man hätte fast meinen sollen , es läge nur an der Verstimmung der Herzogin , daß die Anderen sich nicht in der früheren geistigen Freiheit bewegten , es bedürfe nur ihres guten Willens , um Alles wieder in das alte Geleise zu bringen ; denn daß nicht mehr Alles in dem guten alten Geleise stehe , daß etwas Besonderes , daß noch etwas Anderes , als der Streit mit dem Amtmanne und dessen bevorstehende Entlassung vorgefallen sei , daran zweifelte in der Herrschaft bald Niemand mehr . Aller der Leute , die , wie ihre Eltern auf den Gütern geboren und erzogen , ihre Welt in diesem engen Kreise hatten , begann sich dadurch eine Unsicherheit zu bemächtigen . Sie hatten stets den Glauben gehegt , daß sich bei ihnen in Richten nichts ändern könne und dürfe , und daß sich etwas geändert hatte , ohne daß sie sich zu erklären wußten , was sich geändert habe , steigerte ihr Unbehagen . Aber grade die Frau , welche an den mannigfachen Wandlungen in Schloß Richten und in dem Leben seiner Besitzer einen so großen und unheilvollen Antheil hatte , grade die Herzogin war am meisten betroffen über die Wendung , welche die Gedanken und Entschlüsse des Freiherrn genommen hatten ; und wenn sie davon auch nicht im Gemüthe angegriffen wurde , so nahm sie es doch mit einer Art von Schrecken wahr , daß die von ihr so fein gesponnenen und so geschickt verknüpften Fäden nicht das Gewebe bildeten , auf das sie es abgesehen , weil sie nicht genugsam in Betracht gezogen hatte , daß es sich mit Menschen nicht so sicher als mit todten Zahlen rechnen lasse und daß die Personen , welche sie als ihre Werkzeuge zu betrachten sich gewöhnt hatte , sich plötzlich erheben und sich zu einer Entscheidung aufraffen könnten , stark genug , alle Berechnungen und Erwartungen der planvollsten Voraussicht mit einem Schlage zu durchkreuzen . Das habe ich nicht gewollt ! sagte sich die Herzogin , als der Freiherr ihr vertraut hatte , was er in sich beschlossen , und mit diesem Ausrufe wälzte sie alle Verantwortung und Schuld von ihren Schultern auf die seinigen . Sie brauchte nicht einzustehen für das , was sie nicht bezweckt hatte . Sie hatte sich zerstreuen , sich unterhalten , ein wenig Einfluß auf ihre Freunde gewinnen wollen , sagte sie sich ; sie hatte die Baronin von ihrer deutschen Schwerlebigkeit zu heilen , den Freiherrn von der Herrschaft seiner allzu strengen Gattin zu befreien gewünscht ; sich selber und seinen alten , fröhlichen Gewohnheiten hatte sie ihn wiedergeben wollen , indem sie nebenbei sich und ihrem Bruder das Leben in der Einsamkeit so gut es ging erheiterte , und plötzlich hatte die stolze Ueberspanntheit des Freiherrn alles Maß und Ziel so völlig überschritten , daß die Herzogin sich mit einem Male zur Zeugin und zur Vertrauten eines ehelichen Zwiespaltes auserkoren fand , der schwer und tief genug war , um selbst eine Frau wie sie mit ernstem Erschrecken zu erfüllen . Sie konnte dies dem Freiherrn nicht verzeihen , denn er ganz allein und Niemand sonst trug nach ihrer Meinung die Schuld des Unheils . Sie nannte es unverantwortlich von ihm , daß er der Baronin nicht die Hand bot , um über eine Schwäche , über einen kleinen verzeihlichen Herzensirrscham fortzukommen ; und wie natürlich , wendete ihre ganze Theilnahme sich unter diesen Verhältnissen der Verkannten , der Leidenden , der Baronin zu . Es blieb der Herzogin in diesem Augenblicke auch keine andere Wahl , wenn sie sich nicht der ihr zur anderen Natur gewordenen Einmischung in fremde Angelegenheiten für die nächste Zeit enthalten wollte ; und der Caplan hatte Recht gehabt