studierlampe auf seinem Schreibtisch und schien ihn zu sich einzuladen . Er ließ auch nicht lange auf sich warten , nahm Platz und warf einen Blick auf die Bücher , Blätter und Briefe , die noch ebenso lagen , wie er sie vormittags , als er sich für das Jürgaßsche Frühstück rüstete , zurückgelassen hatte . Renatens Brief überflog er noch einmal , ohne daß sich der Eindruck sonderlich gesteigert hätte ; es blieb , wie es war ; der äußere Schaden durfte neben dem inneren Gewinn nicht in Betracht kommen . Andererseits trieb es ihn auch wieder , seinen Gedanken , die das Sorgenvolle eines zweiten stattgehabten Brandunglücks innerhalb wenig mehr als Jahresfrist nicht verkennen konnten , womöglich eine freundlichere Richtung zu geben , und die zur Hand liegenden Bücher sollten ihm dabei behülflich sein . Zuoberst lag noch immer der Band Herder . Als er ihn wieder aufschlug , fiel sein Auge auf dasselbe Lied , dessen Schlußzeilen ihn am Vormittage so weh ums Herz gemacht hatten , und abergläubisch , wie er war , sah er darin ein Zeichen von wenig guter Vorbedeutung . Er schloß verdrießlich das Buch , das ihm die gewünschte Freudigkeit nicht geben wollte , und weiter suchend , entdeckte er endlich ein broschürtes Heft , auf dessen zitronengelbem Umschlag , neben seinem eigentlichen Titel : » Chants et Chansons populaires « , noch von Tante Amelies charakteristischer Hand die Worte geschrieben standen : » Dedié à son cher neveu L. v. V. par Amélie , Comtesse de P. ; Château de Guse , Noël 1812 . « Lewin , voller Mißtrauen in den literarischen Geschmack der Guser Tante , hatte sich noch nicht entschließen können , in das Büchelchen hineinzusehen ; lächelnd griff er jetzt nach demselben und blätterte darin . Eine der kleineren Abschnittsüberschriften , die er sich , vielleicht nicht ganz richtig , mit » Kinderreime « übersetzte , reizte flüchtig seine Neugier , und er begann zu lesen : Ma petite fillette , c ' est demain sa fête . Je sais pour elle ce qui s ' apprête : Le boulanger fait un gâteau , La couturière un petit manteau ... » Das ist ja allerliebst « , sagte er , » und ganz , wonach ich mich gesehnt habe . Wie mir diese Reime wohltun ! « Und er las unter steigendem Interesse bis zu Ende . Die Zeilen hafteten sofort in seinem Gedächtnis ; aber das genügte ihm nicht , er wollte sie deutsch haben , wobei dahingestellt bleiben mag , ob nicht vielleicht schon die nächste Kastaliasitzung mit aufmunterndem Winken vor seiner Seele stand . Jedenfalls war es unter dem Einfluß einer freudig erregten Stimmung , die auch dem Übersetzer rascher die Feder führt , daß er wie im Fluge die Reimpaare der zierlichen kleinen Strophe niederschrieb . Nur der » petit manteau « der couturière hatte ihm eine kleine Schwierigkeit gemacht . Die letzte Zeile stand noch kaum auf dem Papier , als es klopfte und Frau Hulen eintrat . Sie brachte den Tee . » Setzen Sie sich , Frau Hulen , ich will Ihnen etwas vorlesen . « Die Alte blieb an der Tür stehen und sah verlegen auf ihren jungen Herrn . Jetzt erst merkte dieser , daß er , in dem Übermut plötzlicher guter Laune , einen gewagten Schritt getan habe , und die Reihe des Verlegenwerdens kam an ihn . Er getröstete sich jedoch , wie so viele vor und nach ihm , mit der alten Anekdote , daß auch Molière das Urteil seiner Haushälterin zu Rate gezogen habe , und sagte deshalb , während Frau Hulen das Teebrett niedersetzte , mit ziemlich wiedergewonnener Unbefangenheit : » Hören Sie nur zu ; es ist nicht schlimm . Zu meiner Enklin Namenstag Ihr jeder etwas bringen mag : Der Bäcker bringt ein Kuchenbrot , Der Schneider einen Mantel rot , Der Kaufmann schickt ihr , weiß und nett , Ein Puppenkleid , ein Puppenbett , Und schickt auch eine Schachtel rund Mit Schäfer und mit Schäferhund , Mit Hürd ' und Bäumchen , paarweis je , Und mit sechs Schafen , weiß wie Schnee ; Und eine Lerche , tirili , Seit Sonnenaufgang hör ich sie , Die singt und schmettert , was sie mag , Zu meines Lieblings Namenstag . Nun , Frau Hulen « , schloß Lewin seine Vorlesung , » was meinen Sie dazu ? « Die Alte zupfte an ihrem Haubenband und sagte dann : » Sehr hübsch . « » Das ist mir zuwenig . « » Ja , junger Herr , ich kann es doch nicht wunderschön finden ! « » Warum nicht ? « » Es geht alles so klipp und klapp wie ein Fibelvers . « » Das ist es ja eben ; das soll es ja . Ganz richtig . Sie sind doch eine kluge Frau , Frau Hulen , und wenn ich wieder einen Fibelvers schreibe , so sollen Sie auch wieder die erste sein , die ihn zu hören kriegt . « Es schien nicht , daß die Mitteilung einer derartig bevorstehenden Auszeichnung von derjenigen , an die sie sich richtete , in ihrem ganzen Werte gewürdigt wurde ; Frau Hulen suchte vielmehr , während sie sonst das Plaudern über die Maßen liebte , die Rückzugslinie zu gewinnen , und erst als sie die Türklinke schon in der Hand hatte , wandte sie sich noch einmal und sagte : » Ach , da war auch der junge Schnatermann hier ... « » Von Lichtenberg ? « » Ja , von Lichtenberg . Er brachte eine Empfehlung von seinem Vater , und sie hätten morgen ein Dachsgraben in der Dahlwitzer Forst . Es kämen noch andere Berliner Herren . Ob der junge Herr auch vielleicht Lust hätte ? Elf Uhr am Lichtenberger Weg . « Lewin nickte . » Das trifft sich gut ; Donnerstag ist ein freier Tag . Wecken Sie mich früh , Frau Hulen . « Und damit wünschten sie sich eine gute Nacht . Lewin war zu guter Stunde auf , und da nur mäßige Kälte herrschte , so bedurfte es für ihn , der ohnehin gegen Wind und Wetter abgehärtet war , keiner sonderlichen Vorbereitungen , um sich für die Partie zu rüsten . Der Weg bis zum Rendezvousplatz war nicht allzu weit und hielt sich vom Frankfurter Tore aus auf derselben Pappelallee , die Lewin auf seinen Besuchs-und Ferienreisen nach Hohen-Vietz ungezählte Male passiert hatte . Er kannte bis nach Lichtenberg und Friedrichsfelde hin jedes einzelne Etablissement und versäumte selten , wenn er an der » Neuen Welt « , einem vielbesuchten Vergnügungslokal , vorüberkam , ein Glas Bernausches zu trinken und mit dem alten blauschürzigen Wirt , der immer selbst bediente , einen langen Diskurs zu halten . Heute gebot es sich aber doch , auf solche Diskurse , die leichter anzufangen als abzubrechen waren , Verzicht zu leisten , und so schritt er denn an dem Etablissement vorüber , vor dem eben ein mit zwei großen Hunden angeschirrter Brotwagen abgeladen wurde . Er war noch kaum dreihundert Schritt drüber hinaus , als er auf dem breiten Fahrdamm , auf dem er bequemlichkeitshalber selber ging , einen ungeordneten Trupp Menschen auf sich zukommen sah , vierzig oder fünfzig , soweit es sich in der Entfernung abschätzen ließ . Es schien , daß auch er bemerkt worden war , denn der Trupp , sei es auf ein Kommandowort oder aus Antrieb jedes einzelnen , begann sich plötzlich militärisch zu ordnen , und Lewin , der nicht wußte , was er aus dieser Erscheinung machen sollte , trat auf die Seite , um die Näherkommenden an sich vorbei zu lassen . Er hatte jedoch noch eine Weile zu warten , denn es waren keine raschen Fußgänger mehr , die da heranmarschierten . Endlich ließen sich die vordersten deutlich erkennen . Sie trugen graue Mäntel samt einem Czako und konnten auf den ersten Blick noch als eine uniformierte Truppe gelten , aber bei genauerer Musterung zeigte sich der ganze Jammer ihres Zustandes . Die