mit seinem Worte : sie kann nicht rasten und nicht ruhen ! - Die müßige Herrschsucht , das eitle Bedürfniß nach immer neuer scheinbarer Thätigkeit , die Lust , sich an fremden Empfindungen zu ergötzen , waren unersättlich und ohne Rast in der kalten , selbstsüchtigen , mit unruhiger Phantasie begabten Frau , und sie wurden nur von dem dreisten Selbstbetruge übertroffen , mit dem sie sich in eine neue Rolle zu versetzen wußte , so oft die alte ihr beschwerlich oder unhaltbar für sie zu werden anfing . Seit Jahren hatte sie den Caplan gemieden , weil er der Mißbilligung kein Hehl gehabt hatte , mit der er ihr Treiben und ihren Einfluß auf den Freiherrn und auf Angelika verfolgte , und sie war seit lange bestrebt gewesen , ihn in der guten Meinung des freiherrlichen Paares zu entwurzeln , ja , ihn zu entfernen . Jetzt schien sie dies völlig vergessen zu haben . Sogar der Gedanke , daß der würdige Mann sie und ihr frevelhaftes Spiel mit der Wohlfahrt ihrer Gastfreunde durchschaut habe und daß er es verdamme , hielt sie nicht ab , sich an ihn und seinen Beistand zu wenden , sobald sie seiner zu bedürfen glaubte ; denn wie alle Selbstsüchtigen , besaß sie das festeste Vertrauen in die Selbstlosigkeit der Anderen und jenen Hochmuth , der für alles gethane Uebel schnelle Vergessenheit , für jeden neuen Einfall Zustimmung und Beistand zu finden erwartet , wenn demselben nur der Anschein eines edeln Zweckes anzudichten ist . Der Caplan erkannte und durchschaute dies Alles ; aber in der Gefahr , in welcher seine Freunde sich befanden , glaubte er sich jedes Mittels bediene , zu müssen , das eine Hülfe zu bieten schien , obschon seine Hoffnung auf ein Gelingen und sein Glaube an die Möglichkeit , die Ehe des Freiherrn herzustellen , nur gering waren . Angelika war keine thatkräftige und war doch dabei eine stolze Natur . So lange sie sich berechtigt geglaubt hatte , mit ihrer ungetheilten Liebe die Liebe ihres Gatten , die er ihr zugeschworen , zu verdienen , so lange ihr reines Gewissen seine volle Achtung fordern konnte , hatte sie den Muth gehabt , dem Freiherrn in den Zeiten seiner geistigen Bedrängniß zu Hülfe zu kommen , und es hatte sie über sich selbst hinausgehoben , daß sie zu trösten , zu verzeihen , daß sie herzustellen vermochte . Seit sie sich schuldig glaubte , sich schuldiger fühlte , als sie war , hatte eine Verzagtheit sie erfaßt , gegen welche der Caplan vergebens angekämpft , da er andererseits genöthigt gewesen war , Angelika mit ernster Strenge vor der Nachgiebigkeit gegen ihre Schwäche zu warnen , welche in den Lehren und Unterhaltungen der Herzogin immer neue Nahrung und Beschönigung gefunden hatte . Wer aber , wie Angelika , wahrhaften Sinnes und also eigentlich nicht geneigt ist , sich zu betrügen , wer sich selber seine Fehler zu Herzen nimmt und sie sich schwer verzeiht , weil er den Anspruch der Würdigkeit an sich macht , der fühlt auch die Verzeihung der Andern nicht als eine Wohlthat , sondern als eine Demüthigung , unter deren Last er sich nicht leicht erhebt ; und wie furchtbar das übereilte Verdammungs-Urtheil ihres Gatten Angelika auch traf , es lag darin ein Etwas , das ihr willkommen war , das ihrem eigenen Empfinden , ihrem in diesem Falle übertriebenen Gerechtigkeitsgefühl entsprach . Hätte der Freiherr sich dazu verstanden , sie über ihre Neigung für Herbert aufzuklären , hätte er sie liebevoll zu sich gezogen , so würde sie sich bestrebt haben , zu vergessen , und bemüht gewesen sein , die Liebe und das Wohlgefallen ihres Gatten wieder zu erringen . Aber der Freiherr hatte die