Stiefel , soweit sie deren hatten , waren aufgeschnitten , um die verschwollenen Füße minder schmerzvoll hineinzuzwängen , und wenn der Wind den Mantel auseinanderschlug , sah man , wie die Gamaschen herabhingen oder völlig fehlten . Alles desolat . Ihre teils froststarren , teils längst erfrorenen Hände waren in Tuch- und Zeuglappen gewickelt , und von Waffen hatten sie nichts mehr als das Seitengewehr . Sie sahen nach Lewin hin und grüßten ihn artig , aber scheu . Nach dieser Infanterieabteilung kam Kavallerie , Kürassiere , zehn Mann oder zwölf , die Reste ganzer Regimenter . Sie waren in besserem Aufzug , hatten noch ihre weißen Mäntel , zum Teil auch noch die hohen Reiterstiefel , und trugen zum Zeichen , daß sie durch Mißgeschick und nicht durch Schuld ihre Pferde verloren hätten , die Sättel derselben über die eigenen Schultern gelegt . Einige hatten noch ihre Helme mit den langen Roßschweifen , und diese wider Willen herausfordernden Überbleibsel aus den Tagen ihres Glanzes gaben ihrer Erscheinung etwas besonders Grausiges . Den Schluß machte wieder Infanterie , die von einem am linken Flügel marschierenden Korporal in zerschlissener , aber noch vollständiger Equipierung geführt wurde . Es war ein großer , hagerer Mann mit schwarzem Kinnbart und tiefliegenden Augen , unverkennbar ein Südfranzose . Lewin faßte sich ein Herz , trat an ihn heran und sagte : » Vous venez ... « , aber die Stimme versagte ihm , und : » de la Russie « , ergänzte der Korporal , während er die Hand an den Czako legte . Im nächsten Augenblick war der Trupp vorüber , ein Leichenzug , der sich selber zu Grabe trug . Lewin sah ihm minutenlang nach , und Empfindungen , wie sie seine Seele nie gekannt , durchwühlten ihn . » Das sind sie , denen wir aufpassen und Fallen legen und die wir dann hinterrücks erschlagen sollen . Nein , Papa , das wäre schlimmer als den Schlaf morden , schlimmer als das Schlimmste . « Er hing seinen Gedanken noch eine Weile nach , dann wandte er sich wieder vorwärts , um das Rendezvous am Lichtenberger Weg zu erreichen . Aber er hielt bald wieder inne . Ein tiefes Mitleid überkam ihn , zugleich ein unendliches Verlangen , diesen Unglücklichen ein Rat , eine Hülfe zu sein , und Rendezvous und Schnatermann , Dahlwitzer Forst und Dachsgraben leichten Herzens aufgebend , beschloß er , wieder in die Stadt zurückzukehren . Der Vorsprung , den der kleine Trupp gewonnen hatte , war nicht groß , und schon am Ausgang der Frankfurter Linden holte er die letzte Sektion desselben wieder ein . Er sah hier , daß viel Volks um die einzelnen her war , beruhigte sich aber , als er wahrnahm , daß es meist Neugier und Teilnahme war , was sie begleitete . Nur einzelne Hassesworte wurden laut ; Hohn und Spott schwiegen . Er hielt sich deshalb zurück und folgte nur in einiger Entfernung dem Zuge , der erst über den Alexanderplatz in die Königsstraße , dann über den Schloßplatz in die Behrenstraße ging . Hier befand sich die französische Kommandantur , in deren großen Hof , nachdem man zuvor leise gepocht , diese Rückzugsavantgarde der ehemaligen » Großen Armee « eingelassen wurde . Die Menge draußen , die bald ermüdete , verlief sich in die Nachbarstraßen . Nur Lewin blieb . Er mochte eine Viertelstunde vor dem Hause auf und ab geschritten sein , als die große Portaltür sich von innen her öffnete und fünf von den weißmäntligen Kürassieren wieder auf die Straße traten . Die Sättel hatten sie in der Kommandantur zurückgelassen . Mit dem scharfen Auge , das die Not gibt , erkannten sie Lewin sofort wieder , traten an ihn heran und hielten ihm fragend und bittend die Quartierbillets entgegen , mit deren Inhalt sie nichts anzufangen