Wahrheit gesprochen , als er gegen den Caplan behauptet , daß er eigentlich niemals eine wirkliche Liebe für Angelika gefühlt habe , und er hatte es , für sich eingenommen wie er war , ihr durch alle die Jahre nicht vergessen , daß sie ihn schwach gesehen und daß sie ihm einmal in Gegenwart des Geistlichen ihr einstiges inneres Mißfallen an seiner Person erklärt hatte . Jetzt sich von Angelika im Angesichte der Herzogin einen jüngeren , einen Mann geringeren Standes vorgezogen zu sehen , von seinem Weibe das Geständniß hören zu müssen , daß sie einen Anderen liebe , das waren Kränkungen gewesen , die er nicht verzeihen und von denen er sich nur durch eine That befreien konnte , mit welcher er seine Selbstherrlichkeit vor sich selber , vor Angelika und vor den Augen der Herzogin , ein für alle Mal feststellte . Er hatte dabei keinen großen Widerstand in sich zu überwinden , denn wo der Stolz und die Eitelkeit in einem Menschen die Oberhand behaupten , werden vor denselben alle anderen Empfindungen und Rücksichten leicht zum Schweigen gebracht , und der unausgesetzte Verkehr mit der älteren , ihm beständig schmeichelnden und der Baronin geistig überlegenen Freundin hatte ihn seit lange gleichgültiger gegen Angelika und selbst gegen ihre körperliche Schönheit gemacht , als er es sonst wahrscheinlich geworden sein würde . Er brachte also kein schweres Opfer , er gab keine ihm unentbehrlich gewordene Gemeinschaft auf , als er sich von Angelika entfernte , und er fand mit dieser Entsagung dasjenige für sich wieder , was ein Mann von seiner Art am wenigsten entbehren kann , was er am höchsten schätzte : persönliche Befriedigung und das Wohlgefallen an sich selbst und an seiner Machtvollkommenheit . Anders jedoch stand es um die Baronin . Der gewaltsame Entschluß ihres Gemahls gab ihr ein Recht , sich unglücklich zu fühlen , und da sie , wie Jeder , das Verlangen in sich trug , eine Folgerichtigkeit zwischen ihrem Erleiden und ihrem Verschulden zu entdecken , so überließ sie sich unwillkürlich ihren Gedanken an die entbehrte Liebe , und ihrem Schmerze um Herbert mit solcher Heftigkeit , daß sich eben an dieser heftigen Leidenschaft ihr krankhaftes Schuldbewußtsein bis zu jener Höhe steigerte , welche sich bereitwillig zu jeder Buße zeigt und eine schwärmerische Wollust in dem Leiden , in dem völligen Verzichten findet . An der Selbstzufriedenheit des Freiherrn , an der Wollust , mit welcher seine Gattin sich verdammte , scheiterten die Versuche , welche der Caplan zu der Vereinigung der Getrennten unternahm . Der Freiherr gefiel sich überaus darin , den Geistlichen sowohl als die Herzogin von der Festigkeit seiner Entschlüsse und seines Charakters wie von seinem strengen Ehrbegriffe zu überzeugen . Aus der Mühe , welche sich der Eine und die Andere , jeder auf seine Weise , mit seiner Bekehrung gaben , ersah er mit Vergnügen die Wichtigkeit , die sie ihm und seinem Schicksale beilegten ; und die Nothwendigkeit , in den oft und in verschiedenster Weise wiederkehrenden Gesprächen über diesen Gegenstand seine Gründe den Gründen seiner Freunde entgegen zu stellen , bestärkte ihn in seinen Ueberzeugungen wie in seinem Vorsatze . Hochgehobenen Hauptes und heiterer Stirn aufzutreten , wenn er Alles um sich her gebeugt sah , war ihm ein durch nichts Anderes zu ersetzender Genuß ; und mit einem Lächeln der Ueberlegenheit ermahnte er die Baronin wie seine Freunde , innere Erlebnisse nicht zur Schau zu tragen , ihre Mienen und ihre Stimmung nicht zu Verräthern an sich werden zu lassen und den Lauf des ruhigen täglichen