wußten . Lewin las die Zettel , die sämtlich auf ein und dasselbe kasernenartige Haus am » Rondel « , wie damals noch der jetzige Belle-Alliance-Platz hieß , ausgestellt waren . » Suivez-moi « , sagte er und trat rechts neben den Vordersten . Sie folgten ruhig , ohne daß ein Wort gesprochen wurde . Als sie den Wilhelmsplatz fast schon passiert und den Eckpunkt erreicht hatten , wo die Statue Winterfeldts steht , hörten sie kriegerische Musik , die , wenn das Ohr nicht täuschte , vom Potsdamer Tor oder aus der Nähe desselben herkommen mußte . Lewin , solchen Klängen nicht gut widerstehend , setzte sich in ein schnelleres Marschtempo , hielt aber wieder inne , als er wahrnahm , daß es den ermüdeten Kürassieren schwer wurde , ihm zu folgen . Er wandte sich , wie um durch Freundlichkeit seinen Fehler wiedergutzumachen , an den unmittelbar neben ihm Gehenden und sagte , mit dem Finger nach der Richtung hinzeigend , von wo die Musik kam : » Entendez-vous ? « Und über die matten Züge des Angeredeten flog ein Lächeln , als er antwortete : » Ce sont des clairons français ! « Mittlerweile waren sie bis an die Ecke der Wilhelms- und Leipziger Straße gekommen und sahen vom Tore her , denn der Zug schien endlos , eine ganze französische Division im Anmarsch . Die Musik schwieg eben , wahrscheinlich um Atem zu schöpfen ; auf dem Bürgersteige aber , zu beiden Seiten der heranmarschierenden Kolonne , drängten sich dichte Volksmassen , ja waren teilweis weit voraus , um rascher nach dem Lustgarten zu kommen , wo , wie man wußte , Truppeneinzüge und andere militärische Schauspiele abzuschließen pflegten . Lewin samt seinen Schutzbefohlenen war unter einen Torweg getreten und konnte den lauten Äußerungen der dicht an ihm vorüberflutenden Menge mit Leichtigkeit entnehmen , daß es die von Italien her frisch eingetroffene Division Grenier sei , was da jetzt in allem militärischen Pomp die Leipziger Straße heraufkomme . Er hörte auch , daß General Augereau , der Gouverneur von Berlin , der Division bis Schöneberg entgegengeritten sei , um sie feierlich einzuholen und den Berlinern in beherzigenswerter Weise zu zeigen , daß der Kaiser nach wie vor unerschöpfte Hilfsquellen und trotz Moskau noch immer Armeen habe . Es waren immer dieselben Namen und Bemerkungen , die laut wurden ; jetzt aber schwieg alles , denn die Spitze der Kolonne , General Augereau selbst , war heran , ein großer , starker Mann mit Adlernase und durchdringendem Blick . Er trug die Uniform eines Marschalls von Frankreich . Die demontierten Kürassiere , als sie seiner ansichtig wurden , rückten sich zurecht , und einer , der ihn schon vom italienischen Feldzug her kannte , flüsterte den andern zu : » Voilà le Duc de Castiglione ! « Eine Suite von Ordonnanzoffizieren folgte unmittelbar , und erst als auch diese vorüber war , ließ sich die Front des an der Tête marschierenden Bataillons mit Deutlichkeit erkennen . Es war italienische junge Garde . Vorauf ein Tambourmajor , klein und mager , aber mit einem fuchsfarbenen Schnurrbart , der bis an die roten Epauletten reichte . Fünf Schritt hinter ihm ein riesiger Mohr , nur mit Kopf und Hals über die hochaufgeschnallte Regimentspauke hinwegragend , und neben demselben ein vierzehnjähriger Hornist , ein bildschöner , und wie sich leicht erkennen ließ , von allen Weibern verhätschelter Junge , der lachend und kokett seine weißen Zähne zeigte . Er trug ein kleines silbernes Clairon in der Rechten und sah nach den Fenstern hinauf , um wahrzunehmen , ob er auch beobachtet werde . Die Musik schwieg noch immer . Aber jetzt , keine dreißig Schritt mehr von der Wilhelmsstraßenecke entfernt , hob der Tambourmajor seinen