Lebens nicht zu unterbrechen , weil man mit sich selber etwas abzumachen habe . Ueberlassen wir es den Steinerts , sagte er gelegentlich , von sich , von ihrem Schicksale und von Eva ' s Herzensgeschichte auf zehn Meilen in der Runde sprechen und sich loben oder tadeln und beklagen zu lassen , je nach dem Belieben Anderer . Man muß sich unnahbar machen , wenn man unangetastet bleiben will , und mich dünkt , mit sehr geringer Selbstbeherrschung könnte die Baronin , mit etwas Achtung vor meinem berechtigten Verlangen könnte der Caplan und könnten Sie , meine theure Margarethe , das Vergangene , wie ich , auf sich beruhen lassen und mir die Unannehmlichkeit ersparen , mein und meines Hauses Leben von der Neugier meiner Leute unnöthig berührt zu sehen . Das waren Empfindungen und ein Stolz , welche die Herzogin vollkommen begriff und würdigte . Sie stimmte mit der Ansicht des Freiherrn überein , daß es für den Adel jetzt doppelt geboten sei , sich in ungebrochener Würdigkeit , im Vollbesitze aller seiner Standesehren und Vorrechte vor dem niederen Volke zu behaupten , und sie konnte bei der unverhohlenen Kälte und Entfremdung , mit welcher Angelika ihr seit den letzten Ereignissen begegnete , überhaupt nicht lange im Zweifel darüber bleiben , nach welcher Seite sie sich zu ihrem eigenen Besten wenden müsse . Lange Zeit die Rolle der Trösterin , der Versöhnerin zu spielen , während die Baronin sich ihrem Troste unzugänglich zeigte und der Freiherr gegenüber ihren vermittelnden Bestrebungen seine Ueberzeugung aufrecht erhielt , wäre dem auf Erfolg gestellten Wesen der Herzogin ohnehin nicht möglich gewesen . Eine Ausgleichung aber , ein Verständniß können sich nicht herstellen , wo eigenwilliger Stolz in dem Menschen mächtiger als die verständnißvolle Liebe ist und wo eine wahrhafte Annäherung schon durch das absichtliche Dazwischentreten übelwollender Personen nicht zu Stande kommen kann . Von gleichem Stolze beseelt und fortgerissen wie ihr Gatte , gewann es daher die Baronin auch endlich über sich , es seinem Auge zu verbergen , wie unglücklich sie sei , wie unglücklich es sie mache , sich von ihm verstoßen zu wissen . Sie gewann es über sich , jene Ruhe an den Tag zu legen , in welcher der Freiherr sich zeigte , in der er seine ganze Umgebung zu sehen begehrte , eine Ruhe , die sie zu fühlen weit entfernt war und deren Anschein , obschon er sich ' s nicht eingestand , den Freiherrn nur noch fester in dem Glauben werden ließ , daß er sich in Angelika getäuscht , daß sie ihn nie geliebt und daß er in ihr nie das Herz besessen habe , welches ihn zu beglücken , ihm zu genügen fähig gewesen wäre . Allen weiteren Belästigungen und Erörterungen zu entgehen , hatte der Freiherr bald nach seiner heimlichen Trennung von Angelika eine Einladung zu den großen Jagden angenommen , welche einer der Prinzen auf seinen Gütern um diese Zeit veranstaltete , und war erst kurz vor den Weihnachtstagen , und zwar in Begleitung verschiedener Gäste , wieder in das Schloß zurückgekehrt . Das Weihnachtsfest wurde mit gewohnter Freigebigkeit und Gastlichkeit begangen ; die Gäste sollten bis über das Neujahr im Schlosse verweilen . Befehlen der gnädige Herr , daß morgen der große Saal geöffnet und die Leute angenommen werden sollen ? erkundigte sich am Sylvestertage der Haushofmeister , als der Freiherr ihn rufen lassen , um ihm einen Auftrag zu ertheilen . Wie anders ? antwortete dieser . Der Haushofmeister verneigte sich und ging davon . Es war das erste Mal , daß er diese Frage für nöthig erachtet hatte , das erste Mal auch , daß der