Stock , warf ihn in die Luft und fing ihn wieder . Im selben Moment gab der Mohr einen Paukenschlag , und der kleine Hornist neben ihm setzte das silberne Horn an den Mund und schmetterte die Signale . Dann wieder ein Paukenschlag ; das Clairon schwieg , und die aus vierzig Mann oder mehr bestehende Regimentsmusik fiel ein . Im Geschwindschritt ging es vorüber ; Sappeurs folgten , dann Grenadiere , und unablässig liefen Kommandoworte die lange Reihe der Bataillone hinunter . Als Lewin sich nach seinen Gefährten umsah , standen sie abgewandt . Von ihrem alten Stolze war nichts übriggeblieben als die Scham über ihr Elend . Er wollte nicht sehen , was er nicht sehen sollte , und richtete deshalb sein Auge wieder auf die Kolonne , die jetzt mit dem letzten ihrer Bataillone defilierte . Erst als auch dieses vorüber war , legte er seine Hand leise auf die Schulter des ihm Zunächststehenden und sagte : » Eh bien , hâtons-nous ! « So schritten sie , ohne daß weiter ein Wort gesprochen worden wäre , die Wilhelmsstraße bis nach dem Rondel hinunter . Als sie eine Viertelstunde später hier schieden , stellten sich die fünf Weißmäntel wie in Reih und Glied nebeneinander und legten salutierend die Hand an den Korb ihres Pallasch . In ihrem Auge aber lag , was ein edles Herz am meisten erschüttert : der Dank des Unglücks . Dreizehntes Kapitel Ein Billet und ein Brief Und solche Gegensätze , wie sie Lewin an jenem Vormittage , der für ihn wenigstens die Schnatermannsche Jagdpartie scheitern sah , beobachtet hatte , brachte von da ab jeder Tag : durch die nordöstlichen Tore der Stadt zog das Elend , durch die westlichen der Glanz des Krieges herein . In den Straßen aber begegneten beide einander und sahen sich verwundert , oft beinahe feindselig an . » So waren wir « , sagten die finstern Blicke der einen , aber das entsprechende : » So werden wir sein « erlosch in dem Leichtsinn und der Eitelkeit der anderen . Unter den Berlinern , die nach ihrer Gewohnheit nicht leicht einen Truppeneinzug der einen oder anderen Art versäumten , nahm sich jeder aus diesem Gegensatz der Erscheinung das heraus , was ihm paßte , und auch in dem Kreise unserer Freunde , das Ladalinskische Haus mit eingeschlossen , gingen die Ansichten darüber weit auseinander , ob der in seinem schmutzigen , am Wachtfeuer halb verbrannten Mantel heranmarschierende Veteran oder der riesige , goldbetreßte und paukenschlagende Mohr des Grenierschen Corps als das richtigere Bild des Kaiserreiches anzusehen sei . Bninski , der mit Hilfe einer nach Polen hin lebhaft geführten Korrespondenz von den bedeutenden Truppenmassen unterrichtet war , die sich eben damals , unter dem Befehl des Vizekönigs , in den Weichselfestungen , im Warschauschen und Posenschen zusammenzogen , sah durch das Eintreffen frischer Divisionen aus dem Süden , von deren Existenz er selbst keine Ahnung gehabt hatte , nicht nur jede momentane Gefahr des Kaiserreichs beseitigt , sondern knüpfte auch an diese scheinbare Unerschöpflichkeit aller Hilfsquellen die weitgehendsten Hoffnungen , während andererseits Jürgaß , Hirschfeldt und von Meerheimb - besonders dieser letztere , der die totale Deroute vor Augen gehabt hatte - an ein Wiederaufgehen des Napoleonischen Sternes nicht glauben wollten . » Er mag neue Armeen aus der Erde stampfen « , sagte Meerheimb , » aber nicht solche , wie zwischen Smolensk und Moskau begraben liegen . « Lewin , unpolitisch und seiner ganzen Natur nach abhängig vom Moment , kam zu keiner bestimmten Überzeugung und sah das Kaiserreich sinken und sich wieder heben , je nach den heitern oder tristen Szenen , deren zufälliger Augenzeuge er sein durfte . Eine Woche war