Freiherr sich den Glückwünschen seiner Leute gern entzogen hätte . Aber es befanden sich im Schlosse unter den Gästen mehrere Personen , welche in manchem früheren Jahre Zeugen dieser herrschaftlichen Ceremonie gewesen waren , und der Freiherr hielt es für angemessen , von einem alten Herkommen nicht abzulassen . Der Ahnensaal zu ebener Erde war ein schöner Raum . In den beiden großen Kaminen an seinem oberen und unteren Ende brannten am Neujahrsmorgen helle Feuer , und die Sonne , welche draußen den Schnee funkeln und die dicken Fransen des Rauhreifs an den Aesten der Bäume glitzern machte , schien so hell in den Saal hinein , als wolle sie die brennenden Feuer unsichtbar machen und beschämen . Die lange Reihe der Ahnenbilder war sorgfältig abgestäubt worden , man hatte die Teppiche vor den gradlehnigen Canapee ' s über den Fußboden gebreitet , der Haushofmeister ließ auf dem schweren Marmortische die alterthümlichen Geräthschaften auftragen , deren man sich , seit die Baronin Angelika im Schlosse lebte , am Neujahrstage zu bedienen pflegte . Man nannte diesen Empfang im Ahnensaale das Familien-Frühstück , weil man dann die Mahlzeit beim Beginne des neuen Jahres gleichsam unter den Augen des ganzen hingegangenen Geschlechtes einnahm und die sämmtlichen Beamten der Herrschaft mit einem Imbiß bewirthete . Während der Haushofmeister die silbernen Kuchenschalen und die Flaschen des süßen spanischen Weines kunstgerecht ordnete , kam des Freiherrn Secretär dazu . Seht nur zum Rechten , sagte er , der Herr ist heute übler Laune ! - Der Andere meinte , das sei jetzt nichts Seltenes . Doch mit Unterschied , bemerkte der Secretär ; heute ist ' s besonders schlimm ! - Als der Haushofmeister zu wissen wünschte , was denn vorgefallen sei , ließ der Secretär sich erst eine Weile nöthigen , dann sagte er : Es sind heute unter den Sachen , die der Bote von der Post geholt hat , Briefe gekommen , die haben es gethan . Der Jude , welcher des Herrn Geldgeschäfte macht , kündigt ihm die vierzigtausend Thaler auf Rothenfeld , und es muß auch mit dem vertrackten Marquis wieder etwas vorgefallen sein , was mit den Geldangelegenheiten zusammenhängt . Ich sah große Zahlen und Berechnungen in dem Briefe , obschon der Herr ihn seitwärts hielt . Als er ihn zweimal gelesen hatte , steckte er ihn ein , aber seine üble Laune hatte er weg , denn - von Flies zu fordern haben wir schon lange nichts mehr ! Und dazu wieder die großen silbernen Toiletten , welche jetzt zu Weihnachten nach dem Muster der alten Waschgeräthschaften , die vor ein paar Jahren angeschafft wurden , für unsere gnädige Frau und für die Herzogin gemacht worden und angekommen sind ! bemerkte kopfschüttelnd der Haushofmeister . Mich soll ' s wundern , wann die Herzogin einmal zu wünschen aufhören wird . Ewig kann das ja nicht dauern ! Freilich ! Es geht Alles einmal zu Grunde in dieser wandelbaren Welt ; aber après nous le déluge ! Und wenn ' s denn nur immer bei dem après nous bleiben wollte , versetzte der Secretär , welcher sich die Schlagworte angeeignet hatte , deren er die Herrschaften sich bedienen hörte . Er fuhr indeß erschrocken zurück , als in dem Augenblicke der Kammerdiener die Thürvorhänge aufhob und die ganze Gesellschaft , voran der Freiherr , die Herzogin am Arme , in den Saal eintrat . Sie hatten beide das Wort gehört , und unwillkürlich sagte der Freiherr zu sich selbst : Welch ein Anruf ist das ! - Auch Angelika , deren übles Aussehen Allen auffiel , sah nach dem Secretär hinüber und ihre Mienen zuckten leise zusammen . Ihre Schwäche fing an , ihr oftmals die Herrschaft über sich zu rauben . Die Frauen nahmen auf dem Canapee ihre Plätze , die Männer , der Freiherr in ihrer Mitte , standen in einer Gruppe in ihrer Nähe , als man meldete , daß der Pfarrer mit seiner Frau , der Amtmann mit seiner Schwester angekommen wären . Der Freiherr ging dem Geistlichen ein paar Schritte entgegen , reichte ihm und der Pfarrerin die Hand und hieß sie willkommen , als sie ihm ihre Glückwünsche aussprachen . Er schien Adam und seine Schwester nicht zu sehen , und doch hatten sie ihr Bestes gethan , sich heute bemerklich zu machen und es zu beweisen , daß sie nicht in Sorgen , sondern guten Muthes in das neue Jahr hinübergingen . Der Amtmann hatte den Haarbeutel abgelegt und sich , wie Herbert das schon lange gethan , nach der neuen französischen Mode gekleidet . Auch Eva hatte die ländliche Dormeuse abgenommen und trug ihr schönes , braunes Haar , wie Herbert dieses liebte , frei um Gesicht und Rücken niederfließend . Sie sah auffallend hübsch aus , und die Blicke der männlichen Gäste richteten sich auf sie , als sie sich der Baronin näherte , ihr die Hand zu küssen , während der Amtmann noch immer da stand , erwartend , ob der Freiherr es endlich für angemessen finden werde , seine Gegenwart zu bemerken , ob er endlich die geflissentliche und sehr gnädige Unterhaltung mit dem Pfarrer unterbrechen werde . Adam fand den Freiherrn in den letzten Monaten wesentlich älter geworden , und wie er so von ihm hinaufsah nach dem verstorbenen Herrn und dann zu Renatus hin , der zwischen den Knieen des Caplans stand , konnte er sich eines Seufzers nicht erwehren ; aber dieser Seufzer galt nicht dem eigenen Geschicke . Wer wird künftig für sie schaffen , wie wir ' s gethan ? dachte er , und er fühlte den Groll , den er seit seinem Zusammenstoße mit dem Freiherrn gegen ihn gehegt , in seinem treuen , festen Herzen schwinden , da er sich baldiger Freiheit sicher und seinen Stern im Steigen wußte , während die Sorge seinem bisherigen Herrn immer näher rückte , daß er sie kaum noch von sich weisen konnte . Plötzlich , als habe der Seufzer des Amtmanns ihn erst aufmerksam auf ihn gemacht , wendete er sich zu ihm und sagte : Ich dachte , Er wäre auf ' s Güterkaufen aus ! Diese Anrede hatte Adam nicht erwartet , aber da er den Freiherrn kannte , erschreckte sie ihn mehr als sie ihn kränkte . Was muß ihm geschehen sein , daß er sich so vergessen kann ? dachte er , und gutherzig und nachsichtig wie ein Glücklicher , sagte er : Da ich nach meinem Abkommen mit dem gnädigen Herrn noch bis zum Herbste in seinem Dienste bleibe , konnte ich ja nicht ohne Urlaub fort , und hätte mich nicht unterfangen , den Herrschaften am letzten Neujahr meinen Glückwunsch schuldig zu bleiben . Möge es den Herrschaften so wohl gehen , als wir es von je mit ihnen und ihrem Dienste gemeint ! Adam war bewegt , und der Freiherr hörte das . Aber da er verstimmt und gereizt war , klang selbst der gute Wunsch ihm wie ein Vorwurf , und fast widerwillig sprach er sein kurzes : Ich danke , ich danke Ihm ! zu seinem Untergebenen aus , der dies nicht lange mehr bleiben sollte . Er konnte den Ton gegen ihn nicht mehr finden , seit er Adam nicht mehr ganz zu ihm gehörend wußte , und er zwang sich zu der Frage , was Adam denn für Plane habe , weil diese Frage eine Verzeihung und ein Anerkenntniß in sich schloß . Ich habe ein Angebot auf Marienau gethan . Ich kenne das Gut genau , und der Besitzer kann es nicht mehr halten , sagte Adam . Ich weiß , ich weiß ! rief der Freiherr und wendete sich kurz und hastig von dem Amtmanne ab . Die Vorstellung , einen alten Lebensgenossen aus seiner Nähe scheiden , einen alten Edelmann von dessen Hause auswandern zu sehen und dafür einen Menschen niedern Standes , ja , seinen eigenen Amtmann zum Grenznachbar zu bekommen , die Steinerts sich einnisten zu sehen , wo die Herren von Raven seit langen Jahren fest und wohl gesessen hatten , war dem Freiherrn gar zu widerwärtig . Es kamen ihm seit diesem Morgen nichts als unangenehme Neuigkeiten zu . Aber noch empfindlicher , als der Freiherr durch das Zusammentreffen mit dem Bruder , fühlte sich Angelika durch die Begegnung mit der Schwester berührt . Sie hatte Eva nicht wiedergesehen seit dem Tage , an welchem sie die Verse in Herbert ' s Pult gelegt , und die heiße Röthe der Scham übergoß ihr bleiches Antlitz , als sie Eva vor sich hintreten sah . Das war also das Mädchen , welches der Mann sich erwählt hatte , den sie liebte , um dessentwillen sie mit sich selbst und mit ihren Pflichten zerfallen war , das Mädchen , welches Herbert ihr , der Gräfin Berka , der Baronin von Arten , der hochgebornen edlen Frau , vorgezogen hatte ! Und mitten in der Pein dieser qualvollen Empfindung erkannte die Baronin in dem großen Medaillon , mit welchem Eva ihr weißes Busentuch über der Brust zusammengenestelt hatte , Herbert ' s sprechend ähnliches Portrait , welches eben heute anzulegen sie sich trotz der Abmahnung des Bruders nicht hatte versagen mögen . Eva sah die Bewegung der Baronin , und ein Lächeln der befriedigten Eitelkeit flog über ihre vollen Lippen , als sie sich niederbückte , um , wie sie das sonst gethan , die Hand der Gutsherrin zu küssen . Aber jenes siegreiche Lächeln war Angelika nicht entgangen ; sie zog die Hand zurück , und mit einer Härte und Bitterkeit , die Niemand je von ihr gehört hatte , sagte sie : Laß ' Sie es gut sein , ich kann die Heuchelei nicht leiden und ich kann Ihr nicht helfen ! Der Zorn der Baronin zeigte dem jungen Mädchen , wie mit hellem Lichte , sein ganzes Glück in vollem Glanze , und mit dem Worte schnell wie immer bei der Hand , während sie sich auch von Eifersucht ergriffen fühlte , entgegnete sie , der unverdienten Abweisung mit Freuden trotzend : Ich verlangte ja nichts , ich habe ja Alles , was ich wünsche , gnädige Frau ! Unverschämte ! stieß die Baronin hervor und wendete ihr , bebend vor Zorn , den Rücken . Niemand hatte die Worte gehört , welche die Baronin mit der Schwester ihres Amtmanns gewechselt , aber der Zorn der Ersteren , das Siegesgefühl in den strahlenden Augen der Letzteren blieben nicht unbemerkt , und die Herzogin sowohl als der Freiherr und Adam wußten sich den Vorgang zu erklären , der , wie verschieden die Lebenslage der beiden Frauen auch war , hier das Weib dem Weibe in seiner natürlichen Leidenschaft gegenüber gestellt hatte . Es war der erste Neujahrsmorgen , an dem es dem Freiherrn und seiner Gattin nicht wohl in ihrem Hause wurde , nicht frei unter ihren Leuten zu Muthe war , und an dem sie in den Mienen ihrer Umgebung spähten , weil sie nicht mehr die alte , unbedingte Sicherheit besaßen , nur auf Liebe und auf freie , verehrende Ergebenheit zu stoßen . Dem Baron war die Nähe des Amtmanns , der sich schon als eigner Herr fühlte , lästig , und die brieflichen Mittheilungen des Juweliers lagen ihm schwer im Sinne ; Angelika fand sich durch Eva ' s Anwesenheit beleidigt , und erniedrigt durch das Bewußtsein , sich vor ihr verrathen , sich ihr gleichgestellt zu haben , während beiden Gatten die unverkennbar neugierige Aufmerksamkeit ihrer Dienerschaft eben so wie die ängstliche Zurückhaltung