vergangen , wieder ohne Kastaliasitzung , was in der peinlichen Akkuratesse seinen Grund hatte , mit der seitens aller Mitglieder an ihrem » Dienstage « festgehalten wurde . Dieser letzte Dienstag aber hatte , mit Einrechnung der Gäste , so ziemlich den halben Kastaliabestand : Jürgaß , Bummcke , Tubal , dazu Hirschfeldt und Meerheimb nach Potsdam entführt , wo am darauffolgenden Tage die Konfirmation des Kronprinzen in der Schloßkapelle und daran anschließend ein Gottesdienst in der Garnisonkirche stattfinden sollte . Tubal machte den Ausflug in Begleitung seines Vaters , der eine direkte Einladung , der Feierlichkeit beizuwohnen , erhalten hatte . Auch die Gegenwart Kathinkas wäre dem Geheimrat erwünscht gewesen , war aber , zu sichtlichem Verdruß desselben , von der an selbständiges Handeln gewöhnten Tochter abgelehnt worden . Sie kannte nichts Ermüdenderes als Zeremonien , namentlich kirchliche , und zog es vor , » zu festlicher Begehung des Tages « sich für Mittwoch abend - an dem , zu später Stunde erst , die nach Potsdam hin Geladenen zurückerwartet wurden - bei der schönen Gräfin Matuschka anmelden zu lassen . Für den dann folgenden Donnerstag war seit Anfang der Woche schon eine kleine , nur den engsten Freundeskreis umfassende Reunion bei Ladalinskis festgesetzt , zu der selbstverständlich auch Lewin eine Einladung empfangen und angenommen hatte . Er durfte deshalb einigermaßen überrascht sein , am Morgen dieses Tages ein zierliches , in ein Dreieck zusammengefaltetes und mit blauem Lack gesiegeltes Billet nachstehenden Inhalts zu erhalten : » Lieber Lewin ! Ich glaubte Dich vorgestern oder gestern , wo Papa und Tubal in Potsdam waren , erwarten zu dürfen ; aber Du verwöhnst mich nicht durch Aufmerksamkeiten . Siehst Du Gespenster ? Sei nicht töricht , Lewin . Ich schreibe Dir , weil ich den Wunsch habe , Dir einen Morgengruß ins Haus zu schicken , und im übrigen nicht sicher bin , ob Du Deine Zusage für heute abend noch im Gedächtnis hast . Poeten sind vergeßlich ; Verse an mich hast Du schon längst vergessen . Kathinka v. L. « Lewin las zwei- , dreimal , sich die Worte wiederholend : » Siehst Du Gespenster ? « und » Sei nicht töricht , Lewin . « Es war ihm einen Augenblick , als schlösse sich ein tropischer , in berauschendem Dufte schwimmender Garten vor ihm auf und Kathinka , von einem Bosquet her , hinter dem sie sich versteckt gehalten , spränge ihm mit ausgebreiteten Armen entgegen und riefe ihm übermütig zu : » Schlechter Sucher , der du bist ! Warum konntest du mich nicht finden ? « Aber dann las er wieder : » Poeten sind vergeßlich ; Verse an mich hast Du längst vergessen « ; und er lachte bitter . » Dies ist der echte Ton , weil es der spöttische ist ! Was sind ihr Verse ? Oh , ich verstehe sie ganz . Ein glücklicher Liebhaber ist ihr nicht des Glückes genug , sie bedarf noch eines unglücklichen , um den Vollgeschmack des Glückes zu haben . Deshalb hält sie mich fest . Das ist die Rolle , die sie mir zudiktiert ! Folie für einen glänzenderen Stein . « Er wollte das Billet zerknittern und fühlte doch , daß ihm die Hand versagte . Eine weichere Stimmung überkam ihn , und er berührte die Stelle , die auf Augenblicke wenigstens neue Hoffnungen in ihm angefacht hatte , mit seinen Lippen . Dann faltete er das Blatt zusammen und steckte es zu sich . Es war ihm klar , daß die nächsten Stunden , wenn er sie an seinem Schreibtische zubrächte , doch für ihn verloren sein würden ; so brach er auf , um in der Stadt Zerstreuung zu suchen . Er fand sie rascher , als er erwarten durfte . An der Ecke des Rathauses standen Hunderte von Personen , um einen in französischer und deutscher Sprache abgefaßten