des Pfarrers und der übrigen Beamten auffiel . Die Leute wagten sich nicht wie sonst heran , sie sprachen ihre Wünsche nicht so herzlich und offen wie früher aus , und der Pfarrer hatte nicht mehr seine altgewohnte Anrede vernehmen lassen , daß Alles hier zu Lande bleiben möge , wie es bisher gewesen , weil es so am besten sei . Er und die Pfarrerin blickten immer nur ängstlich nach dem Amtmanne und nach dessen Schwester ; auch die Wirthschafter und der Justitiarius hielten sich zu den Steinerts , so gut sie konnten . Die Amtskinder , wie man Adam und Eva in ihrer Jugend genannt hatte , waren der Gegenstand der allgemeinen Theilnahme ; auf die Herrschaften sah man in der Besorgniß , was sie den Steinerts thun würden , was es mit diesen geben könne , und selbst aus den Worten der ergebenen Gratulation glaubte der Freiherr einen Vorwurf gegen sich und ein Mißtrauen in die Zusicherung des Wohlwollens und der Geneigtheit herauszuhören , welche er , nach alter Sitte und Gewohnheit , den im Dienste Befindlichen und Verbleibenden versprach . Was half diese Zusage des Freiherrn ihnen auch im Grunde ? Man wußte nicht , wer an Adam ' s Stelle kommen würde , und das Wohlbehagen und Wohlergehen jedes Einzelnen hing vor Allem von dem guten Willen und der Rechtschaffenheit des Amtmanns ab . Was man an den Steinerts gehabt hatte , das war Jedermann bekannt ; was kommen konnte , war nicht zu berechnen , und das versicherten die Verwalter und Wirthschafter jetzt Jedem , der es hören wollte , wie sie es sich unter einander längst gesagt hatten : wenn jetzt nicht ein eben so tüchtiger und rechtschaffener Amtmann in die Herrschaft käme , wie Adam Steinert es gewesen , so wäre kein Durchhalten möglich , und man würde etwas erleben , auch wenn sie selber , wie bisher , gewissenhaft das Ihrige thäten . Das Mißtrauen , die Unzufriedenheit , der Zweifel schwebten wie eine ansteckende Krankheit in der Luft . Niemand sah sie , Jeder fühlte sich von ihrem beängstigenden Hauche ergriffen , und wie lustig lodernd die Feuer in dem Saale auch brannten und wie hell die Sonne auch die lange Reihe der Ahnenbilder beleuchtete , es wurde Niemandem wohl bei diesem Neujahrs-Frühstücke ; selbst Renatus machte die Bemerkung , daß die Großeltern und die Urgroßeltern auf den Bildern , wenn die Sonne so darauf scheine , ganz verdrießlich auf die Menschen niederblickten . Der Wein schmeckte heute den Leuten lange nicht so gut als sonst , und die Pfarrerin fand , daß die Kuchen , welche Eva zum Feste in die Pfarre gesandt hatte , weit besser wären , als die im Schlosse aufgetragenen . Ihr Mann bemerkte , daß der Herr Caplan gealtert , sehr gealtert habe , daß auch der Freiherr , obschon er stärker werde , nicht mehr so gut aussehe , als noch vor wenig Monaten , und nun gar die Frau Baronin ! - Er schüttelte den Kopf und faltete die Hände . Was der am Herzen nagte , darüber konnte man ja nicht im Zweifel sein . Wie mochte die sich an einem solchen Feiertage manchmal nach dem reinen Worte Gottes und nach den Eltern und Geschwistern sehnen ! Es war Allen leichter um das Herz , nachdem dieses Neujahrs-Frühstück erst vorüber war . Sonst hatte man sich darauf gefreut , heute hatte man es gefürchtet , und selbst der Freiherr nannte es heute in seinem Herzen eine leere , lästige Ceremonie , die er künftig abzustellen meinte . Es war die erste Gewohnheit , das erste Herkommen seines Hauses , auf das zu verzichten er sich selbst gedrungen fühlte . Zweites Capitel Das Jahr , welches dem Freiherrn unter schlechten Auspicien angebrochen war , bewies sich in